Kein schöner Land - Klaus Schober - E-Book

Kein schöner Land E-Book

Klaus Schober

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Beschreibung

In drei Bänden ( 1. Band: Der Salon, 2. Band: Homo urbanus, 3. Band: Die afrikanische Lösung ) wird der Nachkriegsgeschichte Asturiens, vor allem seiner Front- bzw. Hauptstadt Bonaparte, bis zur Wiedervereinigung gedacht. Asturien ist, wie seine Hauptstadt Bonaparte auch, nach dem Krieg geteilt. Hier, in der westlichen Hälfte der Stadt gründet eine Konsularwitwe einen Salon, in dem die "besten Geister" der Stadthälfte als Mitglieder/Stammgäste verkehren und wo der "unvermeidliche hausbackene Provinzialismus" mitunter vom Hauch der weiten Welt gestreift wird. Neben Politikern, Künstlern, Wissenschaftlern Dr. Karl Löwitsch, Alterspräsident und Vorsitzender des Vereins Ostafrikanische Gesellschaft, Dr. Frey, Archäologe, Rebecca, seine Frau aus Amerika, und Bruno, Rechtsanwalt, in deren Auseinandersetzungen die Geschichte der 60-er, 70-er und 80-er Jahre ( bis zum Mauerfall ) wiederauflebt - satirisch verbrämt und immer am "Rockschoß der Wahrheit".

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Seitenzahl: 628

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Zsi gewidmet

« Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.

Wer zweimal lügt, die Wahrheit spricht. »

( westasturisches Sprichwort )

« Trau keinem Westasturer – auch nicht, wenn

er die Wahrheit spricht. »

( Geheime Anweisung des MfS an seine

Mitarbeiter, A K 362 )

Inhaltsverzeichnis

Vorwort I

Vorwort II

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Zweiter Teil: Aufbruch ( Bonaparte – New York )

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Dritter Teil: Cordelia

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Dritter Teil: Cordelia

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Vierter Teil: Das Personal

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Fünfter Teil: Paris

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Sechster Teil

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Siebenter Teil

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Achter Teil

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

VORWORT

I

Staat,Stadt und Geschehnisse sind der Phantasie entsprungen; selbst die Personen haben, auch wenn Sie es nicht glauben, eine nur bedingt beabsichtigte Ähnlichkeit mit lebenden Vorbildern: Sicher, man kann sagen, Dichtung orientiert sich am Beispiel lebender Personen, realer Schauplätze und oftmals tatsächlich vollführter Handlungen, aber ist es nicht vielmehr so, dass sich das Leben an dichterischen Vorbildern ein Beispiel nimmt, also Dichtung, sagen Sie ruhig Einbildung, und dann Wirklichkeit die Reihenfolge bestimmen?

Ja – nein! Wenn ich, trotz aller Vorbehalte und Befürchtungen mit Hilfe derTäuschung, Sie können auch sagen: mit Übertreibungen, diesen Schritt an die Öffentlichkeit wage, dann ist dies dem Gedenken „an unsere Sache“ ( und die Opfer ) geschuldet und der Pflicht, ansatzweise, nie genug!, den Erwartungen Genüge zu tun, Sie können auch sagen, den Glauben auf die Aussicht einer von allen freiwillig befolgten Moral ( auch wenn sich einige, wie Bruno M., an diesem Begriff stören ) nicht aufzugeben. Sie werden mit Recht fragen, was mich, was uns ermutigt hat, ein, gegen alle Erfahrung und immer wieder vergeblichen Versuchen, solches Unternehmen ausgerechnet in einem von allen guten Geistern verlassenen, aber dennoch weltweit geachteten Staat in die Wege zu leiten? Nun, das hat seine ( guten ) Gründe, die nicht zuletzt in den Personen, die hier zu Worte kommen oder die im Verborgenen wirken ( und deren Namen wir, nicht zuletzt deshalb, um nicht im nachhinein gerichtlich belangt werden zu können, geändert haben ) an einer Einrichtung, in der, lassen Sie mich das so allgemein sagen, die verschiedenen Geschmäcker aufeinandertreffen und sich, auf die eine oder andere Weise, mischen und einer, wie wir glauben, ursprünglich in uns, wider allerEnttäuschungen, angelegten Hoffnung auf.....das s. weiter unten.

Sie werden auch, ich bitte Sie“, meinen Namen nicht wissen wollen, Sie würden ihn auch nicht, es sei denn, es wäre Verrat im Spiel, erfahren; nur soviel, ich bin, immer noch und gegen alle „Rückschläge“, politisch tätig, ein „Geschäft“, in dem man mit vielen Masken auftreten sollte, wo man mit offen zu Tage tretender Ehrlichkeit ( „ein Narr, wer ehrlich ist“ ) nicht weiter kommt. Nennen Sie mich, wenn Sie das Bedürfnis haben, einfach Beckmann, um nicht Laufbahn oder unser Anliegen zu gefährden...

Dabei mag der eine oder andere Fall, an den Sie sich erinnern, die eine oder andere Person, auch wenn Sie diese wiederzuerkennen meinen, sich verzeichnet vorkommen, aber bedenken Sie, im Sinne einer höheren Wahrheit zählt nicht die einzelne Frucht, sondern die gesamte Ernte.

Das Land, von dem hier die Rede ist, gab oder gibt es das wirklich? frage ich mich manchmal, heißt gemeinhin Asturien - ein schönes Land? Kein schöner Land.

Die Hauptstadt, über die Näheres noch zu berichten sein wird, war, ist Bonaparte.Die Namen sind, wie Sie merken, keine Eigenge-wächse. Wollen Sies genau wissen? Nun denn: Damit kommt eine Eigenart zur Sprache, die zur Gewohnheit geworden ist, bestimmte Züge, Namen, Sitten usw. damaliger Zuwanderer, Eroberer, Besatzer, Glücks – oder Heilbringer ( die Bewohner dieses Landes heißen jede fremde Macht herzlich willkommen!) auf die eine oder andere Weise einzugemeinden, sie sich soz. wie einen gut Laib Brot einzuverleiben. So besitzen die Asturier keine eigene reine Sprache, sondern in Anlehnung an durchziehende Stammesverbände und jeweilige Besatzungsmächte ein von verschiedenen Sprachen und Mundarten gefärbtes Kauderwelsch, eben asturisch, das der Verfasser sich bemüht in ein einigermaßen verständliches Hochdeutsch, Oxfordenglisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Ungarisch, Osmanisch und weiß der Himmel, in welche Sprachen noch, zu übertragen.Und immer wieder muss betont werden, und dies wurde es bis zum Überdruss, dass die beiden Landeshälften seit Kriegsende besetzt sind; und die Besatzungsmächte, untereinander längst zerstritten, waren trotz zugestandener Wieder-Teil-Souveränität die eigentlichen Herren in diesem Land, weshalb Dr. Karl, geistig von monarchischer Herkunft und republikanischer Gesinnung, insbesondere auch Vorsitzender des alten Ostafrikanischen Kolonialvereins, die strittigen Fragen auf seine Weise löste, indem er von einer verbrämten kolonialpolitischen Herrschaft sprach, anders, in seinen Worten ausgedrückt: „Kolonialpolitik, wie sie früher in mannigfacher Variation aufgetreten ist, besteht, wie brüderlich sie sich auch gibt, nach wie vor“; er drückte den Stadtkommandanten die Hände, „und wir, nicht wahr, fühlen uns wohl...“.

Vorwort

II

Es war nicht allein der Fund, der, allen Zweifeln zum Trotz, wahre, wenigstens vielversprechende und gewichtige Grund, die causa moralis, nein: obligationis...die „uns“zu diesem, wie böse Zungen behaupten ( und milde umschreiben ), „Pilotprojekt“ zusammen-geführt hat. Vielmehr glaube ich, dass in uns allen, uns oftmals nicht bewusst, verborgen ein Schatz, eine conditio (humana )sine qua non, gehütet wird, der in unseren Illusionen wiederauftaucht. Das ist mit Sicherheit keine Morgengabe für Pragmatiker! ( weh dem, der umso zeitgemäßer dies zu sein scheint, seine Schuhsohlen heißläuft und dabei lediglich sein Tagesgeschäft absolviert ). Dr. Frey, ich darf ihn so nennen, bekennt sich als einen von Haus aus gutgläubigen Illusionisten, der indes nie ganz frei von seinen Zweifeln ist, ein Wissenschaftler, bei dem bis ins Private hinein, die Skepsis obsiegt und der mehr als einmal drauf und dran ist, „alles aufs Spiel zu setzen“, obwohl zu Zweifeln...kein Anlass besteht. Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

„Wagen wir, als eine Möglichkeit, ein – gedankliches - Experiment! Wenn wir zum Beispiel, ich zitiere sinngemäß den Göttinger Professor, die Geschlechter nicht einmal mehr an ihrer Kleidung, Frisur o. a. erkennen können, sondern das Geschlecht auch noch erraten müssen, so würde eine neue Welt der Liebe entstehen.“

Der populärwissenschaftliche Vortrag, den Dr. Frey hielt, weniger aus freien Stücken, etwa einer Neigung nachgebend oder einem Hang zur Mitteilung, mehr auf Drängen der Institutsleitung und des ostafrikanischen Vereins, und den er zum Anlass nahm, aus der Forschungsweite seines Gebietes ein besonderes Motiv aus einer bestimmten Zeit, Jederzeit, herauszugreifen, vor einem interessierten Publikum, immerhin war der Saal zu dreiviertel gefüllt, neigte sich dem Ende zu, das er, wohlweislich lächelnd, mit einer überraschenden, auch das Laienpublikum verblüffenden Behauptung einleitete, die, auch wenn sie von Fachkollegen aufgestellt worden wäre, trotz ihres allgemeinen, ins Unverbindliche weisenden Charakters, für einen Sturm der Entrüstung gesorgt hätte; und die hier – notabene – Ratlosigkeit bzw. Unverständnis hinterließ, bei einigen auch Neugierde weckte.

„...Die Zeiten, in denen die Tugenden wie Bäume von alleine in den Himmel wuchsen ( ungläubiges Staunen, dann, vereinzelt Räuspern und Lachen ), liegen im Schoß der Märchen begraben; heute verwirft ein nüchterner Geist, ein rastloser Forscher- und Erkenntnistrieb, die wissenschaftlich – technologische Beschäftigung mit dem, auch was das Leben angenehm macht, eine neue, materiell verbesserte Grundlage, den Glauben an Wunder. Aber besteht nicht der Wunsch nach einer Erfindung oder Wiederbelebung, sollen wir Freilegung sagen? jener Grundtugend, eines Sehnsuchtmotivs, in dem sich der Geschmack einer jeden Epoche wiederfindet, weiter?

Diese, unsere Zeit, ist ein Zeitalter der Museen, ein Museumszeitalter! Nicht nur dass überall Museen gebaut werden, um Schätze, Ausgrabungen vergangener Kulturen, neue Ergießungen des Herzens, reife Zeugnisse menschlicher Schaffenskraft, künstlerischer Kultur oder „Alltagskultur“ u. a. auszustellen und zu bewahren und einen Zustrom der Besucher auf immer neue Objekte ihrer spiritu-ellen Wissbegierde zu lenken! Wir sind Teil eines großen einzigartigen Museums unserer Erde, unserer Zivilisation, unserer Natur; wo jeder Schatz, den wir bergen, jede neue Entdeckung, und ich beziehe die Forschung im Mikrokosmos wie im Makrokosmos mit ein, die Ausgrabung eines längst Vorhandenen ist. Wir Forscher, Wissenschaftler sind Rutengänger, die mit empfindlich – sensiblem Tastgerät Vorhandenes als Erkenntnisse zutage fördern, um das und nichts als das sichtbar zu machen.

Ich bin Archäologe, mein Arbeitsbereich sind Ausgrabungen entlang einer längst vergessenen Hauptroute menschlicher Kulturstufen, ähnlich der Seidenstraße, im Hochland Ostafrikas“, er nickte dem im Saal befindlichen Dr. Karl zu, „und ihre Auswertung; da, wo erste menschliche Begegnungen auf einer neuen Kulturstufe sich ergaben, ein neuer intersubjektiver Grundton, indem sich der Mensch als Mitmensch erlebt und mitteilt, dieser Schritt hin zu dem, was wir als Humanität, nennen wir es ruhig die Geburt des Humanismus, bezeichnen, sowie Beziehungen, die neben der sexuellen Fortpflanzungs – und Lustmythologie die Akkorde eines neuen Charakters in den Beziehungen der Geschlechtspartner anschlagen. Dieser plötzliche emotionale Umschwung in der Begegnung der Geschlechter wurde fortan „Liebe“, die „Sehnsucht nach der Liebe“, genannt, und die Darstellung der Liebe als mythische, sakrale Größe im Bildzauber gefeiert...zugleich die Rivalität! Der Mythos, den manche, ob zu Recht oder Unrecht, urteilen Sie selbst, ausdehnen wollen auf die Beziehung unter uns Menschen überhaupt, gilt nach Jaspers als „ein Sprechen in Bildern, Anschaulichkeiten, Vorstellungen, in Gestalten und Ereignissen, die übersinnliche Bedeutung haben“, zugleich auch als „Wirklichkeit, in deren Vorstellung empirische Realität und übersinnliche Wirklichkeit nicht bewusst getrennt werden.“ Dies war der Anfang aller Anfänge, die Geburtsstunde des „Grals“, nach dem wir, Jahrtausende später, immer noch – oder schon wieder? – suchen. Sie sollen wissen, ich will“, er sagte dies verschmitzt in einem vieldeutigen Unterton,“ Ihnen keine Angst machen; wir Forscher, die wir Ausgrabungen vornehmen, leben gefährlich ( wie auch Sie, die sich von unseren Berichten anstecken lassen ), viele von uns werden von unbekannten Erregern befallen, an denen sie fortan leiden, wir infizieren andere, viele, zunächst sie, dann ihre Ideen, werden später hinweggerafft,,,andere, wie Schliemann, durften fortan unter südlichem Himmel, umgeben vom Duft mediterraner Blütenvielfalt, dem Gemurmel der Quellgötter und – nymphen, ihr Leben leben...“

Erst zögernd, dann begleitet von einem befreienden Lachen, stärker, setzte der Beifall ein; Dr. Frey hatte die Manuskriptseiten beiseitegelegt und verbeugte sich. Man kann ihnen alles erzählen, dachte er, bald glaube ich selbst daran; soll ich die späteren Funde erwähnen, die wir mit aller Vorsicht noch nicht einzuordnen wagen - wo hört die Vermutung auf, wo beginnt die Gewissheit?

In drei Bänden ( 1. Band: Der Salon, 2. Band: Homo urbanus, 3. Band: Die afrikanische Lösung ) wird der Nachkriegsgeschichte Asturiens, vor allem seiner Front- bzw. Hauptstadt Bonaparte, bis zur Wiedervereinigung gedacht.

Asturien ist, wie seine Hauptstadt Bonaparte auch, nach dem Krieg geteilt. Hier, in der westlichen

Hälfte der Stadt gründet eine Konsularwitwe einen Salon, in dem die „besten Geister“ der Stadthälfte als Mitglieder/Stammgäste verkehren und wo der „unvermeidliche hausbackene Provinzialismus“ mitunter vom Hauch der weiten Welt gestreift wird.

Neben Politikern, Künstlern, Wissenschaftlern Dr. Karl Löwitsch, Alterspräsident und Vorsitzender des Vereins Ostafrikanische Gesellschaft, Dr. Frey, Archäologe, Rebecca, seine Frau aus Amerika, und Bruno, Rechtsanwalt, in deren Auseinandersetzungen die Geschichte der 60-er, 70-er und 80-er Jahre ( bis zum Mauerfall ) wiederauflebt - satirisch verbrämt und immer am „Rockschoß der Wahrheit“.

Es hieß, es sei ein sagenhaftes Anwesen – manch einer vermutete, hier läge Avalon, das ist Unsinn! eher wäre davon zu sprechen, es handle sich hier um einen Ort, an dem die Tafelrunde zu Hause war; aber auch das ist übertrieben, König Artus wäre hier eine Frau!...Und die Ritter? Die Bewohner oder Besucher? Sind wie einst, in sagenhafter Zeit, Einzelkämpfer, denen allerdings vieles andere näher am Herzen liegt als die Ehre, die Liebe, zugestandenermaßen die menschliche Kehrseite: die Macht!

Auf der Suche nach dem Gral war, ist jeder ein Bote seines eigenen Geschicks...

Dieses Anwesen liege in einer Gegend der alten Residenz -, dann Reichs-hauptstadt und nun geteilten Großkommune, in die sich ein Tagestourist ohnehin kaum verirrt; abgelegen, obgleich eine nach dem Planverfahren zur Autobahntrasse erhobene Fernstraße Erster Ordnung dicht vorbeifährt! Auch der moderne Stadtführer verschweigt, wenn er ihn überhaupt kennt, den Ort; aber er erwähnt ein Denkmal für eine Persönlichkeit, eine weitläufige Begabung, einen Huma-nisten, der Großindustrieller, Politiker, Schriftsteller, Schöngeist war und hier in der Nähe lebte und, so drückt sich die Verehrung der Asturier für ihre Größen aus, einem Attentat zum Opfer fiel. Dieser Sterbliche, um den sich Geschichte schon zu Lebzeiten wie um ein Denkmal drehte, wäre, hätte er noch gelebt, was, da er aus einer anderen Zeit kam, auch ohne dass er ermordet wurde, mehr als un-wahrscheinlich wäre, herzlich willkommen und eines der Glanzlichter bei den meist abends stattfindenden Veranstaltungen gewesen. Denn niemand erfreut sich des Außergewöhnlichen so sehr wie der gewöhnliche Sterbliche und ohne denjenigen zu beleidigen, ihm Abbruch oder Abbitte zu tun, nur zu verständlich, dass sich die Geschichte der Zeit als Reflex großer, sterblicher wie unsterblicher Persönlichkeiten spiegelt, in deren Abglanz sich der normale Mensch mit dem Verdienst mehr oder weniger nennenswerter Eigenschaften nur allzu gerne sonnt. Hier nun, in der Nähe, soz. im Schoß einer alten Kultstätte, befand sich jene Liegenschaft, von der noch die Rede sein sollte, auf der jenes geschichten- und geschichtsträchtiges Haus, wie Bruno T., Jurist, es in seinem Beitrag nannte, stand, schon „vor der Zeit“ wie in unmittelbarer Nachbarschaft, jenes Haus, in dem später, nun ja, der Salon, der sollte erst gegründet werden, wann war es? untergebracht war. Sebastian Frey, „ein klinischer Fall“, soll, der Einfachheit halber, und weil wir, Berichterstatter und geneigter Leser, uns in sein Privatleben wie auch in das von Bruno T., Rebecca, Cordelia und einigen anderen ( wahrheitsgetreu an den Rockzipfeln der Dichtung ) einmischen, ohne im einzelnen darauf hinweisen zu müssen, hinfort, ungeachtet seiner, ihrer Reputation, mit dem Taufnamen gerufen werden. Dr. Frey, d.i. Sebastian, nun versuchte, sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, zu erinnern - es war, als ob Frost eine Glasscheibe beschlüge und nur hin und wieder einen kleinen Durchblick frei ließ - und die Geschehnisse in eine chronologische Abfolge zu bringen sowie, überhaupt, die Gewissheit zu erlangen, ob er noch lebte, oder war er tot? und die einzelnen Stationen, denen wer, ja wer?

Bedeutung zumisst, und die wie Wolken am Fenster vorbeiziehen, wiederaufleben zu lassen. Die Gäste, wenn sie vorgestellt werden: ausgesucht nach dem Prinzip des gesteuerten Zufalls. Wo war Cordelia? Sie stand, er beruhigte sich, sein Atem ging gleichmäßiger, an seiner Seite; sie hatte ihre Scheu abgelegt und musterte die Gäste, die ihr z. T. unbekannt waren; einige Persönlichkeiten hatte sie kennengelernt, sie strahlte und, täuschte er sich? „verschenkte“ sich. Er kam auf den Anlass der Feier zurück: Wurde die offizielle Einweihung des Salons, den es inoffiziell schon einige Jahre gab, nicht verschoben, um mit ihr zusammen das in letzter Sekunde herbeigeschaffte Tor zu würdigen, das die wie eine offene Wunde freiliegende Einfahrt verschließen sollte? Es hatte Zustimmung von allen Seiten geregnet, als die Konsularwitwe dem Ersuchen nachgab und das Geschenk annahm. Sie war eine Frau in den besten Jahren, die, wie Cordelia staunend feststellte, die natürlichen Verfallsdaten ihrer Erscheinung weniger durch kosmetische Nachhilfe als durch ihre Willensstärke und Herzhaftigkeit zurückhalten konnte, und die sich nun auch dem Wunsch beugte, dieses Tor, in dem das Herz jener vergangenen Epoche klopfte, und „Aufgaben, Pflicht und die Reichseinheit“ uns forderten, wie der greise Schirmherr des „Ostafrikanischen Kolonialvereins“ anlässlich der geplanten Schlüsselübergabe rückblickend anmahnte, als Dauerleihgabe aufzustellen. Er hatte etwas zur Geschichte des Tores erzählt, dabei die verschütteten Erinnerungen an den Großvater, den er in einer bereits vorliegenden biografischen „Rohfassung“, „an der noch einige Verbesserungen vorgenommen werden müssten“, ehren wollte, wieder ausgegraben, gekrönt durch das auf der oberen Einfassung des Tores notierte Gebot „Tue recht und scheue niemand“, das zugleich seine, des Großvaters, Lebensregel war. „Ein dem Ort und Anlass angemessenes Portal. Repräsentativ, aus dem Schoß der Vergangenheit vorwärtsweisend!“ bemerkte der Minister für kulturelle Angelegenheiten und schmückte seine Rede mit der metaphorischen Platitüde, dass jeder der Anwesenden den Schlüssel in seinem Herzen trage und dies ihm jederzeit Zugang verheiße. Ihm, der es immer ein wenig zu eilig hatte, und der die Zeit, die – wieder viel zu schnell - verstrichen war, einzuholen sich bemühte, war Cordelia auf einer Vernissage, zu der sie die einleitenden Worte gesprochen hatte, begegnet. Er, Sebastian hatte es mit Argwohn registriert, hatte Gefallen an ihr gefunden, so auch jetzt, wie sollte er den Blickaustausch, der ihm nicht entgangen war, bewerten? Der Kultusminister schätzte das Leben und sein – jeweiliges - Amt und „lebte es in Überschriften“ ( so titelte sein Leib – und Magenblatt die Geschäftigkeit des umtriebigen Senators ); es ließ ihm wenig Zeit, sich in Satzkonstruktionen, verschachtelten Nebensätzen o.ä. zu verlieren, geschweige denn, einen Gedanken zu Ende zu denken, gar ihn auszuführen. Er war immer in Eile, er musste von Berufs wegen auf vielen Sesseln Platz nehmen ( war soz.., Bruno, „nicht der einzige, aber besonders begabt und überall einsetzbar!“ ), musste für alles „in aller Kürze“ die richtigen Worte finden und doch dabei den Eindruck vermitteln, er ließe sich Zeit und habe Bedeutendes mitzuteilen. D. h. er verstand es, musste es verstehen, sich nicht festzulegen und wurde dafür geschätzt:

Was vielerorts als Oppor-tunisimus gilt ( Martin und sicher auch Bruno! zögern keine Sekunde, dies offen, ihm ins Gesicht zu sagen ), bewerten andere, und nicht nur seine Parteigenossen, als die, hier in Asturien! der politischen Profession eignende Gewandtheit, – mit Abstrichen – cum grano salis „auf allen Gemeinplätzen“ zu Hause zu sein, sich immer und überall zurechtfinden zu können!

Überraschend für alle war es ( oder auch nicht ), als Bruno, war es Bruno? sicher war er es, nochmals, das Wort ergriff. Der Minister hatte in seiner Ansprache von einer „Schmiede“, dann einer „Werkstatt“ des Humanismus gesprochen, worunter die wenigsten sich etwas vorstellen konnten, allein die Konsularwitwe fühlte sich geschmeichelt. Daran knüpfte Bruno, als er mit den Augen wie mit einem Staubwedel über die Worte, die sich in großen Lettern und in Balkenschrift wie ein Gewissenwurm im nach oben abschließenden Rundbogen des schmiedeeisernen Portals schlängelten, langfegte ( „Tue recht und scheue niemand“): „Geschichte, sinnstiftend konstituiert als das Gesetz des Herzens, hat eine gewalttätige Ordnung der Welt gegen sich. Die Menschwerdung ist in ihrem Namen durchdrungen von Akten der Gewalt. In ihrem Namen rechtfertigt die „Tragödie des Sittlichen“, wie Bruno in gespielter Erregung ausrief, „Selbstgerechtigkeit, Rechthaberei, Eigennutz, Umgang mit zwielichtigen Partnern, wie auch, und hier stimmt die Vorstellung mit der Wirklichkeit überein, sogar die Sprache der Gewehrläufe“ – sollte man sie nicht, dachte Sebastian, deren Zuordnung doch zweifelsfrei ersichtlich war, ebenso, welcher Stimme sie gehorchte, nicht eher, auch im nachhinein, mit Blumengirlanden schmücken? - „als politische - außerpolitische Mittel, um“ ( und wer war nicht betroffen, galt dies als Anspielung auf die, wie eine Zeitung titelte, sich in den letzten Jahren häufenden „mysteriösen“ Todesfälle unter Politikern, auch Managern - und kritischen Journalisten? ) „das humanitäre Anliegen durchzusetzen.“ Bruno hielt inne, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten. Während der eine oder der andere Gast noch überlegte, auf wen oder was sich dies bezöge, stimmte Dr. Karl L., Stifter des Portals, ihm zu, wobei er sein Glas von einem der Eleven, die wie Schmetterlinge umherschwirrten, nachfüllen ließ: „Ich gebe Ihnen recht. Mein Großvater hat“, er nickte dem Redner zu, „uneigennützig Afrika kolonisiert und ist dabei keinen Gefahren ausgewichen, um – in seinem Tugendverständnis - nach bestem Wissen und Gewissen, seinem Land, seinem Volk Gutes zu tun. Nehmen wir uns ein Beispiel!“ ( Die Parteifreunde erstarrten, einigen blieb der Mund offen stehen, was unangenehm, nein, lästig war, denn dieser schwüle Sommerabend ließ die Mücken tanzen! die reichlich Nahrung fanden; allerdings konnte dies Karl nicht beirren). „Ich weiß, in welchem Ansehen Kolonialpolitik heute steht. Aber damals? Und“, fuhr er fort, „denken wir daran, dass wir selbst...“ „Bravo!“ Von Helmer konnte sich nicht halten, er wandte sich an Bruno. „Vergessen wir nicht: Wir haben Straßen, ein Schienennetz angelegt, in wenigen Jahren die Infrastruktur ausgebaut, ein beispielloser Zivilisationsakt!“ „Mit allen seinen Krankheiten“ unterbrach ihn lachend der Bankdirektor, „wir haben aus Kindern frühe Erwachsene gemacht!“ Cordelia, Sebastian nahm es nicht ungerne zur Kenntnis, und ihr Blick bestätigte dies, schätzte ihn. Er stammte aus einer Zeit, als Wirklichkeit und Klischee sich noch deckten, und jeder Direktor die Schätze seines Hauses per se repräsentierte: ein Sonnenkönig in seinem Reich, der den Raum um sich - als ein „An sich“ – ausfüllte, als umhüllte ihn die Aura mit einem weit ausladend fallenden Krönungsmantel. Auch wenn Szepter und Krone fehlten, war er kraft seiner Persönlichkeit eine beeindruckende, raumgreifende Erscheinung und nicht zuletzt das glückliche und gelungene Ergebnis am Ende einer mit Genuss und Aufwand erfolgten nährstoffreichen Nahrungskette. So wie er in der Schätzung einer irdischen Güterabwägung mit Erfolg operierte, und Speisenfolge und verwöhnter Lebensstil übereinstimmten, erschöpfte sich sein Hang zum Maßlosen ( mit Maß!) nicht allein in dieser materiellen Befriedigung! In gleicher Weise war er überirdischen, ideellen, geistigen Gütern aufgeschlossen – einem seriösen Musikstück in einem Konzert vorgetragen, einem Kunstwerk, einer anspruchsvollen Opernaufführung ( „die sich in ihrer Unaussprechlichkeit in den Sternen verlor und seelische Erschütterungen auslösten, die wie ein Frühnebel ein sagenumwittertes altes Herrenhaus umwebten oder in die tiefe Gedankenwelt der 10.

Sonate Beethovens einspannten“ ). Dennoch barg er, im Grunde wie jedermann, der sich seiner Zeit und seinen Vorlieben und Gewohnheiten öffnet, ein Geheimnis, das zu lüften auch Neumann, seinem ehrgeizigen und prädestinierten Nachfolger, nicht gelang! Wie sollte dies ihm auch glücken, wenn er in der Erscheinung die Wahrheit und in der Wahrheit nur die Erscheinung sah? So besaß der Direktor, auch Präsident genannt, eine feine Ironie, die, wenn sie überhaupt bemerkt wurde, und ohne ihres grausamen Beigeschmacks gewahr zu werden, als Höflichkeit ausgelegt wurde; anderen, selbst wenn sie ihm mit aller Vorsicht gegenübertraten, erschien dies als Form der Aufmerksamkeit, aber so genau wusste niemand, wie etwas gemeint war – eine offizielle Begegnung mit ihm war wie ein Tanz auf einem Nagelbrett, ein eifersüchtiger Hahnenritt auf einem Balzplatz, eine Gelegenheit für Faune! deren Spielerei er mit sarkastischem , aber auch mit dem gebotenen kaudinischen Lächeln begleitete: Denn die Bürger, die sich mit Geldgeschäften befassten wie die, die dies von Berufs wegen taten, und er wusste, wovon er sprach!, hielt er für eine Ansammlung von immer der Versuchung ausgesetzten möglichen Trickbetrügern: trau, schau wem! Ein Vorurteil, eine vielleicht übertriebene Vorsichtsmaßnahme, wie seine in Pedanterie ausufernde Absicherung, so Neumann, die aller Spekulation abschlägig entgegentrat - und welches mit Geldgeschäften befasste Institut kann es sich leisten, ohne Spekulation zu arbeiten? sein übertrieben – glaubhaftes – selbstsicheres Auftreten, vielleicht? um dem eigenen irrlichternden Widerschein einer wankelmütigen Substanz, die sich selbst rätselhaft blieb, zu begegnen?„Hinterher sind wir immer klüger!” schloss von Wissmann die Debatte ab, und in einem Nachsatz würdigte er den Humanismus, hinter dem sich, zur Freude Karls, Begriffe wie Mannhaftigkeit, Ehre, Vaterlandsliebe ( wer schätzt diese heute noch?) verstecken.

Bruno, der die Unterbrechung mit den Augen belustigt kommentierte – zwinkerte er Cordelia zu? – war Jurist, der sich in und mit der Gewissenslage, in der Juristen auch das Falsche, die Unwahrheit, die Lüge ( ihrer Mandanten ) vertreten müssen, skrupellos zurechtfand. Das ging noch, niemand hätte ihm deshalb einen Vowurf gemacht oder ihm einen Strick daraus gedreht. Verwerflich, bösartig, heimtückisch! war, dass er sich nicht scheute, in der, in aller Öffentlichkeit, immer und überall, die Wahrheit zu sagen, oder was er dafür hielt! d. h. er nahm auf niemand Rücksicht, ein Unbequemer, ein Störer, der den Unwillen einer einflussreichen Bürgerschaft erregte.

Der eine oder andere politisch – prominente Salonbesucher hatte Eingaben gemacht, ihn aus dem Salon zu entfernen und mit seinem Austritt gedroht für den Fall, dass seinem Ersuchen nicht stattgegeben werde. Aber die schützende Hand der Konsularwitwe, die ihm aus unerklärlichen Gründen gewogen war, verhinderte einen Ausschluss ( und Schlimmeres! ), und die Ankündigung erwies sich als leere Drohung; niemand trat aus.

Bruno erfreute sich darüber hinaus eines Rufs, den keiner mit ihm teilen wollte, auch wenn der eine oder andere bei näherer Betrachtung Gefallen daran finden konnte. Was erzählte man sich nicht alles über ihn, und Sebastian, der es hätte bejahen oder dem widersprechen können, hielt sich aus Scheu, Stellung zu beziehen, ihn gar zu belasten, mit Äußerungen zurück. So half er einer verstoßenen Ehefrau über ihre schwerste Zeit hinweg, hauchte einer eingeschlafenen Beziehung wieder Leben ein, indem er das durchgelegene, lasch gewordene Ehebett wieder auffrischte. Kümmerte er sich nicht rührend um die Ehefrau von Leermund, als diesen im Moment, und wieder einmal! alle guten Geister verlassen hatten, und er seine Frau vergaß? Setzte er nicht dem und dem, Sebastian rief sich, sein Kreislauf drohte zu kollabieren, die Fälle ins Gedächtnis, Hörner auf, die dieser zum Gespött aller tragen musste, ehe er sie wieder abstoßen konnte? Er galt als Freibeuter, der vor keinem im Gegenwind sich langsam nähernden Klipper, auch nicht dem in Wechselwinden drohend kreuzenden Kaperschiff rachelüsterner Ehemänner, zurückschreckte. Als Witwentröster, der den verlassenen Platz neben der Witwe einnahm und die eben noch im Trauerflor wandelnde mit seiner Gegenwart aus dem irdischen Jammertal in das Versprechen, und er löste dies ein! himmlischer Gefilde entführte. Anders ausgedrückt, und das Verdienst geringschätzend, in den Worten von Sara L.: als Leichenschänder! der bei der Umbettung liebevoll Hand anlegte. Oder, wie der Schriftsteller Martin F., selbst nicht frei von derartigen Kapriolen, „unter uns gesagt“, böse lästerte: „ein Jemand, der sich im second – hand – Laden selbst bedient und die abgelegte Ware aufopferungsvoll wieder aufpoliert; ex und hopp!“ Na ja....

Bruno griff nach einem Glas, das ihm einer der Eleven gereicht hatte, trank und setzte seine Rede zum Verdruss einiger Gäste fort: „Ich möchte den lauschigen Sommerabend mit einigen Gedanken zur Moral und zum Humanismus würzen.“ Ja, erinnerte sich Sebastian, auch, dass er in diesem Moment betroffen war, er sagte „lauschig“ und „würzen“! – musste er sich anbiedern oder was bezweckte er mit dieser biedermeierischen Wortwahl? „Die Philosophen sprechen vom Doppelcharakter der Moral: als einer Kultur der Sinne und einer Kultur der Vernunft.“ Er musterte forschend den Regierungschef, der unbeteiligt feierliche Miene zu diesem Spiel machte. „Dieser Doppelcharakter mag eine Person prägen oder teilt die menschliche Gesellschaft wie Literatur und Wirklichkeit, Gleichnis und Wahrheit, in zwei Hälften.

Der Humanismus als geistige Größe und humanitäres Anliegen ist, nicht immer und überall, ein Ge-sprächsstoff, sicher ein großer Wurf in der Menschheitsgeschichte,“ er schaute hämisch auf Sebastian, der wie in einen Vexierspiegel blickte, waren das seine Worte? „und der Weg dorthin, zu seiner Durchsetzung, ist mit dem Sprengstoff moralischer Anforderungen vermint. Ließe sich daraus“, folgerte er, „schließen, dass die Leidenschaft der Vernunft wie das Spiel der Sinne, zwei so nah wie weit voneinander geschiedene Glieder, sozusagen Extravaganzen, ein eigenes Dasein führen? so wie alle menschliche Wissenschaft, gleichsam als Sündenfall der Neuzeit in zwei Gruppen, in die Wissenschaft vom Geist, die anthropologische, und die physikalische, eine rein methodologische, auf sichere logische Begriffe zu gründende Einteilung der Erfahrungswissenschaften, zerfällt?“

Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen; die Konsularwitwe nutzte – sichtlich erleichtert und ein wenig ratlos wie die meisten Gäste - die Pause, die Bruno T. machte, um ein Zeichen zu geben, woraufhin von den überall dienstbereit herumeilenden Eleven in Livree Fackeln angezündet wurden; in den Bäumen flammten Lampions auf. In einer Ecke hatten sich neben einer einfach hergerichteten Bretterbühne Musiker mit ihren Instrumenten niedergelassen und begannen ein Menuett zu spielen, woraufhin eine zu einem Hofstaat hergerichtete Gruppe auf die Bühne stürmte und zu der Musik zu tanzen begann. Die Zuschauer hatten sich noch nicht von ihrer Überraschung erholt, als die Musik verstummte, ein Tusch ertönte und ein einfaches Gespann das Tor passierte und in den Haupt - oder Promenadenweg einbog und „vorfuhr“. „Diener“ rissen die Tür der Kutsche auf und ein Tenor der hiesigen Opernbühne, mythologisch verkleidet als Apoll, und eine Soubrette im allegorischen Kostüm der „Virtus“ – ein Seufzer, den keiner wahrnahm, entrang sich der Brust des Bankdirektors - entstiegen der Kutsche und betraten die Bühne, beleuchtet von den an der Bühnenrampe aufgestellten Kerzen.

In diesem Augenblick erklang erneut Musik, die Virtus stimmte ein Klagelied an, der Bankdirektor verzog schmerzhaft das Gesicht, ohne dass die anderen Gäste, hin – und hergerissen vom Augen – und Ohrenschmaus, sein Leiden teilten; die Virtus hatte ihre Klage beendet, als Apollo vortrat und seinerseits den Zustand der Welt einschätzte und in einer Registerarie ( der eine oder andere Gast wurde für einen Moment blass ) die Vorwürfe bündelte, die zu diesem „Verfall“ der Sitten geführt hätten. Die Virtus hatte dies als gegen sie gerichtete Anklage empfunden und in einem von einem Rezitativ in eine Arie übergehenden Verteidigungslied benannte sie die Gründe, die zu diesem Verfall geführt hätten, nicht ohne Apoll, der sie zwischendurch, als die Kräfte sie zu verlassen drohten, stützen musste, aus seiner Mitschuld zu entlassen. In einer gemeinsamen Arie verliehen sie der Zuversicht Ausdruck, dass auf schlechte Zeiten wieder gute folgten, und, sich an die Zuschauer wendend, alle aufforderten, mit gutem Beispiel voran-zugehen und der Virtus unter die Arme zu greifen. Was er, Apoll, beispielgebend auch tat: Mit kräftigen Armen hob er die zusammengesunkene Virtus wieder hoch, ermutigte sie noch einmal, und in einem gemeinsamen Duett sangen sie das Hohelied der niemals untergehenden Virtus. Im aufbrausenden Beifall, der weniger der moralischen Absicht ( Leermund: „Haben wir das nötig?“ ) als der gesanglichen und darstellerischen Darbietung galt, und der auch noch einmal die Tanzgruppe auf die Bühne führte, verbeugten sich alle, auch die Musiker hatten sich von ihren Plätzen erhoben, als Apollon sich der Konsularwitwe näherte und ihr feierlich den Schlüssel zum Tor überreichte. Die Konsularwitwe, die wohl von der geplanten Aufführung, nicht aber von dem Charakter eines Huldigungsspiels wusste, nahm, diesen Eindruck erweckte sie! gerührt den Schlüssel in Empfang und krönte den Sänger und die hinzugetretene Sängerin, die niemand anderes war als die zur Sängerin ausgebildete Ehefrau des Bankdirektors, jeweils mit einem Lorbeerkranz, den ihr einer der „Chargen“ gereicht hatte. Wobei diese so glücklich „Auserwählte“ sich, wie? wenn auch anders als der Bankdirektor, betroffen fühlte – sie fürchtete, nicht dass sie etwas gegen die Tugend, die Tugendhaftigkeit im Besonderen, hatte, den Vorhang aufgezogen für Missverständnisse aller Art! Mit dem Gespür derjenigen, die bei allem Triumph die in der Doppeldeutigkeit lauernden Zwischentöne wahrnimmt, fragte sie sich und bestätigte sich sogleich, ob sie, auch wenn sie im ihr zustehenden Scheinwerferlicht ihre Stimme baden konnte, gut beraten war, dieses Motiv, das sich nicht von der Person, die es verkörperte, trennen ließ, anzustimmen.

Ist es nicht so, sie blickte verstohlen zu Bruno, dass die Tugend einer Frau über ihren guten Ruf wacht, oder der gute Ruf über ihre Tugend?

Bruno hatte die Unterbrechung, „mit oder ohne Hintergedanken“? ebenfalls mit Verwunderung, die dem Ärger Platz machte, registriert, sich dabei fragend, was „Tugend“ in diesem ausgesuchten Kreis der Scharlatane verloren hatte ( hätte sie nicht andererseits immer in Gestalt hergelaufener Unschuldsbeteuerung, fragwürdiger Satisfikationsgewährung u. a. auftreten müssen? )? war dann aber von dem dilettantisch – liebevoll vorgetragenen Huldigungsspiel angetan und wollte nun „irgendwie“ fortfahren und suchte nach einem „Anschluss“. Das war Teil eines improvisierten Vortrags, für den Bruno lieber die Bezeichnung „Erläuterung“, Überlegungen aus dem Stegreif, gewählt hätte, und so recht wusste niemand, was er mit dieser philosophischen Nachbetrachtung eines doch, wie die meisten fanden, unergiebigen Themas, auch wenn der Anlass - er hatte eingangs die Metapher „öffnen – schließen“, es durchaus zuließ, verwendet - anfangen sollte, und als hätte er die Bedenken geahnt, fuhr er fort: „Ich weiß, der Humanismus hat den Geruch der Guten Stube“, die Virtus nickte ihm zu, „und schmeckt nach Güte und Nächstenliebe. Er tritt als Bittsteller der Bedürftigen auf, wird zum Fürsprecher der Zukurzgekommenen und macht sich nicht selten“, wie der Anwalt fortfuhr, „im Namen der Menschlichkeit zum Gespött der Menschheit, ein Hansdampf in allen Gassen und zwischen allen Lagern, der viel zu spät begriffen hat“, und hier stieß er, ausversehen oder mit Absicht, auf ein Vakuum, das sich aus dem universellen Bedürfnis nach Sinn gebildet hatte, „dass die Frage nach gut und böse lächerlich ist und längst der Frage nach der politischen Unterscheidung von falsch und richtig, vorteilhaft oder schädlich gewichen ist.“ Bruno setzte seine „Rede“ gegen den Widerstand der Gäste, der von einem unguten Gefühl gespeist und begleitet von der immer im Verdacht stehenden Person des Redners, nicht laut wurde, aber zu spüren war, und die eher den Weg zurück in den Salon, wo das kalte Buffet aufgetragen wurde, und wo sie lieber die heilsame Pille in süßer Speise zu sich nehmen wollten, gewählt hätten, „unverdrossen und nun erst recht“, fort. Es blieb unklar, ob er an eine Person, ein Vorbild, anknüpfte oder „einfach so“, als eine zweckfreie Übung, „in den Wind“ redete. Aber es nährte, wieder einmal, den Verdacht, und deshalb waren die Gäste, vor allem die Politiker vorsichtig, und die Konsularwitwe auf der Hut, dass es – bei aller Aktualität! der Hausfrieden müsse gewahrt werden, den er nicht gefährden noch die Politiker in Verlegenheit bringen wollte ( dafür würde allerdings niemand die Hand ins Feuer legen! ) - „nicht politisch wurde!“ Und es war eher eine Nebenbemerkung, die Aufschluss gab, was ihn zu diesen Ausführungen veranlasst hatte - die im übrigen ganz im Sinne der Konsularwitwe waren, die ihr „Anliegen“, und hier wurden einige hellhörig, vertreten wissen wollte - ohne indes, da der Redner, überraschenderweise, Grenzüberschreitungen vermied und den „Burgfrieden“ wahrte, Anstoß zu erregen.

Sebastian, der den Anlass hätte nennen können, wunderte sich, dass sein Freund so zurückhaltend „operiere“; diese Wortwahl war angebracht, weil Deutlichkeit angesagt wäre, wo es um das Eintreten neuer oder alter Werte gehe, deren Titel völlig gleich sei; wichtig allein, und hier käme es auf eine Auslegung des Inhalts an, sei, auf welche Richtung, welches Ziel es zulaufe. Seine „gewohnte“, die Widersacher „ins Mark treffende Überheblichkeit“ hatte Bruno zurückgenommen, er selbst, Sebastian, hielt sich abwartend (oder feige? ) im Hintergrund; aber wer aufmerksam auf die Stimmung im Land horchte, der hätte gewusst, wie ein Volk sich, seit Jahren aufgrund der beklagten Sinnlosigkeit auf der Suche nach Sinn, ( noch war man nicht fündig geworden! ) gegenüberzutreten bemühte. Abhilfe kam, nachdem das Volk der Dichter und Denker, ähnlich hatte es auch Bruno schon ausgedrückt, an seiner ergebnislosen Suche in Verzweiflung geraten war, wie immer in solchen Fällen, „von oben“, angeordnet als sogenannte notwendige „geistig – moralische Erneuerung“. Überwog zunächst Skepsis, setzte sich, im Widerspruch von Gehorsam und kritischer Vernunft, der gesunde Bürgersinn als Mittelsmann durch, mit dem der Begriff Gehorsam und man selbst reingewaschen, ohne sich verraten zu haben, dastand, der in dem Argument bisher fehlender, unendlich lange gesuchter Sittlichkeit, wenn auch als, endlich aufgetriebenes, Wortungetüm mit den humanistischen Wurzeln ruhmreiche Vergangenheit ausgrub. Es ging, daran bestand kein Zweifel, um Macht, die aus dem Fahrwasser bisher sorglosen und ungesteuerten Dahintreibens eingesammelt und konzentriert wurde, und um ihre Festigung. Sebastian wollte ihnen, hatte er es gesagt oder nur daran gedacht, oder überschnitten sich wieder einmal Wunsch und Wirklichkeit? zynisch zurufen: Hier werde – in einem ausgeklügelten Begattungsakt und auf raffinierte Weise - Altes mit Neuem vermischt. Herrschaft, die sich durchsetzen und einrichten will, habe doch immer, das sei ein altes, uns doch nur zu bekanntes Spiel, Widerstand von vornherein gebrochen, Machthunger und Volksempfinden zusammengebracht, Verzicht als selbstgetroffene Entscheidung durch den Glauben an den Gewinn innerer Größe, als geistiges Elysium, gerechtfertigt, und, an Bruno gewandt, die gutgemeinten Begriff „falsch und richtig“ als Gefahr opportunistischen Missbrauchs entlarvt - aber er konnte sich nicht aufrichten, seine Stimme versagte; wie aus einer anderen Welt erinnerte sich Sebastian, sollte man, auch wenn nichts an dem ehrwürdigen Veranstaltungsort, in dem ein durchaus vom Geist der Weltoffenheit und kritischer Diskursbereitschaft durchtränktes Anliegen zu Haus sein sollte, dafür sprach, diesen Ort auch als Schauplatz charakterloser Existenzen und üblicher Gemeinheiten ansehen ( ein Symposion der besonderen Art, Bruno ), könnte man diese Möglichkeit –überhaupt – ausschließen? aus diesem möglichen Normalzustand, einem Gewohnheitsrecht, eine wirkliche Erneuerung, eine Wende, die, einmal beim Wort genommen, ja nicht mehr hieß, als blauäugig und tapfer ins Unbekannte vorzustoßen und überholte Zustände zu verbessern, wagen, einen solchen Schritt über alle Grenzen hinweg, die Landesrecht vor Länderrecht freimachte, der Glaube versetzt Berge! gleichsam für eine Mediatisierung offenzuhalten? Das hieße doch, dieses Land, diese blonde, labile, geile asturische Germania mit einem kräftigen Stoß aus den Hüften heraus, einer durchschlagenden Männerbekanntschaft, sozusagen einem Gottesgruß! in Fahrt bringen! Der Humanismus, dämmerte es ihm in seiner wachen Bewusstlosigkeit, dieser heutzutage unaussprechliche Euphemismus, und er hatte Bruno im Verdacht, dass er unter diesem Vorwand seine eigentliche Absicht, die er freimütig auszudrücken zu vorsichtig war, indirekt mitteilen wollte, steht dieser Wortschöpfung, dieser herausgehobenen Begrifflichkeit „geistig –moralische Erneuerung“, insoweit nahe, als sie ja auf dem Boden des Humanismus wurzele, ihre Nahrung von dorther bezöge, ja, vieles sogar auf einen gemeinsamen Ursprung hindeute, sie sicher Geschwister, vielleicht ein – und dasselbe seien. Nur dass dieser Begriff, über dessen Herkunft er trotz aller Beziehungen nur Vermutungen anstellen könne, die über einen gemeinsamen Appell hinauswiesen, auf viel umfassendere, ja großzügige Weise, indem er vielerlei Zwecken, die nicht immer mit seiner Aufrichtigkeit in Einklang ständen, diene, weitreichender als ein Familienmitglied verfahre. Denn, und hier, er sehe das wohl ein, würde dieser unschuldige Aufruf missbraucht, indem politischer Hintersinn sich heimtückisch in den Schutzmantel eines Schneckenhauses begebe, nicht um sich zu verkriechen, sondern um von dieser unterschätzten „Festung“ aus sein nicht ganz ehrliches Spiel zu verrichten. Insofern, immer wieder gebe es diesen Aufruf!, sei der Humanismus, wieder einmal, totgesagt und, wieder einmal, in verwandter Gestalt, wiederauferstanden.

Es war ein Spätsommerabend, wie geschaffen für eine Theaterkulisse; am Plafond der Mond hochgezogen, die Sternbilder funkelten, wie am Perlenband aufgereiht; alles schien am richtigen Platz zu stehen. Die Gäste hatten sich am Eingang versammelt und waren unschlüssig, wie sie sich verhalten sollten. Den meisten war ein wenig feierlich zumute, das Stadt – und Provinzoberhaupt, von Wissmann, hatte sein Sonntagsgesicht aufgesetzt, d. h. er schmückte sich mit einem fotogünstigen überheblichen Lächeln, unnötig die Mühe, ihn hatte das Schicksal mit einem weißen Haarschopf versehen, der den Kopf leuchtend wie ein Heiligenschein umkränzte; er sowie Helmer, der ihm nicht nachstand, auch wenn der Glanz, den er in seiner festlichen Garderobe ausstrahlte, neben der himmlischen des Regierungschefs verblasste, und der Bankier, die dergleichen, ohne die langwierige Prozedur der Einweihung, von der Alltagsseite, von London und ihrer Zugehörigkeit im Rotary u.a.

Clubs her kannten, bewegten sich sicher wie Goldfische im heimischen Aquariumbecken. Indes musterten die weiblichen Gäste, in der Mehrzahl das Begleitpersonal ihrer männlichen Ehehälfte, neugierig die Garderobe ihrer ihnen Nächststehenden.

Cordelia bestätigte sich, mit dem geübten Blick der professionellen Kunstbetrachterin oder dem „weiblichen Blick“, nun, was sie bisher nur aus den Augenwinkeln beobachtet und in einem ersten Eindruck festgestellt hatte - und welche Frau nimmt nicht zuerst die weiblichen Geschlechtspartner ins Visier, um zu sichern, wie und gegen welchen Widerstand das Feld zu bestellen ist? Diese Frauen, die ihr, etwa so alt wie sie, als wandelnde Kleiderständer hochwertiger, wenigstens preisexklusiver Boutiquen, auffielen, waren die Gemahlinnen hochrangiger Stadtfürsten, denen, würde man den einen oder anderen nicht durch mediale Präsenz wiedererkennen, wie ihren Angehörigen, z. T. geschmackvoll und kostspielig dekorierte Anhängsel, die Bedeutungslosigkeit ins Gesicht geschrieben stand, und Cordelia fragte sich nicht zum ersten Mal, was macht Bedeutung aus, dass sie ins Auge springt, was muss ein Maler, ein Fotograf anstellen, um ein Gesicht, eine Augenpartie zum Leuchten zu bringen?

Wem steht die Größe, im Guten wie im Bösen, ins Gesicht geschrieben? Gibt es diese Einmaligkeit – im Leben – überhaupt? Was zählt, beruhigte sie sich, ist allein der Versuch, sich auszuweisen. Bestimmt nicht der erste Eindruck die Nachhaltigkeit einer Einschätzung? Der Wert, den jemand auf Äußerlichkeiten legt, hat etwas mit Ordnungsdenken an sich zu tun; und widerspiegelt nicht erst die gerechte Aufmachung den Zustand des Inneren? Nichts spricht gegen eine Frau, die zwischen männlichem Haarschnitt und weiblicher Lockenpracht zu vermitteln sucht, ortete sie ihre Beobachtungen, eine Beliebigkeitsform oder ein Zugeständnis, eine Anpassung an den Mann? Ebenso, ihr Blick glitt über die Kleidung ihrer Nachbarin, die Jacke eine Männlichkeitsnote, gemildert durch den wadenlangen Bahnenrock aus Schurwolle im klassischen Business – Grau , der dem Kostüm eine weibliche Reserviertheit „andichtete“. Neben ihr die Nachbarin? Sara! im exquisiten Hosenanzug mit Bügelfalte, immer ein wenig zu jung und immer zu alt! für derlei extravagante Experimente! An ihrem Arm hing, im gleichen Hosenschnitt, untergehakt Neumann! Sein Samtsakko mit der schlanken Zweiknopffront und dem langen Revers, den schräg aufgenähten Paspeltaschen, näherte sich dem femininen Jackenschnitt, der sanften Taillierung, seiner Begleitung an. Dagegen bekannte sich die Frau des Fraktionsvorsitzenden Leermund zu einer betont weiblichen Rolle, die Gewandung mit einer weiten, ein wenig nur taillierten Bluse und dem Plissée – Top und dem paillettierten Rock in raffiniert geschnittenen Bahnen mit asymmetrischem Saum.

Auch wenn Nuancen heute wenig gelten, die Zeiten, wo ein Augenaufschlag das gegenüberpochende Herz erbeben lässt, sind vorüber, und Anspielungen, Zweideutigkeiten bleiben folgenlos, weil sie nicht mehr verstanden werden, wollten sie den hauchdünnen Unterschied zwischen führen und verführt werden bewahrt wissen: führen, um verführt zu werden. Die „Anmache“, wie es heute heißt, funktioniert nach lauthalsen Regeln: Statt Zweideutigkeit Eindeutigkeit, und die Anspielung macht der Anzüglichkeit Platz. Cordelia versuchte empathisch, in ihre Vorstellungswelt einzudringen und ihren Rhythmus zu übernehmen; sie sah mit den Augen von Frau Leermund, und sie war nicht die einzige, streifte mit einem Rundumblick die gegenüberliegende Männerfront. Um etwas von den Reizzuständen zu erfassen, ließ sie sich anstecken, ein Beben, Vibrieren, das Körper und Geist erfasst hatte, schlug wie Wellen der Leichtfertigkeit gegen abbröckelnde Dämme der Gewissensvorbehalte. Sie spürte neugierig dem Geheimnis der Kundschaft nach und drang wie in einem Seminar für Anthropologie oder Psychoanalyse bis zum Nistplatz der gebändigten Seele vor, wo in einem Bilderbuch der Sittengeschichte, in ungeheuchelter Ehrlichkeit vor sich selbst, die Appetit anregendsten Ungeheuerlichkeiten frei - und bereitlagen, Gestalt anzunehmen: Versuchungen zu erliegen, die Bereitschaft zur ungezügelten Hingabe, den Atemgang beschleunigende Vergewaltigungs-phantasien usw.: Sie sah mit ihren Augen, was ihr, auf sich selbst belassen, nicht aufgefallen wäre: die bockbeinigen ( die kurz- und langstelzigen ) bügelglatten Hosen der Männer, der Blick blieb hängen an den Ausbuchtungen, die sich der oder dieser erlaubte, wurde von M. und dem einen oder anderen erwidert und fuhr ins Beingestell, wo weiche Knie und ein Schenkeldruck eine delikate Affäre in Aussicht stellten. Solch ein Ort wie der Salon ist besser geeignet als andere, als eine Begegnungsstätte der besonderen Art! herzuhalten, in der sich die Geschmäcker finden und vermischen – um letzten Endes doch wieder, sie glaubte fest daran! an den Schranken der Wirklichkeit, die Anstand und Sitte heruntergelassen hatten, zu zerschellen.

Ehefrauen von Politikern sind zwar, dachte sie, öffentliche – halböffentliche Personen, leben aber - ihr Lebenswandel, der nach außen als vorbildlich gilt, nach innen Verzicht bedeutet - mit dem Versprechen von Lippenbekenntnissen, Liebesschwüren und der Ahnung von Fehltritten und Treuebrüchen in einer ( allem Anschein nach ) Welt von geheimen Wünschen wie in einem Versteck; wohingegen ihre Ehemänner sich auf einer kurzfristig anberaumten Sitzung, einem Betriebsausflug, einem Herrenabend, vergnügt die Köpfe einschlugen oder den Abend in einem gemeinsamen Bordellbesuch ( koste es, was es wolle und immer auf Kosten der Allgemeinheit! ) beendeten, um dies als Silvesterscherz auslaufen zu lassen. Die Ehefrauen waren, und Cordelia, Sebastian bemerkte es belustigt, fühlte mit ihnen, verärgert; die Worte des vortragenden Juristen berührten zwar das Nächstliegende wie die großen Fragen der Welt, und „Humanismus“ taugt immer als Deckblatt für Mißstände aller Art, prangert die Ungerechtigkeit an, zielten aber in ihren Augen hinterhältig auf das Thema Moral, mit den Worten der Ehemänner „ eine Herausforderung, der man sich „verantwortungsbewusst“ zu stellen habe“! Sein, Brunos, Eintreten für „Humanismus“, in launiger Übereinstimmung mit „seiner allerhöchsten Wertschätzung“, hätte es verdient, ihm zur Ehre zu gereichen, aber hier fielen die Worte, hinter denen man unschwer die Gebotstafeln der Moral entziffern konnte, auf eine empfindliche Stelle, so dass sie, stellvertretend für diesen Kreis der Halböffentlichkeit, der „Halbweltdamen“, wie sich sich selbstironisch tauften, durch besagte Vorfälle gereizt, offensichtlich reagierten, indem sie von ihrer Nase Gebrauch machten. Die Nase ist ein empfindliches Organ, das als Wegweiser, „immer der Nase nach“, wie auch in seiner symbolischen Bedeutung, unterschätzt wird. Die Damen, und Cordelia litt mit ihnen, bedienten sich dieser als Waffe, um etwas zum Ausdruck zu bringen, sie rümpften die Nase, und wenn jemand den Vorwurf erhob, sie würden die Nase hoch tragen,dann, tatsächlich! trugen sie die Nase hoch! Denn die Überheblichkeit ist die Waffe der Schwachen. Der einfache ungebildete Handlanger, der zum eingeschriebenen Mitglied der Arbeiterklasse wird, entwickelt „Standesbewusstsein“. Irgendwo ist der Bettler König! und die Frau behält ihre Würde, indem sie gibt, ohne sich zu vergeben. Freilich gilt dieses Balancehalten zwischen Gewähren und gespielter Unabkömmlichkeit, das keineswegs dem wahren Ich entpricht – wer hält es auf Dauer, stunden-,tage-, wochen-, monate-, jahrelang, wie ein Seiltänzer frei in der Luft auf einem Seil stehend, aus?- als Kredit, als Rückversicherungsvertrag, von dem man - wer ist das? die Gesellschaft, der Mann, der ihn freigibt, die Frauen selbst, die ihn in Anspruch nehmen und sich dabei misstrauisch gegenseitig beobachten? – in dem sorgfältigen Umgang, überlegter Haushaltsführung usw. Gebrauch machen möchte. Allerdings sind die Fragen der Moral so groß, dass man mit ihnen allemal den Resonanzraum eines Cellos füllen kann...Einmal zum Klingen gebracht, schallt ihr Widerhall bis ans Ende der Welt.

Moral tönt als ein Zauberwort aus einer anderen Welt, ein Gebot, das man zu befolgen gelobt und ehrt, gegen das man wider Willen und immer wieder, verstößt, das sich wie eine Kuppel unerreichbar hoch über den möglichen Sünder wölbt, unter der man sich wiederum gut verstecken und dabei seinen eigenen eigentlichen Geschäften nachgehen kann; man liebt etwas in der Distanz; und wenn es nahe genug kommt, erschrickt man und läuft davon...

Wer das Thema anspricht und ausspinnt, führt etwas im Schilde, und ihr Verdacht, fühlte Cordelia, war nicht ganz unbegründet; die Gegenüberstellung von Moral und Verstand, ihre Verwicklung, verheimlicht das längst geschlossene Bündnis von Verstand und Moral als politisches Kalkül, „um etwas zu bewegen“ als Vernunftschluss!

So harrten sie alle in einer unbestimmten, angespannten, sich in die Länge ziehenden“ Erwartungshaltung, die immer mehr wie eine anwachsende Last oder wie ein Paar zu eng ansitzende Schuhe drücken kann. Unmutsfalten kräuselten manche Stirn, und der Kitzel der versteckten Langeweile trieb sein neckisches Spiel; die eine oder andere Dame öffnete ihr Handtäschchen, um mit Puderquaste o. a. sich abzutupfen und den Teint aufzufrischen, keine wusste genau - so kam es Sebastian vor – was noch folgen sollte; alle hofften, dass die Ansprachen beendet seien und so richteten sie ihre Augen auf die Konsularwitwe, die ihrerseits gefühlvoll die Stimmung einschätzte und das Zeichen für den nächsten, den letzten Programmpunkt geben wollte, die Gäste wurden ungeduldig, aber Bruno ließ sich nicht abhalten: „Der Humanismus“ - „Widmen Sie sich dem wahren Leben!“, rief spöttelnd eine Frauenstimme aus dem Hintergrund ( die Ehefrau Leermunds, ausgerechnet sie? ), dass selbst die Politiker zuhörten und Bruno für einen Moment erstaunt innehielt. „Ich bin kein Tugendwächter“, beeilte er sich zu sagen. „Ich ziehe allenfalls Schlüsse aus dem, was Überlieferung und Anschauung als Aufgabe vor uns auftürmen. Glauben Sie nicht, dass der Wunsch nach Gestaltenwechsel und Geltungsdrang dem Bedürfnis entspringen, sich, seine Absichten zu verwirklichen, diese zu sichern, unabhängig von den Mitteln?“ „Sie verrennen sich in Ideen!“ rief sie aus, dass Leermund eine Sekunde lang erschrocken erwog, einzugreifen, ehe er sich feige zur Zurückhaltung entschloss. „Das Leben zieht keine Gräben zwischen geistigem Anspruch und den Möglichkeiten seiner Zeit!“

„Eben das als Effekt! will ich sagen. Das Leben liebt diese Gegensätze, die nachher wie ein Kartenhaus zusammenstürzen, nennen Sie es strafende Gerechtigkeit oder, was das gleiche ist, das Obwalten der Weltgeschichte.“ „Ich nenne es Anpassung!“, beharrte sie eigenwillig, uneingedenk der Tragweite dieser Behauptung, dass Leermund zusammenfuhr. „Der Humanismus“ , nahm Bruno lächelnd und allen verständlich, seinen Faden wieder auf, Sebastian hatte sich abgewandt und sah auf die kahle Wand, den nackten Himmel, dann begann sich das Rad zu drehen, ein Garten wurde bevölkert, die eine oder andere Person, die immer wieder zu entgleiten drohte, kam ihm bekannt vor, ich muss sie festhalten, dachte er, wie Zinnsoldaten auf ihren Platz, in Reih und Glied, aufstellen, wie einen Opernchor, der statuarisch das Verhalten, die Fehltritte seines launischen Helden kommentiert; er, oder Bruno? sagte, „der Humanismus gilt als das Kind guter Eltern, das an dem Ungenügen der eigenen Gegenwart die gleichmäßig – harmonische Entfaltung in einem überzeitlichen Ideal sucht. Dies erscheint den Bekehrten, die von Anfang an den Weg der Vernunft gegangen sind, als Jugendsünde. Mag sein, dass bei jedem Menschen, der sich entscheiden muss, welchen Weg er geht, das eine das andere unterdrückt, als Findelkind ausgesetzt ist oder in einem geheimen Fundus verborgen gehalten wird.

Aber immer wieder geschieht es, oder es geschah, dass die beiden ungleichen Partner, Menschlichkeit und Vernunft, in einer Person zusammentreffen. Diese beiden, dem Anschein nach wie in einer morganatischen Ehe verbundenen Anliegen sind, wenn sie sich behaupten, jedes für sich, eine unschätzbare Größe. Zur Bedeutung, zur Begabung aber – dies scheint es heute, auch wenn sich gutgläubige Menschen wie die Konsularwitwe“, er nickte ihr freundlich zu, „ nicht davon abbringen lassen, nicht mehr zu geben – werden sie erst, wenn sie die Einseitigkeit ihres Fachs verlassen und in die Breite streuen, ohne an Tiefe zu verlieren. D. h. wenn sie miteinander verschmelzen und mit einer Stimme sprechen, den Stoff von Herz und Geist dem Tatmenschen opfern. Diese Mischung ist verheißungsvoll wie ein Blumenstrauß; das kann eine Predigt sein, die ein Mensch hält, dem jede Rede zu einer Sonntagsrede gerinnt; nicht auszuschließen aber, dass sie einem Pulverfass ähnelt, das, wenn es gezündet wird und zur Sprengung kommt, eine Welt aus den Angeln hebt.“

Im übrigen, schloss er, und er war sicher, es war Bruno, vorerst und beiläufig, stelle sich hier wieder einmal die Machtfrage!

Alle warteten darauf, dass die Konsularwitwe sich ihrer Empörung annähme; aber bevor sie „diesen Wortbruch“ ahnden konnte, überschnitten sich die Bilder in der Erinnerung; Sebastian ergriff, ein spöttischer Blick Brunos traf ihn, das Wort, um den Humanisten, ohne sie zu benennen, ihren gebührenden Platz, auf dem Sockel nationaler Größe, zuzuweisen. Aber er konnte sich kein Gehör verschaffen, der Garten war in Bewegung geraten; Bruno lachte. „Das sind, ich spreche von den wahren Humanisten, Begabungen, die in ihrer Größe und Unwiederbringlichkeit – und sicher gibt es sie nicht oder viel zu selten – erst im nachhinein entdeckt werden; denen das Volk, in den meisten Fällen ein Ministerialbeamter oder ein Kommerzienrat oder dessen Sekretär, einen Platz im nationalen Olymp freihält. Man tauft Plätze und Straßen auf ihren Namen, sie werden Paten von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, die ihren Namen tragen, zur Qual der Zöglinge, und sie rufen immer ein schlechtes Gewissen hervor, oder sie, die Namen, die Begabungen, die Bedeutungen verlieren sich in der Gleichgültigkeit des Lebens.“

Er hatte kaum die letzten Worte ausgesprochen, da hatte sich der Garten fast geleert, die Gäste drängten ans Buffet, „hungrig nach so viel geistig - unverdauter Nahrung“, wie es von Helmer ausdrückte...als er, Sebastian, wieder in die Dämmrigkeit einer langwährenden Bewusstlosigkeit zurückfiel.

2

Eine Autobiographie zu schreiben oder eine Biographie zu verfassen oder verfassen zu lassen, immer ein Geschäft der hohen Herren!, gleicht, sollte man meinen, einem Geständnis auf dem Beichtstuhl der Geschichte. Jemand erleichtert sein Herz, gesteht schuldig unschuldig im Rückblick seinen Entschluss für diese oder jene Entscheidung, bekennt Fehler und lenkt den Blick auf das, was nun einmal, längst Geschichte!, so und so verlaufen war, und rühmt, bescheiden, im Fußnotenstil, seine Verdienste.

Das wäre eine Fundgrube für Historiker...

In Wirklichkeit bleibt diese Fundgrube verschlossen oder enthüllt nur das, was am gewünschten eigenen Lebenslauf nicht aneckt und Verdienste nicht schmälert; der Biographierte bestückt die Zacken seiner Krone, die sein Haupt schmückt, selbst mit Edelsteinen oder setzt sich, wenn er sie noch nicht hat, selbst die Krone auf, die ihm zu seinen – aktiven – Lebenszeiten versagt blieb.

Dr. Karl L. war in einem Alter, wo vom Leben nicht mehr viel übrig bleibt, stand aber, nicht erst, als er sich zu diesem Schritt entschloss, jener eitlen Attitüde fern, die einen Hauch von Unsterblichkeit um den Auftraggeber webt; vielmehr wolle er vergangene ruhmreiche Größe, im Widerstreit von Vermeidbarem und Unvermeidbarem, „festhalten“ und den Blick auf das Geschick seiner Familie lenken, die „in bescheidener Teilhaberschaft am Schicksal ihres Landes Anteil genommen hatte“ und dabei unschuldig schuldig geworden oder, mit einem verschmitzten Lächeln, „schuldig unschuldig“ geblieben sei. Die Erinnerung versuchte er in der Erstellung einer Familienchronik zu bewahren, die er vorsichtshalber einer fremden Feder, soz. einem Blick von außen, anvertrauen wollte, und die zugleich das Wunder seiner politischen Laufbahn, seine loyale, von Indoktrination freibleibende Gesinnung, ohne sich dabei der Parteiräson zu verschließen, enthüllte.

Die Verfassung einer Familienchronik richtet sich nach dem Leben, das vorbei ist oder das gerade abläuft. Der Dichter, nein, „Schreiber einer höheren Ordnung“, wie er sich selbst ironisch nannte, Robert Schmitz, der von Dr. K. L.den Auftrag erhalten hatte, eine solche Chronik anzufertigen, sah darin nicht mehr als eine biographisch ausgestopfte Angelegenheit mit vielen Hauptpersonen – ein buntes Figurenkabinett in besonderen Lebensumständen, d. h. ein Verfasser, ein Familienmitglied oder eine beauftragte Fremd-person, beharren auf einer „treuen Wiedergabe“ des Lebens, auch wenn sich, mag auch das Fleisch und Fettgewebe entfernt sein und das Skelett durchschimmern, die Objektivität an der wie auch immer verklärten Vergangenheit bricht oder die Nähe der Gegenwart eine „eigentliche“ Berichterstattung ausschließt.

Oder die Geschichte richtet sich nach der Erinnerung der einzelnen Familienmitglieder – diese Einschränkung oder Ausweitung ließ er gelten, und da, wo der Verfasser das profane Feld des Authentischen verlässt und die Stufen zur Literatur hinaufschreitet und sich der Darstellung der Ideen in Geschichte und Biographie verpflichtet weiß, liefert diese unzählige Beispiele dafür.

Aus schriftlichen Unterlagen, Dokumenten, Briefen u.a. und mündlicher Erzählung entstand das scheckige Bild einer preußischen Offiziers – und Beamtenfamilie, die erst, als die Gegenwart die letzten Zuckungen des Feudalsystems einläutete, in bürgerlich freien Berufen Fuß fasste. Schmitz noch im Zweifel, ob er in seiner Niederschrift die Linie anhand der Datenüberlieferung ziehen, oder ob er Zeit und Geschmack miteinbedenken solle, wurde von Dr. K. L. beruhigt, er solle, auf der Grundlage der Fakten, so verfahren, wie er es für möglich und verantwortlich halte.

Die Herstellung eines Zeitgemäldes, das auf der Unausgeglichenheit der Vergangenheit und ihrer entrückten Details und der noch nicht auf ihr Wesentliches identifizierten Gegenwart beruht, gleitet immer durch ihre Distanz oder zu große Nähe einen Fingerbreit über oder unter der objektiven Wirklichkeit, ihrer Gefühls – und Ideenwelt. Diese Freistellung verführte ihn nicht, im Gegenteil, er verfolgte in seiner Reflexionsfigur auf der Scheitellinie zwischen Lyrik und Prosa eng den Faden, den Dr. K. L. gesponnen hatte, ohne allerdings dem zu entgehen, was Zola mit „ une oeivre d ` art c`est un coin de la nature vu à travers un temperament“ entschuldigte.

Dennoch war das Verfassen einer Familienchronik Neuland für ihn, und diese einem nicht dokumentarisch geschulten Autor, der im Hinterkopf gattungsgeschichtlich an Bildungs – und Erziehungsroman dachte, an die Moralisierung sozialen Geschehens, ohne der Gefahr einer Harmonisierung der Zeitkonflikte zu verfallen, anzuvertrauen, grenzte an leichtsinniges oder kindliches Urvertrauen. Schmitz, der sich mit der Leidenschaft, die die Notwendigkeit des Gelderwerbs wie die Aussicht auf weitere Aufträge bereithalten, in die Arbeit stürzte, musste seinerseits ernüchtert feststellen, dass die beste Phantasie mit der Wirklichkeit nicht Schritt halten kann.

Er dachte daran, dass „das Leben, das uns umfängt, ohne Ordnungsbegriffe ist. Die Tatsachen der Vergangenheit, die Tatsachen der Einzelwissenschaften, die Tatsachen des Lebens, überdecken uns ungeordnet. „Unsere Zeit beherbergt nebeneinander und völlig unausgeglichen die Gegensätze von Aristokratismus und Sozialismus, von Pazifismus und Materialismus, Kulturschwärmerei und Zivi-lisationsbetrieb, Nationalismus und Internatonalismus, von Religion und Naturwissenschaft, von Intuition und Rationalismus und ungezählt vielem mehr.“ In dieses Durcheinander wollte er eindringen, so dass, um im Sinne des Auftraggebers, das Schicksal der Einzelperson zu würdigen, politische und soziale Begleitumstände diese Absicht umnebelten, einschränkten bzw. zunichte machten. Heldisches Auftreten, Geradeauswollen und lyrische Unbekümmertheit müssen sich am gekrümmten Zeigefinger der Zeit messen und zurechtfinden wollen, so dass auch der Verzicht auf pädagogische Unterstellung sich dem Mythos dieses Lehrmeisters beugte.

Der Auftraggeber runzelte die Stirn, als er die Schrift durchblätterte und sein Blick an der einen oder anderen Episode hängenblieb, entschloss sich aber, ohne viel Aufhebens zu machen! diese Chronik „am Ufer“ der Wahrheit als Entwurf, soz. als „Rohfassung“,entgegen zu nehmen und den Verfasser wie besprochen zu entlohnen.

Sein Vorhaben, diese unliebsam geratene Chronik zu verschließen, wurde von ihm selbst kurzfristig unterbunden, da die Konstruktionsfigur willkürlich eingesetzt war, und nur dort, wo sich um eine Person ein eigenes Kraftfeld gebildet hatte, das den Fliehkräften der Phantasie und der gesellschaftlichen Wirklichkeit Widerstand leisten konnte, hielt es, wie er betonte, der Familienehre die Treue.

So überreichte er der Konsularwitwe ein Exemplar, „um sie mit der Entwicklung ihrer neuen alten Heimat“ bekannt zu machen sowie mit der Bemerkung, dass sich die Wege der immer wieder überraschenden Wirklichkeit mit unserer Vorstellung kreuzen und auf die eine oder andere Weise nebeneinanderher – bzw. miteinander verlaufen.

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Die Konsularwitwe hatte sich bedankt und blätterte eher unlustig und unbeteiligt in den Erinnerungen, hatte sich dann aber mit wachsender Neugierde festgelesen; die Geschichte, in der sich, auf die eine oder andere Weise, auch die Geschichte des Salons widerspiegelte, überlegte sie und widerlegte bzw. bestätigte Dr. Löwitsch, besteht darin, dass immer ein Zusammenstoß von Idee und Wirklichkeit auf unser Leben, willkürlich, Einfluss nimmt.

„In einer Randlage, als noch kein Mensch an eine Verkehrsanbindung dachte und, wenig wahrscheinlich, vor Urzeiten die Elektrische am Haus vorbeifuhr, oder sich ein Droschkenplatz in der Nähe befand, entwickelte sich, da Schönhausen zugehörig, Grunderwerb und Betriebskosten niedrig lagen, vor den Toren der Hauptstadt die Sommerresidenz, später fester Wohnsitz, begüterter Offiziere, Verwaltungs-beamter, Fabrikanten, Künstler: ein Steuerparadies, dann Villenvorort moderner Pfahlbürger.

Als sich mit der Ausdehnung der Kernstadt die kommunalen Verwaltungsgrenzen hinausschoben und das Häusermeer über die Streuarchipele hinwegzuwachsen drohte, sollte dieser Suburbanisierungsversuch die Grundlage einer regionalen Differenzierung bilden. Dagegen hat sich die Regionalplanung mit Erfolg der im Zweckverbandsgesetz verschriebenen Idee einer vorgeblich dezentralisierten Großstadtgemeinde wider-setzt: dem Denken in kommunalen Grenzen, das, ohne die Verdichtung zu entkernen, den Verstädterungs-prozess maßlos vorantreibt und die Binnendifferenzierung ausgleicht. Die Furcht einer Elite, vom Weichbild der Stadt aufgesogen zu werden, in ihm zu verschwinden, beflügelte den Widerstandsgeist, so dass hier die Schuballianz von Beziehungen, von den Interessen betroffener hoher Verwaltungsbeamter, von einer wohldurchdachten Spekulationspolitik ( mit Anhebung der Bodenpreise ) ohne Ausklammerung spezifisch infrastruktureller Leistungen, ein organisches Gemeinwesen schuf, das die „ Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeit“ verhindern sollte, eine auch in sozialhygienischer Hinsicht geglückte ordnungspolitische Maßnahme: Die Idee einer menschenwürdigen Urbanisierung durch zentrifugale Wohnkultur.

Das Auge, das gesättigt und ernüchtert von den Eindrücken einer lebenssprühenden Großstadt vergeblich der Versuchung, Ordnung und Übersicht zu wahren, standhalten möchte, sucht einen Platz zum Verweilen, wo die Stadt Front zeigt: Mit einem Urwaldlächeln empfängt er den Besucher. Großbürgerliche Landsitze, hochvergittert in Parkanlagen; Häuser in längst verwaschenem Siena – oder Habsburggelb wechselten mit anderen Behausungen in einem verwitterungsanfälligen Weiß. Hier haben sich die Farben in der Aura des Alters zusammengefunden, stumpf, verwaschen, anthrazit mit regengrau. Die Bewohner, wer sie zu Gesicht bekommt, meist so alt wie ihr Haus.

Dies ist das Reich der Zeit: verwittert, das Straßenschild unlesbar, wie ein von Strauchwerk und Gebüschumwachsener Tümpel von

Geschichten und Gerüchten umschlungen: nicht schön, aber märchenhaft und voller Wunder. Der Besucher, der diese Straße entlanggeht,

kehrt mit dem Auge wieder zurück zu jenem im Kolonialstil erbauten Haus mit dem exotischen Baumbestand und dem

Löwentor, wo in das Gitter derTürflügel die Spruchweisheit eingelassen ist „ Tue recht und scheue niemand“, und betrachtet staunend

das Geschehen, das sich dem Auge bietet, und er kommt sich vor wie in einem Zoo oder Botanischen Garten. In den Anfangsjahren

spazierte ein Pfau hinter dem Tor, posierte prahlend, indem er sich spreizte und farbenfroh auffächerte: Aus einer Voliere klangen

Urwaldgeräusche, Schreien, Krächzen; ein Fauchen aus einer unbestimmbaren Richtung jagte Besuchern Schauer ein. Dann tauchte

eine hagere Gestalt auf, die bei Sonnenschein jeden Nachmittag mit Tropenhelm und in weißem Khakianzug im Pavillon den Tee