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Hilfe, meine Mikrowelle versteht mich nicht – wie uns der Alltag überfordert Der Alltag wird immer komplizierter, die Welt wird unbedienbar. Mit ihrem ironisch-verzweifelten Aufschrei spricht Sibylle Herbert allen Kunden und Usern aus der Seele – und zeigt auf, wie wir uns die Zumutungen unserer Zeit mit einfachen Tricks vom Leibe halten können. Wieso schafft man es nicht, die Uhrzeit an der neuen Hightech-Mikrowelle einzustellen? Jeder verzweifelt für sich allein. An der Paketstation, im Parkhaus oder an PINs und TANs. Doch Millionen andere um uns herum verzweifeln ebenso. Digitalkameras, Navis, Mobiltelefone, MP3-Player, Fernseher, Radiowecker, Kochherde, Waschmaschinen, Kinderspielzeug, Fahrkartenautomaten, Computer, die Welt des Internet – alles wird komplizierter. Wir müssen uns auf völlig undurchsichtigen Märkten zurechtfinden, mit Hotlines verhandeln und schauen, dass wir in der virtuellen computerisierten Lebenswelt nicht verloren gehen. Kellner, Bankangestellter, Schaffner, Kassierer, Techniker, Softwareexperte, Tankwart, Einzelhandelskaufmann, Paketbote, Reiseberater – wir haben unzählige Jobs. Aber wir haben kein ordentliches Anstellungsverhältnis in der Post-Bahn-Peek&Cloppenburg-TUI-Real-Ikea-JET-Vapiano-Starbucks-Deutsche-Bank-Lufthansa-Telekom-Welt. Kein Wunder, dass 24 Stunden nicht mehr reichen, um all das zu managen, was zu unserem Alltag gehört. Sibylle Herbert zeigt, wie Experten versuchen, »Benutzerschnittstellen« zu optimieren, und stellt sich einem Selbstversuch in einem »Usability-Labor«. Sie verrät, wie man dem alltäglichen Minuten-Diebstahl ein Schnippchen schlägt, wie man einen neuen Fernseher kauft, ohne von Plasma, LCD, FULL-HD, HD Ready, DVBT eine Ahnung zu haben – oder, wie man sein Auto aus dem Parkhaus befreit, obwohl der Automat 22.000 Euro für eine Stunde Parken verlangt.
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Seitenzahl: 245
Veröffentlichungsjahr: 2009
» Einleitung
» Buch lesen
» Über das Buch
» Über die Autorin
» Impressum
Inhalt
Einleitung: Bei einem Glas Champagner
Überforderung
Die Welt der tausend unbezahlten Jobs
Lost im Parkhaus
Ich bin Passwörter, Pins und Tans
Früher nannte man es Fernsehen
Alles ganz normal – das Zeitalter der Überforderung
Bedienbarkeit
Die Physik eines Durchlauferhitzers
Der programmierte Frust
Schraub & Co
Ein PC auf vier Rädern
Abenteuer Mikrowelle
Vier Wege zu einer Fahrkarte
Über Daus und Deps – der Crash zwischen Mensch und Maschine
Service
Fernsehen mit Atemübungen
Strom lekker dereguliert
Integrierter Wahl-Selbstbehalt-BonusLine-Krankenkassentarif
Loop, Airbag oder Relax fürs Handy?
Drücken Sie bitte die Eins
Mit oder ohne Rüschen? – Die Zweiklassengesellschaft im Alltag
Nicht wir sind blöd … Elf Tipps für den Alltag
Dank
Literatur
Einleitung:
Bei einem Glas Champagner
»Die Lage ist misslich, aber nicht hoffnungslos. Eine Frau liegt in der Badewanne, da bricht plötzlich das Bücherregal zusammen und begräbt sie unter sich …«
Die Champagnerflasche steht auf dem Tisch. Der Korken knallt, weil ein Buch fertig geworden ist; der Titel: »In der Badewanne«. Die Autorin, ein Gast, zwei Lektoren und zwei weitere Verlagskollegen sitzen zusammen. Mit ein paar Sätzen erklärt die Autorin den Inhalt ihres Romans: »Die Badewanne ist ein guter Ort, um eine Bilanz des Lebens zu ziehen. Zumal wenn man eingeklemmt ist und die Putzfrau nicht kommen wird, um einen zu retten. Sie ist ebenso plötzlich krank geworden wie das Regal zusammenbricht.«
»Haben Sie die Geschichte erfunden oder selbst schmerzhafte Erfahrungen mit zusammenbrechenden Regalen gemacht?«, fragt der Gast.
»Schon ausgedacht«, ist die Antwort, »aber wer ist nicht schon gescheitert an Do-it-yourself-Regalen und Küchen Marke Eigenbau?«
Alle nicken in der Runde. Jeder hat sich schon einmal als Schreiner, Installateur oder Softwareexperte versucht … und ist dabei schier verzweifelt. Selbermachen – das weckt Assoziationen. Der Roman tritt in den Hintergrund, jeder erzählt Abenteuer aus seinem Alltag: von dem Versuch, online Theaterkarten zu bestellen, über das Vergnügen, ein neues Telefon zu kaufen oder besser noch zu installieren, bis hin zu dem Unterfangen, den DVD-Rekorder in Gang zu setzen.
Die sechs klagen über ihren komplizierten Alltag, dem sie sich teilweise nicht mehr gewachsen fühlen:
»Wenn es nur die Selbstbaumöbel wären … Gestern war ich bei Freunden. Die wollten uns – ganz stolz – auf ihrem neuen Flachbildfernseher Fotos aus dem Urlaub zeigen. USB-Stick rein in die Buchse … aber so einfach war das nicht. Zwei Stunden haben wir dort gesessen und es nicht geschafft, die Bilder auf den Bildschirm zu bringen. Vier intelligente Leute sind an dem blöden Hightechgerät gescheitert. Voller Wehmut dachte ich an die Diaprojektoren von früher – klar, die hakten auch immer irgendwann, aber mit ein bisschen Gefühl hat man es immer geschafft, die Bilder an die Wand zu werfen.«
»Ich habe versucht, mit dem angeblich automatischen Senderdurchlauf Fernsehstationen neu zu installieren. Das soll einfach sein. Mich kostete es zwei Stunden, vier Telefonate und drei Gläser Wein. Das war nur mit Alkohol auszuhalten.«
»Letzte Woche habe ich mir einen neuen Schreibtischstuhl – ›Lean back and relax‹ – gekauft, und da war eine DVD beigelegt, damit ich alle Funktionen verstehe: integrated lumbar support, sliding seat, ballpoint system … Zurücklehnen und entspannen kann man nur mit einer DVD, die das Sitzen erst einmal erklärt!«
»Ich habe ein Festnetztelefon, ein Handy, ein Blackberry. Zurzeit funktioniert alles. Wie schön! Ich habe eine Liste von zehn Nummern, um meine Familie zu erreichen, die aus vier Personen besteht.«
»… und wenn man den Nippel durch die Lasche ziehen will«, ergänzt die Sechste mit einem Sektglas in der Hand, »brauche ich dafür eine 50-seitige Bedienungs in zehn Sprachen oder ein halbstündiges Telefonat mit irgendeiner Hotline. Der Tag ist voller Glück und Sonnenschein, wenn ich mit keinem Kundencenter, keinem Sprachcomputer telefonieren muss. Das bringt mich zur Raserei: ›Haben Sie technische Fragen, drücken Sie bitte die Eins …‹ Ich könnte schreien.«
Alle sind sich einig. Sie spüren tagtäglich die immer größer werdenden Anforderungen, die neue Technik an uns stellt, den Rückgang der klassischen Dienstleistungen, die Informationsflut, die permanente Überforderung und den Zwang, alles, aber auch alles selbst machen zu müssen. Sie sind es leid, ihr eigener EDV-Fachmann, ihr eigener Schreiner zu sein, sie fühlen sich zerrieben zwischen Pins und Tans, sind nicht in der Lage, mit ihrem Handy fernzusehen, Musik zu hören und Videos aufzunehmen. Sie sehnen sich danach, diesen Ballast loszuwerden, und fürchten doch, dass all dies immer stärker ihren Alltag bestimmen wird.
Der Champagner ist leer … Einer der Lektoren hält inne: »Wisst ihr was? Das ist ein tolles Buchthema. Egal wohin man schaut, egal mit wem man redet, jeder kann Geschichten erzählen von seinem immer komplexer werdenden Alltag, von der Überforderung unseres Zeitalters. Unser tägliches Absurdistan. Wer ist schuld an der neuen Unübersichtlichkeit? Die Industrie, die uns mit immer mehr Geräten versorgt, die Probleme schaffen, die wir vorher nicht hatten? Sind es die Techniker, die selbstverliebt etwas entwickeln, ohne auf unsere Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen? Oder sind wir einfach zu blöd, um uns in der neuen Welt zurechtzufinden?«
So entstehen manchmal Bücher …
Überforderung
Die Welt der tausend unbezahlten Jobs
Kellner, Bankangestellter, Schaffner, Kassierer, Techniker, Softwareexperte, Tankwart, Einzelhandelskaufmann, Paketbote, Reiseberater – ich habe unzählige Jobs. Helmut Kohl, unser früherer Bundeskanzler, irrte gewaltig, als er vom »Freizeitpark Deutschland« sprach. Ich bin vollbeschäftigt: Das fängt montagmorgens an und hört freitagabends nicht auf.
Brötchen hole ich nicht mehr in der Bäckerei, sondern in der Backfactory. »Wir backen – Sie packen.« Dort schnappe ich mir ein Tablett, gehe an den Plexiglasboxen entlang und nehme mir mit einer Zange ein Vollkornbrötchen und ein normales heraus, zahle nur 35 Cent und packe die beiden Brötchen in eine Tüte.
Verkäuferin? Das war einmal. Ich bin mein eigener Verkäufer. Frühmorgens ertrage ich das mit Fassung.
Bevor es zum Job geht, hole ich noch schnell das Päckchen von der Packstation ab. Fünf Minuten laufe ich zu »meinem Briefkasten für meine Pakete« – so nennt es die Paketpost, die heute DHL heißt. »Barcode unter Laserstrahl halten.« Die Schublade öffnet sich, und ich schleppe eigenhändig die drei Kilo Post nach Hause.
Paketbote? Fehlanzeige. Ich bin mein eigener Briefträger.
Auf dem Weg zum Dienst ziehe ich mir eine Fahrkarte für den Bus aus dem Automaten. Der missgelaunte Fahrer, der sich auskannte mit all den Kurz- und Langstreckentarifen, Wochen-, Monats- und Schülerkarten, dem man die Mark beim Einstieg gab und von dem man dafür einen Fahrschein erhielt – das ist nur noch eine Kindheitserinnerung. Man zieht den Fahrschein selbst aus dem Automaten. Das soll einfach sein, ist es aber nicht.
Zugegeben, in meiner Heimatstadt Köln weiß ich, wann ich eine Kurzstrecke wählen darf. Aber wenn ich beispielsweise vom Flughafen München in die Münchner Innenstadt will – oh, Himmel! Abitur, Hochschulstudium, Lebenserfahrung reichen nicht aus, um die Tariflandschaft der Münchner Verkehrsbetriebe zu durchschauen. Der beste Satz auf dem Automaten: »Bahnsteigkarte zum Aufenthalt innerhalb der Sperrenbereiche von S-Bahn oder U-Bahn ohne gültige Fahrkarte ab Entwertung eine Stunde gültig.«
Ohne einen gut gelaunten Münchner, der den Job kostenlos für die Verkehrsbetriebe übernimmt und für mich die Tasten drückt, wäre ich aufgeschmissen.
Aber nicht nur an Fahrkartenautomaten der Münchner Verkehrsbetriebe wird meine Intelligenz getestet. In Düsseldorf stehe ich vor einem Automaten der Deutschen Bahn. Gefühlte 100 Einzelschritte sind zu absolvieren, um ein eigentlich harmloses Ticket zu erwerben. Ich drücke immer wieder auf den Bildschirm, gebe den Abfahrtsbahnhof »Düsseldorf« und den Zielbahnhof »Köln« ein, beantworte die Frage »Besitzen Sie eine Bahncard?« mit »Ja«, stecke die Bahncard in den Schlitz, drücke auf »weiter«, möchte bezahlen. Aber der Automat spuckt nur die Zugverbindungen aus und keine Fahrkarte. Ein Mann kommt zu Hilfe und will mir freundlicherweise zeigen, wie man den Automaten bedient. Aber auch er schafft es nicht. Heute gibt es kein Ticket – nur Reisepläne hat das Gerät im Angebot.
Meinem Ego tut es gut, dass auch der männliche Helfer scheitert. Sogar Experten sind spätestens nach zehn Minuten an einem solchen Automaten bedient, habe ich gelesen. Ich muss mich also ganz und gar nicht schämen. Schließlich bin ich erfahren im Do it yourself. Ich buche Flugtickets im Internet und checke am Flughafen selbstständig ein. Ich arbeite für die öffentlichen Verkehrsbetriebe genauso wie für die Lufthansa oder für airberlin. Ich bin immer ein Teil des Teams.
Von Düsseldorf nach Köln bin ich übrigens schwarzgefahren. Ich fand das gerecht. Ist es mein Problem, wenn ich das Gerät nicht bedienen kann? Es kam kein Kontrolleur, Glück gehabt.
Der Samstag ist bei mir Banktag. Früher haben Angestellte der Sparkasse für mich die Überweisungen und das Stornieren von Daueraufträgen erledigt. Früher. Die Zahl der Geldautomaten und Online-Kunden steigt ständig an, die Zahl der Bankfilialen ist in den letzten zehn Jahren entsprechend um mehr als ein Drittel zurückgegangen. Meine Filiale ist mein PC. Ich bin schon lange Online-Kunde.
Anfangs habe ich mich im Bademantel an den PC gesetzt, auch schon mal spätabends, wenn ich von Freunden kam und mir die vergessene Rechnung gerade wieder in den Sinn gekommen war. Damit habe ich aufgehört. Kein Multitasking mehr. Der Kaffee bleibt in der Küche, es wird nicht telefoniert und auch nicht nebenher in die Zeitung geschaut. Bankangestellter zu sein ist ein verantwortungsvoller Job – früher bedeutete das drei Jahre Ausbildungszeit und gerne Abitur als Voraussetzung! Diese anspruchsvolle Tätigkeit überträgt die Bank auf mich. Ich gehe sozusagen virtuell zum Schalter – auch wenn die Bank geschlossen hat. Vor dem Bankangestellten würde ich auch nicht im Schlafanzug auftauchen. Eben! Drum erscheine ich am Samstagmorgen ordentlich gekleidet zum Termin mit meinem Computer. Pins und Tans erfordern Konzentration.
»Bitte geben Sie die Tan Nr. 85 ein.« Das ist kein legeres Spiel. Ich überweise die Handwerkerrechnung online, ändere den Dauerauftrag für die Miete und aktiviere die neue Tan-Liste. Das heißt, ich versuche es. Wie die Maske es vorgibt, trage ich die geforderte Tan-Nummer aus der alten Liste ein und eine andere Nummer aus der neuen. Ich schicke den Auftrag los. Plötzlich erscheint die Meldung: »Der Zugang ist gesperrt, bitte rufen Sie einen Berater an.« Nur welchen Berater? Ich bekomme Herzklopfen. Immer wenn etwas schiefgeht im virtuellen Geschehen, bekomme ich Herzklopfen. Weil ich nicht weiß, wo ich einen Menschen finde, der sich zuständig fühlt.
Die Menschen in der Sparkasse haben mit dem Onlinebanking nicht zu tun. Außerdem ist die Sparkasse heute sowieso geschlossen. Wo finde ich die Hotline-Nummer? Im Internet? Richtig!
Ich rufe die Hotline an. Ich habe Glück, es ist nicht besetzt – Samstagmorgen ist eine gute Zeit. »Bitte geben Sie ihre Legitimations-ID ein«, fordert mich der Sprachcomputer auf. Sie ist sechzehnstellig. Wirklich sechzehnstellig! »3568937296384004« – ich habe daran gedacht und sie vorher herausgesucht. Perfekt!
»Und bitte noch ihre Personalausweis-Nummer.« Auch die Handtasche ist greifbar, in der einen Hand das Telefon, mit der anderen wird die Brieftasche herausgezogen. Da sind der Personalausweis und die Nummer. Alles ist eingegeben. Der Berater – ein echter Mensch – hört sich mein Problem an und sagt mir gleich: »Sie müssen einen Fehler gemacht haben.«
»Nein, ich habe alles richtig gemacht.«
»Sie müssen dreimal die falsche Tan eingegeben haben.«
»Nein, das habe ich nicht.« Bis drei kann ich noch zählen.
Er versucht mich auszutricksen. »Wie oft haben Sie die Tan denn eingegeben?«
»Einmal.«
»Das kann nicht sein. Das System macht keine Fehler. In zehn Minuten wird es wieder frei sein. Dann wird es klappen. Und wenn nicht, dann müssen Sie halt noch einmal anrufen.«
Gott bewahre. Warum zum Teufel hat der Nutzer immer unrecht? Ein Klick hier, ein Klick da, das System herunterfahren. Neu starten. Hoffen.
Spaß macht das Bankangestellter-Spielen nicht. Meine gute Laune ist dahin. Ich aktiviere, überweise, lösche, ändere alles selbst, zahle aber dennoch 20,85 Euro Gebühren für drei Monate. Ich lasse mich als billiger Helfer ohne Ausbildung und Fortbildung einsetzen, und dann muss ich mir auch noch vorwerfen lassen, ich könne nicht bis drei zählen. Ich bin sauer und weiß doch, mein Zorn erreicht kein Gegenüber. Hier bin nur ich – die von mir selbst angelernte Sparkassenangestellte, ich bin allein auf Pins und Tans gestellt.
Nach zehn Minuten habe ich tatsächlich wieder Zugang. Habe doch ich einen Fehler gemacht? Oder hat das System gesponnen? Woran es auch immer gelegen hat: Die Tans sind aktiviert, alle Rechnungen bezahlt. Nach gut einer Stunde ist mein Bankangestelltenjob am Samstag zu Ende.
Jetzt bleibt noch Zeit für ein vergnügtes Shopping in einem schwedischen Möbelhaus. In jede Studentenbude gehört ein Billy-Regal von Ikea. Früher war es meine eigene. Heute ist es die meiner Tochter. Wir starten in die große Welt der Selbermacher. Nichts wie hin zu Ikea, die Artikelnummern herausgesucht, das Paket aus dem Regal gewuchtet. Schnell zur Kasse und dann nach Hause damit.
Wir tragen die Pakete die Treppe hoch und bauen das Regal zusammen. Nein, es fehlen keine Schrauben, keine Dübel, alles ist vorhanden. Für den Zusammenbau eines Regals von Standardgröße 80 mal 2,02 Zentimeter benötigen wir zwanzig Minuten. Durchschnitt sind etwa 15 Minuten.
Experten haben ausgerechnet, was dieser Selbstbau dem Möbelhaus einbringt: 41 Millionen Billy-Regale wurden bisher verkauft, eine Viertelstunde braucht der Durchschnittskunde für den Aufbau. Legt man einen Stundenlohn von zehn Euro zugrunde, dann spart Ikea 164 Millionen Euro im Jahr ein, weil die Firma keine Endmonteure einstellen muss. Ich fühle mich ausgebeutet zwischen Holzdübeln und Inbusschlüsseln. Denn Dienstleistungsgesellschaft bedeutet vor allem eins: Der Kunde leistet die Dienste.
Früher war das anders. Da gab es beispielsweise Kaffee in der Tasse oder im Kännchen. Mit Kondensmilch oder ohne. Der Kellner kam und bediente. Das war einmal.
Caffè Latte, Caffè Mocha, White Caffè Moccha, Caramel Macchiato, Cappuccino, Espresso, Caffè Americano …, so lautet die verwirrende Auswahl bei einer amerikanischen Kaffeehauskette. Dazu noch die Geschmacksrichtungen: Vanilla, Caramel, Almond, Hazelnut, Peppermint, Raspberry – Englischkenntnisse werden vorausgesetzt. Dann sollte man noch wissen, ob man den Kaffee »for to go« bestellen oder im Laden trinken will. Und die Größe ist auch nicht zu vernachlässigen: tall, grande oder venti. Ist »grande« größer als »tall«? Und was heißt bloß »venti«?
Wehe, ich will mir dazu noch ein Sandwich holen. Dann muss ich mich im Sandwich-Store ein Haus weiter noch entscheiden, welches Brot ich will – es gibt vier verschiedene Sorten – und welchen Belag: Beef, Chicken Fajita, Italien B. M. T., Chicken Terijaki …, dann den Käse aussuchen, den Salat und die Soße.
Kein Wunder, dass die Vielzahl an Kaffeegetränken oder Sandwiches jeden Kellner überfordern würde. Deshalb hat man die Kellner abgeschafft und die Aufgabe dem Kunden übertragen. Logisch: Niemand weiß besser als ich selbst, was ich essen und trinken will: einen Veggie Delite aus dem Sandwich-Store und einen tall Caramel Caffè Mocha (no whip) for to go – oder doch lieber einen Cappuccino for here?
Im alten Café nebenan zahle ich für einen Cappuccino 2,50 Euro und werde bedient. Aber es ist trendiger, in einen Coffeeshop zu gehen. Dafür zahle ich dann 3,40 Euro, warte auf den Kaffee mit dem Milchschaumhäubchen, nehme mir ein Stück Zucker, streue noch etwas Kakao auf die Milch und trage den Kaffee an den Tisch. Ich bin mein eigener Kellner – bekomme aber kein Trinkgeld.
Zugegeben, bei der Summe von 3,40 Euro fällt das Trinkgeld nicht ins Gewicht. Aber wenn ich mit Freunden für 50 Euro in einem Restaurant essen gehe – wie vor kurzem in Münster geschehen –, dann wäre ein gutes Trinkgeld drin. In Münster gibt es eines dieser italienischen Selbstbedienungsrestaurants. Wir holen uns die Bestecke, wir besorgen die Getränke, wir stehen für das Essen an wie in einer Kantine. Das Belegen der individuell auf uns zugeschnittenen Pizza wird uns – immerhin – von angelernten Helfern hinter der Theke abgenommen, auch das Backen. Der Salat wird gemischt. Alles andere machen wir selbst und finden das toll. Abräumen müssen wir nicht, Spülen – auch noch nicht.
Zwei Tage darf ich in einem Fünfsternehotel übernachten. Das Frühstücksbüfett kostet 26 Euro. Dafür balanciere ich das Obst, den Saft, die Rühreier, die Brötchen, die Wurst, den Käse an meinen Tisch. Sogar in einem Fünfsternehotel bin ich mein eigener Kellner. Da kann man doch gleich zu Hause bleiben!
Das bedeutet allerdings, dass man einkaufen muss. Besonders dann, wenn der Kühlschrank leer ist. Ich nutze die Fahrt zu Freunden, um den Großeinkauf ganz stressfrei am Abend zu erledigen. Um kurz vor acht besuche ich in einer fremden Stadt den großen Supermarkt auf der ehemals grünen Wiese. Obst, Gemüse, Milch, Joghurt, Nudeln, Reis, Mehl, Tomaten, Toilettenpapier, Spülmittel – was man so braucht. Ich laufe entgegen dem Uhrzeigersinn durch die unendlichen Regalreihen. Übersichtlichkeit ist unerwünscht. Mein Gehtempo soll so vermindert und das Shoppingerlebnis verlängert werden. Ich finde trotzdem den Weg zur Kasse.
Dort schaue ich mich um: Kassen, so weit das Auge reicht. Aber keine einzige Kassiererin.
Ich spreche eine Familie mit Kleinkind an: »Kommt hier keine Kassiererin?«
»Hier kassiert man selbst«, lautet die sachliche Antwort.
Ach so.
»Sie müssen die Waren einfach über den Scanner ziehen.«
Ach so.
Ich höre die freundlichen Worte des Familienvaters, entnehme ihnen aber eine andere Botschaft: »Gott, die weiß nicht mal, dass hier jeder selber kassiert. Die lebt ja hinterm Mond.«
Ich lerne schnell, wie man den Strichcode über den Screen zieht. Es piepst. Am Schluss kommt ein Beleg mit der Summe von 83,27 Euro aus dem Automaten. »Scannen Sie diesen Beleg an einer Zahlstation«, werde ich schriftlich aufgefordert. Ich gehe zur Zahlstation. Ich wähle zwischen Kreditkarte, EC-Karte und Bargeld. Die 83,27 Euro werden eingezogen. Niemand ist da, der kontrolliert? Oder doch?
Ich habe schon wieder einen neuen Job. Ich habe mich nicht darum beworben. Ich bin eingestellt worden, ohne gefragt zu werden. Keinen Pfennig bekomme ich für meine Leistung. In 65 Märkten der Metro-Gruppe scannen und kassieren die Kunden schon jetzt. 20 Prozent der Supermarktketten beabsichtigen, in den nächsten Jahren Selbstzahlerkassen zu installieren. Die früheren Angestellten haben das Nachsehen, und der Discounter hat den Profit. Niemand beschwert sich, alle machen das Spiel mit.
Ich besuche den Future Store in der Nähe von Krefeld, in dem die Metro-Gruppe die Handelskonzepte und -technologien der Zukunft testet. Dort kann ich einen Eindruck von dem bekommen, was mich in Zukunft noch alles erwartet. Handys mit Kamerafunktion haben den Job eines »mobilen Einkaufsassistenten« (MEA) übernommen. Früher nannte man das Verkäufer. Gleich am Eingang scanne ich den Strichcode meines Einkaufswagens mit meinem MEA. Aber auch Ally oder Roger helfen. Diese Roboter mit Touchscreen dirigieren den Kunden zu dem Regal mit der Gemüsebrühe oder dem Schokoladenpudding. Zurzeit hat Ally Dienst, Roger hängt an der Steckdose.
Ich hänge an meinem MEA: Mit der Kamera dieses Handys scannt man alle Produkte ein. Theoretisch. Ich versuche den Strichcode an der Petersilienkiste wie empfohlen mit ruhiger Hand aus 10 bis 15 Zentimeter Entfernung mit der Kamera zu fixieren. Sosehr ich mich bemühe, es klappt nicht. Die Gefrierdosen hingegen nimmt der MEA ohne Probleme. Ich versuche zu entziffern, was jetzt auf dem Display steht: Wer das lesen kann, der muss nie mehr zum Augenarzt.
Bei einem kleinen Topf Primeln versagt MEA total. Aber er fordert mich auf: »Geben Sie bitte den Strichcode per Hand ein.« Ich ziehe die Stirn in Falten: Moment mal, MEA ist doch mein Assistent, und jetzt soll ich die 13 Zahlen unterhalb des Strichcodes angeben? Ich denke gar nicht daran – schon weil ich dazu eine Lupe bräuchte.
Bei den Drogerieartikeln will ich eine Handcreme einscannen. Ich drücke aus Versehen eine falsche Taste. MEA meldet »Fehlercode 10004«, und alles Eingescannte ist futsch. Ich schaue mich nach einem Helfer um. Dahinten ist Ally, der Roboter, der mich zu Nudeln oder Marmeladen führen könnte. Nur möchte ich weder das eine noch das andere. Dann sehe ich eine Angestellte. Sie weiß nicht, wie man den MEA bedient, aber sie kennt jemanden … Schon ist sie weg. Nach ein paar Minuten kommt sie zurück. Ich müsse alles noch einmal einscannen, habe der Kollege gesagt. Das hatte ich mir auch schon gedacht.
Ich habe genug vom Future-Einkauf. An der MEA-Kasse scanne ich alles nach, was ich im Einkaufswagen habe. Nur die Handcreme will diesmal nicht. Ich erfahre, dass ich den falschen Code gescannt habe. An der Handcreme ist nämlich außerdem noch ein RFID-Code angebracht. Woher soll ich denn wissen, was ein Strich- und was ein RFID-Code ist?
RFID – das heißt »Radio Frequency Identification«. Ein winziger Chip, der ununterbrochen Informationen senden kann. So lässt sich der Weg vom Hersteller bis ins Verkaufsregal lückenlos nachvollziehen. Das soll Kosten sparen.
Aber was kann dieser Chip in Zukunft noch alles? Man stelle sich vor, ein solcher Chip bliebe nach dem Kauf an der Pizza. Was wäre dann alles möglich? Dann könnte der Chip dem Backofen beispielsweise sagen, wie die Pizza richtig zubereitet wird. Schöne neue Welt?In der Gesundheitskarte sind solche Chips, im Reisepass, in der Kreditkarte und in Zukunft eben auch noch an der Pizza.
Science-Fiction. In meiner Vorstellung läuft – nach einem Szenario, das im Internet kursiert – ein Film ab, wie der Roboter mit Touchscreen in Zukunft dann meine Einkäufe steuert.
»Kann ich bitte Ihre NIDN haben?«, sagt er.
»Meine nationale ID-Nummer, ja, warten Sie, die ist 6102049998-45-54610.«
Einkaufsassistent: »Vielen Dank. Sie wohnen in der Rosenstraße 25, und Ihre Telefonnummer lautet 89 568 345. Ihre Firmennummer ist 74523 0 und Ihre Durchwahl 56.«
»Wo haben Sie alle diese Informationen her?«
»Wir sind angeschlossen an das System und haben Zugriff auf alle Ihre Speicherchips.«
Ich nehme aus der Kühltheke zwei Pizzas.
Wieder meldet sich der Roboter zu Wort: »Ich glaube nicht, dass das gut für Sie ist.«
»Wie bitte?«
»Laut Ihrer Krankenakte haben Sie einen zu hohen Blutdruck und extrem hohe Cholesterinwerte. Ihre Krankenkasse würde eine solche ungesunde Auswahl nicht gestatten.«
»Was empfehlen Sie denn?«
»Sie könnten unsere Soja-Joghurt-Pizza mit ganz wenig Fett probieren. Sie wird Ihnen bestimmt schmecken.«
»Wie kommen Sie darauf, dass ich das mögen könnte?«
»Nun, Sie haben letzte Woche das Buch ›Sojarezepte für Feinschmecker‹ aus der Bücherei ausgeliehen. Deswegen habe ich Ihnen diese Pizza empfohlen.«
»Okay, okay. Ich nehme zwei davon. Was kostet der Spaß?«
»8,20 Euro. Aber wenn Sie die Pizzas kaufen, ist Ihr Kreditrahmen überzogen.«
»Dann zahle ich mit meiner EC-Karte.«
»Daraus wird wohl auch nichts. Ihr Girokonto ist ebenfalls überzogen.«
So weit ist es noch nicht. Future! An der MEA-Kasse halte ich inzwischen den ausgedruckten Beleg unter den Laserstrahl und zahle mit Karte; es wäre auch mit – vorher registriertem – Fingerabdruck möglich. Und was ist mit dem RFID an meiner Handcreme? Angeblich hört der kleine Sender auf zu senden, wenn man das Gelände verlässt. Wer es nicht glaubt, kann die Handcreme unter den Deaktivator schieben. Scannen, nachscannen, Beleg unter Laserstrahl halten, zahlen per Fingerabdruck, deaktivieren …
Zugeben, es war ein Erlebnis, futuremäßig einzukaufen. Aber will ich das? Kann ich das noch im Alter? Will ich mit einem Einkaufsassistenten reden statt mit einer Verkäuferin? Will ich einen vollautomatisierten Supermarkt? Will ich an meinen Discounter senden, wie lange der Joghurt in meinem Kühlschrank steht, ob ich einen oder fünf Kilometer vom Geschäft entfernt wohne?
Datenschützer sehen die Sache skeptisch: Was passiert mit den Daten? Wie lange werden sie gespeichert? Wer hat darauf Zugriff? Wie kann man Datenmissbrauch vorbeugen? Die Europäische Union streitet noch über den Einsatz. Und ich als Kunde möchte gefragt werden, was mein Joghurt tun soll und was nicht, was der Discounter über mich wissen darf und was nicht.
Noch bin ich Kunde und nicht der Leibeigene des Unternehmens. Oder stimmt das nicht mehr?
Ich will keinen Radio Frequency Identification Code. Ich will auch keine Roboter oder Selbstbedienungskassen. Ersteres ist noch Zukunftsmusik, Letzteres fast schon Alltag: Peek&Cloppenburg, Ikea, Rewe, Edeka – Mitmachkunden will man ermöglichen, Zeit zu sparen, indem sie selbst kassieren. Das ist immer das Argument. Dabei wird umgekehrt ein Schuh daraus: Erst reduziert man die Kassiererinnen. Die Kunden stehen in langen Schlangen an. Die Kunden sind genervt. Dann führt man SB-Kassen ein, Begründung »besserer Service«, und verkauft den Kunden die eigene Arbeitsleitung als Fortschritt. Dann schafft man die Verkäufer ab und macht den Kunden zu Marionetten von Handys mit Touchscreen: »Die gesuchte Bluse hängt im ersten Stock.« Das nennt man Marketing?
In grauer Vorzeit, Anfang der 50er, hat mit der Erfindung der Supermärkte das Jahrhundert der tausend Jobs begonnen. Damals wurde den Kunden mitgeteilt, es sei ein tolles Erlebnis, mit Einkaufswagen durch die Regalreihen zu fahren und sich die Nudeln, Gurken und Würste selbst zu suchen. Später dann, als die Kunden immer unordentlicher wurden, führte man eine Leihgebühr von einer Mark, später einem Euro für einen Einkaufswagen ein. Seitdem erhalte ich für einen Euro einen Einkaufswagen, habe mein Shopping-Erlebnis und stelle dann den Wagen ordentlich wieder weg.
In manchen Geschäften darf ich auch das Obst und Gemüse selbst abwiegen. Das finde ich gut. Ich lege meine Äpfel gerne auf die Waage, und wenn der Preis ausgedruckt ist, lege ich noch einen extra in die Tüte. Das finde ich, ist ein gerechter Lohn für meine Arbeit. Schade nur, dass anscheinend Tausende andere Kunden auf dieselbe Idee gekommen sind. In so manch einem Supermarkt wiegt jetzt die Kassiererin das Obst und Gemüse wieder selbst ab. Das heißt: Die Unternehmen stellen mich zwar gerne an, aber sie gönnen mir dafür nicht einmal einen kostenlosen Apfel.
In Deutschland gibt es rund sieben Millionen Minijobber. Sie bekommen 400 Euro im Monat. Das ist nicht viel. Aber immerhin: Sie werden – wenn auch schlecht – bezahlt. Noch billiger ist es aber, den Kunden anzustellen. Der mutiert vom König zum Knecht. Ganz still und leise habe ich all die Dienste derer übernommen, die mittlerweile sang- und klanglos verschwunden sind. Kellner, Bankangestellter, Schaffner, Kassierer, Techniker, Tankwart, Einzelhandelskaufmann, Paketbote, Reiseberater. Ich habe aber keine ordentliches Anstellungsverhältnis in der Post-Bahn-Peek-&-Cloppenburg-TUIfly-Real-JET-Vapiano-IKEA-Starbucks-Deutsche-Bank-Lufthansa-Telekom-Subway-Welt. Es sind 1001 Jobs, die mir aufgebürdet wurden.
Seltsam, dass niemand protestiert gegen diesen alltäglichen Minuten-Diebstahl, der in der Summe Stunden, Tage und Monate beträgt, der der Grund ist für Hetze, Stress und Überlastung!
Lost im Parkhaus
Die Entenbrust in Orangensauce ist gegessen, die Petersburger Quarkspeise auch. Die Flasche Wein ist geöffnet. Ich habe drei Freunde zu Gast. Hans fordert mich auf: »Komm, erzähl doch mal, worum es bei deinem neuen Buchprojekt geht.«
»Ich rede nicht gern über ungelegte Eier. Ich lasse mich nur breitschlagen, wenn ihr mir Stoff liefert. Das wäre doch ein Deal, oder?«
»Aha, deshalb hast du uns also eingeladen«, kontert Peter, der Zweite im Bunde.
»Es dreht sich um die Komplexität unseres Alltags«, beginne ich zu erzählen. »Wir müssen uns auf völlig undurchsichtigen Märkten zurechtfinden, mit Hotlines verhandeln und schauen, dass wir in der computerisierten Lebenswelt nicht verloren gehen. Unsere Gesellschaft wandelt sich, aber der Wandel vollzieht sich schleichend und betrifft so viele Bereiche, dass wir noch gar nicht verstehen, wie tiefgreifend er ist. Einfach – das war einmal.«
Ich sehe die Fragezeichen auf den Gesichtern meiner drei Gäste. »Das hört sich ziemlich theoretisch an, meint ihr? Ist es aber nicht. Nehmen wir zum Beispiel den simplen Vorgang des Parkens in einem Parkhaus. Das kann zu einer höchst komplizierten Angelegenheit werden. Man glaubt es nicht.«
»Stimmt«, unterbricht mich Hans, »das habe ich auch schon erlebt.«
»Kleeausstellung vor ein paar Wochen«, fahre ich fort. »Ich parke auf dem Museumsparkplatz, nachdem ich einen Parkschein gezogen habe. Als ich zurückkomme, schiebe ich den Parkschein in den Automaten und schaue auf das Display. Dort erscheint kein Betrag – nein, dort hängt ein kleiner handschriftlicher Zettel: ›Gerät ist defekt. Bitte keinen Parkschein in den Automaten stecken.‹ Tja – der Parkschein war aber schon in dem defekten Gerät verschwunden. Ich gehe zum Schalter. Der Angestellte ist ungehalten: ›Warum stecken Sie den Parkschein hinein? Steht doch da, dass der defekt ist!‹ Hinter mir warten zwei Pärchen.«
Peter unterbricht: »Lass raten. Die haben auch den Parkschein blind eingeführt, ohne vorher auf das Display zu schauen?«
»Genau. Ich war also nicht die einzige Blöde. Sehr beruhigend!«
»Logisch«, mischt sich Hans ein. »Man ist so konditioniert: Unten gibt man das Ticket ein, dann sieht man oben links im Display die Anzeige, unten rechts muss ich dann Geld einwerfen, bis das Ticket links unten wieder herauskommt. Und weil wir uns an diese idiotischen Automaten inzwischen gewöhnt haben, schieben wir zuerst den Parkschein rein und schauen dann auf das Display.«
»So habe ich auch gegenüber dem Angestellten des Parkhausbetreibers argumentiert: ›Vielleicht sollten Sie lieber den Schlitz zukleben. Das wäre eindeutiger. Das Verhalten von Nutzern ist nämlich so: Zuerst stecken sie den Parkschein in den Schlitz und dann erst schauen sie auf das Display.‹
Er hat mich ungläubig angeschaut: ›Was für ein Nutzer?‹
Ich habe es noch mal versucht: ›Besser wäre es, den Schlitz zuzukleben!‹
›Aha‹, war seine Reaktion.
Ich hätte ihm auch noch erklären können, dass der Mensch an sich immer von oben nach unten vorgeht. Immer das, was oben steht, erledige ich zuerst. Eigentlich ganz simpel. So gesehen sind diese Automaten sowieso völlig falsch konstruiert.
Ich musste übrigens nur drei Euro zahlen. Museumsbesuch und Parkgebühren waren gekoppelt, es war also egal, wie lange ich geparkt hatte. Wenn aber nach Stunden abgerechnet worden wäre, wie hätte dann wohl die Berechnung für das im Gerät verloren gegangene Ticket ausgesehen? Fakt ist jedenfalls: Der Parkhausbetreiber hatte Schwierigkeiten mit seinem kaputten Ticketautomaten, und ich als Kunde wurde gerügt, dass ich mich falsch verhalte.«
»Das hat System«, ergänzt Hans. Er will endlich auch seine Story loswerden. Auch Barbara meldet sich zu Wort. »Ich habe auch noch eine Parkgeschichte!«
