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Der spirituelle Roman "Bist Du bereit" handelt vom Leben eines germanischen Kriegers und seinem Schutzengel. Wir begleiten Kilian durch seine verschiedenen Lebensphasen und erfahren dadurch vieles von den Grausamkeiten, den Herausforderungen und der Lebensweise, die ein solches Leben mit sich bringt. Sehen, was er sieht, fühlen, was er fühlt und teilen all seine inneren und äußeren Prüfungen. Zusammen mit Kilian stellen wir uns Fragen zum Krieg und zum Tod und auch zur Liebe. Wir beginnen, das Göttliche zu erfühlen. Der Roman lädt ein, über die Existenz einer unsterblichen Seele zu sinnieren und über deren Bedeutung nachzudenken. Doch nicht nur Kilian schlägt sich mit den Aufgaben seines Lebens herum, auch sein Schutzengel steht unerwartet vor der größten Herausforderung seines Daseins – Ohne, dass er den Zweck seiner eigenen Prüfung entschlüsseln könnte. Durch die ihm überraschend auferlegte Prüfung, ist auch er oft genug in Gefahr, seine Aufgaben zu vernachlässigen. Er kämpft gegen seinen größten Feind, das Ego, an und muss seinerseits intensive innere Kämpfe ausfechten - Verliert diese beizeiten, um sich mit großer Anstrengung erneut seiner Tätigkeit zu widmen.
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Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Danksagung:
Ich danke Richard und Hildegard Birk, die mir dieses Buch lektorierten und dafür viel Mühe investierten.
Ich danke außerdem Thomas Lang, der sich viel Zeit nahm, das Layout, sowie das Cover zu gestalten.
Ich möchte Euch erzählen, wie es zu diesem Roman kam.
Manchmal führe ich Meditationsreisen durch, etwa, um mich zu beruhigen, mich zu erholen, oder auch, um Fragen zu stellen und möglicherweise Antworten zu erhalten.
Einmal also tat ich genau das, ich erhoffte mir eine Antwort zu einer konkreten Frage – nun, diese wurde nicht gegeben, doch sah ich die letzte Szene dieses Buches vor meinem inneren Auge.
Dieses Erlebnis bewegte mich tief – so tief, dass ich das Bild vorerst mit Farben auf eine Leinwand brachte. Es ruhte daraufhin – eine Weile zumindest.
Dann, eine geraume Zeit später, kam mir der Titel in den Sinn. Einfach so, auch ohne, dass ich von dem Titel auf das Gesehene hätte schließen konnte. Doch meiner Intuition vertrauend, spürte ich, dass das Eine mit dem Anderen zu tun haben musste.
Nun gut, dachte ich bei mir, nachdem ich diese Reise ja schon bildnerisch zum Ausdruck gebracht hatte schreibe ich sie eben auch noch kurz auf. Ich meinte damit aber eher, diese Sequenz auf etwa zwei Seiten Papier niederzuschreiben. So begann ich mit dem Titel, ohne dass ich ihn passend fand, in der Annahme, eine Kurzgeschichte wiederzugeben.
Sofort bemerkte ich, wie dieser Roman gänzlich anders begann, als es meiner Vorstellung entsprach, doch hatte ich Gefallen daran und so führte ich diese Aufgabe fort mich jedoch eine lange Zeit darüber wundernd, wie dies nun zu jenem Bild gelangen sollte.
Ich wusste es nicht und es wurde mir zunehmend gleichgültig. So hatte ich den gesamten Roman über eigentlich nur dessen Ende im Kopf. Der Rest der Geschichte war mir so unbekannt, wie er nun Euch ist. Nicht nur das, all das Geschriebene erlebte ich - Ich fühlte das ganze Buch hindurch und löste entsprechende Aufgaben in der materiellen, mich umgebenden Welt. Diese Kongruenz zu meinem Leben ging soweit, dass ich lange überzeugt war, ich könne diese letzte Szene unmöglich zu Papier bringen. So vermutete ich, dass das Buch entweder unendlich werden müsste, oder aber unbeendet auf meinem Laptop gespeichert würde.
Wie ihr sehen könnt, war weder das Eine noch das Andere der Fall, doch der Zeitpunkt, an welchem das Buch sein Ende fand, war äußerst bezeichnend – soviel kann ich sagen.
Auch weiß ich nun um die Bedeutung des Titels - Die Frage war an mich gestellt, womöglich auch an Euch.
Ich hoffe Ihr habt damit eine ähnliche Freude wie ich.
„Bist Du bereit?“
Michael stellte die Frage besorgt, so, als wäre er selbst nicht sicher, ob ich bereit war.
Mich verwunderte das, schließlich hatte ich meine Aufgaben schon sehr lange zu seiner vollsten Zufriedenheit ausgeführt. Nach meinem letzten Auftrag wurde ich sogar von ihm zur Seite genommen und er lobte mich, dass ich für einen Quereinsteiger außerordentlich schnell gelernt hatte. Auch das Intervall, bis er mich wieder rufen ließ, erschien mir recht lange, so dass ich daraus schloss, ich hätte mir diesen Urlaub wohl verdient gehabt. Warum nur schien er so angespannt?
Schon unzählige Leben durfte ich begleiten. Manche wurden vom Schicksal sehr gebeutelt, manche mussten oder durften, obwohl sie noch Babys und Kinder waren, sehr früh zurückkommen. Andere litten über Jahre und Jahrzehnte. Viele konnten mich einfach nicht wahrnehmen.
Nichts davon hatte mich aus der Ruhe gebracht, niemals wurde ich schlampig, oder emotional. Niemals gab ich meinen Schützling auf. Ich hatte immer mein Bestes gegeben.
Auf uns Quereinsteiger wurde immer besonders geachtet, denn wir hatten eine große Bürde zu tragen-
Zumindest zu Beginn unserer Laufbahn. Wir konnten uns schlechter emotional distanzieren, wussten wir doch, wie unsere Schützlinge fühlten. Wir konnten uns erinnern, an körperliche und emotionale Schmerzen. Das war unter Umständen unseren Aufträgen nicht zuträglich und deshalb wurde auf uns ein besonderes Augenmerk gerichtet. Anfangs bekam ich deswegen auch nur sehr leichte Fälle, doch das ist, wie gesagt, sehr lange her.
Irgendwann kam auch bei mir an, dass das Leiden der Menschen kurz ist, im Vergleich zur Ewigkeit, dass die Schmerzen einen tieferen Sinn ergeben und dass der Tod natürlich nicht das Ende der Seele bedeutet.
Sicher, gewusst hatte ich das auch schon beim ersten Gespräch mit Michael, doch bis es tatsächlich in die hinterste Ecke meines Bewusstseins gelangte, brauchte es doch einige Übung.
Das konnte es aber wirklich nicht sein – Michael wusste, dass ich darüber hinaus war.
Oder ging es um das andere Problem, welches nahezu nur bei uns ehemaligen Menschen vorkam. Wir waren es in unseren Menschenleben gewohnt gewesen, unseren eigenen Willen in die Tat umzusetzen und das war manchen von uns zum Verhängnis geworden.
Doch eigentlich wurde nur aufgenommen, wer bereit war, sich bedingungslos unterzuordnen. Diese Sache wurde bis zum Erbrechen geübt und geprüft, bevor wir auch nur einem Fall beiwohnen durften. Selten kam es trotzdem vor, dass jemand ungehorsam war, allerdings vereinzelt sogar bei den Ursprünglichen, also denen, die nie etwas anderes waren.
Ich hatte doch aber niemals auch nur den geringsten Zweifel am großen Plan geäußert, von Ungehorsam gar nicht erst zu sprechen. Nie hatte ich Grund zur Beunruhigung gegeben.
„Du verhältst dich seltsam. Was ist denn los? Natürlich bin ich bereit. Ich hatte lange frei, ich freue mich auf eine neue Aufgabe.“
„Diese wird anders sein, du musst sehr achtsam sein.“
„Warum?“ Ich hatte schon viele schwierige Aufträge, eigentlich die ganze Palette an Möglichkeiten. Es war unsinnig, dies meinem Auftragsgeber gegenüber zu erwähnen, doch ich verstand die Sorge in Michaels Stimme nicht. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, was es auf Erden geben konnte, das mich noch derart herausfordern könnte.
„Es gibt eine Prüfung, die die Ursprünglichen nicht absolvieren müssen, ihr aber sehr wohl.“
Ja, ich hatte Gerüchte darüber gehört, doch es war nicht erlaubt über Prüfungen zu sprechen und die wenigsten riskierten, dabei erwischt zu werden. So konnte ich nun lediglich feststellen, dass das Gerücht keines war.
„Jetzt noch eine Prüfung? Nach so langer Zeit? Welche Art Prüfung?“
„Mehr kann ich dir dazu nicht sagen. Ich wiederhole nur, sei sehr achtsam, bleib bei dir und unseren Grundsätzen treu, vergiss nie deinen unbedingten Gehorsam und sei dir zu jeder Zeit darüber bewusst, was du bist.“
Nun wurde ich doch etwas unruhig. Prüfungen waren in unserem Job immer ernst zu nehmen. Nach wie vor fiel mir nicht einmal eine vage Vermutung ein, welche Art Test dies sein sollte, doch an dessen Ernsthaftigkeit, das wusste ich, ließ sich nicht rütteln.
Gleichzeitig war mir jedoch bewusst, dass ich dieser Prüfung nicht würde entfliehen können. Was half es also, diese aufzuschieben?
„Bist du nun bereit, oder nicht? Ich kann dir ansonsten noch Bedenkzeit geben und du erfüllst einstweilen einen anderen Auftrag.“
„Nein danke, es hilft ja doch nichts und ihr würdet die Prüfung nicht ansetzen, hätte ich keine Chance, sie auch zu bestehen. Also lieber jetzt, als später.“
„So frage ich dich erneut. Bist du bereit?“
Das gehörte zum Protokoll, jede Aufgabe wird so besiegelt. So unterzeichnen wir unsere Verträge.
„Ja, ich bin bereit.“
„Ja hört sie denn sein Schreien nicht? Er hat doch Hunger, das sollte sie wissen, nach den anderen Kindern. „Sch, schhh, ist doch gut Kleiner, alles ist gut, so ist das auf der Welt. Ich weiß, dass das vorerst erschreckend ist, aber ich sehe an deiner Aura, dass du schon oft da warst. Du wirst dich bald wieder daran gewöhnt haben. Wo bleibt sie nur?“
Die Situation machte mich nervös und dass sie mich nervös machte, bereitete mir noch weit mehr Sorgen. Was sollte das? Das war nun wirklich keine außergewöhnliche Begebenheit. Alle Babys schrien, wenn sie Hunger hatten. Dieses wurde zudem in eine Umgebung geboren, in welcher es ihm gut gehen würde. Die Mutter war sehr fürsorglich und seine größeren Geschwister würden sich mit um ihn kümmern. Ich hatte unzählige Babys und Kinder begleitet, welche unter ganz schrecklichen Bedingungen aufwachsen mussten, doch in meinem Amt als Schutzengel wusste ich um die Ewigkeit und um die Relativität der Zeit. Ich wusste um die unsterbliche Seele und darum, dass diese Umstände nur unterstützen sollten auf dem Weg zum göttlichen Universum.
Zudem wurde uns beigebracht, die uns beeinflussenden Emotionen mit unendlichen Übungen unter Kontrolle zu halten.
Die Vorstellung, dass Engel recht kühle Wesen wären, gefällt den wenigsten Menschen und natürlich ist das so auch nicht ganz richtig. Doch es stimmt schon, dass wir keine überbordenden Leidenschaften irgendwelcher Art besitzen, nicht besitzen dürfen. Wir haben die absolute Verpflichtung, den Menschen immer auf dem Pfad seines eigenen göttlichen Plans zu führen, zu halten und unter Umständen zurück zu begleiten. Natürlich geschieht das im Endeffekt mit Liebe, doch mit göttlicher und nicht mit menschlicher Liebe und diese Liebe verliert den größeren Auftrag nicht aus den Augen, egal wie sehr der Mensch leidet.
Um dies aber umsetzen zu können, ist es notwendig eine gewisse Distanz zu wahren. Es wäre ansonsten nicht möglich unseren Job dauerhaft gut zu machen. Ich hatte diese Distanz immer wahren können. Sogar zu Beginn meiner Laufbahn hatte ich keine allzu großen Probleme damit.
„Ich muss mich am Riemen reißen! Ah Gott sei Dank, da kommt ja seine Mutter. Sie wird ihn gleich stillen und er wird beruhigt sein. Zum Glück herrscht Frieden in dieser Gegend zum momentanen Zeitpunkt. Die Männer sind im Dorf und beschützen die Wälder. Es gibt genügend zu essen und die Feuer können ohne Bedenken die ganze Nacht brennen. Optimale Voraussetzungen also für meinen neuen Schützling.“
Was sollten diese Gedanken? Und emotionalen Gefühle? Und überhaupt…
Es brauchte eine Weile bis es mir dämmerte. Dann stelle ich mit Erschrecken fest - Ich fühlte wie ein Mensch! Ja, das war es! Das durfte nicht sein, da war etwas schief gelaufen. Ich konnte unmöglich dieses Leben in diesem Zustand begleiten. Es war ein Ding der Unmöglichkeit!
„Michael! Michael? Michael hilf mir mal kurz! Da stimmt was nicht!“
Er antwortete nicht, das kommt schon vor, nicht oft, aber hin und wieder. Meistens dann, wenn wir rufen, obwohl es nicht notwendig wäre. Doch jetzt war es nötig, bitter nötig sogar.
Kurz streifte mich der Gedanke, ob das wohl schon die Prüfung sein sollte. Doch das wäre absurd, beschloss ich direkt im Anschluss.
Zum einen, weil es unfair wäre, schließlich wusste ich, dass ich meine Emotionen schon lange im Griff hatte - Das hatte ich den Oberen auch schon unzählige Male bewiesen.
Dass es dieses Mal nicht funktionierte, musste ein Fehler sein. Nur die obersten Engel konnten unser Gefühlsleben durcheinanderbringen und das taten sie nur in absoluten Ausnahmefällen und eigentlich auch nur bei den Ursprünglichen.
Dadurch, das diese nie Menschen waren, konnten sie manchmal emotionale Reaktionen ihrer Schützlinge absolut nicht nachvollziehen. So wie wir Quereinsteiger lernen mussten unsere Emotionen unter Kontrolle zu halten, so mussten diese, wenn sie dazu neigten die Menschen wegen ihren Gefühlsregungen zu bewerten, manchmal mit diesem Mittel eines Besseren belehrt werden. Das war eine recht harte Rüge und die meisten empfanden es als eine sehr bittere Konsequenz.
Jemand der die gesamte Ewigkeit noch keine Emotion verspürt hatte, empfindet es fast als Folter, wenn er kurzzeitig einem Gefühl wie etwa der Trauer ausgesetzt wird. Aus diesem Grund kommt es so gut wie nie vor, dass die hohen Engel dieses Mittel anwenden. So oder so ist es aber niemals eine Prüfung.
Somit war ich mir sicher, dass es sich hierbei um ein Versehen handelte. Eine Stimme in mir jedoch gab zu bedenken: „Auch Fehler geschehen selten, äußerst selten. Äußerst, äußerst selten. Hm.“
Aber es musste sich hier trotzdem um einen handeln!
„Michael!!!“
Ich bekam keine Antwort. Nicht zu diesem Zeitpunkt und auch nicht die nächsten Jahre. Zeit wird von uns anders empfunden, doch anhand Kilians Alter konnte ich wissen wie lange ich nun schon in dieser Lage festsaß.
Er hatte gerade seinen zweiten Geburtstag hinter sich, war ein gesunder, aufgeweckter kleiner Kerl und bisher von größeren Einschnitten in seinem Leben verschont geblieben. Sogar seine komplette Familie war noch am Leben, was zu jener Zeit nicht selbstverständlich war. Kein Krieg hatte die schöne Heimat meines Schützlings erreicht und auch Mutter Natur war diesem Volk sehr freundlich gestimmt gewesen.
Wunderbare Voraussetzungen also für ihn und somit eigentlich ebenso für mich. Doch ich war am Ende meiner Kräfte.
Emotional mitfühlen und den Job zufriedenstellend ausführen war eigentlich ein Paradoxon. Eigentlich waren wir dazu da, unsere Schützlinge auf dem Weg ihres persönlichen Plans zu halten, Trost zu spenden in schwierigen Zeiten, vorzeitigen Tod zu verhindern und immer wieder zu versuchen, den Menschen den Zugang zu ihrer eigenen Seele zu vermitteln. Wenn sie dazu in der Lage wären, hätten wir kaum mehr was zu tun, denn an und für sich weiß die Seele jedes einzelnen mehr als wir, auch unsere Seele.
Auch wir Schutzengel sind noch nicht im völligen Eins - So wissen wir zwar mehr als der normale Mensch und natürlich sind für uns manche Geheimnisse entschlüsselt – Doch auch für uns ist die Reise noch lange nicht zu Ende.
Hätte also ein Mensch den Zustand erreicht, der gemeinhin als erleuchtet gilt, könnten wir uns etwas zurücklehnen. An und für sich erstreckt sich unsere Aufgabe dann auf das Verhindern des vorzeitigen Todes und ein wenig darauf, dass unser Schützling den Zugang nicht wieder verliert. Keineswegs ist es nämlich so, dass selbstverständlich wäre, dass diese Menschen diesen Zustand durchgehend halten können. Solange sie sich auf der Erde bewegen, werden die Erdhaftung und die materiellen Geister versuchen, den Menschen ans Niedere zu binden.
So ist es sogar für diese reifen Personen immer wieder ein Kampf, sich diese Geisteshaltung zu bewahren. Je öfter sie jedoch unzählige kleine Schlachten gegen das Ego gewinnen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie dauerhaft zurückgeschleudert werden.
Ein Mensch also, der diesen Zustand verinnerlicht hat, geht automatisch den Weg seines göttlichen Plans, findet den Trost in seiner eigenen Seele und erfühlt im Normalfall sogar oft, wenn ungeplante Gefahr droht.
Eigentlich könnten wir dann gehen, doch wie gesagt, wir müssen weiterhin darauf achten, dass der Pfad nicht verlassen wird und wir sind mit einer Eigenschaft ausgerüstet, welche auch ein Mensch im erleuchteten Zustand nicht hat - Wir können blitzschnell in die Realität eingreifen, wenn Gefahr droht.
Hier saß ich also nun fix und fertig und bekam keine Antwort. Jedes Mal wenn der Kleine weinte, schmerzte meine Seele. Wenn er Hunger hatte und seine Mutter oder die Geschwister zu spät reagierten, wurde ich sauer. War er alleine etwas außerhalb der Hütte unterwegs, bekam ich Angst, ich könne etwa eine unerwartete Gefahr nicht rechtzeitig erkennen.
Wenn schmerzhafte Erfahrungen anstanden, welche aber seine Entwicklung unterstützen sollten, musste ich mich mit aller Gewalt am Riemen reißen, diese nicht zu verhindern.
So musste Kilian mit ansehen, wie sein Großvater sich beim Holzhacken so stark verletzte, dass er vor seinen Augen verblutete. Mein Kleiner war dann über Stunden verwirrt und mit dem Leichnam alleine, bis andere Dorfbewohner ihn dort fanden.
Ich war außer mir, es zerriss mir das Herz. Ich begann anzuzweifeln, ob das mit dem göttlichen Plan wirklich so umgesetzt werden müsse und war sauer mit den Oberen, solche grausamen Situationen zuzulassen. Ich war mir sicher, dass der Mensch auch ganz sanft lernen könnte. So etwas als Engel zu denken war gefährlich, aber ich konnte es nicht verhindern.
Ich sendete all meine Liebe in meinen Schützling und redete beruhigend auf ihn ein und hätte ich Tränen gehabt, ich hätte lauthals mit ihm mit geweint. Kinder nehmen uns meist noch weit besser wahr, doch ich hätte Kilian in jener Situation, wie in vielen anderen, auch gerne physisch in den Arm genommen.
Ich liebte dieses Kind.
Wir besitzen zwar immer die göttliche Liebe für unsere Schützlinge, doch das hier war menschliche und göttliche Liebe zugleich.
Es konnte so nicht weitergehen. Doch wenn nicht so, wie dann?
Nachdem mir Michael und auch die anderen höheren Engel nicht antworten wollten, war ich recht hilflos. Natürlich konnte ich mich mit anderen Schutzengeln unterhalten, doch ich bezweifelte, dass diese Rat hätten.
Ich suchte nach Hinweisen in meinen längst verschütteten, menschlichen Erinnerungen. Doch was sollte mir das bringen? Ich wusste ja, dass das, womit ich es zu tun hatte, Emotionen waren. Natürlich hatte ich diese als Mensch gehabt. Und selbstverständlich konnte ich mal besser, mal schlechter mit diesen Gefühlsregungen leben.
Doch damals waren es wenigstens nur meine Gefühle, ich hatte nicht noch zusätzlich eine Dauerverbindung zu jemand anderem. Wobei – Waren da nicht vage schemenhafte Ahnungen? Irgendetwas war angeklungen, als ich diesen Satz dachte. Das war seltsam, aber ich konnte mich beim besten Willen nicht an dieses Leben oder die Gegebenheiten erinnern. Selbst wenn ich es könnte, würde das ja nicht mein Problem lösen. Nicht direkt zumindest.
Ein wenig halfen die Gedanken an meine Menschenzeit trotzdem, denn zumindest wusste ich, dass es möglich sein konnte, diese Empfindungen einigermaßen in geregelte Bahnen zu lenken. Zumindest musste ich das wohl geschafft haben, bevor ich den Kreislauf der Reinkarnationen durchbrochen hatte.
Wenn ich es schon einmal überwunden hatte, dann würde mir das auch ein zweites Mal gelingen.
So versuchte ich, wann immer meine menschlichen Gefühle mich zu überrumpeln drohten, meinen Geist auf das Göttliche zu richten. Das hatte damals geholfen und es half mir auch jetzt. Es gab mir schlicht immer wieder die Sicherheit, dass alles was passierte, schon seine Richtigkeit haben musste, egal was es in Kilian oder mir auslöste. Schwer war es dennoch, denn diese lästigen Empfindungen waren schließlich nach wie vor vorhanden.
Meine andere Strategie war, diese anstrengende Bindung positiv zu sehen und ich beschloss, mich diesem für mich so besonderen Schützling eben auch entsprechend zu widmen.
Wenn wir annahmen, und im Prinzip war das für mich weniger eine Annahme als ein Faktum, dass nichts zufällig geschah, musste es für diese Konstellation einen Grund geben. Es war bestimmt von Vorteil, aufzuhören gegen etwas anzukämpfen, wenn man keine Chance hatte, zu gewinnen. Besser war es, die Gegebenheiten zu akzeptieren und das Positivste herauszuholen. Solange ich meinen Auftrag nicht vernachlässigte, sollte das wohl in Ordnung sein und da mir ja nach wie vor niemand antwortete, blieb mir ohnehin nichts anderes übrig.
Auch schien seitens des Kleinen ein Unterschied zu früheren Schützlingen vorhanden zu sein. Er war noch ein Kind und aus diesem Grund ohnehin sensibler für unsere Energien. Doch Kilian reagierte manchmal regelrecht, als würde er mich physisch wahrnehmen.
Manchmal unterhielt er sich in seiner kindlichen Sprache lange mit mir und ignorierte dafür sogar menschliche Spielgefährten. Oft sah er mir direkt in die Augen und lächelte mich an. Solcherlei Dinge kommen bei Kindern vor, doch bei ihm verhielt es sich ungewöhnlich auffällig.
Vielleicht war diese Verbundenheit nicht nur einseitig wahrnehmbar - Oder aber ich projizierte meine eigenen Empfindungen, überlegte ich wiederholt.
Ich wusste es nicht, das galt es wohl abzuwarten. Normalerweise verlieren Kinder spätestens mit zwölf bis vierzehn Jahren den direkten Zugang in unsere Welt. Meist schon mit etwa zehn.
So arrangierte ich mich mit der Angelegenheit und konnte mit einigem Energieaufwand auch eine einigermaßen passable emotionale Distanz erreichen. Zumindest insoweit, als dass ich nicht bei jedem drohenden Bienenstich in die Realitäten eingreifen wollte.
Kilian war mittlerweile acht Jahre und ein starker, gesunder und ausgeglichener Junge. Etwas ruhig vielleicht, aber das störte niemanden.
Die Männer des Stammes führten ihn bereits in die Jagd ein und brachten ihm die Grundlagen des Kämpfens bei. Kilian war, was das anging, sehr wissbegierig und übte fleißig.
Am liebsten hätte er seinen Vater und die restlichen Männer schon auf ihren Jagd- und Kriegszügen begleitet, doch dafür musste er noch ungefähr vier Jahre warten. Gott sei Dank.
Schon bei den Übungen mit den Waffen war ich regelmäßig angespannt bis zum Äußersten, jede Wunde die er sich dabei zuzog versetzte mich in Unruhe.
Doch insgesamt wahrte ich meine Ausgeglichenheit und nach wie vor unterhielten wir uns ausgezeichnet.
Wenn wir alleine waren, redete er manchmal sogar laut mit mir - Eine wirklich erstaunliche Begebenheit. Ich hoffte, ich war nicht zu präsent.
Manchmal fragte ich mich nämlich, ob er deshalb kaum tiefere Kontakte zu anderen Kindern pflegte. Doch es war sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen, schließlich konnte ich es weder ändern, noch hätte ich sicher sein können, dass es nicht genau so zu sein hatte.
Michael antwortete mir nach wie vor nicht und langsam aber sicher war ich bereit einzusehen, dass das weniger ein Fehler, als vielmehr eine sehr große Prüfung war.
Den Hintergrund derselben verstand ich allerdings nach wie vor nicht. Schließlich wurde hier etwas getestet, was so nicht vorkam, also auf natürlichem Wege. Ich meine, warum mich mit künstlichen Emotionen versetzen, noch dazu für so lange, obwohl ich noch nicht einmal ein ursprünglicher Engel war? Ich hatte als Mensch lange genug Zeit gehabt, mich damit herumzuschlagen. Es war, als würden sie mich einfach nur ärgern wollen und manchmal machte mich das zornig.
Obschon es natürlich weder sinnvoll war, noch gutgeheißen wurde, Gottes Pläne allzu sehr in Frage zu stellen.
So zog weiter Zeit ins Land und ich gewöhnte mich an den Zustand.
Es bereitete mir nicht mehr so immense Schwierigkeiten bei Gefahren oder Schmerzen ruhig zu bleiben, zudem begann ich den außergewöhnlichen Kontakt zu Kilian zu genießen.
Eigentlich, so fand ich, sollte die Prüfung nun schön langsam als bestanden angesehen und meine Aufgabe beendet sein. Das meinte ich durchaus ernst, doch spürte ich auch eine Wehmut in mir aufsteigen, bei dem Gedanken meinen Schützling verlassen zu müssen. Nichts Anderes würde es schließlich bedeuten. Es war ohnehin unwahrscheinlich, dass das geschehen würde. Ein Wechsel der Schutzengel wurde nur in absoluten Ausnahmen genehmigt und Kilians Tod stand wahrscheinlich noch nicht bevor.
Abgesehen davon natürlich, dass ich zu diesem Fall, wie es schien, ohnehin keine Hilfe bekam, vertraute ich darauf, dass dieser Zustand nicht bis zu Kilians Tod andauern würde. Alles andere wäre schließlich fahrlässig, meiner Meinung nach, und ich dachte nicht, dass die Erzengel solche Gefahren eingehen würden. Denn ewig würde ich das nicht durchstehen können, ohne Fehler zu machen.
So begleitete ich Kilian, wie er die Schafe hütete und über die Felder wanderte. Ich war da, als seine Mutter im Kindbett verstarb und in dem Jahr, in welchem er, wie die restliche Sippe, Hunger leiden musste, da die Ernte nicht ausreichte.
Schon mit zehn Jahren übernahm er viel Verantwortung für seine Geschwister und den kleinen Hof. Sein Vater befand sich meist mit den anderen Männern auf der Jagd oder in Kriegszügen mit anderen Stämmen.
Noch immer befanden wir uns in einem außergewöhnlichen Kontakt, so konnte ich ihm sehr gut beistehen und dafür sorgen, dass er sein Gottvertrauen behielt.
Natürlich darf man sich diese Gespräche keineswegs vorstellen, wie die verbale Kommunikation unter den Menschen. Deshalb ist sie auch hier mit Wörtern nur zu umschreiben. So funktioniert dieser Kontakt eher darüber, dass Gefühle, Bilder, Ahnungen oder Zeichen auftauchen, welche dann wiederum durch den menschlichen Geist in Worte umgewandelt werden können und auf diese Weise entsprechend wirken. So entstehen dann „Zufälle“, Begegnungen, oder hilfreiche Gedankengänge. Das sind dann wir, oder der direkte Kontakt zur eigenen Seele.
Natürlich, sprechen wir simultan dazu in der Sprache des jeweiligen Schützlings, doch die Worte erreichen den Geist über einen ähnlichen Weg, wie es die eigenen Gedanken tun.
Bei Kilian musste ich keine große Anstrengung aufbringen, damit er mich wahrnahm, sondern meine Aufforderungen schienen direkt in seinem Geist anzukommen - Ohne große Umwege.
Das war eine sehr große Entlastung innerhalb dieser schwierigen Prüfung. Was hab ich mich bei anderen Schützlingen oft abgemüht, damit sie Lösungswege oder Trost fanden. Wie verrückt musste ich oft auf und ab wirbeln, damit sie beispielsweise ihren von Trauer gesenkten Kopf hoben, um einen Lösungsansatz in einem Zeichen zu erkennen.
War Kilian aber ab und zu ein Schaf entwischt und ich bewegte mich nur auf die Seite, auf welcher er danach zu suchen hatte, bewegte er sich ohne Umschweife dorthin. Signalisierte ich ihm zu welcher Person er vertrauen haben konnte, tat er das ungeachtet der Fassade dieser Person. Das war äußerst praktisch und auf diese Weise unterhielten wir uns wunderbar.
Natürlich weiß auch jede Seele alles und zu jedem Zeitpunkt, doch der menschliche Verstand ist nicht dazu gedacht diesen Zugriff komplett zu erfassen, auch unserer nicht völlig, was das angeht.
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Als Kilian zwölf war, wurde er als junger Krieger aufgenommen in einem Zusammenschluss, welcher aus verschiedenen Stämmen bestand.
Die Männer seines Dorfes hatten ihm diesen Weg ans Herz gelegt, nachdem er schon sehr früh Interesse gezeigt hatte. Kilian war unsäglich stolz, voller Begeisterung und Vorfreude - Ich hingegen verlor die hart erkämpfte Ruhe.
So viele Krieger hatte ich schon begleitet und so oft musste ich erleben, was die Gewalt den Seelen antat, wenn nicht der Glaube und die Liebe stärker waren.
Und selbst wenn dies der Fall war, so war es für jede dieser Seelen eine immense Prüfung. Zudem waren wir in diesen Kriegen wesentlich öfter gezwungen in die Realitäten einzugreifen. So kam es bei Schlachten doch manchmal zu Ausnahmen, bei denen durch den menschlichen Willen der Zeitpunkt des Todes durcheinandergebracht wurde und das musste von uns unter allen Umständen verhindert werden. Trotzdem geschah es und wir mussten für das sorgen, was ihr Wunder nennt. So etwas funktionierte nicht immer und war unsäglich anstrengend für uns.
Doch in Kilians Fall ging es mir nicht darum, dass Krieger als Schützlinge immer anstrengend für uns sind. Nein, ich hatte alle menschlichen Ängste, die durch diesen Schritt ausgelöst werden konnten.
Ich wollte ihn unter allen Umständen davon abhalten und ein- oder zweimal versuchte ich genau das sogar. Wir spüren unsere Führung jedoch wesentlich deutlicher, als der Mensch unsere. Es ist uns nahezu unmöglich dem Plan zuwider zu handeln - Ich fing mir deshalb auch zwei sehr deutliche Rügen von oben ein, als Kilian tatsächlich verwirrt überlegte, ob er nicht doch bei den Schafen bleiben sollte.
Er spürte wohl, dass das nicht sein Weg war, aber ich hatte so stark auf ihn eingewirkt, dass er es zumindest in Erwägung gezogen hatte. Oh das durfte ich nicht, ich wusste das und hatte auch ein fürchterlich schlechtes Gewissen, doch mir riss es bei der Vorstellung, Kilian in einer Schlacht zu sehen das Herz aus der Brust.
Mir blieb erneut nichts anderes übrig, als meine Mitte zu suchen und darauf zu vertrauen, dass alles seine Richtigkeit hatte.
So sah ich seine Übungen mit dem Schwert, seinen Umgang mit der Axt, ich sah ihn Freundschaften entwickeln zu Kameraden und Übungsschlachten austragen.
Trotz der harten Ausbildung war Kilians Begeisterung ungebrochen, obwohl viele seiner Freunde jammerten und Heimweh hatten, obwohl das Essen nicht dasselbe war, wie das bei seiner Sippe und er seine Geschwister vermisste. Ich sah ein, dass er dafür geboren war, genau das zu tun und akzeptierte langsam, dass ich da mit all meinen Gefühlen mit durch würde müssen. Doch nach wie vor bereitete mir diese Gewissheit unglaubliche Angst.
Ein Schutzengel mit Angst, das konnte ja was werden. Ich war schon ganz bunt.
Hört sich lustiger an, als es war. Nun wurde auch für alle anderen Schutzengel sichtbar, wie es um mich stand. Es kam natürlich auch schon bei anderen vor, dass sich ihr Energiekörper verfärbte.
So wie die menschliche Aura sich durch starke Emotionen verändert, geschieht das auch bei uns. Nicht bei den Originalen, die besitzen, soweit ich aufgeklärt bin, immer das reine Weiß. Bei uns anderen entstehen schon hin und wieder sehr zarte Färbungen, gänzlich legen wir unseren menschlichen Ursprung schließlich nicht ab.
Doch was sich bei mir abspielte, hatte mit zarten Farben nichts mehr zu tun und zusätzlich zu meinen unangebrachten Gefühlen wurde ich deshalb auch noch angestarrt. Ich war sehr froh, wenn sich Kilian von den anderen Jungen zurückzog, nur so konnte ich schließlich meinen Kollegen entgehen.
Als einige Wochen ins Land gezogen waren, schaffte ich erneut mit immenser Anstrengung, meinen Energiekörper zu reinigen und mich auf meine Aufgabe und meine Mitte zu besinnen. Ich versuchte mich zu beruhigen in dem Glauben, dass schon alles genau so sein müsse.
Manchmal jedoch zweifelte ich nach wie vor ausgerechnet daran und fragte mich, ob den Erzengeln nicht doch ein Fehler unterlaufen war. Doch solange ich hier war, würde ich wohl keine Antwort darauf bekommen und als Engel ist es noch mehr als bei Menschen fatal, den Glauben zu verlieren. Was könnten wir für Unheil anrichten.
Kilian hingegen wurde immer sicherer in seiner Aufgabe, kämpfte mit ruhiger Hand, mit Mut und Verstand. Seine Begeisterung für das Kriegshandwerk war echt und ungebrochen.
Jedoch begann er zu ahnen, dass diese Begeisterung nicht zu Mordlust werden dürfe, dass sein Talent nicht missbraucht werden sollte für niedere Taten. Ihm schwante, dass es schwierig werden könnte, gleichzeitig seinem Anführer zu gehorchen, ohne damit sich selbst zu verleugnen.
Ich ahnte das nicht nur, ich wusste es. In wenigen Berufen ist die Gratwanderung eine solch gefährliche wie in diesem. Ich hatte schon oft die inneren Kämpfe erlebt, die den äußeren vorausgehen oder aber folgen. Einerseits, das Empfinden, diesen Weg gehen zu müssen, andererseits, ihn mit gutem Herzen zu gehen. Keinen falschen Leidenschaften zu erliegen, oder Hass aufzubauen. Ihn zu gehen, ohne dass das Töten zu Gier, die gegnerischen Krieger zu persönlichen Feinden werden. Die Zweifel, die auftauchen - Ob der Weg dann insgesamt falsch sei.
Die immer wiederkehrende Frage, ob das Töten eines anderen Menschen jemals vor Gott zu rechtfertigen ist. Die ständige Angst und Gewalt.
Dieser Kreislauf der Gedanken und Emotionen führt oft dazu, dass sich die Krieger unwürdig fühlen, jemals wieder mit ihrer Seele und dem Göttlichen in Einklang zu kommen.
Um aus dem unerträglichen Strudel der Schuld wieder aufzutauchen, beginnen sie oftmals, ohne Gefühle weiterzukämpfen. Sie beginnen an Gott zu zweifeln und selbst wenn sie weiter an ihn glauben, so fällt es ihnen zunehmend schwer, darauf zu vertrauen, dass auch sie weiterhin geliebt sind. Sie vergessen, dass auch sie Fehler machen dürfen, dass Ihnen verziehen wird, sobald sie bereit dazu sind.
Oft beginnt stattdessen der erste Schritt auf dem Weg, an dem die Krieger ihr Herz verleugnen. Der Schritt, der es uns immer schwieriger macht, unsere Schützlinge zu erreichen. Es ist eine so verständliche Reaktion und doch so traurig.
Krieger sind genauso gute oder schlechte, genauso geliebte Menschen, wie es auch alle anderen sind. Sie erhalten dieselbe allumfassende Liebe wie Priester oder Priesterinnen, wie Druiden oder Hirten, doch wird ihnen die Richtigkeit ihrer Bestimmung durch die Mitmenschen sehr viel weniger gespiegelt.
Mal mehr, mal weniger, je nach Epoche, doch selten geschieht es, dass ein Krieger als das bezeichnet wird, was Menschen als reinen, hohen Geist bezeichnen und doch ist es genauso möglich, wie bei jeder anderen Tätigkeit auch. Jeder Weg ist mit Gott zu gehen und jedem können dabei Fehler unterlaufen und jedem kann verziehen werden.
Nun, Kilian beschlich hin und wieder eine vage Vermutung der Herausforderung, vor der er stand. Oft beobachtete er Männer, die von Schlachten zurückkehrten, oft fiel ihm die Veränderung auf. Viele Krieger waren nicht mehr dieselben wie die, die loszogen die Feinde zu besiegen. Es gab welche, die lauthals ihre Heldengeschichten erzählten, viele die sich oft betranken und manche, die gar nichts sagten oder sich gänzlich zurückzogen. Doch um alle wehte die Atmosphäre einer unsäglichen Last, ungeachtet der unterschiedlichen Herangehensweisen.
Bis auf wenige Ausnahmen, sehr wenige. Er sah, dass es Männer gab, welche ebenfalls verändert zurückkamen, doch schienen sie anders zu leiden - Sie waren bedächtiger als zuvor, weiser, doch ungebrochen in ihrem Lebensmut. Sie prahlten nicht über ihre Taten und sie verurteilten nicht ihre Feinde. Diese verbrachten Zeit in Gesellschaft um zu lachen, zu trinken und sich zu unterhalten. Doch oft sah man sie auch, wie sie sich an einen ruhigen Ort zurückzogen, um zu schnitzen, ihre Waffen zu ordnen oder einfach, um nachzudenken. Diese Krieger waren fast immer bereit, Fragen zu beantworten und machten sich nicht lustig über die jungen Kameraden. Sie hetzten sie nicht mit Heldengeschichten auf oder versuchten im Gegenteil, sie zu ängstigen.
Oft waren sie die besten und geduldigsten Lehrer. Kilian wollte gerne wissen, wie dieser Unterschied zustande kam. Er hoffte, später einer dieser Wenigen zu werden. Ich hoffte mit ihm.
Kilian war vierzehn, als er den Befehl bekam, mit den anderen in seine erste Schlacht fortzuziehen. Mittlerweile war er fest verankert in der Gesellschaft der jungen Krieger, hatte Freundschaften geschlossen und seine Kunst die Waffen zu führen war herausragend.
Berauscht vom Gefühl der Gemeinschaft, vom hohen Ziel der Mission überzeugt und voller Ungeduld nun endlich seiner Bestimmung zu folgen, machte er sich daran, seine Dinge zu packen.
Das erste Mal seit Beginn seiner Ausbildung musste ich mich erneut beherrschen, meine Empfindungen zu ordnen und mit innerer Ruhe dem Geschehen seinen Lauf zu lassen.
Es fiel mir unsäglich schwer und eine große Traurigkeit beschlich mich beim Gedanken, er könne sich durch die kommende Gewalt von sich entfernen. Denn nach wie vor war die Verbindung zu seiner Seele und zu mir bemerkenswert. Nach wie vor schien er sich mühelos mit mir zu unterhalten, befolgte Zeichen, ging seiner Intuition nach oder besann sich auf Gott, wenn er Rat brauchte.
In Zukunft würde ihm diese Fähigkeit nützlicher sein als die strenge Ausbildung, sein Talent die Waffen zu gebrauchen und seine gute Gesamtkonstitution miteinander.
Ich war in höchster Alarmbereitschaft - Kriege und Schlachten stellten wie erwähnt auch für uns immer eine große Herausforderung dar. Wir mussten extrem aufpassen, um vorzeitigen Tod zu verhindern. Durch die Ausnahmesituation der beteiligten Menschen kam es zudem immer wieder zu immensen und oftmals rasanten Entwicklungsschritten in deren persönlicher Spiritualität. Diese konnten dann wiederum dazu führen, dass ihr jeweiliger Plan sehr kurzfristig geändert wurde. Manche wurden plötzlich als bereit befunden, dieses Leben zu beenden, andere, welche eigentlich den Tod hätten finden sollen, mussten plötzlich überleben.
So gesehen waren diese Situationen für uns schon seit jeher immer wieder kleine Prüfungen, in welchen wir höchst aufmerksam sein mussten, unsere eigene Führung permanent präsent haben sollten und diese wiederum deutlicher als normal an unsere Schützlinge weiter zu geben hatten.
Dies war schon emotionslos ein anstrengendes Unterfangen, doch ich mit meinen starken Gefühlen, welche ich für Kilian empfand, sah es als reinste Zumutung.
Nach tagelangen Märschen und unbequemen Nachtlagern näherten sie sich nun unaufhaltsam dem Feind.
Mein Astralkörper nahm eine Mischung aus orangerot und dunkelbraun an und am liebsten hätte ich Kilian aufs deutlichste suggerieren wollen, hinter dem nächsten Felsen Schutz zu suchen und die Schlacht an sich vorüberziehen zu lassen. Ich hatte solche Angst um ihn, dass es kaum auszuhalten war. Nein, alles in mir weigerte sich, meine und seine Führung als richtig anzusehen. Ich mochte meine Befehle nicht weitergeben.
„Was ist denn mit Dir los?“ Der verständnislose Blick eines Kollegen begleitete die Aussage. „Siehst Du denn nicht, wohin das führt? Sie werden ihn womöglich töten! Er verliert seinen Lebensmut, seine Unschuld, seinen Glauben!“
„So wie die meisten hier.“ war die neutrale Antwort. „Erlebst du das das erste Mal? Du wirkst erfahrener - eigentlich. Und was soll das Orange?“
„Nein, natürlich erlebe ich das nicht zum ersten Mal!“ Platzte es aus mir heraus. „Woher sonst wüsste ich um die Gefahren für seine Seele?“ Am liebsten hätte ich geflucht, so außer mir war ich. „Und das Orange..das Orange...ich kann mir das auch nicht erklären! Mit mir redet ja keiner von den Oberen mehr! Frag du doch bei den Erzengeln nach! Ja, ich fühle wie ein Mensch für diesen Jungen! Zufrieden?“ Ich war außer mir.
„Nicht gut das Ganze. Sieh zu, dass du den Plan nicht verlässt.“ Sprach er unbeeindruckt und folgte seinem eigenen jungen Schützling. Hätte ich weinen können, hätte ich aus tiefster Verzweiflung alle Angst und Sorge laut heraus geweint. Stattdessen führte ich Kilian resigniert fügsam in seinen ersten Kampf.
Ich sah seinen feinstofflichen Körper die Farben wechseln in dem Takt, in dem die freudige Erwartung Unsicherheit wich, und letztendlich zu Angst wurde. Eine künstlich aufgebaute Wut versuchte sich dagegen zu stellen, Entschlossenheit mischte sich darunter.
Oh Gott, diese Angst zu sehen! Nein, ich mochte es nicht sehen, wehrte mich, seine Gefühle und meine zu empfinden! Ich betete, ich flehte Michael an!
Gleichzeitig trieb ich Kilian voran, immer weiter auf das grausame Schlachtfeld zu. Eine stille, traurige Wut auf Gott überkam mich, obwohl ich wusste, wie unangebracht diese grundsätzlich war.
Auch er betete. Kilian fing an, sich auf die Götter zu konzentrieren. Das war gut - sehr gut für ihn und auch mir half es ein wenig, mich wieder meiner Aufgabe zu widmen. Wieder und wieder sagte ich ihm: „Ich bin ja da, ich bin bei Dir. Ich bin bei Dir. Gott ist bei Dir. Ich bin doch hier.“
Wie sehr wünschte ich mir, ich hätte Hände aus Fleisch und Blut, ihn zu streicheln, einen Mund um seine Stirn zu küssen. Worte, ihn zu beruhigen. Ich hatte weder das eine, noch das andere.
Trotzdem schien er mich nach wie vor in dem Wust an Emotionen zu finden. Gottseidank. Unter den verschiedensten Färbungen aus schwarz und rot, unter seiner Angst, sah ich das helle, goldgelbe strahlende Weiß, welches ihn mit Gott verband, mit seiner Seele, mit mir. Er war noch bei sich.
Rings um mich wimmelte es von Kämpfern, welche nur noch ihren Emotionen ausgeliefert waren, begleitet von Schutzengeln, die unaufhörlich versuchten den Kontakt zu halten oder wiederherzustellen. Darunter viele, die schon über längere Zeit vergeblich versuchten, ihre Schützlinge zu erreichen.
Wenige Meter vor uns stürzten die ersten Männer zu Boden, Waffen klirrten, Männer brüllten oder heulten und stöhnten - Der Boden färbte sich rot, Seelen wurden abgeholt, Geister erschienen. Bekannte Eindrücke für mich – eigentlich.
Kilian umklammerte seine Axt mit der einen, den Schild mit der anderen Hand. Unkontrolliert hieb er um sich, sah nur noch Arme mit Waffen und Gesichter, die wie Fratzen auf ihn stürzten.
In Panik schlug er wild um sich. Kurz schien es, als würde er seine Intuition verlieren.
„Ruhig, ruhig. Beruhige dich Kilian, keine Angst, du wirst nicht sterben, ich wüsste das“ versuchte ich ihn so eindringlich und trotzdem besonnen zu erreichen. „ Ich bin bei dir, du kannst das besser.“ Tatsächlich hielt er kurz inne, atmete tief ein und führte den Kampf weiter - Mit ruhigerer Hand und bedachteren Bewegungen. Er kämpfte und schien sich immer besser in dem Getümmel zurechtzufinden, Stunde um Stunde.
Kilian stieß an die Grenzen seiner Kräfte, immer wieder kurz davor, in einem unkonzentrierten Moment dem Gegner die Gelegenheit zu bieten, den vorzeitigen Tod herbeizurufen. Immer schwieriger wurde es, ihm die Zeichen in den winzigen Zeitfenstern spürbar zu machen, wann der Blick nach rechts, der Arm nach oben oder der Körper ausweichen musste.
Kurz vor Ende dieser Schlacht meinte er, zusammenzubrechen. Er blickte mich direkt an, so intensiv, dass ich meinte, ich wäre für ihn sichtbar.
„ Bist du noch da?“ Er sprach mich an!
Das hatte ich in einer solchen Direktheit noch niemals erlebt. Es kam freilich vor, dass wir angesprochen wurden, doch eher ins Leere gesprochen, als Gebet oder als unpersönlicher Adressat. Er aber sah mir in meine Augen und sprach zu mir, als wäre ich ein anderer Mensch. Noch überwältigt von dieser Gegebenheit, besann ich mich so schnell es ging. „Natürlich bin ich das! Ich bin immer da. Immer! Halte durch, gleich hast du es überstanden.“
Er sammelte erneut seinen letzten Rest an Energie und beendete seine erste Schlacht auf diesem von toten Kameraden und Feinden übersäten roten Feld, umhüllt von fadem Grau, wie die meisten Überlebenden.
Langsam begab sich Kilian zum naheliegenden Wald. Verschwitzt, blass und mit einigen weniger schweren Verletzungen, Prellungen und kleinen Wunden. Er lehnte sich an eine große Eiche, zitterte und übergab sich. Es brach mir das Herz, an dessen Stelle sich mein Geistkörper braunzusammenballte. Leise versuchte ich, ihn zu erreichen, ihm zu zeigen, dass ich da war, ihn aufzubauen. Doch es ist sehr schwierig, Menschen in einer solchen Gefühlslage zu erreichen. Das Grau zu durchdringen ist ähnlich anstrengend, als probierte man ohne Werkzeug durch eine dicke Eisschicht zu gelangen.
Obwohl es für mich ja offensichtlich war, dass er mich nicht physisch wahrnehmen konnte, hörte ich nicht auf, ihn in den Arm zu nehmen und auf ihn einzureden. „Ich bin doch da, “ sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.
Als sich seine Übelkeit und sein Pulsschlag beruhigt hatten, trottete Kilian langsam in das Lager zurück, in welches sich schon die meisten anderen Krieger zurückgezogen hatten. Er holte sich saubere Kleidung und wusch sich am nahegelegenen Bach.
Noch immer umgeben von diesem hoffnungslosen Grau. Er sollte zu seinen Kameraden zurückkehren, dachte ich. Ich hatte gesehen, dass auch sein bester Freund überlebt und keinen größeren physischen Schaden davongetragen hatte.
Zwar war ich im Allgemeinen eher davon angetan, dass Kilian in der Lage war, seine Probleme alleine mit sich auszumachen, doch schien es mir in diesem Falle hilfreich, wenn er sich mit den anderen Jungen zusammensetzen würde, im Bewusstsein, dass sie gerade dasselbe erlebt hatten.
Als im Grau eine kleine Spur schmutziges Gelb zum Vorschein kam, versuchte ich deshalb so deutlich wie möglich, ihm zu suggerieren, seinen treuen Freund aufzusuchen. Mehrmals dachte er darüber nach, um dann doch wieder in der starren Resignation zu verharren. Ohne klaren Gedanken und ohne Strategie, das Erlebte zu verarbeiten. Zum Glück war ich, wo ich plötzlich akzeptiert hatte, dass er dieses Leben nun einmal zu führen hatte, sehr gut bei mir.
Ich gab mein Bestes, diese erste Erfahrung der grausamen Realität des Krieges in die positivsten Bahnen zu lenken, welche mir möglich schienen. Ich konnte mich gut distanzieren und besann mich auf die unzähligen Male in welchen ich sehr viele Männer und so manche Frau auf diesem Weg begleitet hatte.
Die Vorgehensweisen der Menschen und die Vor- und Nachteile der jeweiligen Verarbeitungsmethode. Je mehr Erinnerungen ich abrief, desto deutlicher drängte es mich, Kilian zu seinen Kameraden zu lotsen. Die Gemeinschaft war in vielen Fällen die einzige Rettung, das Grau wieder zu verlassen. Die stille Übereinkunft der Krieger, ein gemeinsames Erlebnis ohne Wertung einzelner Handlungen hinzunehmen. Gemeinsam schweigend ins Feuer zu starren, im Wissen, dass man nicht alleine war mit der Last.
Natürlich gab es einige Ausnahmen. Männer die lauthals über Einzelne herzogen, die besserwisserisch ihre eigenen Kampfmethoden darstellten, aggressiv das vergangene Kampfgeschehen kritisierten und schon Strategien für die nächste Schlacht austauschten.
Doch im Großen und Ganzen ging es in den Lagern vorerst meist ruhig zu. Dort konnten die positiveren Männer, das Grau welches andere umgab, immer ein wenig relativieren.
Es gab auch Zeitphasen und Konstellationen, welche so ungünstig waren, dass die Gemeinschaft mehr zerstörte als half, doch in dieser Gruppe waren recht gute Voraussetzungen gegeben. Durch längere kampffreie Phasen und einige gute Anführer ergab sich ein recht gutes Netz, gerade für die noch unerfahrenen jungen Männer.
Als Kilian bei seinem Zelt ankam, um seine benützten, zerrissenen und dürftig gereinigten Klamotten abzulegen, begegnete er Arvid, seinem besten Freund.
Mit ihm zusammen hatte er die Ausbildung genossen. Viele Abende hatten sie geredet, den einen oder anderen Kummer oder Ärger geteilt – Manchmal einfach nur lange am Feuer gesessen. Sie hatten zusammen die ersten Schwertkämpfe erprobt und schon einige fröhliche Momente zusammen erlebt.
Nun würden sie auch dieses einschneidende Erlebnis teilen. Indem sie beide den Blick kurz hoben begrüßten sie einander, um sich dann schweigend nebeneinander her zur Essensstelle zu begeben.
Es ist für uns immer wieder erstaunlich, welch unterschätzte Macht Menschen aufeinander haben. Im Positiven wie im Negativen. Schon diese stille Geste der Anwesenheit einer vertrauten Person, ohne ein einziges Wort, wirkte so beruhigend, dass zarte blaue und hellorangene Streifen das Grau durchbrachen. Sowohl bei Kilian, als auch bei Arvid.
Wir zwei Schutzengel blickten uns erleichtert an. Die erste Hürde war genommen.
Es kam nämlich immer wieder vor, dass die erste Schlacht einen jungen Krieger so sehr mitnahm, dass sein Schutzengel keinerlei Chancen hatte, diesen je wieder aus dem Grau herauszuholen.
Selbst für Menschen deren auferlegter Weg der eines Kriegers war, war die erste Schlacht oft wegweisend und der Umgang mit dem Erlebten eine Voraussetzung für die folgenden Kämpfe.
Wir führten die beiden zu einer Stelle am Feuer, an welcher sich einer der Anführer aufhielt, dem die Beiden vertrauten. Einem Mann, dessen Aura nur schwache Spuren der Schlacht zeigte. Einem der wenigen, welche in der Lage waren, ganz Mensch zu bleiben. Der Mut und Besonnenheit aufwies, Strenge und Mitgefühl und welcher selten von niederen Gefühlen überwältigt wurde. Diese niederen Mächte, die dazu führen konnten, die eigenen Männer in Gefahr zu bringen, oder dazu, aus Rache und Wut Frauen gegnerischer Stämme zu vergewaltigen. Einer dieser Menschen, welche immer versuchten ihr Bestes zu geben und die sich bemühten, so reinen Herzens wie möglich zu bleiben.
Gebhard war einer dieser Menschen und in seiner Nähe wollte ich Kilian wissen. Auch dort wurde nicht viel geredet an diesem Abend und auch Gebhard nickte den beiden nur zu. Doch mit seinem Blick drückte er all sein Mitgefühl und all sein Wissen über die Schwere der Situation aus. Sogar Stolz über die Leistungen der Beiden vermochte er allein mit seinen Augen mitzuteilen. Er übermittelte ihnen nonverbal so deutlich seine Zuneigung, dass sich Kilians Aura auf eine Weise färbte, wie es ansonsten nur vorkommt, wenn ein Vater seine Kinder umarmt. Still drückte Gebhard Kilian sein großes Trinkhorn in die Hand, welcher es nach zwei Schlucken an Arvid weiterreichte.
Mehr als ihn in diese Runde geleiten konnte ich an jenem Tag nicht tun. Jedoch wusste ich, dass mit seinem Freund an der Seite und Gebhard in der Nähe, die größtmögliche Geborgenheit herrschte, welche nach einem solchen Erlebnis geschaffen werden konnte.
Mein Gemüt beruhigte sich zusehends. Durfte ich doch feststellen, dass ich Kilian trotz all dieser tiefen Gefühle, auch dann gut führen konnte, wenn es darauf ankam. Dass wir auch in diesen Ausnahmesituationen gut aufeinander abgestimmt waren.
Natürlich war es für mich schwieriger als je zuvor, einen klaren Kopf zu bewahren, dafür aber reagierte Kilian nach wie vor prompt wie ein Kind auf meine Eingebungen.
Ich glaubte, wir könnten das Ganze gut meistern und ich gewöhnte mich an die Idee, ihn nun als Krieger durchs Leben zu geleiten.
Er wiederum erholte sich physisch, psychisch und seelisch von seiner ersten Schlacht. Arvid und Kilian sprachen insgesamt wieder mehr - Wenn auch nicht viel über die Schlacht.
Sie teilten sich ihr Zelt und die ersten Nächte mit starken Albträumen, welche sie untereinander in stiller Übereinkunft unkommentiert ließen.
Ich nicht allerdings, auch Träume gehörten schließlich zu unserem Aufgabengebiet. Ich nahm ihn unaufhörlich in meine astralen Arme und erlebte wieder und wieder die brutalsten Szenen und die immer wiederkehrende Todesangst mit ihm. Jedes Mal begleitet von den buntesten Verfärbungen meines feinstofflichen Körpers.
Durch die Gegebenheit, dass sich Kilian und Arvid das Zelt teilten, hatte auch Arvids Schutzengel die Gelegenheit, mein Farbspiel zu betrachten. Mit der uns Engeln an und für sich zu eigenen nüchternen Art, versteht sich. Ich selbst hatte mich daran schon so sehr gewöhnt, dass mir mein bunter Körper gar nicht mehr sonderlich auffiel.
Nach einigen Wochen an unterschiedlichen Orten, jede Nacht die Schlafstätte unserer Schützlinge behütend, fand ich mich jedoch vor dieser Frage wieder.
„Du, es tut mir ja leid dich zu behelligen, aber so einen bunten Engel wie dich hab ich noch nie gesehen. Was hast du?“ Ich überlegte kurz. „Hm, bist du ein Originaler?“„Nein, warum?“ „Kannst du dich an deine menschlichen Gefühle erinnern?“ „Nicht mehr ernsthaft. Soviel eben, um die Emotionen meiner Schützlinge zu begreifen.“ „Hast Du Gefühle für Arvid?“ „Was heißt Gefühle? Ich führe ihn mit größtmöglichem Wohlwollen und liebevollem Gleichmut - Um ihn auf bestmögliche Weise auf seinem Weg zu begleiten, darauf zurückzuführen und ihn zu schützen. Ich verstehe jetzt nicht, worauf du hinaus willst.“ „Wird auch schwierig sein, das zu erklären. Ich fühle für diesen Jungen wie Menschen es tun und ich liebe ihn zusätzlich zu der immerwährenden Liebe auch wie Menschen es tun. Ich fühle seine Gefühle wie ein Mensch und gleichzeitig meine in Korrespondenz dazu. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es ist, ihn fühlenden Herzens all diesen Situationen auszusetzen - Ja, ihn sogar in eine offensichtlich gefährliche und schmerzhafte Lage zu bringen.“ „Das hört sich nach einem schwerwiegenden Fehler von oben an. War das schon immer so?“ „Seit Beginn dieser Aufgabe.“ „Dein Auftraggeber?“ „Michael.“ „ Dann ist ein Fehler ausgeschlossen. Wie begründet er das?“ „Gar nicht. Du hast ja keine Ahnung wie sehr ich schon gerufen, gebetet und gefleht habe. Er antwortet nicht.“ „Hast was verbockt? Vorher, mein ich? Vielleicht eine Art Konsequenz.“ „Nein, alles war wie immer, nur schien Michael selbst recht besorgt zu sein dieses Mal. Ich denke es ist eine Prüfung, aber frag mich nicht wozu.“ „ Nun, da hast du es wahrlich nicht leicht – Bedauernswert, mit all diesen lästigen Emotionen. Kommst du zurecht?“ „ Ja doch, hab mich daran gewöhnt und es hat durchaus auch Vorteile. Pass auf, ich zeig's Dir.“ Ich begab mich über den schlafenden Kilian, strich ihm über die Wange und sagte „Hey, aufwachen.“ Prompt öffnete er die Augen. „Tut mir leid, schlaf weiter.“ Er schlief sofort wieder ein. Keine Sorge, so etwas ist natürlich weder Usus bei uns, noch oben gern gesehen.
Mein Kollege war sichtlich beeindruckt, denn keineswegs ist es leicht, jemanden so schnell aus der Tiefschlafphase zu wecken. Träume beeinflussen ja, dezente Körperdrehungen provozieren auch, aber um schlagartiges Aufwachen zu bezwecken, benötigt es im Normalfall schon einige Anstrengung. „Du meinst, dann funktioniert es auch umgekehrt? Er fühlt dich auch stärker als unsere Schützlinge gewöhnlich unsere Anwesenheit wahrnehmen?“ „ Ja, ich hab schon den Eindruck und hoffe so sehr, dass uns das erhalten bleibt. Es ist wirklich wunderschön und das Einzige, was mir durch die Prüfung hilft.“
So strichen weitere Wochen ins Land. Kilian reifte zu einem guten Krieger heran. Er wurde sicherer im Kampf und entwickelte für sich Methoden, das Erlebte besser zu verarbeiten. Manche Dinge besprach er mit Arvid und oft spazierte er durch die Felder. Wenn es sich ergab, hörte er auch den älteren Kameraden zu und versuchte, aus dem Gesagten eigene Schlüsse zu ziehen. Er sah welche, die ihn abschreckten und ergründete die Ursachen, welche diese Männer so werden ließen. Er beobachtete jene, die ihn beeindruckten und er sinnierte über die Gründe, weshalb sich diese anders entwickelten. Ich bemühte mich währenddessen, ihm Personen nahezubringen, die ihn weiterbrachten, die die nötigen Gedankengänge anstupsten, welche durch schwierige Emotionen helfen konnten.
Bald schon teilten sich die Jungen, welche gemeinsam ihre ersten Erfahrungen gemacht hatten, in verschiedene Gruppierungen auf.
So schloss sich eine nicht unbeträchtliche Zahl zusammen, welche täglich tranken, sich vermeintlich erwachsen verhielten und die versuchten härter zu wirken, als sie es waren. Sie erzählten sich scheinbar unberührt und mit falschem Stolz von abgetrennten Gliedmaßen, grölten über im Todeskampf schreiende Feinde und lachten über um Gnade bettelnde Gegner und den großen Spaß, ihnen diese zu verwehren. Auch welche Foltermethoden am amüsantesten wären, war ein beliebtes Gesprächsthema bei diesen Burschen.
Meine Kollegen, die diese Jungen betreuten versuchten vehement dieser Entwicklung entgegenzuwirken, mit mehr oder weniger großem Erfolg. Niemals gaben sie auf, obschon sie wussten, wie groß die Möglichkeit war, ihre Schützlinge in diesem Zustand zu verlieren. Sie wussten, dass sie möglicherweise den Rest dieses Lebens kaum mehr würden guten Kontakt herstellen können.
Schutzengel geben nicht auf, niemals. Es gehört zur Grundvoraussetzung in jedem Moment alles zu versuchen, um die Menschen gut zu führen, egal wie weit sich diese schon entfernt hatten. Egal wie viel Anstrengung es uns kostete. Ausruhen können wir zwischen den Aufträgen. Nichtsdestotrotz macht es uns traurig, wenn wir merken, dass uns unser Schützling entgleitet. Zwar nicht die Art aufgewühlte Traurigkeit, welche Menschen überkommt, aber doch eine ausgeprägte Wehmut.
Wer uns entgegenwirkt? Das ist eine interessante Frage. Es ist nicht der Teufel oder seine Dämonen und doch stimmt dieses Bild. Wenn man so will, ist alles Erdgebundene der Teufel, aber das ist wiederum nicht gleichzusetzen mit dem Bösen. Vielmehr verhält es sich so, dass die Seelen hier sind, um wieder heimzukehren. Gott erschuf einen Spiegel seines Selbst, er erschuf Menschen, die einen Geist besitzen und die Macht, ihren eigenen Willen umzusetzen - Mit diesem können sie selbst wiederum schöpferisch tätig sein. Er vertraut darauf, dass die Menschen mit dieser Ausstattung in der Lage sind, ihn in sich selbst und der Welt zu erkennen. Für alle Teile seines Selbst entwickelte sich ein materieller Spiegel, auf dass er sich in uns und Allem und wir uns in ihm erblicken.
Nicht, dass ich schon alles verstünde, schließlich sind wir Schutzengel auch noch recht erdgebunden. Ich fasse es so auf, dass das Gefühl getrennt zu sein, notwendig ist, um die Verbindung zu Gott wieder zu suchen. So befinden wir uns im Abklatsch der Wirklichkeit mit der Illusion, getrennte, einzelne Wesen zu sein. Auf dass wir uns auf die Reise machen und in der Getrenntheit Erfahrungen machen, die als Ganzes nicht erfahrbar wären. Nun erliegen Menschen aber meist lange dem Spiegel und halten ihn für die Wirklichkeit und durch ihren eigenen schöpferischen Willen werden immer mehr Illusionen geschaffen.
Keine Angst, letztendlich wird jedes Teilchen zurückfinden, doch viele, viele Umwege müssen dafür in Kauf genommen werden. Selbstverständlich sind auch diese letztendlich hochinteressant, nüchtern betrachtet - Für das Teilchen aber als sehr schmerzhaft empfunden.
Alles was der Mensch an Distanz zwischen sich und dem Rest der Schöpfung aufbaut, entfernt ihn vom Gefühl des Gesamten. Sein Ego wächst und mit jedem Mal in dem er nicht erkennt, dass der Andere, sowie alles, das ihn umgibt, auch zu ihm gehört, gibt er dem Ego mehr Raum.
Durch den menschlichen Schöpfergeist erschafft er so etwas wie eigene Wesenheiten, die lebendig werden können. Diese sind es, die uns entgegenwirken, allen voran das Ego, welches am ehesten dem entspricht, was Teufel genannt wird. Das ist eine so starke Wesenheit, dass sie mit aller Kraft versucht, den Menschen die Getrenntheit vorzugaukeln. Kompliziert das Ganze, aber unsere Gegenspieler wohnen eher in euch, als um euch herum, können immens auf den menschlichen Geist einwirken und sind deshalb sehr, sehr mächtig.
Andere junge Krieger versuchten hingegen alles, um die Erlebnisse zu verdrängen und wünschten sich aus dieser Realität heraus. Sie träumten von der Vergangenheit oder der Zukunft und verabscheuten die Gegenwart zutiefst. Das war prinzipiell verständlich, doch in den wenigsten Fällen zielführend. Denn entweder waren sie hier, weil es ihr Weg war, sie jedoch durch all die schlimmen Erlebnisse und falschen Schlüsse nicht den richtigen Umgang damit fanden. Würden diese Männer tatsächlich einen anderen Weg einschlagen, könnten sie auch dort nicht zur Ruhe kommen. Verharren sie jedoch im Wunsch, ein anderes Leben führen zu können, gehen sie ihren Weg zwangsläufig nur halbherzig.
Oder aber es waren jene, die durch äußeren Druck oder falschen Ehrgeiz überhaupt erst den Weg eingeschlagen hatten und sich nun völlig zu Recht fehl am Platze vermuteten. Für diese wäre es nun sinnvoll, den Mut zu beweisen, dem Kriegshandwerk den Rücken zu kehren und zu ihrer wahren Bestimmung zurückzukehren. Doch so leicht sich das anhört in Anbetracht dessen, dass sie dieses Leben ohnehin verabscheuten, so kompliziert war die Umsetzung. Oft machten es die strengen Regeln der Sippe fast unmöglich und sehr häufig mögen Menschen nicht einsehen, oder zugeben, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.
Kilian hingegen war sehr richtig bei den Kriegern, doch ich musste aufpassen, dass er den bestmöglichen Weg fand, mit den Grausamkeiten zurechtzukommen. Ich musste zusehen, dass er seinen Mut bewahrte, ohne jedoch hart zu werden. Er sollte seine Talente schulen, sich verbessern ohne hochmütig zu werden. Und was besonders schwer war, Kilian musste lernen, dass das Töten zu seiner Aufgabe gehörte, ohne dabei abzustumpfen.
Es war sein Weg und ich war mir ziemlich sicher, er würde ihn auch gehen. Schon allein das war viel wert. Wie er ihn ging, war jedoch noch unsicher, obwohl ich großes Vertrauen in ihn setzte. Trotzdem fingen meine inneren Warnimpulse sofort an, Alarm zu schlagen, hatte ich auch nur den leisesten Verdacht, er könne mir entgleiten.
So trug es sich zu, dass er nach einer außerordentlich brutalen Schlacht ins Lager zurückkehrte. Seine Aura war das erste Mal seit längerem wieder von schmutzigem Grau, was mir meinen Kontakt schon ohnehin fast unmöglich machte.
Mit Hilfe seines Verstandes versuchte er trotz dieser absoluten Gefühlsstarre, seine bisherigen Methoden anzuwenden, was ihn einiges an Beharrlichkeit kostete.
Doch begab es sich ausgerechnet so, dass er beim Versuch, während seines Spaziergangs seine Empfindungen zu ordnen, auf einige schwer Verwundete, sterbende Krieger des Gegners traf.
Selbstverständlich hatte ich gesehen, worauf er zusteuerte und hätte er sich auf meinen Impuls hin weiter östlich gehalten, wäre ihm dieser Anblick erspart geblieben. Doch in seinem Zustand konnte er mich nicht hören, obwohl ich an ihm gerüttelt und gezerrt, geschrien und geboxt hatte.
So lief er nach diesem Anblick, verstört und mit noch leereren Augen zurück zu seinem Zelt, um mit Arvid zu schweigen oder auch das ein oder andere Wort zu wechseln. Nicht, dass er Lust, oder auch nur den Impuls dazu gehabt hatte, doch er wusste kognitiv, dass es helfen würde, auch wenn er es in diesem Zustand nicht empfinden und glauben konnte.
Arvid war jedoch nicht dort und Kilian setzte sich steif auf sein Schlaffell und starrte die Zeltwand an. Wie paralysiert blickte er ins Leere und ich konnte nichts machen, absolut nichts.
Meine Sorge steigerte sich trotz meiner mittlerweile beachtlichen Ruhe in rasantem Tempo. Diese Zustände dürfen nicht allzu lange andauern, schon allein deshalb nicht, weil sich die negativen Ereignisse in diesem Zeitraum potenzieren können. Schließlich haben wir nicht den geringsten Einfluss und können somit nicht führen, nicht schützen, keine Denkimpulse geben oder mit positiven Zeichen entgegenwirken.
„Bitte, bitte, hör mich! Steh auf, geh raus, such Gebhard, such Arvid oder einen anderen Freund! Bitte, Bitte!“ Alleinsein war zwar oft heilsam, jedoch nicht in dieser Verfassung. Wie erwähnt hat die Anwesenheit von anderen Menschen immense Auswirkungen auf den Einzelnen. Mal angenommen, Kilian wäre auf eine Gruppe Männer getroffen, welche nicht an der Schlacht beteiligt gewesen wären, welche vielleicht gar fröhlich ums Feuer saßen, so hätten deren positive Energien Einfluss auf Kilians feinstofflichen Körper gehabt. Mehr Macht, als ich, das Grau aufzulockern. Sicherlich, wäre dies dann tatsächlich geschehen, hätte er seinerseits vorerst nicht positiv auf diese Leute reagiert. Wahrscheinlich hätte es ihn wütend gemacht, dass diese in Anbetracht der Lage eine solche Stimmung zu verbreiten. Das wäre mir egal gewesen, selbst Wut und Aggressionen waren besser als diese Gefühlsstarre. Zudem hätte ich wieder die Chance zur Intervention gehabt.
