Melancholie der Augenblicke - Klaus Schober - E-Book

Melancholie der Augenblicke E-Book

Klaus Schober

0,0

Beschreibung

Ein Pariser Flaneur, im Caféhaus, genauer gesagt, in den Caféhäusern Europas zu Hause, getrieben von Neugierde, ein Einzelgänger und: Opfer einer jeden Voreingenommenheit, aber bereit, eine durch den erneuten Augenschein widerlegte Einschätzung zu widerrufen, sammelt Geschichten und wird, oft unfreiwillig, selbst Teil einer "Geschichte". "Was für ihn zählt, ist der Augenblick; er ist ein Augenblicksmensch, einer, der die Abwechslung, besser: den raschen Wechsel liebt, wohingegen seine Widersacher, der Bohemien oder der Dandy, ein anderes Raum und Zeitverhältnis leben ... das ist ihm fremd. Diese haben ein Ziel, selbst wenn sie es bei sich finden; sein Ziel, gäbe es für ihn eines, lautete: Ziellosigkeit." "Der Dandy sucht die Öffentlichkeit, er steht soz. immer im Scheinwerferlicht; der Flaneur meidet, was seine Person angeht, die Öffentlichkeit, er steht wie ein Zaungast "draußen" am Rand des Geschehens, meistens ... im Dunkel - aber es entgeht ihm nichts."

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 480

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das Leben wird lebenswert durch Begegnungen mit Menschen.

(Balzac)

Inhaltsverzeichnis: ( Band III ):

Berlin:

1. Mordphantasien

Bern:

2. Beat und Juliette und…

Italien – Frankreich – Deutschland:

3. Die Bohéme

Porto – Libanon

4. Der Zauderer oder wie feige darf ich sein

Budapest:

5. Taschenspielertricks

Paris:

6. Die Wahrheitssucher

München:

7. Perspektivwahl

Rom:

8. Seneca

Budapest:

9. Im Altersheim

Paris:

10. Auf der Brücke

London:

11. Neue Sehgewohnheiten

Asturien

12. Freiberger …

Paris:

13. Der Flaneur

1.

Mordphantasien:

Schon immer habe ich, und ich frage, ob, nein, ich behaupte, dass ein jeder von uns schon einmal in seinem Leben Mordphantasien mit sich herumgetragen hat?! Seit frühester Jugend hat dieser Gedanke, angetrieben von einem schier unheilbaren Gerechtigkeitssinn, der mich wie andere das Fleckfieber, heimsuchte und sich als Dauergast einquartierte, Platz von mir ergriffen, …und ich räume ein, es war ein Mangel an Gelegenheit oder es kam wieder „etwas Wichtiges“, das keinen Aufschub duldete dazwischen, diesem Trieb Raum zu geben. War es anfangs eine, ich gebe zu, die Kandidaten wechselten, Lehrergestalt, von der ich mich ungerecht behandelt fühlte, und der ich Pest und Cholera auf den Hals wünschte, und der ich, mein Wurfgeschoss, es war gehärteter Quark, in der Hand auflauerte, um mich im letzten Moment, wieder kam, wenn auch nur als Vorwand, ein ungebetener Gast in die Quere, der meine Absicht zunichte machte oder zu Fall brachte, den Lehrer, bevor er Opfer werden konnte, unterhakte, so dass ich mich zurückziehen musste und das Wurfgeschoss fallen ließ. Da mit den Jahren die Behandlung seitens dieses oder anderer Pädagogen, unter der ich zu leiden hatte, in ihren Folgen ernsthafter, d.h. für das weitere Leben entscheidender wurde, griff ich zu härteren Mitteln: Die Weißkäsebombe wurde gegen einen harten Stein getauscht.

Dabei verwette ich mein Taschengeld, dass es nicht der Mangel an Gelegenheit war, der mich zaudern ließ…bei Abwägung der Bedeutung, der Schwere des Delikts kam ich unweigerlich zu dem Schluss, dass das Vergehen, dessen sich diese Volkserzieher, wenigstens, was meine Person betrifft, zuschulden haben kommen lassen…in keinem Verhältnis zu der beabsichtigten Vergeltung stand… ich rächte mich auf meine Weise, ohne Befriedigung zu erlangen. Das Bewusstsein, dass dies nicht mehr als ein Entgelt wert sei…und allenfalls…die Waage der Justitia, ja ich weiß, diese Richterin ist blind, nur ein wenig ausschlagen ließ.

Das rührte an die eigene Person, die Persönlichkeit, die ich durch mein Zögern in Frage stellte.

Gift? Kam nicht in Frage, das ist Frauensache! Giftmischerin? heimtückisch? und ich erinnerte mich an ein erfolgreich eingesetztes Gift, Pflanzengift ursprünglich, ehe es einem höheren Zweck diente…ich malte mir aus, leiden sollte er, wie er, mein Lehrer-ungeheuer! sich krümmend vor mir lag, sich in Schmerzen wand – und es hatte den Vorteil, i. U. zu einem tödlichen Messerstich oder einem Schuss, der den Absender für den Betroffenen beinah unsichtbar macht, dass das Opfer des Vollstreckers, des Henkers, davon wollte ich Gebrauch machen, ansichtig wird…ich mich in meinem Vergeltungsdrang weiden konnte an dem Schmerz.

Hat nicht Dante von der Reise in die Hölle berichtet…und sinnvoll ausgemalt, was diese dort erwartet?…und dahin, in meiner unbekümmerten Vorstellung, verwünschte ich die Lehrergestalten…wo ich wie der Leser seiner Höllenfahrt als Zaungast durch das Schlüsselloch der Phantasie die einzelnen Stationen auf ihrem Leidensweg miterleben durfte.

Ich weiß, dass andere ihre Kindheit und Jugendzeit, diese Prüfungs – und Bewährung-szeit! durchlaufen, ohne anzuecken, ja, dass sie empfindungs- oder rückgratlos, ge-wissenlos! diese schlimmsten Jahre im Leben eines Menschen, wo die Gerechtigkeit, sagt man so? mit den Füßen getreten wird, „bewältigen“.

Ich bezweifle, dass sie, ungeachtet der Zeugnisse, die man ihnen ausgestellt hat, be-griffen haben …Reife? von ihnen, nicht mehr als ein Gefäß für fremde Eindrücke, war keine Hilfe, nicht einmal Mitleiden zu erwarten.

Ich war, Sie haben das längst verstanden, auf mich allein gestellt. Was das heißt? Sie lernen als Zögling dieser feinen Bildungsanstalten die Willkür eines Benotungssystems als Ausdruck von Belohnung und Strafe kennen und unterscheiden, was Gerechtigkeit und was Ungerechtigkeit ist. Auch ein guter Schüler, und ich war meinen Klassenkameraden in vielem weit voraus, wird zum Objekt von Gunst -, ich verbessere mich, Sympathiezeugung, wenn Ihrem Vorgesetzten „Ihre Nase“ missfällt. Ja, ich gebe zu, ich machte es meinen Volkserziehern nicht leicht - was kann ich dafür, dass ich vieles besser wusste? und mit meiner Meinung nicht zurückhielt? Ja, es wagte, diesen halbgebildeten Besserwissern über den Mund zu fahren, wenn sie in theoretischer Physik aus ungenügend aufbereiteten Voraussetzungen die falschen Schlüsse zogen? Wenn sie mich, ha! im Fremdsprachenunterricht, in französischer Aussprache meinten korrigieren zu müssen, mich! den Sohn einer französische Mutter, ja, zu Hause wurde oft nur französisch gesprochen, und der die Ferien ausschließlich in Frankreich verbrachte…Sie können mir aber auch den Vorwurf machen, versagt zu haben. Schließlich hat jeder dieser pädagogischen Zuchtmeister seine Übergriffe, seine subkutanen Handgreiflichkeiten…überlebt, ja mit Gönnermiene haben Sie mir das Abschlusszeugnis, die Matura, überreicht, nein, in angeblich extraordinären Lehrerkonferenzen bewilligt…immer bleibt etwas, meistens die Gerechtigkeit, auf der Strecke---

Ich weiß, wie oft habe ich das anhören müssen, Lehrjahre sind keine Herrrenjahre – das gilt für Studenten ebenso wie für Lehrlinge. Und soz. am eigenen Leib spüren müssen, dass Widerrede, so berechtigt sie auch scheinen mag, in einer hierarchisch bestimmten Gesellschaft ein Verstoß gegen die Autorität des Alters und der Position sind. Ich hatte mich, was liegt näher? für das Fach Jura entschieden und mich an einer „Exzellenz – Hochschule“ immatrikuliert. Ich machte mir keine Illusionen, etwa durch einen Stellungswechsel, ich war nach kurzer Zeit bereits zum wissenschaftlichen Assistenten avanciert, Vorrechte erworben zu haben. Spätestens, ich war in Vertretung meines Professors Teilnehmer einer nationalen juristischen Fachtagung und hatte die trockensten Vorträge einer staubtrockenen Juristenfraktion, der Elite auf dem Feld der Rechtsprechung, anhören müssen, Stimmen aus dem Jenseits! die überholte Ansichten als Grundsätze einer verantwortungsvollen demokratischen Verfassung priesen. „Das, was in der Welt verdorben worden ist, das ist aus guten Gründen berdorben worden.“ Ich weiß, ich bin meiner Zeit voraus, aber Kernelemente eines veralteten sexuellen Strafrechts, dann Abtreibung und Pädophilie, ich weiß ein heikles und sensibles Thema, müssen erörtert und gegebenenfalls ersetzt werden durch eine neue zeitge-mäße Rechtsprechung. Ich wagte leichtsinnig den Kamikazesatz: Meine Herren, wir müssen uns damit vertraut machen dass wir, die Zeiten ändern sich, damit die Menschen - wir stehen vor neuen Herausforderungen, die wir zur Kenntnis nehmen und denen wir uns stellen müssen, wir müssen - das, was uns als Juristen bisher als selbstverständlich galt, sie wissen, die Gewohnheit, die sich auch bei uns eingeschlichen hat, ist der größte Feind einer lebendigen Demokratie und damit eines Rechtswesens, das auf der Höhe der Zeit stehen will, überdenken! und ich nannte einige Beispiele, der Welt von gestern! mit einer neuen Rechtsauffassung begegnen. Zugleich müssten wir uns endgültig von den schwarzen Schafen in unseren Reihen trennen und von ihren barbarischen Urteilen distanzieren, d.h. uns unserer Tätigkeit, ja, ich sagte vorsichtshalber „unserer“, im Dritten Reich stellen, um unser Fachgebiet von Vorwürfen frei zu halten.

Einen Moment herrschte Stille, dann aber erhob sich ein Sturm der Entrüstung, der mich hinwegzufegen drohte –und auch hinwegfegte: eine im Mark getroffene Zunft, zum großen Teil bestehend aus alten Tattergreisen, aber die haben das Sagen, die schon in unseligen Zeiten, ohne sich davon distanziert zu haben, das Recht vertreten hatten. Sie, liebe Leser, kennen das, von Stunde Null ist die Rede, von einem Demokratieanfang, andere, jenseits der Mauer, sprechen von Befreiung, wo doch nur von einer Fortsetzung der alten Haltung mit anderen Mitteln ( Sprüchen ) die Rede sein kann. So überschütteten sie mich mit Häme, wobei sie nicht auf meine Argumente eingingen, sondern mein Alter und meine Position herauskehrten. Besonders zwei namhafte Professoren, L. und R, die politisch immer auf der richtigen Seite standen, und hier hätte ich lernen können, worauf es im Leben und bei einer konservativen Grundhaltung ankommt, taten sich unrühmlich heldenhaft hervor und setzten sich mit Erfolg bei der Fakultät meines Lehrstuhls durch, d.h. sie schwärzten mich bei meinem Professor an, dem angesichts der „Kräfteverhältnisse“ nichts anderes übrig blieb, als mich zu entlassen. Ich konnte, welche Hindernisse wurden mir in den Weg gelegt! mit viel Mühe mein Hochschulstudium beenden. Aber glauben Sie nicht, ich wäre nun ein für allemal „geheilt“, d.h. ich hätte begriffen, „worauf es im Leben ankommt“. Ich war ein gebranntes Kind, d.h. eine jede Kanzlei wusste, mit wem sie es zu tun haben wür-de, und ich? Verstellung lag mir nie, aber nun verstellte ich mich. Ich spielte, indem ich aus dem Arsenal des Sozialismus schöpfte, den reumütigen Sünder, ich bezichtigte mich selbst jener ungeheuren Verfehlung, an der Autorität der im In – und Ausland geschätzten Kapazitäten gezweifelt zu haben und an der Rechtsordnung unseres Vaterlandes die Lunte der Zerstörung gelegt zu haben. Ja, „das Antlitz unseres geliebten Landes, Opfer einer Verführung und soeben aus den Verführungen den Traumata, wie aus einem verwunschenen Traum, wiedererwacht und zu sich gekommen“, hätte „durch meine unbedachten Anwürfe Risse bekommen“ können – ich häufte, Sie bemerken es, einen Stein auf den anderen und lief, ich stellte es rechtzeitig fest, Gefahr, durch mein übertriebenes Eingeständnis, den in die Höhe gewachsenen Schuldturm ins Wanken zu bringen. So beendete ich, die reuigen Falten durchfurch-ten mein Gesicht, meine Selbstanklage und bat das Hohe Gericht“ um Absolution. Ich musste, das sei zu meinem Lob gesagt, überzeugend gewesen sein, denn unerwartet, brandete Beifall auf und belohnte den „Antonius“, ja, die von mir angegriffenen Autoritäten rafften sich, sichtlich angetan, selbst zu meiner Verteidigung auf und sprachen vom Übermut der Jugend: jede neue Generation will, indem sie zur Axt greift, anstatt erst einmal zuzuhören! die Welt aus den Angeln hebeln. Und, wir sind keine Unmenschen, „in dubio pro reo“. Ich hatte einen Stein ins Bett eines verseuchten Gewässers geworfen, aber die Wellen, die ihre Kreise ziehen sollten, blieben aus. Im Gegenteil, indem ich Abbitte tat, befestigte ich ihre Position, ich hieß ihr Verhalten im Dritten Reich gut und entlastete mich, indem ich mich selbst beschuldigte. Zugleich musste ich mich, um meiner Wiederaufnahme willen, noch weiter erniedrigen: die Bedingungen, unter denen ich meine Referendarzeit antrat, waren entwürdigend. Als das letzte Glied einer Kette, bestehend aus den beiden Kanzleivorständen, den Rechtsanwälten - der eine spezialisiert auf Zivilrecht, Erbrecht und Grundstücksfra-gen, der andere im Strafrecht und Finanzwesen und Banken, so dass ich, wie es mir vorkam, wie auf zwei Hochzeiten zugleich tanzen musste – dann zwei Rechtsanwalts-gehilfen, zwei Schreibkräften, dann mich, den Referendar. Nachtragen muss ich, dass meine ursprüngliche Absicht, Im Staatsdienst, als Richter oder Staatsanwalt, tätig zu werden, an meinen Prüfungsnoten scheiterte, Sie müssen sich vorstellen, ich, nach kaum einem Semester schon wissenschaftlicher Mitarbeiter meines Professors, konnte mit Müh und Not, wieviel Demütigungen musste ich ertragen, die Abschlussprüfung bestehen, ich, der nie die Repetitoriumsstunden besuchen musste! Und nun blickte ich auf eine Zukunft, wo ich mich auf dem freien Markt als Rechtsanwalt, entweder als Mitarbeiter in einer Großkanzlei oder als selbständiger Rechtsanwalt behaupten sollte.

Ich wäre, ich sagte das, gerne Staatsanwalt geworden, eventuell auch Richter, ich hätte in meinem Verantwortungsbereich mehr Rückendeckung, ich könnte soz. im Namen des Staates, ja ich bin ein auch Befürworter der Todesstrafe…in eindeutig nachweis-baren Fällen und dem Geständnis des Angeklagten der Rechtsordnung ihr verspieltes moralisches Gewicht wiederherzustellen helfen.

Meine derzeitige Tätigkeit bestand zunächst nur zu einem geringen Teil darin, juristisch wirken zu können, d.h. den RA in ihrer Fallbearbeitung zuarbeiten zu dürfen, mehr noch als Dienstmädchen für alles, Botengänge, Kaffee kochen…so wollte man mir, natürlich kannte man mich bzw. war man informiert über meinen Tritt ins „Fett-näpfechen“, frühzeitig, wie sich einer der beiden RAs verplapperte, den Schneid abkaufen. Es blieb aber nicht aus, RA, ich will nicht verallgemeinern, sind, das blieb mir nicht verborgen, von Haus aus faul, d.h. sie, die immer viel zu viele Fälle auf einmal bearbeiten wolle, schieben den Fall auf die lange Bank, und erst im letzten Moment können sie sich auf den aktuell anstehenden Gerichtstermin vorbereiten – mit dem Er-gebnis, dass die Erfolgsrate, zieht man die aus Bequemlichkeit erwirkten Vergleiche ab, mager blieb. Der Trägheit oder den zuviel übernommenen Aufträgen verdankte ich, dass ich zu den einzelnen Fällen, zunächst zu den „einfachen“, hinzugezogen wurde, d.h. ich musste „zuarbeiten“, analoge Fallbearbeitungen ausfindig machen und die Urteile und ihre Begründung heraussuchen. Ich kann mir gutschreiben, ohne dass es mich sonderlich mit Stolz erfüllte, dass „unsere“ Kanzlei einen Aufschwung nahm, der nicht zuletzt meiner Mitarbeit zu danken war.

Eine Rechnung hatte ich noch offen. Nicht vergessen hatte ich die Schmach, die mir angetan wurde, und an deren Folgen ich Tag für Tag zu leiden hatte - ich hatte mir geschworen, Rache zu üben: Jene beiden Juristen, denen ich zu verdanken hatte, mein Gott, verdiente Repräsentanten ihres Fachs, die haben das Rechtswesen nach dem Krieg wieder aufgebaut! sollten mir dies büßen.

Niemand lebt ohne Vorbilder, an diesem geistigen Führer, einem noch lebenden oder einem schon verstorbenen, vielleicht auch nur einer Idee! orientieren wir uns, ihm oder ihr eifern wir nach oder wir versuchen ihn ( oder sie ), das schmälert nicht seine Verdienste, ebenso wenig nimmt es der Idee ihren Sinn, zu übertreffen. Ich war, und bin es immer noch oder schon wieder, Neukantianer wie Radbruch, Strafrechtslehrer und Rechtsphilosoph. Aber auch er musste, spätestens als Justizminister erleben, welche Kluft zwischen Rechtsprechen und Gerechtigkeit klafft. Jeder ist auch ein Kind seiner Zeit. So versuchte ich, auch dem Positivismus oder Existentialismus etwas abzugewinnen, um zuguterletzt doch wieder dem Neukantianismus zu folgen bzw. seinen Grundsätzen anzugehören.

Ich hatte die Lebensumstände und die Angewohnheiten dieser beiden mir ans Herz gewachsenen Rechtsvertreter, L. und R., ausspioniert und einen Anschlag, Recht muss Recht bleiben oder wieder werden! raffiniert eingefädelt, so dass es wie ein Unglücksfall aussehen musste oder wie ein, Gott stehe mir bei, längst überfälliger Suizid …bis ich umdachte. Sollten die beiden wirklich ungeschoren davonkommen, ihr Verhalten und ihre Rechtsprechung im Dritten Reich unter dem weiten Mantel der Geschichte verborgen bleiben, stattdessen in Nachrufen ihr Verdienst für das Rechtssystem der BRD herausgekehrt werden? Wäre es nicht gescheiter, dachte ich, naiv! sie vor Gericht zu bringen, so dass sie selbst über ihr Wirken in verantwortungsvoller Position im Dritten Reich Auskunft ( und Rechenschaft ) abgeben ( und ablegen ) müssten?

Meine Stunde kam, als ich nach mühsam bestandenen zweiten Examen, selbständiger RA geworden war. Ich hatte eine Kanzlei ( Zivilrecht ) eröffnet und meine ersten Fälle vor Gericht bestanden, d.h. zu meiner Zufriedenheit gelöst, meine Mandanten waren, ich gebe zu, nicht immer ganz unschuldig, von „jedem Verdacht“ freigesprochen wor-den. Ich hatte über die Jahre belastendes Material über die Taten meiner unfreiwilligen Mandanten gesammelt - ich war sogar unter einem Vorwand, einer wissenschaftlicher Erhebung, in das unter amerikanischer Aufsicht stehende „Head-center“ eingedrungen - das für eine Anklage und Verurteilung reichen müsste, und eine Öffentlichkeit war, dachte ich, hellhörig geworden und empfänglich und hatte sogar auf Rechtsbeihilfe aus der Ostzone, die sich, ha“ DDR nannte, hoffen dürfen.

Was ich recherchiert und zusammengetragen hatte, die Vielzahl der Unrechtsurteile, durch die Anklagevertreter und Richter in einer Person, die zumeist mit dem Urteil Tod durch Erhängen oder Tod durch Erschießen endeten, reichte für eine lebenslange Haftstrafe – das als Folge eines, und hierauf legte ich den größten Wert, langwierigen aber eindeutigen Prozessverlaufs, in dem sie sich zu ihren Taten äußern müssten. Noch, kaum vorstellbar, in den letzten Kriegstagen, die Front war überall zusammen-gebrochen, wurden im Namen des Volkes und unseres Führers, war er nicht schon tot? Todesurteile vollstreckt. Mir war, ich jauchzte, ein Zeitungsbericht in die Hände gefallen, in dem L. sich damit brüstete, den einen und den anderen Delinquenten, Volksverräter! mit eigenen Händen „ins Jenseits“ befördert zu haben.

Ich hatte die Anzeige sorgfältig vorbereitet und war mir sicher, mir selbst stockte noch der Atem, wenn ich die einzelnen „Anklagepunkte“ durchging: Einsatz an vielen Frontabschnitten, wobei Urteile wie „Feigheit vor dem Feind“, Fahnenflucht u.a…., denen ihr Wirken im Hinterland: Säuberungsaktionen, „um uns den Rücken frei zu halten“…, „Fraternisierung mit dem Feind“ u.a. in nichts nachstanden: die allesamt mit dem Urteilsspruch Tod durch Erschießen usw. endeten.

Ich musste erleben, dass die Anzeige abgewiesen wurde, einige Zeitungen berichteten in wenigen Zeilen über den Versuch einer „Nestbeschmutzung“ oder „Die Vergangenheit soll endlich ruhen“; einzig ein vorwitziges Nachrichtenorgan heftete sich an den Fall, wobei die zunächst noch spektakulär zurückgehaltene Namensnennung die Sensationslust steigern sollte –oder geschah dies aus einem echten Aufklärungsverlangen?

Die Zeit war noch nicht reif für diese Form der Aufarbeitung, die Deutschen waren noch zu sehr mit sich selbst beschätigt, der Auf – und Ausbau einer „diesmal“ funktionierenden Demokratie ( unter alliierter Aufsicht ), der die Fehler des ersten Versuchs vermeiden sollte, verschlang alle Kräfte – oder waren noch zu viele der..Beteiligten in federführenden Positionen? Und unser Kanzler feierte den im Volk lebendig gebliebenen Mythos des „sauber gebliebenen“ deutschen Soldaten. Er hielt in einer Rede vor dem Bundestag die Zahl der wirklich schuldigen Offiziere für zu gering, als dass dadurch der Ehre der früheren deutschen Wehrmacht Schaden zugefügt worden sei.

Ich musste meine Anzeige zurückziehen, die Zeitungen, voraus die Blätter eines windigen Journalismus, stürzten sich auf mich, sprachen von Denunziation und Verleumdung, auch die Justiz wollte sich diesen Unruhestifter vom Hals schaffen, indem sie mir Rufmord an verdienten Demokraten ( „ums Vaterland verdient gemacht!“ ) unterstellte und mich abmahnte. Ich grollte – und zog mich zurück. Mein Gerechtigkeitssinn war tief getroffen, ich zweifelte am Rechtsstaat und studierte mit wissenschaftlichem Interesse die „Klassiker“, die sich über Geschichte des Rechts und ihre Begründung ihre Gedanken gemacht hatten, ihre Umsetzung in die Wirklichkeit wie auch synoptisch oder parallel die Idee der Gerechtigkeit, um mir selbst von sehr „idealistischer“ Seite eine Abfuhr einzuholen.

Die Entwicklung vom traditionellen zum neuen Recht vollzog sich mit der beschleunigten Veränderung der Lebensverhältnisse; die industrielle Produktionsform erzwang den Wechsel vom Gewohnheitsrecht zum positiven Recht, einem von einer singulären Obrigkeit erlassenen Recht. Wenn es heißt, dass es Aufgabe des Strafrechts sei, wichtige, für das Zusammenleben der Menschen unentbehrliche Rechtsgüter zu schützen, muss ein Verstoß entsprechend geahndet werden. Die Frage ist nun, wie reagiert der Rechtsstaat, in welchem – angemessenen - Verhältnis stehen die begangene Tat und die Verhängung der Strafe? Kommt im sog. Rechtsstaat auch die Gerechtigkeit zum Zug? Ich weiß, ich habe ein archaisches Verständnis, nennen Sie es meinetwegen Naturrecht, wie eine Reaktion auszusehen hat. Actio – Reactio, Auge um Auge, Zahn um Zahn und, modernen Strafrechtlern ein Dorn im Auge, ich huldige, und folge darin Kant, dem Prinzip der Vergeltung. Angemessene Reaktion oder Strafe soll das Verbrechen ahnden, d.h., dass „jedermann das widerfahre, was seine Taten wert sind.“

Meine Mandanten hernach, es waren wenige, die den Weg in meine Kanzlei fanden, beschäftigten mich mit „Lappalien“, hier ein kleiner Diebstahl, dort die Veruntreuung einer lächerlichen Summe, die Schlichtung bei einem Erbstreit…Bagatellen!

Selbst als ich dem Dekan - den ich vor allem für meinen Werdegang an der Uni und mein schlechtes Zeugnis verantwortlich machte - im Umgang mit Abhängigen Begünstigung wie auch Geschlechtsverkehr nachzuweisen vermochte, auch wenn die Aussage der Betroffenen auf wackligen Füßen stand, konnte ich dank einer geschickten Verhandlungsführung das Gericht von der Schuldhhaftigkeit des Beschuldigten überzeugen; dies verschaffte mir Genugtuung, ohne mich zu befriedigen.

Erst die Übernahme eines Mandats in einem angeblichen Mordfall, den die Staatsanwaltschaft, koste es was es wolle, aufzuklären gedachte, d.h. sie wollte meinem Mandanten die Ermordung eines Staatsanwaltes, aha, daher weht der Wind! anhängen, kam mir nicht nur gelegen, sondern reizte mich, mich mit meinen Widersachern, den Vertretern einer legislativen, nein: exekutiven Gewalt, die – eigentlich - anstelle einer Ahndung die Rehabilitation, d.h Resozialisierung im Auge hatten, auseinanderzusetzen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie wollten dem Angeklagten die Schuld am Tod eines Kollegen nachweisen, ihn in der Verhandlung mit allen möglichen Fangfragen der Tat überführen, d.h. sie gingen a priori von der Schuld meines Mandanten aus, wo doch zunächst die Unschuldsvermutung gelten sollte. „Ein Mord aus niederen Beweggründen“ so lautete die Anklageschrift, die ich, überzeugt von einem Racheschritt der Staatsanwaltschaft, die damit ihren eigenen Vorgaben untreu zu werden drohte, ich gebe zu, mit besonderem Eifer studierte. Es blieben, was den Tathergang betraf, viele Fragen offen. Noch unklarer war, wer als Täter in Frage kam. Nur weil mein Mandant sich in der Nähe des Tatortes, wenige Minuten nach der Tat, hatte, wie Augenzeugen berichteten, sehen lassen, konzentrierten sie ihre Beweis-führung auf ihn. Mein Mandant blickte der Verhandlung und der Anklage gelassen entgegen. Das Gericht hatte in diesem allem Anschein nach eindeutigen Fall einen Tag für die Verhandlung, einen weiteren für die Urteilsverkündung angesetzt, dementsprechend fand der Prozess „trotz der Schwere und der Tragweite“ des unterstellten Motivs wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, d.h. die Presse war bis auf eine Ausnahme, eines Senatonsblättchens, das einem Nachwuchsjournalisten die Gelegenheit bieten wollte, sich in einem wenig spektakulären Fall „hervorzutun“, nicht vertreten.

Der Staatsanwaltschaft wollte in ihrem Beweisantrag dem Angeklagten, der schon einmal straffällig geworden und von besagtem Staatsanwalt verurteilt worden war, Rachegefühle nachweisen und hoffte, ihn, zumal Zeugen gehört haben wollten, wie der Angeklagte geschworen habe, er wolle es ihm heimzahlen, in einem kurzen Verfahren der Tat zu überführen. Indes, mein Mandant legte trotz der vorgelegten Beweise kein Geständnis ab, d.h. er, so das Gericht, leugnete die Tat. Ich konnte der Staatsanwaltschaft Verfahrensfehler anlasten sowie sie der niederen Instinkte eines Rachegelüste überführen, d.h. dass sie ihr Beweisverfahren ausschließlich auf Voreingenommenheit: Sie unterstellen meinem Mandanten, er habe nach vielen Jahren nichts anderes im Sinn gehabt, als Vergeltung zu üben. In der Tat habe der Angeklagte, das war im Affekt, nach seiner Verurteilung dem Staatsanwalt gedroht – hat er das geleugnet? Aber zwischen Gedanken, Worten und Tat, bestehe doch wohl ein Unter-schied. Heißt es nicht bei einem unserer Klassiker „Die Gedanken sind frei“ - und wol-len wir uns an diesem Rechtsgrundsatz versündigen? Dass sich mein Mandant zufällig in der Nähe des Tatortes aufgehalten habe, über die Gründe hat er Ihnen Auskunft gegeben, berechtigt Sie nicht zu diesem Tatvorwurf! Meine Herren, Hohes Gericht, wir haben es mit einem typischen Indizienprozess zu tun…wobei die Indizien mehr als wacklig dastehen.

Ich konnte das Gericht, zumal die Staatsanwaltschaft mit meinem Plädoyer nicht überzeugen, wohl aber hatte ich die Öffentlichkeit auf meiner Seite, d.h. die Medien, die über diesen „zweitklassigen“ Fall berichteten, hatten das Bedürfnis, und das musste mit dem Gefallen, es der Obrigkeit wieder einmal zeigen, d.h. sie vorzuführen, zu tun haben, sich an einem, diesem Autoritätsverlust zu weiden. Sie sprachen von einem typischen Indizienprozess, zogen die Zeugenaussagen – nach diesen Jahren! – in Zweifel und, Gott schütze unseren Glauben an die Unabhängigkeit der Gerichte, unserer Rechtsprechung, unterhöhlten die Festigkeit dieser Vertreter, die endlich an ihrem Glauben, von ihrer eigenen Beweislast erdrückt und irre geworden, ihren eigenen Antrag widerriefen und „den schon Verurteilten“ mangels Beweisen freisprachen., .

Ich hatte meine erste große Schlacht geschlagen – und gewonnen. Ich triumphierte oder bildete mir ein, triumphieren zu müssen. Auch die Presse sprach von einem Sieg der Gerechtigkeit und stellte zugleich der Exekutive, der Kriminalpolizei, ein schlechtes Zeugnis aus, weil es ihr bisher nicht gelungen sei, „in dieser Sache“ auch nur einen Schritt voran zu kommen. Wenige Tage nach dem Freispruch suchte mein Mandant mich in meiner Kanzlei auf, bedankte sich noch einmal „für diese großartige Vertretung“, „Denen haben wir es aber gegeben!“ und gestand mir freimütig, dass er sehr wohl den Staatsanwalt, wenn auch nicht vorsätzlich, ermordet habe. Dieser habe ihn bei einer „zufälligen Begegnung“, „gut er habe dieses Treffen in die Wege geleitet“, höhnisch und bis aufs Messer gereizt, so dass er, mir sei ja seine Jähzornigkeit bekannt, zugestochen habe. „Erwarten Sie nicht von mir, dass ich meine Tat bereue!“

Da stand ich nun! Ich hatte geglaubt, der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen zu haben. Machte ich zunächst das Gericht für dieses Fehlurteil verantwortlich, um mich, gestand ich mir selbst ein, zu entlasten, bohrte sich diese Fehleinschätzung wie ein Pfeil in mein Herz. Ich war Opfer meines Gerechtigkeitssinns geworden – oder trachtete ich, „aus niederen Motiven“ danach, Vergeltung zu üben? Mein erster großer Triumph, von der Öffentlichkeit gewürdigt, entpuppte sich als eine, nun, inoffizielle, große Demütigung!

Ich hatte, anders als bei der Einschätzung des Ersten Weltkrieges, nie an der Alleinschuld der Deutschen am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gezweifelt. Und schien mir sicher, dass diese Sicht, wurde nicht das Kriegsende, die Kapitulation, die Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft, ein Gedenktag, den man in Andacht beging? ein „Allgemeingut“ sei.

Indes machten die Tage der Reue, ich bemerkte dies mit Erstaunen, einer, von westalliierter Seite tolerierten, nein unterstützten Wiederbewaffnung, der Errichtung einer Berufsarmee Platz und gipfelten in der Wiedereinführung der Wehrpflicht. Zugleich wagten Autoren den Blick in die jüngste Vergangenheit und scheuten sich nicht, den Nimbus der Wehrmacht „wiederzuerwecken“. Ich gebe zu, dass viele ihre entscheiden-den Jahre, wo es um Studium, um Berufwahl oder Eintritt ins Berufsleben ging, „im Feld“ erlebt haben. Aber in dem, was hier, zeitgleich mit weitreichenden politischen Entscheidungen stattfand, mutmaßte ich die Rehabilitierung einer in das verbrecherische System des Nationalsozialismus verstrickten Wehrmacht. „Das kollektive Bewusstsein“, wie ein Politikwissenschaftler, P. Reichel, schrieb, „unterschied zwischen „deutscher Unschuld“ und „nationalsozialistischer Schuld“. Heimkehrergesetz und Bundesversorgungsgesetz bildeten die Voraussetzungen für eine umfassende Kriegsopferfürsorge. Und die Deutschen, wir! entdeckten den Widerstand, den eine Handvoll späteinsichtiger? Offiziere, Gott, wer war nicht alles, am Ende ein ganzes Volk! Teil dieser Resistance! geleistet und zum Teil mit dem Leben bezahlt hat. Nun, das war kein Freispruch, relativierte aber das Schuldgefühl. Der 20. Juli wurde so etwas wie der Nationalfeiertag einer, in mehrfacher Hinsicht, gespaltenen Nation.

In dem Attentats – oder Umsturzversuch wurden, so eine Lesart, die nicht verschwie-gen werden soll, die alten Tugenden der Gefolgstreue, der Bruch eines militärischen Eides verraten, eine andere Lesart feiert die Bedeutung des militärischen Widerstands als nationale Heldentat. Den Offizieren, von Stauffenberg u.a., die uns entlastet haben! haben sie uns nicht unsere Ehre, unsere Seele, wiedergegeben? soll vor aller Welt… Gott, o Gott! dachte ich und mir sträubte sich die Feder, als ich dies niederschrieb, um in einer Gazette, die mir Platz für eine Kolumne einräumte, die sich allerdings sogleich von dieser Meinung des Autoren distanzierte, „welche Verlogen -, welche Verkommenheit! Mit dieser Tat die Rolle der deutschen Wehrmacht herunterspielen oder aufwerten? ihr in unserem Geschichtsbewusstsein einen Platz zuweisen, den sie sträflich aufs Spiel gesetzt bzw. nicht verdient hat? Und“, wandte ich mich der Rolle der Offiziere, die das gescheiterte Attentat zu verantworten hatten, „Wer waren diese Herren Offiziere? Haben sie nicht bis zu diesem Zeitpunkt alles, überall, wo die Wehrmacht „tätig“ geworden war, mitgetragen, ja verantwortet? Sollen wir diese Herren bewundern, die nur halben Herzens den Versuch gewagt hatten, dem Diktator, dem Massenmörder! spät, viel zu spät Einhalt zu gebieten? Liebe Leser, wir reden hier von Kriegsverbrechern!“ Ich hatte mit aller Vorsicht und Zurückhaltung an das Ehrgefühl meiner Landsleute appelliert - Ein Aufschrei! holte mich in die Wirklichkeit zurück. Die letzten Sätze, hier war mein Gerechtigkeitsgefühl mit mir durchgegangen, „lösten eine Welle der Empörung aus“, wie das Blatt schrieb. Längst hatte mein Artikel nicht nur die Leser dieses Blattes getroffen, andere Blätter druckten die diskrimi-nierten Passagen nach, nicht ohne meinen Namen zu nennen, mich der Stimme des Volkes, die Empörung wallte durch alle Wohnstuben, dem Volkszorn selbst auszulie-fern, ja, dieser Aufruf, der detailliert mein bisheriges „Sündenregister“ abdruckte, stellte mich an den Pranger und machte mich „nachträglich“ zum Opfer der Wehrmacht. Ich will Sie nicht langweilen mit den Folgen, meine Kanzlei war wie ausgestorben, nur wenige noch, und dann lenkte der Zufall sie in meine Sprechstunde, nahmen meine Hilfe in Anspruch…aber, ich greife vor, nicht viele Jahre später, die „Stimmung im Lande“ hatte sich geändert, vertraten einige der nämlichen Blätter, die mich, ja ich galt als „Nestbeschmutzer“, „Volksverräter“! denunziert haben, eine ähnliche Ansicht wie ich. D.h. nicht, dass ich rehabilitiert war, wer gesteht schon Irrtümer ein, so hielt es kein Leitartikler, der jetzt in das Horn der Aufklärung blies, für nötig, meiner, d.h. meiner Urheberschaft, verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin sicher, es gab Leute, die meine Ansicht geteilt haben, aber ich bin zu unpassender Zeit, ha! vorgeprescht, zu gedenken.

Etwas hatte mir keine Ruhe gelassen und verfolgte mich: die Schmach, die ich durch jene Wehrmachtsrechtsanwälte erlitten habe, die – berechtigten - Vorwürfe, die ich zurücknehmen musste und die Selbstbezichtigung. Gut, das ist Jahre her, aber verdanke ich nicht dieser ersten großen Niederlage meines Lebens meinen unseligen Zustand, abgeschoben in eine ärmliche Kanzlei, ich, der aufgrund seiner Begabung eine Hochschullaufbahn oder das Amt eines Staatsanwalts oder Richters – mit allen, sicher hätte ich auch das richitge Parteibuch gewählt, Aufstiegschancen! hätte ergreifen können. So aber, eine Laune, ein falsch gewählter Zeitpunkt, das Vertrauen auf die falschen Freunde – nein, mein Gerechtigkeitssinn hatte mir dies eingebrockt – aber glauben Sie mir, ich habe diesen Schritt nicht eine Minute bereut.

Ich erinnerte mich, ich habe sie nie, keine Sekunde vergessen, meine beiden RAs, jetzt sei die Zeit gekommen, dachte ich. Ich hatte in Archiven gewühlt, hatte Zugang zu je-nen Unterlagen, die unter amerikanischer Aufsicht standen, in Berlin erhalten - und ha-be die Namen der aufgrund der „willkürlichen Urteile“ erschossenen Soldaten heraus-gefunden. Ebenso die für den Urteilsspruch zuständigen Richter. Noch zögerte ich, an die Öffentlichkeit zu gehen, sollte ich nicht die Angehörigen aufsuchen und sie, ehe sie aus der Presse von jenen Urteilen erfuhren, vorsichtig von meinen Recherchen in Kenntnis setzen? Es könnte sein, überlegte ich, dass ihnen die „Todesursache“, die „Schimpf und Schande“, die ihre Väter, Brüder, Kinder über die Familie, das Land! gebracht hatten, und die unehrenhafte Entlassung aus der Wehrmacht! bekannt war. Den Ausschlag für meine Entscheidung, die Angehörigen aufzusuchen, war die Nachricht vom Ableben des einen der beiden RA – bedauerte ich, ihn nicht mehr zu Lebzeiten belangen zu können, so war ich doch voller Zuversicht, dass ihm – und seinen Adlatis! jenen Zunftgenossen, die alle Vorwürfe als Angriffe auf die Zunft, auf sich selbst gewertet haben, ein bleibendes Angedenken sicher sei…Ich hatte diesen Schritt mit gebührender Zurückhaltung unternommen, in Zweifel, ob die Angehörigen nach den vielen Jahren ansprechbar waren, ob es klug war, in alten Wunden zu stochern… ich stieß auf Mütter, die mir bereitwillig entgegekamen und alte Alben hervorsuchten und mir Bilder ihres Sohnes zeigten, auf Geschwister „Was wollen Sie? Unser Bruder ist in den letzten Kriegstagen an einem Fieber gestorben“; sie zeigten mir aber dennoch „Wo habe ich sie hingesteckt? Ach, hier ist sie“, die Nachricht, die sie unter den Familienpapieren aufbewahrt hatten, ebenso Kinder, die ihren Vater nie kennengelernt hatten…und die alle überrascht waren, dass ihre angeblich an Fleckfieber verstorbenen Väter in Wahrheit in den letzten Kriegstagen, nein, der Krieg war „vorbei“! standrechtlich erschossen worden waren. Von ihnen erhielt ich das Mandat und damit die Rückendeckung, mit meinen Recherchen an die Öffentlichkeit zu gehen. Das Gezeter war groß, die juristischen Vereinigungen erinnerten sich sogleich des Nestbe schmutzers und waren dabei, ihre Schmutzkampagnen zu wiederholen, gossen schon Spott und Hohn auf meine „pathologischen“ Unterstellungen, als sie erleben mussten, dass die Presse begierig den spektakulären Stoff aufgegriffen hatte, spätestens dann auch die Gerichte, die zunächst ablehnen wollten, alarmiert von einem wachsenden Öffentlichkeitsdruck. Sie ahnen, etwas war ins Rollen gekommen und zog einen Rattenschwanz von Aufdeckungen nach sich. Was staunten die – ahnungslosen! - Bürger, was nun ans Licht kam – nahezu in allen Berufen waren Lehrer, Journalisten, Theaterschaffende, von den Verwaltungsangestellten ganz zu schweigen, die nach dem Krieg in einer Art Generalamnestie entnazifiziert worden, betroffen. Weniger diese „Offenbarungen“ als vielmehr das Verhalten der Medien war es, was mich verblüffte, dieser kurzatmige Schwenk, in dem sie ihre Welt wieder ins Lot brachten. Wer nun gedacht hätte, ich hätte mich durch meine Enthüllungen rehabilitiert – etwas Anerkennung wäre mir widerfahren, ich will nicht von Verdienst sprechen, musste erleben, wie einzelne Journalisten, Redakteure Angehörige der Hingerichteten belagerten, um eine tränenreiche Story zu verfassen, die die Auflagenhöhe einzelner Blätter steigerte – und die Lorbeeren für ihre Sensationsberichte einsteckten. Und am Jahresende, in einer feierlichen Preisverleihung wurde unter Anteilnahme der politischen Elite der Journalistenpreis vergeben, feierte sich die Bundesrepublik, Tränen schossen den Teilneh-mern in die Augen, ob ihrer Vergangenheitsbewältigung – und das Ausland nahm verblüfft wahr, dass dieser zweite demokratische Versuch, nach einer beispiellosen Säuberungsaktion, allem Anschein nach ein erfolgreiches Unterfangen war.

Ich hatte mir, einzelne Politiker will ich davon ausnehmen, längst meine Meinung über diese Kaste gebildet. Der Spruch, wer in die Politik geht, macht sich die Hände dreckig, abgesehen davon, dass er sein Versprechen, das er beim Eintritt in eine Partei abgegeben hatte, bricht – mir ist bewusst, dass dies ein Interessenverein ist, der belagert von Lobbyisten, nicht vergisst, wem sein eigenes und eigentliches Streben gilt: Die persönliche Vorteilnahme, keine menschliche Charakterschwäche, ein ganz natürlicher Drang, schon bei Macchiavell nachzulesen, ist der Motor, der diesen Drang in vielerlei Gestalt am Laufen hält – auf ein Ziel hin: Macht. Ich habe spät begriffen, dass Ansehen, Lauterkeit und andere gern zitierte Tugenden Beiwerk sind, auf die eine Machtpersönlichkeit auch verzichten kann. Die Aura speist sich aus verschiedenen Quellen, von denen eine, die Rücksichtslosigkeit, Sie kennen den Spruch „über Leichen gehen“, nicht die letzte ist. Andere „Tugenden“ Lüge, Hinterhältigkeit usw. sind die dienstbaren Geister jener oben genannten Eigenschaft. Wie der eine kein Blut sehen kann, badet der andere, im übertragenen Sinne, in Blut - dies soll kein Affront gegen die Ärzte sein. Und stellt jemand die Frage nach dem Gewissen, mein Gott, wie kann man nur…so ist mir im Laufe meines Berufslebens klar geworden, dass dies, unser Steuerinstrument, das wir gewöhnlich unbewusst einsetzen, ein vermeintlicher oder tatsächlicher Luxus ist., auf den viele ihrerseits verzichten – weil er ihnen bei der Ausübung ihres Geschäfts hinderlich wäre. Das heiß nicht, dass sie ihn, als Mittel zum Zweck, nicht gerne in Anspruch nehmen, um uns in Sicherheit zu wiegen oder zum Stillhalten zu verpflichten. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede, und haben nicht Sie? Sie auch! die Erfahrung machen müssen, wie Wahlverspechen, treuherzig und mit überzeugendem Augenaufschlag abgegeben, bewusst oder aufgrund einer veränderten „Wetterlage“, gebrochen werden? Ich weiß, die Versuchung ist groß, einmal im Geschäft, Sitte und Anstand zu verlieren: Wo ist das geduldet, denken Sie an die Sitze in irgendwelchen Aufsichtsräten, eine Aufgabe, die die in diesem jeweiligen Geschäftszweig fremden Personen, Verzeihung: Persönlichkeiten, nicht erfüllen können, oder das übersehene, längst zum Prinzip gewordene, Handaufhalten üblicher als im politischen Geschäft? Ein Tor, und mitunter soll es Ausnahmen gegeben haben, wer nicht davon Gebrauch macht! Ich aber, und ich bleibe meinem Prinzip treu, nehme Anstoß an diesem Verhalten, ja, es empört mich, ich fühle mich in meinem Gerechtigkeitsbewusstsein verletzt! Dies ist, gleich auf welchen Wegen oder Umwegen dies geschieht, eine versteckte Art der, auch ideellen, Selbstbereicherung, auf Kosten der Allgemeinheit – spricht nicht jemand, und durchaus in meinem Sinne, von einer „Tragödie des Allgemeinguts“? auch wenn damit mehr „das Dilemma der öffentlichen Ressourcen“ gemeint ist. Dies gleicht, versucht jemand, dies anzugehen, ich will nicht sagen, Rechenschaft zu verlangen, einem Stich in ein Wespennest, Sie, im besten Wissen und Gewissen, stochern in diesem Sumpf herum – was glauben Sie, was geschieht? Ein Land, ich übertreibe? würde seine Elite verlieren, es würde, ohne Regierung, ohne Volksvertreter steuerlos dahintreiben, es, das ganze Volk, würde zum Gespött der ganzen Welt – die ihrerseits sich hütet, diesem konsequenten moralischen Beispiel einer Selbstauflösunge zu folgen. Ich weiß, was Sie sagen wollen, hier ist die Gerechtigkeit oder soll ich sagen: die Wahrheitsliebe? an eine, an ihre Grenze gestossen. Welche Schlüsse ich daraus ziehe, soll ich resignieren, meinen „Feldzug“ beenden oder…? Immer gibt es ein Oder, d.h. keinen Ausweg, aber eine kleine Lösung, die in der Selbstbeschränkung liegt. Ich weiß, die Welt ist zu groß, um der Sündenregister Herr zu werden, und ich zweifle, ob die USA, die diese Rolle, die ich im Kleinen übernommen habe, im Großen zu ihrer, nein, zu unser aller Zufriedenheit lösen kann. Wie überhaupt, ich will keine Zweifel säen, es mir unwahrscheinlich vorkommt, dass unser aller Oberhaupt all die kleinen Verfehlungen gegen das Recht, die vielleicht sogar zu gleicher Zeit überall auf der Welt geschehen, wahrnehmen und ahnden kann. Aber kommt mir der Zweifel nicht zupass? Warum lässt unser oberster Richter es überhaupt zu, dass gegen seine Ordnung so erfolgreich und immer wieder verstoßen wird? Um uns zu prüfen, ob wir, seine irdischen Stellvertreter, unser Geschäft mit Anstand und Würde – und Nachduck und Hartnäckigkeit betreiben? Oder hat er einfach resigniert vor dem, was seiner ursprünglichen Idee entsprungen und entwachsen ist? D.h. müssten nicht wir, um der Gerechtigkeit willen, wenigstens ein Verfahren gegen unseren obersten Geschäftsführer einleiten? Denn Ahnungslosigkeit, Nichtwissen, das ist ein wichtiger Grundsatz unserer Rechtsprechung, entbindet im Falle eines Strafeintritts den unschuldigen Täter nicht von der Verantwortung, ist mithin trafbar. Um dies Dilemma ein wenig zu mindern, verfolgen wir Staatsanwälte, Richter nur die ins Auge springenden Fälle und lassen die kleinen Straftäter laufen – vereiteln wir Rechtsan-wälte in den meisten Fällen eine abschreckende Strafe oder drücken das Strafmaß auf ein, s. Promibonus! Mindestmaß - das wäre, könnte man verstehen, eine Lösung; in der Tat aber werden die kleinen Fälle verfolgt, die großen aber, aus Kumpanei? über-sehen. So erging es mir, schon als ich Anstalten traf, eine in Bauskandale verstrickte Liaison von Wirtschaft und Politik zu verfolgen, d.h. ich ermittelte ohne Auftrag, wie es zur Vergabe von Großprojekten an immer die gleichen Firmen kommen konnte. Zwar hatte die Presse die Bauvorhaben - auf Landesebene – erwähnt und die Namen der ausführenden Organe, Architekten, Firmen usw. bekanntgegeben, aber mit einem Augenzwinkern kommentiert, dass die Ausführung lt. Auskunft des Bausenators wieder in den Händen der bewährten Kräfte …und es erfolgte eine Aufzählung bereits errichteter Großbauten, die „das Gesicht der Stadt“ veränderten - und bestimmten.

Die Ausschreibung war, so mein Verdacht, mit dem ich nicht alleine stand, eine Pro-forma – Angelegenheit, der Auftrag war schon längst erteilt. Ich wusste, dass es dabei um Geld, sehr viel, unser aller Geld, ging, dass allem Anschein nach, und dies ohne Beanstandung, immer in eine Richtung, d.h. immer in die gleichen Kanäle floss. Ich wollte die Angebote einsehen. Mein „Begehren“ wurde von den entsprechenden Stellen mit Erstaunen registriert, dann, man hatte versucht, mich „abzuwimmeln“, als dies misslang, mir Hindernisse in den Weg zu legen. Dies sei keine öffentliche Angelegenheit, zudem habe der Vergabeprozess mehrere unabhängige Gremien passiert – als dies nicht fruchtete, mich hinzuhalten in der Hoffnung, dass mein Interesse für die Vergabe erlahmte, rückte man…erst als ich drohte, mein Anliegen vor Gericht durchzusetzen, widerwillig, die „Akten“ zu dem Vorgang heraus. So konnte ich bei einem Vergleich des Datums von Ausschreibung und Auftragserteilung meinen Verdacht bestätigt se-hen, dass die in Frage kommenden Árchitekten und Baufirmen von Anfang an feststanden…und als mir dabei „ausversehen“ der Briefverkehr von Bausenator und dem Chef eines Konsortiums von Baufirmen in die Hände fiel, man duzte sich und versicherte sich in geschwollenem Deutsch „der gegenseitigen Rücksichtnahme“, hielt ich soz. den Beweis für meine Vermutung, die die Spatzen von den Dächern pfiffen, aber gegen die bisher niemand einschritt, in den Händen. Bei meinen weiteren Nachforschungen, ich verfolgte den in den Unterlagen abgehefteten z.T. persönlichen Schriftverkehr, suchte ich, wobei ich mich als Journalist ausgab, Freunde und Bekannte der „inkriminierten“ Personen auf und horchte sie aus, wobei mir zupass kam, wie bereitwillig, ja geschwätzig sich diese Leute, vermeintlich im Scheinwerferlicht stehend, gerierten.

Und eine Hand wäscht die andere…es floss, heißt es, viel Geld, man schob sich, z.T. öffentliches Bauland oder städtisches Eigentum, Grundstücke zu; das Privathaus, eine Villa in bevorzugter Wohnlage, im Grunewald - wer war Architekt, wer die Baufirma? Was zum Vorschein kam, war eine jahrelang gewachsene Patronage, in der sich das „ausgewogene und bewährte“ Kräftespiel von Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit widerspiegelte – indes lässt sich eine dauerhaft gewachsene Sympathie nicht so leicht abbauen, ein Außenstehender, der diese geheime Verschlusssache aufbrechen will, kann, hineingeraten und mit in diesem Strudel hineingerissen, zermahlen werden oder mit einem Schlag, auch ich war mehr als einmal dabei, den Boden unter den Füßen zu verlieren, denn alte Bande, Schulfreundschaften, Kameradschaft, Verwandtschaft sind der Kitt, der stärker als Ponal o.a. Leim- und Klebemittel, zusammenhält und sich dabei über Vorschriften und moralische Bedenken hinwegsetzt. Und die Presse, jenes vorlaute Wesen, das spekultions -und sensationslüstern sich auf jeden Fall stürzt, sobald es einen Skandal wittert, hüllt sich in Schweigen, denn wer möchte gern auf die Einladung zu den heißbegehrten Richtfesten verzichten?

Aber diesmal, geschickt gesteuert…, waren die Stimmen, die Verdacht geschöpft hat-ten – und Anstoß nahmen ( überregionale Blätter, die Stoff für eine Vettternwirtschaft witterten, dann Politiker anderer Ressorts ) zu laut und zu zahlreich, als dass man es einfach unter den Teppich kehren konnte, so dass erst die eine, dann die andere regionale Zeitung den Dauerskandal enthüllte. Die verantwortlichen Fachpolitiker wurden kaltgestellt, d.h. in diesem Land, in dieser Stadt aus dem Verkehr gezogen und wie üblich auf Posten unspektakulärer, hochdotierter Ressorts, die sich in städtischem oder Landeseigentum befanden, abgeschoben.

Ich konnte damit leben, an dieser Aufklärung entscheidend beteiligt, ja sie erst ins Rol-len gebracht zu haben, aber dafür keinen Lohn, empfangen zu haben. Den Ruhm, das Verdienst „unsere Stadt muss wieder sauber werden, nein, sauber bleiben, dahin wurde die Parole geändert, hefteten sich andere ans Revers. Mir verschaffte allein die Tatsache, dass der Gerechtigkeit ein entscheidender Schlag gelungen sei und sie wieder in ihre „alte Stellung“ gesetzt worden war, Genugtuung – oder zweifelte ich an der Art und Weise, wie mit den Schuldigen umgegangen wurde, dass sie, statt zur Rechenschaft gezogen zu werden, belohnt würden?

Ich will Sie nicht mit meinen kleinen Fällen, darunter viele Erfolge behelligen geschweige denn langweilen, dies reichte gerade aus, meine Kanzlei am Leben zu erhalten, d.h. meine Bürokräfte zu entlohnen – erst…

…gemach. Immer wieder, Sie erinnern sich? erschütterten „politische“ Skandale un-ser Land – bereits kurz nach Gründung der Bundesrepublik Deutschlands begann die „Aufarbeitung“ oder „Wiederaufarbeitung“ der Vergangenheit. Deutschland West bekannte sich zu seiner Vergangenheit, indem es die Schuld an den Verbrechen des Dritten Reiches ( Verfolgung und „Ausmerzung“ nichtarischer Teile der Bevölkerung u.a. ) einschließlich der Kriegschuld auf sich nahm – und wurde wieder in den Schoß der Völkergemeinschaft aufgenommen. Selbstverständlich sollten die treuesten Gefolgsleute des alten Regimes, Angehörige, Mitglieder der nationalsozialistischen Partei u.a., die sich „verdient“ gemacht hatten, zur Rechenschaft gezogen werden. Der, mit Hilfe der Alliierten, übereilt ausgestellte „Persilschein“ im Rahmen der Entnazifi-zierung, der das soziale und politische Leben, die Verwaltungsmaschinerie, die Staatsfunktionen, wieder in Gang setzen sollte, übersah nicht nur die vielen Mitläufer wie auch die vielen in „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verstrickten Täter. Natürlich waren viele dieser Leute, auch mit Hilfe „alter Kameraden“, untergetaucht bzw. fanden sich wie, s.o. in verantwortungsvollen Ämtern wieder, die sie z.T.schon vor dem Ausbruch des Krieges eingenommen hatten. In der Familie, ich kann nur von meiner Familie sprechen, wurde diese Zeit, nicht, wie ich überzeugt war, aus Absicht, zu sehr war man mit dem Überleben beschäftigt, totgeschwiegen. Erst bei Familien-festen, in vorgerückter Stunde, wir Kinder waren meistens schon zu Bett gebracht und in ersten Schlaf versunken, wurde der alten Zeiten gedacht, die den einen hierhin, den anderen dorthin versetzt hat. Ich habe Verständnis, dass, es herrscht Feststimmung, der Alkohol die Zungen löst und man der jüngsten Vergangenheit, für viele die entscheidenden Jahre, die sie in der Landseruniform Tribut zollt. Ich wurde wach durch Gesänge, in denen des heroischen Widerstands gegen eine feindliche Übermacht gefeiert wurde und die Bereitschaft für Gott und Vaterland in den Tod zu gehen, und ich lauschte der mittlerweile zu einem Gegröle angewachsenen Rechtfertigung, aufgeräumt und das Land sauber gemacht zu haben. Es fielen Begriffe wie Herrenvolk, ausmerzen u.a., mit denen ich nichts anfangen konnte, meine Skala, in der ich zu Hause war, reichte von gut zu böse, in der ich nun das Gehörte einzuordnen versuchte, ohne es zu begreifen. Erst später, in der Erinnerung hallten die Merksätze der Kriegslieder in den Ohren, vermochte ich zu unterscheiden, d.h auch zu verstehen, dass die Schuld, die unsere Eltern auf sich geladen haben, uns Kindern, den nächsten Generationen! anhaftet. Das, die Abtragung der Schuld, Gott, wie naiv waren wir! sollte mein Anliegen, ja, ich stellte mir vor, meine Lebensaufgabe sein. Und ich be-gann schon als Schüler, Arbeitskreise zu bilden, die Umfragen initiierten… in den eigenen Familien recherchierten – bis die Schulleitung dem Drängen einer empörten Elternschaft nachgab und unsere „Aufarbeitung“ untersagte. Einige wenige gehorchten diesem Verdikt, uns aber, es waren die meisten, stachelte es erst recht an, in unserer „Arbeit“, wenn auch im Geheimen, fortzufahren. Ich gebe zu, viele entfremdeten sich ihren Familien, zu ungeheuerlich, war das, was sich auftat – auch für mich wurden Abgründe sichtbar, gut ich brach nicht mit meiner Familie, ein wenig Feigheit, allem Gerechtigkeitsstreben zum Trotz, verhinderte den endgültigen Bruch, aber eine spürbare Reserviertheit blieb den Eltern nicht verborgen.

Was aber lag, als sich die Frage nach dem Abitur stellte, welches Studienfach man belegen, für welchen Beruf man sich entscheiden wollte, näher, als den des Juristen zu wählen – hier, allein auf diesem Feld konnte man Ungerechtigkeiten dieser Welt begegnen, den Kampf ansagen! Und sühnen.

Mit einigen ehemaligen Kommilitonen hatten wir uns ein Ziel gesetzt, die Kriegsverbrechen en detail aufzuklären, wobei wir uns bald der Frage stellen mussten, wie ein Volk, dass mit über 90% seinen Führer gewählt hatte, so unbelastet, den Krieg überstehen und in die Nachkriegszeit, d.h. in eine demokratische Zukunft, übergehen konnte. Wo und wer waren die Kriegsverbrecher, wer außer den in den Nürnberger Prozessen Verurteilten hatte die Millionen Toten auf den Schlachtfeldern, wer die KZs usw. zu verantworten?

Wir standen, das hatten wir bald herausgefunden, vor einer schier unlösbaren Aufgabe – wir mussten zwischen Hauptverdächtigen, Verdächtigen und Mitläufern unterscheiden, die Kategorie der Hauptverdächtigen hatte sich einer Strafverfolgung entzogen, entweder durch Selbstmord, durch Flucht oder war untergetaucht; die Verdächtigen waren soz. unabkömmlich, sie wurden für den Aufbau eines wieder funktionierenden Staatswesens bzw. einer demokratischen Gesellschaft mit Wissen und Duldung der Alliierten in Ost und West gebraucht, d.h., wie meine beiden Rechtsanwälte, in Amt und Würden wieder eingesetzt. Und die Mitläufer, die sich aus Angst oder Passivität ruhig verhalten hatten? Wie sollte man über sie den Stab brechen? Der Überfall auf Polen, der Einmarsch in andere Länder, Krieg war nicht zu leugnen, aber die Stigmatisierung von Mitbürgern, ihr „Abtransport“, Errichtung von KZs, die Er-mordung „nichtarischer“ Rassemitglieder, Juden u.a. - davon hatten unsere Eltern, wie sie sagten, nichts mitbekommen?

Wir, die Kinder dieser Eltern, schämten uns, wir fühlten uns verantwortlich und wir wollten wieder - nein, gutmachen ging nicht, aber wir wollten ein Zeichen setzen, unser Mitgefühl mit diesem Volk zum Ausdruck bringen. Was lag näher, als dem neugegründeten Staat Israel unsere Solidarität zu bekunden und beim Auf – und Ausbau zur Hand zu gehen? ein wenig Gerechtigkeit einkehren zu lassen, indem man ihm, dem in alle Welt zerstreuten Volk, hilft, wieder auf eigenem Boden und in Sicherheit zu leben? Wir hatten in der Hochschule ein Studentenblatt herausgegeben, in dem wir eine Seite immer unseren israelischen Freunden widmeten – d.h. auf dieser Seite und wenn es platzmäßig nicht ausreichte, noch auf der nächsten, wurde „unserer Schuld“ gedacht und zugleich der Aufbau eines gerechten Staates auf palästinensischem Boden gefeiert: so das Kibbuzsystem als Form eines neuen Zusammenlebens usw. Ebenso, unser Gerechtigkeitssinn war geweckt, verurteilten wir die Übergriffe einer feindlichen Nachbarschaft und hießen die Waffengänge und Erfolge einer israelischen Armee und ihre Ausrüstung mit modernsten Waffen gut. Muss sich nicht ein Volk, das in friedlicher Absicht mit seinen Nachbarn leben will, nicht das Recht haben, sich zu wehren? Und wir verfolgten angespannt die verschiedenen Versuche der Anrainerstaaten, sich mit Israel im Krieg zu messen. Und unsere Bewunderung galt der israelischen Armee, die ihre überlegenen Gegner in die Flucht schlug. Einige von unserem deutsch – israelischen Freundschaftskreis reisten in den Semesterferien nach Israel in die Kibuzze, auch ich gehörte dazu, um die neue Form der Kolonisierung, der Produktion und des Zusammenlebens kennenzulernen und unei-gennützig zu helfen.

Einige konvertierten…

Auch zu Hause unterstützten wir unsere jüdischen Freunde bei der Errichtung von jüdischen Gemeinden und der Verwirklichung eines jüdischen Lebens ohne Angst - in unserem Land. Wir mussten uns dabei gegen Vorbehalte zur Wehr setzen, missverstehen Sie das nicht, es schlug uns und unseren jüdischen Freunden kein Hass entgegen, eher Misstrauen und eine von Angst und Unsicherheit geprägte Zurückhaltung… Scham? Was wir taten, war, ich wiederhole mich, der Versuch einer Wiedergutmachung – aber kann man das, was wir angerichtet haben, wieder gut machen? Wir organisierten Gedenkfahrten, eher Reisen, um unserer Schuld zu gedenken und Buße zu tun, wir hielten Vorträge in Schulen, boten echte KZ – Insassen auf, die den Kindern vom Leben und Sterben in den KZs erzählten, und setzten durch, dass Klassen-fahrten bis hin nach Auschwitz unternommen wurden. Ein echter Gedenktourismus entstand.

Wurden wir müde oder erlahmte unsere Begeisterung für das tapfere kleine Volk? Oder öffnete ein kritischer Geist, vielleicht unser Gerechtigkeitsempfinden, uns die Augen, indem wir zum ersten Mal auch die unmittelbaren Nachbarn, ihre besondere Situation zur Kenntnis nahmen? Die seit vielen Jahren, seit Jahrzehnten! in unwürdigen, ghettoähnlichen Zuständen lebten? vegetierten! auf die uns ausgerechnet ein jüdi-scher Freund, der mit uns studiert hatte, hinwies. Und der, mittlerweile Journalist, lange vor uns, schon die jüdische Besiedlungspolitik auf palästinensischem Boden anprangerte und für die Errichtung eines palästinensischen Staates eintrat. Wir mussten uns dem Selbstvorwurf stellen, bisher einseitig für eine gerechte Sache eingetreten zu sein. Dank seiner Hilfe lernten wir, die deutsche Israel – Politik kritisch zu sehen, von der amerikanischen ganz zu schweigen! „Was sich hier, in Nahost, zusammenbraut, ist ein Pulverfass – irgendwann wird es zur Explosion kommen und der ganze Osten steht in Flammen.“ Das ging uns dann doch zu weit. Auch als er die amerikanische Israel – Politik, „sie können gar nicht anders“ als, wenn nicht ein Werk, so doch mit entscheidendem Einfluss und Geld, „nein, das ist die Grundlage dieser Politik“, der –Organisation ansah. Zugleich warnte er uns, als wir dabei waren, die Seiten zu wechseln und in unserer Arbeit kritische Töne anzuschlagen – und von politischer Seite der Vorwurf des Antisemitismus erhoben wurde. Wir mussten einsehen, dass unser jüdischer Freund Recht hatte, als er uns eindringlich mahnte: „Was ihr auch sagt, oder tut, wenn ihr israelische Politik kritisiert, es wird euch immer, das ist der Joker, als antisemitisch ausgelegt werden.“

Sie werden bemerkt haben, meine „Präferenzen“ haben sich gewandelt. Vertrat ich früher, neben, ich nenne dies, meine Pflichtverteidigung, meiner Empörung folgend, die haarsträubenden Fälle, um heimischen Flurschaden abzuhalten bzw. nicht wieder Fuß fassen zu lassen, wandte ich mich nun einem Feld zu, wo die Brisanz das Risiko zu scheitern und „unterzugehen“ offen hielt, wenn nicht wahrscheinlich machte. Das ist, oder war, was meine Person angeht, auch immer eine Frage des Temperaments. Missverstehen Sie mich nicht, ich bin, nur wenn ich jetzt, von einer kritischen Distanz aus, das israelische Vorgehen in Palästina kritisiere, und nun deutsche Politiker, die in jedem zweiten Satz, das Lebensrecht Israels betonen, und das Recht erlaubt und legitimiert den „Freund“ seinen Landraub, „seine Rechte“, auszudehnen, vorwerfen, dabei zu helfen, nicht absehbaren Schaden in einer brandgefährlichen Situation anzurichten. Ich, nein wir, die sich zuvor bedenkenlos für die Rechte des israelischen Volkes, war es nicht vielmehr die Politik einer z.T. bedenkenlosen Regierung, eingesetzt hatten, wechselten, unserem spät erwachten, nein richtig gelenkten Gerechtigkeitsgefühl folgend, die Seiten, nein, wir hatten nicht, Vergeltung übend an unserem eigenen Versagen, Rache an Israel im Sinn; nur unser Blick hatte sich erweitert und alle Seiten des jahrzehntelangen Dauerkonflikts erfasst. Zugleich untersuchten wir die Hilfspro-gramme an Israel, die aufgrund unserer Geschichte geleistete Subventionspolitik an Geld und Waffen, in der wir den Algorhythmus einer erfolgreichen Unterdrückungsgeschichte entdeckten, ja wir erkannten, dass Geschichte ein „ewiges“ Faustpfand ist, die für alles herhalten muss, d.h. alles legitimiert und die Verursacher in der Schuldenfalle be-lässst. Gefangen in dieser Logik musste das Schuldgefühl an dem einen Volk das neue Schuldigwerden an dem anderen legitimieren.

Wenn jeden Tag etwas verordnet wird, was uns längst in Fleisch und Blut übergegangen ist, immer wiederholt wird, ruft dies, eine normale Reaktion ( Ariel ), irgendwann die Abwehr hervor. Stellen Sie sich vor: Jeden Tag Erbsensuppe, das macht aus eínem Kostgänger und Genießer dieser Suppe einen Tischgast, der ihrer überdrüssig wird… wohlgemerkt, er verurteilt nicht die Suppe, aber die Tatsache, dass er sie Tag für Tag vorgesetzt bekommt und auslöffeln muss. Ruft das nicht bei weniger gestandenen Menschen, ich will sie nicht verteidigen, aber die Politik unserer Erziehung muss sich diese Frage gefallen lassen, eine Trotzreaktion hervor?

Wir, d.h. drei Freunde und ich, reisten nach „Palästina“, um zu überprüfen, was die Soziologin Eva Illouz über die Siedlerbewegung gesagt hatte: Die israelische Gesellschaft missbrauche die Hauptberufung des Zionismus – die Erschaffung einer von der Welt anerkannten demokratischen jüdischen Heimat -, um eine explizit kolonialistische Politik zu rechtfertigen.

Unser jüdischer Freund hatte uns als „Türöffner“ jüdische Freunden empfohlen, die ihrerseits Kontakte mit Palästinensern hielten, d.h. mit ihnen befreundet waren. So erhielten wir Zutritt – in eine andere Welt. Ich will nicht aufzählen, was wir, z. T. waren wir Ohr – und Augenzeuge, an Erniedrigungen, die ein Volk, und das schon jahrzehntelang, dem anderen zufügte, erlebten – ein Volk, das selbst alle Demütigungen erfahren hatte, und das sich nun als Herrenvolk aufspielte. „Das wird anhalten – so-lange es nicht gleiche Bürgerrechte und: einen palästinensischen Staat gibt – unsere Regierung duldet, nein sie unterstützt, mit amerikanischer Hilfe, eine Besiedlungspolitik auf „palästinensischem“ Boden – und solange Länder wie Deutschland Geld und Waffen und“, er lachte, „die moralische Unterstützung, die ein Unrecht mit dem anderen vergilt, an Israel liefert, wird sich nichts ändern.“ „Und die Hamas?“ wagten wir einzuwerfen. „Die wird sich auflösen, sobald es einen palästinensischen Staat gibt – es wird zu einer friedlichen Neuordnung in Nahost kommen – wenn nicht, dann gnade uns Gott!“

„Wir haben eine Verpflichtung,“ „Ihr lasst euch erpressen!“ lachte Ariel. „Wer hat, fragte er, ein Interesse an der Fortführung dieses status quo? Unsere Generation, d.h. Ihr und wir, haben mit der Vergangenheit nichts zu tun, ich meine, wir, nein Ihr, tragt keine Schuld an dem, was eure Vorfahren angerichtet haben.“ Diese Schuldgefühle sind ein wunderbarer Bonus, ein unerschöpflicher Quell, aus dem Milch und Honig fließen“, spottete Ariel. Und er zitierte eine junge jüdische Künstlerin aus Jerusalem: „Du brauchst nur ein Projekt vorstellen, das sich mit dem Holocaust oder dem Nahost-Konflik beschäftigt, und sofort kriegst du ein Stipendium oder eine finanzielle Unterstützung.“ – „indes einheimische Künstler am Hungertuch nagen“, warf ich ein. „Schon in der DDR war, wer seine jüdische Herkunft nachweisen konnte, privilegiert; auch in der BRD, ich nenne das pervers, profitiert eine neue jüdische Generation davon, dass sie sich immer wieder auf den Holocaust beruft. Er brachte unsere Leuchttürme, unsere Leitplanken, an und zwischen denen wir uns bewegt haben, ins Wanken, das Gefühl, in unserer Schuld zu baden und immer wieder nicht nur Vorwürfe, sondern auch, nicht Vergebung, aber Anerkennung für unser Bemühen zu erlangen – die Psychologie nennt dies…Masochismus.

Wer von uns sollte das, was, davon war ich überzeugt, vielen bewusst, war, aussprechen und daraus Schlüsse ziehen und Handlungen erwachsen zu lassen? Kein Geld, keine Waffen mehr, solange die Siedlungspolitik fortgesetzt wurde und keine ernst zu nehmenden Anstrengungen erfolgten, das Recht auf einen palästinensischen Staat durchzusetzen helfen. Ich war ein gebranntes Kind, meine Karriere habe ich meinem Gerechtigkeitswahn zuliebe aufs Spiel gesetzt. Da auch keiner meiner Mitstreiter den Mut hatte, sich mit seiner Meinung und den Forderungen an die Öffentlichkeit zu wa-gen, hatte nicht Ariel uns eindringlich gewarnt? beschlossen wir, unter dem Schutz einer Gruppe, soz. halbanonym, aufzutreten. Wir attackierten unsere Politik, unsere Regierung, auch die amerikanische, ohne die „Hintermänner“, mit denen sich kein amerikanischer Politiker anlegen wollte, aus dem Blick zu verlieren.

Ich sehe noch die Vorwürfe, die auf uns niederprasselten, von jüdischer Weltverschwörung zu sprechen, wurde uns vorgeworfen, auch die Juden in der Diaspora, vermeintlich liberale jüdische Journalisten, von denen wir eine unvoreingenommene Sicht auf die Situation in Palästina erwartet hatten, fielen über uns her, all die unseligen Geister, die unsere Vorfahren beschworen hatten, und auf die wir und angeblich beriefen, wurden wieder hervorgeholt, uns wurde unterstellt, wir bedienten uns dieses antisemitischen Repertoires, um, und hier wurde es heuchlerisch, weil auch deutsche nichtjüdische Vertreter in diese Kerbe einschlugen, unsere „Landsleute“ aufzuwiegeln und den Hass gegen Israel und unsere lieben jüdischen „Mitbürger“ zu schüren. „Kann ein Jude sich in dieser von Hass und Vorurteilen geprägten Umgebung noch sicher – und wohlfühlen?“

Schonungslos wurde unser Pseudonym aufgedeckt, die Namen der einzelnen Mitglieder und „Sympathisanten“ hervorgezerrt und an den Pranger gestellt und unser Vorgehen als verkommen, ich will es präzisieren: als Schritt, als „Geisteshaltung“ vom Nestbeschmutzer zum Antisemiten gegeißelt…

Und die Rechte triunphierte.

Jede Kritik an Israel wird als antisemitisch empfunden, d.h. an die Stelle politischer Kategorien rücken ethnische ( Susan Neiman ). Wenn die lautere Absicht und wir hatten uns, von unserer Naivität abgesehen, nichts vorzuwerfen, aber muss Naivität, die einer guten Absicht folgt, verwerflich sein, die keinen Interessen dient, als der Aufklärung, ist also Aufklärung, der Indienstnahme des Verstandes und der Vernunft, dies heilige Gut unserer Philosophen, a priori..? Wir mussten dies bejahen! Nicht Wahrheit will das Land, will die Weltöffentlichkeit,

Am enttäuschendsten war die Haltung der Juden in der Diaspora. Von ihnen hätte man den „Blick von außen“ erwarten dürfen, „das schließt“, klagte Ariel, „die Erinnerung an die die universalistischen Grundwerte des Judentums, die verloren gegangen sind, mit ein.“

Sie ahnen, wie es mir erging? Man zeigte nicht nur mit dem Finger auf mich, an den Schandpfahl band man mich, wo ich wie im Mittelalter, dem Hohn und Spott der Leute ausgesetzt war, ja, man bespuckte mich, der ich nichts als die Gerechtigkeit zu ihrem Recht verhelfen wollte. Meinen Beruf durfte ich noch ausüben – was heißt das, wenn die Kanzlei geöffnet ist, aber niemand sucht sie auf? Ich rutschte auf die unterste Stufe, nur noch das Mandat als Pflichtverteidiger hielt mich am Leben. Ich übertreibe, es sicherte mir, „Seien Sie dankbar!“ in diesem Beruf ein Existenzminimum. Meinen beiden Helferinnen musste ich kündigen. Der Versuch, in einer Großkanzlei unterzukommen, schlug fehl. Lachend erklärte man mir: „Sie haben gegen den gültigen Konsens verstoßen. Wir können uns“, und sie meinten dies in einem doppelten Sinn, „Ihre Einstellung nicht leisten.“

In meinem Beruf ist von Schuld und Recht sprechen die Rede. Das Wort, der Begriff Gerechtigkeit schwebt wie eine…Wolke über unser Rechtsystem, jedem fühlenden, mitfühlenden Menschen als natürliches Empfinden ein Herzensanliegen, für die professionelle Justiz „Ach, ja? Sentimentalitäten können wir uns nicht leisten – der Laden muss laufen…“ - unerreichbar.

Ich kehrte wieder zu meinen Wurzeln zurück, die, ich bin mir des Widerspruchs bewusst, anarchisch sind. Aber, dies meinte ich zu fühlen, in der chaotischen Unordnung…liegt die Chance einer neuen Ordnung – Gab das Kriegsende Anlass, auf eine Reform, nein ein Reförmchen, zu hoffen, sah man sich, wer sehenden Auges den Weg der neuen Republik verfolgte, von seiner Anfangsstimmung, der Hoffnung auf eine gerechte Gesellschaft, getäuscht. Demokratie…?

Es ist spät geworden, die Jahre sind vergangen und mein Ringen, mein Kampf! um Gerechtigkeit droht an meiner Unentschlossenheit und meinem Alter zu scheitern – nicht das Alter, die Krankheit ist es, ja, ich bin schwer erkrankt, die meinen, ich gebe es zu, halbherzig ausgeführten Rachefeldzügen das Ende ankündigt. Ich möchte nun, meine Unentschlossenheit ist der Gradmesser für meinen Mut, nein, meine Feigheit, endlich, viel Zeit bleibt mir nicht, das ausführen, was Damon versagt blieb, dem Despoten das Handwerk legen. Sie entschuldigen die Umschreibung, ich schrecke selbst vor dem Wort, so gerecht es ist, zurück: Tyrannenmord! Es schien mir, als hätte ich mir dies für das Alter, für meine letzte Tat, aufgehoben – Sie werden sagen, und das mit Recht, wir leben in einer Demokratie, hier ist kein Platz für einen Tyrannen! Aber vergessen Sie nicht, dass schon einmal, nicht zuletzt dank eines vorausgehenden Entscheidungswahns unserer alliierten Freunde, der Entente, aus einem demokratischen Ansatz heraus ein Verführer, ein Tyrann, geboren wurde, der die Welt ins Verderben stürzte. Und die Tatsachen scheinen Ihnen recht zu geben, wo, wenn ich mich umblicke, ist eine Persönlichkeit, die diesem Anspruch gerecht wird, zu erkennen? Ich habe eine Liste mit den Namen, ich tausche sie aus gegen eine Porträtreihe, der führenden Politiker, und bleibe, bei einem Namen, einem Gesicht, einer, endlich, Persönlichkeit hängen, F.J. Kesselhuber. Ihm traue ich zu, mannhaft genug zu sein, sich die Krone aufzusetzen, und, was bisher mit Hinterlist und Tücke betrieben wurde, mit aller Kraft und Eindeutigkeit: Recht und Gesetze zu beugen! durchzusetzen. Ihm galt fortan, und nun erst recht, meine Aufmerksamkeit und die Umsetzung meiner Absicht: ein Zeichen zu setzen, das Signal zu geben, ich muss einen Moment innehalten, schon die Absichtserklärung fordert meine ganze Kraft, es gibt noch eine Gerechtigkeit!