Bisswunden - Greg Iles - E-Book

Bisswunden E-Book

Greg Iles

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Beschreibung

Catherine "Cat" Ferry wird als Sachverständige zu einem Mordfall in New Orleans gerufen. Cat ist Spezialistin für Bissspuren und deren Deutung. Doch was sie hier sieht, lässt sie nach einer Panikattacke ohnmächtig zusammenbrechen. Weder der grausame Mord ist die Ursache, noch die Wunden des Opfers. Die Alpträume und Panikattacken, die Cat plagen, haben mit ihrer eigenen Geschichte zu tun - einer Vergangenheit, die sie dachte, erfolgreich verdrängt zu haben. Cat flieht zurück in ihr Elternhaus in Natchez, Mississippi. Dort ist vor vielen Jahren, als sie noch ein Kind war, ihr Vater ermordet worden. Doch was ist damals in jener stürmischen Nacht wirklich geschehen? Kann Cat ihren eigenen Erinnerungen trauen? Und was hat jene längst vergessene Tat mit jenen Morden zu tun, die immer noch geschehen - und ihr eigenes Leben bedrohen?

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Informationen zum Buch

Catherine »Cat« Ferry wird als Sachverständige zu einem Mordfall in New Orleans gerufen. Cat ist Spezialistin für Bissspuren und deren Deutung. Doch was sie hier sieht, lässt sie nach einer Panikattacke ohnmächtig zusammenbrechen. Weder der grausame Mord ist die Ursache, noch die Wunden des Opfers. Die Alpträume und Panikattacken, die Cat plagen, haben mit ihrer eigenen Geschichte zu tun – einer Vergangenheit, die sie dachte, erfolgreich verdrängt zu haben.

Cat flieht zurück in ihr Elternhaus in Natchez, Mississippi. Dort ist vor vielen Jahren, als sie noch ein Kind war, ihr Vater ermordet worden. Doch was ist damals in jener stürmischen Nacht wirklich geschehen? Kann Cat ihren eigenen Erinnerungen trauen? Und was hat jene längst vergessene Tat mit jenen Morden zu tun, die immer noch geschehen – und ihr eigenes Leben bedrohen?

Über Greg Iles

Greg Iles wurde 1960 in Stuttgart geboren. Sein Vater leitete die medizinische Abteilung der US-Botschaft. Mit vier Jahren zog die Familie nach Natchez, Mississippi. Mit der »Frankly Scarlet Band«, bei der er Sänger und Gitarrist war, tourte er ein paar Jahre durch die USA. Mittlerweile erscheinen seine Bücher in 25 Ländern. Greg Iles lebt heute mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Natchez, Mississippi. Fünf Jahre hat er kein Buch herausgebracht, da er einen schweren Unfall hatte, nun liegen im Aufbau Taschenbuch seine Thriller „Natchez Burning“, „Die Toten von Natchez vor“ und "Die Sünden von Natchez" vor.

Mehr zum Autor unter www.gregiles.com

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Greg Iles

Bisswunden

Aus dem Amerikanischenvon Axel Merz

Dieser Roman ist den Frauen gewidmet, die irgendwann mitten in der Nacht erkennen, dass etwas nicht stimmt, und das schon sehr lange nicht. Mehr als die meisten anderen Menschen wissen diese Frauen um die Wahrheit der Worte William Faulkners: »Es gibt kein War, nur ein Ist. Würde es ein War geben, gäbe es keine Trauer und keine Sorgen.«

Ihr seid nicht allein.

Erinnerung ist der Wächter aller Dinge.

Cicero

Wenn das Böse die Wurzel aller Geheimnisse ist,

dann ist Schmerz die Wurzel allen Wissens.

Erasmus

Inhaltsübersicht

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

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Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

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Kapitel 37

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Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Danksagungen

Impressum

1

Wo fängt Mord an?

Mit dem Betätigen eines Abzugs? Mit der Entstehung eines Motivs? Oder fängt er schon viel früher an, wenn ein Kind mehr Schmerz herunterschluckt als Liebe und sich für immer verändert?

Vielleicht spielt es keine Rolle.

Oder es ist wichtiger als alles andere.

Wir urteilen und strafen auf der Grundlage von Tatsachen, doch Tatsachen sind nicht die Wahrheit. Sie sind wie ein vergrabenes Skelett, das lange nach dem Tod exhumiert wird. Die Wahrheit ist fließend. Die Wahrheit ist lebendig. Die Wahrheit zu kennen erfordert Verständnis, die schwierigste aller menschlichen Künste. Die Wahrheit zu verstehen macht es nötig, alle Dinge zugleich zu sehen, zugleich nach vorn und nach hinten zu blicken, so wie Gott.

Nach vorn und nach hinten …

Also fangen wir in der Mitte an, mit einem läutenden Telefon in einem dunklen Schlafzimmer an der Küste des Lake Pontchartrain in New Orleans, Louisiana. Eine Frau liegt auf dem Bett, den Mund offen im tiefen, bewusstlosen Schlaf. Sie scheint das Telefon nicht zu hören. Schließlich aber dringt das Schrillen zu ihr durch wie der Stromschlag von Defibrillatoren, mit denen man versucht, einen komatösen Patienten zu wecken. Die Hand der Frau zuckt unter der Bettdecke hervor und tastet nach dem Hörer, ohne ihn zu finden. Sie schnappt nach Luft, stützt sich auf einen Ellbogen. Dann stöhnt sie leise und nimmt den Hörer vom Telefon auf dem Nachttisch.

Die Frau bin ich.

»Dr. Ferry«, krächze ich.

»Hast du geschlafen?« Die Stimme ist männlich und klingt gepresst vor Zorn.

»Nein.« Ich leugne ganz von selbst, doch mein Mund ist trocken wie ein Baumwollbausch, und mein Wecker zeigt 8 Uhr 20.

Ich war neun Stunden wie bewusstlos. Der erste tiefe Schlaf seit Tagen.

»Er hat wieder zugeschlagen.«

Irgendetwas regt sich in meinem schläfrigen Hirn. »Was?«

»Es ist jetzt das vierte Mal, dass ich in der letzten halben Stunde angerufen habe, Cat.«

Die Stimme lässt Zorn, Verlangen und Schuldgefühle in mir aufwallen. Sie gehört dem Police Detective, mit dem ich in den vergangenen achtzehn Monaten geschlafen habe. Sean Regan. Ein verständnisvoller, faszinierender Mann mit Frau und drei Kindern.

»Was hast du davor gesagt?«, frage ich, bereit, Sean den Kopf abzubeißen, falls er mich zu fragen wagt, ob wir uns irgendwo treffen können.

»Ich sagte, er hat wieder zugeschlagen.«

Ich blinzle und versuche mich in der Dunkelheit zu orientieren. Es ist Anfang August, und der purpurne Schein der Abenddämmerung dringt schwach durch die Vorhänge. Gott, wie trocken mein Mund ist. »Wo?«

»Im Garden District. Der Besitzer einer Druckerei. Männlich, weiß.«

»Bisswunden?«

»Schlimmer als die anderen.«

»Wie alt?«

»Neunundsechzig.«

»Mein Gott. Er ist es.« Ich schwinge mich aus dem Bett. »Das alles ergibt überhaupt keinen Sinn.«

»Stimmt.«

»Sexualtäter töten Frauen oder Kinder, Sean. Aber keine alten Männer.«

»Wir hatten diese Unterhaltung schon. Wie schnell kannst du hier sein? Piazza sitzt mir im Nacken, und möglicherweise kommt der Chief persönlich vorbei, um sich die Sache anzusehen.«

Ich nehme die Jeans von gestern vom Stuhl und ziehe sie über mein Höschen. Victoria’s Secret, Seans Lieblingswäsche, doch er wird sie heute Nacht nicht zu sehen bekommen. Vielleicht für lange Zeit nicht mehr. Vielleicht nie wieder. »Irgendein homosexueller Aspekt bei diesem Opfer? Hat er sich mit männlichen Prostituierten getroffen? Etwas in der Richtung?«

»Nicht der kleinste Hinweis«, antwortet Sean. »Er ist auf den ersten Blick genauso sauber wie die anderen.«

»Wenn er einen Computer zu Hause hat, lass ihn sicherstellen. Er könnte …«

»Ich kenne meinen Job, Cat.«

»Ich weiß, aber …«

»Cat.« Die einzelne Silbe ist wie ein tastender Finger. »Bist du nüchtern?«

Heiß steigt es mir das Rückgrat hoch. Ich habe seit fast achtundvierzig Stunden keinen Tropfen Wodka mehr getrunken, doch ich werde Sean nicht die Befriedigung geben, auf sein Verhör zu antworten. »Wie heißt das Opfer?«

»Arthur LeGendre.« Er senkt die Stimme. »Bist du nüchtern, Süße?«

Das Verlangen ist bereits wach in meinem Blut, wie kleine Zähne, die an den Wänden meiner Adern nagen. Ich brauche das anästhesierende Brennen eines Schusses Grey Goose. Aber das darf ich nicht mehr. Ich habe Valium genommen, um die körperlichen Entzugserscheinungen zu bekämpfen. Doch nichts kann den Alkohol richtig ersetzen, der mich so lange hat funktionieren lassen.

Ich verlagere den Hörer von einer Schulter zur anderen und ziehe eine Seidenbluse aus meinem Schrank. »Wo befinden sich die Bisswunden?«

»Rumpf, Brustwarzen, Penis und Gesicht.«

Ich erstarre. »Gesicht? Wie tief sind sie?«

»Tief genug, dass du deine Abdrücke nehmen kannst.«

Die plötzliche Erregung dämpft die schlimmsten Aufwallungen meines Verlangens nach Alkohol. »Ich bin unterwegs.«

»Hast du deine Medikamente genommen?«

Sean kennt mich zu gut. Niemand sonst in New Orleans ahnt auch nur, dass ich etwas nehme. Lexapro gegen Depressionen, Depakote zur Impulskontrolle. Ich habe vor drei Tagen aufgehört, die Medikamente zu nehmen, doch ich will nicht mit Sean darüber reden.

»Hör auf, dir wegen mir Sorgen zu machen, ja? Ist das FBI da?«

»Die halbe Sonderkommission ist vor Ort, und sie wollen wissen, was du von diesen Bisswunden hältst. Der Typ vom Bureau fotografiert alles, aber du hast die Ultraviolett-Ausrüstung. Außerdem bist du der Fachmann, wenn es um Zähne geht.«

Seans anerkennende, wenngleich absichtlich falsche Darstellung meines Geschlechts ist typischer Cop-Slang, und es verrät mir, dass er Zuhörer hat. »Wie ist die Adresse?«

»Siebenundzwanzig-siebenundzwanzig Prytania.«

»Hört sich nach einer Adresse mit Alarmanlage an.«

»Die ist abgestellt.«

»Genau wie beim Ersten. Moreland.« Unser erstes Opfer – vor einem Monat – war ein Army-Colonel im Ruhestand, ein in Vietnam hoch dekorierter Offizier.

»Ganz genau.« Seans Stimme sinkt zu einem Flüstern herab. »Schaff deinen hübschen Hintern hierher, okay?«

Heute erweckt seine irische Vertraulichkeit in mir den Wunsch, ihm eine zu langen. »Kein ›Ich liebe dich‹?«, frage ich mit vorgetäuschter Liebenswürdigkeit.

Seine Antwort ist fast unhörbar leise. »Du weißt, dass ich nicht allein bin.«

Wie üblich. »Ja. Ich bin in fünfzehn Minuten bei dir.«

Die Nacht senkt sich herab, während ich mit meinem Audi von meinem Haus am Lake Pontchartrain zum Garden District fahre, dem duftenden Herzen von New Orleans. Ich habe zwei Minuten im Badezimmer verbracht in dem Bemühen, mich vorzeigbar zu machen, doch mein Gesicht ist noch immer verschwollen vom Schlaf. Ich brauche Koffein. In fünf Minuten werde ich umgeben sein von Cops, FBI-Agenten, forensischen Technikern, dem Chef des Morddezernats und möglicherweise dem Chef des New Orleans Police Department, kurz NOPD. Ich bin an derartige Aufmerksamkeit gewöhnt, doch vor sieben Tagen – das letzte Mal, als dieses Raubtier zugeschlagen hat – hatte ich ein Problem am Tatort. Nichts allzu Ernstes. Eine Panikattacke aus heiterem Himmel, nach den Worten des Rettungssanitäters, der mich anschließend untersucht hat. Doch Panikattacken wecken in den harten Männern und Frauen, die mit der Untersuchung von Serienmorden beauftragt sind, nicht gerade Vertrauen. Ein beratender Experte, der sich nicht zusammenreißen kann, ist das Letzte, was sie gebrauchen können.

Die Nachricht von meiner kleinen »Episode« hat sich selbstverständlich verbreitet wie ein Lauffeuer. Sean hat es mir erzählt. Niemand wollte es glauben. Wieso verliert die Frau, die man beim Morddezernat die »Ice Queen« nennt, plötzlich am Schauplatz eines gar nicht allzu grässlichen Mordes die Fassung? Das wüsste ich selbst gerne. Ich habe eine Theorie, doch die Analyse der eigenen mentalen Verfassung ist ein Geschäft, das bekannt ist für seine Unzuverlässigkeit. Was den Spitznamen angeht: Ich bin keine Eiskönigin, doch in der Macho-Welt der Gesetzeshüter ist diese Rolle das Einzige, das mir Sicherheit verschafft – vor Männern und vor meinen eigenen unkontrollierten Impulsen. Bis auf die Tatsache, dass Sean diese kleine Strategie Lügen straft.

Vier Opfer inzwischen, rufe ich mir ins Gedächtnis, indem ich mich auf den Fall konzentriere. Vier Männer im Alter von zweiundvierzig bis neunundsechzig, alle ermordet im Abstand von einer Woche. In einer Zeitspanne von dreißig Tagen, um genau zu sein. Die Abfolge der Morde ist beispiellos, und wären die Opfer Frauen – die Stadt wäre von Entsetzen gepackt. Doch weil die Opfer Männer im mittleren Alter oder darüber sind, hat sich in New Orleans eine Art faszinierter Neugier breit gemacht. Jedes Opfer wurde ins Rückgrat geschossen, mit Bissen verstümmelt und schließlich mit einem Gnadenschuss in den Kopf erlöst. Die Bisse haben von Opfer zu Opfer an Brutalität zugenommen, und sie liefern außerdem die stärksten Beweise gegen jeden zukünftigen Verdächtigen – mitochondrische DNA aus dem Speichel des Killers.

Die Bisswunden sind der Grund dafür, dass ich an dem Fall mitarbeite. Ich bin forensische Odontologin, Expertin für menschliche Zähne und die Schäden, die sie anzurichten imstande sind. Ich habe meine Kenntnisse im Verlauf von vier langweiligen Jahren an der Universität und fünf faszinierenden Jahren der Feldforschung erworben. Wenn Leute mich fragen, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, dann erzähle ich ihnen, ich wäre Zahnärztin, was der Wahrheit mehr oder weniger entspricht und alles ist, was sie erfahren müssen. Odontologin sagt niemandem etwas, doch im Amerika nach C. S. I. lockt das Beiwort forensisch so viele Fragen hervor, dass ich mit den Antworten nicht mehr hinterherkomme. Während also die meisten Bekannten mich als Zahnärztin kennen, die zu viel zu tun hat, um neue Patienten anzunehmen, gibt es eine Reihe von Regierungsbehörden – einschließlich FBI und der Kommission zur Bekämpfung und Aufklärung von Kriegsverbrechen der Vereinten Nationen –, für die ich als eine der weltweit führenden forensischen Odontologinnen beschäftigt bin. Was ziemlich angenehm ist. Ich kann mich damit identifizieren.

Die Sonderkommission möchte heute Abend meine Expertise in Sachen Bisswunden, doch Sean Regan will mehr. Als er vor zwei Jahren meine Hilfe bei einem Mordfall in Anspruch nahm, fand er bald heraus, dass ich mich nicht nur mit Zähnen auskenne. Ich habe zwei Jahre Medizin studiert, bevor ich gewechselt habe, und das hat mir eine gute Basis für das Selbststudium der Forensik verschafft. Anatomie, Hämatologie, Histologie, Biochemie – was immer ein Fall erfordert. Ich kann doppelt so viele Informationen aus einem Autopsiebericht herausholen wie jeder Detective, und doppelt so schnell. Nachdem Sean und ich uns näher gekommen waren, als die Regeln es erlauben, benutzte er mich öfter inoffiziell bei der Lösung schwieriger Fälle. Benutzen ist das richtige Wort: Sean lebt dafür, Killer zur Strecke zu bringen, und er benutzt alles und jedes, das ihm dabei helfen kann.

Doch Sean benutzt mich nicht nur. Er ist mein Waffenkamerad, mein Rabbi und mein Förderer. Er verurteilt mich nicht. Er kennt mich so, wie ich bin, und er gibt mir, was ich brauche. Ich bin wie Sean – eine geborene Jägerin. Ich jage allerdings keine Tiere. Ich habe Tiere gejagt, und ich hasse es. Tiere sind unschuldige Wesen, Menschen nicht. Ich bin eine geborene Menschenjägerin. Doch im Gegensatz zu Sean besitze ich keine Lizenz dazu. Nicht wirklich, heißt das. Die forensische Odontologie führt nur zu peripherer Berührung mit Mordfällen – es ist meine Beziehung zu Sean, die mich mitten in die blutigen Details bringt. Indem er mir Zutritt verschafft – unethischen und wahrscheinlich illegalen Zutritt – zu Tatschauplätzen, Zeugen und Beweisen, hat er mir ermöglicht, vier große Mordfälle zu lösen, einer davon mit einem Serientäter. Selbstverständlich hat Sean jedes Mal die Lorbeeren eingeheimst – plus die damit verbundenen Beförderungen –, und ich lasse es geschehen. Warum? Weil die Wahrheit unsere Liebesbeziehung offen gelegt hätte. Sean wäre gefeuert worden, und die Killer wären freigekommen. Doch die Wahrheit ist einfacher als das. Die Wahrheit lautet, dass mir die Lorbeeren egal sind. Ich habe das Adrenalin und den hämmernden Puls der Jagd auf Raubtiere gespürt, und ich bin so süchtig danach wie nach dem Wodka, den ich in diesem Augenblick so dringend gebrauchen könnte.

Aus diesem einen Grund habe ich unsere Beziehung weit über den Punkt hinaus laufen lassen, an dem ich Beziehungen normalerweise sabotiere. Weit genug, um eine meiner schmerzhaftesten Erfahrungen zu vergessen. Ein Ehemann verlässt seine Frau nicht. Jedenfalls nicht die Sorte von Ehemännern, die ich mir aussuche. Nur ist es diesmal anders. Sean hat sich wirklich alle Mühe gegeben, mich zu überzeugen, dass er es tun wird. Und ich bin dicht davor, ihm zu glauben. Dicht genug, um mich in den einsamsten, verwundbarsten Stunden der Nacht dabei zu ertappen, wie ich es mir verzweifelt wünsche. Doch jetzt … die Situation hat sich geändert. Das Schicksal hat eingegriffen. Und wenn Sean mich nicht sehr überrascht, ist unsere Beziehung zu Ende.

Ohne Vorwarnung überschwemmt mich eine Woge von Übelkeit. Ich versuche mir einzureden, dass es am Alkoholentzug liegt, doch tief in mir weiß ich es besser. Es ist Panik. Reine, nackte Panik angesichts der Vorstellung, Sean aufzugeben und allein zu sein. Denk nicht darüber nach, sagt eine zittrige Stimme in mir. In zwei Minuten stehst du im Rampenlicht. Denk an den Fall …

Während ich bremse, in die Ausfahrt der Interstate einbiege und schließlich auf der St. Charles Avenue herauskomme, summt mein Mobiltelefon zu den Eingangsnoten von U2’s »Sunday, Bloody Sunday«. Ohne hinzusehen weiß ich, dass es Sean ist.

»Wo bist du?«, fragt er.

Ich bin noch gut fünfzehn Blocks von den stattlichen viktorianischen Häusern der Prytania Street entfernt, doch ich muss Sean beruhigen. »Bin nur noch einen Katzensprung vom Tatort entfernt.«

»Gut. Kannst du deine Ausrüstung alleine tragen?«

Mein Untersuchungskoffer wiegt voll beladen fast fünfzehn Kilo, und heute Nacht brauche ich außerdem meine Kameratasche und das Stativ. Vielleicht will Sean andeuten, dass ich ihn bitten soll, mir zu helfen. Es würde ihm Gelegenheit für ein paar private Worte geben, bevor wir uns umringt von anderen wieder finden. Doch ein privates Gespräch ist heute Abend das Letzte, wonach mir der Sinn steht.

»Ich komme zurecht«, sage ich. »Du klingst so eigenartig. Was ist los bei euch?«

»Alle sind nervös. Du kennst die Geschichte.«

Tue ich. Es hat drei Fälle von Serienmord in der Baton-Rouge-Gegend von New Orleans in genauso vielen Jahren gegeben, und bei allen dreien haben sich im Verlauf der Ermittlungen schwere Fehler ereignet.

»Wir haben Detectives aus dem Sechsten Distrikt hier«, fährt Sean fort. »Aber die Sonderkommission hat vor Ort übernommen. Wir führen unsere Ermittlungen aus dem Hauptquartier, genau wie die anderen. Captain Piazza hat mich bereits bei den Eiern.«

Carmen Piazza ist eine harte Italoamerikanerin um die fünfzig, die durch die Ränge des Detective Bureau marschiert ist und nun das Morddezernat leitet. Wenn irgendjemand Sean jemals wegen seiner Beziehung zu mir feuert, dann ist es Piazza. Sie ist zwar beeindruckt von Seans Verhaftungen, doch sie denkt, er wäre ein Cowboy. Und sie hat Recht. Sean ist ein hartgesottener, verteufelter irischer Cowboy.

»Hat sie einen Verdacht, was uns angeht?«

»Nein.«

»Keine Gerüchte? Nichts?«

»Ich glaube nicht.«

»Was ist mit Joey?«, frage ich in Anspielung auf Seans Partner, Detective Joey Guercio. »Hat er zu irgendjemandem geplappert?«

Eine Millisekunde des Zögerns. »Bestimmt nicht. Hör mal, sei einfach cool, wie du’s immer warst, außer beim letzten Mal. Meinst du, du schaffst das? Sind deine Nerven wieder in Ordnung?«

Ich schließe die Augen. »Waren sie, bis du gefragt hast.«

»Sorry. Beeil dich, okay? Ich gehe wieder rein.«

Wie aus heiterem Himmel überkommt mich ein Anfall von Verlangen. »Kannst du nicht auf mich warten?«

»Es ist wohl besser, wenn ich es nicht tue.«

Besser für dich, ja. »Auch gut.«

Konzentrier dich auf den Fall, sage ich mir und überprüfe die Hausnummern auf der Prytania, um mich zu orientieren. Sie erwarten von dir, dass du dich in deiner Materie auskennst.

Die Fakten sind schnell erzählt. In den vergangenen dreißig Tagen wurden drei Männer mit der gleichen Waffe erschossen, von den gleichen Zähnen zerbissen und dabei – in zwei Fällen – mit dem Speichel eines Mannes benetzt, dessen DNA mit siebenundachtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit auf einen Weißen hindeutet. Das kriminaltechnische Labor des NOPD hat die ballistischen Untersuchungen durchgeführt und die Identität der Waffe bestätigt, während das Labor der Staatspolizei die mitochondrische DNA analysiert hat. Und ich habe die Bisswunden für identisch erklärt.

Das ist sehr viel schwieriger, als es im Fernsehen erscheinen mag. Wenn ich einem Detective meine Arbeit erkläre, erzähle ich meist von dem forensischen Pathologen, der ein künstliches Gebiss benutzt hat bei dem Versuch, perfekt übereinstimmende Bisswunden auf einem Leichnam zu hinterlassen. Es gelang ihm nicht. Die Lektion ist klar, selbst für einen Streifenpolizisten: Wenn es schon schwierig ist, zwei Bisswunden in Einklang zu bringen, von denen man weiß, dass die gleichen Zähne sie verursacht haben, dann ist es nahezu unmöglich, Bisswunden zu vergleichen, die von Millionen verschiedener Menschen herrühren können. Selbst wenn man die Zahl der Verdächtigen auf eine kleine Gruppe eingeengt hat, ist es immer noch viel problematischen als mancher Odontologe zuzugeben bereit ist.

Speichel im Bissabdruck eines Killers kann die Dinge enorm vereinfachen, weil sich im Speichel DNA findet, die man mit der DNA von Verdächtigen vergleichen kann. Doch vor vier Wochen, als das erste Opfer gefunden wurde, konnte ich keinen Speichel an den beiden Bisswunden des Opfers entdecken. Ich nahm an, dass der Killer eine organisierte Persönlichkeit war – jemand, der den Speichel aus den Bissmalen wusch, um belastende DNA-Spuren zu beseitigen. Doch eine Woche später, als das zweite Opfer gefunden wurde, fiel meine Theorie in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ich fand Speichelreste in zweien der vier Bisswunden, die der Täter am Leichnam hinterlassen hatte. Dies eröffnete die Möglichkeit, dass wir es mit einer anderen, desorganisierten Killerpersönlichkeit zu tun hatten. Mithilfe reflektiver Ultraviolettfotografie und Elektronenmikroskopie der Bisswunden kam ich dennoch zu dem Schluss, dass der gleiche Täter beide Opfer ermordet hatte. Die ballistische Analyse der geborgenen Kugeln erhärtete meine Schlussfolgerung. Sechs Tage darauf, als das dritte Opfer gefunden wurde, bestätigte sich meine Vermutung aufgrund der DNA-Spuren in den Bisswunden am Leichnam: Es stand zweifelsfrei fest, dass ein und derselbe Killer die drei Männer ermordet hatte.

Die Bedeutung dieser Entdeckung lässt sich nicht hoch genug einschätzen. Das grundlegende Kriterium, um einen Serienmord als solchen zu klassifizieren, sind drei Opfer, die von ein und derselben Person getötet wurden – jedes Opfer an einem anderen Ort und mit einem gewissen zeitlichen Abstand zwischen den einzelnen Taten. Ich hatte nun bewiesen, was ich gleich beim Augenblick des ersten Toten gewusst hatte: Ein weiterer Serienmörder war in New Orleans auf der Jagd.

Meine offizielle Verantwortlichkeit endete mit dem Vergleich der Bisswunden, doch ich hatte nicht vor, hier Halt zu machen. Während die Polizei von New Orleans und das FBI eine gemeinsame Sonderkommission bildeten, machte ich mich daran, die anderen Aspekte des Falles zu analysieren. Bei sexuell motiviertem Serienmord bildet die Auswahl der Kriterien, nach denen ein Mörder seine Opfer findet, den Schlüssel zu jedem Fall. Und wie bei allen Serienmorden waren die NOMURS – so getauft vom FBI für New OrleansMurders – ihrem Grunde nach sexuell veranlasste Morde.

Es gibt immer irgendetwas, das die Opfer eines Serienmörders verbindet, selbst wenn es nichts weiter ist als ein bestimmter Ort, wobei dieser Ort den Mörder anzieht. Doch die NOMURS-Opfer unterschieden sich stark im Alter, der Physis, ihrem Beruf und dem sozialen Status; darüber hinaus wohnten sie in unterschiedlichen Gegenden. Die einzigen Gemeinsamkeiten waren ihre weiße Hautfarbe, ihr männliches Geschlecht, ihr Alter über vierzig und die Tatsache, dass sie Familie hatten. Diese vier Fakten in Kombination schlossen jedes bekannte Zielprofil für Serienmörder aus. Mehr noch, keiner der Ermordeten hatte Angewohnheiten, die einen Serientäter zu einem untypischen Opfer gelockt haben konnten. Keines der Opfer war homosexuell, es gab keinerlei Hinweise auf perverse Neigungen. Keines der Opfer war jemals wegen eines Sexualdelikts verhaftet worden, wegen Kindesmissbrauchs angezeigt oder als Gast in Striptease-Clubs oder anderen anrüchigen Etablissements in Erscheinung getreten.

Aus diesem Grund hatte die NOMURS-Sonderkommission bisher keinerlei Fortschritte bei ihrer Suche nach einem Verdächtigen gemacht.

Ich bremse den Audi ab, um eine Hausnummer zu lesen, und meine Haut juckt vor Angst und Vorahnung. Der Killer war nur wenige Stunden zuvor hier auf dieser Straße unterwegs. Vielleicht ist er jetzt noch hier und beobachtet das Voranschreiten der Untersuchungen, wie Serientäter es häufig tun. Vielleicht beobachtet er mich. Darin liegt der Nervenkitzel. Ein Raubtier ist keine Beute. Wenn man ein Raubtier jagt, bringt man sich in eine Lage, die dazu führt, dass man selbst gejagt wird. Es gibt keinen anderen Weg. Wenn man einem Löwen in ein Dickicht folgt, begibt man sich zwangsläufig in Reichweite seiner Pranken. Doch mein Gegner ist kein Löwe. Mein Gegner ist die tödlichste Kreatur der Welt: ein männlicher Weißer, getrieben von Lust und Wut, und doch – zumindest zeitweilig – von Logik beherrscht. Er schleicht ungestraft durch unsere Straßen, voller Selbstvertrauen und Kühnheit; er plant akribisch im Voraus und ist arrogant, wenn es um die Ausführung geht. Und ich weiß bisher nur eines über ihn: Er wird wieder und wieder und wieder töten, genau wie alle seine Brüder vor ihm, bis jemand das Rätsel seiner Psyche löst, oder bis er sich durch die Intensität des Konflikts in seinem Bewusstsein selbst zerstört. Vielen Leuten ist es egal, auf welche Weise es endet, solange es nur schnell geht.

Mir ist es nicht egal.

Sean steht wartend am Bürgersteig. Er ist mir einen Block weit vom Haus des Opfers entgegengekommen. Schneid hatte er schon immer. Aber hat er auch genügend Schneid, sich unserer gegenwärtigen Situation zu stellen?

Ich parke meinen Audi hinter einem Toyota Landcruiser, steige aus und will meine Ausrüstung entladen. Sean umarmt mich flüchtig; dann lädt er die Sachen aus. Er ist sechsundvierzig, doch er sieht aus wie vierzig und besitzt die lässige, zuversichtliche Eleganz eines Athleten. Sein Haar ist größtenteils schwarz, die Augen sind grün mit einem Glitzern darin. Selbst nach achtzehn Monaten, die ich nun seine Geliebte bin, erwarte ich immer noch einen irischen Akzent zu hören, sobald Sean den Mund öffnet. Stattdessen kommen die Worte in gedehntem Singsang, wie es für New Orleans typisch ist, eine Art Brooklyn-Slang mit einer Andeutung von Languste.

»Alles okay mit dir?«, fragt er.

»Hast du deine Meinung geändert?«

Er zuckt die Schultern. »Ich habe mich schlecht gefühlt.«

»Scheiße. Du wolltest dich nur selbst überzeugen, dass ich nüchtern bin.«

Ich sehe die Wahrheit meiner Worte in seinem Gesicht. Er mustert mich durchdringend, und er denkt gar nicht daran, sich zu entschuldigen.

»Erzähl weiter«, fordere ich ihn auf.

»Was?«

»Du wolltest etwas sagen. Schieß los.«

Er seufzt. »Du siehst mitgenommen aus, Cat.«

»Danke für dein Vertrauen.«

»Sorry. Hast du getrunken?«

Vor Zorn verkrampfen sich meine Wangenmuskeln. »Ich bin zum ersten Mal seit Ewigkeiten vollkommen nüchtern.«

Ich sehe Zweifel in seinen Augen. Doch als er mich dann mustert, verschwinden diese Zweifel. »Meine Güte. Vielleicht brauchst du einen Drink!«

»Es ist schlimmer, als du vielleicht glaubst. Aber ich werde nichts trinken.«

»Warum nicht?«

»Komm, bringen wir diese Sache hinter uns.«

»Ich muss trotzdem vor dir wieder rein.« Er wirkt verlegen.

Zornig wende ich den Blick zur Seite. »Wie lange? Reichen fünf Minuten?«

»Nicht so lange.«

Ich winke ihn weg und steige wieder in den Wagen. Er kommt zur Fahrertür; dann ändert er seine Meinung und geht in Richtung Tatort davon.

Meine Hände zittern. Haben sie schon gezittert, als ich aufgewacht bin? Ich packe das Lenkrad und zwinge mich, tief zu atmen. Langsam beruhigt sich mein Puls, und mein Herzschlag wird stetiger. Ich klappe die Sonnenblende herunter und überprüfe mein Make-up. Normalerweise bin ich alles andere als zwanghaft, was mein Erscheinungsbild angeht, doch Sean hat mich nervös gemacht. Und wenn ich nervös bin, kommen mir verrückte Dinge in den Kopf. Körperlose Stimmen, alte Albträume, lange zurückliegende Fehler und Fehltritte, Dinge, die Therapeuten gesagt haben …

Ich überlege, ob ich Eyeliner auftragen soll, um meine Augen zu betonen, falls ich jemanden niederstarren muss. Eigentlich brauche ich das gar nicht. Männer sagen mir häufig, dass ich wunderschön bin, doch das erzählen sie bekanntlich allen Frauen. Eigentlich ist mein Gesicht ziemlich maskulin, mit schräg stehenden braunen Augen und geschwungenen Brauen. Mein Vater, der seit zwanzig Jahren tot ist, lebt in jedem Winkel meines Gesichts weiter. Ich habe ein Bild von ihm in der Brieftasche. Luke Ferry, 1969. Lächelnd, in seiner Army-Uniform, irgendwo in Vietnam. Ich mag die Uniform nicht – nicht mehr nach dem, was der Krieg aus ihm gemacht hat –, doch ich mag seine Augen auf dem Bild. Noch immer voller Gefühl, noch immer menschlich. So möchte ich ihn in Erinnerung behalten. Ein Kleinmädchenbild von einem Vater. Einmal hat er mir erzählt, dass ich beinahe sein Gesicht bekommen hätte, doch im letzten Moment wäre ein Engel herabgerauscht und hätte es hübsch gemacht.

Sean sieht die Härte in meinem Gesicht. Er hat mir gesagt, dass ich aussehe wie ein Raubvogel, wie ein Falke oder ein Adler. Heute Abend bin ich froh um diese Härte. Denn als ich aus dem Audi steige und meine Koffer und das Stativ schultere, sagt mir irgendetwas, dass Sean möglicherweise Recht hat mit seiner Sorge um meine Nerven. Ich werde heute Nacht gewissermaßen nackt da drinnen stehen, ohne den Mantel von Betäubungsmitteln. Und ohne diese vertraute chemische Barriere, die mich vor den scharfen Ecken und Kanten der Realität bewahrt, fühle ich mich noch viel verletzlicher gegenüber dem, das beim letzten Mal meine Panikattacke ausgelöst hat.

Während ich über die im Halbdunkel liegende Straße gehe, mit ihren schmiedeeisernen Vorgartenzäunen und den Galerien im ersten Stock, spüre ich Blicke auf der Haut. Ich bleibe stehen und drehe mich um, doch es ist niemand zu sehen. Nur ein Hund, der an einem Laternenmast das Bein hebt. Ich suche die Galerien über mir ab, doch die Hitze hat die Bewohner ins Innere der Häuser getrieben. Du meine Güte. Ich fühle mich, als hätte ich meine ganzen einunddreißig Lebensjahre lang darauf gewartet, den Toten in dem Haus vor mir zu sehen. Oder vielleicht hat er auf mich gewartet. Irgendetwas jedenfalls wartet auf mich, so viel ist sicher.

Vor meinem geistigen Auge entsteht ein kristallklares Bild, als ich mich wieder in Bewegung setze, eine beschlagene blaue Dasani-Flasche mit sieben Zentimetern Grey Goose über dem Flaschenboden, wie Schmelzwasser von einem göttlichen Gletscher. Hätte ich das getrunken, hätte ich jede nur denkbare Situation überstanden.

»Du hast das schon hunderte Male getan!«, beschimpfe ich mich selbst. »Du warst mit fünfundzwanzig in Bosnien, als du noch von nichts eine Ahnung hattest!«

»Hallo! Sind Sie Dr. Ferry?«

Ein Cop in Uniform ruft mich von einer Veranda zu meiner Rechten. Das Haus des Opfers. Arthur LeGendre hat in einem großen viktorianischen Haus im Garden District gewohnt, vor dem die Fahrzeuge der Ermittlungsbeamten parken: der Kombi des Coroners, eine Ambulanz, Streifenwagen des NOPD und der Suburban des FBI, in dem das forensische Team unterwegs ist. Außerdem sehe ich zwei nicht gekennzeichnete Fahrzeuge der Polizei von New Orleans, eines davon der Wagen von Sean. Als ich die Treppen hinaufsteige, bin ich in dem Glauben, dass alles in Ordnung ist.

Doch drei Meter hinter der Haustür weiß ich, dass ich in Schwierigkeiten stecke.

2

Eine spröde Aura der Erwartung erfüllt die viktorianische Eingangshalle des Hauses, das dem Opfer gehört hat. Neugierige Blicke verfolgen jede meiner Bewegungen. Ein forensischer Techniker bewegt sich mit einer alternativen Lichtquelle durch den Raum, auf der Suche nach latenten Fingerabdrücken. Ich weiß nicht, wo die Leiche liegt, doch bevor ich den Streifenbeamten fragen muss, der hinter der Eingangstür postiert ist, betritt Sean aus einem angrenzenden Zimmer die Halle und winkt mich herbei.

Ich setze mich in Bewegung, vorsichtig, um mit meinem Gepäck nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ich wünschte, Sean würde meinen Arm drücken, sobald ich bei ihm bin, doch ich weiß, das kann er nicht. Er tut es aber trotzdem. Und ich erinnere mich wieder, warum ich mich in ihn verliebt habe. Sean weiß immer, was ich gerade brauche, manchmal, bevor ich selbst es weiß.

»Wie geht es dir?«, murmelt er.

»Ein wenig wacklig auf den Beinen.«

»Die Leiche liegt in der Küche.« Er nimmt mir den schweren Koffer aus der Rechten. »Diesmal ist es ein wenig blutiger als beim letzten Mal, aber letztlich ist er bloß ein weiterer Toter. Die Forensiker vom FBI haben ihren Job bereits gemacht, alles bis auf die Bisswunden. Kaiser sagt, das wäre deine Show. Das sollte dich doch aufbauen, oder?«

»Kaiser« ist John Kaiser, ein ehemaliger Profiler des FBI, der geholfen hat, den größten Fall von Serienmorden in New Orleans zu lösen. Damals verschwanden elf Frauen, während überall auf der Welt Ölgemälde ihrer Leichen auftauchten. Kaiser ist der Verbindungsmann des FBI für die NOMURS-Sonderkommission.

»Der Tatort ist beengter, als er es eigentlich sein dürfte«, murmelt Sean leise. »Piazza ist drin. Jede Menge Spannungen, wenn du genau hinsiehst. Aber das ist nicht dein Problem. Du bist Sachverständige, weiter nichts.«

»Ich bin so weit. Fangen wir an.«

Er öffnet die Tür in eine glitzernde Welt aus Granit, Travertin, glänzender Emaille und gebeiztem Holz. Küchen wie diese erinnern mich immer an Operationssäle, und hier gibt es tatsächlich irgendwo einen Patienten. Einen toten Patienten. Mein Blick schweift über ein verschwommenes Gewirr von Gesichtern, und ich nicke zur Begrüßung. Captain Carmen Piazza nickt zurück. Dann sehe ich die Blutspur am Boden. Jemand ist entweder über den Marmorboden gekrochen öder gezerrt worden, hinter die Kochinsel im Zentrum der Küche. Gezerrt worden, denke ich.

»Hinter der Insel«, sagt Sean neben mir.

Jemand hat einen Scheinwerfer aufgestellt. Als ich die Insel umrunde, erblicke ich ein bestürzendes Bild in Technicolor: ein nackter Toter auf dem Rücken. Die Details seines Oberkörpers treffen mein Bewusstsein in einem surrealen Schauer Blaugraue Bisswunden auf der Brust, blutige Bisswunden im Gesicht, ein Loch von einer Kugel mitten im Bauch, eine Kontaktwunde von einer weiteren Kugel in der Stirn. Das superfeine Sprühmuster vom Einschlag eines Hochgeschwindigkeitsgeschosses überzieht die Marmorfliesen hinter dem Kopf des Opfers wie ein monochromes Gemälde von Pollock. Arthur LeGendres Gesicht ist eine erstarrte Maske aus Horror und Schmerz, erstarrt in der Zeit durch die Kugel, die durch seinen Hinterkopf ausgetreten ist.

Ich zwinge mich, den Blick von den Bisswunden auf der Brust abzuwenden. Der Unterleib erzählt seine eigene Geschichte. Arthur LeGendre ist doch nicht ganz nackt. Er trägt schwarze Socken, wie ein Mann in einem Porno-Streifen aus den 1940ern. Sein Penis ist eine bleiche Eichel in einem Nest aus grauem Schamhaar, doch ich sehe Blut und eine Verletzung. Ich trete einen Schritt vor, und der Atem stockt mir in der Kehle. Da stehen, quer über zwei Türen der Insel gegen über dem Waschbecken, in Blut fünf Worte geschrieben.

MEINE ARBEIT IST NIEMALS GETAN

Dünne Nasen aus Blut sind entlang den Schranktüren nach unten gelaufen und verleihen der Botschaft einen beinahe ko misch aussehenden Halloween-Look. Doch es ist nichts Komisches an der Lache aus Blut und Serum unter dem Ellbogen des Toten. LeGendres Ellbogen-Arterie wurde aufgeschlitzt, um das Blut für die Botschaft zu entnehmen. Die Spitze seines rechten Zeigefingers wurde offensichtlich in das Blut getaucht. Hat der Killer die Worte mit dem Finger seines toten Opfers geschrieben, um nicht seinen eigenen Abdruck im Blut zu hinterlassen? Oder hat er LeGendre vor seinem Tod gezwungen, die Botschaft zu schreiben? Untersuchungen auf freies Histamin werden diese Frage beantworten.

Ich muss mit meiner Arbeit anfangen, doch ich kann die Augen nicht von der Botschaft abwenden. Meine Arbeit ist niemals getan. Es ist eine gewöhnliche Phrase, so gewöhnlich, dass ich in Gedanken höre, wie meine Mutter sie ausspricht …

»Brauchen Sie Hilfe, Dr. Ferry?«

»Wie?«

»John Kaiser«, stellt die gleiche Stimme sich vor.

Ich blicke zu einem großen, schlaksigen Mann von etwa fünfzig Jahren auf. Er besitzt ein freundliches Gesicht mit haselnussbraunen Augen, denen nicht die kleinste Kleinigkeit entgeht. Er hat seinen Rang weggelassen. Special Agent John Kaiser.

»Brauchen Sie Hilfe bei der Beleuchtung? Für die UV-Fotografie?«

Ich fühle mich merkwürdig distanziert, als ich verneinend den Kopf schüttele.

»Er wird brutaler«, meint Kaiser. »Vielleicht verliert er die Kontrolle. Das Gesicht des Opfers ist diesmal förmlich zerrissen.«

Ich nicke erneut. »Auf der Wange sieht man subkutanes Fett.«

Der Fußboden zittert, als Sean meinen schweren Koffer neben mir abstellt. Zu spät versuche ich mein Zusammenzucken zu verbergen. Ich befehle mir, tief durchzuatmen, doch meine Kehle schnürt sich bereits zusammen, und Schweiß bricht mir aus allen Poren.

Ein Schritt nach dem anderen … nimm die Bisse mit der105-Millimeter Quarzlinse auf … Zuerst normaler Farbfilm, dann die Filter und UV. Danach die Alginat-Abdrücke …

Als ich mich vorbeuge, um die Schlösser meines Koffers zu öffnen, kommt es mir vor, als bewegte ich mich mit halber Geschwindigkeit. Ein Dutzend Augenpaare beobachtet mich, und die Blicke scheinen meine Nervenimpulse zu behindern. Sean wird meine Unbeholfenheit bemerken, doch außer ihm niemand. »Es ist der gleiche Mund«, sage ich leise.

»Was?«, fragt Agent Kaiser.

»Der gleiche Killer. Er hat leicht schräg stehende laterale Schneidezähne. Ich erkenne es an den Bisswunden auf der Brust des Toten. Das ist kein abschließendes Urteil, nur eine … vorläufige Einschätzung.«

»Aha. Ja, natürlich. Sind Sie sicher, dass Sie keine Hilfe brauchen?«

Was zur Hölle habe ich denn gerade gesagt? Selbstverständlich ist es der gleiche Killer! Jeder hier in diesem Raum weiß das. Ich bin lediglich hier, um die Beweise mit der höchstmöglichen Genauigkeit zu dokumentieren und zu konservieren …

Ich habe den falschen Koffer geöffnet. Ich brauche meine Kamera, nicht mein Abdruck-Kit. Mein Gott, reiß dich zusammen! Doch ich kann nicht. Als ich mich weiter vornüberbeuge, um den Kamerakoffer zu öffnen, erfasst mich plötzlich Benommenheit, und beinahe verliere ich das Gleichgewicht und falle. Ich nehme die Kamera aus dem Koffer, richte mich auf, schalte sie ein. Dann bemerke ich, dass ich vergessen habe, mein Stativ aufzubauen.

Und da passiert es.

Binnen drei Sekunden steigere ich mich von anfänglicher Nervosität in Hyperventilation, wie eine alte Frau, die in der Kirche ohnmächtig wird. Was unglaublich ist. Ich kann effizienter atmen als 99 Prozent der menschlichen Bevölkerung. Wenn ich nicht als Odontologin arbeite, bin ich Freitaucherin – Weltklasse in einem Sport, bei dem die Besten allein mit der Luft in den Lungen hundert Meter tief tauchen. Manche Leute sagen, Freitauchen wäre sportlicher Selbstmord, und da ist etwas Wahres dran. Ich kann mit einem Bleigürtel sechs Minuten lang am Boden eines Swimmingpools liegen, was die meisten Menschen mit dem Leben bezahlen würden. Und doch stehe ich jetzt hier, auf Meereshöhe in der Küche eines schicken Stadthauses, und kann nichts von dem Ozean aus Sauerstoff trinken, der mich umgibt.

»Dr. Ferry?«, fragt Agent Kaiser. »Ist alles in Ordnung?«

Panikattacke, sage ich mir. Ein Teufelskreis – die Angst verschlimmert die Symptome, und die Symptome steigern die Angst. Du musst den Kreis durchbrechen …

Arthur LeGendres Leichnam wabert in meinem Blickfeld, als läge er am Boden eines seichten Flusses.

»Sean?«, fragt Kaiser. »Ist alles in Ordnung mit ihr?«

Bitte, lass das nicht passieren, flehe ich lautlos. Bitte nicht.

Doch niemand erhört mein Gebet. Was immer mit mir passiert, es hat seit langer Zeit auf diesen Augenblick gelauert. Ein langsamer schwarzer Zug, der seit geraumer Zeit auf mich zugekommen ist, von weit weg, und jetzt, nachdem er mich eingeholt hat, donnert er über mich hinweg, ohne Geräusch und ohne Schmerz.

Ringsum wird alles schwarz.

3

Eine weibliche EMT kniet über mir und liest ein Blutdruckmessgerät ab, dessen Luftkissen meinen Arm umschließt. Das Ablassen der Luft weckt mich aus meiner Ohnmacht. Sean Regan und Special Agent Kaiser stehen hinter der EMT und blicken besorgt drein.

»Ein bisschen niedrig«, sagt die EMT. »Ich nehme an, sie ist ohnmächtig geworden. Ihr EKG ist vollkommen normal. Der Blutzuckerspiegel ist zu niedrig, aber sie ist nicht hyperglykämisch.« Die EMT bemerkt, dass ich die Augen aufgeschlagen habe. »Wann haben Sie zum letzten Mal etwas gegessen, Dr. Ferry?«

»Ich weiß nicht.«

»Sie sollten ein wenig Orangensaft trinken. Das hilft Ihnen wieder auf die Beine.«

Ich sehe nach links. Die bestrumpften Füße des toten Arthur LeGendre liegen neben meinem Kopf. Seine Beine und der Rumpf liegen im rechten Winkel zu mir, entlang einer anderen Seite der Kochinsel. Ich blicke in die Richtung und lese erneut die blutige Botschaft.

MEINE ARBEIT IST NIEMALS GETAN

»Ist Orangensaft in dem Kühlschrank?«, fragt die EMT.

»Selbst wenn welcher drin wäre«, sagt Kaiser, »dürften wir ihn nicht nehmen. Hier ist ein Verbrechensschauplatz. Hat vielleicht jemand einen Schokoriegel?«

Eine männliche Stimme meldet sich zögernd. »Ich hab ein Snickers. War eigentlich als mein Abendessen gedacht.«

»Schon wieder auf Atkins-Diät?«, spöttelt Sean und lacht nervös auf. »Los, rück’s raus.«

Jetzt lachen alle – dankbar, ein wenig Spannung abbauen zu können.

Als ich aufzustehen versuche, streckt Sean die Hand aus, um mich zu stützen. Ein dickbäuchiger Detective tritt vor und reicht mir sein Snickers. Ich danke ihm übertrieben und nehme ihn an, obwohl ich weiß, dass ich kein Blutzuckerproblem habe. Die ganze Scharade wird von einem gespannten Publikum verfolgt, einschließlich Captain Carmen Piazza, Chefin des Morddezernats.

»Es tut mir Leid«, sage ich in ihre Richtung. »Ich weiß nicht, was das war.«

»Das Gleiche wie beim letzten Mal, scheint mir«, beobachtet Piazza.

»Wird wohl so sein. Aber jetzt bin ich wieder okay. Ich bin bereit.«

Captain Piazza beugt sich zu mir vor. »Kommen Sie bitte für einen Augenblick mit mir nach draußen, Dr. Ferry«, sagt sie leise. »Sie ebenfalls, Detective Regan.«

Piazza geht in die Eingangshalle. Sean wirft mir einen warnenden Blick zu; dann wendet er sich um und folgt seiner Chefin.

Captain Piazza führt uns in ein Büro, das von der Halle abgeht. Sie lehnt sich mit dem Rücken an einen Schreibtisch und mustert uns mit verschränkten Armen und harten Wangenmuskeln. Ich kann mir durchaus vorstellen, wie diese olivhäutige Frau während ihrer Dienstzeit als Streifenpolizistin bewaffnete Straßenpunks mit ihren Blicken niedergestarrt hat.

»Das hier ist nicht der Ort, um über Komplikationen zu sprechen«, sagt sie. »Deswegen werde ich jetzt auch nicht damit anfangen. Ich weiß nicht, was zwischen Ihnen beiden vorgeht, und ich will es auch gar nicht wissen. Doch was immer es ist, es gefährdet diese Ermittlungen. Deswegen werden wir Folgendes tun: Dr. Ferry wird nach Hause fahren. Das FBI wird sich heute Nacht um die Bisswunden kümmern. Und vorausgesetzt, das Bureau hat keine Einwände, werde ich eine neue forensische Odontologin für die Sonderkommission anfordern.«

Ich will widersprechen, doch Piazza hat meine Episode in der Küche mit keinem Wort erwähnt. Sie spricht offensichtlich über etwas, gegen das ich mich nicht wehren kann. Irgendetwas, wovon Sean mir gesagt hat, ich solle mir deswegen keine Gedanken machen. Warum bin ich dann wütend? Ehebrecher denken immer, sie wären diskret, und trotzdem finden andere Menschen es heraus.

Ein Streifenpolizist kommt ins Büro und stellt mein Stativ und meine beiden Koffer auf den Boden. Wann hat Piazza ihm gesagt, dass er meine Sachen packen soll? Als ich bewusstlos war? Nachdem der Mann gegangen ist, sagt Piazza: »Sean, Sie bringen Dr. Ferry zum Wagen. Seien Sie in zwei Minuten zurück. Und morgen früh Punkt acht Uhr sind Sie in meinem Büro. Verstanden?«

Sean blickt seiner Vorgesetzten in die Augen. »Verstanden, Ma’am.«

Captain Piazza sieht mich an; in ihren Augen spiegelt sich Mitgefühl. »Dr. Ferry, Sie haben in der Vergangenheit bemerkenswerte Arbeit für uns geleistet. Ich hoffe sehr, dass Sie dieses Problem gelöst bekommen, was immer es sein mag. Ich schlage vor, Sie konsultieren einen Arzt, falls Sie es nicht bereits getan haben. Ich glaube nicht, dass ein paar Tage Urlaub für Sie reichen.«

Sie geht nach draußen und lässt mich mit meinem verheirateten Geliebten und dem Chaos zurück, das ich wieder einmal aus meinem Leben gemacht habe. Sean nimmt meine beiden Koffer und will zur Tür. Wir können nicht riskieren, hier miteinander zu reden.

Warmes Wasser tropft von den Eichenblättern, als wir schweigend den Block hinuntergehen. Es hat geregnet, als ich im Haus gewesen bin, ein typischer New-Orleans-Schauer, der nichts dazu beigetragen hat, die Stadt abzukühlen oder sauber zu waschen; stattdessen hat er die schwüle Feuchtigkeit noch erstickender gemacht und noch mehr Dreck in den Lake Pontchartrain gewaschen. Doch die Luft riecht nach Bananenstauden, und in der Dunkelheit wirkt die Straße täuschend romantisch.

»Was ist da drin passiert?«, fragt Sean, ohne mich anzusehen. »Wieder eine Panikattacke?«

Meine Hände zittern, doch ich vermag nicht zu sagen, ob es von meinem Anfall im Haus herrührt, vom Alkoholentzug oder der Konfrontation mit Captain Piazza. »Ich glaub schon. Ich weiß es nicht.«

»Sind es diese Morde? Es hat beim dritten Opfer angefangen, bei Nolan.«

Ich höre an seiner Stimme, dass er sich Sorgen macht. »Ich glaube nicht.«

Er sieht mich an. »Ist es unsere Beziehung, Cat?«

Selbstverständlich ist es unsere Beziehung! »Ich weiß es nicht.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass Karen und ich darüber gesprochen haben, zu einem Anwalt zu gehen. Es ist nur wegen der Kinder, weißt du. Wir …«

»Fang jetzt nicht damit an, okay? Nicht heute Abend.« Meine Kehle schnürt sich zu, und ein säuerlicher Geschmack füllt meinen Mund. »Ich bin in dieser Situation, weil ich mich selbst hineingebracht habe.«

»Ich weiß, aber …«

»Bitte.« Ich balle die Faust, damit meine Rechte nicht zittert. »Okay?«

Diesmal spürt Sean die Hysterie in meiner Stimme. Als wir den Audi erreichen, nimmt er meine Schlüssel, schließt auf und lädt meine Koffer auf den Rücksitz. Dann blickt er in die Richtung, aus der wir gekommen sind, zum Haus von LeGendre, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass Piazza uns nicht beobachtet. Dass er so etwas tun muss, selbst jetzt noch, ist wie ein Messer in meinen Leib.

»Sag mir, was das alles wirklich zu bedeuten hat«, fordert er mich auf, wobei er sich wieder zu mir umdreht. »Irgendetwas verschweigst du mir doch.«

Ja. Aber ich werde dir diese Szene nicht hier auf der Straße machen. Nicht jetzt. Nicht so. Selbst ich habe noch ein paar Träume, und diese nasse Straße, unmittelbar nach einem Mord, gehört nicht dort hinein. »Ich kann das nicht«, stoße ich hervor. Mehr schaffe ich nicht.

Seine grünen Augen weiten sich zu einem stillen Flehen. Sie können manchmal bemerkenswert intensiv sein. »Wir müssen uns unterhalten, Cat. Noch heute Nacht.«

Ich antworte nicht.

»Ich mache Feierabend, sobald ich kann«, verspricht er.

»In Ordnung«, sage ich in dem Wissen, dass es die einzige Möglichkeit ist, von hier wegzukommen. »Da ist Captain Piazza.«

Seans Kopf ruckt herum. »Wo?«

Ein weiterer Messerstich. »Ich dachte, ich hätte sie gesehen. Du siehst besser zu, dass du wieder zurück ins Haus kommst.«

Er drückt meine Oberarme; dann öffnet er die Fahrertür des Audi und hilft mir beim Einsteigen. »Fahr vorsichtig, ja?«

»Mach dir keine Gedanken um mich.«

Anstatt zu gehen, kniet er in der offenen Tür, packt mein linkes Handgelenk und redet drängend auf mich ein. »Ich mache mir aber Gedanken um dich! Was ist los, Cat? Ich kenne dich, verdammt. Rück mit der Sprache raus!«

Ich lasse den Motor hochdrehen und setze den Wagen langsam in Bewegung, sodass Sean keine andere Wahl bleibt, als meine Hand loszulassen.

»Cat!«, ruft er, doch ich schlage die Tür zu und fahre weiter, lasse ihn am nassen Straßenrand stehen, wo er hinter meinen Rücklichtern herstarrt.

»Ich bin schwanger«, sage ich viel zu spät.

Zwei Meilen vor meinem Haus am Lake Pontchartrain wird mir bewusst, dass ich nicht nach Hause fahren kann. Wenn ich in meine Wohnung komme, werden sich die Wände um mich herum zusammenziehen wie erstickende Kissen, und ich werde wie eine Verrückte auf und ab rennen, bis Sean seinen Wagen in die Garage fährt und das Tor mit seiner Fernbedienung herunterlässt. Bei jedem Wort, das er im Anschluss daran sagen wird, werde ich im Hintergrund die Uhr hören, die tickend die Sekunden abzählt, bevor er nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern muss. Und das kann ich heute Nacht ganz und gar nicht ertragen.

Normalerweise halte ich bei einem Spirituosenladen, nachdem ich an einem Verbrechensschauplatz gearbeitet habe, und kaufe mir eine Flasche Wodka. Nicht so heute. Die kleine Ansammlung von Zellen, die in mir heranwächst, ist das einzige Reine in meinem Leben, und ich werde ihm keinen Schaden zufügen. Selbst wenn es Schreikrämpfe und eine Gummizelle bedeuten sollte. Das ist das Einzige, was ich im Augenblick mit absoluter Sicherheit weiß.

Ich habe zu Anfang einen Totalentzug versucht, weil ich denke, es ist das Beste für das Baby. Zwanzig Stunden nach diesem Fehler fing ich so schlimm zu zittern an, dass ich nicht einmal mehr den Reißverschluss meiner Jeans aufbekam, um zu pinkeln. Noch ein paar Stunden später fing ich an, überall im Haus Schlangen zu sehen. Eine kleine Klapperschlange in einer Ecke der Küche, zusammengerollt zu einer tödlichen Spirale. Eine fette Cottonmouth Mokassin an einem Topffarn im Wohnzimmer. Eine leuchtend bunte Korallenschlange beim Sonnen im schmerzhaft grellen Licht hinter der Glastür im Wohnzimmer. Alle tödlich, ausnahmslos, und alle im Begriff, mich einzukreisen und ihre Zähne in mein Fleisch zu bohren, bis sie den allerletzten Tropfen Gift aus ihren Drüsensäcken in mich gepumpt haben.

Hallo, Delirium tremens …

Totalentzug kam also nicht infrage. Ich versenkte mich in meine medizinischen Bücher, aus denen ich erfuhr, dass die ersten achtundvierzig Stunden des Entzugs die schlimmsten wären. Suchtspezialisten verschrieben Valium, um die körperlichen Symptome zu dämpfen, während die psychische Sucht abklingt, doch Valium kann bei Ungeborenen zu einem Wolfsrachen führen, wobei das Risiko von der Dosierung und der Dauer der Einnahme abhängt. Ein ausgewachsenes Delirium tremens auf der anderen Seite kann zu Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod im Mutterleib führen. Diese Wahl zwischen verschiedenen Übeln erwies sich also letzten Endes als keine Wahl. Ich kenne ein Dutzend Chirurgen, die imstande sind, einen Wolfsrachen zu operieren, aber ich kenne niemanden, der einen Toten wieder auf erwecken könnte. Als die Korallenschlange auf mich zukroch, kletterte ich auf einen Tisch, rief bei Rite Aid Pharmacy an und verschrieb mir selbst genügend Valium, um die ersten achtundvierzig Stunden zu überstehen.

Die Reifen des Audi kreischen, als ich den Wagen in eine 180-Grad-Kehre zwinge und am Fuß der Auffahrt zur Interstate 10 anhalte. Limousinen und Laster jagen vorüber und hupen wütend. Eine Stunde Fahrt in westlicher Richtung auf der 1-10 würde mich nach Baton Rouge bringen. Von Baton Rouge aus verläuft der Highway 61 neunzig Meilen nördlich am Mississippi entlang bis Natchez, dem Ort meiner Kindheit. Ich habe diese Reise schon viele Male angetreten, ohne sie jemals zu beenden. Heute Nacht aber …

Zuhause, sage ich lautlos. Der Ort, wo du immer eingelassen wirst, wenn du dort auftauchst. Ich kann mich nicht erinnern, wer das gesagt hat, doch es erschien mir stets passend. Auch wenn es eigentlich nicht der Fall war. Meine Familie hat mich stets angefleht, sie zu besuchen. Meine Mutter möchte allen Ernstes, dass ich wieder in das Haus einziehe, in dem ich aufgewachsen bin. (Haus ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Es ist ein riesiges Anwesen, groß genug für mich und wenigstens zwölf weitere Familien.) Ich könnte nie wieder dort einziehen. Ich kann nicht einmal zurück nach Natchez. Warum nicht, weiß ich nicht. Es ist eine wunderschöne Stadt, in mancher Hinsicht viel schöner als New Orleans. Sicherer und friedlicher auf jeden Fall. Und viele sind nach Natchez zurückgegangen, die der Stadt im Lauf der Jahre den Rücken gekehrt hatten.

Nicht jedoch ich.

Man verlässt eine Stadt in jungen Jahren und weiß eigentlich gar nicht so recht, warum, nur, dass man wegmuss. Ich hatte die Highschool mit sechzehn abgeschlossen und bin weggegangen, um das College zu besuchen. Ich habe nie zurückgeblickt. Die ein oder zwei interessanten Jungs, die ich kannte, wollten genauso dringend aus Natchez fort wie ich, und sie haben genau wie ich alles hinter sich gelassen. Ich fuhr zu Thanksgiving und zu Weihnachten nach Hause, zwischendurch aber kaum einmal, und das hat meine Familie tief verletzt. Sie hat es nie verstanden, und sie hat es mich nie vergessen lassen. Zurückblickend über einen Abstand von fünfzehn Jahren denke ich, dass ich von zu Hause geflohen bin, weil Cat Ferry nur an einem anderen Ort – an irgendeinem anderen Ort – zu dem werden konnte, was ich aus ihr zu machen imstande war. In Natchez hätte ich eine erstickende Matrix aus Erwartungen und Verpflichtungen geerbt, die zu übernehmen mir unerträglich erschienen war.

Doch jetzt habe ich mein sorgfältig konstruiertes Refugium gründlich zerstört. Es war natürlich unausweichlich. Ich wurde von den Besten gewarnt. Wie vorhergesagt, sind meine Sorgen hier und heute um ein Vielfaches größer als das, was ich zurückgelassen habe, und meine Möglichkeiten sind bis auf eine erschöpft. Für einen Moment überlege ich, in mein Haus zurückzukehren und eine Tasche zu packen. Doch wenn ich das tue, werde ich niemals weggehen. Die Schwangerschaftsszene mit Sean wird stattfinden, und dann … vielleicht das Ende für uns. Oder vielleicht nur für mich. Ich werde also heute Nacht nicht die Treppe zu meiner Tür hinaufsteigen.

Mein Mobiltelefon summt »Sunday, Bloody Sunday«. Ich blicke auf das Display. Det. Sean Regan steht dort zu lesen. Ich bin versucht zu antworten, doch Sean ruft nicht wegen des Falles an. Er will mich sehen. Mich ausfragen wegen meiner »Episode« in der Prytania Avenue. Er will mit mir durchkauen, was Captain Piazza über uns und unsere Affäre weiß oder nicht weiß. Und Luft ablassen nach dem Ärger bei der NOMURS-Sonderkommission.

Mit anderen Worten, er will Sex.

Ich schalte das Mobiltelefon auf Lautlos und steuere die Auffahrt hinauf, um mich in den nächtlichen Verkehr aus der Stadt hinaus einzufädeln.

4

Im Süden ist man niemals weit von der Wildnis entfernt. Nach weniger als zehn Minuten verlässt die I-10 Terra firma und verläuft durch einen stinkenden Sumpf voller Alligatoren, Grubenottern, wilder Schweine und Raubkatzen. Die ganze Nacht schleichen sie umher, schlagen Beute und vollziehen das Ritual des Todes, das ihr eigenes Leben erhält. Jäger und Beute, ein ewiger Tanz. Was davon bin ich? Sean würde sagen Jäger, und damit läge er nicht falsch. Doch er hätte auch nicht ganz Recht. Ich war auch schon mal Beute. Ich trage Narben, die Sean niemals gesehen hat. Heute bin ich weder das eine noch das andere, sondern ein Hybridwesen, das sich im Bewusstsein sowohl des Jägers als auch des Gejagten auskennt. Ich jage Raubtiere, um die gefährdetste Spezies von allen zu schützen – die Unschuldigen.

Vielleicht ein naiver Begriff heutzutage.

Die Unschuldigen.

Niemand, der heutzutage bei geistiger Gesundheit das Erwachsenenalter erreicht, ist unschuldig. Trotzdem verdient keiner von uns, ein Opfer der wahrhaft Verdammten zu werden. Die älteren Männer, die in New Orleans gestorben sind, haben irgendetwas getan, das ihren Mörder angezogen hat. Vielleicht irgendetwas Unschuldiges – vielleicht aber auch etwas Grauenhaftes. Das interessiert mich allerdings nur insoweit, als dass es mir hilft, den Killer zu finden, der diese Männer getötet hat. Wobei es mich eigentlich gar nicht interessieren sollte. Weil Captain Piazza mich von dieser Jagd ausgeschlossen hat.

Nein. Du hast dich selbst ausgeschlossen, mahnt der Zensor in meinem Kopf.

Mein Mobiltelefon auf dem Beifahrersitz leuchtet grün. Wieder Sean. Ich drehe es um, damit ich das Leuchten des Displays nicht sehen muss.

Im vergangenen Jahr bin ich jedes Mal, wenn die Angst oder die Depressionen unerträglich wurden, zu Sean gerannt. Heute Nacht renne ich vor ihm weg. Ich renne, weil ich Angst habe. Wenn Sean erfährt, dass ich schwanger bin – und ich beabsichtige, das Baby zu behalten –, wird er entweder die Versprechen einlösen, die er gemacht hat, oder mich verraten. Und ich habe furchtbare Angst, dass er seine Familie nicht für mich aufgeben könnte. Diese Angst ist so spürbar, dass das Resultat bereits eine ausgemachte Sache scheint, etwas, das ich die ganze Zeit über gewusst habe. Wie dumm von mir, mich selbst zu belügen.

Sean hat seine Zweifel niemals versteckt. Er hat Angst wegen meines Alkoholkonsums. Wegen meiner Depressionen. Meiner gelegentlichen manischen Zustände. Er hat Angst, ich könnte sexuell nicht treu sein. Angesichts meiner Vergangenheit allesamt berechtigte Sorgen. Doch ich bin fest überzeugt, dass man es an irgendeinem Punkt im Leben einfach riskieren muss, dass man alles für den anderen Menschen aufs Spiel setzen muss, ganz gleich, wie groß die Ängste sein mögen. Außerdem – sieht Sean denn nicht, was er mit seinen Ängsten anrichtet? Dass er es mir noch viel schwerer macht, Vertrauen in mich selbst zu haben, wenn er immer noch Angst hat, obwohl er mich so intim kennen gelernt hat?

Meine Hände am Lenkrad zittern. Ich brauche noch eine Valium, doch ich darf nicht riskieren, auf der Interstate einzuschlafen. Schluck es runter, sage ich mir, das Mantra meiner Jugend und das ungeschriebene Motto meiner Familie. Schließlich ist es nicht so, als wäre mein gegenwärtiges Dilemma neu. Ich war vorher noch niemals schwanger, doch die Schwangerschaft ist lediglich eine neue Facette in einer alten Gewohnheit. Ich habe mir schon immer unerreichbare Männer ausgesucht. Auf gewisse Weise ist mein ganzes Leben eine Serie unerklärbarer Entscheidungen und ungelöster Paradoxe. Zwei Therapeuten haben verzweifelt die Hände hochgeworfen wegen meiner Fähigkeit, trotz aller selbstzerstörerischen Verhaltensweisen, die mich ständig am Rand der Katastrophe halten, auf meinem gegenwärtigen Niveau zu funktionieren. Meine Beziehung zu meiner derzeitigen Therapeutin, Dr. Hannah Goldman, hat nur deswegen überlebt, weil Hannah mir gestattet, meine festgelegten Termine zu überspringen und sie anzurufen, wann immer ich das Gefühl habe, sie zu brauchen. Ich brauche niemanden, den ich ansehen kann. Ich brauche eine verständnisvolle Stimme, weiter nichts.

Eigentlich wird es Zeit, dass ich Hannah wieder einmal anrufe. Sie weiß nichts von meiner Schwangerschaft. Sie weiß auch nichts von meinen Panikattacken. Doch selbst nach vier Jahren bei ihr habe ich noch immer Schwierigkeiten, sie um Hilfe zu bitten. Ich stamme aus einer Familie, die Depressionen für eine Schwäche hält, nicht für eine Krankheit. Ich habe als Kind nie einen Therapeuten gesehen, als er mir wahrscheinlich wirklich hätte helfen können. Mein Großvater, ein Chirurg, ist der Meinung, dass Psychiater kränker sind als ihre Patienten. Mein Vater, ein Vietnamveteran, war vor seinem Tod bei mehreren Therapeuten der Veterans Administration in Behandlung, doch keiner von ihnen vermochte die Symptome seiner posttraumatischen Verhaltensstörungen zu lindern. Meine Mutter war ebenfalls gegen eine Therapie. Die Seelenklempner hätten ihrer älteren Schwester nicht helfen können, sagte sie, und einer von ihnen hätte sie sogar verführt. Als meine Selbstmordimpulse mich schließlich überzeugten, dass es an der Zeit war, Hilfe zu suchen – im Alter von vierundzwanzig –, waren weder die Ärzte noch die Psychologen imstande, meine Stimmungsumschwünge unter Kontrolle zu bringen, meine Albträume zu lindern, meinen Alkoholkonsum zu verringern oder mein gelegentlich unbesonnenes sexuelles Verhalten. Für mich war Therapie mehr oder weniger ein völliger Reinfall – abgesehen von Hannah Goldman und ihrem Laisser-faire-Stil. Und doch … obwohl meine gegenwärtige Situation auch nach Hannahs Einschätzung eine Krise darstellt, bringe ich es nicht über mich, sie anzurufen.

Während der stinkende, flache Sumpf allmählich hügeligen Wäldern voller Eichen und Nadelhölzer weicht, spüre ich in der Dunkelheit draußen jenen mächtigen Fluss zu meiner Linken, der ungeachtet aller menschlichen Wehen und Plagen seit Millennien nach Süden fließt. Der Mississippi verbindet die Stadt meiner Geburt mit der Stadt meines Erwachsenenlebens, eine große, gewundene Arterie, welche die beiden spirituellen Pole meiner Existenz verknüpft, die Zeit der Kindheit und die der Unabhängigkeit. Doch wie unabhängig bin ich tatsächlich? Natchez – die Stadt stromaufwärts, zwei Jahre älter als New Orleans, 1716 kontra 1718 – ist die Quelle all dessen, was ich bin, ob es mir nun gefällt oder nicht. Und heute Nacht kehrt die verlorene Tochter mit fünfundachtzig Meilen in der Stunde nach Hause zurück.

Nach vorn und nach hinten …

Während ich durch die Kurven in den dunklen Wäldern jage, spüre ich, wie eine Art emotionaler Gravitation an meinen Knochen zerrt. Doch erst als das Schild mit der Aufschrift ANGOLA PENITENTIARY im Licht meiner Scheinwerfer aufleuchtet, wird mir der Grund dafür bewusst. Erst da weiß ich es. Unmittelbar südlich der von Nato-Draht umschlossenen Felder, die als Angola Farm bekannt sind, erhebt sich eine große Insel aus dem Fluss. Seit der Zeit vor dem Bürgerkrieg im Besitz meiner Familie, schwebt diese atavistische Welt wie eine dunkle Fata Morgana zwischen den vornehmen Städten Natchez und New Orleans. Ich habe seit mehr als zehn Jahren keinen Fuß mehr auf DeSalle Island gesetzt, doch ich spüre die Insel jetzt, wie man ein gefährliches Tier spürt, das aus dem Schlaf erwacht. Nicht mehr als ein Dutzend Meilen zu meiner Linken schnüffelt es in der feuchten Dunkelheit nach meinem Geruch.

Ich trete das Gaspedal durch und lasse die Gegend hinter mir, während ich in eine Art Trance falle, die mich den Rest meiner Fahrt im Griff hält. Ich erwache nicht in den Außenbezirken von Natchez, sondern auf dem geschwungenen, kurvigen, von hohen Böschungen umgebenen Weg, der durch die Wälder zum Zuhause meiner Kindheit führt. Früher einmal war das aus der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg stammende Anwesen, auf dem ich aufgewachsen bin, von mehr als achtzig Hektar ursprünglicher Wälder umgeben, doch davon sind nur noch landschaftlich gestaltete zehn Prozent geblieben. Das Land wird umschlossen vom St. Catherine’s Hospital, einem neuen Wohnviertel, sowie Elms Court, einer stattlichen alten Plantage. Trotzdem vermittelt die Fahrt durch den Tunnel aus Eichen, deren Blätterdach die Straße überdeckt, einem Touristen auch heute noch das Gefühl, sich einem abgelegenen europäischen Herrenhaus zu nähern.

Ein hohes, schmiedeeisernes Tor versperrt die letzten fünfzig Meter der Zufahrt, doch es war unverschlossen, solange ich mich zurückerinnern kann. Ich halte an und drücke auf einen Knopf am Torpfosten. Das Eisengitter schwingt wie von unsichtbaren Händen gezogen zurück. Als hätten die Götter persönlich meinen Weg nach Hause freigegeben.

Warum bist du hier?, frage ich mich.

Du kennst den Grund, antwortet eine tadelnde Stimme. Du hast keinen anderen Ort mehr, an den du noch gehen könntest.

Nachdem ich eine Valium trocken heruntergeschluckt habe, fahre ich langsam durch das Tor.