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Die Bedeutung von gestörten Bindungen für das Gesundheitssystem und allgemein für die Verfassung der Gesellschaft wird erheblich unterschätzt. Warum ist das so? Hochgradig belastende und traumatisierende Kindheitserfahrungen können zu sehr unterschiedlichen psychiatrischen Erkrankungen führen. Als solche tauchen sie später in der Statistik auf, die betroffenen Menschen werden symptom- und störungsspezifisch behandelt, der Ursprung des Dramas bleibt jedoch meist im Dunkeln. Alexander Trost beleuchtet in diesem Grundlagenwerk Bindung im wissenschaftlichen und empirischen Kontext, aus historischer Perspektive, aus der Sicht der evolutionären Bindungstheorie und der Kulturanthropologie. Er erläutert Definitionen und Ausdrucksformen von Bindungstraumatisierungen und Bindungsstörungen verständlich und praxisnah und erklärt, wie sie in die gängigen Klassifikationssysteme ICD und DSM und alternative Modelle eingeordnet werden. Anhand zahlreicher Fallbeispiele stellt er die wichtigsten Erklärungsmodelle und Behandlungsansätze sowie Maßnahmen für die Prävention von Bindungsstörungen vor. Eine professionelle bindungsorientiert-systemische Behandlung und Pädagogik trägt zu einer Beendigung der Weitergabe unsicherer Bindungsmuster bei. Mit diesem Buch sind alle, die Menschen beraterisch-therapeutisch begleiten, dafür bestens gerüstet.
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Seitenzahl: 507
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Alexander Trost
Ein systemisch-integratives Konzept
mit einem Vorwort von Tom Levold
VANDENHOECK & RUPRECHT
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2025 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill BV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)
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Umschlagabbildung: © Shutterstock_47175436
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen
EPUB-Erstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
E-Mail: [email protected]
ISBN 978-3-525-40072-2 (print)
ISBN 978-3-647-99228-0 (digital) | ISBN 978-3-666-40072-8 (eLibrary)
In einer Zeit, in der die Komplexität menschlicher Beziehungen und ihrer Störungen zunehmend in den Fokus der psychotherapeutischen Forschung und Praxis rückt, legt Alexander Trost mit seinem Buch »Bindungsstörungen verstehen und behandeln« eine außerordentlich vielschichtige und praxisrelevante Arbeit vor, der ich eine Zukunft als Standardwerk zum Thema prognostiziere. Sie repräsentiert nicht weniger als den aktuellen Stand der Bindungstheorie, -forschung und klinischen Praxis, eingebettet in einen systemisch-integrativen Referenzrahmen und geht damit über die Grenzen bisheriger monodisziplinärer Betrachtungen hinaus.
Was dieses Buch besonders auszeichnet, ist die konsequente Kontextualisierung von Bindungsstörungen – ein Ansatz, der die Reduktion komplexer Beziehungsdynamiken auf rein individuumszentrierte Pathologiemodelle überwindet. Trost entwickelt hier ein systemisches Verständnis, das neurobiologische Erkenntnisse, evolutionsbiologische Perspektiven, kulturhistorische Dimensionen und gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen in einem kohärenten Gesamtbild vereint. Diese Mehrebenenbetrachtung entspricht der Realität menschlicher Entwicklung in all ihrer Komplexität weit besser als vereinfachende, lineare Erklärungsmodelle.
Von besonderer Bedeutung für systemische Therapeutinnen und Therapeuten ist Trosts kritische Auseinandersetzung mit den gängigen diagnostischen Klassifikationssystemen. Seine fundierte Kritik an der klassischen Diagnostik von Bindungsstörungen in ICD-10/-11 und DSM-5 zeigt eindrücklich deren konzeptuelle Begrenzungen auf: Die unzureichende Operationalisierung, die problematische zeitliche Eingrenzung und vor allem die mangelnde Kontextualisierung werden klar herausgearbeitet. Statt sich mit oberflächlichen Symptombeschreibungen zu begnügen, entwickelt Trost ein differenziertes Modell, das Bindungsdynamiken in ihren systemischen Zusammenhängen erfasst und begreifbar macht.
Die klinische Relevanz dieses Buches ist unmittelbar greifbar. Aus vier Jahrzehnten praktischer Erfahrung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der systemischen Therapie schöpfend, verbindet der Autor theoretische Tiefe mit praxisnahen Fallbeispielen und konkreten Handlungsansätzen. Besonders wertvoll ist die Integration verschiedener therapeutischer Perspektiven unter einem systemischen Dach – ein pragmatischer Zugang, der alltagstaugliche Interventionen jenseits dogmatischer Schulengrenzen ermöglicht.
Von den neueren Erkenntnissen der Neurobiologie über aktuelle Entwicklungen in der Bindungsforschung bis hin zu zeitgemäßen gesellschaftsbezogenen Betrachtungen werden aktuelle wissenschaftliche Diskurse in diesem Buch aufgegriffen und zentrale Themen wie die transgenerationale Weitergabe von Bindungsmustern, die neurobiologischen Grundlagen von Mentalisierung und die Bedeutung des epistemischen Vertrauens vertieft, dessen lebensgeschichtlich frühe Zerstörung ein zentraler Aspekt bei der Entwicklung von Bindungsstörungen darstellt.
Besonders hervorzuheben ist der globale Blick des Autors, der Bindungsstörungen nicht nur als klinisches Phänomen, sondern auch in ihrer gesellschaftlichen und letztlich politischen Dimension begreift. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und globaler Krisen liefert Trost mit seiner Analyse der Zusammenhänge zwischen frühen Bindungserfahrungen und gesellschaftlichen Entwicklungen einen wichtigen Beitrag zum Verständnis aktueller Beziehungsdynamiken in unserer Gesellschaft.
Dieses Buch ist mehr als ein Fachbuch für Therapeutinnen und Therapeuten: Es ist eine Einladung, das eigene Denken und Handeln zu reflektieren und zu erweitern. Für systemische Praktikerinnen und Praktiker bietet es eine wertvolle Bereicherung des methodischen Repertoires und zugleich eine theoretische Fundierung, die das systemische Paradigma mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen verbindet.
In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen therapeutischen Schulen zunehmend durchlässig werden, liefert Alexander Trost mit diesem Buch einen wegweisenden Beitrag zur Integration verschiedener Perspektiven unter dem Dach eines systemischen Grundverständnisses. Es ist ein Plädoyer für Kontextualisierung statt Pathologisierung, für Komplexität statt Vereinfachung und für ein zutiefst humanistisches Verständnis menschlicher Entwicklung in all ihren Facetten.
Ich verfolge die Arbeit von Alexander Trost seit über dreißig Jahren und freue mich, dass er mit diesem Buch die Essenz seiner langjährigen Arbeit einem breiten Publikum vorstellt. Dass dieses Buch die nötige und verdiente Aufmerksamkeit bekommt, wünsche ich ihm von Herzen.
»Wir wollen ja den Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu spät ist? Könnten wir es nicht vielleicht lernen, auf Gewalt zu verzichten? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu werden? Wie aber sollte das geschehen, und wo sollte man anfangen? Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern«
(Astrid Lindgren, 1978).
Der Begriff »Bindung« ist seit dem Erblühen der Bindungswissenschaft in den 1970er Jahren in aller Munde. Die Bindungsforschung hat einen erheblichen Anteil daran, dass wir heute so viel mehr über die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit wissen, insbesondere über die lebensprägende Bedeutung der Interaktionen des Säuglings mit seinen primären Bezugspersonen.
Dennoch gibt es gute Gründe, zu klagen: Die menschenangemessene Entwicklung von Kindern zu selbstwirksamen und sozial viablen Personen ist trotz aller Gesetzesanstrengungen keineswegs im Hauptfokus unserer Gesellschaft, die existenziell auf »Humankapital« angewiesen ist, aber nicht in der Lage zu sein scheint, eine entwicklungsgerechte Frühsozialisation für alle zu garantieren. Das wäre die erste Hauptaufgabe einer bindungsinformierten Sozialpolitik, die diese vulnerable Phase der beginnenden Elternschaft hinreichend unterstützen und absichern müsste. Abseits von dem breitgefächerten und komplexen wissenschaftlichen Diskurs findet dazu auch – oft kontrovers diskutiert – eine gewisse Trivialisierung der Thematik statt.
Zu Missverständnissen trägt auch der Trend bei, dass die Bedeutung des Bindungsbegriffs im Alltag undeutlich, bisweilen beliebig erscheint. Sportstudios werben z. B. damit, dass man dort »ohne Bindung« trainieren kann, d. h. ohne eine vertragliche Festlegung, die über den Moment hinausgeht. Ähnliches gilt für Telefontarife. Hier wird Bindungslosigkeit als Freiheit von (Vertrags-)Zwängen gefeiert; ist das nicht aktuell auch in manchen gesellschaftlichen Diskursen so? Einerseits wird Kundenbindung großgeschrieben: Man will die Menschen »als Verbraucher an sich binden«, mit schönen Worten, regelmäßigen Prospekten, heute Newsletter genannt, mit Sonderangeboten und kleinen Geschenken. Aber andererseits darf es auch nicht zu verbindlich werden, sonst löst der Kunde sich aus der Bindung.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erscheint – angeregt durch die gesellschaftliche Diskussion um die Bindungstheorie und die Wahrnehmung des Zeitgeistes – erstmalig in der deutschsprachigen Literatur der Begriff »Bindungsangst« (Wikipedia, 2024). In Folge wurden immer mehr Ratgeber zu dem Thema für Partner1 von Menschen veröffentlicht, die eine als geradezu krankhaft bezeichnete Angst vor einer verbindlichen Beziehung haben. Die Bindung selbst werde als Bedrohung der eigenen Autonomie erlebt.
Tatsächlich lebte 2016 in 41 Prozent aller Haushalte nur eine einzige Person (Destatis, 2017). Apps für die Partnerschaftssuche haben Hochkonjunktur, denn über achtzig Prozent der Singles würden gern in einer festen Beziehung leben. Dennoch wächst die Vereinsamung rapide. Es scheint schwerer geworden zu sein, sich in einer Partnerschaft zufrieden und sicher zu fühlen; Aufklärung über Rollenklischees und wirtschaftliche Unabhängigkeit ermöglichen eine Distanzierung von der klassischen dyadischen Verbindung und erlauben vielleicht mehr als früher, der »Bindungsangst« Raum zu geben.
In dieses Umfeld hinein werden heute die Kinder geboren, wobei die Eltern-Kind-Bindung seit dem Beginn der Bindungsforschung in der öffentlichen Bewertung zunehmend eine Dauerhochphase erfährt, wie es sie in der Menschheitsentwicklung wohl noch nie gegeben hat. Darin sind starke, dauerhafte, krisenfeste Bindungen etwas sehr Gutes, Wachstum und Resilienz fördernd. Allerdings gibt es auch verzerrende Entweder-oder-Positionierungen, z. B. in der Begutachtung für die Familiengerichtsbarkeit wie etwa: »Desorganisiertes Bindungsverhalten ist – zwangsläufig – Misshandlungsfolge und erfordert die Herausnahme des Kindes aus der Familie« (A. T.). Gleichzeitig lastet ein großer Druck auf bewussten Eltern, die glauben, ihrem Kind jeden Wunsch von den Lippen lesen und ihn sofort – um Bindungsschäden auf jeden Fall zu vermeiden – erfüllen zu müssen.
Was meint der Begriff »Bindungsstörung« vor diesen gesellschaftlichen Hintergründen? Die meisten psychischen Phänomene werden dann als gestört, krankhaft bezeichnet, wenn ein Mensch davon zu viel ausdrückt, erlebt, so z. B. Angststörungen‚ Zwangsstörungen, hyperaktive Störungen oder Wahnstörungen. Auch wenn mittlerweile ein Zuviel an Bindung problematisiert wird, meint der Begriff »Bindungsstörung« hingegen in der Regel ein Zu-wenig an – sicherheitsgebender – Bindung: Bindungsabbrüche, Bindungsvermeidung, inadäquate Bindungen, chaotische Bindungen. Es ist also nicht ganz einfach, sich dieser Thematik zuzuwenden, ohne dabei in nomenklatorische Dilemmata oder Unschärfen zu gelangen, ganz abgesehen von der schwer zu fassenden begrifflichen Relation von »System« und »Störung« (Lieb, 2014).
Ein Gutes an der zu bewältigenden Aufgabe ist: Ich kenne kaum eine psychische Problematik, bei der systemische, also kontextuelle, interpersonale Aspekte schon im allgemeinen Verständnis eine so entscheidende Rolle spielen. Der Begriff »Bindungsstörung« verweist ja auf die fundamentale Interpersonalität jeglicher Störung, von der aber bei vielen Diagnosen in den gängigen Klassifikationssystemen kaum die Rede ist.
Noch deutlicher als bei anderen Störungen hängt das Schicksal der Betroffenen von Anfang an von der (Selbst-)Organisation und Haltung der Bezugspersonen, Institutionen, Behörden und letztlich von der politischen Rahmensetzung ab. Diese Aspekte erachte ich sogar für wichtiger als die natürlich auch notwendigen einzelnen therapeutischen Maßnahmen, die dem gesamten Spektrum kinder- und jugendpsychotherapeutischer Interventionen entnommen werden.
Bindungsstörungen sollen gemäß den gängigen Klassifikationssystemen nur bis zum fünften Lebensjahr diagnostiziert werden; ihre Folgen wirken sich aber in späterer Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter aus. Der Einfluss langanhaltender Bindungs- und Entwicklungstraumatisierung in den ersten Lebensjahren – nichts anderes bildet wohl den Hintergrund der sogenannten Bindungsstörungen – kann zu allen denkbaren psychiatrischen Diagnosen führen. Dazu gehören beispielsweise Komplexe Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressive Entwicklungen und Persönlichkeitsstörungen. Am gefährlichsten für sich selbst und andere sind jedoch Menschen, die sich einen Schafspelz lebensbewältigender Anpassung zugelegt haben, während in ihrer psychischen Repräsentation der hungrige, einsame, im Zweifelsfall gewaltbereite Wolf das Sagen hat.
Wer in seiner Frühkindheit Sicherheit erfahren hat, geliebt und gefördert wurde, verfügt über ganz andere Ressourcen zur Daseinsbewältigung als ein Mensch, dem diese Zuwendung fehlte. Groteske Wahrnehmungsverzerrungen bis hin zu Verschwörungsmythen, krasses Entweder-oder-Denken und dementsprechende gewaltsame Konfliktlösungen können die Folgemuster der neuro-psycho-physiologischen Dysbalancen sein.
Hier berühren sich Psychiatrie, Psychotherapie und politische Psychologie bis hin zu der Frage, wie Gesellschaften durch langanhaltende Traumatisierung Einzelner, größerer Gruppen oder auch ganzer Nationen über Generationen geformt werden. Aktuelle Beispiele: Der grausame Krieg um die Ukraine ist mittlerweile im vierten Jahr – im dritten Jahr auch der israelisch-palästinensische in Gaza. Noch unmittelbarer als all die anderen, noch schrecklicheren Kriege der letzten Jahrzehnte, wie z. B. aktuell im Sudan, kommen diese uns nahe, machen viele Menschen existenziell betroffen, mobilisieren Angst, Wut und Hilflosigkeit, aber auch große Hilfsbereitschaft. Wichtigster Protagonist in diesem russischen Krieg ist ein autoritärer Präsident mit einer ausgeprägten Bindungsproblematik, wie sich aus den biografischen Informationen hypothetisieren lässt (Fuchs, 2019). Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Führungselite sowie große Teile der Bevölkerung die Wahrnehmungsverzerrungen und die vorwiegend binären Denk- und Handlungsoptionen dieses Anführers teilen.
Dieses Buch liefert keine historische Betrachtung des Geworden-Seins des russischen Staates bis zu diesem kritischen Moment, dazu sind andere eher berufen (z. B. Simon, 2023; Epplée, 2023); trotzdem soll diese Dimension erwähnt werden. Der weitsichtige Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm hat bereits 1968 eine Monografie zu diesem Thema vorgelegt. Er nennt das Phänomen »Caesarenwahn«, eine besondere Art des Narzissmus, zwischen Normalität und Geisteskrankheit bei (einigen) Menschen, »die über außergewöhnliche Macht verfügen« (Fromm, 1968, S. 33).
Fritz B. Simon (2023) fügt dieser Betrachtung die systemtheoretische Dimension der Koevolution zwischen der Psyche des Diktators, in dem Fall Stalin, und des Apparates hinzu. Es ist die Kooperation zwischen dem Herrscher und dem Apparat, der Ersteren an die Macht bringt und seine Macht sichert. Wladimir W. Putin, als aktueller Protagonist in dieser Konstellation, ist mächtig nicht aufgrund von Kompetenz und Leistung, sondern durch die Prozesse eines unpersönlichen Apparates. »Und es war nicht er, der diesen Apparat geschaffen hat, sondern der Apparat hatte ihn geschaffen« (Simon, 2023, S. 255).
Aktuell ließen sich dazu durchaus noch mehrere Protagonisten in Staatsämtern anführen. Es geht offenbar um zirkuläre Rückkopplungsprozesse zwischen einzelnen Menschen mit einer nicht gut gelungenen Bindungsentwicklung und einer dazu passenden gesellschaftlichen Struktur, die monströse Verhältnisse hervorbringt. Auch der Aufstieg und Fall des Dritten Reiches folgt diesen Dynamiken. Aus meiner Sicht besonders interessant, aber über die Möglichkeiten dieses Buches hinausgehend, wäre die genauere Erforschung von Resonanzprozessen zwischen den psychophysiologischen Abläufen im System »Individuum«, mit denen der »sozialen Umwelt«, im Falle Russlands: den seit Jahrhunderten etablierten personenzentrierten Machtapparaten, in Form der Geheimdienste, die flächendeckend Angst erzeugen und damit auf die je nach Sozialisation angstdominierten Psychen treffen, die über Vermeidung, Leugnung, Kollaboration und gegebenenfalls Rebellion diese Mächte stabilisieren.
Die Themen »Bindungsentwicklung« und »Prävention« von Bindungsstörungen gewinnen vor diesem Hintergrund eine globale, existenzielle Aktualität. Dabei geht es nicht nur um die aktuellen Kriege, sondern generell um die Verfasstheit des Menschengeschlechts, das es bei allem Fortschritt in technischer, aber auch sozioökonomischer Hinsicht bislang nicht geschafft hat, seinen Kindern ein Aufwachsen in emotionaler Sicherheit zu gewährleisten und ihnen damit eine Chance auf die Festigung einer balancierten und mit anderen verbundenen Persönlichkeit zu geben. Dies aber halten die Bindungsforschenden für die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Menschen frei wahrnehmen, fühlen, denken und – letztlich empathisch-mitfühlend – im Sinne des eigenen und des Gemeinwohls entscheiden können. Bindungsstörungen sind damit auch ein politisches Thema.
Mein Anliegen mit diesem Buch ist es, das Verständnis für die Zusammenhänge zwischen Bindung und Systemen zu fördern – zunächst im klinischen Kontext der Bindungsstörungen, aber zumindest peripher auch im Blick auf größere soziale und politische Aspekte. So hoffe ich, dass ich über die psychiatrisch-systemische Abhandlung hinaus einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, das Bewusstsein für die universelle Bedeutung der Bindungsthematik für das Gedeihen und letztlich für das Überleben der Menschheit zu stärken. Wenn Sie mit der Lektüre ein paar Ideen zum Zusammenhang zwischen Bindung und gravierenden seelischen Problemen und ihrer systemischen Behandlung mitnehmen könnten, wunderbar!
Dies ist ein Fachbuch für alle Fachkräfte in Gesundheits-, pädagogischen und Sozialberufen. Außerdem will es zu einem Blick über den Tellerrand anregen und dazu einladen, alle Lebensbereiche auch einmal mit einem Bindungsblick zu betrachten.
Mein großer Dank gebührt den vielen Patienten mit einer gravierenden Bindungsproblematik, die ich in den vier Jahrzehnten meiner Kinder- und jugendpsychiatrisch-systemischen Praxis in ihrer Entwicklung begleiten durfte, sowie deren Familien und Betreuungssystemen. Mit ihnen verbindet sich die Zuversicht, dass Weiterentwicklung auch bei ungünstigen Startbedingungen möglich ist und sehr oft auch geschieht. Mit etlichen von ihnen bin ich bis heute verbunden und im Kontakt.
Ein besonderer Dank gilt Wilhelm Rotthaus, der mich, als mein erster Kinder- und jugendpsychiatrischer Chef, in die geheimnisvolle Welt systemischen Denkens und Handelns einführte und der die Entstehung dieses Manuskripts kritisch begleitete. In diesen Dank möchte ich ausdrücklich auch – posthum – Charly Pleyer einschließen, Freund und Co-Entwickler des ersten konsequent systemischen Tagesklinik-Konzeptes, der mir auch noch viele Jahre nach meinem Weggang aus der Klinik vertrauensvoller und wichtiger Gesprächspartner blieb.
Last, but not least danke ich herzlich Sandra Englisch und Elisabeth Eckstein für ihre Bereitschaft zur erneuten Publikation bei Vandenhoeck & Ruprecht und ihre persönliche Begleitung meines Manuskriptes auf dem Weg dahin.
1Ich verwende im Text in zufälliger Folge die männliche und weibliche Form. Im Sinne der gender-sensiblen Sprache mögen sich bitte alle mitgemeint fühlen.
In jedem professionellen und natürlich besonders im systemischen Denkkontext kommt es nicht nur darauf an, was gesagt wird, sondern auch von wem und mit welcher Haltung. Daher möchte ich gleich zu Anfang meine Position erläutern. Nach allem, was mir an wissenschaftlichen Erkenntnissen zugänglich ist, gehe ich – mit vielen Kolleginnen – davon aus, dass das sogenannte »Bindungssystem« generell einen zentralen, ordnenden und reifungsfördernden Charakter für die Überlebensfähigkeit und die Entwicklung von Kindern zu bezogenen und selbstwirksamen Personen hat. Dies bezieht sich auf die individuelle Entwicklung im Kontext von Familien wie auch auf die von Gesellschaften und Kulturen. Gleichzeitig halte ich eine systemische Haltung für lebensangemessen, die anderen Menschen grundsätzlich freundlich und respektvoll gegenübersteht, an die intra- und intersystemisch rekursiv wirkenden Selbstorganisationskräfte in jedem Menschen glaubt, sich eher Ressourcen statt Defiziten zuwendet und für die Lösungssuche eher auf Beziehungen und Kontexte als auf intrapersonale Faktoren fokussiert.
Mit meinem ersten Buch zum Themenkomplex »Bindung« (Trost, 2018) habe ich den Gewinn der Bindungstheorie und -forschung für die systemische Arbeit beschrieben; in diesem Buch geht es explizit um Störungen, denen ein Krankheitswert zugesprochen wird. Da sich systemische Therapie und Beratung immer schon mit möglicher Hilfe bei gravierenden zwischenmenschlichen Problemen beschäftigt hat, ist es unvermeidlich, dass es hierbei zu Überschneidungen kommt. Manches ist Ihnen vielleicht vertraut, anderes kommt hinzu oder ist grundlegend neu konzipiert.
Die Bedeutung von gestörten Bindungen, von Bindungsstörungen, für das Gesundheitssystem und allgemein für die Verfassung der Gesellschaft wird meiner Erfahrung nach erheblich unterschätzt. Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, dass hochgradig belastende und traumatisierende Kindheitserfahrungen zu sehr unterschiedlichen psychiatrischen Erkrankungen führen können, die dann als solche in der Statistik auftauchen bzw. zu symptom- bzw. störungsspezifischer Behandlung führen, während der Ursprung des Dramas dekontextualisiert wird.
Allerdings werden bereits die in der ICD-10 kodierten beiden Formen der Bindungsstörung (F94.1: Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters; F94.2: Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung) mindestens genauso häufig diagnostiziert wie z. B. schizophrene Erkrankungen, nämlich mit circa einem Prozent Lebenszeitprävalenz, die Bindungsstörungen »offiziell« nur bis zum fünften Lebensjahr, die Schizophrenie erst ab dem Jugendalter. Während bei Letzterer ein umfassender medizinischer Forschungs- und Behandlungsapparat vorgehalten wird, fehlt dies für die große Gruppe der bindungsgestörten Kinder, die ja noch erheblich anwächst, wenn der Begriff auch auf den weiteren Lebensverlauf der Folgen unzureichender frühkindlicher Fürsorge ausgeweitet wird. Letzeres halte ich für legitim und zum Verständnis von psychiatrischen Störungen für geradezu notwendig.
Ein Sammelbecken für die älteren Kinder und Jugendlichen mit einer Bindungsstörung stellt die stationäre Jugendhilfe dar, leider oftmals personell und fachlich nicht hinreichend ausgestattet für die Schwere der zu behandelnden psychiatrischen Störungen. Mittlerweile liegen zahlreiche Untersuchungen vor, die bindungstraumatische Prozesse als Ursprungsvariable schwerster psychiatrischer Erkrankungen belegen (Trost, 2018, S. 183–194). Diese Erkrankungen werden üblicherweise, so gut es geht, im psychiatrischen Versorgungssystem aufgefangen. Nur selten erhalten diese Menschen eine ihrer Problematik angemessene, im Wesentlichen psychotherapeutische und milieutherapeutische Behandlung.
Trotz ihrer frühen Schädigung sind keineswegs alle bindungsgestörten Personen lebensuntüchtig, im Sinne fehlender Alltagskompetenzen. Insbesondere Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung als Folgestörung nach Bindungstraumatisierung performen bisweilen in ihren Berufen und gesellschaftlichen Kontexten durchaus erfolgreich, zeigen aber vielfach Empathieprobleme, sind oft unglücklich und erleben sich als wenig wertvoll oder werden suizidal. Oder aber sie entwickeln kompensatorisch ein erhebliches Machtstreben, oft mit dem Unvermögen, mitfühlend zu sein, und der Bereitschaft, anderen zu schaden.
Aufgrund der neurobiologischen Bedeutung von frühen Interaktions- und Bindungsprozessen für die lebenslange Gehirnorganisation eines Menschen kommt gerade den im allerersten Lebensabschnitt erworbenen Bindungsmustern für die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit eine grundlegende Bedeutung zu. Eine aus den Fühl-, Denk- und Handlungsmustern gelingender Primärbeziehungen gespeiste Haltung dem Leben, den Menschen, der Welt gegenüber ist ausgesprochen segensreich, heute sagt man oft »resilienzfördernd«. Daraus folgt, dass die Unterstützung einer sicheren Bindungsentwicklung eine ganz wesentliche gesellschaftliche Aufgabe darstellt, insbesondere in Volkswirtschaften wie z. B. der deutschen, bei denen das »Humankapital« die entscheidende Quelle für Wohlstand und Fortentwicklung darstellt.
Die Verbindung von Bindungstheorie und systemischer Arbeit fordert auf mehrfache Weise heraus. Dies betrifft z. B. Fragen der Auftragsklärung, des Spannungsverhältnisses zwischen einem konstruktivistischen Verständnis und der Biologie von Bindung sowie die Frage des Timings als wesentlichem Element allen Bindungsgeschehens (das Störungskonzept der systemischen Arbeit und seine Konsequenzen für die Behandlung von Menschen mit einer Bindungsstörung wird in Kapitel 6 erläutert).
Trotz der nach der sozialrechtlichen Anerkennung der systemischen Therapie als Regel-Psychotherapieverfahren breiten Diskursführung zu diesem Thema ist das Konzept einer störungsspezifischen Behandlung im Rahmen der Gesundheitsversorgung in der systemischen Community nicht unumstritten. Soweit ich überblicken kann, hat sich systemische Therapie auch bislang kaum mit dem Thema »Bindungsstörungen« beschäftigt, wohl aber mit den vielfältigen Folgesyndromen mangelnder Bindungssicherheit. Schwere psychische Störungen sind spätestens, seitdem sich die Palo-Alto-Gruppe um Watzlawick, Bateson und Satir mit den familiären Aspekten der Psychosen beschäftigte, eine Hauptdomäne systemischen Reflektierens und Handelns. Gleichzeitig haben andere Wissenschaftszweige wie Medizin, Neurobiologie, Bindungsforschung oder die ursprünglich aus der Psychoanalyse erwachsene Erforschung und Praxis des Mentalisierens maßgebliche Erkenntnisse zum Thema erbracht sowie systemisches Verständnis von Zirkularität und Rekursivität für sich implementiert. Angesichts der großen integrativen und synergetischen Beiträge anderer »Schulen« für Verständnis und Behandlung von Bindungsstörungen dürfen wir uns eingestehen, dass auch Systemikerinnen »nur« mit Wasser kochen.
Sowohl Bindungswissenschaft als auch Systemtheorie entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, der bislang größten von Menschen initiierten, ausgeweiteten und beendeten Katastrophe auf unserem Planeten. Die Protagonisten beider Konzepte erforschten systematisch auf sehr unterschiedliche Weise Beziehungen zwischen Einzelnen, Paaren, Familien und in gesellschaftlichen Gruppierungen. Beide sind vom Geist der Menschenrechte getragen, die ja als Konsequenz aus dieser Katastrophe erstmals formuliert und als ideales, utopisches Vorbild für einen zukünftigen Umgang miteinander etabliert wurden.
Heute, im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts, sind wir – erstmals in der Menschheitsgeschichte – in der Lage, das globale Geschehen in Echtzeit zu verfolgen. Menschengemachter Schrecken, aber auch die Errungenschaften erfahren ihre Resonanz in Milliarden von Menschenhirnen. Der Paläontologe und Theologe Pierre Teilhard de Chardin sagte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts diese informationelle Globalisierung als evolutionären Quantensprung für die Entwicklung der Menschheit voraus (Teilhard de Chardin, 1959/2000, 1967).
Auch wenn wir von der Verwirklichung der Menschenrechte noch weit entfernt sind, liefert die Möglichkeit, zu wissen, was geschieht – und wie es anderen Menschen dabei geht –, eine empirische Basis für die Förderung und Anwendung von Empathie und Perspektivübernahme. Bindungs- und Systemwissenschaft, unterfüttert von den neurobiologischen Erkenntnissen der vergangenen Jahrzehnte, steuern weitere wesentliche Elemente dazu bei. Mittlerweile ist systemisches Denken nicht nur in den Feldern der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der Sozialen Arbeit etabliert, sondern auch im gesellschaftlichen Bewusstsein bezüglich der globalen wie lokalen Zusammenhänge aller menschlicher Aktivitäten mit Auswirkungen auf alle Aspekte von Ökologie, Ökonomie bis hin zum Überleben und Wohlbefinden jeder Einzelnen. Vor diesem Hintergrund erfolgt nun die Beschäftigung mit nicht gut gelungenen Bindungsbeziehungen, also, im allgemeinen Sprachgebrauch, den »Bindungsstörungen«, aus einer integrativen systemischen Perspektive unter Einbezug klassisch-medizinischer Beschreibungen.
Welche Fragestellungen eröffnen sich angesichts dieses Themenaufrisses?
–Was besagt »Bindung« im wissenschaftlichen, empirischen Kontext aus historischer Perspektive, aus der Sicht der evolutionären Bindungstheorie und der Kulturanthropologie?
–Wie wird der Begriff »Bindungsstörung« in Gesundheits- und Jugendhilfekontexten verstanden? Wie wird die Störung erfasst?
–Welche Erklärungsmodelle gibt es für Bindungsstörungen?
–Welche Behandlungsansätze sind möglich, sinnvoll und erfolgversprechend?
–Prävention und Politik: Wie können Bindungsstörungen verhindert werden?
Hieraus folgt nun der Aufbau des Buches: Nach dieser Einleitung (1) halte ich es für ein angemessenes Verständnis der Thematik unabdingbar, im ersten Abschnitt (2) zunächst darüber nachzudenken, wie es kommt, dass Bindungsstörungen erst in der seit 1992 gültigen ICD-10 als Diagnose benannt werden. Bindungsstörungen kann es naturgemäß erst dann geben, wenn Bindung, ob zu wenig, zu viel oder verzerrt, als relevanter Faktor für die Entstehung von Psychopathologie erkannt wird. Das setzt voraus, dass die Frühkindheit, um die es ja geht, als bedeutsame, beachtenswerte Entwicklungsphase anerkannt wird. Diese Einschätzung gibt es, verglichen mit der Existenz des Menschengeschlechtes, erst seit Kurzem. Daher wird eine ausführliche Betrachtung der kulturhistorischen – so weit zugänglich – Bedeutungsgebungen, Einordnungen, Bewertungen von Kindheiten der erste Schritt zum Verständnis dieser Problemlage sein.
Es geht dabei nicht nur um den Hintergrund von Störungsbildern, sondern um ein grundlegenderes Verständnis dessen, was in jeweiligen Kulturen, Geschichtsepochen, sozialen Kontexten als Kindheit angesehen wird und worauf sie abzielt, also was für den jeweiligen Zeitgeist das Mensch-Werden und Mensch-Sein bedeutet. Dies schließt eine transkulturelle Perspektive mit ein. Da wir hierzu allerdings über große Teile der Menschheit nur wenige Informationen haben, betrifft die Darstellung vorwiegend unseren Kulturkreis.
Für ein tieferes Verständnis der bei Bindungsstörungen beobachtbaren, teils auch messbaren leib-seelischen Prozesse, ihrer Phänomenologie und um eine adäquate Behandlung planen zu können, ist (3) eine kurzgefasste Grundlegung bindungstheoretisch-neurobiologischen Wissens notwendig. Anschließend (4) beschreibe ich im Kapitel 4 »Bindung und Trauma« das klinische Erscheinungsbild, beginnend mit der Bindungsdesorganisation und der Geschichte der diagnostischen Einordnung von Bindungsstörungen in die gängigen Klassifikationssysteme, der aktuellen Einordnung in ICD und DSM. Aufgrund der für viele Fachleute unzulänglichen Beschreibung der Störungen in ICD und DSM wird ergänzend ein alternativer Versuch referiert, die Komplexität der Bindungsstörungen einzufangen.
Karl Heinz Brisch hat, Klassifikationsansätze amerikanischer Forschender aufgreifend, bereits 1999 eine deutlich differenziertere Einteilung der Bindungsstörungen im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht (Brisch, 1999/2022). Bindungsstörungen hören danach nicht mit dem sechsten Lebensjahr einfach auf, sondern die betroffenen Menschen zeigen entsprechende (mal-)adaptive Bewältigungsformen, die in der Regel in psychiatrischen (DSM-/ICD-)Diagnosen gefasst werden. Abhängig von Kontextfaktoren ergeben sich so für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene sehr unterschiedliche, oft teilhabebegrenzende Störungsbilder, im optimalen Fall eine weitgehendste Kompensation der schweren frühkindlichen Traumatisierungsfolgen. Solche Verläufe werden vor allem im Behandlungskapitel (7) dargestellt.
Nach kürzeren Abschnitten zu Differenzialdiagnose, Prävalenz, Epidemiologie, Verlauf und Prognose widme ich mich im Kapitel 5 ausführlicher dem diagnostischen Prozess, der, je nach »Schule«, von unterschiedlichen Paradigmen geleitet wird. Die wesentlichen werden hier referiert. Darauf folgt ein Kapitel zu Erklärungsmodellen (6): Bindungsstörungen werden in den verschiedenen psychiatrisch-psychotherapeutischen Verfahren nicht entscheidend unterschiedlich erklärt, wohl aber mit unterschiedlichen Akzenten. Ein an die aktuellen Diskurse anschlussfähiges, dezidiert systemisches Krankheitsverständnis ist noch nicht verfügbar. Dazu versuche ich, einen kleinen Beitrag zu leisten, Anstoß zu geben. Erklärungsmodelle sind Filter und Ordner für Wahrnehmungs- und in der Folge auch Handlungsansätze; bisweilen fällt es mir schwer, diese genau voneinander zu trennen. Daher gehen die systemisch-bindungsorientierten Erklärungsansätze in das 7. Kapitel, zu den Behandlungsansätzen, über.
Nach Überlegungen zu einem allgemeinen Modell der Arbeitsbeziehung ist deren Ausgestaltung das Hauptaugenmerk. Neben einschlägigen psychotherapeutischen Verfahren werden insbesondere auch pädagogische sowie sozialpsychiatrische Aspekte und der Kinderschutz berücksichtigt. Systemische Denk- und Handlungsfiguren bilden hier naturgemäß einen Schwerpunkt, inklusive der interdisziplinären Kooperation, die bei diesen Störungen besonders wichtig und wirksam ist.2
Eine wesentliche Bedeutung für den Einzelnen wie für eine Gesellschaft, letztlich das Überleben auf unserem Planeten, hat auch die Prävention (8) von Bindungsstörungen, eine hochkomplexe und sehr schwierige gesamtgesellschaftliche, letztlich politische Aufgabe. Ihr wird ein kurzes Schlusskapitel gewidmet.
Ein Wort zu den Fallbeispielen: So wie kein Leben eine holzschnittartige Gestalt aufweist, so spiegeln die Fallbeispiele in aller Regel auch nicht einfach eine »Lehrbuchdiagnose« wider; vielmehr differenzieren sich die Lebensverläufe der vorgestellten Menschen vielfältig unter den komplexen Einflüssen von Genetik, Frühsozialisation, individueller Psycho- und Familiendynamik, sozio-ökonomischer Lage und kultureller Prägung. Das soll an einigen Fallgeschichten verdeutlicht werden. Manche kurze Vignette illustriert umrissene thematische Aspekte des Textes; andere, vor allem die ausführlicheren Falldarstellungen, laden zu einem Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken umfassenden Eintauchen in ein lebensnahes Gesamtgeschehen ein und illustrieren systemische Vorgehensweisen.
2Ich erlaube mir, auf die wiederholte Darstellung systemischer Grundpositionen, Methoden und Techniken, inklusive Gesprächsprotokollen weitgehend zu verzichten, und hoffe dafür auf das Verständnis meiner Leserschaft. Neben den klassischen Lehrbüchern liegt eine mittlerweile große Anzahl an hervorragenden Praxisbüchern zur systemischen Arbeit vor. Einige davon habe ich im Anhang aufgelistet.
Während dieses Buch Gestalt annimmt, zieht an meinem inneren Auge eine Reihe von Kindern und Jugendlichen vorbei, die ich in den vergangenen vierzig Jahren in der Praxis begleitet und behandelt habe, und die ich vor dem Hintergrund meiner klinischen Erfahrung zwischen Psychiatrie, systemischer Praxis, Bindungswissen und sozialer Arbeit als »bindungsgestört« bezeichnen würde. In den seltensten Fällen habe ich aber diese Diagnose vergeben. Warum nicht?
Der ICD-Begriff »Bindungsstörungen« ist auch nach den letzten Revisionen der gängigen Klassifikationssysteme unscharf geblieben, nicht optimal operationalisiert und mit Kategorienfehlern versehen. Während Bindungsstörung eine ätiologische Zuordnung widerspiegelt, ist die Syndrom-/Symptombeschreibung, wie in der ICD-10 vorgesehen, strikt phänomenologisch, verhaltensorientiert. Dieses (in der Hoffnung auf eine leichtere Verständigung sowohl in der Fachöffentlichkeit als auch international eingeführte) Prinzip wird interessanterweise für die Bindungsstörungen und in der ICD-11/DSM-5 im gesamten Kapitel der Traumafolgestörungen durchbrochen, indem auf die ursächliche Traumatisierung bzw. die Fürsorgemängel in der Frühkindheit hingewiesen wird. Wie generell bei den psychiatrischen Klassifikationen nach ICD/DSM fehlt auch hier eine genauere Betrachtung des Geworden-Seins, also der entwicklungs-neurobiologischen und -psychologischen Perspektive, der bedingenden und aufrechterhaltenden Kontexte und der subjektiv hilfreichen Aspekte dieser so gravierenden Störungen bei den betroffenen Menschen.
Immer schon haben Menschen versucht, die Entwicklung der eigenen Gattung in bestimmte Gesetzmäßigkeiten zu fassen. In der Antike ging der Philosoph Aristoteles von einer dem Lebensprozess innewohnenden Zielorientierung aus, auf das Erreichen einer reifen Form angelegt (Entelechie). Eine Wirkung von sozialen Umweltfaktoren war in diesem Konzept noch nicht vorgesehen. Comenius entwarf im 17. Jahrhundert bereits eine Pädagogik vom Kind her. Die äußere Einwirkung der Institution Schule müsse allerdings an inneren (Reife-)Voraussetzungen anknüpfen, um wirken zu können, meinte er (Knüppel, 2005; Comenius, 2022). Rousseau (1712–1778) vertraute vor allem auf die innere Natur des Menschen, deren fortschreitende Entwicklung dafür sorge, dass sich das heranwachsende Kind neuen Themen entsprechend seiner Fassungskraft zuwende, z. B. der Religiosität (Flammer, 2009; Rousseau, 1762/1971).
Von den genannten, endogenistischen (also aus dem Inneren des Organismus bedingten) Entwicklungsauffassungen heben sich solche ab, die Entwicklung explizit als Ergebnis von Lernprozessen ansehen. Protagonisten dieser Lernpsychologie des 20. Jahrhunderts wie B. F. Skinner (1948) führten Erzieherinnen zu einem neuen Erziehungsoptimismus: Entwicklung wurde beschleunigt, kanalisiert, Entwicklungsbehinderungen sollten durch gezielte Lernförderung aufgehoben werden. Nebenwirkung dieses Modelles war ein doch sehr mechanistisches Menschenbild.
Etwa zur gleichen Zeit formulierte Sigmund Freud (1917/1981) eine hochkomplexe und den damaligen Vorstellungen entsprechend eher mechanistische Entwicklungstheorie, die auch eine psychische Krankheitslehre einschloss. Die seinerzeit vorherrschende psychoanalytische Anthropologie ließ Säuglinge als wenig sozialfähig, inaktiv und triebgesteuert erscheinen. Freud sah Neugeborene in einem Zustand des »primären Narzissmus«. Demnach wäre die für alles Verhalten konstitutive Triebenergie auf das eigene Wesen hin gerichtet, da Kinder dieses Alters die Umwelt psychisch noch nicht repräsentieren könnten. Ähnlich ging Margaret Mahler von einem »normalen Autismus« aus: Sie unterstellt eine starke Reizschwelle, die eine Außenweltwahrnehmung durch den Säugling fast vollständig verhindere (Mahler, Pine u. Bergman, 1975).
Wie die Lerntheorien entwickelte sich auch die Psychoanalyse auf der Basis der wissenschaftlichen Diskurse fundamental weiter. Die Wendung hin zu einem stärker sozial kompetenten und liebesbedürftigen Kind vollzog als erster Erik H. Erikson (1971) mit seiner Theorie der psychosozialen Entwicklung. Dieser setzte die triebdynamisch definierten psychosexuellen Phasen Freuds mit solchen einer psychosozialen Dynamik in Verbindung und kam zu einer Formulierung von acht Lebensstufen, die im Prinzip universal ablaufen, allerdings auf bedeutsame Weise von kulturellen und Erziehungspraktiken modifiziert werden.
Interessant an diesem Konzept ist auch, dass der Bewältigungsform einer Entwicklungsstufe immer auch ein mögliches Scheitern gegenübergestellt wird: Auf der ersten Stufe geht es um den Erwerb des »Urvertrauens« versus »Urmisstrauens« aus der Erfahrung, dass zwischen der Welt und den persönlichen Bedürfnissen eine Übereinstimmung besteht und dass darüber mit der Zeit persönliche Kontrolle wächst. Diese Übereinstimmung wird durch die Befriedigung der primären Bedürfnisse durch eine Bindungsperson ermöglicht. Eine dauerhafte Nichterfüllung der Grundbedürfnisse nach Nahrung, Schutz und Trost, Anregung und Beruhigung führt zu einer »Entfremdung, zu Rückzug auf sich selbst, Hospitalismus und Depression« (Flammer, 2009, S. 8 ff.). Erikson nimmt hier bereits wichtige Erkenntnisse der Bindungstheorie vorweg, die auch für ein modernes Verständnis der Bindungsstörungen relevant sind.
Weitere bedeutsame Entwicklungstheorien können an dieser Stelle nicht näher ausgeführt werden, genannt seien aber Jean Piaget (kognitive Entwicklung, Adaptation und Strukturgenese; Piaget u. Inhelder, 1976) und Lawrence Kohlberg (1996; Entwicklung der moralischen Urteilfähigkeit) sowie Robert Havighurst (1948/1972; Entwicklungsaufgaben). Kurz erwähnt werden soll aber Urie Bronfenbrenners (1981) komplexes kontextuelles Modell aus ökosystemisch aufeinander bezogenen konzentrischen Kreisen, die er wie folgt benannte:
–Mikrosystem (mein aktueller Lebensbereich, in dem ich wahrnehme und interagiere: Familie, Kita usw.),
–Mesosystem (z. B. die Beziehung einer Mutter zur Lehrerin ihres Kindes),
–Exosystem (die Arbeitsstelle des Vaters aus der Perspektive des Kindes),
–Makrosystem (Werte und Normen, kulturelle Prägungen, die auf das Kind rückwirken) und
–Chronosystem (markante biografische Übergänge: Schuleintritt, Tod eines Elternteils).
Diese Subsysteme bestehen aus Mustern von Aktivitäten, Rollen und Beziehungen, die benennbar und beobachtbar sind. Besondere Beachtung finden in diesem Modell die Übergangssituationen zwischen den verschiedenen Systemen, die jeweils gelingen oder auch scheitern können, z. B. Geburt, Einschulung oder Wohnungswechsel. Bronfenbrenners Theorie liefert einen systemischen Beschreibungs- und Verstehensrahmen für soziale Prozesse, insbesondere für Erziehungsprozesse im Rahmen familiärer und sozialpolitischer Dynamiken. Anders als die Bindungstheorie enthält Bronfenbrenners Theorie kein Modell für den Erwerb innerer Sicherheit und personaler Effektivität (Bronfenbrenner, 1981). Seine Reichweite blieb trotz seiner Schlüssigkeit für sozialpolitisch fortschrittliche Maßnahmen begrenzt. Die Formulierung einer genuin systemischen Entwicklungstheorie über Bronfenbrenners Ansatz hinaus wurde meines Wissens bislang nicht versucht.
Aktuelle Entwicklungstheorien sind interaktionistische, d. h., sie gehen davon aus, dass der Mensch gleichzeitig Gestalter (durch biologisch-evolutionäre wie auch durch kulturell-soziale Prägungen) als auch Produkt (durch die ständige soziale und ökologische Einflussnahme) seiner Umwelt ist. Heute wird am ehesten eine kultursensible Entwicklungspsychologie (Borke, Lamm u. Schröder, 2019) der Aufgabe gerecht, die unterschiedlichen sozialen und Umwelteinflüsse auf dem Weg eines Kindes zum Erwachsenen zu untersuchen und zu bewerten. Die Forschung dazu steht noch am Anfang.
John Bowlby (1944, 1958), der Begründer der Bindungsforschung, ergänzte die psychoanalytische Theoriebildung durch empirische Untersuchungen nach Methoden der Verhaltensforschung (Fonagy, 2001). Dies wurde in der psychoanalytischen Community durchaus mit Ablehnung kommentiert. Dazu konzipierte er Bindung bereits als ein systemisches Konzept; es ging ihm weniger um die verschiedenen Entwicklungsaspekte in einem Individuum als um solche zwischen Menschen in einer Bindungsbeziehung (Bowlby, 1970). In seiner Nachfolge wurde das Konzept innerhalb der letzten siebzig Jahre durch die forscherischen Aktivitäten unzähliger Wissenschaftlerinnen in stetiger Rückkoppelung mit Nachbardisziplinen wie Neurobiologie, Säuglingsforschung, und natürlich der Praxis ausdifferenziert. Sie kann heute als die bestfundierte Entwicklungstheorie gelten und verbindet auf einzigartige Weise interaktionelle mit emotionaler und kognitiver Entwicklung.
Wie in allen Wissenschaftszeigen gilt aber auch hier: Das aktuelle Wissen ist vorläufig und es besteht weiterhin umfassender Forschungsbedarf. Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand können wir aber davon ausgehen, dass in der Bindungsentwicklung das entscheidende Organisationsprinzip für die postnatale Gehirnentwicklung liegt, die in rekursiver Interaktion zwischen genetischen und epigenetischen Prägungen, vorgeburtlichen Erfahrungen und den frühen Interaktionserfahrungen der ersten Lebensjahre strukturiert wird. Eine schwere Störung dieser Bindungsentwicklung zieht mit hoher Wahrscheinlichkeit ernsthafte, oft chronisch werdende psychische Störungen mit erheblichen Teilhabeeinschränkungen nach sich – und müsste damit quasi als Mutter aller psychischen Störungen bezeichnet werden. Bindungsstörungen, wie eigentlich alle psychischen Problematiken, die nicht primär organisch bedingt sind, können aus meiner Sicht daher nur auf der Basis soliden Bindungswissens – und systemischen Denkens – verstanden werden.
Grundlagen dessen werden im zweiten Teil dieses Kapitels näher thematisiert. Zunächst aber geht es um die Frage, welchen Stellenwert Kindheit in der Menschheitsgeschichte hatte und welcher heute gilt: Die Diagnose »Bindungsstörung« ist nur dann sinnvoll, wenn Bindung als relevantes Organisations- und Verhaltensprinzip für die Frühkindheit erkannt wird. Der nächste Abschnitt soll daher zunächst zeigen, dass dies in der Menschheitsgeschichte keineswegs immer so war und wie es sich heute darstellt.
Die psychischen Phänomene menschlichen Denkens und Handelns werden in Begriffen von »intentionalen« Zuständen gedeutet und verstanden. Clemens Brentano (1874a, 1874b) führte den Begriff in die moderne Philosophie ein, er wurde durch Husserl (1901; Ströker, 1992) aufgegriffen und zu einem zentralen Konzept der Phänomenologie. Diese bei Lebewesen beobachtete Gerichtetheit jeglicher (Inter-)Aktion findet sich bei physikalischen Phänomenen nicht: Eine Lawine hat eine Wirkung, aber kein Ziel, während die motorische Aktivität des Regenwurms der Nahrungssuche dient; als Nebenwirkung wird der Boden gelüftet.
Der Begriff »Intentionalität« umfasst die Bezogenheit auf einen Inhalt oder ist auf ein Objekt gerichtet, in Beziehungsangelegenheiten auf ein Gegenüber. Intentionale Handlungen wie Wahrnehmungen, Glaubenshaltungen oder Begierden sind damit charakteristisches Merkmal des Mentalen. Geteilte Intentionalität führt zu einem »Wir«, z. B. in der gemeinsamen Brutpflege bei Vögeln, manchen Fischen und Säugetieren. Menschliche Kommunikation, vorsprachliche wie sprachliche, entwickelt sich im günstigen Fall zu kooperativer Kommunikation, die wir dann als »gelingend« bezeichnen.
Intentionalität unterliegt evolutionären und kulturellen Einflüssen: Empathie, als Paradebeispiel für geteilte Intentionalität, hält nicht nur ein gemeinsames Ziel (»Diesen Acker umgraben!«), sondern auch die mentale Verfasstheit meines Gegenübers für relevant (»Ich sehe, du bist traurig, ich fühle mit dir und zeige dir das auch!«). Die redundante intentionale Deutung und Beantwortung von menschlichen Lebensäußerungen konstituiert Kultur, von Anfang an: Ob ich das Weinen eines Säuglings als Ruf nach Nahrung, als Zeichen von Verwöhntheit, als legitimen Nähewunsch deute, macht einen Unterschied, nicht nur in Bezug auf die physischen wie psychischen Gleichgewichtszustände des Babys. Dieser Unterschied ist gleichzeitig Produkt wie auch Quelle kultureller Prägung und kultureller Unterschiede: Emotionsarme, nichtresponsive Versorgung ist Ausdruck von lebenserhaltender, aber nicht beziehungsstärkender Fürsorge. Die Deutung des Weinens als Verwöhntheit konstruiert den Säugling in ein Machtgefüge: »Ich lasse nicht zu, dass dieser Wurm mich beherrscht!« Und die Deutung als Wunsch nach Nähe weiß um das lebenserhaltende Bedürfnis nach physischer Nähe und hilft, ein entspanntes entwicklungsförderliches Miteinander entstehen zu lassen.
Alle diese Reaktionen werden auf der Grundlage neurophysiologischer Zustände moduliert, die je nach menschlicher Notlage und Ressourcenverfügbarkeit mehr oder weniger »durchschlagen«: Im Überlebenskampf darf ich nicht empathisch sein; wenn ich meine Selbstwirksamkeit als eingeschränkt erlebe, muss ich abwehrbereit gegenüber – vermeintlicher – Dominanz sein. Nur wenn ich mich – innerhalb meiner Gruppe und mit mir selbst – sicher fühle, kann ich in eine kooperative Kommunikation treten, die mich und den anderen wahrnimmt und gelten lässt. Bindung und Mentalisieren sind die Agenzien dieser Kommunikation (siehe Kapitel 3.3). Vor diesem Hintergrund betrachten wir die Kindheitsgeschichte im doppelten Kontext von evolutionär angelegten Überlebensstrategien und kulturellen Prägungen.
»Kindheit« und »Erwachsensein« sind zentrale Kategorien moderner Gesellschaften; beide Begriffe sind kulturell konstruiert und ihre Konstruktionsprozesse bedingen sich gegenseitig (Winkler, 2017). Die Differenzierung von Kindern und Erwachsenen als fundamental unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen hat historische, kulturelle, aber letztendlich auch ökonomische, politische und juristische Bedeutung. »Kindheit« ist somit ein komplexer, keineswegs selbstverständlicher Begriff, auch wenn wir heute generell die erste Lebensphase der Menschen so benennen. »Kindheit« enthält ein psychosoziales Konzept, das, soweit wir schriftliche und Bildquellen zurückverfolgen können, erst spät in der Geschichte der Menschen entstanden ist. Heute beleuchtet die Disziplin der Kindheitsgeschichte die unterschiedlichen Rollen von Kindern in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen und Gesellschaftsschichten, welche Position und Funktion ihnen zugeschrieben wird und wie sich gesellschaftliches Leben an Kindern orientiert.
Die erste systematische Untersuchung dieser Lebensphase unternahm 1960 der französische Historiker Philippe Ariès (1914–1984). Er erforschte anhand von literarischen und Bildquellen die historische Wandlung der Kindheitswahrnehmung in seinem Kulturraum mit seiner nahezu enzyklopädischen Studie »L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime« (Ariès, 1960). 1975 erschien das französische Original als »Die Geschichte der Kindheit« erstmals in deutscher Übersetzung. Ariès’ zentrale These lautet: Die Kindheit als eigenständiger sozialer, kultureller und emotionaler Lebensabschnitt wurde erst ab der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert definiert. Entsprechend benennt er diese Periode als »die Entdeckung der Kindheit« (Ariès, 1978/2014; frz. Original 1960). In der mittelalterlichen Gesellschaft und noch weniger in der Antike habe es dieses Konzept nicht gegeben. Die Gefühlsbindung der Eltern zu ihren Kindern sei aufgrund des hohen Sterblichkeitsrisikos und der hohen Geburtenrate nur sehr lose gewesen, ging über eine gewisse Grundaffektivität im Säuglingsalter fast nicht hinaus. Dies impliziert, dass Kinder kaum als Individuen wahrgenommen wurden. »Kindheit« war vielmehr ein Synonym für das Überwinden der ersten, besonders gefährlichen Lebensjahre, die mit existenziellen Ängsten und Risiken besetzt waren. Hatten die Kinder diese Lebensphase überstanden, wurden sie so früh wie möglich in das Arbeitsleben der Erwachsenen integriert. Ariès’ Ansicht nach war die Familie bis zum 17. Jahrhundert eine Schicksalsgemeinschaft und kaum Ort gegenseitiger Zuneigung und Liebe.
Der Blick in die Antike scheint viele Annahmen Ariès zu bestätigen: Kindern, als die Bevölkerungsgruppe, die ja doch die Zukunft der Älteren sichern sollte, erging es oft nicht gut. Im antiken Griechenland wurde die Kindheit als Zeit menschlicher Unvollkommenheit missachtet. Kinder wurden von angesehenen Philosophen mit Sklaven oder Tieren verglichen; wenn es nötig sei, müsse man sich ihrer auch entledigen; das forderte sogar Aristoteles (1970/2023) für behinderte oder schwache Kinder. In Sparta wurde von dem Ältestenrat, nicht einmal von den Eltern, über Leben und Tod der Kinder entschieden. Im Übrigen wurden dort Jungen, die als lebenswert galten, bereits mit sieben Jahren von ihren Eltern getrennt, um in einem sportlich-militärischen Training zu Kämpfern oder Wettkampfathleten erzogen zu werden. In Rom hing es allein vom Vater ab, ob er den Säugling annahm, aussetzte oder sogar töten ließ. Kindstötungen in großer Zahl sind archäologisch belegt, z. B. bei ungewollten Bordell-Kindern, wie durch archäologische Funde im römischen Xanten belegt werden konnte, aber auch im hebräischen Ashkelon oder in England (Blümel, 2011).
Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, desto geringer waren der Stellenwert und die Rechte von Kindern. In den antiken Hochkulturen war Infantizid nichterwünschter oder behinderter Kinder üblich, vielfach wurden Kinder aus religiösen Gründen geopfert. Kinder für sexuelle Zwecke zu »nutzen«, war legitim und zeitweise sogar idealisiert. Kinder galten lange Zeit als »kleine Erwachsene« und mussten unter oft unsäglichen Arbeitsbedingungen zum Familieneinkommen beitragen, z. B. in Silberminen oder im Salzbergwerk Hallstatt, einer der damals reichsten Gemeinden Europas, wo dennoch schon Zweieinhalb- bis Dreijährige unter Tage die Lichtspäne wenden mussten, damit die Grubenarbeiter etwas sehen konnten. Bereits Siebenjährige zeigten Abnutzungserscheinungen an den Kopfgelenken durch das jahrelange Tragen von Lasten auf dem Kopf (Pany-Kucera, Reschreiter u. Kern, 2010).
Das eben Gesagte galt möglicherweise nicht für die Kindheit in einzelnen Reichen des alten Ägypten (Feucht, 1986). Kindesaussetzung, Kindstötung oder Misshandlung galten dort als unmenschlich. In den überlieferten Schriften, die – der damaligen Zeit entsprechend – vor allem das Leben der Oberschicht behandelten, wird regelmäßig das Bild einer liebevollen Eltern-Kind-Beziehung gezeichnet, mit bewusster biparentaler Herkunft, Erziehung und Verantwortung für das Kind, Jungen wie Mädchen. Der Vater bekam zur Geburt frei; der Name des Kindes wurde von beiden Elternteilen ausgesucht. Früh verstorbene Kinder wurden intensiv betrauert; die Mutter-Kind-Bindung kann folglich als eng gelten. Kinder wurden lange, teils bis zu drei Jahren gestillt (Feucht, 1986). Harmonische Familienbeziehungen stellten in diesem Kulturabschnitt ein bedeutsames Ideal dar. Kindesliebe gab es also sehr wohl schon vor Beginn der Moderne, während Grausamkeiten gegenüber Kindern nicht mit dieser endeten.
Mit dem Erstarken des Christentums, aber auch schon im Alten Testament, wurde durch eine allgemeine Aufwertung des Lebens auch die Wertschätzung von Kindern erhöht. Im Jahre 318 n. Chr. ließ der zum Christentum konvertierte Kaiser Konstantin Kindstötungen verbieten und unter schwere Strafe stellen (Häßler, Schepker u. Schläfke, 2008). Zumindest theoretisch ist die Bedeutung des Kindes als vollwertiger Mensch dem Christentum immanent, kam doch der Erlöser als neugeborenes Kind in die Welt. Genau diese Vorstellung des eigenen Kindes als Erlöser übermittelten mir übrigens auch mehrere opiatabhängige Mütter in einem Forschungsprojekt zur frühen Mutter-Kind-Interaktion: »Dieses Kind wird mich aus meinem (Sucht-)Elend erretten, Schuld von mir nehmen und mir eine neue Zukunft geben!« (Trost, 2013, S. 123).
Die Ergebnisse von Ariès’ umfangreichen Forschungen müssen partiell relativiert werden, denn in mittelalterlichen Schriften und Bildern finden sich durchaus auch Aufzeichnungen von Wiegenliedern, Anleitungen für eine zumindest physisch angemessene Behandlung von Säuglingen. Kinder galten wohl bis zum siebten Lebensjahr als »ohne Verstand«. Das berühmt-berüchtigte – allerdings nicht wirklich belegte – Experiment des Kaisers Barbarossa im Jahre 1234, der etliche Säuglinge von Kinderpflegerinnen ohne jegliche Kommunikation und Zuwendung versorgen ließ, zeigt allerdings ein forscherisches Interesse an früher Kindheitsentwicklung. Dieser, aus heutiger Sicht unmenschliche Versuch sei, so überliefert, zum Herausfinden der »Ursprache« aller Menschen konzipiert worden. Durch ihn wurde deutlich, dass Kinder ohne Interaktion, ohne Liebe und Zuwendung nicht überleben können und diese Kommunikation daher zur Essenz des Menschseins gehören muss (Hanawalt, 1995).
Ab dem 12. Jahrhundert begann auch die Kirche, Kindheit als einen anders gearteten Lebensabschnitt als das Erwachsenenalter anzusehen; die Vermittlung von Lesen und Schreiben wurde wichtiger, freilich zunächst für die adeligen Kreise. In der Literatur finden sich häufiger emotionale Beschreibungen des Verhältnisses zwischen Eltern und Kind. Zu diesem Zeitpunkt beginnt auch die Institutionalisierung der Kinderfürsorge, insbesondere in Findelhäusern. Etwas später werden Kinder zu einem wichtigen Motiv in der Kunst und im 15. Jahrhundert kommen Ratgeber für Eltern in Umlauf (Hanawalt, 1995).
Noch im Verlauf des Mittelalters kommt es in Mitteleuropa zur Loslösung des Menschen aus der Geschlossenheit des frühmittelalterlichen Selbst- und Weltbildes. Er schaut nun sich selbst und die Welt zunehmend aus einer außenstehenden Position an, und er erschafft die Utopie des Individuums als »eines Gott ebenbildlichen, rationalen, die Welt nicht nur erkennenden, sondern zugleich auch erschaffenden Subjekts« (Rotthaus, 2021a, S. 65). Rotthaus nennt das »die Erfindung des Individuums« (S. 65) und betont damit, dass es eine solche Trennung von Gott, Natur und den Menschen bis dahin nicht gegeben habe. Diese vielleicht etwas überspitzte Formulierung weist darauf hin, dass bis zu dieser Epoche die Wahrnehmung von Individualität, deren Gegenüberstellung zur übrigen Schöpfung und zum Kosmos nur verhältnismäßig wenigen Menschen, wie Philosophen, anderen Gelehrten, manchen Adligen – auch aufgrund ihrer ökonomischen Situation – möglich war. Der Mensch wird sich seiner selbst bewusst, er ist eben nicht mehr (nur) eingebetteter Teil der gesamten Schöpfung, sondern vor allem er selbst, im Gegenüber zu den Anderen, zur Natur, zur Erde, zu Gott. Diese Entwicklung zu einem anthropozentrischen und letztlich dualistischen Weltbild wird durch die zunehmende Bedeutung des Buchdrucks und in dessen Folge von Bildung befördert.
Autonomie und Verbundenheit sind beides Grundbedürfnisse; wie und in welchem Ausmaß sie in verschiedenen kulturellen Kontexten verwirklicht werden, hängt davon ab, wie Nahrungsbeschaffung, Lebensraumsicherung, Verfügbarkeit von Bildungsangeboten jeweils organisiert sind. Individualität und Kollektivismus sind dabei keine Gegensatzpaare, sondern unterschiedliche Ausprägungen auf einem Sowohl-als-auch-Kontinuum, immer parallel vorhanden, allerdings mit sehr unterschiedlicher Gewichtung. Dies entspricht der menschlichen Existenz als biologisch operational geschlossenem Organismus, das gleichzeitig auf Gemeinschaft und Beziehung angewiesen ist.
Das 16. und 17. Jahrhundert in Europa wird zur »Frühen Neuzeit«. Der Mensch – gemeint war damals selbstverständlich der weiße, erwachsene Mann – wurde zum Gegenstand von (Selbst-)Reflexion mit der Notwendigkeit zur Erziehung, Selbstvervollkommnung. Vernunft und Denken wurden idealisiert und die Kindheit als eine wesentliche Periode angesehen, den Menschen auf dieses Ideal hin zu einem gebildeten und für die Gesellschaft nützlichen Wesen zu formen. Kinder, verstanden als »Tabula rasa«, brauchten eine besondere Behandlung und intensive Kontrolle, da sie unfertig, unzivilisiert und unselbstständig waren. Damals wurden zahlreiche Werke, die wir heute pädagogisch nennen würden, als moralphilosophische Abhandlungen verfasst, daneben gab es aber auch spezielle Schriften, die sich an Kinder richteten. In diesen ging es sowohl um die Förderung von Tugendhaftigkeit wie auch um Unterhaltung.
Trotz dieser neuen Entwicklung lebten Kinder damals, wie in manchen indigenen Gesellschaften heute noch, in einer Art natürlichem Lehrlingsverhältnis: Sie wuchsen als kleine Erwachsene auf, die mit zunehmenden körperlichen und mentalen Kräften schon bald mit Aufgaben betraut wurden, die für den Lebenserhalt der Familie, der Sippe notwendig waren. Sie wurden aber eben nicht als Kinder mit ihren speziellen Bedürfnissen und Möglichkeiten wahrgenommen.
Mit dem Aufkommen des Protestantismus wurde eine gottgefällige, religiöse Erziehung von Kindern, die wegen ihres Unwissens und ihrer Instinktsteuerung den Gefahren der Sünde und der Verdammnis leicht ausgeliefert erschienen, besonders wichtig. Gerade in der puritanischen Erziehung wurden physische und psychische Gewalt bewusst als erzieherische Mittel eingesetzt, um den vermeintlich triebhaften, destruktiven Willen des Kindes zu brechen.
Die heute bedeutsame Vorstellung von einer gelingenden Erziehung im Sinne des Kindes wurde erst durch eine revolutionäre Idee angestoßen. Mit der fortschreitenden Aufklärung – besonders durch den einflussreichen Roman »Émile ou De l’éducation« (1762/1971) von Jean-Jacques Rousseau – änderte sich das Bild von einer guten, glücklichen Kindheit grundlegend hin zu einem romantischen Kindheitsbild, das sich gegen die Vernunftideale der frühen Aufklärung wandte. Rousseau forderte, dass sich Kinder frei entwickeln und unbelastet ihren Neigungen nachgehen dürfen. Die Erwachsenen sollten sie dabei lediglich unterstützen. Auch hier waren Bindungsaspekte nicht im Vordergrund. Mit Rousseaus Werk wurde das Konzept der autoritären Erziehung erstmals grundlegend hinterfragt; es blieb dabei nicht ohne lautstarke Gegenreaktionen. Zu lange waren Kinder Besitztümer ihrer Eltern gewesen, mit denen quasi nach Belieben verfahren werden konnte.
Wie mit der Aufklärung das Ideal der freien Selbstentfaltung immer mächtiger wurde, wurden Kinder, die zuvor einfach mitliefen, zunehmend kontrolliert und in ihrer Entwicklung normiert. Die Schulpflicht sollte einerseits zur staatlichen Teilhabe vorbereiten, andererseits beschränkte sie ihre Freiheit und schloss sie vom öffentlichen und politischen Leben aus.
War seit der Antike die Vorstellung verbreitet, Menschen würden bösartig geboren, setzte sich während der Aufklärungszeit die Auffassung durch, Kinder seien unschuldig, schutzwürdig und formbar. Dieser Wandel zu einem romantischen Kindheitsideal schlug sich in der Wahrnehmung von Kindern ebenso wie in ihrer Erziehung nieder. Erst jetzt wurde Spiel mit Kindern assoziiert und es entstand eine spezifische Kinderliteratur, nach und nach auch eine spezifische kindliche Konsumkultur. Gleichzeitig trennte sich mit der zunehmenden Zahl von Schulen, Jugendorganisationen, Kinderzimmern und Spielplätzen die Welt der Kinder räumlich mehr und mehr von derjenigen der Erwachsenen. Auch die im Mittelalter noch allgegenwärtige Präsenz von Sexualität wurde zunehmend von der Kinderwelt getrennt.
Um das Kind von der Unvernunft zur Vernunft zu bringen, bedurfte es nicht mehr primär der religiös-moralischen Belehrung, sondern eben der Erziehung und Bildung, die zunehmend in die Hände von Experten gelegt wurden. Da Schwangerschaft und Geburt ebenso wie die Stillzeit und die ersten Lebensmonate für das Kind als höchst gefährliche Zeit galten, spezialisierten sich zunehmend mehr Ärzte für die Behandlung von Kleinstkindern, wodurch das Feld, das bislang von Frauen – Müttern, Ammen, Hebammen – beherrscht worden war, durch die (männlichen) Ärzte besetzt wurde, die allerdings mehr wissenschaftliche Schriften und Ratgeber verfassten, als dass sie unmittelbaren Kontakt mit Säuglingen und Kindern hatten (Winkler, 2017).
Das Bild der Kindheit veränderte sich erneut: Das Kind galt nun als in seiner Art kostbar, den Erwachsenen in Fantasie, Gefühl und Einfühlungsvermögen überlegen. Der Ursprung seiner Entwicklung war nicht mehr allein das Ergebnis der Erziehung durch Erwachsene, sondern das Kind selbst.
Die Familie erschien nun als »sittliche Institution«, dabei als quasi staats- und rechtsfreier Raum, in dem die Beziehungen untereinander durch Sorge und Liebe, aber auch mit Autorität und Gewalt geregelt wurden. Der Begriff der »elterlichen Gewalt« wurde erst 1980 im BGB durch den der »elterlichen Sorge« ersetzt. Das Kinderzimmer entwickelte sich zu einem wesentlichen Merkmal eines Bürgerhauses. Es diente gleichsam als Schutz- und Entwicklungsraum für die Kinder sowie als Instrument zur Separation von der Erwachsenenwelt, um Störungen zu vermeiden. Dazu kam das sogenannte »pädagogische Moratorium«, die Entpflichtung junger Menschen von Erwerbsarbeit und Reproduktion (Zinnecker, 2000).
Allerdings: Auch wenn aufklärerische Erziehungsideale und abnehmende wirtschaftliche Not das Kindereinkommen zunehmend entbehrlich machten, mussten Kinder – nicht nur aus ärmeren Familien – weiterhin hart arbeiten. Viele erlitten gesundheitliche, physische und psychische Störungen und Entwicklungsbehinderungen. Dennoch bildete die Verantwortung, die Kinder für die Familie übernahmen, auch eine Grundlage für Wertschätzung und Teilhabe. Beispielhaft beschrieb Charles Dickens mit seinem »Oliver Twist« (1838/1914/2011) die Problematik der kleinen Schornsteinfeger, die als chimney sweepers einer harten und gefährlichen Arbeit nachgingen und dabei trotz ihres zarten Alters in ihrem gesamten Habitus wie mittelalte Männer wirkten. Problematisiert wurde diese Tatsache durch das Auftauchen zahlreicher, aus der Mittelschicht stammender Hilfsorganisationen, die die Arbeit Minderjähriger thematisierten und so auch das Konzept der Kindheit zu retten versuchten. Ab 1788 durften Kinder per Gesetz erst mit dem achten Lebensjahr und der Zustimmung ihrer Eltern diesem Gewerbe nachgehen. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts trat ein Kinderschutzgesetz in Kraft, das Arbeit in Gewerbebetrieben für Jungen und Mädchen unter zwölf Jahren verbot.
Im Kontrast zur Realität des arbeitenden Kindes steht mit dem Pädagogen Friedrich Fröbel (1782–1852) das Aufkeimen der Kindergartenbewegung, die einen geschützten Raum für das ungestörte, organische Aufwachsen bereitstellen wollte (Fröbel, 1826). Der evangelische Pfarrer Oberlin (1740–1826) gründete im Elsass die ersten »Kleinkinderbewahranstalten« für Kinder unter drei Jahren als Antwort darauf, dass Eltern im Zuge der rasant fortschreitenden Industrialisierung immer häufiger das Haus verlassen mussten und ihre Kinder ohne Aufsicht zu Hause ließen, was zu physischem und psychischem Leiden führte (Sturma, 2024). Diese Bewahranstalten verbreiteten sich in ganz Europa; aus ihnen gingen dann, von Frankreich ausgehend, die Krippen hervor, die, aus der Not der Familien geboren und mit einer gewissen fachlichen Pflege, zeitweise als bessere Alternative zu Pflegefamilien und Findelhäusern galten. Reifungsverzögerungen und seelische Deprivation waren damals noch keine zentralen Themen.
Das 20. Jahrhundert gilt gemein als das »Jahrhundert des Kindes«. Bei genauerer Betrachtung ging es bei dem gleichnamigen »Schlüsselbuch« der schwedischen Autorin Ellen Key (1900/1902) aber weniger um das Gedeihen des einzelnen Kindes als um ein neues Ideal eines gerade und aufrecht dastehenden Menschen, eines höheren »Typus Mensch«, inklusive der sozialdarwinistischen Auslese von psychisch und physisch unheilbaren und missgestalteten Kindern (Winkler, 2017, S. 7).
Ab der Schwelle des 20. Jahrhunderts wurde die Kindheit in gewisser Weise sakralisiert: Das Kind wurde nicht mehr als Kostenfaktor und Arbeitskraft, sondern als emotionaler Schatz angesehen, der seinen Wert aus seinem hilflosen, unschuldigen Sein gewinnt. Dies wandelte auch den nordamerikanischen Adoptionsmarkt, auf dem nunmehr kleine, vormals als Arbeitskraft unnütze Mädchen hoch im Kurs standen, während kräftige, halbwüchsige Jungen kaum noch gefragt waren.
Seit 1919 gilt für ganz Deutschland die Schulpflicht, womit gleichzeitig eine »Entökonomisierung« und eine Scholarisierung von Kindheit implementiert wurde. Kinder waren zunehmend seltener Produzenten, denn Konsumenten: Sie wurden für die Gesellschaft eine Zukunftsressource, für Eltern zu emotionalen Beziehungspartnern und Sinnstiftern (Kränzl-Nagl u. Mierendorff, 2007). Damit ging eine Familiarisierung, Privatisierung von Kindheit einher.
Mit der Entwicklung der modernen Nationen wurde die Kindheit zunehmend »nationalisiert«. »Unsere Kinder« wurden zu einer Art nationalem Gut, welches notfalls mit allen Mitteln geschützt und vor fremdem Zugriff gerettet werden musste. Hier verband sich die Tradition des romantischen Nationalismus mit dem Paradigma der romantischen Kindheit.
Im Nationalsozialismus wurden Eltern als »Treuhänder« verstanden, die ihre Kinder letztlich für Reich und Führer versorgten und erzogen (Liebler-Fechner, 2001). Einerseits verlangte die Rassenideologie nach gesunden, starken Körpern und förderte zunächst einen Schutz- und Entwicklungsraum für Kinder; andererseits ging es aber darum, die Kinder frühzeitig an die zu erwartenden Härten des Lebens zu gewöhnen, was in letzter Konsequenz zur Unterordnung unter rassenideologische Zwänge und zur Aufgabe eigener Bedürfnisse und Strebungen führen und letztlich in die Gehorsamsstrukturen des Militärdienstes münden sollte. Ab 1943 wurden 15-jährige Jungen zwangsrekrutiert. Natürlich wurde in den NS-Konzentrationslagern das Verständnis der Kindheit als einer Lebensphase, die besonderen Schutz braucht, systematisch außer Kraft gesetzt. Ganz im Gegenteil nahmen die nationalsozialistischen Pläne für eine Vernichtung unliebsamer Bevölkerungsgruppen gezielt deren Kinder in den Blick.
Das damalige Standard-Mütterberatungsbuch der NSDAP-Kinderärztin und »Vorzeigemutter« Johanna Haarer forderte für die Säuglings- und Kleinkindzeit explizit nichtresponsives und bindungsvermeidendes Verhalten der Bezugspersonen, zur Vorbeugung von Verwöhnung und Verweichlichung, einschließlich der ausdrücklichen Sanktionierung der »intuitiven elterlichen Kompetenzen«, also der primär biologisch angelegten Fähigkeiten, sich in der Kommunikation auf die biopsychischen Möglichkeiten des Säuglings einzustellen (siehe Kapitel 3.3.1). Diese sind als Voraussetzung für eine gute Passung zwischen Eltern und Säugling und damit für dessen Entwicklungsfähigkeit wissenschaftlich unstrittig. Ihr Werk zur NS-Kindererziehung »Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind« (1934) diente sogar lange nach dem Krieg noch als Lehrbuch in Berufs- und Fachschulen; es wurde (unter Weglassung des Wortes »deutsche« im Titel) bis ins Jahr 1987 wiederaufgelegt. Die jüngste Tochter Gertrud bestätigt in ihrer Biografie die Kälte und Grausamkeit in ihrer Primärsozialisation und das Festhalten der Mutter an der Naziideologie noch bis zu ihrem Tode (Haarer u. Haarer, 2012).
Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie lange diese menschenverachtende Lebenshaltung ihre Schatten bis in heutige Zeiten wirft, mit weitreichenden Folgen für die Bindungssicherheit und letztlich für die Fähigkeit zur adaptiven Lebensbewältigung ganzer nachfolgender Generationen. Manche Historikerinnen (Gebhardt, 2009) sehen in der bindungsverneinenden Haltung jener Zeit allerdings weniger den durch den Nationalsozialismus auf die Spitze getriebenen typischen »deutschen Charakter« als ein Ergebnis schwerer Stressbelastung für Kinder und Eltern in den nahezu durchgehend krisenhaften gesellschaftlichen Situationen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Diskursänderung von der Betonung der elterlichen Autorität über das Kind hin zu einer repressionsarmen, an den biopsychosozialen Bedürfnissen der jeweiligen Entwicklungsphase des Kindes orientierten Erziehung hatte sich bis dahin z. B. in den USA schon weitverbreitet, während besonders in Deutschland die »alte« Ideologie der strikten Regulation von Schlaf, Ernährung, Aktivität bis hin zur »Ausmerzung« unerwünschter Verhaltensweisen persistierte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konstatierte der Psychiater Bertram Schaffner von der Columbia University, dass eine Entnazifizierung der Deutschen bei der väterlichen Gewalt und dem kindlichen Gehorsam ansetzen müsse. Er war vom amerikanischen Militärregiment mit einem Gutachten über »die deutsche Familie« beauftragt worden (Schaffner, 1948).
Das Spannungsfeld zwischen kindzentrierter (moderner) und repressiver (traditioneller) Erziehung blieb hierzulande noch für Jahrzehnte virulent. So nannten 1951 nur 28 Prozent der Befragten einer EMNID-Studie (1998) die Erziehungsziele »Selbstständigkeit und freier Wille«, wohingegen dies 1995 schon 62 Prozent taten, während die Nennungen für »Gehorsam und Unterordnung« im gleichen Zeitraum drastisch zurückgingen. Mit den Protestbewegungen der 1968er Jahre wurde Erziehung zum Kristallisationspunkt für grundlegende Kritik. Ablesbar war der Wandel an verschiedenen neuen gesetzlichen Regelungen, z. B. der Gleichstellung nichtehelicher Kinder 1970, der Abschaffung der Prügelstrafe an allen Schulen der Bundesrepublik 1973 (in der DDR übrigens offiziell schon seit ihrer Gründung 1949). Das Züchtigungsverbot wurde in der Regel zunächst in den Schulordnungen festgeschrieben, bevor es auch gesetzlich verankert wurde. 1980 wurde der Begriff der elterlichen »Gewalt« durch den der »Sorge« ersetzt. Erst seit 1998, wie bereits erwähnt, haben Kinder bei uns ein verbrieftes Recht auf gewaltfreie Erziehung. Die fortschreitende Auflösung fester, traditioneller Familienformen war vermutlich eine wichtige Voraussetzung für die Stärkung der Rechtsposition von Kindern hierzulande.
Der entwicklungspsychologisch unterlegte Kindeswohlbegriff und die Akzeptanz des Kindeswillens veränderten die Hierarchie der Generationen und verschoben nach und nach das Gleichgewicht im gesellschaftlichen Bewusstsein hin zu einer umfassenden Kindzentrierung mit oft kaum erfüllbaren Optimierungsvorstellungen, die naturgemäß viele Eltern verunsicherten. Peter N. Stearns (2003) bezeichnet das 20. Jahrhundert daher als eine Zeit überängstlicher Eltern.
