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Die bipolare Störung wird auch als „manisch – depressive“ (Erkrankung) bezeichnet. In diesem Buch gehe ich auf die Symptome der Erkrankung ein und suche nach einem möglichen Ursprung. Dabei erkläre ich anhand ausführlicher Beispiele die Störung und ihre Auswirkungen auf Leben, Liebe & Arbeit aus der Sicht einer Betroffenen. Im Vordergrund steht hier die positive Entwicklung seit Erstellung seit der Diagnose...
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2015
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„Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit!“
~ Aristoteles 384 – 322 v. Chr.
"Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn,
dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.
Und wenn du lange in einen Abgrund blickst,
blickt der Abgrund auch in dich hinein."
*Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse
Vorwort
Einleitung
Mein „ganz normaler“ Wahnsinn
Diagnose: Ende & Anfang
Glauben... heißt: sehr wohl zu wissen!
Der Wandel
Therapie oder nicht?
Ich
„To do Liste“
Ein leerer Tag
Das bisschen Haushalt...
Organisation ist alles!
Verrückt, oder?
„Soll ich dich morgen abholen?“
„Ich muss dir was beichten...“
Nur Unsinn im Kopf!
„Wir treffen uns auf dem Spieler!“
Hinter der Kirche
Meine Schwester und ich, allein zu Hause!
Feuer!
Die Tüte auf dem Schrank
Allein unter Freunden
Strohrum
Achtung, Achtung: Pubertät!
Schule und Abschluss
Zweite Ehe ~ zweites Kind
Vom Leben als Single
Wahnsinn reloaded
Kaputt ist kaputt, oder nicht?
System... ERROR!
Vom „Filme fahren“...
Film & Realität
Symptome einer BPS
Was ist eine bipolare Störung?
Symptome und Eigenschaften
Gesteigerte Aktivität
Unruhe, Ruhelosigkeit
Konzentrationsschwierigkeiten
Gesprächigkeit, Rededrang
Vermindertes Schlafbedürfnis
Leichtsinniges Verhalten
Verschuldung
Erhöhte Ausgaben
Die Neigung zur Sucht...
Leichtsinn - Schwachsinn – Unsinn Wahnsinn!
Verlust sozialer Hemmungen
Tollkühnes / Rücksichtsloses Verhalten
„Gedankenrasen“
Erhöhte Vulnerabilität
Gesteigerte Geselligkeit
Extrovertiert oder introvertiert?
Ideenflucht
Überhöhte Selbsteinschätzung
Ablenkbarkeit
Ständiger Wechsel von Aktivitäten
Sexualität...
Steigerung der Libido (Liebeslust)
Erotischer Style contra „Mama-Outfit“
Suizid-Gedanken
BPS & Beruf
Arbeiten mit einer Störung?
Ausbildung
Diskothek
Werbefirma
Cocktail-Bar
Imbiss
Kneipe
Tanzbar
Buchhaltung...
Umzug und Arbeitssuche
Hotel
Call-Center
Arbeiten von zu Hause aus...
Im Visier der armen Irren
Der Schulbus
Schule als Arbeitsplatz
Stigmatisierung und Beruf
Was hätte ich zu befürchten....?
Familie und Partnerschaft mit BPS
Partnerschaft, wie viel davon ist Störung?
Kennenlernen im Internet
Akzeptanz & Toleranz
Einigkeit und Zusammenhalt
Unsere Entwicklung
Kindererziehung
Ein tragischer Unfall mit Folgen
Ein Magnet für Verrückte
Familie
Zum Schluss – Suizidgedanken
Zu aller erst möchte ich schon zu Beginn darauf hinweisen, dass es sich hierbei nicht um eine klassische Biografie handelt. Wer sollte auch eine Biografie von einer gänzlich unbekannten Frau lesen wollen, von der er nie gehört hat?!
Ein Ratgeber basierend auf vielen Erfahrungsberichten... das trifft es schon eher!
Grundsätzlich geht es in diesem Buch um die
Sie betrifft mich selbst und zudem auch noch viele andere Menschen. Ich berichte hier sowohl über meine eigenen Erlebnisse und Eindrücke, als auch von Beispielen weiterer Personen.
Ich werde einzelne Facetten meiner Symptome aufgreifen und näher erläutern, Persönlichkeitsmerkmale beschreiben. Meine Persönlichkeit ist durch typische Eigenschaften der bipolaren Störung geprägt, die sich so oder so ähnlich möglicherweise auch in anderen Betroffenen wiederfinden werden.
Mit diesem Buch möchte ich so verständlich wie möglich die Erkrankung erläutern, um hoffentlich die Kenntnisse sowie die Sichtweise Außenstehender zu optimieren.
Nicht jedem ist eine „bipolare Störung“ bekannt, ein Großteil der Menschen kann mit dem Begriff so gar nichts anfangen.
Die Störung wird auch als „manisch – depressive“ (Erkrankung) bezeichnet, was wahrscheinlich geläufiger ist, zumindest hat man beiläufig schon mal von ihr gehört.
Der Betroffene nimmt seine Umwelt anders wahr und erlebt sein Dasein, seine Handlungen und Stimmungsformen anders als ein Außenstehender.
Nicht erkrankte (Gesunde) können oft nicht nachvollziehen, was in einem manisch-depressiven vorgeht und wieso er sich ungewöhnlich oder seltsam verhält.
Ich erhoffe mir hiermit das Vermitteln von Kenntnissen, sodass sich spätestens nach diesem Buch jeder ein Bildes davon machen kann, warum manche Menschen etwas „neben der Spur“ sind.
Verständnis, Toleranz und etwas Gelassenheit möchte ich in erster Linie hiermit versuchen, zu erwecken.
Vor einiger Zeit ist es mir sogar gelungen, bipolarer Symptome mit Kreativität und Humor in Verbindung zu bringen. Das mag zwar ein bisschen verrückt klingen, aber es erleichtert die Sache erheblich!
Häufig ist die Umgangsweise der auftretenden Symptome schon entscheidend für den Verlauf der Erkrankung. Hat man erst einmal den Dreh raus, lässt sich gut bis akzeptabel damit leben. Wichtig ist, dass man seinen Beobachtungen genügend Aufmerksamkeit schenkt und sie zu seinem Vorteil umsetzt.
Die Bipolare Störung (BPS)betrifft Frauen wie Männer, sie findet ihren Ursprung innerhalb der Pubertät. Erkannt wird sie häufig erst viel später, durchschnittlich ab einem Alter von 3040 Jahren.
Sie bricht vorwiegend während bzw. nach einer schweren Krise oder nach traumatischen Erlebnissen aus. Die genaue Ursache der Erkrankung ist noch nicht zu 100% geklärt. Zum Teil kann man von einer Veranlagung zur BPS sprechen; bipolare Eltern können ihre Erkrankung durch Erbanlagen an ihre Kinder / Enkelkinder weitergeben. Fakten aus medizinischer / psychologischer können den entsprechenden Fachbüchern entnommen werden.
Ich distanziere mich bewusst von genaueren Zahlen und Statistiken, da diese sich ohnehin durch weitere Forschungen ändern würden.
Meiner Ansicht nach halten sich Patienten, die psychisch erkrankt sind, zu sehr an Zahlen fest und messen diesen oft viel zu viel Bedeutung zu.
Umso panischer reagieren sie, wenn eine Statistik ihnen z. B. suggeriert, dass bei 90% der Erkrankten mindestens ein Suizidversuch unternommen würde.
Diese Zahl suggeriert manchem Patienten, sich mit in eine Statistik einzureihen, was natürlich kompletter Unfug wäre.
„Probleme“ soll man sich nicht (unbewusst) einreden (lassen).
Wer Suizid noch nie in Erwägung gezogen hat, sollte sich von Statistiken nicht verunsichern lassen! Er kann froh sein und sich glücklich schätzen, dass ihm Selbstmordversuche erspart blieben (und hoffentlich bleiben).
Man muss die Menschen nicht noch kranker machen, als sie sowieso schon sind!
Hinzu kommt noch, dass ich kein Studium oder ähnliches absolviert habe, weshalb ich nicht leichtfertig mit Wissen um mich werfen möchte, welches nicht wirklich wissenschaftlich oder medizinisch belegt werden kann.
Zahlen ändern sich, Symptome sind und bleiben die, die vor 10, 100 oder 1000 Jahren auch schon bekannt waren.
Meine Erzählungen basieren hauptsächlich auf subjektiven Wahrnehmungen.
Bei ernstzunehmenden Schwierigkeiten gilt ohnehin immer: unbedingt einen Facharzt aufzusuchen!
Selbstdiagnosen sind grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen und daher unbedingt zu vermeiden.
Ich möchte vorab darauf hinweisen, dass es weitaus schlimmere Formen der bipolaren Störung gibt, als die, mit der ich lebe.
Bei anderen Erkrankten sind viele der Symptome bedauerlicherweise deutlich gravierender ausgeprägt, als bei mir.
Ob ihnen mit diesem Buch wirklich geholfen wäre, weiß ich nicht genau – der Versuch ist es aber IMMER wert.
Im Laufe der Jahre, in denen ich von meiner Diagnose weiß, gab es etliche Fragen, auf die ich oft erst später als erwartet Antworten erhielt.
Die meisten Fragen zur BPS beantworten sich ohnehin von selbst, habe ich festgestellt.
Fachärzte haben natürlich auch auf so ziemlich jede Frage die passenden Antworten, allerdings sind diese dann stark fachbezogen.
Wie gehe ICH nun mit meiner BPS um? Wer beantwortet mir die Fragen, die mich persönlich betreffen?
Die kann auch nur ICH mir beantworten, niemand sonst.
Warum das so ist, erklärt sich von selbst: Persönliche Erlebnisse, die individuelle Beschaffenheit der eigenen Persönlichkeit, der Verlauf und die Entwicklung von Umständen, Geschehnisse usw. ergeben bei jedem Menschen eine gewisse Individualität.
Diese Individualität entscheidet, ob und wann jemand erkrankte, wie die Erkrankung als Störung in Erscheinung tritt und welche Umgangsweise bei jedem einzelnen erforderlich ist.
Erschreckend war für mich schon die Tatsache, wie unterschiedlich die Medikation der manisch-depressiven insgesamt behandelt wird.
Während meiner Recherchen stieß ich auf zahlreiche Foren, auf denen Betroffene sich über ihre Medikamente und weitere Behandlungsmethoden austauschten.
Erfahrungsberichte über Antidepressiva , häufig kombiniert mit weiteren Psychopharmaka etc. fand ich sehr häufig. Ich war mir nicht sicher, was ich von den beschriebenen Kombinationen (meist in hohen Dosen) halten sollte, im Vergleich zu meiner deutlich geringen Dosierung.
Was da häufig an verschiedenen Medikamenten genannt wurde von nur einer Person, finde ich heute noch sehr erschreckend.
Ob „viel“ auch wirklich viel bringt, wage ich zu bezweifeln.
Allerdings kann ich sehr wohl nachvollziehen, dass viele der Erkrankten wesentlich mehr brauchen, als täglich 20 mg SSRI.
„Ein Großteil der bipolar Gestörten wird mit Antidepressiva oder Lithium behandelt, zusätzlich wahlweise auch noch mit Antiepileptika, Neuroleptika, Hypnotika und Sedativa.“
Quelle: Selbsthilfeforum www-bipolar-forum.de
Beim lesen von so viel Chemie war ich manchmal am zweifeln, ob ich wirklich an dem erkrankt war, worüber die Erfahrenen da berichteten.
Die Schilderungen ihrer Symptome räumten diese Zweifel dann aber wieder aus.
Wenn keine eindeutige Diagnose gestellt wurde, besteht die Gefahr der Verwechslung mit AD(H)S – dem Aufmerksamkeits-(Hyperaktivität)-Defizit-Syndrom, welches anders behandelt wird, als eine BPS.
Bei beiden genannten Erkrankungen werden je völlig unterschiedliche Medikamente zur Behandlung eingesetzt.
Allein das dürfte ausreichend erklären, dass entsprechende Medikamente ausschließlich durch einen Arzt verordnet und somit rezeptpflichtig verabreicht werden dürfen.
Auf der Suche nach Antworten lernte ich mich sozusagen neu kennen.
Ich setzte mich sehr intensiv mit mir auseinander, beobachtete mein Verhalten genauer und unternahm die ein oder andere „Zeitreise“, um an so viele Erinnerungen wie möglich zu gelangen, die hoffentlich weitere Hinweise zur BPS aufzeigen.
Je mehr ich über mich selbst erfuhrt, umso gelassener wurde ich mit der Zeit.
Gelassenheitist ein ganz wichtiger Faktor, eine unverzichtbare Eigenschaft, die man sich unbedingt aneignen sollte, wenn diese fehlt.
Gelassen gerate ich nicht sofort in Panik - Panik kann wiederum zum ständiger Begleiter eines manisch-depressiven Menschen sein.
Optimal wäre natürlich das Ersetzen der Panik durch Gelassenheit, was allerdings nicht einfach umsetzbar ist.
Ich werde später auf einige weitere Eigenschaften zu sprechen kommen, die für uns von großer Bedeutung sind oder sein werden.
Hier entsteht dann wohl ein Mix aus Geschichte;
Dokumentation; Biografie; Ratgeber, wie ich ihn schon einige male vorher zwar begonnen zu hatte zu schreiben, angefangen und nie fertiggestellt...
Was ich schreibe, erweckt auf dem ersten Blick den Eindruck eines Tagebuchs.
Ich schrieb schon als Teenager viel und immer aus dem Bauch heraus über das, was mich akut beschäftigte.
Was veranlasst mich dazu, ein Buch zu schreiben?
Mein grundsätzlicher Gedanke war ursprünglich der, viele meiner aktuelle Gedanken einfach in Worte zu fassen, positive wie auch negative.
Ursprünglich wollte ich für mich reflektieren, was sich bis jetzt getan hat, welche Entwicklungen und Fortschritte sich ergeben haben, wie ich mich damals sah und heute wahrnehme.
Während ich einfach darauf los schrieb, mich planlos schriftlich meiner Persönlichkeit und meiner Umgebung widmete, entwickelte sich zunächst die zaghafte Idee eines Buches, mit dem ich mich meinem Umfeld ggf. mitteilen könnte.
Dann aber wurde ich zunehmend sicherer darin, mich gar nicht mehr rechtfertigen zu wollen, warum ich was nicht gut kann oder weshalb sich Dinge bei mir anders ergeben, als geplant.
Wozu sich rechtfertigen und erklären, wenn sowieso immer nur das verstanden würde, was Leute verstehen wollen?!
Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er das Wesentliche meiner Ausführungen erkennt, oder auch nicht.
Jemandem etwas aufzuzwingen liegt mir fern, denn es würde sowieso nichts an dem ändern, wie ich wahrgenommen werde.
Nachdem ich schon etlichen Seiten geschrieben hatte, kam mir die Idee:
Ich könnte doch versuchen, die ganze Angelegenheit auch positiver anzugehen und anderen Erkrankten vielleicht dazu verhelfen, sich und deren Störung (egal, wie ausgeprägt diese auch sein möge!) völlig neu zu wahrzunehmen.
Möglicherweise kann jemand, der seine Erkrankung problematischer erlebt als ich, seinen Blickwinkel verändern durch das lesen meiner Beschreibungen!
Im besten Fall entdeckt man evtl. Qualitäten oder andere Annehmlichkeiten an sich, auf die man sonst wohl nie gekommen wäre.
„Probieren geht über studieren!“
„Woher soll man wissen, wie hilfreich etwas für einen selbst sein kann, wenn man es nicht einmal versucht?“
Eine eindeutig positive Entwicklung kann ich meinerseits nicht von der Hand weisen, ganz sicher nicht.
Sollte sich in therapeutischer Hinsicht eine (oder auch mehrere Möglichkeit) für mich ergeben, würde ich diese trotzdem in Anspruch nehmen.
Ob sich diese als gewinnbringend erweisen wird oder nicht, zeigt erst der Versuch, mich darauf einzulassen.
„Der Versuch macht klug!“
Schlimmstenfalls würde ich einige Stunden Zeit investieren, die vielleicht für etwas anderes investiert hätte werden können. Aber, na und?
Von diesem Buch verspreche ich mir keine Reichtümer, um ehrlich zu sein.
Geld ist ohnehin nie der Grund für mich gewesen, ein Buch zu veröffentlichen.
Vielmehr sehe ich in diesem einen viel tieferen Sinn; nämlich den Wunsch, Betroffenen hiermit etwas wertvolles geben zu können – Zuversicht!
Zum einen ermöglichte mir das Schreiben über mich und die Erkrankung das Verarbeiten selbiger.
Ohne das Verfassen meiner Erinnerungen aus meiner Vergangenheit wäre ich auf viele frühere Begebenheiten wahrscheinlich gar nicht gekommen.
Zum anderen sehe ich in diesem Buch die Möglichkeit, Betroffenen wie auch Angehörigen, Informationen zuteil werden zu lassen, die man in der Form nicht unbedingt durch eine Selbsthilfegruppe erhalten dürfte.
Dort wäre die nötige Anonymität nicht wirklich gegeben, um sich so hemmungslos und detailliert über seine Erfahrungen aus Kindertagen austauschen zu können.
Fachärzte oder Therapeuten können Informationen auch nur bedingt weitergeben, recht oberflächlich und wissenschaftlich, nicht auf eigenen Erfahrungen basierend.
Man erklärte mir damals bei der Benennung meiner Diagnose, dass ich selbst herausfinden müsste, wann welche Episode bei mir eintrete und wie lange sie dauern würde.
Einen Richtwert hatte ich somit nicht.
Wie der Wechsel sich ereignen würde, brachte ich ebenso wenig in Erfahrung.
Es hieß, ich müsste mich genau beobachten und vielleicht eine Art Gefühlstagebuch führen, aus welchem dann später hervorginge, was sich wann und wie ereignete.
Mal führte ich eines ein, dann vernachlässigte ich jedoch das tägliche aufschreiben meiner Verfassung und der Gestaltung meines Alltages.
Konsequenz war damals eben keine meiner Stärken, davon abgesehen verlegte ich die jeweiligen Einträge und Notizen, da ich ständig versäumte, mir explizit dafür ein Buch oder Heft anzuschaffen.
Später erfolgte der Hinweis, ich könne mit einem Smiley den jeweiligen Kalendertag markieren, dies erleichtere mir eine Übersicht über dem ganzen.
Auch dies tat ich nur hin und wieder, da ich manche Tage gar nicht durch einen einzigen Smiley hätte deuten können, weil er sich einfach nicht mit einem einzigen Gesichtsausdruck deuten ließ.
Ich erkannte erst im Laufe der Zeit, was Phase war...
Im Nachhinein ärgert es mich schon ein wenig, dass ich nicht wenigstens versucht habe, ein Tagebuch zu führen oder Smileys in meinen Kalender eingetragen zu haben.
Es wäre mit Sicherheit hilfreich gewesen, mithilfe dessen für mich selbst reflektieren zu können.
Diese Möglichkeit habe ich mir verwehrt, umso mehr rate ich jedem anderen dazu, seine Stimmung je nach Bedürfnis eines einzelnen zu dokumentieren.
Damit macht man grundsätzlich nichts falsch, sondern man bietet sich und auch dem behandelnden Arzt eine kleine Übersicht, mit der sich besser arbeiten lässt.
Vorhin erst fiel mir auf, wie konkret ich meine Episoden besonders in den letzten Wochen benennen konnte, (hypoman oder depressiv).
So gut erkannte ich das vor einem Jahr noch nicht.
Es dauerte manchmal mehrere Tage, bis ich mir darüber im Klaren war, wo ich bin. Hätte man mich danach gefragt, hätte ich lange überlegen müssen und doch keine eindeutige Antwort darauf geben können.
Die letzte hypomane Episode überdauerte die gesamten heißen Tage (um die 30°C); ich brauchte kaum Schlaf, war aktiv (trotz der Hitze, die ich eigentlich überhaupt nicht gut vertrage); befasste mich mit Aufräumen, Sortieren und was mir sonst noch als wichtig erschien und sah mir einen Film nach dem anderen an.
Der Hang zum Übertreiben erfasst unterschiedliche Tätigkeiten, mit denen ich mich generell gern beschäftige.
Was auch immer ich sehr gern mache, die Hypomanie lässt es mich wahnhaft tun und das über viele Stunden hindurch.
Diese Phase überdauerte etwa 3-4 Wochen, schätze ich.
Vor wenigen Tagen dann ereignete sich der zu erwartende Wechsel zur depressiven Episode.
Seit etwa 5 Tagen kommen verstärkt Müdigkeit, Lustlosigkeit und Lethargie in mir auf und überdeckt still und heimlich die Symptome meiner Hypomanie.
Nun lebe ich seit etwa 6 - 7 Jahren mit der Diagnose einer „bipolaren Störung des Typs 2“.
Mittlerweile kann ich meine Symptome gut benennen und kontrollieren.
Um ehrlich zu sein, bin ich mir im Hinblick auf meine berufliche Entwicklung gar nicht mehr so sicher, inwieweit überhaupt eine Störung vorhanden ist.
Meiner jetzigen Tätigkeit ließe sich mit einer manischdepressiven Erkrankung nicht so wirklich nachgehen. Ich arbeite als Integrationshilfe und bewährte mich von Anfang an mit steigender Tendenz.
Positive Rückmeldungen erhalte ich sehr häufig, sodass ich mich zeitweise frage, wie ich all das überhaupt schaffe, wo ich doch im Grunde selber völlig unstrukturiert bin.
Wie kann ich dem so uneingeschränkt und konsequent nachgehen, als wäre ich vollkommen gesund? Außerhalb meiner Arbeitszeiten, zeigen sich zwar immer noch einige Symptome, am häufigsten zu Hause, nur überkommen sie mich nicht mehr mit voller Wucht.
Der Prozess, zu mir selbst zu finden und mich bewusster wahrzunehmen, war harte Arbeit, die einige Jahre meines Lebens in Anspruch nahm und noch nicht vollständig abgeschlossen ist.
Ich lernte ständig dazu und kam ja kaum hinterher, das erlernte zu verarbeiten.
Damals wäre eine Vollzeitbeschäftigung undenkbar gewesen, konnte ich ja kaum mehr den Anforderungen meines Mini-Jobs gerecht werden, für den ich bloß 2,5 Std. täglich zu arbeiten hatte.
Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich zufrieden mit meinen bisherigen Bemühungen und ich behaupte, gut mit der Erkrankung umgehen zu können. Ich finde ausgesprochen gut, wie ich bin und bleibe mir treu.
Trotzdem lerne ich noch immer dazu, achte weiterhin auf mich und mein Verhalten und vervollständige meine Kenntnisse und mein Wissen über mich selbst und meine bipolare Störung.
Das Buch baut sich wie folgt auf:
Ich beginne damit, über meine Wurzeln zu erzählen, der Ursprung, der meine Persönlichkeit zu dem formte, wie und was ich heute bin. Dabei gehe ich auf die einzelnen und vor allem prägendsten Phasen meines Lebens ein und berichte von „alltäglichem Wahnsinn“.
In allen Phasen finden sich Besonderheiten, die ich zumindest als mögliche Details in Erwägung ziehe, wodurch eine bipolare Erkrankung kenntlich gemacht werden kann, gefördert worden sein oder sonst mir ihr im Zusammenhang stehen könnte.
Danach gehe ich auf die Erkrankung selbst genauer ein und erläutere ihre spezifischen Symptome und Eigenschaften im einzelnen.
Meine Ausprägung der Symptome sind auf den ersten Blick deutlich weniger gravierend, als es bei vielen anderen bipolar erkrankten der Fall sein dürfte.
Der bei mir vorhandene Grad derer kommt dabei auch ausführlich zu Wort.
In jedem Fall wahre ich weitgehend meine positive Haltung und versuche diese auch dem Leser möglichst überzeugend nahezubringen.
Ich möchte deutlich machen, dass man als Betroffener seine Störung nicht ausschließlich als störend empfinden muss.
Um den Verlauf der Erkrankung nicht auch noch ungünstig zu beeinflussen, sollten bestimmte Gefahren gemieden werden.
Der Konsum von Drogen, Alkohol und Medikamenten eines manisch-depressiven sollte daher wirklich sorgfältig durchdacht oder besser vermieden werden (das gilt natürlich für jeden Menschen, Störung oder nicht!).
Deshalb weise ich im entsprechenden Teil des Buches auf die Risiken hin und bringe Beispiele mit ein.
Auswirkungen auf meine berufliche Entwicklung und grundsätzliches, was man bei der Arbeit als manischdepressiver Mensch beachten sollte, behandle ich als nächstes.
Im letzten Teil komme ich schließlich zu den Aspekten einer Partnerschaft unter dem Einfluss psychischer Störungen. Beziehungen in mehr oder minder „gestörter“ Konstellation versprechen um einiges anspruchsvoller zu sein / zu werden, genauso wie spannend oder nervlich belastender, als scheinbar „gesunde“ Lebensgemeinschaften.
Um es jedoch vorab schon mal zu erwähnen: NICHTS ist unmöglich!
Das Märchen einer perfekten Beziehung dürfte erhalten bleiben, realisierbar ist dieses weder mit, noch ohne psychischer Vorbelastung.
Ganz zum Schluss erst komme ich zu dem, was wohl als eine der bekannteste Begleiterscheinung der manischdepressiven Erkrankung sein dürfte:
Dem Suizid, den Gedanken an Selbstmord und der Tragik, welche das Thema in sich birgt.
Suizid-Gedanken gelten als Teil der Symptome von bipolaren Störungen.
Normalerweise sollten sie folglich auch in der Auflistungen der Symptome in Betracht gezogen werden.
Aus gutem Grund hielt ich es für sinnvoller, diesen in dem betreffenden Teil des Buches zwar zu erwähnen, jedoch erst ganz zum Schluss näher darauf einzugehen.
Weshalb, wird hoffentlich zum Schluss deutlich werden.
Selbstmordgedanken sind ernstzunehmende Begleiterscheinungen, die einem Erkrankten das Leben insgesamt zur Hölle machen können.
Deshalb möchte ich mich mit der nötigen Ernsthaftigkeit der Angelegenheit widmen.
Der Betroffene sollte zu keiner Zeit das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden.
Gleichzeitig möchte ich unbedingt verhindern, dass sich jemand, dem es schon schlecht genug geht, sich in seiner Tragik ignoriert fühlt – durch schlichte Abhandlung und kurze Benennung der Tragik, der ich nicht genügend Aufmerksamkeit zu verleihen scheine.
Auch Angehörige sollten durch den letzten Teil dieses Buches einen wirklich nachvollziehbaren Einblick in den wohl düstersten Teil der erkrankten Psyche erhalten.
Zumeist überfordert durch bisherige Selbstmordversuche, fällt es einem Partner, Elternteil oder gar Kind eines manischdepressiven häufig immer schwerer, zu verstehen, was zum wiederholten Versuch von jemandem führen konnte, der sich zum x-ten mal das Leben zu nehmen versuchte.
Während man als Außenstehender ja oft dazu neigt, darin den schlichten Wunsch nach Aufmerksamkeit zu sehen, wird der Wunsch des Betroffenen, endlich sterben zu dürfen, stark unterschätzt.
Ein Mensch, der sich bereits mehrfach zu umzubringen versuchte, wollte hierdurch nicht einfach nur die Aufmerksamkeit der anderen auf sich ziehen...
Vielmehr sah er in seinem Leben keinen Sinn mehr, konnte selbiges nicht einmal mehr ertragen.
Die Annahme, er wolle schlicht bemitleidet werden, ist ganz und gar falsch!
Mitleid ist wohl das letzte, worauf jemand aus sein dürfte, wenn er im „Freitod“ seine Erlösung sieht.
Ich wünsche dir viel Spaß und neue Erkenntnisse durch dieses Buch. Außerdem hoffe ich, dass du Gefallen an dir und deiner eigenen Geschichte findest, die dir bestimmt bewusster wird, je mehr du dich in meinen Erklärungen und Ausführungen meinst, wiedergefunden zu haben.
Im besten Fall verhilft das Buch dazu, Erklärungen zu finden, nach denen du schon länger gesucht hast.
Sobald dir bewusst wird, dass eine gesunde Portion Humor sich auf jeden Fall positiv auf deinen Umgang mit dir und der Störung auswirken kann, bist du einen entscheidenden Schritt weiter vorwärts gekommen.
Neben Humor stößt du beim Lesen allmählich auf einige weitere Eigenschaften, die dein Leben bereichern und jedes Leid (mit oder ohne BPS) deutlich vermindern können.
Als manisch-depressiver Mensch bist du nicht allein, denn es gibt außer dir und mir noch viele andere „Leidensgenossen“, viel mehr, als du vielleicht denkst!
Es besteht kein Grund, sich der manisch depressiven Erkrankung wegen zu schämen, sich zu verkriechen.
Aufgeben darf keine Option sein.
Bedenke, dass viele berühmte Persönlichkeiten, Künstler aus frühester Zeit schon als erkrankt an einer bipolaren Störung bekannt wurden und wahrscheinlich ohne diese kaum ihre Erfolge hätten feiern können.
Während der manischen oder hypomanen Phase vermag man häufig, seine Talente mit hervorgehobener Genialität und bei deutlich längerer Ausdauer im Schaffen seiner Kunst ausleben zu können.
Poesie klingt dann wie ein Zauber; Bilder und andere Werke werden vollkommener denn je und Schauspieler oder Sänger zeichnen sich je nach Phase selbst zu übertreffen und an Perfektion zu erlangen, wie kaum ein anderer.
Künstler, deren Persönlichkeit als manisch-depressiv galt, sind weltweit bekannt für ihre überzeugenden Darbietungen und herausragenden Leistungen, für die sie geschätzt und sogar verehrt wurden / werden.
Menschen wie u.a. Ludwig Van Beethoven, Marilyn Monroe, Falco oder Ernest Hemmingway stachen durch ihr „eigenwilliges“ Verhalten hervor und dürften Vorlage für den Ausdruck: „Verrücktes Genie“ gewesen sein.
„Es gibt kein großes Genie ohne einen Schuss Verrücktheit!“
~ Aristoteles 384 – 322 v. Chr.
Bipolare Erkrankungen waren wohl die häufigsten der psychiatrischen Erkrankungen zahlreicher Künstler. Viele von ihnen starben bedauerlicherweise durch Suizid oder durch „ungeklärte Umstände“, doch ihnen allen lässt sich mit Sicherheit nachsagen: sie lebten!
Sie alle lebten und ließen sich durch ihre Verrücktheiten, Ihre Eigenarten, ja selbst durch ihre Wechselhaftigkeit nicht davon abhalten, das Leben trotz allem zu leben und zu lieben.
Sie lebten ihre Leidenschaften, woran ein Großteil der Menschheit sich erfreuen konnte und auch heute noch kann.
Durch Begabung, durch das Leben einer Leidenschaft erlangte so mancher erkrankte Künstler eine Art Unsterblichkeit, wenn man es genau nimmt.
Also Lebe!!
Lebe und arrangiere dich mit dir, lerne zu lieben (vor allem dich selbst) und zu schätzen, wer und was du bist. Bipolar oder nicht, … du bist etwas besonderes, ein Unikat!
Sei überzeugt von dem, was du tust und genieße, was du schaffen kannst.
Erlebe dich und deine Stärken bewusst und versuche, selbst deine Schwächen als gewinnbringendes Instrument zu nutzen.
Aus allem das beste zu machen, sollte eine deiner Grundeinstellungen zum Leben sein. Es ist sicher nicht immer leicht, in allem etwas brauchbares, etwas positives zu sehen, doch Bemühungen dahingehend zahlen sich früher oder später ganz sicher aus!
Erweitere deinen Horizont und lerne, dass alles in deinem Leben einen Sinn macht. Betrachte die Dinge von verschiedenen Seiten, versuche bei allem Erlebten zu berücksichtigen, dass es dich dahin gebracht hat, wo du jetzt bist.
Jede Erfahrung ließ dich ein weiteres Stück wachsen und deinen Geist zu mehr Reinheit und Reife verhelfen.
Jede Niederlage, jeder Schmerz und jeder traurige Moment führen dich näher zu dir selbst. Nutze deine Fähigkeiten und lerne aus deinen Schattenseiten, alles an dir kann nur so schön sein, wie du es machst.
Hab Spaß an dir, Spaß am Leben und vor allem ~ Spaß an diesem Buch! :)
Vor etwa 6 Jahren brach die Welt um mich herum zusammen und hinterließ Chaos, Verwüstung, Zerstörung, wo ich auch hinsah.
Meine Familie brach komplett auseinander, die Ehe schien irreparabel kaputt zu sein und ich selbst war ein einziger Haufen Elend.
Mitten in den Trümmern meines Lebens sitzend, weinte ich den ganzen Tag lang vor mich hin und badete ungewollt in meinem Selbstmitleid.
Ich fühlte mich alleingelassen und hilfloser, als jemals zuvor.
Mich quälte die sich ständig wiederholende Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte.
Etwa vier Jahre davor zog ich mit meinen Kindern aus unserer Heimatstadt K. hierher, was immerhin 300 Kilometer voneinander entfernt lag.
Der Umzug fiel meinen Kindern sehr schwer, was ich damals wohl nicht sehen wollte. Wie sehr sie darunter litten, wurde mir erst im Laufe der Jahre klar, sodass ich die Augen davor nun nicht mehr verschließen konnte.
Mein Sohn fiel durch sein Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) immer häufiger in der Schule auf.
Er war in der Schule „verhaltensauffällig“ und setzte sich auch in seiner Freizeit mit Unfug auseinander, die Polizei war nun schon fast täglich bei uns, oder unterrichtete mich telefonisch von aktuellen Vorkommnissen.
Schließlich wendete ich mich an das Jugendamt...
Trotz der Unterstützung, die ich mir durch die zuständige Behörde versprach, wurde sein Verhalten nicht besser sondern immer auffälliger, extremer.
Ich bat sogar um eine Familienhilfe, die uns mehrmals in der Woche besuchte.
Diese Maßnahme erwies sich übrigens als die sinnvollste überhaupt, alle anderen scheiterten kläglich.
Es kam schließlich soweit, dass mein Sohn für etwa ein Jahr in einer Wohngruppe untergebracht wurde, da ich irgendwann gänzlich mit der immer schwieriger werdenden Situation überfordert war.
Dies sollte uns zuerst genügend Abstand zur bestehenden Problematik bieten und uns dann allmählich wieder zueinander führen.
In der Wohngruppe schien er sich wieder einigermaßen zu fangen und wirkte schon bald entspannter und umgänglicher als vorher. Das vermittelte uns Zuversicht und ließ uns hoffen, unser Familienleben würde sich fortan entspannter gestalten, wenn er erst wieder zu mir nach Hause käme.
Mein „Lebensgefährte“ und ich heirateten und versprachen uns dadurch einen engeren Zusammenhalt und insgesamt „mehr Familie“.
Tatsächlich wirkte zunächst alles ruhiger und wir kamen insgesamt besser miteinander aus, als er wieder nach Hause kam.
Kurz darauf entschied jedoch sich der Sohn meines Mannes (mein Stiefsohn also) eines Morgens spontan dazu, zu seiner Mutter zu ziehen, ohne vorherige Absprache mit seinem Vater, worüber dieser mehr als verärgert war.
Seine Enttäuschung über den plötzlichen Rückzug seines Sohnes bereitete der ohnehin schwierigen Vater-Sohn-Beziehung einen weiteren Bruch, was beide zunächst den Kontakt zueinander meiden ließ.
Mein Sohn schien schon nach relativ kurzer Zeit erneut unzufrieden mit seinem zu Hause zu sein, wurde er nun allmählich krimineller, beging Diebstähle und machte sich weiterer Straftaten schuldig.
Zwei Erwachsene mit völlig unterschiedlichen Erziehungsmethoden im Gepäck bedeuteten für die Kinder eben nicht das, wonach sich diese nun mal sehnen - nämlich nach Sicherheit, Geborgenheit und einer harmonischen Familienatmosphäre, in der sie sich wohl fühlen können.
Damals sah ich jedoch zunehmend mehr mich selbst als Grund oder Auslöser der Ausbrüche meines Sohnes.
Zuerst nahm ich an, ich wäre zu streng; dann ging ich davon aus, es fehle an der nötigen Konsequenz; schließlich befand ich mich schlicht als unfähig, meinen Kindern eine vernünftige Erziehung bieten zu können, geschweige denn ein liebevolles Zuhause!
Als meine Tochter irgendwann auch noch ständig darum bat, zu ihrem Vater nach K. zurück zu dürfen, zweifelte ich ganz und gar an mir und meinem Dasein als Mutter. Durch vehementes Flehen und viele Tränend erkannte ich irgendwann, wie unglücklich die kleine Maus in der momentanen Situation war und wie sehr sie sich wünschte, bei ihrem Vater zu leben.
So besprach ich mit meinem Ex-Mann den Ernst der Lage und wir veranlassten kurz darauf tatsächlich ihren Umzug nach K, was mir nun endgültig das Herz gebrochen hatte.
Ich versuchte, diese Umstände zu akzeptieren und nicht daran zu zerbrechen. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, meinem Sohn den nötigen Halt zu bieten, damit er nicht ganz und gar auf die schiefe Bahn geraten würde.
Meine Tochter konnte ich in den Ferien zu mir holen und sie natürlich auch telefonisch sprechen.
Meine gerade erst geschlossene Ehe, die jetzt schon stark strapaziert war, wollte ich ebenfalls im Auge behalten, denn ich befürchtete immer mehr, dass eine Trennung vielleicht nicht mehr zu verhindern war.
Irgendwann fiel mir auf, dass ich mich jeden Abend in den Schlaf geweint hatte.
Den einzigen Trost fand ich im Rotwein Wein, mit dem ich sämtlichen Kummer zu ertränken versuchte! Meine verweinten, geröteten Augen an jedem Morgen waren im Grunde ein deutliches Signal dafür, dass ich mich nun endlich aufraffen sollte um einen Psychologen für mich zu suchen.
Dabei stellte sich schnell heraus, dass für meine akut schlechte Verfassung offensichtlich keine schnelle Hilfe greifbar schien.
Mit Wartelisten vertröstete man mich in jedem Telefonat, das ich führte, weshalb ich schon ganz bald keine Anrufe mehr tätigte und mir vornahm, mich irgendwann später erneut um einen Termin zu bemühen.
Das ging natürlich in all dem heillosen Durcheinander immer wieder unter.
Eines Tages ereignete sich dann die Katastrophe, an der wirklich alles auseinander brach.
Mein Sohn lief mit einigen Kumpels durch die Siedlung und fuchtelten aus purer Langeweile unüberlegt mit Feuerzeugen herum, das Wohnmobil meines Mannes fing dabei Feuer und brannte lichterloh.
Feuerwehr und Polizei waren vor Ort, mein Mann brach in der Küche unter Tränen zusammen, da er in letzter Zeit sowieso geprägt genug war durch weitere schicksalhafte Ereignisse.
Die Polizei wollte meinen 15-jährigen Sohn mit zur Wache nehmen, was mir in dem Moment gerechtfertigt vorkam.
Ich war am Ende aller Kräfte und befürchtete, dass er auch in der Wohnung noch weiter mit Feuer hantieren würde.
Außerdem konnte ich nicht sicherstellen, ob mein Mann oder auch ich die Beherrschung verlieren würden.
Wir alle waren gelähmt vor Entsetzen über das, was passierte.
Ich wollte, dass sich mein Sohn über die Tragweite seiner jüngsten Tat bewusst wird und er endlich begreift, dass es so nicht weitergehen konnte.
Eigentlich war ich nicht mehr in der Lage dazu, klar zu denken, starrte nur noch ins Leere und hoffte darauf, dass mich nun ein Blitz treffen würde und mich damit von allem Leid erlöste...
Glücklicherweise fand sich schon bald ein Therapieplatz für meinen Jungen, der ihm ermöglichen sollte, sich „wieder zu fangen“.
Es handelte sich um eine Langzeittherapie, die durch regelmäßiges Telefonieren und Besuchskontakte einigermaßen erträglich für ihn wie für mich sein sollte.
Bald darauf beschlossen mein Mann und ich, dass wir uns zumindest räumlich trennen, bevor die Ehe ganz und gar in die Brüche geraten würde.
Zu meinem Glück fand ich bald darauf ein kleines Appartement, in das ich dann einzog.
Schon in den ersten paar Nächten allein in meiner Wohnung hörte ich Stimmen, sah Schatten und wurde heimgesucht von Panikattacken.
Ich erkannte, dass auch ich nun ganz, ganz schnell Hilfe benötigte.
Eine Arbeitskollegin hatte mir erst neulich von einem Psychiater erzählt, welchen ich am nächsten Morgen sofort anrief.
Ich weinte vor Erleichterung, als man mir einen Termin anbot, 4 Wochen später!
(Jeder Versuch, einen Termin bei einem Facharzt in der Richtung zu bekommen, scheiterte bereits beim ersten Anruf daran, dass ich mich mit Wartezeiten von bis zu einem Jahr einfach abgespeist fühlte.)
Der Psychiater / Neurologe, den ich aufsuchte, machte einen sehr netten und sympathischen Eindruck auf mich. Es kam nach ausführlichen Vorgesprächen schon bald zu einer Diagnose:
Bipolare Störung (Typ 2).
Das musste ich erst einmal verdauen!
Mein Mann und ich entschieden kurz vorher, dass wir unsere Ehe nicht beenden wollten.
Wir wollten zunächst in getrennten Wohnungen bleiben und den Kontakt weiterhin aufrecht erhalten und pflegen, um endlich wieder zueinander finden.
Gleichzeitig wollte ich auch die Beziehung zu meinen Kindern durch regelmäßigen Kontakt zu ihnen wieder festigen.
Es gab einiges für mich zu bewältigen, es lag viel Arbeit vor mir.
Ich beschäftigte mich sehr intensiv mit dem Thema BPS, mit mir selbst, führte Gespräche mit meinem Mann über die Erkrankung und lernte, lernte, lernte...
So anstrengend das auch war, aber wir rauften uns irgendwann wieder zusammen, bezogen gemeinsam ein Haus und kümmerten uns intensiv darum, dass wir als Paar wie als Eltern wieder zueinander fanden.
Die Beziehung zu unseren Kindern wurde von uns beiden auf unterschiedliche Weise überarbeitet und intensivierte sich glücklicherweise wieder allmählich.
Viel Liebe, Zeit und Geduld führten uns schließlich in eine positive Richtung.
Positives Denken klingt gerade in schwierigen Zeiten schon fast wie Hohn und für manchen bestimmt auch lächerlich.
Allerdings kann Zuversicht und eine positive Grundeinstellung von großem Nutzen sein. Aus allem das beste machen, in allem das Positive zu erkennen, lässt einen so manchen Schrecken weniger schrecklich erleben.
Der Kampf gegen das „sich hängen lassen“ war ein harter!
Vor allem war ich in gewisser Weise schon gefallen und musste lernen, wieder aufzustehen.
Erst eine positive Haltung gegenüber den Dingen, die man zu erleiden meint, hilft beim „nach vorne sehen“.
Jede Erfahrung bietet einem die Möglichkeit, aus ihr zu lernen.
Aus Fehlern lernt man bekanntlich so und sieht vieles mit ganz andern Augen.
Optimismus trotz Realismus – aber immer schön auf dem Boden der Tatsachen bleiben!
Der Glaube an das Leben, an mich, an den Sinn des Lebens, das Universum... war mein größter Halt.
Als mein Sohn etwa ein Jahr alt war, stellte sich für die Familie und mich die Frage, wann und vor allem wie er denn nun getauft werden sollte. Der Kindesvater war selbst katholisch und ging davon aus, dass auch sein Sohn katholisch getauft werden müsse.
Ich selbst konnte dem Katholizismus jedoch noch nie etwas abgewinnen und war von vornherein nicht einverstanden mit dieser Glaubensrichtung. Als sogenannte Heidin konnte ich jedoch nicht viel zur Taufe sagen.
Meine Eltern hatten mich nie taufen lassen, da mein Vater Muslime und meine Mutter evangelische Christin ist. Sie konnten sich wohl nie auf eine Richtung einigen und entschieden daher, ich solle mich eines Tages selbst für einen Glauben entscheiden und wählen, ob und wie ich mich dann taufen lassen würde.
Darüber machte ich mir als Kind und auch als Jugendliche nie großartig Gedanken. Mir fehlte schlicht der Bezug zur Religion.
Ab und zu stellte ich Fragen an „Gläubige“, die ich so kannte, um mich vielleicht an den mir gegebenen Antworten zu orientieren.
Doch wirklich bedeutend schienen mir diese Antworten nie zu sein, ich hatte keine Vorstellung von dem, was sie alle als „Gott“ bezeichneten.
Die kulturellen Unterschiede, die sich in meinem Zuhause mehr als deutlich zeigten, ließen den offenen Umgang mit Religion und ihren Hintergründen nicht zu, sodass ich mich nie wirklich mit ihr auseinandersetzen und mich mit ihr vertraut machen konnte.
Als mir nun dazu geraten wurde, mich einfach an Kirchengemeinden zu wenden, um mich mit deren Pfarrern unverbindlich über Glaube, Taufe usw. zu unterhalten, orientierte ich mich zuerst an der naheliegenden Kirche, die sich wenige Meter von meiner Wohnung befand.
Diese wurde von einer Pfarrerin verwaltet, die auf Anhieb sehr sympathisch auf mich wirkte und mich sehr beeindruckte mit ihrer toleranten Haltung zu dem Thema.
Mir imponierte, dass sie mir offenbar nichts „andrehen“ zu wollen schien und tatsächlich alles offen ließ.
Wir trafen uns und sprachen nur miteinander, wobei sie wohl gut zu verstehen schien, weshalb ich kaum einen Bezug zur Kirche hatte und den Inhalt der Bibel ebenso wenig kannte wie den Unterschied zwischen der „katholischen“ und der „evangelischen“ Gesinnung.
Die Pfarrerin überließ mir allein, wohin ich denn tendieren würde und schlug vor, ich solle mich einfach bei ihr melden, wenn ich mich definitiv für die evangelischen Taufe in ihrer Kirche entscheiden würde.
Sie bot mir an, gern für mich da zu sein, wenn ich weitere Fragen an sie hätte.
Bald darauf entschied ich für meinen Sohn und mich eine gemeinsame evangelische Taufen und suchte für uns beide je einen Taufspruch aus.
Ein sehr schöner Taufspruch fiel mir sofort ins Auge:
„Selig sind die, die nicht sehen und doch glauben!“
Damit erschien mir alles so klar!
Im Grunde bewahrte ich wohl schon immer eine Form des Glaubens tief in mir drin, ich ordnete diesen nur nirgendwo konkret zu.
Bis heute kann ich diesem Glauben keinen bestimmten Namen geben oder ihn in eine Schublade packen, wie alle anderen mir bekannten Richtungen.
Ein ganz eigener Glaube existierte schon immer und festigte sich mehr und mehr, ohne feste Rituale mit ihm zu verbinden.
Das, was über mir steht und ohne jede Gestalt über mich wacht, hat keinen Namen.
Meine „Gebete“ werden nicht mit gefalteten Händen oder durch Phrasen ausgedrückt, die zuerst auswendig gelernt werden mussten.
Das über mir stehende Universum, das mich gleichzeitig umgibt und genauso in mir vorhanden ist, halte ich für meinen Ursprung, sowie für das, wohin ich wohl eines Tages gehen werde.
Meine Lebensweise beinhaltet Richtlinien, die sicherlich auch in der Bibel oder anderen Büchern vertreten werden.
Nächstenliebe ist beispielsweise eine dieser Richtlinien, eine Überzeugung, die ich stets bemüht bin zu achten.
Es ist mir natürlich nicht möglich, jeden Menschen dieser Erde zu lieben, wie ich mich selbst liebe.
Auch mir begegnen solche, die ich aus welchem Grund auch immer, nicht sonderlich mag.
Dennoch würde ich einem Menschen nie etwas schlechtes wollen, nur weil mir dieser nicht besonders nahe steht.
Selbst meinen ärgsten Feind versuche ich, wenigstens zu achten und ihn als Person zu akzeptieren.
Einem Bedürftigen würde ich immer und unter allen Umständen zu helfen versuchen, so gut ich eben kann.
Meine Überzeugung gilt uneingeschränkt dem „Guten“ und zwar zu jeder Zeit.
Mein Leben richte ich entsprechend aus und bedaure, wenn ich meiner Überzeugung einmal nicht gerecht werden konnte.
Schicksalsschläge machten mich zwar traurig, ließen mich aber nie wirklich am Universellen zweifeln.
In noch jungen Jahren sah ich in ihnen eine Art von Bestrafung für etwas, was ich zuvor schlimmes verbrochen haben musste. Ich ging davon aus, dass dies nun die Rache sei für etwas, was ich einst fürchterliches getan habe.
