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Nach mehr als zwei Jahren hat Beate Graß angefangen, über das tragische Schicksal, das sie und ihre Familie im August 2014 blitzartig überfiel, zu schreiben. Die Nachricht über den plötzlichen Unfalltod ihres 26-jährigen Sohnes Konstantin traf sie alle mit Wucht. Er war während einer Dienstreise in China von einer Sturzflut überrascht worden und ertrunken. In ihrem Buch beschreibt Beate Graß ihre Gedanken und Gefühle, die tiefe Trauer, den Schmerz, die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Ihr ist es wichtig, weiter mit ihrem Sohn in Verbindung zu bleiben, auch über den Tod hinaus. So führt sie zum Zeichen seiner Unsterblichkeit einen Dialog mit ihm, auch wenn er nicht mehr antworten kann. Der Glaube und die Hoffnung, ihn wiederzusehen, gaben ihr die Kraft, zurück ins Leben zu finden. Sie lässt den Leser nicht nur emotional teilhaben an dem, was sie in dieser schweren Zeit durchlebt hat, sondern sie vermittelt auch ein authentisches Bild vom Leben ihres Sohnes. Anderen Betroffenen gibt sie Hoffnung und Zuversicht. Den Erlös dieses Buches spendet die Autorin vollständig für wohltätige Zwecke.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Wenn alles zerbricht,
die Freude, unsere Träume,
das gemeinsame Leben…
Dann zählt das,
was wirklich wichtig war:
Die Liebe, die wir einander schenkten.
(Irmgard Erath)
Lieber Konstantin,
Die Zeit danach
Licht am Horizont
Weihnachten ohne dich
Unsere Chinareise
Erinnerung an deine letzten Lebensjahre
Zusammenfassung oder noch ein paar Gedanken
Mein liebes Kind,
hier stehe ich nun mit deinem Bruder Thomas in der Abflughalle des Frankfurter Flughafens. In 45 Minuten startet unser Flug nach China. Wir fliegen in das Land, in dem du vor fast zwei Jahren während eines Unwetters ums Leben gekommen bist, auf deiner ersten Dienstreise. Wir kommen jetzt zu dir, obwohl wir wissen, dass du nicht mehr da bist. Viele haben mich gefragt, warum ich diese lange Reise mache, wo ich doch solche Angst vorm Fliegen habe. Ich spürte tief in mir, ich musste mich mit deinem Verlust auseinandersetzen,um meine tiefe Wunde zu heilen, und dazu gehört eben auch die Reise an den Ort, wo du zuletzt warst.
Ich erinnere mich noch genau an unser letztes Telefongespräch am 8. August um 18:00 Uhr, in China war es schon Mitternacht. Du warst gerade von einem Essen mit Freunden zurückgekehrt. Es waren die letzten drei Tage deiner zweiwöchigen Dienstreise. Du warst so glücklich, bald nach Korea fliegen zu können und dort deine Studienfreunde, die du vom Auslandsstudium kanntest, zu besuchen. Du hast von deiner dir so viel Freude machenden Arbeit erzählt, von dem luxuriösen Hotelzimmer, und du warst so dankbar für das Geld, das wir dir für deinen Urlaub in Südkorea überwiesen hatten. Du sagtest: „Mama, ich hab’ so viel erlebt hier, werde euch alles erzählen, wenn ich wieder in Deutschland bin.“ Wir haben zusammen gelacht und dann habe ich dich noch gefragt, ob du noch mal anrufst, bevor du am Dienstag abfliegst. Natürlich wolltest du das. Wir haben uns verabschiedet, nicht ahnend, dass du ein paar Stunden später in einem Canyon-Park von einer Flutwelle mitgerissen wirst und dein lebloser Körper noch ein paar Stunden später von der Rettungsmannschaft gefunden wird.
Wir in Deutschland erfuhren erst einen Tag später von dem schrecklichen Ereignis. Es war ein Sonntag. Papa und ich wollten uns ein wenig ausruhen, als es kurz nach 14:00 Uhr an der Haustüre klingelte und zwei fremde Personen dort standen. Papa war am Badezimmerfenster und nannte den Namen deiner Firma. Sofort war ich im Flur und wollte als erste die Haustür öffnen, aber so weit kam ich nicht. Ich musste mich an der Heizung im Flur festhalten, weil meine Beine mich nicht mehr hielten. So öffnete Papa die Haustür und ich kam langsam hinterher, hörte von starken Regenfällen und einem Unfall in China, fragte sofort ob du verletzt bist und sah mich in Gedanken schon auf dem Weg nach China, um dir zu helfen. Die beiden Frauen kamen mit ernsten Mienen in unser Wohnzimmer und erzählten langsam, wie eine plötzliche Flutwelle deine Kollegin und dich überrascht hat. Ich hörte die Nachricht von deinem Tod und dann hatte ich das Gefühl, ganz tief in den Boden zu sinken. Gleichzeitig dachte ich an Thomas, der in Bonn war und noch den weiten Weg zu uns in die Eifel zurücklegen musste.
Noch am gleichen Abend saßen dein Bruder, deine Tanten, Cousinen, Nachbarn und deine Patin, die zugleich meine Freundin ist, bei uns im Wohnzimmer.
Alle redeten durcheinander oder waren ganz still. Ich war weit weg mit meinen Gedanken und nahm alles, was um mich herum geschah, nur schleierhaft wahr. Niemand konnte mir helfen. Ich war in meiner eigenen Welt und wünschte mir Stille, nur Stille. Was gab es jetzt noch zu reden? Ich konnte nicht wahrhaben, was dir geschehen war, und dachte die ganze Zeit in ein, zwei Tagen würdest du anrufen und dann wäre der Spuk vorbei. Andererseits überlegte ich schon, welchen Spruch und welches Bild wir auf die Anzeige drucken lassen. Mir war bewusst, dass ich die Vorbereitung für deinen Abschied übernehmen musste, und mir fiel sofort dein Lieblingsmotiv ein, der Sonnenuntergang, den du in Australien fotografiert hast. Die Sonne sinkt in die Ruhe der Nacht. Als ich es das erste Mal sah, dachte ich an Abschied und dass man es für solche Zwecke gut nehmen könnte, eher für Papa oder mich, aber doch nicht für dich.
Spätabends, als alle weg waren, haben wir eine längere Zeit regungslos, wie unter Schock dagesessen und die Wände angestarrt. Dein Bruder ging schweigend im Zimmer hin und her. Dann sagte Papa ganz langsam den Satz: „Jetzt sind wir arm“, womit er den Zustand unserer Herzen meinte. Ich antwortete ihm: „Wir werden es schaffen“, obwohl ich selbst ganz und gar nicht wusste wie, ich wollte ihm nur etwas Mut zusprechen. Papa meinte noch: „Du musst alles regeln, ich kann das nicht.“
Wir wussten, dass du uns nie „gehört“ hast, dass Eltern sein immer bedeutet: loslassen, hergeben, freigeben. Wie oft haben wir uns schon von dir verabschiedet: zum ersten Mal im Februar 2008, als du nach dem Zivildienst für ein Jahr nach Australien gegangen bist. Dich mit 19 Jahren in die Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu entlassen, war nicht leicht. Danach folgten weitere Abschiede, im Sommer 2009 zum Studium in Ludwigshafen und dann, gegen Ende 2011, zum Auslandsstudium nach Seoul in Südkorea. Du solltest deinen Weg gehen, deine Ideen und Pläne verwirklichen. Während du diese Trennungen wahrscheinlich als eine offene Tür in ein neues Leben gesehen hast, haben wir sie eher als Abgeben und Loslassen empfunden. Nur das Beste im Sinn habend, wollten wir dir Raum für Entwicklung und Entfaltung geben, den Abschiedsschmerz still im Herzen tragend, in der Hoffnung, dass du deinen Weg finden wirst. Nun gibt es keine Hoffnung mehr. Oder doch?
In den drei Wochen vom Erhalt der Todesnachricht bis zur Beerdigung war ich wie in einer Schockstarre und musste immer nur weitermachen, so, als ob jemand für einen großen Auftritt proben muss. Ich konnte es nicht fassen, dass du nicht mehr da bist. Für kurze Momente dachte ich immer noch, du rufst in ein, zwei Tagen an. Ich weiß nicht mehr, wen ich damals alles angerufen habe, um mit ihnen dieses erschütternde Ereignis zu teilen, damit es für uns alle nicht zu schwer wurde, darunter den Pater, den wir seit vielen Jahren kannten.
Es gab so viele Aufgaben zu erledigen, dass ich mir abends, wenn Papa und Thomas im Bett waren, immer eine Liste für den nächsten Tag machte. Neben den vielen Kondolenzbesuchen, den Telefonaten mit deinem Arbeitgeber in Stuttgart und auch mit deinem Vorgesetzten in China sowie mit verschiedenen Institutionen, mussten noch das Sterbeamt, die Auswahl der Musikstücke, die Predigt (die ich nachts selbst geschrieben habe) für die Messe vorbereitet werden. Ich konnte und wollte diese Vorbereitungen doch nicht einer anderen Person überlassen, die dich nicht kannte. Dabei habe ich mich immer wieder gefragt, was dir gefallen würde, was in deinem Sinne zu tun wäre, obwohl es mich unsagbar viel Kraft kostete. Und dann galt es noch, deine vielen Freunde zu benachrichtigen. Wir hatten weder Adressen noch Telefonnummern.
Onkel Günther lag im Krankenhaus, als die Todesnachricht kam. Als er zwei Tage später davon erfuhr, rief er weinend an und meinte: „Ich habe ihn geliebt wie mein eigenes Kind.“ Ich konnte ihn nicht beruhigen. Ein paar Tage später brachte ich ihm die Todesanzeige in die Rehaklinik. Thomas begleitete mich. Ich versuchte „völlig normal“ mit ihm zu reden, wollte nicht über deinen tragischen Tod sprechen, das heißt, ich erkundigte mich nach seinen Anwendungen, fragte ihn nach seinen Kindern. Ich bemerkte seine fragenden Blicke, so als ob er sagen wollte:„Wie kann sie so reagieren? Woher nimmt sie die Kraft?“
In einer Zeit, in der ich doch endlose Tränen hätte vergießen müssen, arbeitete ich wie eine Wilde, funktionierte sozusagen perfekt. Ich glaube, das schreckliche Ereignis hatte noch nicht Einzug in mir gehalten. Ich war wie betäubt, noch nicht verstehend, dass ich all das für meinen eigenen Sohn, für dich mache, und dass mir das Schlimmste noch bevorstand, nämlich die Zeit nach der Beerdigung.
Am Donnerstag, vier Tage nach der schlimmen Nachricht, fuhren wir in deine Wohnung nach Stuttgart, um deinen Vermieter zu benachrichtigen, da wir weder von ihm noch von den Nachbarn eine Telefonnummer hatten und diese auch über die Auskunft nicht zu erreichen waren. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer uns die Schritte dorthin gefallen sind. Gleich am Eingang nahm ich einen ganz bestimmten Geruch wahr, den ich immer bemerkte, wenn ich dich besuchte. Die Wohnung roch nach dir. Auf dem Küchentisch lagen die Unterlagen, um die ich dich vor deinem Abflug so gebeten hatte, alles gut leserlich geschrieben. Ich weiß nicht, warum ich dich so intensiv gebeten hatte, alles aufzuschreiben für den Fall, dass dir etwas passiert. Wir gingen durch die Räume und fingen dann an, Kleidung, Lebensmittel und Aktenordner ins Auto zu packen. Dabei musste ich auch einen Schrank im Flur öffnen, was mir besonders schwer fiel. Ich zögerte. Da war jenes Schrankfach, das ich nie angerührt hatte, wenn ich dich für ein paar Tage besuchte. Du wolltest es nicht, das hatte ich immer respektiert. Nun stand ich davor und musste in deinen privatesten Papieren wühlen. Wir wussten ja nicht, was sich darin verbarg. Es waren persönliche Papiere und alte Rechnungen, die du sicher noch ordnen wolltest.
Nach ungefähr zwei Stunden fuhren wir in deine Firma. Wir wollten dein Büro sehen. So oft hattest du uns von „deinem Panoramaplatz“ im 9. Stock vorgeschwärmt. Schweigend standen wir kurze Zeit später zum ersten Mal vor deinem Schreibtisch, der mit einer brennenden Kerze, einem Blumenstrauß, einem Kranz und einem großen Bild von dir geschmückt war. Der Raum, den du dir mit deinem Vorgesetzten geteilt hast, ist sehr groß und hell. Alle Kollegen, die wir noch nie kennen gelernt hatten, standen still um deinen Schreibtisch herum. Eine junge Frau weinte so sehr, sie verließ kurz darauf den Raum. Durch das Fenster fiel mein Blick auf das gesamte Werksgelände, sowie die Landschaft mit ihren Weinbergen, Wäldern und dem Stuttgarter Fernsehturm. Ja, das ist wirklich ein außergewöhnlich schöner Platz mit Panoramablick, wo du so viel Zeit verbracht hast, und ich verstehe, dass du hier gerne gearbeitet hast. Nie hast du dich über zu viel Arbeit beschwert, obwohl du viele Überstunden geleistet hast. Beim anschließenden kurzen Beisammensein im Speisesaal setzte ich mich neben deine Abteilungsleiterin, die einige Tage mit dir in China gewesen war. Ich war sehr gefasst und sagte zu ihr: „Erzählen Sie mir etwas von seinen letzten Stunden.“ Sie sagte genau das, was ich bei unserem letzten Telefongespräch gespürt hatte, nur einen einzigen Satz: „Er war sehr glücklich“, und kurz darauf: „Wir haben oft noch bis spät abends in der Lounge des Hotels zusammen gesessen und miteinander gearbeitet.“ Das passte zu dir, du konntest sehr ausdauernd arbeiten. Kurz nach Mittag fuhren wir zurück in deine Wohnung und am späten Nachmittag wieder den weiten Weg nach Hause, da keiner von uns dort schlafen wollte. Danach war ich nie wieder dort, auch nicht in Stuttgart, obwohl ich diese Stadt so gerne mag.
Am nächsten Tag stürzten wir uns in die Arbeit, funktionierten wie auf Autopilot, durchsuchten die mitgebrachten Dokumente, formulierten Schreiben für Versicherungen, Banken, Kündigungsschreiben. Und deine Firma informierte uns darüber, dass die zuständige Behörde in der Region, wo du gestorben bist, dich endlich freigegeben hat. Du warst auf dem Weg nach Shanghai. Dort hat man dich sechs Tage festgehalten, nur Formalitäten, aber für uns waren das quälende Tage der Ungewissheit und des Hoffens. Es bedeutete, viel Geduld haben. Ich hatte große Angst, dass man dich verwechselt oder uns eine Urne schickt (was nicht unbegründet war, wie ich später erfuhr).
