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Liebe und Leid an der Seite eines Narzissten an den Schauplätzen Chicago (USA) und Wien (Österreich): Alexander und Emilia gelten als ideales Paar. Doch es existiert mehr als nur eine Wahrheit hinter der perfekten Beziehung. Er nimmt ihr ihren Beruf, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Lebensfreude - ihre Identität. Aber das Schicksal in Form eines unheilbaren Gehirntumors bringt die Wahrheit und Alexanders Geheimnis im Angesicht des Todes ans Licht. Ein Roman über einen amerikanischen Traum, der für Emilia zum Albtraum wird.
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
ISBN 978-3-7059-0427-9
E-Book 2025
Coverfoto: AdobeStock
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Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Inhalt
Impressum
PART 1
PART 2
PART 3
Die Autorin
PART 1
Das Mondlicht erhellte den Raum und schuf eine magische Atmosphäre. Es war weit nach Mitternacht. Emilia lag wach und konnte nicht schlafen. Die Konturen vom Körper ihres Ehemannes Alex ließen sich im Dämmerlicht gut erkennen. Sein im Schlaf entspanntes Gesicht mit den buschigen dunklen Augenbrauen und schmalen Lippen war ihr zugewandt. Seine Atemzüge waren gleichmäßig. Sie beobachtete die Linien in seinem Gesicht, an der Stirne, um die Augen. Lachfalten und Falten, die das Leben zeichneten. Sie betrachtete ihn, als würde sie ihn zum ersten Mal sehen. Er war ihr fremd und doch vertraut. Sie fühlte – nichts.
*****
„Welcome to the United States of America“, begrüßte Emilia und Alexander ein Schild bei der Ankunft am Flughafen O‘Hare am International Terminal 5 in Chicago. Emilia musste sich kneifen, um sicher zu sein, nicht zu träumen. Alex und sie starteten an einem warmen Sommertag in ihr neues Leben fern der österreichischen Heimat im amerikanischen Bundesstaat Illinois.
Sie waren beide fasziniert vom American Way of Life. Zahlreiche Urlaube in den Staaten vor ihrem Umzug bekräftigten ihre Entscheidung, hier leben zu wollen. Alex war für einen weltweiten Konzern tätig und übernahm als CEO die Agenden für Nord- und Südamerika. Der Hauptsitz seines Unternehmens lag in Chicago. Emilias Job als freie Fotografin ermöglichte ihr, diese Tätigkeit auszuüben, ohne an einen bestimmten Ort gebunden zu sein.
Emilia kannte das Haus, das sie nun bewohnen würden, nur anhand von Internetseiten und Fotos. Alex war schon einige Male zuvor ohne sie nach Chicago gereist und hatte die Immobilie mithilfe von realtors ausgewählt.
Die Fahrt im Leihwagen von O‘Hare nach Prospect Heights, einem Ort nahe Chicago, verlief turbulent. Noch nie zuvor hatte Emilia in einem zivilisierten Land so viele Schlaglöcher, pot holes, gesehen und gespürt. Ein Ausweichen war aufgrund der regen Verkehrslage und trotz mehrfacher Fahrspuren oftmals unmöglich. Ein Wunder, dass die beiden ohne Reifen- und Autoschaden ihr Ziel erreichten.
„Wir sind gleich bei unserem neuen Heim. This will be our happy place.“ Alex konnte die Freude in seiner Stimme kaum verbergen.
Emilias Neugierde wuchs. Die ersten Eindrücke der neuen Umgebung waren positiv. Eigentlich war alles genauso, wie sie es sich gedanklich und anhand der Fotos vorgestellt hatte. Nur in der Realität wirkte alles viel größer und mondäner. Sie bogen von der optisch unspektakulären Hauptstraße mit Geschäften und Mehrfamilienwohnblöcken ab, und vor ihnen erstreckte sich unerwartet das Szenario einer Fotoserie aus Homes & Interiors. Die Privatstraßen breit angelegt, die gepflegten Rasenflächen kurz geschnitten, die Hecken wie mit dem Lineal gerade getrimmt. Keine wie in Österreich meist üblichen Gartenzäune zwischen den einzelnen Häusern, die aufgrund ihrer Größe wohl eher als mansions, also Villen, zu bezeichnen waren. Die Architektur mit ihren Terrassen beim Haupteingang, front porches, gefiel Emilia sofort. Die Farbauswahl ebenso: weiß, gelb, grau, hellblau, pink. Keine Villa glich der anderen. Und jede verfügte über mindestens drei Garagen. Man sah hier einfach andere Dimensionen als in Österreichs Wohngegenden. Wow. Sie war beeindruckt. Und ihre Begeisterung steigerte sich noch, als die beiden vor ihrem zukünftigen Domizil am Ende einer Sackgasse anhielten. So oder so ähnlich musste sich ein Kind zum ersten Mal in einem candy store fühlen. Emilias Augen strahlten.
Alex und Emilia (kurz A&E) hatten das Haus mit five bedrooms und four bathrooms gemietet. Die Innenwände waren frisch in zarten Pastelltönten gestrichen und in den Schlafzimmern waren cremefarbige Teppiche verlegt. Emilia verwunderte, dass Spannteppiche en vogue waren – die gab es doch in Österreich schon seit Jahren nicht mehr. Beim Abschreiten der unzähligen Räume fiel ihr Augenmerk auf den großen, imposanten Kamin im Wohnzimmer.
Das Leben im Haus war ausgerichtet auf Bequemlichkeit: es gab eine Wäscherutsche vom Obergeschoss in die Waschküche, d.h. man musste die Schmutzwäsche nicht händisch im Haus herumtragen. Weiters waren der offene Kamin zusätzlich mit einem Gasanzünder und der Eisschrank mit Eiswürfelspender und Kaltwasser ausgestattet, im full finished basement (Keller), gab es u.a. einen Spielraum für Kinder und Erwachsene mit Pool Billard, Tischtennistisch und Schachbrettecke; Emilia entdeckte ein eigenes Haustelefon für das Telefonieren innerhalb der einzelnen Stockwerke, einen Gemüsezerkleinerer in der Küchenspüle und zwei Backöfen in Augenhöhe. Full finished basements in upscale homes hatten nichts gemein mit einem Keller in Österreichs Einfamlienhäusern. Vielmehr handelte es sich um eine weitere Wohnetage im Haus, ausgestattet mit Küche und Barbereich, Bad, Toilette, Schlafraum und vor allem einem Entertainmentbereich, bestehend z. B. aus Spielautomaten, Dartspiel, Billardtisch, Couchecke mit TV-Gerät oder sogar einem eigenen Movie-Raum mit XL-TV-Screen, mehreren Sitzgelegenheiten und Popcornautomat. Bei interessanten American football oder baseball games diente das basement gerne als Rückzugsort für Sportbegeisterte.
Das Haus erstreckte sich über 600 Quadratmeter Wohnfläche und mehr als 1500 Quadratmeter Garten. Nicht übel für einen Zwei-Personen-Haushalt. Der Blick von der hinteren Terrasse in den back yard war an Idylle nicht zu überbieten. Von der Terrasse führte eine Holztreppe hinunter in den Garten, der mit unterschiedlich großen Büschen und Bäumen bepflanzt war, durch dessen Dickicht ein Bächlein, der Cherry Creek, floss. Emilia vernahm das ungewöhnlich laute Zirpen von Zikaden. Im Garten tollten wilde kleine graue Hasen und hellbraune Eichkätzchen herum. Und wie der Zufall es wollte, erblickten A&E beim ersten gemeinsamen Gang durch den Garten an einem der hohen Bäume entlang des Creeks zwei wuschelige raccoons, also Waschbären. Obwohl diese Tiere eher als nachtaktiv galten, boten sie zur nachmittäglichen Begrüßung ein spielerisches Schauspiel.
Welcome to paradise.
Nicht weit entfernt vom Haus befand sich der Lake Arlington, ein künstlich angelegter See, den Emilia von nun an für ihre täglichen Joggingrunden nutzte. Das neue Zuhause fühlte sich an, als würde sie schon immer hier leben. Life was good.
Bereits am nächsten Tag wurden die Umzugskartons und Möbel geliefert. Gute Planung war alles. Vorhandenes Personal half beim Aus- und Einräumen. Emilia brauchte nur Anweisungen geben. Alex umarmte seine Frau.
„Bist du glücklich?“
Wie konnte jemand in ihrer Situation nicht glücklich sein? Hatte sie nicht alles, wovon sie je zu träumen wagte? Einen Mann, der attraktiv, fürsorglich, anziehend und erfolgreich war. Einen Partner, der sie liebte und ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Ein Traumhaus an einem traumhaften Ort.
Happy wife, happy life.
Alex war in seinem neuen Job voll ausgelastet und kaum zu Hause. Er verschwand morgens ins Büro, während Emilia noch schlief, kam selten vor 19 Uhr abends heim und arbeitete bis tief in die Nacht am Computer. Es war von Vorteil, dass er generell wenig Schlaf benötigte, um ausgeruht und fit zu sein.
Jeden Morgen, bevor er das Haus verließ, kam er zu ihr ans Bett und gab ihr ein Abschiedsküsschen und verließ sie mit den Worten:
„I love you Emmi.“ Er nannte sie liebevoll Emmi, als Kurzform für Emilia.
Sie liebte dieses Ritual, und die beiden hatten noch ein weiteres: War er abends am Nachhauseweg, rief er sie vom Auto aus an und sie erzählten sich von ihren täglichen Erlebnissen, und wenn er dann endlich in die Einfahrt einbog, erwarteten Nala (ihr Hund) und sie ihn schon freudig an der Eingangstüre. Ein Kuss für die geliebte Ehefrau und eine Streicheleinheit für Nala folgten. Die Freude und der Glanz in seinen Augen, wenn er seine kleine Familie ansah, war priceless. Sie waren seine beloved family, sein Ein und Alles.
*****
Heute hatte Emilia die amerikanische Führerscheinprüfung bestanden und somit endlich einen Ausweis mit Foto und Adresse (in den USA stand die Wohnadresse am Führerschein). Es waren 29 Fragen schriftlich am Computer zu beantworten, was ihr, obwohl nicht native English speaking, mühelos gelang. Es folgten 20 Minuten Autofahren im Verkehr, downhill einparken und rückwärts fahren. Danach wurde vor Ort ein Foto gemacht und fünf Minuten später hielt sie den begehrten Führerschein in Händen. Das schnelle Verfahren kostete nur zehn Dollar. Der Führerschein war vier Jahre gültig, danach musste man erneut zur Prüfung antreten.
Das Leben in und um Chicago war interessant, multikulturell und ereignisreich. Alex verstand es bestens, Emilia zu verwöhnen, sei es mit einem überraschenden Helikopterflug über Chicago oder einer privaten Bootstour am Lake Michigan, erlesener Picknickkorb inklusive. Ein weiteres besonderes Erlebnis für Alex und Emilia war der Besuch einer Kirche.
Die Kirche Willow Creek Church erinnerte in ihrer Dimension an die große Wiener Stadthalle (Veranstaltungshalle), war aber architektonisch schöner und der Außenbereich umgeben von weitläufigen Grünflächen. In einer der Hallen fand ein Vortrag statt. Der Saal bot Platz für einige Tausend Leute. Er war ausgestattet mit bequemen Sesseln wie im Kino und nach oben verlaufenden Sitzreihen und Balkonsitzgelegenheiten wie in einem Theater. Vorne thronte eine riesige Bühne mit Orchester und an den Seiten zwei große Videomonitore. Thema des Vortrages lautete: The Great Chicago Fire from 1871 – questions for God in tragedy. Zu Beginn spielte eine zehnköpfige Live-Band mit Orchester moderne (Bibel) Songs zum Mitsingen und Mitklatschen (es herrschte Konzertstimmung), dann wurde der bekannte US-Schauspieler Jim Caviezel auf der Bühne live interviewt (das Szenario wirkte wie in einer TV-Talkshow). Emilia kannte und mochte den überaus charismatischen und attraktiven Schauspieler, und sie saß nur fünf Meter von ihm entfernt! Caviezel spielte u.a. Jesus Christus im Kinofilm „Der Leidensweg / Die Passion Christi“ von Mel Gibson.
Es wurden Filmausschnitte von Jim auf Videowänden gezeigt. Danach sprach der Priester der Kirche über das Thema. Was für ein Unterschied zu einer Messe in einer österreichischen Kirche. Pfarrer und Anwesende auf der Bühne waren alle gekleidet in Jeans. Die Atmosphäre war lässig. Keine Kanzel und Predigt, Ministranten und Gebete, sondern ein interessanter und teilweise humorvoller Vortrag, untermalt mit Videobildern von Chicago und passenden Bibelzitaten (mit Bezug zu Gott) – umgelegt thematisch in die heutige Zeit. Es war ein Kirchenevent mit Konzertfeeling und Filmstarkontakt. Für A&E ein tolles Erlebnis.
Der Alltag in USA gestaltete sich sehr unterschiedlich von dem in Österreich. Viele Dinge waren sehr effizient und bequem. Andererseits musste man meistens zu den jeweiligen shopping malls oder Supermärkten lange Autofahrten in Kauf nehmen. Dafür wurde man mit ausreichend Gratisparkplätzen belohnt. Typisch für USA waren klimatisierte Räumlichkeiten, egal ob im Eigenheim oder unterwegs in Restaurants, Hotels, Geschäften – einfach überall, wo es Wände gab.
Einkaufen im Supermarkt machte Emilia zu Beginn richtig Spaß, man benötigte dafür aber jede Menge Zeit. Es gab für jede Art von Nahrungsmittel eine gigantisch große Auswahl. Schnell einmal eine Packung Chips zu besorgen, war eine Challenge. Meterlange Reihen des Knabbergebäcks in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen und Packungsgrößen luden zum Kaufen ein. Sie war überfordert und fasziniert zugleich. Manche Supermärkte waren größer als Baumärkte in Österreich und hatten überdies 24 (!) Stunden durchgehend geöffnet, wie Woodman’s Food Market im nahen Ort Buffalo Grove. An den Kassen wurden die Einkäufe vom Personal in Gratis-Tüten eingepackt und es folgte die Standardfrage: „Do you need help outside?“ Diese Frage wurde auch gestellt, wenn man nur zwei Äpfel in der Tüte hatte. Beim Zahlen an der Kasse wurde sie immer mit ihrem Vornamen begrüßt und angesprochen, sobald das Personal diesen an ihrer Kreditkarte gelesen hatte. Very consumer friendly. Überdies hatten generell fast alle Geschäfte täglich, also auch sonntags, bis 22 Uhr geöffnet.
Nach Einkaufserfahrungen in allen Supermärkten der Umgebung war Whole Foods Market Emilias bevorzugte Supermarktkette für Lebensmitteleinkäufe. Whole Foods Market bot Bio-Lebensmittel (organic food) und andere qualitativ hochwertige Produkte zu ebenso hohen Preisen an. Sich gesund zu ernähren hatte ihren Preis in USA.
Emilia staunte über die Art des Lebensmitteleinkaufes in den Staaten. Nicht nur das gigantische Angebot an Lebensmittel, sondern auch die Auswahl an täglich frisch zubereiteten Speisen war beeindruckend. Innerhalb der riesigen Whole Foods Markets gab es mehrere Buffets zur Selbstbedienung für food to go. Zur Auswahl standen cold und hot food. Unzählige Behältnisse mit Salat- und Gemüsevariationen, chafing dishes (Behälter zum Warmhalten von Speisen) für gebratenen Tofu, gekochtes und gegrilltes Huhn, Fischvariationen, Kartoffeln gebraten, gekocht, in Form von French Fries, Süßkartoffel Pommes, Suppen, Nudelgerichte, Reisgerichte, mexican food, indian food, asian food, vegetarian und vegan food. Ein Paradies für foodies und Personen, die sich selbst nicht gerne an den Herd stellten.
Typisch amerikanisch war auch das Einkaufen mit coupons, Gutscheinen mit Preisnachlässen. Diese gab es für alles und jenes, das es käuflich zu erwerben gab, beispielsweise Elektronik, Kosmetik, Nahrungsmittel, Ölwechsel beim Auto, Restaurantbesuche und sogar für den Besuch beim Arzt. Mit der Sonntagsausgabe der Tageszeitung Chicago Tribune erhielt man in Plastikfolie als Beilage verpackt einen gigantischen Stapel an Werbekupons. Anlässe für sales, also Preisnachlässe, gab es andauernd, beispielsweise early bird sales, d.h. Konsumenten stellten sich frühmorgens bei den shops an, um bei der Eröffnung ganz vorne mit dabei zu sein und Rabatte zu ergattern. Es gab auch den nightowl sale, wo die Konsumenten in Schlangen um Mitternacht vor den stores warteten, um einzukaufen.
Ein weiteres amerikanisches shopping Merkmal waren buy one, get one free-Angebote. Ein Stück Ware bezahlte man, das zweite gab es gratis dazu. Galt ebenso für Waren aller Art, inklusive Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel. Emilia kaufte sich einen großartigen, superweichen Cashmere-Pullover und bekam einen weiteren gratis dazu. Ein Schnäppchen! Und das Beste war, man konnte die Ware mühelose umtauschen, auch ohne (!) Rechnung und in vielen shops bis zu drei Monate später.
Aber nicht nur Supermärkte, auch Banken warben für Neukunden. Als Emilia ein Konto bei einer der größten US-Banken eröffnete, bekam sie einen 50-Dollar-Gutschein dazu zum Shoppen oder für Benzin an der Tankstelle. Für jeden ihrer Einkäufe mittels Kreditkarte wurde ein reward (Belohnung) gutgeschrieben. Per Email wurde man über die Rewardsumme informiert und wie man diese einlösen konnte. Emilia wählte aus einer Liste von Geschäften ein großes Warenhaus und bekam einen 100 $-Gutschein zugeschickt. How cool was that.
Alex und Emilia waren – so ferne es sein Beruf erlaubte – sehr viel unterwegs und erkundeten Land und Leute.
Was A&E besonderen Spaß bereitete, war der Besuch von open air music festivals. Ein besonderes jährliches Highlight fand in einem anderen Vorort Chicagos, in Highland Park, statt. Zwischen Roger Williams Avenue und Green Bay Road befand sich der sogenannte Ravinia District. Das Ravinia Festival fand jährlich zwischen Juli und September statt und war ein Freiluft-Musikfestival der Sonderklasse. Das Festivalgelände war rund 15 Hektar groß und am Programm standen Events aller Musikrichtungen, von Klassik, Rock, Pop bis zu Country Musik. Es gab eine überdachte Tribüne mit Sitzplätzen und eine große Picknickwiese mit Videoleinwänden und Lautsprecher. Zwischen den Rasenabschnitten waren asphaltierte Wege angelegt, daneben befanden sich diverse Restaurants und Food Trucks. Doch das Außergewöhnliche waren die privaten Picknicks. Alex und Emilia kamen bei ihrem ersten Besuch aus dem Staunen nicht heraus. Sie kamen zum Konzert mit zwei Klappstühlen und ein paar Snacks und fühlten sich schon bestens ausgerüstet. Die anderen Konzertbesucher rückten an mit Handwägen voll mit Klappstühlen, Liegestühlen mit Armlehnen und Fußstützen, Tischen, Sonnenschirmen, Geschirr – kein Plastik- oder Wegwerfgeschirr, sondern Porzellanteller, (Sekt)Gläser, Silber-Essbesteck, Weinflaschen, Tiefkühltruhen, Tisch-Griller, Unmengen an Speisen, angerichtet auf Servierplatten wie in einem Restaurant, ganze (!) Torten und riesige Kerzenleuchter – es war unglaublich anzusehen. Als es zu später Zeit dunkel wurde, beleuchteten die vielen mitgebrachten Kerzen die Grünfläche und gaben der chilligen Atmosphäre noch einen Boost. Es herrschte Romantik pur. Alex und Emilia hielten sich an den Händen und summten zur Musik von Dolly Parton („Nine to five“), Jennifer Hudson („And I am telling you I am not going“), Josh Groban („You raise me up“) und vielen anderen Stars. Die Stimmung war unglaublich schön, einzigartig und unvergesslich. Im Publikum wurde getanzt und mitgesungen, gegessen, getrunken und gefeiert. Und nach Ende der Veranstaltung wurde alles von den BesucherInnen weggeräumt, ohne eine Müllhalde zu hinterlassen, und ohne Gedränge und Gerangel bei den Ausgängen ging wieder jeder seiner Wege. AmerikanerInnen waren Meister im geduldigen Anstellen und geordneten Verlassen von Events ohne Schubsen und Drängen.
Als Alex seiner Sekretärin am nächsten Tag erzählte, wie dürftig deren Picknick-Ausrüstung war, erhielt er wenige Tage später als Geschenk eine Picknicktasche mit Gläsern, Tellern, Besteck und Servietten. Die Grundausstattung für A&Es nächste Konzertbesuche.
Ohne Arbeitsbewilligung (Greencard) musste Emilia ihre Tage nun anders gestalten als im Joballtag, was anfänglich sehr gewöhnungsbedürftig für sie war. Während Alex mit seinem neuen Job voll ausgelastet war, tat sie also das, was amerikanische Upper Class Ehefrauen in der Nachbarschaft alle taten: Sie praktizierte socializing (Geselligkeit). Keine der Ehefrauen übte einen Beruf aus, aber alle waren unvorstellbar busy. Nichtstun konnte ganz schön anstrengend sein, schmunzelte Emilia. Wie wahr das wirklich war, sollte sie bald erfahren.
„Behind every successful man is a busy woman“, wurde sie von ihrer zukünftigen womanhood belehrt.
Kaum waren die beiden eingezogen, folgte eine Einladung bei den landlords, den Eigentümern ihres gemieteten Hauses. Emilia wurde mitgeteilt, dass es sich nur um eine kleine Zusammenkunft von einigen Leuten handeln würde, um Alex und sie der Nachbarschaft vorzustellen. No big deal, so dachte sie.
„Was soll ich anziehen?“
„Fine casual. No black tie. Steht auf der Einladung.“
„Und was bedeutet fine casual bei den Amis? Jeans? Kleid? High Heels? Sneakers?“
„Keine Ahnung. Hauptsache du siehst so umwerfend aus wie immer. Trage etwas Figurbetontes, dass deine schlanken Beine zur Geltung bringt.“
Alex war keine große Hilfe.
Sie entschied sich für Designer Black Denim Jeans, flache Tod’s Loafers und ein weißes no name T-Shirt. Understatement war schließlich nie verkehrt.
Sie sollte sich irren.
Am Weg zu den landlords hielten sie bei einem Blumengeschäft. Emilia besorgte einen Strauß mit unterschiedlichen weiß- und zartrosafarbenen Blumenarten (Rosen, Schleierkraut, Hortensien) mit viel grünem Blätterwerk drumherum. Wirkte sehr edel. Und dann kam die nächste Überraschung: Der Strauß wurde inklusive Vase und Transportbox verkauft. Ungewöhnlich, aber immerhin praktisch. A&E waren right on time, aber wollten nicht unter den ersten Gästen sein, also kurvten sie im Auto noch eine Runde durch die Nachbarschaft. Wow. Hier waren die Häuser alle noch eine Spur größer und pompöser als in „ihrer“ Straße. Emilia zählte vier Garagen pro Haus. Auffallend war auch, dass fast jedes Haus einen circular driveway (kreisförmige Auffahrt) hatte, was Emilia fast nur von großen Hotels kannte. Sehr mondän. Very rich.
Schließlich parkten sie und klingelten an der monströsen Haustüre. Was würde die zwei dahinter wohl erwarten – ein langweiliger small talk Event? Emilia war etwas nervös. Die Tür öffnete sich und dahinter kam ein Mann in schwarzem Anzug mit weißem Hemd, schwarzer Fliege und weißen Handschuhen zum Vorschein und geleitete sie ins Innere mit den Worten: „May I take your coat please?“ Sie standen im Foyer, in dessen Zentrum eine bridal staircase als eyecatcher diente: Gemeint war eine massive, breite Treppe mit aufwendig verziertem Geländer, an der man von zwei (!) Seiten in das obere Stockwerk gelangen konnte. Und von dieser Treppe schwebte ihnen die Gastgeberin entgegen. In goldfarbigen High Heels, mit einem pinkfarbenen Sommerkleid, das fast bis zu den Knöcheln reichte und ihre schlanke Figur geschmeidig umspielte, Haare und Make up perfekt gestylt und der pinke Lippenstift trug exakt die Farbe des Kleides. Der Auftritt war Hollywood like. Ihre Stimme hallte laut durch das Foyer, als sie die Ankömmlinge begrüßte und im selben Moment alle Blicke der Anwesenden auf A&E gerichtet waren. Emilia wollte am liebsten im Erdboden versinken unter all den neugierigen Blicken und fühlte sich in ihren Jeans wie Aschenputtel. Sie ließ sich ihr Unwohlsein nicht anmerken, Rücken gerade, Bauch eingezogen, Schultern zurück und ihr strahlendes Lächeln aufgesetzt. Augen zu und durch, lautete die Devise.
„So good to see you.“
„You look fabulous.“ Selten so eine gute Lüge gehört.
Blablabla.
Das kleine Zusammentreffen entpuppte sich als Party mit rund 100 Gästen in einem mansion mit mindestens 1500 m2 Wohnfläche. Trotz Raumgröße fühlte Emilia sich behaglich. Die wunderschöne Küche glich einer Schauküche, dunkles Holz, gepaart mit Marmor, ein gigantischer Herd, das Wohnzimmer mit riesigem offenem Kamin, breite, schwere Flügeltüren dienten als Innentüren, viele Steinmauern als Wandakzente im Inneren des Hauses, Wintergarten, Bibliothek wieder mit offenem Kamin und Bücherschränken bis zur Decke. Alles sehr gediegen, edel und massiv. Sie lernte an diesem Abend, dass große Häuser mit zwei Wohnzimmern ausgestattet waren, einem family room und einem living room. Beide Räume waren fast ident eingerichtet mit den üblichen Möbelstücken wie Sitzgelegenheiten, Tisch, Kommoden und Kamin. Der family room wurde aber überwiegend für private Zwecke genutzt und beinhaltete viele private Fotos, Bilder, Bücher und Accessoires, wo hingegen der living room für Gäste und Feiern bereitstand. Im living room der landlords befand sich ein Piano, eine Bar, eine Ecke für Zigarrenliebhaber und der Ausgang auf eine Terrasse.
Es gab ein feines Buffet mit allen erdenklichen Leckereien, und schwarz-weiß gekleidetes Servierpersonal mischte sich unter die Gäste und offerierte Getränke und kleine Häppchen, finger food. Ein Klavierspieler am Flügel sorgte für musikalische Unterhaltung. Nicht zu laut und nicht zu leise; der Raum war erfüllt mit dezenter Hintergrundmusik, sodass die Gäste sich dabei angenehm unterhalten konnten. Man stand oder saß in Grüppchen tratschend herum. Es war urgemütlich, die Leute waren alle sehr nett, und Emilia fühlte sich nicht fremd. Es hatte ihr richtig Spaß gemacht mit allen zu plaudern. Und da merkte sie auch, dass sich das Englischreden schon ganz normal anfühlte.
Alles easy.
Small Talk.
Bussi links und Bussi rechts.
Auf Du und Du mit lauter Fremden.
Plötzlich hatte Emilia jede Menge neuer friends.
Oder doch nicht?
Alex war in seinem Element als Alleinunterhalter und hatte ein Grüppchen von Leuten um sich gesammelt. Die Rollen waren klar verteilt: Alex war der Entertainer und Emilia Teil seines Publikums. Sie lauschte seinen Anekdoten, die sie mittlerweile nach all den Jahren ihres Zusammenseins auswendig kannte. Sie verbarg ihre Langeweile und tat, als würde sie seine Geschichten zum ersten Mal hören. Das war ihre Aufgabe an seiner Seite. Schön auszusehen und zu lächeln.
Am nächsten Tag fand Emilia im Postkasten eine mit dunkelblauer Tinte geschriebene Karte von den landlords mit folgenden Zeilen:
„Dear Emilia and Alex,
thank you both for being our guests. We are so happy that you are our new neighbours and look forward to getting to know both of you better over the next few years.
Sincerely,
Mary and Bob“
Talking about a great first impression.
A&E hinterließen offensichtlich einen guten Eindruck.
Alex fühlte sich in den Staaten sofort heimisch. Er mochte seinen neuen Job, der ihn sehr forderte, ihm aber auch Erfolg, Respekt, Macht und ein hohes Einkommen bescherte. Alex war Zeit seines Lebens erfolgsorientiert und erfolgsgewohnt, aber die USA kapitulierte ihn in ungewohnte Höhen.
*****
Ein weiterer Aspekt von Emilias Socializing war der Beitritt zum Buchklub, in den Mary, die Ehefrau des landlords, sie einführte. Es waren zwölf Mitglieder im Buchklub, der aus Frauen aus der Nachbarschaft bestand. Die Treffen fanden alle vier Wochen in einem der Privathäuser der einzelnen Teilnehmerinnen statt. Eines der Privathäuser verfügte über eine eigene Landepiste am eigenen Grundstück. Auf Emilias Nachfragen erfuhr sie, dass der Ehemann besagten Buchklubmitgliedes ein eigenes kleines Privatflugzeug besaß, praktischerweise mit Landebahn fast neben dem Küchenfenster. Man traf sich zum gemeinsamen Lunch und es wurde über das zuvor gelesene Buch diskutiert. Zu Beginn des Jahres setzte man sich zusammen und gestaltete eine Liste von zwölf Büchern, die im Folgejahr als Leselektüre diente. Diese Bücher stellten im Anschluss an das Gelesene Diskussionsfragen parat, da Buchklubs in den USA sehr populär waren. Für Emilia war die Teilnahme am Buchklub eine gute Gelegenheit, ihre Englischkenntnisse zu verbessern und optimieren. Bei den Buchklubtreffen war es ein No-Go, über Politik oder Religion zu sprechen, aber man lernte den neuesten Tratsch und Klatsch kennen. Die Amis waren generell sehr offen. Eine Nachbarin erzählte beispielsweise gleich beim ersten Treffen, dass sie Brustkrebs hatte. Einfach so, als spräche sie über das Wetter.
Bei den Treffen wurde aufgetischt, als gäbe es einen Preis für das beste Menü zu gewinnen. Unmengen an Speisen standen zur Auswahl, meist zubereitet vom Personal der Gastgeberin oder auch von einer Catering-Firma. Selbst stellte sich keine Frau an den Herd. Erstaunlich war auch die Größe des Mobiliars. An den Esstischen fanden jeweils alle zwölf Frauen bequem Platz. Die Stühle waren klobig und schwer. Auch das Geschirr war von enormer Größe. So riesige Schüsseln, Teller und Platten hatte Emilia in einem privaten Rahmen noch nie zuvor gesehen.
Zu Weihnachten fand der Dezember-Buchklubtermin jeweils im Country Club in feierlichem Ambiente statt. Jedes Mitglied hatte ein Buch als Geschenk verpackt mitgebracht, das in die Mitte des Tisches gelegt wurde. Dann wurde jeweils eine Nummer von Eins bis Zwölf gezogen und die Nummer Eins durfte beginnen, sich aus dem Geschenkeberg ein Buch auszusuchen. Dann wurde das gewählte Buch ausgepackt und kurz vorgestellt, und die Nummer Zwei durfte wählen, ob sie das Buch der Nummer Eins wieder abnimmt oder ein anders wählt usw. – bis jede Teilnehmerin ein Buch hatte, das ihr gefiel.
*****
Besonders beeindruckend erschienen die Feierlichkeiten rund um die bedeutsamsten Feiertage in den Vereinigten Staaten wie z. B. St. Patrick’s Day, 4th of July, Thanksgiving und X-Mas.
St. Patrick’s Day wurde am 17. März gefeiert und galt als Gedenktag des irischen Bischofs Patrick, der angeblich der erste christliche Missionar in Irland war. Dieser Feiertag wurde in Chicago sowohl von Iren als auch Nicht-Iren gefeiert, und A&E waren immer live dabei. Dazu gab es ein tolles Spektakel: In Chicago wurde der Chicago River, der durch die Innenstadt fließt, grün eingefärbt. Früher verwendete man zur Färbung die Chemikalie Uranin, diese wurde jedoch später durch einen umweltfreundlichen pflanzlichen Farbstoff ersetzt. Die ganze City war jedes Mal in Partylaune. Schon wochenlang zuvor lockten die Geschäfte mit grüner Dekoration wie beispielsweise grünen Keksen und Naschereien, grünen Torten, grünen Kleeblättern, grünen Hüten und T-Shirts. Mancherorts wurde sogar Bier grün eingefärbt. In den Geschäften trugen die VerkäuferInnen grüne Hüte, grüne kleeblattförmige Ohrringe, grüne Perücken, grüne T-Shirts – Hauptsache irgendein grünes Accessoire war ersichtlich.
Der 4th of July, auch als Independence Day (Unabhängigkeitstag) bezeichnet, war ein weiteres Highlight im Jahr. Gefeiert wurde der Geburtstag der Vereinigten Staaten als unabhängige, freie Nation. Schon am Tag zuvor, am 3. Juli, erlebte Emilia eines der tollsten Feuerwerke, das sie je gesehen hatte – und dies nicht wie üblich zu Silvester. Feuerwerke gab es unzählige in den Staaten, alleine in Chicago am Navy Pier fand zweimal pro Woche abends eines statt. Dieses besagte firework war für Emilia so besonders, weil sie es aus luftiger Höhe erlebte. Alex und Emilia waren zu einer privaten Party in einem High Rise (Wolkenkratzer) in Chicago downtown eingeladen und genossen die tolle Aussicht. Die Fenster in dem Apartment waren mit Glasscheiben vom Boden bis zur Decke ausgestattet und exakt gegenüber dem Feuerwerk platziert. Vor dem High Rise befand sich ein Park, dahinter der Lake Michigan mit dem Feuerwerk, d.h. der freie Blick in luftiger Höhe wurde durch nichts gestört, und man blickte dem Feuerwerk direkt ins Auge! Emilia hatte den Eindruck, die Feuerwerkskörper und Figuren kamen vom Himmel auf sie zu. Ein magischer Moment. Zum Feuerwerk gab es ein live Musikkonzert, das synchron mit der Art des Feuerwerks zusammenspielte. Zu sehen waren spezielle Feuerwerksfiguren, wie beispielsweise Schmetterlinge, Sterne und Herzen oder zwei ineinander verschlungene Ringe.
„Siehst du die Ringe und Herzen – so untrennbar verbunden wie du und ich. Ich liebe dich.“ Alex hielt seine Frau eng umschlungen mit einer Hand um ihre Taille, in der anderen ein Glas Champagner. Um die beiden herum standen beautiful people. Ein fast kitschig schöner Moment.
Das Feuerwerk war kilometerweit zu sehen, und mehr als eine Million Menschen standen „unten“ im Getümmel. Und A&E genossen den Blick von „oben“.
„Best time of my life.“
„This is the perfect moment.“
Emilia war einfach nur glücklich.
Der Independence Day bedeutete im Vorfeld tagelanges Dekorieren von Geschäften, Privathäusern, Gärten und Autos mit rot-weiß-blauen Flaggen. Selbst Hunde wurden nicht verschont und trugen Halstücher und Hundejäckchen in den drei Farben. Kuchen, Kekse, Torten, Kleidung – nun war alles in diesen Farben zu sehen. Die Amis liebten Kitsch und nichts war ihnen zu peinlich. Tradition war an diesen Tagen das Grillen im eigenen Heim (barbecue) mit hot dogs und burger.
Und natürlich durften Paraden nicht fehlen, die allerorts stattfanden. Schon Stunden vor Beginn sicherten sich die Zuseher mit Hilfe von mitgebrachten Klappstühlen, Liegestühlen und Decken die besten Plätze entlang der Straßen, wo die Parade vorbeiziehen würde. Paraden dauerten mindestens zwei Stunden oder auch viel länger, d.h. für bequemes Sitzen und mitgebrachte Getränke und Speisen musste gesorgt werden. Dies war ein Familienevent – von der Oma bis zum Kleinkind und Hund – alle waren mit dabei und schwangen ihre rot-blau-weißen Fähnchen. Zu sehen waren marschierende Musik-Bands, Cheerleader, lokale Geschäftsleute und Politiker auf dekorierten floats (Festwägen), geschmückte Fahrradteams, Pferde- und Hundeteams sowie Performance-Künstler (Jongleure, Clowns, Artisten). Die meisten Schulen verfügten über ihre eigenen Bands, Sportteams und Cheerleader, inklusive dazu passender Kostüme, und nutzten die Gelegenheit, sich bei Paraden zu präsentieren. Absolut sehenswert.
Und was wäre die USA ohne Halloween? Nicht nur in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November war es spooky. Das Gruseln begann schon Wochen zuvor. Häuser und Gärten wurden mit Kürbissen in allen Größen und Formen dekoriert. Soviel Kitsch war fast nur noch zur Weihnachtszeit zu toppen. In den Privatgärten tummelten sich Grabsteine und Skelette, Spinnen, Spinnennetze, Mumienfiguren, Zombie- und Totenköpfe und diverse aufblasbare riesige Plastikfiguren zum Fürchten. Manche der Figuren leuchteten in der Nacht oder gaben schreiende Geräusche von sich beim Vorbeigehen. In den Geschäften war nun die Farbe Orange angesagt: es gab orange Backwaren, Torten, Kekse, Süßigkeiten und Bekleidungen. Angestellte trugen orange T-Shirts oder diverse orange Accessoires – der ganz normale jährliche Wahnsinn.
Trick or Treat bereitete vor allem den Kindern einen großen Spaß. Tagsüber marschierten endlose Trauben von kids (mit oder ohne elterliche Begleitung) die Geschäfte in ihren Kostümen ab – immer auf der Suche nach Süßigkeiten. Die mitgebrachten leeren Taschen wurden immer voller und schwerer. Viele der kids sahen wirklich niedlich aus: Sie steckten in felligen Ganzkörperkostümen als Äffchen, schwarz-gelbe Bienchen oder kleine Saurier verkleidet. Spätnachmittags wurden die Privathäuser mit Trick or Treat-Besuchen behelligt. Es gab Halloween-Paraden und abendliche Halloween-Feste für Erwachsene. In Chicago sah man abends auf den Straßen viele Kostümierte rumlaufen: Hexen, Zombies und Vampire regierten eine Nacht lang die Stadt.
Eine gruselige Besonderheit waren die sogenannten haunted houses. Das waren Gruselhäuser, eigens für die Halloweenzeit errichtet. A&E besuchten eines in Chicago. Zuerst stellten sie sich rund zwei Stunden lang an für Tickets. Danach warteten sie erneut in Eiseskälte und absoluter Finsternis entlang eines kreierten Friedhofes mit Zombies und Gräbern, um endlich Einlass zu erhalten. Hier passierte es, dass ein Zombie Emilia erschreckte, als er ihr plötzlich von hinten ins Ohr grölte. Diese Zombies, Monster, Buckelige, Hexen, Vampire, Geister usw. waren Laiendarsteller, also verkleidete, maskierte Menschen (keine Puppen). Pro haunted house Haus waren rund 70 Zombies unterwegs, je nach Größe und Location. Alles sehr gruselig zum Anschauen. Dann betrat man in Kleinstgruppen (darum dauerte der Durchgang durch das Haus so lange) das Gruselszenario. Das Haus bestand aus einzelnen Zimmern bzw. Abteilen, wobei jedes Zimmer ein anderes Szenario darbot, meist eine Filmszene aus Horrorfilmen (z. B. eine Sägeszene aus dem Horrorfilm „Saw“), d.h. man befand sich mitten im Film und echte Darsteller sprachen einen an, erschreckten und involvierten die BesucherInnen in die Horrorszene. Da saß z. B. ein Vampir am Esstisch und trank „Blut“, diverse Todesszenen aus bekannten Filmen wurden nachgespielt; A&E kamen u.a. in eine Abteilung, wo ein Irrenhaus nachgestellt wurde, da schrien und liefen irre Insassen herum, und man wurde gefragt, ob man Patient oder Besucher war, musste sich eintragen in eine Liste. Eine Besucherin meinte, sie sei Patientin, und wurde gleich „behandelt“, also abgeführt zu anderen Irren, die sie umkreisten, ansahen usw. Echt scary und nichts für schwache Nerven.
Weiters gab es Spinnenhäute, Falltüren, allerlei gruselige Geräusche (quietschende Türen, rasselnde Ketten, schreiende Laute, knurrende Tierlaute), Nebel, zeitweise absolute Finsternis und ein Gefängnis, wo die Insassen die BesucherInnen verfolgten, und auch einen Irrgarten, wo man den Weg herausfinden musste und man an jeder Ecke von Gruselgestalten erschreckt und verfolgt wurde. Nichts für ängstliche Naturen. Emilia hatte während der ganzen Tour die Hand von Alex nicht losgelassen und drängte sich immer ganz dicht an ihn, damit kein Zombie zwischen die beiden passen konnte. Aber als Erste in der Gruppe mochte sie nicht gehen, denn da wurde man immer erschreckt, das hielt ihr Nervenkostüm nicht aus. Sie beobachtete lieber aus der Ferne. Die Zombies kamen sehr, sehr nahe, hauchten in ihr Gesicht; sie kam also nicht umhin, deren schreckliche Maskerade anzusehen. Aber die Zombies berührten die BesucherInnen nicht mit ihren Händen oder Körpern, denn das war nicht erlaubt!
Emilia traute sich später nochmals in ein anderes haunted house. Diesmal in einem Park am Navy Pier in Chicago gelegen, dort wurde für diesen Zweck für einige Tage eine riesige Containerhalle aufgestellt. Das Ambiente sah schon von außen viel gruseliger aus als das Haus, wo die beiden zuvor waren. Blutige Zombies marschierten außen herum, Feuerschlucker und Piraten, die sich mit ihren Schwertern bekämpften. Resümee: Das war absolut scary! Emilia hätte nicht geglaubt, dass sie tatsächlich laut schreien konnte – sie war eher ein ruhiger, gelassener Typ. Sie ging alleine mit Alex durch das Haus, sagte, er dürfte auf keinen Fall ihre Hand loslassen. Es war alles sehr eng innen, man ging durch winkelige Kellerverliese und Katakomben, musste aufpassen, um nirgendwo anzustoßen. Dauernd waren Nischen, wo entweder echte Gestalten standen wie Mumien oder eben nachgemachte gruselige Puppen – ob sie echt waren, merkte man, wenn sie einen erschreckten. Emilia starrte einmal einen Zombie an und dachte, er wäre nicht echt und plötzlich sprang er ihr ins Gesicht. Und so ging es weiter an jeder Ecke, sie schrie sich die Seele aus dem Leib. Dann gab es animierte Wolfshunde, riesige haarige Viecher, die auf sie zusprangen und kurz vor ihr wieder in sich zusammensanken, echt gruselig! Aber am schaurigsten war Folgendes: A&E mussten durch eine schwarze Wand und einen Tunnel gehen: Das hieß, A&E standen in absoluter Dunkelheit vor einer schwarzen Wand und ein Zombie schrie sie an, da durchzugehen. Alex lehnte sich dagegen und auf einmal war er weg, als wäre er verschluckt. Emilia hielt noch seine Hand, aber sein restlicher Körper war umgeben von einer schwarzen Gummiwand, die nachgab, aber sich eng um den Körper schmiegte, sodass man glaubte, zu ersticken und nie wieder rauszukommen. Alex‘ Hand zog Emilia ebenso in diese black wall hinein, und dann marschierte Emilia endlos lange durch diese schwarze Masse. Sie sah absolut nichts in dieser Greuelschwärze. Es war kein Ende in Sicht, und sie fühlte sich wie lebendig begraben. Als beide endlich wieder draußen waren, war klar, dass dies ihr letzter haunted house Besuch gewesen war.
Aber dann ging es noch weiter durch das Innere eines Drachen, das hieß, man marschierte in blutroten gummiartigen Gedärmen herum, der Boden war wabbelig weich. Es folgte ein Zimmer voll mit Särgen, man wusste nie, welcher von denen aufging und eine Mumie heraussprang. Sie war nervlich fertig, als die beiden endlich das Ende erreichten! Es war scary, aber trotzdem auch funny! Schwer zu beschreiben, aber man musste es einfach erleben!
Es gab außerhalb Chicagos auch haunted houses, die in ehemaligen Gefängnissen stattfanden. Das „echte“ Ambiente erhöhte noch den Gruselfaktor. Emilia bevorzugte später jedoch nicht-gruselige Pumpkin-Feste mit Kürbis-Schnitz-Wettbewerben und ähnlichen wenig nervenaufreibenden Erlebnissen.
