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Diese Biographie schildert den Aufstieg eines "Niemands" zu einem Erfinder mit zahlreichen Patenten und erfolgreichen Fabrikanten, der mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln Beziehungen zu politischen Repräsentanten des In - und Auslands knüpft. D.h. dank seiner Naivität oder seines Einfallsreichtums wird er, so das Gerücht, auch zum Waffenlieferanten für den deutschstämmigen Diktator A. Stroessner in Paraguay. Dabei tauchen Namen/Personen auf, wie der spanische König und im Zusammenhang mit Parteispenden u.a. wird er mit weiteren Namen ( Strauß, G. Schröder ) in Verbindung gebracht. Allerdings, das Unterfangen, seiner habhaft zu werden, gleicht, muss der literarische Biograph feststellen, dem Versuch, im Wind ein Streichholz anzuzünden. Immer, wenn man denkt, man kann ihn stellen, entzieht er sich bzw. frönt seinem Hang, sich ins Unverbindliche zu flüchten: So dass neben den Gerüchten die Verknüpfung von einzelnen Bemerkungen, nebenbei gefallenen Stichworten im Bierkonsum, die Phantasie gefragt ist, zu belegen, wie er mit seinem Erfolg umgeht, um in der Gesellschaft "anzukommen" - dabei schwankt die Biographie zwischen Ernst und Schelmenroman.
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Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Von der Schwierigkeit, eine Biographie zu verfassen, wenn der Betreffende noch lebt, ist, ich zitiere aus dem Roman des Autors Sch. „Die Harmonie des Ichs oder die afrikanische Lösung“ ( auch mit dem Titel „Kein schöner Land“), immer ein Geschäft der hohen Herren! und gleicht, sollte man meinen, einem Geständnis auf dem Beichtstuhl der Geschichte. Jemand erleichtert sein Herz, gesteht schuldig unschuldig im Rückblick seinen Entschluss für diese oder jene Entscheidung, bekennt Feh-ler und lenkt den Blick auf das, was nun einmal, längst Geschichte! so und so verlaufen war, und rühmt, bescheiden, im Fußnotenstil, seine Verdienste.
Das wäre eine Fundgrube für Historiker...
Wenn es denn so einfach wäre.
Einigkeit besteht über das Geburtsdatum meines Mandanten, und dass es ein Sonntag war, gewesen sein musste! aber schon die Plazierung der Geburtsstadt, ich präzisiere: Berlin, die der eine in den N, der andere in die Mitte, wieder ein anderer in den O unseres Landes pflanzen möchte, herrscht Dissens; bescheiden möchte ich anfügen, „damals“ war Friedenszeit, und das deutsche Reich dehnte sich nach O aus; das Wetter, nicht unwichtig, hier scheiden sich die Geister, der eine erinnert sich eines lauen Sommertages, der andere schwört, dass es geregnet habe, wer kennt das nicht! Selbst der aktuelle Wetterbericht sagt für heute einen trüben Tag voraus - es scheint bei einem lichtblauen Himmel die Sonne! Und wer nun gar das Leben dieses wundersamen Mannes beschreiben möchte, den Verlauf, den es genommen hat, sieht sich vor eine widersprüchliche Biografie gestellt, die der eine so, der andere so beschreiben würde. Und der, der es wissen müsste, der Betroffene, schweigt. Wie immer, wenn es um Grundsätzliches geht - und was kann grundsätzlicher sein als ein Rückblick, soz. eine Bilanz seines bisherigen Erdenlebens zu ziehen? hier verweigert er die Auskunft, nein, Gott steh mir bei! er hebt das Glas und sagt, er verspricht: morgen!
Ich habe ihn kennengelernt, von dem hier die Rede sein soll, schon stocke ich, war es erst gestern? Haben wir uns nicht schon in…? Ist es nicht so, dass man bei den vielen Begegnungen, die man hat, man streift jemanden, d.h. ein kurzer Blickwechsel genügt, ein jeder geht seinen Weg, man vergisst – oder auch nicht - unversehens eine Situation antrifft, wo etwas aufflackert, die Erinnerung an einen Augenaufschlag, dieser sich hinlänglich im Gedächtnis festsetzende Augenblick! dem man anfangs keine Bedeutung beigemessen hat, einer von vielen…so und nicht anders war es auch hier.
In der Feier, anlässlich einer Ehrung, von der hier die Rede ist, soll Björn Adams gedacht werden - nein, er ist nicht gestorben, seine Verdienste sollen honoriert werden. Er hatte der Gemeinde einen hohen Betrag gespendet, als sich das friesische Meer, in einer Phase, nachdem es sich, seinem natürlichen Ausdehnungsdrang gehorchend, der viele Höfe und Menschenleben kostete, wieder besann und, vorerst, wieder zurückgezogen hatte, und man, d.h. die Samtgemeinde D., dem Meer Land abgerungen und Hafen wie Schleuse weit nach vorne ins Meerbecken verlegt hatte und nun, können Sie folgen? den kostspieligen „Wanderweg“ rund um den künstlich angelegten See - einem aufgeblasenen und verbuchteten Priel, hinter dem Siel, dem Malbusen, Mittelpunkt einer mit dem Begriff Kurpark geadelten Anlage oder Liegenschaft der Gemeinde, „Ihrer Herrlichkeit“ D., zu einem Zeitpunkt, als Brüssel, die Hauptstadt der EU die Geldtasche, noch zugeknöpft hielt - ermöglicht. Mein Gott, wie viele Gäste, Ehrengäste, alles, was verdient und unverdient, Rang und Namen trug, hatte sich eingefunden, zuvörderst war der Ministerpräsident aus der Residenz angereist, der, „wir wollen das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden“, Anweisungen geben hatte, an eine weitere Spende, wir sind doch alte Freunde, für den nächsten Wahlkampf zu erinnern – versüßt durch die Verleihung der niedersächsischen Verdienstmedaille; die Fraktionsvorsitzenden der großen Volksparteien, Gewerkschaften, Schiffahrtsverbände, die Kapitäne, die Deichgrafen der nächstliegenden Gemeinden, der Landwirte, deren Gehöfte immer wieder Land unter! standen, nicht zuletzt der Bürgermeister und seine Adlaten, in deren Verantwortungsbereich diese Gedenkfeier fiel; zudem waren zahlreiche Ehrengäste, andere schon früher Geehrte anwesend, Presse und der „Hofstaat“ der kleinen Gemeinde, der, immer in Geldnöten, dankbar diese Geldspende annimmt und sich erkenntlich zeigt mit einer Aufmerksamkeit ( die nichts kostet ), einer „Ehrenbürgerurkunde“ und bei einer weiteren Zuwendung seinerseits, eine Straße, einen Weg oder einen Platz nach dem Spender benennt. Solche Ehrungen sind billig und sind auch wieder „reversibel“. Denn nichts ist schlimmer, als erinnert zu werden an ein Versäumnis, eine, viele Fehlentscheidungen, eine nicht unverdient zustandegekommene Finanznot.
Ein kleines Orchester, das bei allen wichtigen Anlässen in diesem Ort, aufspielte, Trauungen, Bestattungsfeiern etc., Jan, der Oboist, Eike, der Hornist, Tjardo am Schifferklavier und Ole als Bratschist hatten sich auf dem künstlich errichteten Podium niedergelassen und, die Uhr zeigte 18.00 Uhr, noch einmal überprüft, ob ihre Instrumente gestimmt waren. Inzwischen hatten alle Platz gefunden, die letzten Gespräche, getuschelt wurde immer, waren beinahe verstummt, als das kleine Orchester zu spielen begann. Der Bürgermesister hatte sich ausbedungen, wenn sie, und er sprach jedes Mitglied mit dessen eigenem Namen an und schaute ihm tief in die Augen, mit ihrer eigenen Komposition, der landesweit gerühmten Sinfonie für kleine Orchester, aufwarten wollten, dann bitte - nicht wie bei der Trauerfeier anlässlich des jüngst von uns gegenagenen Piet F. - die gesamte Sinfonie, in deren Verlauf sich der eine oder andere betagte Trauergast nicht mehr auf den Beinen halten konnte und neben der geöffneten Grabstelle zu Boden sank – „nur den ersten oder meinetwegen gekürzten letzten Satz“, der Bürgermeister verzog sein Gesicht, mit dem „con modo und con moderato Grundmotiv“.
In dieser vom Ernst des Augenblicks getragenen Stille, auch die Möwen hatten ihre Schreie und Zänkereien eingestellt, in der, hatte sich der Lokalschreiber des lokalen Boten vorgestellt, Jubelchöre ausbrechen würden, und der Anlass war Grund genug, so zu verfahren, musste er erleben, liessen sich alle, er blickte sich verstohlen um, in eine unverantwortliche Nachdenklichkeit wiegen und einschläfern. Dann, das Orchester hatte die Waffen gesenkt, kehrte Stille ein, der Nachklang einer sehr persönlichen Andacht; jetzt erst, Paul stieß seinen Nachbarn an, der zu schnarchen begonnen hatte, wurde den meisten der Gäste bewusst, dass sie Zeuge eines an Erhabenheit und Ergriffenheit randvoll gefüllten Augenblicks, mit dem, wie der Bürgermeister in seiner Rede sagen sollte, kurz: „ein jeder Zeuge eines neuen Zeitalters werden würde, mit dem der Ort, unsere Herrlichkeit, weit über die Landesgrenzen hinaus den Duft der wei--ten Welt einatmen – und einen weiteren Schritt in eine Zukunft als Kurort tätigen“ würde.
Zunächst aber, nachdem er abgewartet hatte, ob das Orchester für seine Tafelmusik den Lohn, nämlich den Beifall der Gäste einfahren würde, dies aber, niemand wagte, die getragene Musik zu beklatschen, ausblieb, war er aufgestanden, hatte sein feierlichstes Gesicht aufgesetzt und war nach vorne vorgetreten ans Rednerpult, das sein Gemeindepersonal aufgestellt hatte, zog sein Manuskript aus der Tasche, hatte die Brille aufgesetzt…und rang mit dem Mikrophon… ph … ph…ph… liebe Gemeinde …ph… ph…ph, ähh, schon für diese tiefgründige philosophische Bekundung wurde er geschätzt, endlich wagten die Leute zu klatschen, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, und er zählte einige weitere der anwesenden Honoratioren auf, liebe Gemeinde, lieber, er suchte mit den Augen den Jubilar, fixierte dann ausgerechnet Peer, der, ein Tagdieb und Trunkenbold, mit Björn die Gemeinsamkeit der gleichen Kopfbedeckung und die Angewohnheit, diese nie abzulegen, teilte, verbeugte sich in Richtung der zu ehrenden Person: „Lieber Björn, alle, die wir hier versammelt sind, nehmen diese Gelegenheit wahr, Dir zu danken und Dir für Deine Verdienste, er wog etwas in der Hand, zeigte es dann von allen Seiten, die Fotografen hielten diesen Moment eindrucksvoll fest, diese Ehrenurkunde auszuhändigen. Du wirst in den Annalen der Samtgemeinde festgehalten und die Schulkinder, was sag ich, jeder Gast, jeder Tourist, werden Dir ein ewiges Angedenken sichern, indem sie, sie können nicht anders, wollen sie die herrliche Landschaft, den See genießen und das Meer erreichen, auf dem Pfad wandeln, der Deinen Namen trägt. Hiermit weihe ich den Björn – Adams - Weg ein.“ Wieder brandete Beifall, ein Tusch! auf. Da Björn alias Peer keine Anstalten machte, aufzustehen und nach vorne zu kommen, händigte der etwas verdutzte Bürgermeister seinem Referenten die Urkunde aus, die dieser an einen mehr als verdutzten Peer weiterreichte.
Klatschen belohnte diese Ehrung.
Wer nun gedacht hätte, damit sei die Feierstunde beendet, sah sich getäuscht, denn auch der Landesfürst, Ehrengast! der mit einem Troß angereist war, sah sich bemüßigt, auch seinerseits dem Jubilar, auf seine Weise, seine Aufwartung zu machen. „Lieber Björn, alter Thekenfreund,“ Lachen, „ja, so haben wir uns kennen – und schätzengelernt. Auch du bist ja nicht nur ein freigebiger Mensch, Gönner! der, wo und wenn Not am Mann ist, und“, holte er aus,“ „die Kommunen, auch die Staatskassen sind immer klamm“, Lachen, „seine Taschen öffnet, und, wir zählen nicht nach, immer wieder überrascht sind“ ( Lachen, Klatschen ). „Du kennst unseren nimmersatten Ansprechpartner, ich habe ihn eigens mitgebracht, den Finanzminister!“ ( Lachen, Beifall ). Dieser stand auf und verbeugte sich. „Von Dir weiß ich, dass Du auch ein politischer Mensch bist und vom spanischen König, auch mit ihm duzt Du Dich höchstpersönlich, zum Konsul( sein Referent rief ihm etwas zu ), Botschafter für Torismus wollte ich sagen, der balearischen Inselwelt ernannt bist. Und“, fuhr er fort, „in vielen Ländern dieser Welt stehen Dir Tür und Tor offen. Ja, das Erstaunliche ist, Du fragst nicht nach Parteizugehörigkeit, sondern Du lässt Dich von Deinen Gefühlen leiten, d.h. wer Dir sympathisch ist, gewinnt Dein Herz! hat es gewonnen. Von Dir weiß ich auch, dass nicht Vorurteile Dein Handeln bestimmen, sondern die persönliche Begegnung den Ausschlag gibt für das, was Du für richtig und angemessen hältst. So einfach sind die Spielregeln der Menschlichkeit. In diesem Sinne“, und er verbeugte sich in Richtung Peer, „gratuliere auch ich Dir und hoffe auf die eine oder andere gemeinsame Thekenstunde.“
Zu gleicher Zeit stand der Gesuchte, nein, der noch nicht Vermisste, an der Theke des ersten oder, es kommt immer auf die Richtung an, von der man etwas betrachtet, letzten zu diesem Zeitpunkt schon geöffneten Trinkstube. „Sag mal, Björn, ist heute nicht dein Fest? Sollst du nicht geehrt werden?“ Der Schankwirt musste ihn zweimal ansprechen. „Gib mir erst noch mal ein Bier“, sagte Björn. Der Wirt füllte am Zapfhahn ein Glas nach. Björn nahm einen großen Schluck, dann noch einen. „So, jetzt sag mal, was hast du auf dem Herzen?“ Der Wirt lachte und wiederholte seine Frage. „Ach, sagte Björn, alles Schit…“
Ich habe ihn das erste Mal gesehen, als ich schon alles über ihn wusste. Alles? Was man so erzählte. Das erste Mal hörte ich von ihm, nein erlebte ich ihn, es war bei einem Landeswahlkampf, und ich war zufällig in einer Provinz-, nein Landeshauptstadt von N. gelandet, denn ich hatte zu dieser späten Stunde keinen Anschlusszug mehr gefunden, der mich nach B. bringen konnte. Ich hatte unweit des Bahnhofs eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden und wollte mir nach der langen Bahnfahrt noch ein wenig die Füße vertreten, sagt man so in H.? als ich unvermittelt in den Sog einer Menschenmenge geriet, die aus einem großen Gebäude herausströmte, sich dann aber teilte und auseinanderlief. Aus einigen Wortfetzen konnte ich heraushören, dass hier eine Wahlkampfveranstaltung der Sozialisten, hier sagte man - so weit hat sich die Verbürgerlichung durchgesetzt - Sozialdemokraten, stattgefunden hatte. Einem plötzlichen Impuls nachgebend kehrte ich in eine Bar ein, bestellte, für mich untypisch, einen Whisky on the rocks, als die Tür aufging und zwei männliche Personen eintraten, die sogleich an die Bar „strömten“, mich kaum zur Kenntnis nahmen und ihrerseits Drinks bestellten. Der eine, ein bei mittlerer Größe von etwas verwachsen wirkender Gestalt, überragte den anderen, schien alle in diesem Raum zu überragen, eine sich selbst als Lichtgestalt empfindende Erscheinung und in oder mit diesem Glanz schien er auf Zehenspitzen zu wandeln und mit Erfolg eine nicht vorhandene Körpergröße vorzutäuschen. Der andere, unwesentlich nur kleiner, nahm sich, oder schien sich, wie ich ungewollt mit an – und heraushören konnte, der Sorgen dieser Partei anzunehmen, sie zu teilen, so dass aus einem zunächst sehr allgemein geführten Gespräch, kannten sie sich? eine bald sehr persönliche Unterhaltung, in deren Verlauf man vom Sie zum vertraulichen Du wechselte, entstand.
Erzählt wurde mir, dass der Kandidat mit den von mehreren Seiten dargebotenen Zuwendungen - bei denen ich mich im-mer frage, wieviel davon landet in der eigenen Tasche, wie-viel davon fließt in die Wahlkampfkasse, denn kaum ein Kandidat, hatte ich gehört, der nicht als reicher Mann aus einem Wahlkampf herauskommt - die eigene Partei stützte, eine, diese Praxis ist Usus, huldvolle Geste - als der Kandidat über die Wahlkampfkosten stöhnte und vielsagend die Hand aufhielt, der Nachbar, wohl vorbereitet, eine größere Summe bar aus der Tasche zog und unserem G. zusteckte. Die Sympathie des Spenders für die eine Partei täuscht indes über die wahren Absichten dieser Person hinweg. Was sich wie eine spontane Geldgeberlaune oder eine plötzlich empfundene Nähe zu der einen Partei, oder ihrem obersten Vertreter, ausnahm, entsprang in Wahrheit dem Kalkül, sich, was auch kommen möge, abzusichern, oder? Denn eben die gleiche Summe steckte, wenn man Gerüchten glauben darf, unser freigebige Mann auch der anderen Partei zu.
Wirkte dies anziehend auf mich, mehr über diese im Hintergrund wirkende „unscheinbare“ Person zu erfahren, lernte ich ihn, ohne mich aufzudrängen, näher kennen, sog auch begierig alle anderen Informationen, „das, was man halt so hört“ – Gerüchte? In mich ein, und fühlte mich immer wieder veranlasst zu fragen, was ist wahr, was ist erfunden oder, dies klingt seriöser, erdichtet? Denn manche dieser reichlich fließenden Geschichten klangen so unwahrscheinlich oder gerade deshalb möglich, dass sie den Verursacher als eine geheimnisumwitterte Person, die mit den Mächten des Lichtes wie mit denen der Finsternis auf vertrautem Fuße stand, schilderten. Notabene ist manches, was wie ein selbstverständlicher Geschäftsabschluss klingt, unter gegebenen Umständen eher eine „Abmachung auf Gegenseitigkeit“ und erscheint denen, die davon Kenntnis erhalten, als eine affair…
Man kann nicht Äpfel mit Birnen vergleichen, dies Sprichwort, ein gefügelter Satz meiner Mutter, fiel mir ein. Natürlich wird hier mit dem kleinen Löffel gegessen, was andere mit der Suppenkelle auslöffeln, wollte ich sagen, begegne dabei aber einem Missverständnis. Oder, dies Land oder meine Mutter? ist reich an bildlichen Vergleichen: Hier wird mit kleinen Brötchen gebacken! D.h. doch, dass es, wie der Staatsrechtler von A. formulierte, auf anderen Etagen der Gesellschaft nicht gesitterter, wohl aber zugkräftiger, d.h. beißhungriger, wölfischer! zugeht. Eine Mentalität, wohlverpackt in gesellschaftlich zulässigem Rahmen, möge der Historiker befinden, wofür dies spricht! bedient sich nach Herzenslust bzw. betreibt schamlos Raubbau am Eigentum der Gemeinschaft.
Da ich kein Biograph bin, auch als mir ein Angebot gemacht wurde, die Lebensgeschichte dieses Mannes, verstehen Sie mich recht, des Geldspenders, gegen ein entsprechendes Entgelt, zu verfassen, muss ich, da es sich um eine Missverständnis handelt, ablehnen. Wenn ich mich mit einem Gegenstand oder, wie hier, einer Person befasse, geschieht das aus eigenem Antrieb, denn alles andere, eine Auftragsarbeit o.ä., weise ich von mir! Wer kennt nicht die Maler, die sich einem reichen Auftraggeber in Dienst gestellt haben und die und die unansehnlichen Partien, das Schielen o.a. getilgt, bei einem Foto würde man sagen: retuschiert, haben? Wie edel erscheint plötzlich der eine persönlichkeitsentstellende Zinken, ein Zertrümmerer! ein spöttischer Verräter unserer Männlichkeit! als ein edler Ausweis, die Willenskraft und Güte eines Menschen betonendes wie bestimmendes Männlichkeitssymbol- und Kompass – ich weiß, dies ist anrüchig! riecht nach Wohlgefälligkeit, ist opportun…
Da, behaupte ich, niemand im Besitz der Wahrheit ist, und ein Selbstbildnis immer bewusst oder unbewusst, auch die Erinnerung ist nur ein Stiefbruder der Wahrheit, den verräterischen Funken einer Selbsttäuschung enthält, der Zugriff auf die Berichte anderer, verwandter oder irgendwie beteiligter Personen möglich, aber erfahrungsgemäß bedingt verlässlich ist, Sie sehen, ich schwächle und liebäugle mit dem Auftrag, erscheint es mir ratsam, auf der Grundlage dieser Erfahrungen, authentisch oder weniger authentisch, das Porträt eines Mannes zu zeichnen, in dem, einer höheren Wahrheit - heißt es nicht, Kinder und Narren sprechen die Wahrheit? – zuliebe, möge mir die Parzen beistehen oder mich die Muse der Eingebung küssen, die Widersprüche auf dem schwankenden, ( nichtsdestotrotz) aber, wie unwahrscheinlich sie auch klingen, sicheren Boden der Phantasie ( wenigstens ihres Beistands ) ausgetragen werden.
Hinzu kommt, der geneigte Leser möge mir verzeihen, dass der zu Porträtierende wenig dazu beiträgt oder beigetragen hat, an dem Bild mitzumalen, so dass hier und da der Pinselstrich etwas dicker, an der anderen Stelle wieder etwas dünner aufgetragen ist, dein Porträt, lieber Björn, nicht zuletzt aus eigenem Verschulden in die Sphären einer höheren Wahrheit entrückt ist. Denn da Gerüchte diese Person umschwirren, und ich diesen, stets das Anziehendste an einem Menschen, den Vorzug vor jeder noch so vielversprechenden Wahrheit – nie erreichen sie jene schillernd einnehmende Auffälligkeit – gebe, schreite ich auf diesem Mittelpass, dem Parnaß zwischen Dichtung und Wahrheit, zusätzlich gezuckert von den Anekdoten, versuchten Richtigstellungen! ja, über deren Wahrheitsgehalt nichts vorliegt, die seine beiden Begleiterinnen, Sie werden sie kennenlernen, beigesteuert haben - wie ich hoffe, auch in Ihrem Interesse, lieber Leser.
Also, frischauf, ans Werk und schmeichle allein das Werk den Verfasser ( und seine von welcher Laune, welchem Einfall auch immer getriebenen Muse angefeuert), einer wie auch immer, ich gebe zu, noch weiß ich weder Anfang noch Ende, beleumdeten Laudatio!
Unzweifelhaft ist der schüttere Boden, den wir betreten, auf den Stellen fest, auf denen bürokratische Gepflogenheiten vorherrschen, d.h. das, s.o., in Geburtsregistern festgehaltene Geburtsdatum, der im Einwohnermeldeamt bekundete Wohnortwechsel mit der neuen Anschrift, Schulzeugnisse, deren Leistungsgefälle einen Eingriff im Sinne einer nachgeratenen Manipulation, der Jurist spricht von Fälschung, eine Korrektur, allenfalls, den Jahren geschuldet, von Unpässlichkeiten, ausschließen und so eine sichere Ausgangslage verheißen.
Björn, unser Protagonist, ich darf ihn so nennen, hat mit fortschreitendem Alter den persönlichen Besitzstand des Dus oder Sies, unabhängig vom Stand und Rang seines Gegenübers, mit dem vertraulichen Du eingetauscht, so dass auch mir, als mich dies Schicksal ereilte, nichts, wollte ich mich nicht lächerlich machen, anderes übrig blieb, als nach diesem Vorbild zu verfahren. Also Björn, Nachfahre einer bildungsbewussten und akademisch geadelten Familie mit Tradition - der persönliche verliehene Adel, obwohl die Familie, und hier zuvörderst Hans Cristian, in Fehden mit Nachbarn und einer aufdringlichen Bürokratie groß geworden, und dem Landesherrn bis auf den letzten Blutstropfen ergeben – hat dieser nicht öffentlich posaunt, die Verdiennste überstiegen das, was ein Untertan seinem Herrn schuldet? blieb der Familie vorenthalten; Björn also und seine Familie trauern noch heute diesem verpassten Aufstieg in die ersten Kreise, „Ich gebe zu, ich weiß nicht, wozu mich dies verpflichtet hätte, wie, ja lache nur, man sich dort „bewegt“, – na und?! nach.“ Die für derlei Ehrvergabe zuständigen Behörden versagten den Vorfahren, Verdienste hin, Verdienste her, auch der frühe Tod des Protagonisten ist keine Entschuldigung, den in diesen Kreisen üblichen Ritterschlag – oder? –Björn hat sich dem von der Familie erworbenen gesellschaftlichen Stand, Geschichte ist eine untrügliche Richterin, sichtbar in dem fast 500 Jahre alten Familienwappen, dieses Erbes, der daraus erwachsenen Verpflichtung, entzogen – wofür es tausend Gründe wie Widerlegungen dieser Gründe gibt.
Den zweiten Weltkrieg gedachte die Familie - nachdem sie Berlin den Rücken gekehrt hatte und sich auf ihre Besitztümer in Werder oder Nauen? zurückgezogen hatte, Björn, Gott wie aufregend, erinnerte sich noch an die Bombergeschwader, die sich in der Ferne ihrer Last entledigten, und der Rauchsäulen, die dies bezeugten – in der vermeintlichen Sicherheit einer hugenottisch und holländisch geprägten Umgebung zu überleben – und dies auch tat; dann eine Nachkriegszeit, die ihr die Hamsterfahrten aufs Land ersparte. Dieser Rückzug in die bevorstehende sozialistische Idylle verhinderte ihm, milde gesprochen, die Segnungen der akademischen Weihe, dafür auch war der Knabe zu unruhig und umtriebig. Viel lieber hielt er sich, wenn die Spielkameraden nicht da waren, in der Werkstatt des Großvaters auf, lernte ohne große Anleitung mit den verschiedenen Werkzeugen umzugehen und bastelte geschickt aus den Fundstücken, die ein vor nicht langer Zeit zu Ende gegangener Krieg hinterlassen hatte, zunächst brauchbare Sprengkörper, wo sie nicht mehr intakt waren, nach, dann Gegenstände seiner Umgebung: Pferdefuhrwerke,Traktoren, Pumpen, ja, an technischen Geräten entzündete sich seine Phantasie, und mit anderen herrenlos im Wald herumliegenden Gegenständen konstruierte er Panzer, Jagdbomber und Geschütze. So verbesserte er in Spiellaune die Dicke Berta, er bastelte eine Kinderkanone, entwickelte einen in alle Richtungen, d.h. um die eigene Achse drehbaren Geschützturm – und ballerte mit seiner Flak auf die aufgescheucht durcheinander laufende Hühnerschar und, seine Fertígkeiten steigerten sich, schoß buchstäblich den Vogel ab. D.h. der Hahn, der sich gesträubt hatte, gleich seinem Hühnervolk das Weite zu suchen und seine Stellung behaupten wollte, gerade hatte er sich auf dem Misthaufen stolz aufgerichtet und krähte seinen Schlachtruf, als ihn, die Dicke Berta hatte sich automatisch zu ihm gedreht und ihn ins Visier genommen, sein Schicksal ereilte: D.h. er fand den Heldentod auf dem Schlachtfeld.
Ja, der Krieg ist der Vater aller Dinge, so oder ähnlich hatte der Vater, zeitweise Brigadist einer Ernteeinheit, einer Kolchose, gemurmelt, aber die Mutter war es, die ihn, den wissbegierigen wie unabhängigen Jungen, so sehr er sich auch dagegen sträubte, in den Gewahrsam der öffentlichen Hand, d.h. in die Obhut der Jungen Pioniere, nicht zu verwechseln mit den blauen Jungs, das waren für ihn die Matrosen, steckte.
Zum endgültigen Bruch kam es und machte ihn dauerhaft unempfänglich für die Reize des völkischen Jungvolks, als die Parteileitung Anstoß an seinem Matrosenanzug nahm und ihm das Tragen desselbigen verbieten wollte.
So schwänzte er die „Aufbaustunden“, gleichgesinnte, im Widerstand erprobte Kameraden, die sich ebenfalls dem strengen Reglement der neuen Herrschaft entziehen wollten, fanden sich anfangs noch, Unverbesserliche und, die Sprache passt sich nicht so schnell, zumal wenn sie mit den gleichen Irrungen und Verfehlungen zu kämpfen hat, den neuen Zeitläuften an, Volksschädlinge! seien sie, die zur Strafe ihre feine Uniform abgeben mussten und unehrenhaft aus dem Verband der aufstrebenden Jungen Pioniere entlassen wurden.
Dann eben herumstreifen! auf Wiesen sich lagern, dem Springen und Gurgeln der Bäche lauschen, die Natur lacht… Wer kann auf diesem Stein stehen - auf einem Bein? Anlässe für Wettkämpfe gab es immer. Den passenden Untergrund um das Gleichgewicht zu halten, die sportlichen Vergleiche entwickelten sich immer einfallsreicher und spitzfindiger, tatsächlich wurde jetzt ein starker, aber schmaler Zaunpfosten für die Leistungssteigerung ausgesucht: Es galt nun im Wechsel in ein (1 ) m Höhe, erst auf dem belasteten linken Bein, dann auf dem rechten das Gleichgewicht zu behaupten, wobei sich die Dauer, angefangen mit fünf Sekunden, bis zu einer Minute steigerte. Hielten hier, nach ungezählten Stürzen, endlich alle Freunde mit, trennte sich bei der nächsten Geschicklichkeitsprobe die Spreu vom Weizen. Es lag nahe, das Programm auszubauen, den endgültigen Ausschlag gab ein Zirkusbesuch. In der Vorstellung traten nach den clownesken Intermezzis und den Tierbändigern Artisten auf, die u.a. auf dem Seil brillierten. Sie balancierten auf dem hochgespannten Seil, hielten das Gleichgewicht erst mit der Seilstange, dann ohne, verrichteten akrobatische Kunststücke, Handstand usw., drohten dabei, die Kinder hielten den Atem an, abzustürzen, fingen sich im letzten Augenblick wieder – und gaben den ihnen so, wenigstens Björn empfand es, wenn auch noch unbewusst, Regeln fürs Leben mit.
In den nächsten Tagen suchten sie, die Kinder, nach geeigneten Bäumen, zwischen die sie ihre Wäscheleine, die Björn aus dem Hausbestand organisiert hatte, und die jetzt als ihr Seil herhalten sollte, spannen konnten. Sie begannen in niedriger Höhe, d.h. in einem Meter über dem Boden, korrigierten aber nach den ersten Stürzen und den dabei zugezogenen Verletzungen den Abstand zum Boden für den Anfang auf 30 Zentimeter, wobei das Seil, obwohl es fest gespannt war, immer ein wenig durchhing, wenn man es betrat, und beinahe den Boden berührte. Der erste Schrittwechsel, der den wagemutigen Balancekünstler in die haltlose und endlos vor ihm liegende Bahn hinausführt, wo er das Schwanken des Seils mit nichts als mit seiner Körperbewegung ausgleicht, ist, wenn ihm dies gelingen sollte und die psychische Erregung, die bei einer immer weiteren Entfernung vom sicheren Ausgangspunkt zunimmt und erst wieder abzuklingen scheint, wenn sich der Aequilibrist dem sicheren Endpunkt seines Tanzes nähert, im Zaume gehalten wird, wie das zuckende Messer, das Skalpell, in der Hand des Chirurgen, das sich nach dem ersten erfolgreich verlaufenden Schnitt wie von selbst den weiteren den Körper des Patienten öffnenden Schnittfolgen anvertraut.
D.h. in diesem Falle: dem ersten Schritt erfolgreiche weitere folgen lassen, so mit ausgestreckten Armen und vorsichtigen vorwärts tastenden Schritten einen, dann zwei und endlich die fünf Meter bis zum Ende der Balancestrekke zurücklegen, wobei im fortgeschrittenen Stadium das Ende auch der Anfang ist, denn der geübte Seiltänzer wird die gleiche Strecke, die er vorwärts bewältigt hat, auch wieder umgekehrt zurücklegen wollen, wo dann der Ausgangspunkt das Ziel ist. Um bei dem Vergleich zu bleiben, auch wenn die Kinder noch nicht so weit dachten: Der Operateur wird zu Übungszwecken in der Pathologie am leblosen Körper eines Dahingeschiedenen, wenn nicht an einem Tierkadaver die ersten Schnitte tun dürfen – auch hier wird mit viel Überlegung, d.h. einem festen Schnittplan ans Werk gegangen…hier endet der Vergleich, denn auch der lebendige Körper eines Patienten leistet, in Friedenszeiten und in zivilisierten Gegenden, keinen Widerstand, gegen den der künftige Chirurg sich durchsetzen muss, der Körper liegt wie eine unberührte Fläche vor ihm, bereit sich dem Eingriff widerstandslos zu überlassen. Man wird, wenn bei dem Balancekünstler von einem Tanz die Rede ist, auch dies, bei aller Geschicklichkeit, nur im Ansatz auf die Tätigkeit des Chirurgen übertragen dürfen, die einer feinen und ausgeklügelten Choreographie gehorchende Hand desselbigen folgt – und wollte man dennoch weiter schlussfolgern, könnte allenfalls das Schließen des geöffneten Körpers, wo, sozusagen im Rückwärtsgang, mit Nadel und Faden, die Chirurgen mögen mir verzeihen, der Messerschnitt ungeschehen gemacht, d.h. vertuscht werden soll, einem Vergleich standhalten.
Wenn dagegen von einem Tanz die Rede ist, berührt dies den Hauptunterschied, Objekt ist, dem Anschein nach, das hin – und herschwankende Seil, sobald ein Fuß es betritt. Tatsächlich aber, und Björn hatte es als erster begriffen, zwingt es ihm, wenn es mit dem Artisten zusammentrifft, seine natürliche Wesensart auf, d.h. es versucht nichts mehr, als die Naturgesetze zur Wirkung kommen zu lassen. „Für den Artisten ausschlaggebend ist es, ob ich dem Seil gehorche oder das Seil mir. Im ersteren Fall bin und bleibe ich ein Tänzer, der sich, wie bei der Musik dem Rhythmus, hier den Schwingungen des Seils überlässt – und jederzeit abzustürzen droht. Im anderen Fall ist der erste Schritt ein subjektiver Willensakt, der sich im Zusammenspiel aller Fasern meines, deines Körpers niederschlägt und das Seil, das sich soeben aus einer schlaffen in eine tänzelnd schwingende Bewegung setzen wollte, in eine straffe und geradeaus laufende Einbahnstraße verwandelt“. Die Fertigkeit, sich hier zu behaupten und, im übertragenen Sinne, statt zu fallen, die Naturgesetze zu Fall zu bringen, war das, was dem unbescholtenen Spiel der Knaben, eine, ohne dass sie dies bewusst zur Kenntnis nahmen, besondere Note verlieh und, Schule hin, Schule her, auf ihre Wiese, wenn nicht die Persönlichkeit formte, so doch ihr Teil dazu beitrug. Von den anfangs vier oder fünf Jugendlichen, die sich dieser zunächst von Stürzen und Verletzungen gefährdeten Übung, stellten, waren zwei übrig geblieben. Es heißt, Übung macht den Meister - heißen müsste es, Zähne zusammenbeißen, Schmerzen ertragen und dem Körper immer wieder höchste Anspannung abverlangen, ein nur von einem eisernen Durchhaltevermögen geprägter Konzentrationsakt, „mit dem Körper denken“, der im Augenblick oder auch später, immer wenn es darum geht, das Gleichgewicht zu bewahren, belohnt wird.
Ich bin nun nicht willens, den Sack umzudrehen, hin – und herzuwenden, d.h. den Psychoanalytikern mit ihren Kindheitsfährten ins Handwerk zu pfuschen und will, ohne dabei die Schale, geschweige denn, den Kern zu verletzen, mit der mir zufallenden, ich erinnere daran, von Phantasie getrübten! Objektivität den Werdegang verfolgen.
Die späten fünfziger Jahre, er war in der ländlichen Idylle und unter dem Diktat eines sozialistischen Regimes, d.h. die Familie hatte im Rahmen der sozialistischen Bodenreform die Enteignung ihres ihnen Wohlstand sichernden Grundbesitzes erdulden müssen, zum Jüngling, dann zum Mann, ohne die Prinzipien der sozialistischen Persönlichkeit zu verinnerlichen, gereift, aber auch ohne zu wissen, wohin Weg und Ziel einer aus der Bahn geworfenen Existenz, das Wort Reife ist fehl am Platz, eher trifft noch der einem romantischen Gefühl geschuldete Begriff, aber in dieser Schärfe berechtigten Phrase, einer „verlorenen Generation“ zu, führen soll.
Nach der Schulzeit, d.h. sich ducken und verleugnen, immer beseelt von seinen ziellosen Träumen, es wird ernst! führte ihn in das Erwachsenenleben, der Familientradition gehorchend, der Vater ein, indem er ihn mit einer für derlei Liebesspiele ( und entsprechende Belohnung eingeschlossen ) empfänglichen Dame bekanntmachte, die den noch in seinen Jugendträumen gefangenen Knaben zum Mann erwekken sollte – es mussten, zum Leidwesen des Vaters, der den aus der Art geschlagenen Sohn nicht begriff und seinem immer schlanker werdenden Portefeuille nachtrauerte, mehrere Sitzungen abgehalten werde. Dann steckte ihn der Vater, dem das handwerkliche Geschick des Knaben aufgefallen war, in eine Schlosserlehre, die er zugunsten einer Ausbildung zum Hufschmied, er liebte Pferde, abbrach. Und nun? In die Welt hinausziehen, dieser Wunsch beflügelte ihn, und so verließ er Hof und Heim, tauschte die häusliche Geborgenheit und die Aussichten auf das sozialistische Paradies gegen die Unsicherheit einer westdeutschen Großstadt, ja, hier war und stand das Tor zur großen weiten Welt – und ihren Gefährdungen offen, ein. Auch hier, in Hamburg, dies begriff er recht schnell, muss, will er ins Leben hinaus starten, ein jeder seine angefangene Ausbildung beenden; hier schloss er, eine Lehrstelle zum Hufschmied ließ sich in der Großstadt nicht ausfindig machen, seine Lehre als Schlosser ab, wusste manches schon besser als die jahrelang tätige, alt und grau gewordene Stammbelegschaft, machte Bekanntschaft mit der Hierarchie des Lebens: Lehrjahre sind keine Herrenjahre! wurde Geselle. Eine ihm selbst nicht geheure Geschicklichkeit, hatte er nicht schon in der heimischen Werkstatt zur Überraschung wie zum Verdruss der Eltern „hantiert“? ließ ihn die Arbeitsprozesse vereinfachen und verkürzen, und nach Anfechtungen und, zugegeben, selbstverschuldeten Scherereien, kehrte er seinem Betrieb den Rücken und atmete tief durch und verdingte sich als Jahrmarkthelfer, schob die Schiffsschaukel auf dem Rummelplatz an, ließ sich, angemalt als „Schwarzer Mann“, mit Bällen bewerfen und empfand die Ungerechtigkeit der Welt und verdingte sich bei einem Zirkusunternehmen, wo er die Ställe der Tiere ausmisten musste, trat im Zirkus auf als Gefolgsmann eines Clowns, als Balancekünstler, der auf dem rollenden Ball, einer verkleideten Erdkugel, nicht das Gleichgewicht verliert. Seine Stunde kam, als einer der Seiltänzer, verursacht durch eine Unachtsamkeit, sich eine Sekunde lang, zu lang, von seinen vorsichtig vowärts tastenden Schritten ablenken ließ, eine Verehrerin warf ihm einen Blumenstrauß zu, er duckte sich weg, weil er einem Geschoss auszuweichen dachte. Als er seinen Irrtum erkannte, machte er Anstalten, die Verehrerpost aufzufangen, dabei stürzte er aus luftiger Höhe ab…
Dies hätte, wenn nicht das Ende, so doch eine Rufschädigung für den kleinen Zirkus bedeutet, denn der akrobatische Seiltanz war eine der Hauptattraktionen, der Wegfall dieser Zugnummer, der verzweifelte Direktor raufte sich die Haare, setzte das Familienunternehmen unter Druck. Björn, der wie jeder einzelne Artist sein Schicksal mit dem des Zirkus verbunden fühlte, sah seine Stunde gekommen. Der „dumme August“ machte dem Direktor das Angebot, für den verunglückten Artisten einzuspringen. Schaute dieser ihn einen Augenblick verblüfft an, sah er in diesem Vorschlag den Strohhalm, nach dem zu greifen, er „in dieser ausweglosen Situation“, „was bleibt mir anderes übrig?“ wagte. Noch voller Skepsis setzte er eine Vorführstunde an, in der Björn sein Geschick in dieser Königsdisziplin beweisen sollte. Die Partnerin des abgestürzten Tänzers weigerte sich zunächst, mit diesem gesichtslosen Ersatzmann aufzutreten und sah dieser Probe, die doch alles klären würde, „mit Zuversicht“ entgegen, auch ich, der ihn erst kennen lernen wollte, hegte meine Zweifel. Ein Bekannter von Björn hatte mir versicherte, dass es mit dieser Aufschneiderei seine Richtigkeit habe, immerhin habe er als Jugendlicher, von diesem Zeitpunkt her kenne er den „Artisten“, auf einer viel unsicheren Grundlage, schwankte nicht das Seil wie ein Fähnchen im Wind? das Gleichgewichthalten, „denn darauf kommt es an“, unter erschwerten Bedingungen geübt. „Die Verantwortung für diesen verantwortungslosen Schritt trage der Direktor allein“. Sicherheitshalber ließ dieser das Auffangnetz, die Seiltänzerin lachte, aufziehen. Björn, von der untersten Rangordnung, die ein Mitarbeiter in diesem Unternehmen einnehmen kann, plötzlich zum Mittelpunkt, zum möglichen Aushängeschild ausgerufen, fieberte diesem Nachweis seiner Eignung entgegen, kletterte dann, als es soweit war, auf den einen der Türme, der das Seil zu dem gegenüberliegenden spannte, fasste die Stange, mit dem er das Gleichgewicht halten sollte und betrat vorsichtig das Seil, das unmerklich unter dem Gewicht nachgab, wobei ihm, er hatte seine Hände nicht eingerieben, die Stange entglitt und einen Aufschrei unter den in der Manege ausharrenden Beobachtern auslöste. „Der stand noch nie auf einem Seil“, raunte die Seiltänzerin dem Direktor zu. „Kommen Sie wieder herunter!“ kommandierte dieser Björn, der nun voll konzentriert, die Aufforderung vernahm er in seiner Anspannung nicht, die ersten Schritte auf das Seil setzte, das Gleichgewicht ausbalancierte und immer mehr „festen Boden“ unter den Füßen gewann und nun übermütig, er hatte, indes die Zuschauer atemlos den Fortschritt des Aquilibristen begleiteten, begonnen, „Einlagen“ auszuprobieren. Er wippte, sprang dann, ein Aufschrei, in die Höhe, drehte sich und landete wieder sicher auf dem Seil, kehrte dann, als er unversehrt den gegenüberliegenden Turm erreicht hatte, auf der gleichen Strecke zurück – ohne sich umzudrehen, d.h., den Zuschauern stockte der Atem, im Rückwärtsgang zu seinem Ausgangspunkt zurück.
Von dieser Stunde an war er der neue Partner der Äquilibristin – musste sich allerdings ihrer Choreografie unterordnen und den Applaus des Publikums, der vor allem ihrer Führungsrolle zu danken war, denn sie stand im Scheinwerferlicht, ihr zubilligen – dies wurmt einen jungen Menschen, dessen Energien vor Tatendrang überschäumen, und mehr als einmal klopfte das Schicksal an die Tür, und er gab seinem Übermut nach, punktete, sobald sie ihm auf dem Seil den Rücken kehrte, mit seinen Einlagen, entwickelte eine clowneske Nummer, wo, seine Partnerin drehte sich um, und hier setzte sich wieder der dumme August durch, der zum Gaudi des Publikums mit unschuldigem Gesicht seine Späße leugnete, die Besucher am Ende dieser Zirkusnummer zuvörderst ihn mit Beifall überschütteten. Der häufige Ortswechsel brachte es mit sich, dass er das ganze westliche Europa, ja der Zirkus wagte sich, nachdem er die deutschsprachigen Länder beglückt hatte, auch ins fremdsprachige Ausland, Frankreich, Italien usw. und Björn, sicher, zu Hause auf seinem Seil, hätte mit dieser Zirkusnummer ewig weiterleben können, wenn nicht - diese tägliche Wiederholung bot auf Dauer keine Anreize, und mehr als einmal hatte er darüber nachgedacht, wie er die Nummer verfeinern und erweitern könnte, prallte alllerdings an seiner unnachgiebigen Chefin ab, die jeden Vorschlag, das Programm mit neuen Einfällen zu bereichern, ablehnte und keine Veränderung duldete. So war er nicht traurig, als der damals verunglückte Artist, für den er eingeprungen war, sich wieder gesund zurückmeldete und seinen alten Platz beanspruchte. Längst hatte er sich, und hier brach seine alte Bastelleidenschaft wieder durch, eine neue Nummer ausgedacht, ein Soloprogramm. für das er den Direktor gewinnen und begeistern wollte. Der Ritt auf der Kanonenkugel, jenes tollkühne Abenteuer, mit dem der Lügenbaron seine Zuhörer ( und Leser ) verbüffte hatte – dieses wollte er als neue Zirkusnummer anbieten. Der Direktor, dem er seinen Vorschlag unterbreitete, wog bedenklich den Kopf hin und her, schüttelte sich, ehe er - in Lachen ausbrach: „Das schlag dir aus dem Kopf, mein Junge“ - und dann doch neugierig geworden: „Wie soll das funktionieren?“ Nun setzte Björn seinem Arbeitgeber seine neue Nummer auseinander, verschwieg auch nicht die Details, eine Kanone, die er noch aus alten Wehrmachtsbeständen beschaffen und für diese Zugnummer umbauen wollte, ebenso die Kanonenkugel, sein Fluggerät, mit dem er durch die Zirkuskuppel zu fliegen gedachte- lediglich für das Netz, das ihn nach seiner Flugpassage auffangen sollte, müsste der Zirkus aufkommen.
Der Direktor ( und seien wir ehrlich, wir auch ), nicht überzeugt von einem Gelingen einer solchen Nummer, gab schließlich, und es war die Begeisterung, der unerschütterliche Glaube, mit dem Björn sein Anliegen vorbrachte, dem Drängen seines Artisten nach.
Björn machte sich, er vertraute auf sein Basteltalent, ans Werk, baute Modelle, katapultierte Schusserkugeln in die Luft, berechnete Abschussdruck und – geschwindigkeit, maß die Schussweite und bestückte dann die Kugel mit einer winzigen menschenähnlichen Attrappe, dann einem lebensgroßen Puppen – Modell, das erst im zehnten Anlauf bzw. Abschuss den Neigungswinkel erreichte, der, nach seinen Berechnungen, zum Gelingen nötig war. Parallel zu diesen Versuchen baute er die Wehrmachtskanone um, d.h. er verkürzte den Lauf des Abschussgerätes, verringerte den Abschussdruck, die Atühöhe, zwängte sich selbst, seine Körpergröße, er war klein geraten, kam ihm dabei zu pass, in die „Röhre“, griff nach der Kanonenkugel, so dass sie zwischen seinen Schenkeln zu liegen kam und stellte sich vor, wie das im Ernstfall, noch war er nicht so weit, vonstatten gehen sollte. Die ersten Abschüsse mit seiner Kanone verlegte er vorsichtshalber, nein selbstverständlich aufs freie Feld, so dass, sollten seine Berechnungen sich als falsch erwiesen haben, niemand zu Schaden kommen konnte. Sodann, kaum waren die ersten Versuche geglückt, erstand er eine Schaufensterpuppe mit seinen Körpermassen, seiner Größe und seinem Gewicht, später eine von Autofirmen spendierte Dummy, die bei einem Autozusammenstoß die Aufprallwucht misst, schnürte Kugel und Puppe zu einer Einheit zusammen und riskierte den Abschuss. Das ballistische Geschoss hielt sich an die Berechnungen, die sein Auftraggeber angestellt hatte, fuhr wie vorgesehen, aus dem Rohr, gewann eine pedantisch vorgegebene Höhe, nahm seine elliptische Bahn ein und schlug nach ca. 50 m auf das Feld – Versuch gelungen, Puppe tot. Wobei nicht Abschuss oder Flugbahn das Überleben oder Nichtüberleben des Reiters der Lüfte verursachten, sondern die Wucht des Aufpralls auf den Boden die Schuld trug. Nach mehreren erfolgreich verlaufenen Versuchen - die nötigen Modelle spendierten wieder Auto -Firmen, denen er versprechen musste, ihren Namen auf dem Programmzettel zu vermerken - traf er Anstalten, die Versuche ins Zirkuszeltinnere zu verlegen, ließ an der der Abschussrampe gegenüberliegenden Zeltwand das Netz aufspannen, wiederholte nun die Feldversuche …und hatte nach mehreren Start den Neigungswinkel des Geschosses für eine sichere Landung im Netz herausgefunden, so dass er sich- unbedenklich! - für den Ernstfall rüsten konnte. Der Direktor, der den letzten Experimenten beigewohnt hatte, konnte seine Begeisterung kaum zügeln und wartete mit seinem Protagonisten auf die Bewährungsprobe vor „ausverkauftem Haus“- für die Weltsensation war aufwendig geworben worden, Radiosender und Fox Tönende Wochenschau hatten sich angemeldet.
Der Höhepunkt, der Seiltanz der beiden Artisten war vorüber, nun, die Punkt - Scheinwerfer und die Kameras der Berichterstatter richteten sich auf die Kanone, stand die in den Medien groß angekündigte „Weltsensation“ bevor. Die Trommeln zitterten, ein Trompetenstoß kündigte den Start an – der Direktor in eigener Person senkte den Hebel und gab damit das Signal für den Abschuss. Ein Röhren und Stampfen, ein Aufschrei des Publikums und dann schoss Münchhausen, den Dreispitz auf dem Kopf, aus dem Kanonenrohr, fuhr, rittlings auf der Kugel sitzend, hoch in die Kuppel des Zirkuszeltes, blickte nach unten, lüftete den Dreispitz und grüßte ins Publikum. Ein begeistertes Klatschkonzert begleitete nun die Landung - wie vorgesehen senkte sich die Flugbahn, sobald er den höchsten Punkt seiner Flugbahn, dicht unter der Zirkuskuppel, erreicht hatte, und Pilot und Kugel stürzten senkrecht ab, im Jargon des Zirkus hieß es, sie landeten sicher im aufgespannten Netz. Für wenige Sekunden erlosch das Licht, dann, als es wieder hell im Zelt wurde, stand der Kandidat auf dem sicheren Boden der Zirkusarena, ein Tusch begleitete die Verbeugung, und er badete sich im Beifall eines begeisterten Publikums und empfing den Blumenstrauß des Direktors, den er aufschnürte und die Blumen einzeln herauspflückte und als Dank für den Applaus ins Publikum zurückwarf.
Mit dieser attraktiven Nummer wagte sich der Direktor über die Grenzen, um auch in der heißen Atmosphäre einer besonders kritischen Öffentlichkeit und der Medien, die ihr die Stimme leihen, zu bestehen. Das kühne Experiment glückte, auch hier, erst in Frankreich, dann in Großbritannien, wurde Münchhausen, unter diesem Namen hatte er sein neues Zuhause gefunden, als Höhepunkt einer jeden Vorstellung, begeistert gefeiert. Dies hätte endlos weitergehen können, wenn nicht das Schicksal einen rabiat – radikalen Schlusstrich unter die Erfolgsnummer gezogen hätte. Das Schicksal, hinter dieser Anrufung verbergen sich zumeist sehr weltliche Nornen, die den Faden ihres sehr eigenen, oft sündhaften Interesses spinnen. Er weckte den Neid der Seiltänzerpaares, bisher Star des Programms, das sich seiner Führungsrolle beraubt sah. Heimtücke, Hinterlist ist gerade bei denjenigen zu Hause, die aufeinander angewiesen sind; sie beäugen sich am meisten, und, stellen wir fest, sie schielen dabei… der Neid findet gerade unter den eigenen Verwandten, den engsten Nachbarn seinen höchsten Nährboden.
Man muss der Ehrlichkeit halber sagen, auch Björn war seiner neuen Erfolgsrolle ein wenig müde geworden, als die Nornen, es geschah in Brighton, zu einem mit langer Hand vorbereiteten Schlag, den man wo, wenn nicht hier, erfolgreich ausführen konnte, ausholten. Auf dem Flohmarkt hatte das eifersüchtige Seiltänzerpaar alte Kanonen aus dem ersten Weltkrieg entdeckt und die Briten bei ihrer Ehre, d.h. ihrer Wettsucht gepackt, nämlich ob und welche Kanone weiter schießt als die zirkuseigene Kanone deutschen Fabrikats. D.h., sie tauschten, verständlicherweise, denn wie sollte man sonst das Experiment durchführen? sie machten „Nägel mit Köpfen“, das deutsche Fabrikat gegen ein angelsächsisches, das über ein, da im Originalzustand belassen, längeres Kanonenrohr verfügte, aus – und harrten am Abend gespannt auf den Ausgang einer nicht in Frage stehende Wette aus, bereit die Wettschulden, denn ihre Ehre stand auf dem Spiel, an Ort und Stelle zu begleichen. D. h. sie sorgten, indem sie es ablenkten, dafür, dass ihr Opfer erst in letzter Sekunde das Zirkuszelt betrat, wie gewohnt sich in die Öffnung der Röhre zwängte, dann zu seiner Verblüffung weit nach unten in den dunklen Schlund des Rohres rutschte, aber die Kugel zu fassen bekam und sich, für Bedenken war keine Zeit mehr, auf den Ritt vorbereitete. Das Kommando kam in Begleitung der Militärmusik, der Direktor senkte den Hebel zum Abschuss…und Björn, wurde wie ein wahres Geschoss in die Luft katapultiert, um mit voller Wucht das Zirkuszelt zu durchschlagen, wobei er seinen Dreispitz verlor, und er flog, den Briten sei Dank, in einer ballistisch hoch und weit angesetzten Ellipsenbahn, hoch in die Luft, sah die lichtdurchflutete Stadt Brighton unter sich, die erleuchteten Straßen, den aufgegangenen Mond, fuhr in einer langgezogenen beinahe geraden Krümmung in die dunkle Nacht, überquerte eine große Wasserader, den Ärmelkanal, wie er mutmaßte, entdeckte tief unter sich ein paar Schiffe, grüßte nach unten, als er es erkannte, das im Mondlicht schimmernde Gemäuer der Mont – Saint – Michelkathedrale; er vergewisserte sich seines festen Sitzes und reiste, seine erste Aufregung hatte sich gelegt und er sich ins Unvermeidliche gefügt, rittlings über Berg und Tal, über Hain und Flur, um dann soz. über schwarze Wälder und weite Ebenen die Fahrt fortzusetzen; die Flugbahn hatte ihren höchsten Punkt erreicht, als sich, den Gesetzen der Physik gehorchend, der Ellipsenflug senkte, am Himmel kündigte sich bereits der nächste Morgen an, er erblickte im Dunst auf einem Berggipfel die Statue eines das Schwert hochhaltenden Recken, nein Björn, das waren zwei Fluss – oder Stromläufe, an deren Zusammenfluss die Kaiserstatue, hoch lebe der Kaiser, nein Deutschland! stand, lüftete in Gedanken den Dreispitz, als er, der Erde wieder näher, die Silhouette einer Stadt erkannte, im Näherkommen einen Flusslauf, einzelne Bauwerke wie Rathaus, Verwaltungsgebäude, Einkaufszentren, von einigen Autos befahrene Straßen, die Ampelleuchten, dann Fabrikanlagen identifizierte, weiter, er hatte an Fahrt und Geschwindigkeit verloren und setzte zur sachten Landung an, wobei der Reiter kurz vor dem Aufschlag von der Kugel abzuspringen, seinen Hut, mon Dieu! wo bin ich? Wo ist mein Hut? abzusetzen versuchte, ehe er, seines Irrtums eingedenk, beinahe gestolpert wäre, dann sich wieder fing, indes hinter ihm die Kugel in den Boden schlug, und er zum Stehen kam – vor einer Gruppe, einer Belegschaft einer Maschinenfabrik, die ihn, das Himmelswunder, ungläubig anstarrte, sie konnten nicht fassen, was sie gesehen hatten…
Auch ich, ich gebe es zu, konnte mir, meine Phantasie ist landläufig, nicht vorstellen, wie dies, musste man das glauben? möglich sein könnte, indes wurde mir von mehreren Seiten bestätigt, dass es sich so ( oder ähnlich ) zugetragen habe, und ich habe eine Nachricht in einer englischen Zeitung, es war tatsächlich der Londoner Guardian oder die Herald Tribune, was sagen Sie? ein US-Nachrichtenmagazin- New York, na, da sehen Sie, wie weit es unseren Protagonisten, seine Geschichte! verschlagen hat, und wem, wenn nicht diesem Volk und seiner ruhmreichen Presse kann man vertrauen? gelesen, die keinen Zweifel daran ließ, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruhe.
Als sie, die Arbeiter, Angestellten, Abteilungsleiter, Direktoren aus ihren Träumen erwachten, bereiteten sie ihrem Findling einen begeisterten Empfang, hoben ihn hoch und trugen ihn auf ihren Schultern in die Werkhallen, wo das Gedröhne laufender Maschinen ihm den Landungsplatz versüßte. Er hatte genug gesehen, um, der Begrüßungstrunk, ein Dortmunder Helles, tat ein übriges, der Verlockung nicht zu widerstehen, am Drehstock und an der Werkbank der Maschinenfabrik seiner Bastelleidenschaft frönen zu dürfen: Er verdingte sich als Schlosser: in diese Zulieferungsstätte für die Waffenfabrik von H. und K., die ihn, obwohl sie von einer Absatzflaute bedroht waren, als tüchtigen Handwerker wie als Werbeikone einstellten. Ich muss ausholen, die Produktionsanlagen waren trotz der auf höchstem technischen Knowhow, mit dem Gütesiegel „Made in Germany“ versehen, in ihrer Existenz gefährdet, der Verteidigungs – und der Wirtschaftsminister rotierten: der eigene Bestand war mehr als aufgefüllt, die Nachbarländer winkten ab, kein Bedarf - die lange Friedenszeit! das ist die Dialektik der Vernunft! gefährdet Arbeistpätze! Ich greife vor…
in dieser prekären Situation, auf der Suche nach Absatzmärkten, kamen ihnen ihr neuer Freund, die USA, zu Hilfe. Sie schürten in Entwicklungsländern, zumal vor der eigenen Haustür, in denen das Fieber sozialer Unruhen wütete, die Stimmung, ohne selbst in Erscheinung zu treten, und zugegeben, hinter dem Verzicht auf Eigennutz steckte, ein langfristiges politisches und wirtschaftliches Interesse, zunächst nicht selbst in Erscheinung zu treten, so dass mit informellem politischem Begleitschutz deutsche Firmen unauffällig in die Bresche springen konnten. Fragen Sie mich nicht, wie unser Held es anstellte, dass die Wahl auf ihn fiel, er zum Waffenhändler in südamerikanischen Breiten, im Vorhof Amerikas, aufsteigen konnte – ja, Sie haben recht, unauffällig sollte dies geschehen, man suchte einen, gestatten Sie, Einfallspinsel, der das Herz auf dem rechten Fleck hatte und ohne Bedenken, dies spricht nicht gegen ihn, nur die Phantasie, oder das Gewissen - heißt es nicht, Moral ist der größte Feind eines jeden Geschäftes, ein Luxus, den sich gerade eine aufstrebende Industruíenation nicht leisten konnte? - war in diesen Zonen unterentwickelt, den Handel in die Wege leiten und durchführen konnte.
Die nächsten Jahre, Auftraggeber wie Mandatsträger hüllen sich in Schweigen, liegen, ich versuchte, die Gründe darzulegen, demzufolge, Top secret, die Lippen, die Auskunft geben könnten, verschlossen blieben, im Dunkeln. Und dies war, was blieb mir übrig? ein Fingerzeig, den Mittelweg einzuschlagen: zwischen Dichtung und Wahrheit. Denn in dieser, geben Sie mir recht? rührigsten Phase im Leben eines Menschen, zwischen zwanzig und fünfunddreißig, werden die Weichen gestellt, die -ich bin kein Alexander, der, indem er den mit Bedacht geknüpften gordischen Knoten mit dem Schwert „löst“ und Weltgeschichte schreiben oder der Vorsehung gehorchen möchte…armer Aristoteles, sagte er nicht, der Krieg ist der Vater aller Dinge? je nach Lage der Dinge und der erfindungsreichen Einbildungskraft, einen Spitzbuben zum Präsidenten, wie einen Präsidenten zum Hanswurst aufsteigen bzw. verkommen lassen.
Ich greife, nachdem ich abgeirrt bin, vor, und ehe wir, eine Entschuldigung, nein, ein Hinweis ist überfällig, die pluralis majestatis bemühen, geben Sie es zu, die Neugierde – und hier, Sie entschuldigen meinen Vorgriff, sind wir uns einig, ist es auch der Ehrgeiz, der uns zu großen Taten antreibt, und die zusammen endlich das Zustandekommen auch schwieriger Abmachungen verbürgen. Doch ehe wir uns ganz verlaufen, fangen wir den Faden wieder auf – da, wo die Weichen längst gestellt sind und man „genommen“ wird, d.h. wir werden vermuten müssen, dass dem hier angebahnten, auch natürlichen Vorwärtsdrang Rechnung getragen wird: Zeigt sich dies einerseits in der Unduldsamkeit, eine angefangene Sache zu Ende zu bringen, auch der Zirkus ist ein Lebensborn von kurzer Verweildauer, in dem die errungenen Fähigkeiten bestätigt und befestigt werden, bewahrheitet es sich andererseits in dem Bestreben, den Gesichtskreis zu erweitern, d.h. die privaten und geschäftlichen Belange zu regeln – und, hier zeigt sich das besondere, auch vom Zufall, na eben! begünstigt, Geschick, das eine mit dem anderen zu verbinden, die Stränge so zusammenzuführen, dass zwei nebeneinander herlaufende Streckenabschnitte in eine gemeinsame Spur münden. Und hier greift eine andere Version ein, die indes, nicht weniger glaubhaft, ich gebe ja zu, die Anfangsjahre dieser Republik nach dem großen Intermezzo verliefen wie nach einer schweren Mahlzeit, wo die Verdauung zunächst streikt, ehe sie wieder, schwer, in die Gänge kommen - Björns Karriere so plötzlich wie unverhofft beflügeln sollte.
Björn, den es, weiß der Henker warum, nun, die Kanonenkugel hätte ebenso früher oder später niedergehen können, ins Westfälische, genauer gesagt, in diese sauerländische Provinz, immerhin noch ein Edelgewächs in einem Wald voller dornigem Unkraut! verschlagen hatte, wurde, bei einem nichtigen Anlass, seine künftige Ehefrau vorgestellt, oder trifft es zu - der Andrang in den frühen Morgenstunden war goß - dass die Verkäuferin in einer Bäckerei, oder waren es die besonders knackigen Brötchen in dieser Backstube? ihm wie den vielen anderen - und wer vergaß oder
