Leises Gift - Greg Iles - E-Book

Leises Gift E-Book

Greg Iles

4,4
8,99 €

Beschreibung

Dr. Chris Shepard hat die junge Frau, die in seine Arztpraxis kommt, nie zuvor gesehen. Alex Morse gibt sich als Agentin des FBI zu erkennen. Sie sei, so sagt sie, auf der Spur eines Scheidungsanwalts, der seinen Klienten einen ganz besonderen Dienst bietet: Ihre Ehepartner sterben auf unerklärliche Weise. "Okay. Aber warum erzählen Sie mir das?" Zum ersten Mal blickte Agentin Morse unbehaglich drein. "Weil ...", sagte sie schließlich zögernd, "vor genau einer Woche Ihre Frau nach Jackson gefahren ist und zwei Stunden im Büro dieses Anwalts verbracht hat..."

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 861




Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

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Epilog

Danksagung

Über den Autor

Greg Iles wurde 1960 in Deutschland geboren, wo sein Vater die Klinik der Amerikanischen Botschaft leitete. Aufgewachsen ist er in Natchez, Mississippi, wo er auch heute lebt. Nach seinem Studienabschluss an der University of Mississippi spielte er als Musiker in der Band »Frankly Scarlet«, bevor er die Gruppe verließ, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Seine Bücher wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt und in über zwanzig Ländern veröffentlicht.

GREG ILES

LEISESGIFT

THRILLER

Aus dem Amerikanischenvon Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Titel der amerikanischen Originalausgabe: True Evil

Copyright © 2006 by Greg Iles

Copyright © für die deutschsprachige Ausgabe 2008

by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Wolfgang Neuhaus

Titelbild: Antonius/buchcover.com

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 978-3-8387-1729-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Zum Gedenken an Mike McGrawund Ryan Buttross

Das wahre Böse hat ein Gesicht, das man kennt,und eine Stimme, der man vertraut

– Anonymus

1

Alex Morse rannte durch die Eingangshalle des neuen medizinischen Zentrums der Universität. Sie wirkte wie eine Ärztin, die zu einem Notfall gerufen wurde. Doch Alex war keine Ärztin. Sie war Geisel-Unterhändlerin beim FBI. Zwanzig Minuten zuvor war sie mit einem Flugzeug aus Charlotte, North Carolina, nach Jackson in Mississippi gekommen. Ihre ältere Schwester war bei einem Baseballspiel zusammengebrochen. Was für ein verdammtes Jahr! Es war geprägt von Verletzungen und Tod, und es hing noch mehr Unheil in der Luft – Alex konnte es spüren.

Sie erblickte die Aufzüge und schaute auf die Anzeige über den Türen. Ein Lift kam nach unten. Alex drückte auf den Rufen-Knopf und wippte ungeduldig auf den Fußspitzen. Krankenhäuser, dachte sie bitter. Sie selbst war gerade erst aus einem Krankenhaus entlassen worden. Die Kette der Tragödien hatte ihren Anfang mit ihrem Vater genommen. Fünf Monate zuvor war Jim Morse in genau diesem Hospital gestorben, nachdem er bei einem Überfall niedergeschossen worden war. Zwei Monate später hatte man bei Alex’ Mutter ein Ovarialkarzinom in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert. Die Ärzte rechneten nicht damit, dass sie diese Woche überlebte. Dann hatte Alex den Unfall gehabt, und jetzt Grace …

Ein leiser Gong ertönte, und die Lifttüren glitten auseinander.

Eine junge Frau in weißem Kittel lehnte erschöpft an der Rückwand der Kabine. Eine Assistenzärztin, vermutete Alex, Mitte zwanzig, vier oder fünf Jahre jünger als Alex mit ihren dreißig Jahren. Die Frau blickte kurz auf, als Alex die Kabine betrat, sah zu Boden und schaute Alex dann ganz plötzlich wieder an, als hätte sie erst jetzt den schrecklichen Anblick registriert. Alex hatte diese Reaktion seit ihrer Entstellung so häufig erlebt, dass sie nicht mehr wütend wurde. Es deprimierte sie nur noch.

»Welche Etage?«, fragte die junge Ärztin und hob die Hand zu den Schaltknöpfen, während sie sich alle Mühe gab, nicht zu starren.

»Neurologische Intensivstation«, antwortete Alex.

Die Ärztin drückte auf die 4. »Ich fahre ins Tiefgeschoss«, sagte sie. »Aber der Lift bringt Sie anschließend direkt nach oben.«

Alex nickte und beobachtete die Anzeige auf dem Leuchtpaneel. Nachdem man bei ihrer Mutter Krebs diagnostiziert hatte, war sie mit dem Flugzeug zwischen Washington, D.C., wo sie damals stationiert gewesen war, und Mississippi gependelt, um Grace, die einen Vollzeitjob als Lehrerin hatte, bei der Betreuung ihrer Mutter zu helfen. Anders als beim FBI zu Zeiten eines Edgar J. Hoover, bemühte man sich heutzutage, verständnisvoll an familiäre Probleme heranzugehen. Doch in Alex’ Fall hatte der Deputy Director seine Position unmissverständlich klargemacht: Sonderurlaub zum Besuch eines Begräbnisses war eine Sache, regelmäßiges Pendeln über 1500 Kilometer, um bei einer Chemotherapie dabei zu sein, eine ganz andere. Doch Alex hatte nicht auf ihn gehört. Sie hatte sich gegen das System aufgelehnt und gelernt, fast ohne Schlaf auszukommen. Sie hatte sich geschworen, dem Druck standzuhalten, und sie hatte es geschafft – bis zu dem Augenblick, als ihr ein Feuersturm aus Glas und Schrotkugeln in die rechte Schulter und ins Gesicht gefegt war. Ihre Weste hatte die Schulter geschützt, doch ihr Gesicht war grässlich verstümmelt worden.

Alex hatte die für eine Geisel-Unterhändlerin größte Sünde begangen und beinahe mit dem Leben dafür bezahlt. Weil der Schütze durch eine Flachglas-Abtrennung gefeuert hatte, hatte der Blizzard aus Glassplittern und Schrotkugeln ihre Wange zerfetzt, war durch Haut und Knochen gedrungen und hatte Stirnhöhle, Kiefer und Gewebe zerfetzt.

Die plastischen Chirurgen hatten Alex großartige Versprechungen gemacht, doch bisher waren die Resultate eher kläglich. Man hatte ihr gesagt, dass die wütenden rosafarbenen Würmer mit der Zeit verblassen würden (sie konnten nicht viel tun gegen die punktförmigen Vertiefungen in ihrer Wange), und dass ein Laie die Narben nicht einmal mehr bemerken würde. Alex glaubte nicht daran. Doch was bedeutete schon Eitelkeit im großen Plan der Dinge? Fünf Sekunden, nachdem Alex niedergeschossen worden war, hatte jemand anders für ihren Fehler mit dem Leben bezahlt.

In den höllischen Tagen nach der Schießerei war Alex’ Schwester Grace öfters nach Washington geflogen, um bei Alex zu sein, obwohl die Pflege ihrer beider Mutter sie alle Kraft kostete. Grace war der weibliche Märtyrer der Familie, eine Kandidatin für die Heiligsprechung, wenn es je eine gegeben hatte. Die Ironie war grausam: Heute Nacht war es Grace, die auf einer Intensivstation lag und um ihr Leben kämpfte.

Und warum? Sicherlich nicht Karma. Sie war die Treppen eines Stadions hinaufgestiegen, um ihrem zehn Jahre alten Sohn beim Baseball zuzuschauen, als sie zusammengebrochen war. Sekunden nachdem sie auf der Treppe aufgeschlagen war, hatte sie Blase und Darm entleert. Eine vierzig Minuten später aufgenommene Computertomographie zeigte ein Blutgerinnsel in der Nähe des Hirnstamms – die Sorte von Blutgerinnsel, die Menschen nur allzu oft umbringt. Alex war in Charlotte gewesen und hatte Bahnen geschwommen, als die Nachricht gekommen war. (Alex war nach der Schießerei dorthin strafversetzt worden.) Ihre Mutter war zu aufgeregt gewesen, um am Telefon zusammenhängende Sätze von sich zu geben, doch sie hatte genügend Einzelheiten gestammelt, um Alex zum Flughafen jagen zu lassen.

Bei der ersten Zwischenlandung in Atlanta hatte Alex den Mann ihrer Schwester angerufen, Bill Fennell, den sie vor dem Start nicht hatte erreichen können. Bill erklärte, dass Graces Hirnschäden zunächst nicht allzu dramatisch ausgesehen hätten – leichte Lähmung der rechten Seite, Schwäche, milde Dysphasie –, doch der Schlaganfall hatte sich seither verschlimmert, was nach Auskunft der Ärzte nicht ungewöhnlich war. Ein Neurologe hatte Grace TPA verordnet, ein Medikament, das Blutgerinnsel auflösen konnte, jedoch allerlei ernste Nebenwirkungen hatte. Bill Fennell war ein dominanter Mann, doch seine Stimme hatte gezittert bei ihrem Gespräch, und er hatte Alex angefleht, sich zu beeilen.

Nachdem das Flugzeug in Jackson gelandet war, hatte Alex erneut bei ihm angerufen. Diesmal hatte er schluchzend über die Entwicklung der vergangenen Stunde berichtet. Grace atmete zwar noch aus eigener Kraft, doch sie war ins Koma gefallen und würde möglicherweise sterben, noch ehe Alex die letzten fünfundzwanzig Kilometer vom Flughafen zum Krankenhaus zurückgelegt hatte.

Panik erfüllte mit einem Mal ihre Brust, wie sie es seit ihrer Kindheit nicht mehr erlebt hatte. Obwohl das Flugzeug noch auf dem Vorfeld war und zum Terminal rollte, hatte Alex ihre Tasche unter dem Sitz hervorgezogen und war nach vorn zum Ausgang der B-727 marschiert. Als ein Flugbegleiter ihr den Weg versperrte, hatte sie ihren Dienstausweis gezückt und ihm mit leiser Stimme befohlen, sie so schnell wie möglich zum Terminal zu bringen. Kaum hatte sie das Gate passiert, war sie durch die Abfertigungshalle und die Gepäckausgabe zu der Schlange wartender Taxis gesprintet, wo sie erneut ihren Ausweis gezückt und dem Fahrer hundert Dollar versprochen hatte, wenn er sie mit Höchstgeschwindigkeit zur Uniklinik brachte.

Und hier war sie nun, stieg im dritten Stock aus dem Lift und wurde sogleich eingehüllt von beißenden Gerüchen, die sie Wochen in die Vergangenheit zurückwarfen, als heißes Blut wie aus einem Wasserhahn aus ihrem Gesicht geströmt war. Am Ende des Korridors wartete eine große Holztür mit der Aufschrift »Neurologische Intensivstation«. Sie ging hindurch wie ein Fallschirmspringer vor seinem ersten Absprung, wappnete sich gegen den freien Fall, voller Angst vor den Worten, die zu hören sie beinahe sicher war: Es tut mir sehr leid, Alex, aber du kommst zu spät.

Die Intensivstation bestand aus einem Dutzend Abteilen mit Glaswänden, U-förmig um das Schwesternzimmer herum angeordnet. Mehrere Abteile waren mit Vorhängen vor Blicken geschützt, doch durch die transparente Wand der vierten Kabine links sah Alex Bill Fennell, der sich mit einer Schwester unterhielt. Mit seinen einsdreiundneunzig überragte er sie deutlich, doch sein attraktives Gesicht war von Sorgenfalten zerfurcht, und die Frau schien ihn zu trösten. Er spürte Alex’ Anwesenheit, blickte auf und erstarrte mitten im Satz. Alex bewegte sich zu dem Abteil. Bill stürzte zur Tür und drückte Alex an sich. Es war ihr immer peinlich gewesen, ihren Schwager zu umarmen, doch heute Nacht gab es keine Möglichkeit, dies zu vermeiden. Und auch keinen Grund. Heute Nacht brauchten beide Nähe und das Gefühl familiärer Zusammengehörigkeit.

»Du hast wohl einen Hubschrauber genommen!«, sagte er mit seiner vollen Bassstimme. »Ich kann nicht glauben, wie schnell du gekommen bist!«

»Lebt sie?«

»Sie lebt noch«, sagte Bill in eigenartig förmlichem Tonfall. »Sie hat sogar ein paar Mal das Bewusstsein wiedererlangt. Sie hat nach dir gefragt.«

Alex’ Zuversicht stieg, doch mit der Hoffnung kamen neue Tränen.

Die Frau im weißen Kittel kam aus dem Abteil. Sie war um die fünfzig, mit einem freundlichen, jedoch ernsten Gesicht.

»Das ist die für Grace zuständige Neurologin«, sagte Bill.

»Ich bin Meredith Andrews«, stellte die Ärztin sich vor. »Sind Sie die Frau, die Grace ›KK‹ nennt?«

Alex schluchzte auf. »KK« war ein Spitzname, der von ihrem zweiten Namen abgeleitet war, Karoli. »Ja. Aber nennen Sie mich bitte Alex … Alex Morse.«

»Spezialagentin Morse«, sagte Bill in einem völlig absurden Einwurf.

»Hat Grace nach mir gefragt?«, erkundigte sich Alex, wobei sie sich die Wangen abwischte.

»Sie sind alles, worüber sie redet.«

»Ist sie bei Bewusstsein?«

»Zurzeit nicht. Wir tun, was in unserer Macht steht, doch Sie sollten sich auf das Schlimmste …« Dr. Andrews schätzte Alex blitzschnell ab. »Sie sollten sich auf das Schlimmste gefasst machen. Grace hatte eine schwere Thrombose, als sie eingeliefert wurde, doch sie hat noch aus eigener Kraft geatmet, was mich zunächst mit Hoffnung erfüllt hat. Doch der Anfall breitete sich ständig weiter aus, und ich beschloss, mit der thrombolytischen Therapie zu beginnen, das heißt, wir versuchen, das Gerinnsel aufzulösen. Manchmal wirkt es Wunder, doch es kann auch zu Hämorrhagien an anderen Stellen im Körper oder im Gehirn führen. Ich habe das Gefühl, dass genau dies im Augenblick geschieht. Ich möchte nicht riskieren, Grace für eine Magnetresonanzspektroskopie zu bewegen. Sie atmet noch immer aus eigener Kraft, und das ist die beste Hoffnung, die wir haben. Wenn sie aufhört zu atmen, stehen wir bereit, sie augenblicklich zu intubieren. Ich hätte es vielleicht schon tun sollen«, sie warf einen Seitenblick zu Bill, »doch ich weiß, dass sie unbedingt mit Ihnen reden will, und sobald sie intubiert ist, kann sie nicht mehr sprechen, mit niemandem. Sie hat bereits die Fähigkeit zu schreiben verloren.«

Alex zuckte zusammen.

»Seien Sie nicht schockiert, wenn Sie zu Ihnen spricht. Ihr Sprachzentrum hat gelitten, und sie ist stark beeinträchtigt.«

»Verstehe«, sagte Alex ungeduldig. »Wir haben einen Onkel, der einen Schlaganfall hatte. Kann ich einfach zu ihr? Es ist mir egal, in welchem Zustand sie ist. Ich möchte bei ihr sein.«

Dr. Andrews lächelte und führte Alex in das Abteil.

An der Tür angekommen, drehte Alex sich zu Bill um. »Wo ist Jamie?«

»Bei meiner Schwester in Ridgeland.«

Ridgeland war eine rein weiße Vorstadt zehn Meilen außerhalb. »Hat er gesehen, wie seine Mutter gefallen ist?«

Bill schüttelte ernst den Kopf. »Nein. Er war unten auf dem Spielfeld. Er weiß lediglich, dass seine Mutter krank ist.«

»Meinst du nicht, dass er hier sein sollte?«

Alex bemühte sich angestrengt, jegliches Urteil aus ihrer Stimme herauszuhalten, doch Bills Miene verdüsterte sich. Ihm schien eine scharfe Entgegnung auf der Zunge zu liegen, dann aber holte er nur tief Luft. »Nein, das denke ich nicht«, sagte er.

Als Alex ihn unverwandt anstarrte, senkte er die Stimme und fügte hinzu: »Ich möchte nicht, dass Jamie zusieht, wie seine Mutter stirbt.«

»Selbstverständlich nicht. Aber er sollte eine Chance haben, Lebewohl zu sagen.«

»Die bekommt er«, erwiderte Bill. »Bei ihrer Beerdigung.«

Alex schloss die Augen und biss die Zähne zusammen. »Bill, du kannst nicht …«

»Wir haben jetzt keine Zeit dafür«, unterbrach er sie und nickte in Richtung der Ärztin, die wartend im Abteil stand.

Alex näherte sich langsam der Bettkante. Das blasse Gesicht ihrer Schwester über der Krankenhausdecke sah fremd aus. Fremd und doch nicht fremd. Es erinnerte Alex an das Gesicht ihrer Mutter. Grace Morse-Fennell war fünfunddreißig Jahre alt, doch heute Nacht sah sie aus wie siebzig. Es ist die Haut, wurde Alex bewusst. Sie ist wie Wachs. Schmelzendes, verlaufendes Wachs. Es sah aus, als wären die Muskeln ihrer Schwester erschlafft und würden niemals wieder kontrahieren. Grace hatte die Augen geschlossen, und zu Alex Überraschung empfand sie es als Erleichterung. Es verschaffte ihr Zeit, sich an die neue Realität zu gewöhnen, wie flüchtig und unwirklich sie sein mochte.

»Wird es gehen?«, fragte Dr. Andrews hinter ihr.

»Ja.«

»Dann lasse ich Sie jetzt mit ihr allein.«

Alex warf einen flüchtigen Blick auf die Monitore, die Graces Lebensfunktionen überwachten. Pulsschlag, Sauerstoffaufnahme, Blutdruck, Gott weiß was sonst noch. Ein einzelner intravenöser Tropf verschwand unter einem Verband an ihrem Unterarm. Bei dem Anblick schmerzte es in Alex Handgelenk. Sie war nicht sicher, was sie tun sollte, und vielleicht spielte es auch gar keine Rolle. Vielleicht war es einfach nur wichtig, dass sie hier war, in diesem Zimmer.

»Weißt du, was diese Tragödie mir klargemacht hat?«, fragte die vertraute Bassstimme.

Alex zuckte zusammen, doch sie bemühte sich, ihr Unbehagen zu verbergen. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass Bill mit ihr im Raum war, und sie hasste es, ein Zeichen von Schwäche zu zeigen. »Was denn?«, fragte sie, obwohl es sie im Grunde gar nicht interessierte.

»Geld ist nichts wert. Überhaupt nichts. Alles Geld der Welt kann dieses Blutgerinnsel nicht aus ihrem Kopf holen.«

Alex nickte geistesabwesend.

»Wofür zur Hölle habe ich dann gearbeitet?«, fragte Bill. »Warum habe ich es nicht langsamer angehen lassen und jede freie Minute mit Grace verbracht?«

Grace hat sich diese Frage wahrscheinlich tausendmal gestellt, dachte Alex. Doch es war zu spät für Reue. Viele Menschen hielten Bill für so kalt wie einen Fisch. Alex hatte eher geglaubt, dass er dazu neigte, weinerlich zu reagieren.

»Könnte ich für ein bisschen mit ihr alleine sein?«, fragte sie, ohne den Blick von Graces Gesicht abzuwenden.

Sie spürte, wie sich eine schwere Hand auf ihre Schulter legte – die verwundete Schulter. Dann sagte Bill: »Ich bin in fünf Minuten zurück.«

Nachdem er gegangen war, nahm Alex die klamme Hand ihrer Schwester in die ihre und beugte sich vor, um Graces Stirn zu küssen. Sie hatte ihre Schwester noch nie so hilflos gesehen. Tatsächlich hatte sie Grace noch nie auch nur annähernd hilflos gesehen. Grace war ein Dynamo. Krisen, die das Leben anderer zum Stillstand brachten, ließen sie kaum das Tempo verlangsamen. Doch dies hier war anders. Dies war das Ende – Alex konnte es spüren. Sie wusste es, wie sie es gewusst hatte, nachdem James Broadbent getroffen zu Boden gegangen war. James hatte gesehen, wie Alex Sekunden vor dem Zugriffsbefehl für das Geiselbefreiungsteam in die Bank gestürmt war, und er war ihr auf dem Fuß gefolgt. Er hatte gesehen, wie sie angeschossen wurde, doch anstatt das Feuer auf den Schützen augenblicklich zu erwidern, hatte er nach unten geblickt, um zu sehen, wie schlimm Alex verwundet worden war – und hatte die nächste Ladung voll in die Brust bekommen. Er hatte keine Weste getragen (er hatte sie ausgezogen, als er gehört hatte, dass das Geiselbefreiungsteam die Bank stürmen würde). Die Schrotkugeln hatten sein Herz und seine Lungen zerfetzt.

Warum hat er nur zu mir nach unten gesehen?, fragte Alex sich zum Millionsten Mal. Warum ist er mir in die Bank gefolgt?

Doch sie kannte die Antwort. Broadbent war ihr gefolgt, weil er sie geliebt hatte – aus der Ferne zwar, doch seine Gefühle waren dennoch echt gewesen. Und diese Liebe hatte ihn das Leben gekostet. Alex sah Tränen auf Graces Wangen tropfen – ihre eigenen Tränen, zahllos in diesen vergangenen Monaten. Sie wischte sich über die Augen, zog ihr Handy hervor und wählte die Nummer von Bill Fennell, der keine zehn Meter entfernt stand.

»Was ist?«, fragte er aufgeregt. »Was ist passiert?«

»Jamie sollte hier sein, Bill.«

»Alex, ich habe dir gesagt …«

»Geh ihn holen, verdammt! Die Frau hier drin ist seine Mutter!«

Eine lange Pause entstand. Schließlich sagte Bill: »Ich rufe meine Schwester an.«

Alex drehte sich um und sah ihn neben der Schwesternstation stehen. Er hatte sich mit Dr. Andrews unterhalten. Sie sah, wie er das Gespräch mit der Neurologin unterbrach und sein Mobiltelefon an die Wange hob. Alex beugte sich über Graces Ohr und überlegte verzweifelt, was sie sagen konnte, das den Grund des tiefen Loches zu erreichen vermochte, in dem ihre Schwester jetzt weilte.

»Grace?«, flüsterte sie, während sie zugleich die kalte Hand drückte. »Ich bin es, KK.«

Graces Augen blieben geschlossen.

»Ich bin es … KK ist hier. Ich bin von Sally zurück. Wach auf, bevor Mama aufsteht. Ich möchte zum Fest!«

Sekunden verrannen. Erinnerungen wirbelten durch Alex’ Gedanken, und ihr Herz begann zu schmerzen. Graces Augen blieben geschlossen.

»Komm schon, Grace! Ich weiß, dass du nur so tust, als würdest du schlafen! Hör auf damit!«

Alex spürte ein Zucken in ihrer Hand. Adrenalin schoss in ihre Adern, doch als sie die erstarrten Augenlider sah, nahm sie an, dass das Zucken von ihr selbst gekommen war.

»Kuh … Kuh«, ächzte eine Stimme.

Alex drehte sich um in der Annahme, dass es Bill oder Dr. Andrews wären, doch dann drückte Grace ihre Hand und stieß einen hellen Laut aus. Alex wirbelte herum und sah, dass Grace die grünen Augen weit aufgerissen hatte. Sie blinzelte. Alex’ Herz raste. Sie beugte sich zu ihrer Schwester hinunter, denn obwohl Grace erst fünfunddreißig war, waren ihre Augen ohne Brillengläser oder Kontaktlinsen so gut wie nutzlos.

»KK?«, stöhnte Grace leise. »Biffu daf?«

»Ich bin es, Grace«, antwortete Alex und schob ihrer Schwester eine Haarsträhne aus den Augen.

»Ogobb«, sagte Grace mit gutturaler Stimme und fing zu schluchzen an. »Gobb fei Dang.«

Alex musste auf die Zähne beißen, um nicht aufzuschluchzen. Die rechte Hälfte von Graces Gesicht war gelähmt, und Speichel rann ihr übers Kinn, sobald sie sich bemühte zu sprechen. Sie klang genau wie Onkel T. J., der gestorben war, nachdem eine Serie von Schlaganfällen ihm seine alte Identität genommen hatte.

»Bu … bu mubb Jamie rebben«, gurgelte Grace.

»Was? Ich hab dich nicht verstanden!«

»Jamie. Bu mubb ihn rebben!«, wiederholte Grace und wollte sich im Bett aufrichten. Sie schien an Alex vorbeisehen zu wollen.

»Jamie geht es gut«, sagte Alex mit tröstender Stimme. »Er ist auf dem Weg hierher.«

Grace schüttelte wild den Kopf. »Hör fu. Bu mubb fuhören!«

»Ich höre dir zu, Grace, versprochen.«

Grace starrte ihrer Schwester mit dem Drängen einer Ertrinkenden in die Augen. »Bu … mubb … Jamie … retten … Gay-gay. Nur bu … kanbt … eb.«

»Wovor soll ich Jamie retten?«

»Biw.«

»Bill?«, fragte Alex ungläubig. Bestimmt hatte sie sich verhört.

Mit schmerzhafter Anstrengung nickte Grace.

Alex blinzelte verblüfft. »Was redest du da? Tut Bill Jamie in irgendeiner Weise weh?«

Ein schwaches Nicken. »Er wirb eb tun … bobald ib nib mehr bin.«

Alex gab sich alle Mühe, die gequälten Worte zu verstehen. »Jamie weh tun? Wie das? Meinst du, er missbraucht ihn?«

Grace schüttelte den Kopf. »Biw … wib … Jamieb … Beele … umbringen.«

»Bill wird Jamies Seele umbringen?«, wiederholte Alex, als versuchte sie, etwas schwer Leserliches zu entziffern.

Grace ließ erschöpft den Kopf hängen.

»Gracie … du weißt, dass ich Bill nicht besonders mag. Das hast du immer gewusst. Aber er war ein guter Vater, oder nicht? Er scheint im Grunde ein anständiger Mann zu sein.«

Grace packte Alex’ Hand und schüttelte den Kopf. »Er ib ein Monbter!«, zischte sie.

Alex spürte ein Frösteln. »Er ist ein Monster? Hast du gesagt, er ist ein Monster?«

Eine Träne der Erleichterung rann über Graces gelähmte Wange.

Alex starrte in die gequälten Augen ihrer Schwester; dann drehte sie sich um und blickte über die Schulter. Bill Fennell unterhielt sich immer noch mit Dr. Andrews, doch seine Blicke ruhten auf Alex.

»Kommt Biw her?«, fragte Grace mit verängstigter Stimme, während sie sich vergeblich bemühte, den Kopf zu heben.

»Nein. Er unterhält sich mit der Ärztin.«

»Ärbtin … weib … nib …«

»Was weiß die Ärztin nicht?«

»Wab Biw getan hat.«

»Was meinst du damit? Was hat Bill getan?«

Grace hob unvermittelt die Hand, packte Alex an der Bluse und zog ihren Kopf nach unten zu ihren Lippen. »Er hab mib umbebracht.«

Alex fühlte sich, als hätte ihr jemand Eiswasser in die Adern gespritzt. Sie zuckte zurück und starrte Grace in die blutunterlaufenen Augen. »Er hat dich umgebracht? Hast du das gesagt?«

Grace nickte einmal, die Augen voll tiefster Überzeugung.

»Grace, du weißt nicht, was du redest!«

Selbst mit einem zur Hälfte gelähmten Gesicht gelang es Grace, ein Lächeln aufzusetzen. Oh doch, ich weiß sehr genau, was ich rede.

»Das meinst du nicht so. Nicht wortwörtlich.«

Grace schloss die Augen, als wollte sie ihre letzten Kräfte zu einem verzweifelten weiteren Anlauf sammeln. »Du … bib die Einbige … bu kanb ihn boppen. Bu bät bür mib. Ib habe Ärbtin gehörb … drauben. Rebbe Jamie bür mib … Bibbe.«

Alex starrte über die Schulter und durch die Glaswand nach draußen. Bill beobachtete sie noch immer, und es sah aus, als schleppte seine Unterhaltung mit Dr. Andrews sich mühsam dahin. Alex hatte immer gewusst, dass Graces Ehe nicht perfekt war, doch welche Ehe war das schon? Nicht, dass Alex eine Autorität auf diesem Gebiet gewesen wäre. Irgendwie hatte sie es geschafft, dreißig Jahre alt zu werden, ohne verheiratet zu sein. Nach Jahren mit Kerlen, die auf Abzeichen standen, oder Kerlen, die davor wegliefen, hatte sie endlich einen Antrag angenommen – nur um die Verlobung drei Monate später wieder zu lösen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass ihr zukünftiger Ehemann sie mit ihrer besten Freundin betrog. In Liebesangelegenheiten war sie eine Stümperin.

»Grace«, flüsterte sie eindringlich. »Warum sollte Bill so etwas tun?«

»Eine anbere«, sagte Grace. »Anbere Brau.«

»Eine andere Frau? Bist du sicher?«

Ein weiteres verzerrtes Lächeln. »Uh … Brau … weib …«

Alex glaubte ihr. Während ihrer Verlobungszeit mit Peter Hodges hatte ihr eine Art sechster Sinn gesagt, dass irgendetwas in ihrer Beziehung nicht stimmte. Lange bevor es einen deutlichen Hinweis gegeben hatte, war ihr bewusst gewesen, dass Peter sie betrog. Sie hatte es einfach gewusst. Hätte sie den gleichen Instinkt in Bezug auf gewöhnliche Verbrechen gehabt, wäre ihre Karriere viel glanzvoller verlaufen.

»Wenn Bill mit einer anderen Frau zusammen sein will, warum lässt er sich nicht einfach von dir scheiden?«, fragte sie.

»Gelb … Bummerben … Würbe Biw Miwonen kobten, bib scheiden bu labben … bünb Miwonen bebimb …«

Alex lehnte sich ungläubig zurück. Sie hatte gewusst, dass Bill seit einer Reihe von Jahren erfolgreich war, doch sie hatte nicht geahnt, dass er richtiggehend reich geworden war. Warum in Gottes Namen unterrichtete Grace dann immer noch in einer Grundschule? Weil sie es gerne tut, beantwortete sie die Frage selbst. Weil sie ohne Arbeit nicht leben kann.

Grace hatte die Augen geschlossen, offensichtlich erschöpft. »Bag … Mom … Ib biebe bie«, sagte sie. »Bag ihr … ib warte aub bie … im Himmeb …« Das Lächeln animierte erneut die lebendige Hälfte ihres Gesichts. »Wenn ib eb … schabbe …«

»Du hast es geschafft, Liebes«, sagte Alex und ballte die freie Hand zur Faust, die sie sich vor die Lippen presste.

»Nun sieh sich das einer an, Dr. Andrews!«, dröhnte Bill Fennells Stimme. »Sie sieht aus, als könnte sie jeden Moment aufstehen und aus dem Bett springen!«

Grace riss die Augen auf und schien vor ihrem Mann zu schrumpfen. Es sah aus, als benutzte sie Alex als Schild. Das Entsetzen in ihren Augen tat Alex in der Seele weh, doch es versetzte sie auch in höchste Verteidigungsbereitschaft. Sie erhob sich und versperrte Bill den Weg ans Krankenbett.

»Ich denke, es ist besser, wenn du nicht reinkommst«, sagte sie und starrte ihrem Schwager kalt in die Augen.

Bills Unterkiefer sank herab. Er sah an Alex vorbei zu Grace, die sich im Bett zu ducken schien. »Was redest du da?«, fragte er wütend. »Was soll das bedeuten? Hast du Grace irgendwas über mich erzählt?«

Alex blickte zu Dr. Andrews, die verwirrt dreinschaute. »Nein. Eher im Gegenteil, fürchte ich.«

Bill schüttelte in augenscheinlicher Verwirrung den Kopf. »Ich verstehe nicht …«

Alex suchte in seinen braunen Augen nach einer Spur von Schuld. Graces Ängste und Anschuldigungen waren wahrscheinlich das Produkt der Halluzinationen einer sterbenden Frau, doch es gab keinen Zweifel, was die Echtheit ihres Entsetzens anging. »Du bringst sie durcheinander, Bill, das siehst du doch. Du solltest nach unten gehen und auf Jamie warten.«

»Ich werde unter gar keinen Umständen von der Bettseite meiner Frau weichen!«, dröhnte er. »Nicht, wenn es aussieht, als könnte sie …«

»Was?«, fragte Alex mit einem herausfordernden Unterton. »Als könnte sie was, Bill?«

Er senkte die Stimme. »Als könnte sie …«

Alex blickte Dr. Andrews an.

Die Neurologin trat zu Bill. »Vielleicht sollten wir Grace und ihrer Schwester noch ein bisschen mehr Zeit allein lassen.«

»Versuchen Sie nicht, mich auf diese Weise zu beschwichtigen!«, sagte Bill aufgebracht. »Ich bin Graces Ehemann, und ich entscheide, wer …«

»Sie ist mein Blut«, sagte Alex mit unumstößlicher Überzeugung. »Deine Anwesenheit hier bringt sie durcheinander, und nichts anderes zählt. Wir müssen sie so ruhig wie möglich halten. Ist es nicht so, Dr. Andrews?«

»Absolut.« Meredith Andrews ging um Alex herum und blickte auf ihre Patientin hinunter. »Grace, können Sie mich verstehen?«

»Ja.«

»Möchten Sie Ihren Mann bei sich hier im Zimmer haben?«

Grace schüttelte langsam den Kopf. »Ib … wibb … mein … Baby … Wibb Jamie …«

Dr. Andrews blickte zu Bill Fennell auf, der sie überragte. »Das ist eindeutig. Ich möchte, dass Sie das Abteil verlassen, Mr. Fennell.«

Bill trat dicht vor die Neurologin, und seine Augen blitzten vor Wut. »Ich weiß nicht, wer Sie zu sein glauben, dass Sie in diesem Ton mit mir reden … oder ob Sie wissen, wen Sie vor sich haben. Ich habe dieser Universität eine Menge Geld gegeben. Sehr viel Geld. Und ich …«

»Zwingen Sie mich nicht, den Sicherheitsdienst zu rufen«, sagte Dr. Andrews leise und nahm den Telefonhörer neben Graces Bett auf.

Bills Gesicht wurde weiß. Alex empfand beinahe Mitleid mit ihm. Die Macht war eindeutig auf die Seite von Dr. Andrews übergewechselt. Trotzdem schien Bill sich nicht zum Gehen durchringen zu können. Er sah aus wie ein Schauspieler auf einem DVD-Spielfilm, nachdem man die Pause-Taste gedrückt hatte, dachte Alex, als der Alarm losging.

»Sie hat einen Anfall!«, rief Dr. Andrews durch die Tür, doch es wäre unnötig gewesen. Die Krankenschwestern kamen bereits aus ihrem Raum gerannt. Alex sprang hastig aus dem Weg, und einen Moment später folgte Bill ihrem Beispiel.

»Herzstillstand«, sagte Dr. Andrews und riss eine Schublade auf.

Weil es eine Intensivstation war, gab es keinen Notfall-Wagen. Alles war bereits vor Ort. In dem zuvor ruhigen Abteil brach von einer Sekunde zur anderen hektische Betriebsamkeit aus, alles mit einem einzigen Ziel – das Leben zu erhalten, das so rasch aus dem Körper im Bett zu weichen drohte.

»Sie müssen nach draußen«, sagte ein massiger Pfleger, der hinter Dr. Andrews stand. »Alle beide.«

Dr. Andrews blickte kurz auf und sah Alex in die Augen; dann wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Alex wich langsam aus dem Abteil zurück, während sie hilflos zusehen musste, wie sich der letzte Akt im Leben ihrer Schwester abspielte, ohne dass sie etwas tun konnte. Lächerliche Gewissensbisse machten ihr zu schaffen, weil sie sich für ein Jurastudium anstelle einer medizinischen Ausbildung entschieden hatte. Doch was, wenn sie Ärztin geworden wäre? Sie würde dreitausend Kilometer weit von Mississippi entfernt praktizieren, und das Ergebnis wäre das gleiche gewesen. Das Schicksal ihrer Schwester lag in Gottes Händen, und Alex wusste, wie gleichgültig dieser Gott manchmal sein konnte.

Sie wandte sich ab, weg vom Abteil, weg von Bill Fennell, und sah zum Schwesternzimmer, wo Reihen von Monitoren unablässig summten und blinkten. Wie können sie sich nur auf all diese Bildschirme gleichzeitig konzentrieren?, fragte sie sich und rief sich in Erinnerung, wie schwierig es war, mehrere Schirme im Auge zu behalten, wenn das FBI eine Observation mit Überwachungskameras eingerichtet hatte. Während sie darüber nachdachte, hörte sie Dr. Andrews sagen: »Nichts mehr zu machen, Leute. Todeszeitpunkt zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig.«

Schock ist eine eigenartige Sache, dachte Alex. Wie an dem Tag, als sie niedergeschossen worden war. Grober Schrot und ein halbes Pfund Glas waren durch ihre rechte Gesichtshälfte gefetzt, und doch hatte sie nichts gespürt außer einer Hitzewelle, als hätte jemand neben ihr eine Ofenklappe geöffnet.

Todeszeitpunkt zweiundzwanzig Uhr neunundzwanzig.

Irgendetwas in Alex’ Brust begann sich zu lösen, doch bevor es ganz hervorbrechen konnte, hörte sie einen kleinen Jungen fragen: »Ist meine Mom da drin?«

Sie drehte sich zu der großen Holztür um, die den Eingang beschirmte, und sah einen keinen Jungen davor stehen. Er war hochrot im Gesicht, als wäre er die ganze Strecke gerannt, von wo immer er gekommen war. Er gab sich alle Mühe, tapfer dreinzublicken, doch Alex erkannte die Angst in seinen großen grünen Augen.

»Tante Alex?«, fragte Jamie, als er Alex in der Menge der Pfleger und Ärzte entdeckte.

Hinter Alex ertönte Bills dröhnende Stimme. »Hallo, Sohn. Wo ist Tante Jean?«

»Tante Jean ist zu langsam!«, antwortete Jamie zornig.

»Komm her zu mir, Junge.«

Alex drehte sich um und sah in das strenge Gesicht ihres Schwagers, und das, was sich in ihr zu lösen angefangen hatte, brach sich endgültig Bahn. Ohne einen weiteren Gedanken rannte sie zu Jamie, riss ihn zu sich hoch und stürzte durch die Tür nach draußen, weg von diesem herzzerreißenden Alptraum. Weg von seiner gestorbenen Mutter.

Weg von Bill Fennell.

Weg …

2

Fünf Wochen später

Dr. Chris Shepard nahm einen braunen Hefter von dem Aktenhalter an der Tür von Untersuchungszimmer vier und überflog rasch den Inhalt. Er kannte den Namen der Patientin nicht, und das war für sich genommen ungewöhnlich. Chris hatte eine große Praxis, doch es war eine kleine Stadt, und es gefiel ihm so, wie es war.

Der Name der Patientin war Alexandra Morse, und ihre Akte enthielt lediglich eine medizinische Geschichte – die lange Form, wie sie alle neuen Patienten bei ihrem ersten Besuch ausfüllen mussten. Chris blickte den Korridor entlang und sah seine Sprechstundenhilfe Holly von ihrer Station ins Röntgenzimmer gehen. Er rief ihr hinterher und winkte sie zu sich. Sie sagte irgendetwas in das Zimmer; dann eilte sie herbei.

»Kommen Sie nicht mit ins Behandlungszimmer?«, fragte er leise. »Es ist eine Patientin.«

Holly schüttelte den Kopf. »Sie hat gebeten, allein mit Ihnen zu reden.«

»Eine neue Patientin?«

»Ja. Ich wollte schon vorher etwas sagen, aber wir haben mit Mr. Seward so viel zu tun …«

Chris nickte an der Tür und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Was hat sie für ein Problem?«

Holly zuckte die Schultern. »Wenn ich das wüsste. Ihr Name ist Alex. Sie ist dreißig Jahre alt und in Topform, sieht man von den Narben im Gesicht ab.«

»Narben?«

»Auf der rechten Seite. Wange, Ohr, Augenbereich … Mit dem Kopf durch eine Scheibe, wenn ich raten soll.«

»In ihrer Akte steht nichts von einem Autounfall.«

»Nach der Farbe der Narben zu urteilen, liegt die Sache erst ein paar Monate zurück.«

Chris entfernte sich von der Tür, und Holly folgte ihm. »Sie hat keine Beschwerden genannt?«

Die Sprechstundenhilfe schüttelte den Kopf. »Nein. Und Sie wissen, dass ich gefragt habe.«

»Oh Mann.«

Holly nickte wissend. Eine Frau, die allein in die Sprechstunde kam und sich weigerte, mit jemand anderem als dem Arzt über ihre Beschwerden zu sprechen, bedeutete in der Regel, dass es sich um ein sexuelles Problem handelte, meist eine Geschlechtskrankheit oder die Angst vor einer möglichen Ansteckung. Natchez, Mississippi, war eine kleine Stadt, und die Sprechstundenhilfen schwatzten genauso viel und gern wie die restliche Einwohnerschaft. Und die meisten Ärzte in dieser Stadt sind noch schlimmere Klatschbasen als ihre Angestellten, sinnierte Chris.

»Auf ihrer Karte steht, sie kommt aus Charlotte, North Carolina«, bemerkte er. »Hat sie Ihnen erzählt, was sie in Natchez macht?«

»Sie hat mir überhaupt nichts erzählt, Doc«, antwortete Holly mit einer Andeutung von Pikiertheit. »Möchten Sie jetzt, dass ich die Röntgenserie von Mr. Sewards Unterleib schieße, bevor er sich auf dem Tisch entleert?«

»Entschuldigung. Machen Sie weiter.«

Holly zwinkerte ihm zu. »Viel Vergnügen mit Miss Scarface.«

Chris schüttelte den Kopf, machte eine ernste Miene und betrat das Untersuchungszimmer.

Eine Frau in einem navyblauen Rock und einem cremefarbenen Top stand neben der Untersuchungsliege. Beim Anblick ihres Gesichts zuckte Chris zusammen, obwohl er im Verlauf seiner medizinischen Ausbildung viele ähnliche Verletzungen gesehen hatte. Die Narben der Frau waren nicht allzu schlimm. Es waren ihre Jugend und ihre Attraktivität, die sie so hervortreten ließen.

»Hallo, Dr. Shepard«, sagte die Frau und blickte ihn an.

»Miss Morse?«, erwiderte er und erinnerte sich daran, dass sie ihrer Akte zufolge unverheiratet war.

Sie lächelte ihn freundlich an, doch sonst sagte sie nichts.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Chris.

Die Frau schwieg weiter, doch er spürte, wie sie ihn eingehend musterte. Chris studierte die Frau seinerseits, während er versuchte, den Grund ihres Kommens zu erraten. Sie besaß dunkles Haar, grüne Augen und ein ovales Gesicht, das sich nicht sehr von dem Dutzender anderer Frauen unterschied, die er Tag für Tag in seiner Praxis sah. Eine etwas bessere Knochenstruktur vielleicht, insbesondere die Wangenknochen. Doch der eigentliche, der wirkliche Unterschied waren die Narben – und eine Strähne grauer Haare direkt darüber, die nicht so aussah, als wäre sie gefärbt. Ansonsten sah Alex Morse wie jeder, andere junge Frau im einheimischen Fitnessstudio aus. Dennoch gab es irgendetwas an ihr, das Chris nicht genau zu beschreiben vermochte, etwas, das sie von anderen Frauen unterschied. Vielleicht war es die Art und Weise, wie sie vor ihm stand.

Er legte die Akte hinter sich auf den Tisch. »Vielleicht sollten Sie mir einfach erzählen, was für ein Problem Sie haben«, begann er. »Ganz gleich, wie erschreckend es Ihnen erscheinen mag – ich verspreche Ihnen, ich habe es in dieser Praxis schon viele Mal gehört, und gemeinsam können wir etwas deswegen tun. Die Leute fühlen sich in der Regel besser, wenn sie über diese Dinge gesprochen haben.«

»Was ich Ihnen sagen werde, Doktor, haben Sie bestimmt noch nie gehört«, erwiderte Alex Morse mit Bestimmtheit. »Weder in dieser Praxis noch außerhalb, das verspreche ich Ihnen.«

Die Überzeugung in ihrer Stimme beunruhigte ihn, doch er hatte keine Zeit für Spielchen. Er sah demonstrativ auf seine Uhr. »Miss Morse, wenn ich Ihnen helfen soll, müssen Sie mir schon verraten, was für ein Problem Sie haben.«

»Es ist nicht mein Problem«, sagte die Frau. »Es ist Ihres.«

Noch während Chris verwirrt die Stirn runzelte, griff die Frau in eine kleine Handtasche hinter sich auf dem Stuhl und brachte ein Etui zum Vorschein. Sie klappte es auf und hielt es ihm hin, damit er es betrachten konnte. Er sah einen Ausweis mit einem blau-weißen Siegel. Er schaute genauer hin. Fette Buchstaben auf der rechten Seite des Ausweises bildeten das Wort FBI. Sein Magen krampfte sich zusammen. Links von den drei Buchstaben stand in kleinerer Schrift Special Agent Alex Morse. Dazu ein Foto der Frau, die vor ihm stand. Auf dem Foto lächelte Spezialagentin Morse, doch die Frau vor ihm lächelte nicht.

»Ich muss über ein paar vertrauliche Dinge mit Ihnen sprechen«, sagte sie. »Es wird nicht lange dauern. Ich habe vorgegeben, als Patientin zu Ihnen zu kommen, weil niemand in Ihrem Umfeld erfahren soll, dass Sie mit einer FBI-Agentin gesprochen haben. Bevor ich gehe, sollten Sie mir ein Rezept für Levaquin ausstellen. Sagen Sie Ihrer Sprechstundenhilfe, dass ich eine Harnwegsinfektion habe. Sagen Sie ihr, die Symptome wären so offensichtlich gewesen, dass Sie keine Urinprobe analysieren mussten. In Ordnung?«

Chris war zu überrascht, um eine bewusste Entscheidung zu fällen. »Sicher«, sagte er. »Aber was hat das zu bedeuten? Ermitteln Sie in einem Fall? Ermitteln Sie gegen mich?«

»Nicht gegen Sie.«

»Jemanden, den ich kenne?«

Agentin Morse blickte ihm fest in die Augen. »Ja.«

»Wen?«

»Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen. Vielleicht sage ich es Ihnen am Ende dieser Unterhaltung. Zuerst jedoch möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine kurze Geschichte. Wollen Sie sich setzen, Doktor?«

Chris setzte sich auf den Hocker, den er in seinem Untersuchungszimmer für gewöhnlich benutzte. »Kommen Sie wirklich aus North Carolina? Oder ist das nur Tarnung?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Sie sprechen wie eine Yankee, aber darunter höre ich einen Mississippi-Dialekt.«

Agentin Morse lächelte – oder schenkte ihm zumindest etwas, das ein Lächeln darstellen sollte, indem sie die straffen Lippen ein wenig verzog. »Sie haben gute Ohren, Doktor. Ich bin in Jackson aufgewachsen. Heute lebe und arbeite ich jedoch in Charlotte, North Carolina.«

Er war froh, dass sie seine Vermutung bestätigte. »Bitte fahren Sie fort, Miss Morse.«

Sie setzte sich auf den Stuhl, auf dem ihre Handtasche gestanden hatte, schlug die Beine übereinander und musterte ihn kühl. »Vor fünf Wochen starb meine Schwester an einer Hirnblutung. Im University Hospital in Jackson.«

»Das tut mir leid.«

Agentin Morse nickte, als wäre sie über den Verlust hinweg, doch in ihren Augen bemerkte Chris zurückgehaltene Emotionen. »Ihr Tod kam plötzlich und unerwartet. Doch bevor sie starb, sagte sie etwas zu mir, das in meinen Ohren verrückt klang.«

»Was?«

»Sie sagte, dass sie ermordet wurde.«

Er war nicht sicher, ob er richtig verstanden hatte. »Sie meinen, sie hat Ihnen erzählt, jemand hätte sie umgebracht?«

»Ganz genau. Und zwar ihr Ehemann.«

Chris dachte für ein paar Sekunden nach. »Was hat die Autopsie ergeben?«

»Ein tödliches Blutgerinnsel in der linken Gehirnhälfte, in der Nähe des Hirnstamms.«

»Litt Ihre Schwester an einer Krankheit, die einen Hirnschlag wahrscheinlich gemacht hätte? Diabetes beispielsweise?«

»Nein.«

»Nahm Ihre Schwester eine Antibabypille?«

»Ja.«

»Das könnte das Gerinnsel verursacht oder zu seiner Bildung beigetragen haben. Hat sie geraucht?«

»Nein. Die Sache ist, die Autopsie ergab keine unnatürliche Ursache für den Hirnschlag. Keine Drogen, keine Gifte, nichts dergleichen.«

»Hat der Mann Ihrer Schwester sich gegen die Autopsie gesträubt?«

Agentin Morse bedachte ihn mit einem anerkennenden Blick. »Nein, hat er nicht.«

»Und Sie haben ihr trotzdem geglaubt? Sie haben tatsächlich geglaubt, ihr Mann könnte Ihre Schwester ermordet haben?«

»Zuerst nicht. Zuerst dachte ich, dass sie unter Halluzinationen leidet. Doch dann …« Agentin Morse wandte zum ersten Mal den Blick von Chris ab, und er warf seinerseits einen verstohlenen Blick auf ihre Narben. Definitiv Schnittwunden, verursacht durch Glas. Doch die punktförmige Verteilung deutete auf etwas anderes hin. Kleinkalibrige Kugeln vielleicht?

»Agentin Morse?«, fragte er.

»Ich habe die Stadt nicht gleich verlassen«, sagte sie, indem sie sich wieder auf ihn konzentrierte. »Ich blieb noch zur Beerdigung. In diesen drei Tagen habe ich viel über das nachgedacht, was Grace mir gesagt hatte. Das ist der Name meiner Schwester, Grace. Sie hat mir erzählt, dass sie glaubt, ihr Mann hätte eine Affäre. Er ist ein wohlhabender Mann – sehr viel reicher, als ich dachte –, und Grace vermutete, dass er etwas mit einer anderen Frau hatte. Sie glaubte, dass er sie lieber umbrachte, als die Summe zu zahlen, die ihn eine Scheidung gekostet hätte. Und auch, um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn zu bekommen.«

Chris dachte über ihre Worte nach. »Ich bin sicher, dass Frauen bereits mehr als einmal aus diesem Grund gemordet haben«, sagte er. »Männer auch, nehme ich an.«

»Absolut. Selbst ganz normale Menschen räumen ein, Mordgedanken zu hegen, wenn sie eine Scheidung durchleben. Wie dem auch sei … nach Graces Begräbnis sagte ich ihrem Mann, dass ich nach Charlotte zurückkehren würde.«

»Aber das haben Sie nicht getan.«

»Nein.«

»Und? Hatte er eine Affäre?«

»Ja. Und Graces Tod hat ihn nicht im Mindesten gelähmt. Ganz im Gegenteil.«

»Sprechen Sie weiter.«

»Nennen wir den Ehemann von Grace für den Moment Bill. Nachdem ich herausfand, dass Bill eine Affäre hatte, stellte ich ihn zur Rede. Ich benutzte die Ressourcen des FBI, um ihn zu durchleuchten. Sein Privatleben, sein Geschäft … Ich weiß inzwischen fast alles, was es über Bill zu wissen gibt. Bis auf die eine Sache, die ich beweisen muss. Ich weiß weitaus mehr, als meine Schwester über ihn wusste, und ich weiß eine Menge mehr, als seine Geliebte über ihn weiß. Beispielsweise fand ich bei der Überprüfung seiner Geschäftsunterlagen heraus, dass er eine komplexe Verbindung zu einem Anwalt aus der Gegend pflegt.«

»Einem Anwalt aus Natchez?«, fragte Chris und versuchte sich vorzustellen, was für eine Verbindung das sein mochte. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ärzten der Gegend hatte er mehrere Freunde in Natchez, die Anwälte waren.

»Nein, nicht in Natchez. Dieser Anwalt praktiziert in Jackson.«

»Ich verstehe. Bitte fahren Sie fort.«

»Bill ist Stadtentwickler. Er baut das neue Eishockey-Stadion dort draußen. Die meisten Anwälte, mit denen er zu tun hat, haben sich auf Immobilientransaktionen spezialisiert, wie nicht anders zu erwarten. Doch dieser Anwalt ist anders.«

»Inwiefern?«

»Seine Spezialität ist Familienrecht.«

»Scheidungen?«, fragte Chris.

»Ganz genau. Obwohl er auch ein wenig mit Immobilien zu tun hat. Trusts, Testamente und so weiter.«

»Hat ›Bill‹ diesen Anwalt aufgesucht, weil er sich von Ihrer Schwester scheiden lassen wollte?«

Agentin Morse rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Chris hatte den Eindruck, dass sie aufspringen und auf und ab laufen wollte, doch es war nicht genügend Raum im Behandlungszimmer, wie er aus eigener Erfahrung wusste. Er spürte außerdem, dass sie versuchte, ihre Nervosität zu verbergen.

»Ich kann es nicht beweisen«, sagte sie. »Noch nicht. Doch ich bin sicher, dass es so war. Das Merkwürdige an der Geschichte ist, es gibt keinerlei Hinweis auf einen Kontakt zwischen Bill und diesem Scheidungsanwalt bis etwa eine Woche nach dem Tod meiner Schwester. Erst dann kamen die beiden miteinander ins Geschäft.«

Chris brannten gleich mehrere Fragen auf der Zunge, doch ihm wurde plötzlich bewusst, dass im Wartezimmer Patienten auf ihn warteten. »Diese Geschichte ist faszinierend, Agentin Morse, doch ich sehe nicht, was das alles mit mir zu tun hat.«

»Das werden Sie.«

»Ich muss Sie bitten, sich zu beeilen, Agentin Morse, oder wir müssen unser Gespräch verschieben. Ich habe Patienten, die auf mich warten.«

Sie musterte ihn mit einem Blick, der zu besagen schien: Glauben Sie bloß nicht, dass Sie hier die Kontrolle haben. »Nachdem ich die Verbindung zwischen Bill und diesem Scheidungsanwalt gefunden hatte«, fuhr sie fort, »weitete ich meine Ermittlungen aus. Ich entdeckte ein schier unglaubliches Netz von Geschäftsverbindungen. Ich kenne mich ein wenig aus mit Scheinfirmen, Dr. Shepard. Ich habe meine FBI-Laufbahn in Südflorida begonnen, und ich habe dort eine ganze Menge Geldwäschefälle bearbeitet.«

Chris dankte insgeheim seinen Sternen, dass er zu viel Angst gehabt hatte, um Ja zu sagen zu den verschiedenen »Freunden«, die ihm angeboten hatten, Geld für ihn auf den Kaiman-Inseln zu investieren.

»Dieser Scheidungsanwalt hat seine Finger in so gut wie jedem nur erdenklichen Geschäft«, fuhr Agentin Morse fort. »Hauptsächlich handelt es sich um Partnerschaften mit verschiedenen, äußerst wohlhabenden Individuen in Mississippi.«

Das war keine Überraschung für Chris. »Ist es denn merkwürdig, wenn ein reicher Anwalt – ich nehme an, dass er reich ist – in eine Vielzahl unterschiedlicher Geschäfte investiert?«

»Nicht für sich genommen, keineswegs. Doch all seine Aktivitäten nahmen ihren Anfang vor ungefähr fünf Jahren. Und nachdem ich mir diese Geschäfte genau angesehen hatte, vermochte ich nicht den kleinsten Grund zu erkennen, warum der Anwalt mit diesen Geschäften in Berührung gekommen sein sollte. Man könnte glatt denken, dass es Mauscheleien unter Familienangehörigen sind. Nur, dass der Anwalt nicht mit den fraglichen Parteien verwandt und auch nicht mit ihnen verschwägert ist. In einigen Fällen agierte er als Berater, doch längst nicht in allen.«

Chris nickte und warf einen weiteren verstohlenen Blick auf seine Uhr. »Ich verstehe. Aber worauf wollen Sie hinaus?«

Agentin Morse blickte ihn intensiv an. So intensiv, dass er sich unbehaglich fühlte. »Neun der Individuen, mit denen dieser Scheidungsanwalt geschäftlich verbunden ist, besitzen eine gemeinsame Eigenschaft.«

»Was denn? Sind alle Patienten von mir?«

Morse schüttelte den Kopf. »Jedes von ihnen hat einen Ehepartner, der überraschend irgendwann in den letzten paar Jahren verstorben ist. In mehreren Fällen ein relativ junger Partner obendrein.«

Während Chris diese Information verdaute, spürte er ein eigenartiges Frösteln, eine Mischung aus Aufregung und erwachender Furcht. Er sagte nichts, während er sich bemühte, das zu verdauen, was sie ihm erzählte.

»Außerdem starben alle innerhalb eines Zeitraums von weniger als zweieinhalb Jahren«, sagte Agentin Morse.

»Ist das ungewöhnlich?«

»Lassen Sie mich zu Ende berichten. All diese Ehepartner waren weiß, wohlhabend und mit wohlhabenden Partnern verheiratet. Ich kann Ihnen die Zahlen verraten, wenn Sie mögen. Alles weit über dem Durchschnitt.«

Chris war fasziniert von der Zielstrebigkeit und Entschlossenheit der Agentin. »Sie wollen also sagen … Sie denken, dass dieser Scheidungsanwalt seinen potentiellen Klienten hilft, ihre Ehepartner zu ermorden, anstatt ihnen eine Abfindung zu zahlen?«

Die Agentin legte die Hände zusammen und nickte. »Oder vielleicht, um das alleinige Sorgerecht für die Kinder zu erhalten. Ganz genau das.«

»Okay. Aber warum erzählen Sie mir das?«

Zum ersten Mal blickte Agentin Morse unbehaglich drein. »Weil …«, sagte sie schließlich zögernd, »weil vor genau einer Woche Ihre Frau nach Jackson gefahren ist und zwei Stunden im Büro dieses Anwalts verbracht hat.«

Chris’ Unterkiefer sackte herab. Eine Woge der Taubheit ging durch seinen Körper, als hätte ihm jemand eine massive Dosis Lidocain verpasst.

Agentin Morse hatte die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen. »Sie hatten keine Ahnung, ist das richtig?«

Er war zu betäubt, um zu antworten.

»Hatten Sie Probleme in Ihrer Ehe, Doktor?«

»Nein«, sagte Chris schließlich, dankbar, dass er wenigstens dies mit Sicherheit sagen konnte. »Nicht, dass es Sie etwas anginge, Agentin Morse. Aber sehen Sie … wenn meine Frau zu diesem Anwalt gefahren ist, muss es einen anderen Grund als Scheidung dafür geben. Wir haben keinerlei eheliche Probleme.«

Morse lehnte sich zurück. »Und Sie halten es für ausgeschlossen, dass Thora eine Affäre haben könnte?«, fragte sie.

Sein Gesicht wurde weiß, als der Vornamen seiner Frau fiel. »Wollen Sie mir etwa sagen, dass dem so ist?«

»Was, wenn ich es sagte?«

Chris erhob sich unvermittelt und straffte die Schultern. »Ich würde sagen, Sie sind verrückt. Völlig wahnsinnig. Und ich würde Sie aus meinem Büro werfen. Ich würde wissen wollen, was Sie sich einbilden, einfach herzukommen und solche Dinge zu sagen.«

»Beruhigen Sie sich, Dr. Shepard. Sie mögen es im Augenblick vielleicht nicht glauben, doch ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Mir ist bewusst, dass wir über persönliche Angelegenheiten sprechen, sehr intime sogar. Aber das ist nicht neu für Sie, nicht wahr? Das müssen Sie im Rahmen Ihrer Arbeit sehr häufig. Wenn Menschenleben auf dem Spiel stehen, geht die Privatsphäre über Bord.«

Sie hatte vollkommen recht. Viele der Fragen auf seinem Patientenfragebogen waren sehr zudringlich. Wie viele Sexualpartner hatten Sie im Verlauf der letzten fünf Jahre? Sind Sie zufrieden mit Ihrem Sexleben? Chris wandte den Blick von Agentin Morse ab, erhob sich und versuchte, im Zimmer auf und ab zu gehen, in einem Kreis von exakt zweieinhalb Schritten Durchmesser. »Was genau wollen Sie mir sagen? Keine weiteren Spielchen. Spucken Sie’s aus.«

»Ihr Leben ist möglicherweise in Gefahr, Dr. Shepard.«

Chris blieb stehen. »Sie meinen, meine Frau will mich ermorden?«

»Ich fürchte ja.«

»Du meine Güte! Sie müssen den Verstand verloren haben! Ich werde Thora auf der Stelle anrufen und dieser Sache auf den Grund gehen!« Er griff nach dem Telefonhörer.

Agentin Morse erhob sich. »Bitte tun Sie das nicht, Dr. Shepard.«

»Warum nicht?«

»Weil Sie möglicherweise die einzige Person sind, die dabei helfen kann, den- oder diejenigen zu stoppen, die hinter diesen Morden stecken.«

Chris nahm die Hand vom Hörer. »Wieso denn das?«

Agentin Morse holte tief Luft. »Wenn Sie ein Ziel sind – das heißt, wenn Sie letzte Woche zu einem Ziel wurden –, haben Ihre Frau und dieser Scheidungsanwalt keine Ahnung, dass Sie von ihren Aktivitäten wissen.«

»Und?«

»Und das bringt Sie in eine einzigartige Position. Sie können uns dabei helfen, ihnen eine Falle zu stellen.«

»Sie wollen, dass ich Ihnen dabei helfe, meiner Frau eine Falle zu stellen? Damit sie wegen versuchten Mordes verurteilt wird?«

Morse drehte die Handflächen nach oben. »Wollen Sie lieber so tun, als wäre nichts von alledem passiert, und mit sechsunddreißig Jahren sterben?«

Er schloss für einen Moment die Augen, während er versuchte, sein Temperament zu zügeln. »Sie sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht, fürchte ich. Ihre Argumentation ist unlogisch.«

»Inwiefern?«

»Diese Männer, von denen Sie annehmen, sie hätten ihre Frauen ermordet … sie haben das getan, damit sie ihre Vermögen nicht teilen und keine astronomischen Unterhaltszahlungen leisten mussten, richtig?«

»In den meisten Fällen, ja. Doch nicht alle Opfer waren Frauen.«

Chris verlor vorübergehend den Faden und starrte sie an.

»In wenigstens einem Fall«, fuhr Agentin Morse fort, »möglicherweise auch in zweien, ging es um das Sorgerecht für die Kinder und nicht um Geld.«

»Auch damit liegen Sie meilenweit daneben. Thora und ich haben keine Kinder.«

»Ihre Frau hat ein Kind. Einen neunjährigen Sohn.«

Er lächelte. »Sicher. Aber Thora hatte Ben schon, bevor sie Red Simmons geheiratet hat. Sie würde automatisch das Sorgerecht erhalten.«

»Sie haben Ben adoptiert, Dr. Shepard. Was mich zu einem weiteren wichtigen Punkt bringt.«

»Und der wäre?«

»Wie Ihre Frau an ihr Geld gekommen ist.«

Chris lehnte sich zurück und starrte Agentin Morse an. Wie viel wusste sie über seine Frau? Wusste sie, dass Thora die Tochter eines berühmten Chirurgen von der Vanderbilt war, der seine Familie verlassen hatte, als Thora acht Jahre alt gewesen war? Wusste sie, dass Thoras Mutter eine Trinkerin war? Dass Thora wie eine Wildkatze gekämpft hatte, nur um ihre Jugend zu überstehen, und dass es angesichts ihres Hintergrunds eine erstaunliche Leistung war, dass sie die Schwesternschule bestanden hatte?

Wahrscheinlich nicht.

Morse kannte wahrscheinlich nur die Legende, die in der Gegend kursierte. Dass Thora Rayner im St. Catherine’s Hospital gearbeitet hatte, als Red Simmons, ein einheimischer Ölbaron, der neunzehn Jahre älter gewesen war als sie, mit einem Herzinfarkt in die Notaufnahme eingeliefert worden war, dass sie und Red sich während seines Aufenthalts im Krankenhaus nahegekommen waren und sechs Monate später geheiratet hatten. Chris kannte diese Geschichte gut, denn er hatte Red Simmons in den letzten drei Jahren seines Lebens behandelt. Chris hatte Thora als Krankenschwester gekannt, doch er hatte sie in den Jahren nach Reds Herzanfall besser kennen gelernt. Er hatte erfahren, dass Red seine »kleine Wikingerin«, eine Anspielung auf Thoras dänische Herkunft, aufrichtig geliebt hatte und dass Thora eine treue Ehefrau gewesen war, die tiefen Respekt verdient hatte. Als Red vor zweieinhalb Jahren starb, hatte er Thora ein Vermögen von geschätzten sechseinhalb Millionen Dollar hinterlassen. Das war für Natchez eine gewaltige Menge Geld, doch es bedeutete Chris herzlich wenig. Er hatte selbst ein wenig Geld, und er war jung genug, um noch eine ganze Menge mehr zu verdienen.

»Agentin Morse«, sagte er in neutralem Tonfall. »Ich beabsichtige nicht, mit Ihnen über meine Frau zu sprechen. Doch ich sage Ihnen Folgendes: Thora gewinnt oder verliert nichts, wenn wir uns scheiden lassen.«

»Wieso nicht? Sie ist sehr reich.«

»Sie ist reich, zugegeben, doch ich bin es ebenfalls. Ich fing an dem Tag an zu sparen, als ich die ersten Nachtschichten in Notaufnahmen übernahm, und ich habe eine Reihe glücklicher Investitionen getätigt. Doch der eigentliche Punkt ist: Wir haben beide vor unserer Heirat einen Ehevertrag unterschrieben. Im Fall einer Scheidung behält jeder das, was er in die Ehe eingebracht hat.«

Agentin Morse studierte Chris schweigend. »Das habe ich nicht gewusst«, sagte sie schließlich.

Er lächelte. »Tut mir leid, wenn ich ein Loch in Ihre Theorie schlage.«

Morse schien plötzlich in Gedanken versunken, und Chris spürte, dass er für sie in jenem Moment gar nicht da war. Ihr Gesicht war viel knochiger, als er zuerst geglaubt hatte, und von eigenartigen Schatten überzogen.

»Verraten Sie mir eines«, sagte sie unvermittelt. »Was geschieht, wenn einer von Ihnen beiden stirbt?«

Chris dachte über diese Frage nach. »Nun … ich denke, in diesem Fall kommen unsere Testamente zum Zug. Sie haben Vorrang vor dem Ehevertrag. Glaube ich zumindest.«

»Und was steht in Ihrem Testament? Wer ist zukünftiger Nutznießer dieser glücklichen Investitionen, die Sie getätigt haben?«

Chris blickte zu Boden und spürte, wie er rot anlief. »Meine Eltern erben einen hübschen Batzen.«

»Das ist gut. Und wer erbt den Rest?«

Er blickte zu ihr auf. »Thora bekommt alles.«

Morses Augen blitzten triumphierend.

»Aber …«, protestierte Chris.

»Ja?«

»Aber Thora hat Millionen Dollar! Was für einen Sinn hätte es, mich umzubringen, um zwei Millionen dazuzubekommen?«

Morse rieb sich einige Sekunden lang das Kinn; dann blickte sie hinauf zu dem schmalen Fenster hoch oben an der Wand. »Menschen haben für viel weniger Geld gemordet, Dr. Shepard. Für sehr viel weniger.«

»Millionäre?«

»Ich würde es nicht bezweifeln. Abgesehen davon morden Menschen tagtäglich aus anderen Gründen als Geld. Wie gut kennen Sie Ihre Frau? Ihre Psyche, meine ich?«

»Verdammt gut.«

»Gut. Das ist gut.«

Chris begann eine intensive Abneigung gegen Agentin Morse zu entwickeln. »Sie denken, meine Frau hätte ihren ersten Ehemann ermordet, richtig?«

Morse zuckte die Schultern. »Das habe ich nicht gesagt.«

»Das macht keinen Unterschied. Aber Red Simmons war seit vielen Jahren herzkrank.«

»Ja.«

Morses tiefgründige Informationen über die Ereignisse gingen ihm gegen den Strich.

»Abgesehen davon gab es keine Autopsie«, fuhr sie ungerührt fort.

»Dessen bin ich mir bewusst. Sie schlagen nicht vor, dass wir jetzt eine vornehmen, oder?«

Agentin Morse tat die Vorstellung mit einer Handbewegung ab. »Wir würden nichts feststellen. Wer immer hinter diesen Morden steckt, ist zu clever, um einen solchen Fehler zu begehen.«

Chris schnaubte. »Wer ist zu clever, Agentin Morse? Ein professioneller Killer? Ein forensischer Pathologe?«

»Vor ein paar Jahren gab es einen Auftragskiller, der sich genau dieser Art von Arbeit gerühmt hat. Er war ein sehr zurückhaltender Mann mit einem gewaltigen Ego. Er hatte keine richtige medizinische Ausbildung, doch er war ein begeisterter Amateur. Offiziell hat er sich zwischenzeitlich zur Ruhe gesetzt. Wir haben uns an seine Fersen geheftet, um ganz sicher zu sein.«

Chris hielt es nicht länger auf seinem Hocker. Er sprang auf und rief: »Das ist Irrsinn! Was erwarten Sie denn jetzt von mir?«

»Dass Sie uns helfen.«

»Uns? Das ist ungefähr das erste Mal, dass Sie in diesem Gespräch ›uns‹ gesagt haben.«

Alex Morse lächelte. »Ich bin die zuständige Agentin. Wir sind seit dem elften September personell ein wenig schwach besetzt bei dieser Art von Fällen. Alles arbeitet an der Terrorabwehr.«

Chris blickte ihr tief in die Augen. Er sah Aufrichtigkeit darin und Leidenschaft. Doch da war auch noch etwas anderes. Etwas, das sich nicht so sehr von dem unterschied, was er in jenen Patienten fand, die Woche für Woche versuchten, sich Drogen zu erschleichen.

»Mord ist ein Verbrechen, für das die Bundesstaaten zuständig sind, nicht wahr?«, sagte er.

»Das ist richtig. Doch wenn man jemanden ermordet, beraubt man ihn auch seiner Bürgerrechte.«

Chris wusste, was sie damit andeuten wollte. Mehrere Jahrzehnte zurückliegende Mordfälle mit rassistischem Hintergrund waren wieder aufgerollt und zuvor freigesprochene Ku-Klux-Klan-Mitglieder verurteilt worden, weil sie die Bürgerrechte ihrer Opfer verletzt hatten. Und trotzdem … Irgendetwas schien nicht so recht zu stimmen an der Geschichte, die Alexandra Morse ihm erzählt hatte.

»Das erste Opfer, von dem Sie gesprochen haben – falls es sich um Mordopfer handelt –, war Ihre Schwester, richtig? Bedeutet das nicht eine Art Konflikt? Ich zum Beispiel darf keine Familienangehörigen wegen irgendeiner ernsteren Erkrankung behandeln. Sollte nicht jemand anderes wegen des Todes Ihrer Schwester ermitteln und nicht Sie?«

»Offen gestanden, ja. Doch es gibt niemanden sonst, dem ich zutrauen würde, dass er es richtig macht.« Agentin Morse blickte zum ersten Mal auf ihre Uhr. »Wir haben jetzt keine Zeit, um diese Angelegenheit weiter zu vertiefen, Dr. Shepard. Ich werde mich bald wieder mit Ihnen in Verbindung setzen. Ich möchte nicht, dass Sie von Ihrer alltäglichen Routine abweichen, dass es Ihrer Frau oder sonst jemandem auffallen würde.«

»Wem sonst sollte es auffallen?«

»Der Person, die Ihre Ermordung plant, beispielsweise.«

Chris biss sich auf die Lippen. »Wollen Sie damit andeuten, dass jemand mich beobachtet?«

»Ja. Sie und ich dürfen uns nicht gemeinsam in der Öffentlichkeit blicken lassen.«

»Warten Sie! Sie können mir doch nicht so eine Geschichte erzählen und dann mir nichts, dir nichts hinausmarschieren! Geben Sie mir Personenschutz? Werden FBI-Agenten mich bewachen, wenn ich nach draußen gehe?«

»So ist das nicht, Dr. Shepard. Niemand wird versuchen, Sie mit einem Gewehr zu erschießen. Wenn wir die Vergangenheit als Richtschnur nehmen – und das kann man so gut wie immer, denn ein Verbrecher neigt dazu, sich an ein erprobtes Muster zu halten –, wird man Ihren Tod wie einen Unfall aussehen lassen. Sie sollten im Verkehr aufpassen, und Sie sollten nicht irgendwo spazieren gehen oder Joggen oder Radfahren, wo starker Verkehr herrscht. Niemand kann Sie schützen, wenn Sie dort angegriffen werden. Doch am Wichtigsten ist die Frage nach Essen und Trinken. Sie sollten in nächster Zeit nicht mehr zu Hause essen. Nicht einmal Wasser in Flaschen sollten Sie anrühren. Nichts, das Ihre Frau zubereitet oder eingekauft hat.«

»Sie machen Witze.«

»Mir ist bewusst, dass es schwierig sein könnte, doch wir arbeiten daran. Um die Wahrheit zu sagen, ich denke, wir haben ein großzügiges Zeitfenster. Ihre Frau hat sich eben erst mit diesem Anwalt in Verbindung gesetzt, und diese Art von Mord erfordert akribische Planung.«

Chris bemerkte einen hysterischen Unterton in seinem eigenen Lachen. »Das ist ein gewaltiger Trost, Agentin Morse, ganz ehrlich. Ich fühle mich jetzt schon viel sicherer.«

»Hat Ihre Frau Pläne, in nächster Zeit zu verreisen?«

Er schüttelte den Kopf.

»Gut. Das ist ein gutes Zeichen.« Morse nahm ihre Handtasche auf. »Sie schreiben mir jetzt besser dieses Rezept aus.«

»Was?«

»Das Levaquin.«

»Oh. Richtig. Fast hätte ich’s vergessen.« Er nahm einen Block aus der Tasche und schrieb eine Verordnung über das geforderte Antibiotikum aus. »Sie denken auch an alles, wie?«

»Niemand denkt an alles, Dr. Shepard. Seien Sie froh darüber. Eben deshalb schnappen wir die meisten Kriminellen früher oder später. Weil sie dumme Fehler machen. Selbst den Besten unterläuft gelegentlich ein Patzer.«

»Sie haben mir keine Visitenkarte gegeben oder so etwas«, sagte Chris. »Keine Referenzen, die ich überprüfen könnte. Sie haben mir lediglich einen Dienstausweis unter die Nase gehalten, und ich vermag nicht einmal zu sagen, ob er gefälscht ist. Ich will eine Telefonnummer. Irgendetwas.«

Agentin Morse schüttelte den Kopf. »Sie können nicht beim FBI anrufen, Dr. Shepard. Sie dürfen überhaupt nichts tun, das den Killer warnen könnte. Möglicherweise werden Ihre Telefone abgehört, und das schließt Ihr Mobiltelefon mit ein. Das Handy ist sogar am leichtesten zu überwachen.«

Chris starrte sie sekundenlang an. Er wollte sie fragen, woher sie die Narben hatte. »Sie sagten, dass jeder Fehler macht, Agentin Morse. Was ist der schlimmste Fehler, den Sie je begangen haben?«

Die Hand der Frau hob sich langsam zu ihrer rechten Wange. »Ich habe nicht nach rechts und links gesehen, bevor ich gesprungen bin«, sagte sie leise. »Und jemand anderes ist deswegen gestorben.«

»Das tut mir leid. Wer war es?«

Sie schlang sich die Handtasche über die Schulter. »Das ist nicht Ihr Problem, Doktor. Es tut mir leid, dass ich diejenige bin, die Ihr Leben auf den Kopf stellt, glauben Sie mir. Doch würde ich das nicht tun, wären Sie möglicherweise eines Abends zu Bett gegangen und nie wieder aufgewacht.«

Morse nahm das Rezept aus Chris’ Hand und schenkte ihm ein angespanntes Lächeln. »Ich melde mich bald wieder bei Ihnen. Versuchen Sie, die Nerven zu behalten. Und ganz gleich, was Sie sonst noch tun – fragen Sie Ihre Frau nicht, ob sie vorhat, Sie umzubringen.«

Chris starrte Alex Morse hinterher, als sie durch den Korridor in Richtung Wartezimmer ging. Ihre Schritte waren gemessen und selbstsicher. Die Schritte einer Athletin.