ichPatriot - Klaus Schober - E-Book

ichPatriot E-Book

Klaus Schober

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Beschreibung

Ausnahmezustand in Frankreich! Und die Wahlen stehen kurz bevor! Ein von Haus aus unpolitischer Bürger, ein Pariser Flaneur, dessen um viele Jahre jüngere Schwester bei einer Demonstration von Gruppierungen der Nouvelle Droite erschossen würde, steht vor der Entscheidung, wie er sich verhalten soll. Neugierig, aber gewohnt, immer aus der Distanz Menschen und Situationen gegenüberzutreten, gerät er in die politischen Auseinandersetzungen, wird im Rausch der nationalen Erhebung wegen vieler Stempel und Eintragungen seines Passes verlustig und wird, als er der Freundin seiner Schwester, Veronique, zu Hilfe kommen will, mitverhaftet und gefoltert. sein ominöser Bekannter Armand, der über "Beziehungen" verfügt, befreit ihn und Veronique und erwartet von ihm, wie ebenfalls Prevot vom Club der Gerechten, einer demokratischen Vereinigung Pariser Intellektueller, ein Bekenntnis zu ihren jeweiligen Zielen. D.h. er soll, ohne dass ihm bewusst wird, wie er missbraucht wird, den verantwortlichen Chefstrategen des FN, der auch der Mörder seiner Schwester sein soll, im Verlauf einer großen Wahlveranstaltung dieser Partei liquidieren. Bei der beabsichtigten Ausführung, wobei der wahre Mörder entlarvt wird, taucht plötzlich Veronique auf und nimmt das Heft des Handelns in die Hand. Er versucht, mit ihr zusammen in die Schweiz zu fliehen ...

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sie können alles erzählen, unter der Voraussetzung, niemals Ich zu sagen.

André Gide zu M. Proust

Eigentlich wollte ich längst woanders sein -

Aber ich habe meine Schwester nicht vergessen.

Ich interessiere mich nicht für Politik

Ich bin zurückgekehrt nach Paris – nicht zuletzt aus politischen Gründen.

Ich habe erfahren, dass meine Schwester ermordet worden ist – aus politischen Gründen.

Ich muss sie rächen – nicht zuletzt aus politischen Gründen.

Ich sage ich: nicht zuletzt aus diesen Gründen

Inhaltsverzeichnis

25.08.16

01.09.16

15. 08. 16

20.8.16

24.10.16

28.10.16

7.11.16

8.02.17

20.2.17

25.08.16

Ich hatte das Caféhaus – gegen meine Gewohnheit - bereits am frühen Nachmittag betreten. War es das unangenehme Wetter, war es die Gesellschaft, in deren Mitte ich mich, wie auch der eine oder andere Passant plötzlich befand, und wo ich hin und wieder angerempelt wurde und statt mit einer Entschuldigung mit einem, wie mir schien, höhnischen, indes nicht unfreundlichen Lächeln, abgefunden wurde oder der Brief, den ich angefangen und immer noch nicht beendet hatte und hoffte, ihn hier weiterschreiben zu können; die Erinnerung an Marie hatte ich „bis auf weiteres“ in den Hintergrund gedrängt. Kurz, ich flüchtete und nun: Mein Platz, nein, ich habe kein Abonnement auf diesen Sitz, aber von hier aus kann ich mich, zurückgezogen, meinen Gedanken überlassen und habe doch das ganze Caféhaus im Blick, d.h. mir entgeht, wenn ich es denn darauf anlegte, nichts: was die Kellner treiben, welche Gäste das Café aufsuchen, wie sie einen Platz wählen usw., ist besetzt. Ein Mann, nein, nicht irgendeiner, dieser Mann, ja, ich kenne ihn, hat es darauf angelegt, mich zu provozieren. Mein Blick irrte über die anderen Plätze, der Kolonialwarenhändler, ihn gibt es hier noch, was treibt ihn zu dieser Tageszeit in das Café? der Informatiker, der, sein Laptop auf dem Tisch, keinen anderen Gast neben sich duldet, Bon jour, Madame, ich hoffe, Ihnen geht es besser, und IhrRückenbeschwerden, hat die Behandlung, ja, die traditionelle Massage und anschließende Bestrahlung wirken am zuverlässigsten, gewirkt? Ja, das freut mich. Es ist kein Stuhl frei außer an „meinem“ Tisch, so dass mir nichts übrig bleibt, als jenen Herrn, ich kenne ihn, der an meinem Tisch, auf meinem Stuhl! Platz genommen hat, zu fragen, nein, zu bitten, ob ich mich setzen darf. Dieser Herr, Sie werden es gemerkt haben, ich versuche, Abstand zu halten, ist mir in seiner Art unsympathisch, Marie ich vergesse dich nicht, und tatsächlich, er, der eben noch stieren Blicks wie bewusstlos auf die bis auf sein Kaffeegeschirr leere Tischplatte gestarrt hatte, wird, vergelt ihm Gott, lebendig. Er, der mir aus tiefster Seele unsympathisch ist, wacht auf, er erkennt mich und ein strahlendes Lächeln überfährt sein Gesicht: Sie! Und im selben Augenblick fühle ich mich eingewickelt in seine Fürsorglichkeit, bedrängt von einer Aufmerksamkeit, die mir die Luft und die Sinne rauben. Ich habe geahnt, nein gewusst! dass ich Sie hier antreffen würde. Ich muss Ihnen etwas sagen – können Sie nicht warten? Sie sehen doch, dass wir uns unterhalten- ja, bitte, einen Café Espresso, Auguste…Sie hätten ihn stehen lassen sollen, nein, was ich Ihnen sagen wollte, ich habe Informationen, Sie werden es nicht glauben, er beugte sich zu mir herüber, dass mir kaum Luft zum Atmen blieb, ich darf nicht darüber sprechen, ist top-secret. Er ließ sich wieder zurückfallen und in seinen Stuhl sinken, als ob ihn die Last eines schweren Geheimnisses erdrücke. Ich blieb ruhig. Das war seine Art, indem er Dingen, Ereignissen, auch Personen Bedeutung zumaß - die ihnen, wenn schon, mehr oder weniger, eher selten zukam - diese in ein geheimnisvolles Licht zu rücken. Ja, die „important“ Angelegenheit färbte, und das war der Sinn dieser Inszenierung, auf ihn ab. Danke, Auguste. Ich sog den Duft des Espressos ein, ehe ich behutsam, ich weiß, meine Gegenüber werden unruhig, ich lasse mir Zeit mit meiner Antwort, von diesem Geschenk schlürfe. Liegt nicht in der Muße des Abwartens, des geduldigen Ausharrens, die Kraft, die sie uns verleiht, um den Geschehnissen, was auch immer an Überraschungen sie in sich bergen oder mit sich bringen, angemessen begegnen zu können? Nun sagen Sie schon, sind Sie nicht neugierig? Er hatte sich wieder nach vorne gebeugt, richtete sich etwas auf, dass er mir bedrohlich nahe kam, sein Gesicht, seine Augen tanzten, wiewohl ich mich ein wenig, um nicht unhöflich zu wirken, zu-rückfallen hatte lassen, vor den meinen, ich wusste, ich konnte nicht ausweichen - seinem Bedürfnis, mich in die Geheimnisse, in-wieweit sollten sie mich berühren? einweihen zu dürfen - seinem Gewaltanspruch über mich nicht entkommen. Erzählen Sie. Ich blickte gefasst auf ihn, seinen Mund, den er, je dringlicher sein Bedürfnis war, sich mitzuteilen, mich einzuweihen! wie den Schnabel einer Gießkanne zuspitzte, seinen Hofnachrichten, den neuesten Klatsch aus dem „Innenleben der Macht“, zu lauschen. Es existieren Überlegungen, Pläne, verbesserte er sich, ich sage dies so offen, weil die Gerüchte darüber schon eine Weile herumschwirren – aber wer in unserer offenen Gesellschaft gibt schon zu, etwas von Gerüchten zu halten, obwohl ihnen doch immer ein Kern von Wahrheit innewohnt? Dass…? fragte ich, dass? wiederholte ich, insistierte ich, als er, nein, nicht von mir abrückte, d.h. nur ein wenig, um mich, sein Blick glitt über meinen Körper, das Gesicht, meine Reaktionen ganz zu erfassen. Unser höchstes Gut, für das wir gekämpft haben, und für das wir gerade stehen, immer stehen werden, er hatte sich erhoben und stimmte die Nationalhymne an. Die Gäste an den anderen Tischen blickten erstaunt zu uns herüber, ein Gast lachte und schüttelte den Kopf, andere Gäste waren aufgestanden und stimmten in die Hymne ein. Ich gebe zu, ich war, peinlich berührt, unschlüssig, wie ich mich verhalten sollte. Ich schaute mich um, als einer von wenigen war ich sitzen geblieben, zwei Tische weiter, ein Nordafrikaner, der sich zu amüsieren schien, an seinem Tisch eine Frau, die mir bekannt vorkam…Ich hielt dem Blick einiger Sänger, der mich zum Verräter! stempelte, stand. Ich kann doch nicht, rechtfertigte ich mich vor mir selber, ansatzlos, aus nichtigem Anlass! unser höchstes nationales Gut „verjubeln“ – unsere Hymne ist ein Feiertagsgeschenk, kein Gassenhauer, den man so einfach profanisieren kann, und ich, kein Anhänger nationalen Übermuts, habe ich mich nicht immer diesem Gefühlsüberschwang entzogen? suchte nach Beispielen, an denen man das Anstimmen unserer Nationalhymne billigen kann bzw. muss. Wir müssen Flagge zeigen! tadelte mich mein Nachbar, nachdem er ausgesungen und sich wieder gesetzt hatte, und uns besinnen, wer wir sind - und was wir wollen. Sie sind, ich bemerkte den leicht verächtlichen Ton in seiner Stimme, fast so etwas wie ein – Kolonialfranzose. Sie müssen sich entscheiden, wo Ihr wahres Zuhause ist. Es gibt, er fixierte mich scharf, einen Entwurf, noch keine Gesetzesvorlage, nach dem ein, er schien das Wort einzeln buchstabieren zu wollen, Doppelpassfranzose, seinen französischen Pass verliert, wenn er sich eine Straftat hat zuschulden kommen las-sen. Desgleichen, ergänzte er, wer seiner Heimat über längere Zeit fern geblieben ist. D.h. relativierte er sein Diktum, wer sich ohne Angabe von berechtigten Gründen im Ausland aufhält, verliert seinen französischen Pass. Missverstehen Sie mich nicht, als er meine Reaktion wahrnahm, ich hatte mich von meinem ersten Schrecken, ich schalt mich einen Narren, einem, wenn auch nur für einen Augenblick, Scharlatan, einem Gerücht aufgesessen zu sein, erholt und willens, in ein Lachen auszubrechen, von dem mich nur die feindseligen Blicke der Nebentische abhielten. Zugleich nahm ich wahr, dass Auguste, nachdem die Geschäftsleitung auf ihn eingeredet hatte, den Nordafrikaner und seine Begleitung aufforderte, ihre Rechnung zu bezahlen, ihre Anwesenheit, er berief sich mit einem Blick auf die anderen Gäste, sei unerwünscht. Das ist nicht Ihr Ernst, sagte ich. Das ist erst der Anfang, widersprach mein Patriot. Wir haben vergessen, wer wir sind! Ein Volk, sagte ich, dass verlernt hat, was Krieg ist – glücklicherweise. Wir leben mit unseren Nachbarn in Frieden, seit siebzig Jahren, wir begreifen uns als Europäer…Ich sah in den Augen meines Nachbarn, dass meine Verteidigung „unseres gemeinsamen Hauses“ keinen Eindruck auf ihn machte, im Gegenteil, er schien meine Gedanken zu erraten: Was nützt uns ein gemeinsames Haus, wenn wir die Schlüssel abgegeben haben? Europa, lehnte ich mich auf, ist eine Vision. Da haben Sie Recht! rief er aus, eine Vision – verkommen zu einem Brei, in dem alle Welt sich das Recht herausnimmt, hier zu Hause zu sein! Ihre mitgebrachten Sitten und Gebräuche herauszukehren, nicht nur das: sie vor, nein, auf unsere überkommenen Traditionen zu pflanzen. Wachen Sie auf! rief er aus, als er meinen ungläubigen Gesichtsausdruck wahrnahm, wir befinden uns in einem Ausnahmezustand.

Wohl wahr! So musste es jeder empfinden, der die Straßen entlanglaufen wollte. Überall sichtbare Polizei – und Militärpräsenz; erschien den Uniformierten jemand verdächtig, musste er sich ausweisen. Ich wurde, als ich am Bois de Bologne flanieren wollte, aufgehalten und sollte einen triftigen Grund für meine Anwesenheit und meine Absichten angeben. Das kommt mir so vor, als solle ich mich erklären, warum ich atme, rief ich aus. Stieß dies auf Unverständnis, korrigierte ich mich, ich verdeutlichte mein Bedürfnis: Um zu leben, leben! Das musste den Argwohn der Ordnungskräfte, die im Widerspruch existieren: Leben schützen und Leben auslöschen, hervorrufen. Und, versuchte ich mir, ihre Tätigkeit zu entschuldigen, diesen Widerspruch zu verkraften. So rückte ich freiwillig meinen Identifikationsnachweis, einen Pass, heraus, als sie danach verlangten und hatte schon meinen Arm ausgestreckt, um ihn wieder in Empfang zu nehmen, als mir der Offizier, er hatte die vielen Stempel und Eintragungen von früher aufmerksam studiert, bedeutete, dass meine Papiere Hinweise enthielten, denen sie nachgehen müssten. Ich sollte mich in den nächsten Tagen auf der und der Polizeistation melden. Ich versuchte meinerseits, einen triftigen Grund für dies Vorgehen, „ein schwerwiegender Eingriff in meine Freiheitsrechte!“ zu erhalten. Würdigte mich der Offizier keiner Antwort, flüsterte mir ein subalterner Polizist, den meine Ratlosigkeit, ich will nicht so weit gehen und von Verzweiflung sprechen, dauerte, zu: Dies dient Ihrer Sicherheit!

Dies ging mir durch den Kopf. Die Erinnerung an den demütigenden Akt, daran, dass ich zur Zeit wie ein Staatenloser herumlaufe, ohne Existenz! belegten, dass ich wie ein streunender Hund jederzeit, bei einer erneuten Kontrolle, aufgegriffen und, was vermochten meine Beteuerungen? ins Gefängnis gesteckt werden konnte…

Es herrscht ein Klima der Angst, sagte ich. Die Parteien rücken zusammen, d.h. sie stimmen ihre Programme aufeinander ab…ich redete nicht weiter, denn mein Nachbar konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

Einen interessanten Gesichtspunkt, sagte er ihm. Nur dürfen wir nicht vergessen, wer hier den Weitblick bewiesen hat, nicht die Sozi-ablisten, die eine Politik von vorgestern durchsetzen wollen, auch nicht die Republikaner, die sich anbiedern wollen. Es war, und wir müssen unsere Vorbehalte überprüfen, der Front National. Er hat, angesichts der Lage, in der wir uns befinden, immer darauf hingewiesen, dass wir neue Artikel in die Verfassung aufnehmen müssen.

Der Staat rüstet auf, stellte ich resignierend fest.

Er verteidigt sich, und wie wehrt man sich am besten? Indem man die Initiative ergreift und in die Offensive geht. Wie wollen Sie der Situation anders Herr werden, wenn Attentate begangen, jeden Tag Häuser angezündet werden, Autos brennen? Sehen Sie: An den Fenstern des Cafés marschierte eine schwerbewaffnete Einheit vorüber, ein Gast hatte ein Fenster entriegelt und jubelte den Soldaten zu. Auf einen Wink seines Chefs hatte Auguste die Tür sperrangelweit geöffnet, dass man den Marschschritt hören konnte. Einige Gäste klatschten und hielten den Takt der marschierenden Stiefel, indem sie ihn mit ihren Fingerknöcheln auf der Tischplatte zu begleiten versuchten…

Wann haben Sie das letzte Mal eine solche Aufmerksamkeit für Politik erlebt, ja, je erleben dürfen? Ein ganzes Volk…

Begeisterung ist gut, fiel ich ihm ins Wort - wenn sie sich in Grenzen hält. Wir werden doch nicht dem Mythos einer nationalen Erhebung verfallen, wagte ich – unvorsichtigerweise – anzumerken.

Was, Auguste unterbrach ihn, weil er auf Geheiß seines Chefs jedem Gast einen Pernod einschenkte, danke Auguste, finden Sie es so schlimm, wenn ein Volk sich zu seinen Gefühlen bekennt? In Ihren Worten: den alten Werten, die es ausmachen, die Treue hält? Sie haben recht, kam er meinem Einwand zuvor, dies zeugt von einer tiefgehenden Befangenheit, einem Affront gegen die Furcht. Immer, wenn wir etwas abwehren wollen, was uns bedrohen könnte, besinnen wir uns.

Wann hat Sokrates den Giftbecher geschlürft? Am Tiefpunkt der moralischen Verkommenheit der athenischen community, um sie, so die Einbildung, wachzurütteln - was hat er erreicht? In der Geschichte ein leuchtendes, ein bleibendes! Beispiel - im antiken Athen, im Bewusstsein und Verhalten der Mitbürger, Platon weist darauf hin, keine Änderung.

Sie wollen doch nicht sagen, dass wir, unsere Gesellschaft, der Staat, ich verabscheue diese politischen Diskussionen! moralisch versagt haben! Wir sind eine weltoffene Gesellschaft. Allerdings, die Komplexität der Ereignisse—das wird Ihnen jeder Soziologe bestätigen, erzwingt diese Besinnung…wenn Zusammenhänge verloren gehen, der Blick verzweifelt nach einem Anhaltspunkt sucht, oder unser Verstand irrt…Und wenn nun gar ein Gegner auftaucht, der uns bedroht - gegen einen Gegner von außen können wir uns wehren, aber wenn dieser Gegner mitten unter uns weilt, uns von innen her angreift – dann müssen wir zurückschlagen. Wir stehen im Fadenkreuz der Feinde unserer Demokratie…

Deshalb, lieber Freund, stehen wir auf, er erhob sich, und rufen: Vive la France! Vive la France, schallte es von allen Seiten zurück, auch die anderen Gäste waren von ihren Plätzen aufgestanden, hoben ihr Glas, prosteten sich zu und wiederholten diese Beteuerung. Auch ich, zwar sitzengeblieben, hatte mein Glas gehoben und trank. Hier zeigt sich, bekräftigte Armand, nachdem er sich wieder gesetzt hatte, seine Überzeugung, der ausgeprägte französische Wille, in Gefahrensituationen oder in der Not! zusammenzuhalten, nennen Sie es Volkssouveränität. Staat und Gesellschaft gehen konform.

Das betrifft nur einen Teil unserer Gesellschaft…

die Mehrheitsgesellschaft…

Richtig, und den anderen Teil grenzen wir aus. Unsere Bemühungen in der Integration…

Wie viele gibt es, belehrte er mich, die sich nicht integrieren wollen? Was haben wir alles angeboten, Teil unserer Gesellschaft zu werden – bis zur Selbstverleugnung! aber in die Familien können, konnten wir nicht hineinwirken.

Seit meinem Caféhausbesuch waren mehrere Tage vergangen, in denen ich meine Wohnung für längere Zeit nicht verlassen hatte; ich wagte nicht, meiner Identität beraubt, mich auf den Straßen frei zu bewegen, ich litt. Meine telefonischen Anfragen beim Einwohnermeldeamt, den örtlichen Polizeistationen, ergaben nichts, man vertröstete mich - wenn man höflich aufgelegt war, sonst fertigte man mich kurz und barsch ab. Die Nachrichtensender, meine Verbindung zur Außenwelt, berichteten von Übergriffen (die man mit aller Härte verfolgen werde), von Razzien, den Erfolgen, dass man wieder ein Nest ausgehoben hatte, ja, einige verdächtige Spuren wurden gefunden, Hinweise, die auf eine Verbindung mit einer „terroristischen“ Vereinigung schließen ließen. Eine, wie mir schien, hysterische Stimmung wurde verbreitet, die eigene Fehler und Versäumnisse in der Sozialpolitik mit einem eindrucksvollen Feindbild überdecken sollte. D.h. Vorgänge in Nahost wurden benutzt, um von Fehlentwicklungen, vernachlässigten „Eingemeindungen“, einer nicht in Gang gekommenen Integrationspolitik, abzulenken. Ich weiß, wie schwer es ist, dem urkundlich, auch juristisch nicht beleumdeten Bild eines echten Franzosen, s. der Vorwurf an mich, zu entsprechen. Litt nicht auch Camus unter diesen Anschuldigungen, den verdeckten bis offenen Intrigen eines Paul Sartre? Ich vermied es, Bekannte, Freunde hatte ich nicht, anzurufen, ein Satz, der falsch verstanden werden konnte, ein unbedachtes Wort - wie leicht gerät man ins Visier des Geheimdienstes. Ich weiß, wovon ich spreche: Eine Bekannte hatte mich am Telefon ersucht, vor ihren Kindern über meine Begegnungen mit Zuwanderern aus dem Maghreb zu berichten, ihr unreflektiertes Ansinnen überraschten mich, indes schien sie sich zu weiden an meinem Versuch, sie von diesem Vorhaben abzubringen (sie ließ sich auch nicht, sicher wurden wir abgehhört, durch das Knacken in der Telefonleitung einschüchtern). Sie krönte ihre leichtsinnigen Äußerungen mit der törichten wie provokant gemeinten Frage, ob sie es nicht doch wagen könne, ihre Burak, wozu habe sie diese schließlich erstanden, in der Öffentlichkeit zu tragen? Ich war sicher, dass sie keine Burka besaß und dass sie mich mit ihren witzig gemeinten Bemerkungen in den Strudel suspekter Nachforschungen hineingezogen hatte. Wenig später kontrollierte man mich auf offener Straße, und ich wurde meiner Ausweispapiere verlustig.

Ich blickte nach draußen. Der Regen hatte nachgelassen…Freunde, das hieß ja, klang es in mir nach, sich verpflichten, jemanden, malte ich mir aus, nah an sich herankommen lassen. Ich schüttelte mich bei dem Gedanken, die Nähe, die zu enge Nähe zu anderen Menschen - nicht dass dies Widerwillen in mir auslöst, aber Erfahrungen haben mir gezeigt, dass, sobald die Beziehungen enger wurden, die Scheu, eine mir heilige Rücksichtnahme auf den oder die andere, wich, als ob ein Windhauch die zart flackernde Kerze auslöscht. Ist es ein unaufhaltsamer Drang zur Bevormundung, wenn die Gespräche in monologisierende Vorträge und in Besserwisserei ausarten, oder eine Überheblichkeit, die ihre Finger auf die vermeintlichen Wunden legt und die zarten Bande einer enger zu werdenden Bekanntschaft erdrückt, oder ein natürliches Verantwortungsgefühl für den anderen, dass diesen nicht zu Wort - und zum Luftholen kommen lässt? Ich meide aus diesen Gründen, die sich erweitern ließen, die Gesellschaft naher Bekannter, sobald sie die Grenze einer heilsamen Distanz zu überschreiten drohen; auch dies ist einer der Gründe, warum ich niemanden zu Hause empfange – meine Rezeption ist, so paradox dies klingen mag, der Schutz der Öffentlichkeit – hier kann ich, konnte ich bisher, einigermaßen sicher sein, den Abstand einzuhalten oder auch gewahrt zu wissen, der uns beiden, uns allen guttut. Ich öffnete die Fenster. Kühle Luft drang mit dem verhaltenen Großstadtlärm ins Zimmer – ein Sog, dem ich mich schwerlich, auch wenn die „Umstände“ dies nahelegten, entziehen kann. Eine Ausnahme lasse ich gelten bzw. klammere ich aus: meine langjährige Freundschaft mit Jean M. An ihn erinnerte ich mich, als ich bei einem meiner Streifzüge Sacré - Coeur, die magische Grenze zum Norden, überwand und – in eine ausländerfreie Zone eintauchte. Ja ich flanierte durch die Rue Labat, dann, eine Straße weiter, die Rue de Poiteau...

01.09.16

Ich setzte mich dennoch an den Tisch, um den angefangenen Brief an Jean zu beenden, zunächst allerdings las ich, was ich bisher geschrieben hatte:

Lieber Freund,

manchmal sind es Zufälle, die besonderen Gelegenheiten, die uns veranlassen, einen Moment innezuhalten und die Erinnerung, die uns führt und mit Erfahrung speist – und den Wert unseres Lebens ausmacht. Ich flanierte, ich weiß nicht einmal wie und warum, in der Gegend, in der du dein erstes Quartier bezogen hattest. Du erinnerst Dich? Du hattest die Wohnung von Paul N. abgekauft, kein „feines“ Arrondissement´, sicher neben der Größe der Wohnung ein Grund, warum er Haus und Quartier wechseln wollte, eine Schattenwelt, wo der Maghreb langsam die eingesessene europäische Bevölkerung hinausdrängte, anderer-Seitz, „um die Ecke“ Sacré-Coeur und die „Geheimnisse“ von Montmartre. Was ich aber, weil es mir auffiel, sagen wollte, dass diese Gegend, kaum zu glauben, heute zu den ersten Adressen gehört.

Hier musste ich weiterschreiben und begründen…ich muss, stellte ich fest, weit ausholen. Ich Ias, fand indes keinen Anknüpfungspunkt…die Unruhe, die Triebfeder, die mich nie aushalten lässt, länger an einem Ort, zu verweilen, dann der Tod meiner Schwester:

Wo die Säuberung, Du hast davon gehört? stattgefunden hat, ein Prozess im Gange ist, der sich überall wiederholt. Die anrüchigen Gebiete, lange Zeit gemieden, werden nun, gleich, ob London, New York, nach und nach wieder zurückgeholt und…in den Ruf einer „guten Stube“ eingemeindet, Die Seele, könnte man argwöhnen, findet Ruhe und, wenn Gott will, Trost! Sicher ist noch der eine oder andere Kolonialfranzose zu sehen, aber…es handelt sich, auf den ersten Blick, um, wie Frédéric, ich hatte dir von ihm geschrieben? es ausdrückte, assimilierte zivilisierte Einwanderer, mit denen man sich notfalls auch „an einen Tisch“ setzen kann!

Dies zur „Beruhigung“! Ich weiß noch, wie es war, als du hier, in deiner ersten Wohnung in Paris, eingezogen bist und trotz Concierge und wechselnden Türschlössern und Sicherheitssystemen, keine Ruhe finden konntest. Immer wieder…und die Polizei (unterließ es) traute sich schon längst nicht mehr einzuschreiten…Nordafrikaner, die vor der Haustür lungerten, andere, die, weiß der Himmel wie, sich Zugang verschafft hatten und im Treppenhaus lagerten, beknifft, kaum ein Durchkommen zu Deiner Wohnung - verzeih, zu Eurer, Sophie hat Dich ja begleitet - die sich im obersten Stockwerk befand und von der aus man Sacré - Coeur schimmern sah…

Ich habe mich gefreut, Dich in Paris, in meiner Nähe, ja, ich weiß, aber hin und wieder halte ich mich auch in meiner Stadt auf, zu wissen, auch wenn der Anlass, der Dich hertrieb, kein erfreulicher war. Du bist hergekommen, um zu schreiben – und zu sterben! Tat dies am Anfang weh, ich sprach allzu leichtfertig von einem anlasslosen Todestrieb, gewöhnte man sich daran, wer ein Testament schreibt, lebt länger! Und allmählich vervielfältigten und verdichteten sich die Zeugnisse von Deinem Lebenswillen… Ich hoffe, es bleibt dabei!

Dein N.

Ein Anruf eines „Bekannten“, Jean - Pierres, der nach Dringlichkeit schmeckte, war es, der meiner Unentschlossenheit ein Ende setztue und mich wieder veranlasste, mich in Gesellschaft zu begeben. Ich verließ das Haus, in dem ich wohnte und versuchte, unauffällig mein Ziel, ein Café in der Innenstadt, anzusteuern, d.h. ich vermied es, allein zu gehen und mischte mich in Fußgängergruppen, die ebenfalls meine Richtung einschlugen. Unübersehbar die Polizei – und Militärpräsenz, irgendwann zuckten wir, die Passanten, zusammen, wenn ein Schuss den Verkehrslärm übertönte und Polizeisirenen aufheulten, bis auch das in dem sicher wähnenden Gefühl der Gewohnheit „unterging“. Erst als die Schüsse sich näherten, schien sich die Gruppe auflösen und ein jeder sich nach einem geschützten Zufluchtsort umschauen zu wollen. Ich war nur wenige Schritte von dem Café, unserem Treffpunkt, entfernt, als ich das Gefühl empfand, verfolgt zu werden, Ich blickte mich um, konnte aber unter den mir folgenden Passanten niemand entdecken, der es, zugegeben, dies klingt naiv, auf mich abgesehen haben könnte. Aber Erinnerungen an Nahost, die mich hin und wieder heimsuchen, bestürmten mich, ich sehe mich noch immer, als sei es gestern geschehen, verfolgt bzw. beobachtet und wartete voller Ungewissheit, nein Angst, auf den Augenblick, wo mich jemand an die Schulter fasste oder mir den Lauf einer Pi-Stole zwischen die Rippen drückte. Erleichtert atmete ich auf, als ich „unbeanstandet“ das Café betrat und an meinem Tisch, mein Bekannter war noch nicht zugegen, Platz nehmen konnte. Doch ein Gefühl der Selbstverständlichkeit, unter das man Gleichgültigkeit, Unangetastetwerden, Ruhe, ja, was sucht man an diesen ausgesuchten Orten? subsumieren könnte, hatte einer fühlbaren Unruhe Platz gemacht. Ich bestellte, eine neue Erfahrung, Auguste, mein Monsieur, hatte heute seinen freien Tag – ungewöhnlich, seitdem ich dieses Caféhaus besuche, bediente mich Auguste, und ich erinnere mich keines Tages, an dem er nicht anwesend war, erst seine Anwesenheit - wie oft brüskierte er mich! wenn ich Ungeduld zeigte, das Gespräch nicht unterbrach, wenn er an unseren Tisch trat, um eine Bestellung entgegenzunehmen, oder: ob meines Zauderns - ja, August war das Café! Der neue Kellner, eine Vertretung? nahm die Bestellung ungerührt entgegen, auf meine Frage nach Auguste gab er aber bereitwillig Auskunft: Ja, er hat eine Vorladung, seine Papiere werden überprüft, seine Berechtigung, in Frankreich zu arbeiten.

Ich hatte nie darüber nachgedacht, welcher Herkunft Auguste war, sind Sie, fuhr Robert fort, nicht auch der Meinung, Frankreich den Franzosen? Ich ertappte mich, dass ich, noch in Gedanken über die Tragweite dieser Meinung, zustimmend genickt hatte, und musste nun beobachten, wie unterschiedlich die Vertretung? von seiner Einschätzung, einer Mehrheitsmeinung, Gebrauch machte. Während ich zügig in den Genuss meiner Bestellung kam, mussten andere Gäste ausharren, kopfschüttelnd die Bestellung wiederholen, ja, an einem Nebentisch ein Pärchen, beide elegant gekleidet, aber…aber? zermarterte ich mir den Kopf, meinem eigenen Vorurteil auf der Spur, sichtbar südfranzösischer, eher nordafrikanischer Herkunft, ja Kolonialfranzosen, ungeduldig bis in die Zehenspitzen ob seiner mehrmals wieder-holten Bestellung, versuchte, ihn, den Kellner, am Rockzipfel fest-zuhalten, was, da Robert sich in diesem Augenblick umdrehte, um dem ungeduldigen Pärchen „beizukommen“, misslang. Ich, wir alle, wurden Zeuge, was nun geschah – mit den Augen! ohne indes den Wortwechsel zu verstehen, Robert hatte sich über den Tisch des Pärchens gebeugt und mit nachdrücklich eindringlicher Stimme etwas gesagt, was die beiden anderen veranlasste, wortlos aufzustehen und das Café zu verlassen. Es war ruhiger geworden, nicht dass, glücklicherweise, im Café, der Lärmpegel - weit davon entfernt, sich dem eines überfüllten Bistros oder dem Lärmen des Straßenverkehrs anzupassen – die Schmerzgrenze erreicht hätte; es herrschte eine maßvolle oder gediegene Stille. Auch wenn dies bedeutete, dass ich leider den Gesprächen, nein, Philipp, nicht im Flüsterton jenes Herrn, der mit jedem Satz, dem ich mit gespitzten Ohren, ja, eine Revolution! welche anderen Möglichkeiten bleiben uns? nur mühsam folgen konnte!

Ich versagte es mir, die Vertretung, als sie mir, freundlich lächelnd den Kaffee servierte, auf jenen Zwischenfall, der uns weitgehend sprachlos hatte werden lassen, anzusprechen. War es die Furcht, etwas heraufzubeschwören, das man nicht herbei-wünschen möchte? Oder die feige Haltung, bei der wir uns dann ertappen, wenn wir Konflikten aus dem Weg zu gehen versuchen? Ehe ich die Kaffeetasse an den Mund führen konnte, über-reichte mir Robert, sich noch einmal verbeugend, einen Brief. Ich zögerte, ein Brief von Jean; dann überwand die Neugierde die Furcht.

Lieber N.,

danke für die Nachricht aus der alten Heimat, auch wenn ich die jüngsten Nouveaux, ich meine die gesellschaftspolitische Entwicklung, man hört ja Einiges, vermisse.

Ich habe, ich komme gleich auf die Essenz Deines Briefes zu sprechen, unsere wortreichen Diskussionen, heute würde man sagen Diskurse, noch in Erinnerung. Ich habe mir, und damit habe ich für die Öffentlichkeit kein Neuland betreten, Klarheit verschafft! irgendwann spürt man etwas in seinem Körper, etwas, das die Ordnung und Unbekümmertheit, mit der wir in den Tag hineinleben, hintertreibt, und erlebt, neben den Fragen, die auftauchen, ich will nicht sofort sagen Angst, so doch Ungewissheit! Deshalb meine Beschäftigung mit dem Leben und seiner natürlichen Begrenztheit, d.h. mit dem Bewusstsein: Nur wer das Bewusstsein seiner Endlichkeit erlangt und sich damit der Überwindung seiner Todesangst versichert hat, kann bewusst leben.

Ps: Meine Neugier ist ungebrochen. Ich warte auf Neuigkeiten.

Dein Jean

Sollten mich die Andeutungen, oder waren diese ernsthaften Signale einer körperlichen Krankeit, die vor einer Ausweitung auf die Psyche, eine Ansteckung! nicht Halt macht? beruhigen, gar Trost bereiten?

Erlösung, dünkte mir, kam in Gestalt Armands, der auf meinen Tisch zusteuerte und wie die Gazette France Soor mit bedeutungsvoll beredtem Gesicht die aktuellen Frontnachrichten zu verkünden willens ist. Ich sah die Überschriften auf der Titelseite vor mir, so, als könnte ich den Text lesen, aber nicht verstehen, ebenso verästelte sich mir das doch offen gezeigte Antlitz. Was ich Ihnen zu sagen habe – warten Sie. Ja, ich nehme, er hatte Robert wie einen alten Bekannten begrüßt, einen Pernod zum Kaffee, viel Zucker, merci. Ja, die Dinge nehmen langsam Gestalt an. Der Ausnahmezustand, sicher haben Sie davon gehört, ist verlängert worden, wir müssen uns auf härtere Zeiten einstellen. Der Front National, er rückte dichter an mich heran, möchte diesen Zustand zur Regel machen, vorläufig. Glauben Sie nicht auch, dass wir, Hand aufs Herz! besser fahren, wenn wir bei vorgezogenen Wahlen die Partei wählen, die eindeutig Stellung bezieht, ja, die längst Volkes Stimme hat?

Für ein sauberes Frankreich, spottete ich.

Wir müssen die Dinge beim Namen nennen dürfen. Ich weiß, die Intellektuellen haben einen Horror vor einfachen Lösungen, noch mehr davor, die Zusammenhänge, die unser Leben verkomplizieren, zu entwirren. Nehmen wir, ich weiß, Sie lieben historische Vergleiche, die athenisch- griechische Gesellschaft. Was zunächst nach Vielfalt, einem bunten Gemisch von Volksgruppen aussah, beruhte auf einem ausgeklügelten wie einfachen System. Hier die eingeborene, originäre athenische Gesellschaft, die Vollbürger, dort die Sklaven, Halb- oder Viertelbürger – ja, das allein schon klingt kompliziert, ist aber bei genauer Betrachtung der Sachlage, danke Robert, vorbildlich, er nippte an dem Kaffee, ähnlich der mittelalterlichen Gesellschaft. Das betrifft weniger die Spaltung der Gesellschaft in die Vielzahl ihrer Glieder als ihre feste Verankerung auf ihre geburtliche Herkunft. In, sagte ich. In, wiederholte er und sah mich an, ohne mich zu verstehen. Das heißt, im übertragenen Sinne…Franzose, nennen wir ihn ruhig Vollbürger, darf nur sein - wer hier geboren ist?!

Nein, wer, nachgewiesen, seine Wurzeln in Frankreich hat.

Und der Sprache mächtig ist.

Das ist selbstverständlich.

Das klingt wie ein arischer Nachweis.

Nein, die Sehnsucht, ihre Erfüllung einer Identität, ohne die kein Mensch leben kann.

Das heißt also: weiße Hautfarbe, christliche Religion. Ich hatte dies in ruhigem Ton gesagt, Armand fühlte sich, weniger durch den Inhalt als durch den Ton, in dem ich seine Aussage bewertete, missverstanden, ja nicht ernst genommen.

Lästern Sie ruhig, Schauen Sie sich um, ein, im Aussehen und Glauben, buntes Volksgemisch, kaum einer weiß mehr, wo er eigentlich zu Hause ist.

Ich kann mir vorstellen, worauf Sie hinauswollen: Das erinnert, sagte ich, an den Cottaschen Pferdekalender.

Wir sind nicht auf dem Pferdemarkt, lachte Armand.

Hippologisches Wissen hilft, um der Rosstäuscherei zu begegnen, spitzte ich den Vergleich zu.

Wir benötigen keine „Amtshilfe“, d.h. Anleihen bei der Veterinärmedizin, um festzustellen, darauf wollen Sie doch hinaus, wer oder was ein Vollblütler ist. Er überlegte, die Denkanstrengung zeugte Falten auf seiner Stirn, er nippte an seiner Tasse, dann lächelte er: Gut, wenn wir bei Ihrem Vergleich bleiben wollen, dann ordnen Sie uns doch bitte der Kavallerie zu.

Ohne Arbeitspferde, im Volksmund: Ackergäule, ging früher nichts, verunsicherte ich sein Revirement, d.h. half ich ihm, bei keiner Neutralisierung einmal bezogener Positionen stehenzubleiben; was wir brauchen: Pluralismus. Eine offene Gesell-Schaft…

Ein Kniefall vor…

Nein, Freiheit gegen Unfreiheit! Ich konnte nicht weiterreden, Robert war an unseren Tisch getreten und überreichte uns eine Zeitung. Extrablatt! Soeben erschienen!

Danke, Robert. Noch einen Espresso. Armand las die Überschrift, wiederholte sie laut, „Neue Verordnung zur Reinhaltung unserer Straßen“, damit ich „im Bilde“ war.

Sie sehen, er legte das Blatt zur Seite, es tut sich was!

Wie soll das gehen? Wollen Sie die Franzosen, die über keinen Stammbaum verfügen, ausweisen?

Das wird in vielen kleinen Schritten geschehen. Zunächst werden die Nichtfranzosen ausgewiesen, dann müssen die vielen arbeitslosen Nordafrikaner …er deutete auf das Titelbild.

Franzosen…

Die sich etwas zuschulden haben kommen lassen oder sich nicht in den Arbeitsmarkt eingliedern lassen, unser Land verlassen – um die Sozialsysteme zu entlasten.

Ja, jetzt wird aufgeräumt, endlich. Robert stellte den Kaffee ab. Sie müssen die Innenseiten lesen. Schluss mit der EU - müssen wir uns bevormunden lassen? Ich denke, Frankreich kann selbst entscheiden.

Ist gut, Robert.

Das ist ein Rückfall in nationalstaatliches Denken, begehrte ich auf.

Nein, eine Erinnerung an Frankreichs Größe! widersprach Armand. Damit Sie sehen, wie ernst es ist, versicherte er sich seiner Überzeugung, ab Mitternacht werden wieder Grenzkontrollen eingeführt – das gleiche geschieht in den Nachbarländern. Europa schützt sich gegen jede Form der Überfremdung…seine Kultur ist in Gefahr. Ab sofort, triumphierte er und wies auf einen Artikel in der Zeitung hin, wird der Bau von Moscheen untersagt, die bestehenden wird, las er…darüber herrscht noch keine Einigung. Was wollen Sie machen mit diesen…architektonischen Fremdkörpern?

Ich dachte immer, wir sind, und das macht unsere Zivilisationsleistung aus, eine offene Gesellschaft, in der jeder, gleich welchen Glaubens, welcher politischen Überzeugung jemand ist…

Ja, lachte mein Nachbar aus, Sie sehen, wohin uns das geführt hat. Liberalismus ist gut, aber…

Kontrolle ist besser!

Ja, das pluralistische Denken hat uns in eine Sackgasse geführt. Wir haben vergessen, wer wir sind! Sie werden sehen, es wird uns bald besser gehen, die Arbeitsplätze, las er, gehen wieder an die Franzosen. Frankreich, er blickte auf, weil Jean – Pierre das Café betreten und sich unserem Tisch genähert hatte, wird sich erholen.

Jean – Pierre F., Armand S. machte ich die beiden miteinander bekannt. Ach, Sie lesen den France Soir – ich hoffe, mit gebührender Vorsicht.

Wie meinen Sie das?

Es hat sich zum Sprachrohr der Regierung entwickelt

Ja – und…?

Damit verstummen alle anderen, möglicherweise kritischen Stimmen.

Meinen Sie nicht auch, dass wir zusammenhalten und – „in diesen kritischen Zeiten“, griff er die Schlagzeile auf -mit einer Stimme sprechen müssen, Frankreich…Sie wünschen? Robert stand neben Jean – Pierre und wartete auf die Bestellung.

Wie immer, sagte Jean- Pierre.

Ich weiß nicht, was Sie…ein Blick von Jean -- Pierre brachte ihn zum Schweigen.

Wenn Sie Wein trinken wollen, mischte sich Armand ein, empfehle ich einen…

Ich will einen türkischen Mokka – wie immer.

Monsieur, Robert hatte sich wieder gefangen und stand hoch aufgerichtet neben dem unbequemen Gast; um von oben herab zu verkünden: Diese Sorte von Getränken führen wir nicht.

Einen Moment war es still geworden auch die Gäste an den Tischen neben uns, aufmerksam geworden durch den lautstark geführten Wortwechsel, hatten ihre Gespräche eingestellt und blickten zu uns.

Monsieur Verduc! Ignorierte Jean – Pierre den Ober. Monsieur Verduc, rief Jean-Pierre mit lauter Stimme.

Ja? Monsieur Verduc, ein schwergewichtiger Franzose aus der Gascogne eilte herbei. Monsieur F., er streifte Robert mit einem strafenden Blick, Sie wünschen?

Einen Mokka, wie immer, türkisch, er ließ die Bezeichnung auf der Zunge zergehen… und instruieren Sie Ihre Bedienung…

Ja, der Gast ist König, sehr wohl. Sie haben gehört, wandte er sich an Robert.

Ein Pärchen am Nebentisch klatschte, die anderen Gäste wirkten konsterniert.

Meinen Sie nicht, dass wir uns hüten müssen, in ein provinzielles Nirwana abzugleiten? Die Welt ist immer komplexer geworden – wie reagieren wir? Indem wir immer mehr vereinfachen – ja, die Tendenz, wie wir die Probleme behandeln, wie wir Lösungen finden…Das sollte uns Angst machen.

Armand, der bisher dem Wortwechsel stillschweigend, ja betroffen gefolgt war, atmete, wie es schien, erleichtert auf und lachte: Warum sollte jemand Angst haben, wenn er, lassen Sie mich dies biblisch sagen, reinen Herzens ist?

Sie meinen: Wenn er Originalfranzose ist?! Was sagen Sie den Bretonen, Gascognern, den Elsass – Lothringern…? Meinen Sie nicht, dass uns hin und wieder eine Auffrischung, spitzte er die Meinungsverschiedenheit zu, gut tut, ehe wir an Inzucht zugrundegehen?

Das ist Aberglauben, er richtete sich auf, Ihr Vertrauen an eine nicht artgerechte…Auffrischung - Ja, wollen Sie…befürworten Sie wirklich die Überfremdung? Er richtete sich auf: Wir dürfen uns nicht verlieren! Die Entscheidung des Nationalparlaments für den Ausnahmezustand sorgt vor!

Was sagen Sie? wandte er sich an mich.

Im bürgerlichen Kalender gibt es, zierte ich mich, Prioritäten. Wie wollen sie dem Mythos der Französischen Revolution begegnen, was ihm entgegensetzen?

Worauf wollen Sie hinaus?

Als unantastbar galten die Parolen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Parolen! Ein Gemeinschaftsglaube, wir waren eins…

…der bürgerliche Gemeinsinn endete…auf dem Schafott.

Wir, ich holte tief Luft, mir war dies Streitgespräch zuwider, ich wünschte mich fort! nein, ich meine nicht das Blutbad, sondern die Ungleichheit der Gleichheit! argumentierte Jean- Pierre und lehnte sich zurück.

Die Franzosen waren frei und gleich– alle! Wir waren damals, präzisierte Armand, als er wahrnahm, wie unzufrieden ich mit seiner Behauptung war, unter uns. Wir, das Volk, haben uns durchgesetzt mit unseren Zielen…

Und dabei, Jean – Pierre lachte, die eine Hälfte des „Volkes“ vergessen.

Wir haben die Standesgrenzen verwischt…aufgehoben

…und die Frauen im Stich gelassen! Die Ständegesellschaft wurde abgelöst durch die Geschlechterherrschaft!

Die Gäste am Nebentisch hatten ihre Rechnung bezahlt, zugleich hatte sich Unruhe ausgebreitet, eine heftige Diskussion war entstanden, in deren Verlauf sich ein Gast erhoben hatte und an unseren Tisch trat und – Jean -Pierre ins Gesicht spuckte und ihm Verräter! zuzischte. Ich war in einer ersten Reaktion aufgesprungen, um den Unruhestifter zur Rechenschaft zu ziehen – nein, nicht dass ich handgreiflich werden wollte, aber…er musste meine Unentschlossenheit bemerkt haben; tatsächlich war ich mir unschlüssig, wie ich diese Beleidigung! ahnden wollte, sollte; der Übeltäter lachte mir ins Gesicht: Feigling! das Opfer blieb merk-würdig gelassen, zu Armand gewandt, sagte er: Das Volk hat gesprochen! Ich setzte mich wieder.

Monsieur Verduc war herbeigeeilt, um zu schlichten - nein, besorgt um den Ruf seines Cafés, den Streit zu verlagern.

Meine Herren, Ihre Auseinandersetzung, er rang die Hände, tragen Sie bitte vor der Tür aus!

Ist gut, Verduc, die Herren ziehen es vor zu gehen. Tatsächlich verließen die vier Männer, ohne uns noch eines Blickes zu würdigen, das Café.

Sie sehen, wohin Volksdemokratie - direkte Demokratie führt. Das Volk, zitierte er, ist gemeingefährlich.

Ich habe nicht behauptet, dass der ewige Frieden einziehen wird

…nein, lachte Jean – Pierre, kaum sind die einen weg, fallen die anderen…

Ein Donnerschlag ließ das Haus in seinen Grundfesten erzittern, ein Kronleuchter löste sich von der Decke und zerklirrte auf dem Boden…

… übereinander her! Sie wollen gehen?

Robert hatte auf Geheiß von Verduc die Eingangstür geöffnet, Polizeisirenen ertönten und Einsatzfahrzeuge fuhren an dem Café vorbei, kurze Zeit später bremsten sie, um, nahm ich an, Jean – Pierre äußerte den Verdacht, wenige Meter weiter vor einem großen Gebäude, in dem das Parteibüro der Sozialisten untergebracht war, anzuhalten.

Seien Sie vorsichtig! Ein beißender Brandgeruch reizte die Schleimhäute, er hustete. An der Tür musste ich mich an Robert vorbeidrängen, der neugierig, den Eingang versperrte. Ausräuchern soll man die Bande! Ich nickte ihm zu, verstand aber nicht, wen er damit meinte.

Ich musste die Stelle, an der die Bombe hochgegangen war, passieren, war aber angehalten, da Krankenwagen, Feuerwehr und andere Einsatzwagen das Trottoir versperrten, die Straßenseite zu wechseln. Schaulustige erschwerten das ungehinderte Weiter-gehen, so dass ich gezwungen war, mehrmals innezuhalten und dabei das ganze Malheur in Augenschein zu nehmen. Das Ladenbüro war zerstört, aus dem Eingangsbereich quollen Rauchschwaden hervor, Sanitäter trugen Verletzte auf Bahren zu den Krankenwagen. Dass das noch jemand überlebt hat, wunderte sich ein Mann neben mir. Das sind Sozialisten, die sollen alle zum Teufel gehen, schimpfte ein anderer Mann. Aber man kann doch nicht…Wir stehen am Vorabend einer Revolution…Wir befinden uns mittendrin!

Vor einem Gebäude, wenige Häuserzeilen entfernt, parkten mehrere Mannschaftswagen der Polizei – Hilfsschergen, die man in eine Uniform gepresst hat! Und die nun junge Männer und Frauen aus den Häusern zerrten und in die Mannschaftswagen schubsten. Linke, das sind alles Linke! räsonierte eine Frau hinter mir. Ich drehte mich um. Ha, das waren Nordafrikaner, sehen Sie! Eine Gruppe von Afr. – Franzosen stolperten mit erhobenen Händen auf die Straße, unter ihnen auch Frauen. Eine der Frauen, die sich umgeblickt hatte, ich erstarrte, Véronique! wurde mit einem Gewehrkolben gestoßen, dass Sie in die Knie sackte, Handzettel fielen ihr aus den Händen, sie versuchte aufzustehen, drohte aber wieder, auf den Boden zu sinken. Ich war hinzugeeilt, nahm sie in die Arme und war ihr behilflich, sich wieder aufzurichten. Du solltest lieber wieder gehen, flüsterte sie mir zu. In diesem Moment spürte ich den Schlag. Ich torkelte ein paar Schritte, nur nicht hin-fallen…

Den nehmen wir mit! Ich wurde, kaum konnte ich mich auf den Beinen halten, unsanft gegen die Ladefläche des Transporters gestoßen und gezwungen, diese zu besteigen. Du hättest dich nicht einmischen sollen, sagte Véronique, als sich, nachdem die Hecktür zugeschlagen war, der Wagen in Bewegung setzte. Ich werde mich beschweren und Anzeige erstatten! rief ich. Véronique konnte sich trotz des Schmerzes eines Lächelns nicht erwehren. Du kennst den Spruch: Mitgefangen, mitgefangen. Du musst nachweisen, dass du nicht zu uns gehörst.

Ich versteh nicht, was soll das?

Wir haben eine Aktion gegen die willkürliche Abschiebung von… ja, Franzosen, die anderer Hautfarbe sind, einer anderen Glaubensgemeinschaft angehören, sie reichte mir einen Handzettel, den sie retten konnte, deren Vorfahren nicht in Frankreich geboren wurden…Sie wurde ruhiger und blickte mich an. Ich gebe zu, ich konnte mich einer unangenehmen Regung, nicht verschließen, das Wort Aktion löste, nein, keine Panik, aber den Verdacht aus, dass Unruhe gestiftet, es „notfalls“ zu ungesetzlichen Handlungen kommen würde – im gleichen Moment ertappte ich mich, dass ich, Vermutungen nachgebend, Verdacht schöpfte – und Vorurteilen in meinem Denken Platz einräumte. Ich schämte mich meiner „bürgerlichen“ Denkweise.

Was ist? Zweifelst du an der Berechtigung unserer Aktion?

Nein, keine Sekunde, beeilte ich mich, zu antworten.

Wenn der Staat, versuchte Véronique, die meine Zweifel spürte, seiner eigenen Verfassung untreu wird, dann müssen wir, die Bürger dieses Gemeinwesens, uns wehren.

Wie soll das aussehen, wollte ich sagen, nickte aber stattdessen ergeben. Wir wollen demonstrieren, Handzettel verteilen, um die Bürger aufzuklären und dann…

Dann…?

Ja, dann wollen wir die Redaktion des France Soor besetzen, mit den Redakteuren ins Gespräch kommen…

Wir wollen sie aufklären und überzeugen! fiel ihr ein Nebenmann ins Wort, und zwingt, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen

…naiv, entfuhr es mir. Aber das konnte niemand hören, denn plötzlich hatte einer der jungen Leute zu singen begonnen, die anderen stimmten mit Nein, auch Véronique: ein algerisches Widerstandslied gegen die französische Fremdherrschaft. Ich erkannte es sofort. Es erklang, obwohl es auf dem Index stand, „damals“, unvermutet im Gedränge der durch die Gassen flanierenden Menge. Ich gebe zu, ein von unbestimmter Furcht und abenteuerlichem Reiz getragenes Gefühl des maghrebinischen Unabhängigkeitskampfes, in der Jugend die Sehnsucht nach et-was Unbekanntem, ein taufrisches Kokettieren mit Gefahr, das in der verführerischen Melodik des Gesangs lauerte.

Zugleich dämpfte der von höchster Stelle und von wie viel mitgetragenen Appellen an den Patriotismus ein Verstehen können des berechtigten Widerstands gegen die koloniale Fremdherrschaft, der heraufbeschworene „nationale Einheitsgedanke“ die berechtigte Sehnsucht nach Unabhängigkeit, der Heimat…

Véronique lächelte mich an, während sie sang. Ich zwang mich, ihr Lächeln zu erwidern.

Ruhe! Hören Sie auf! Eine Lautsprecherstimme versuchte durchzudringen und schaltete die französische Nationalhymne ein, die Sänger ihrerseits sich dagegen zu behaupten, mir dröhnten die Ohren, dann wurde der Lautsprecher in der Fahrerkabine auf höchste Lautstärke eigestellt und in das Wageninnere geleitet, so dass die französische Nationalhymne, nur noch als Lärmwaffe entstellt und missbraucht, ich musste mir die Ohren zuhalten, den verzweifelt dagegen aufbegehrenden Gesang der Insassen übertönte. Lärm kann Schmerzen verursachen, die gepeinigten Gefangenen, auch ich schloss mich dem Widerstandskampf an, wir begannen zu randalieren, klopften gegen die Fahrerkabine und die Wagenwände – als der Wagen scharf bremste und plötzlich wieder anfuhr, purzelten wir durcheinander. Wenig später, wir hatten uns kaum aufgerichtet, kam das Fahrzeug zum Stehen, die Tür wurde aufgerissen und ein Offizier einer gefürchteten Sondereinheit forderte uns auf, wobei er seinen Worten Nach-druck verlieh und mit einer Pistole herumfuchtelte, aus dem Wagen zu steigen –wer folgte nicht allzu gerne dieser Aufforderung? endlich den Folterkäfig verlassen zu können, wir stolperten, noch unsicher auf den Beinen durch einen Gang, nein, ein Spalier, das von uniformierten Hilfskräften gebildet wurde, die uns auf ihre Art einen Willkommensgruß angedeihen ließen…Sie haben Recht, es war ein Spießrutenlaufen. Ein jeder der kurzfristig und freiwillig in die Uniform geschlüpften Schergen gab einem inneren– legitimierten – Bedürfnis nach, auf uns, die wir wie der Wahl zwischen Skylla und Charybdis hilflos ausgeliefert waren, einzuprügeln. Sie machten dabei keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen: Ich hatte versucht, mein Gesicht zu schützen, unglücklicherweise hatte ich meine Brille, die ich gelegentlich trug, aufbehalten, sie wurde mir vom Gesicht gerissen, bei dem Versuch, sie vom Boden aufzuheben, wurde ich geschubst und getreten, dass ich der Länge nach zu liegen kam und im Gekreisch und Lachen der Schergen zum Fußabtreter der mir nachfolgenden Verhafteten wurde, die geschubst und vorangetrieben nicht anhalten oder ausweichen konnten. Jemand versuchte, mir zu helfen und mich aufzurichten. Ich erkannte Véronique, die jetzt ihrerseits ausgesuchtes Zielobjekt der Schlägerbande wurde. Ein noch sehr jugendlich wirkendes Kerlchen in der Uniform eines Unteroffiziers, ich sah den Schlag kommen, der sie mitten ins Gesicht traf und, schien es mir, einen Blutsturz verursachte, reflexhaft hielt ich dagegen, d.h. mit der letzten mir noch verbliebenen Kraft stoppte ich den nach wie vor auf Véronique ein-schlagenden Büttel, indem ich ihm ein paar Fausthiebe versetzte, die ihn, das konnte ich noch sehen, zurücktaumeln ließen. Dann, ich wurde Freiwild eines fessellos agierenden Mobs, verließe mich meine Sinne.

Ich weiß nicht, waren es Stunden, Tage? wann ich wieder zu mir kam; ich fand mich bei dem Versuch, die Augen zu öffnen, ein Blinzeln, gebettet, nein, eng eingepresst auf einer Pritsche, die ich mit Mohammed, warum Mohammed? teilte, inmitten einer überfüllten Zelle. Ein gleichbleibendes Geräusch miteinander diskutierender Mitinsassen hatte beinah etwas Beruhigendes. Ich fühlte mich, uneinigeren der Schmerzen, über deren Herkunft ich keine Gewissheit hatte, geborgen. Ich schloss die Augen, oh-ne sagen zu können, ob ich sie überhaupt geöffnet hatte, ich sank, hatte ich das Gefühl, ich tauchte tief…

Jemand beugte sich über mich. Ich glaube, er wacht auf, hörte ich noch halb im Unterbewusstsein, Véronique? fragte ich. Véronique! lachte ein Mithäftling. Er denkt, er ist im Hotel. Sei still, hörte ich noch, er ist verletzt, dann drehte sich alles in mir, ich fiel in ein tiefes Loch. Stunden, Tage? später wachte ich auf, fremde Laute umschwirrten mich, mein Bettnachbar hatte gewechselt, ein dunkelhäutiger Franzose, ein Neger, lag, nein, saß auf der Pritsche und erzählte, wie es zu seiner Festnahme kam. Ich hatte das Hammelfleisch, um Couscous…und er predigte sein Couscousrezept herunter, ehe er von einem Mithäftling unterbrochen wurde.

Irgendjemand, ein Kollege? Hatte mich angezeigt, ich weiß nicht, was ich verbrochen habe, ich bin hier geboren…seit der Hetzrede von Chirac ist alles anders geworden. Ich arbeite und falle niemandem zur Last. Ich versuchte mich aufzurichten und dachte an das Ministerium für Identität. Wer entscheidet darüber, wer ein echter Franzose ist?

Ein echter Franzose macht keinen Lärm und er, der Redner hielt sich die Nase zu, stinkt nicht. Ich fiel in das Lachen der anderen ein und bemerkte auf einmal den Schmerz, den diese einfache Lebensäußerung hervorrief. Ha! Dein Nachbar lebt! Mein Versuch, mich aufzurichten, misslang. Ahmed, mein Bettnachbar, stützte mich, so dass ich zum Sitzen kam. Nun erst bemerkte ich, dass die Besetzung gewechselt hatte. Wo sind die…? Warum seid ihr hier? verbesserte ich mich. Ich merkte zu spät, dass ich eine Mine losgetreten hatte. Erst lachten alle, dann redeten alle durcheinander. Ich erinnere mich noch, dass ich heraushören konnte, wie es zu den Verhaftungen kam; grundlos, meist handelte es sich, wenn sie Arbeit hatten, um prekär Beschäftigte, Bagatellfälle, mein Ausweis ist abgelaufen, ich hatte Streit mit meinen Nachbarn, ich, ich hatte mein Fahrzeug falsch geparkt, ich habe die Straße bei Rot überquert, willkürlich, sollte, wollte man den Angaben, nein, den Versicherungen der Häftlinge glauben.

Und du. Warum bist du hier?

Ich gebe zu, die Deuterei störte, widerte mich an…allerdings außerordentliche Umstände erzwingen eine außerordentliche „Haltung“, wer? Ich habe einer Freundin, die von Polizisten geschlagen wurde, helfen wollen.

Er versuchte, eine Gefangene zu befreien. Wie heißt du? Ich nannte meinen Namen. Wie dumm, lachte er und erntete Beifall, muss man sein, sich auf eine Auseinandersetzung mit diesen paramilitärischen Banden einzulassen.

Ihr seid, empörte ich mich, aus nichtigem Anlass verhaftet worden…

Das wird sich aufklären!

…ein Vorwand! Ihr seid hier, weil ihr afrikanischer Herkunft seid.

Ein Rassist! Er packte mich an der Gurgel, ich schnappte nach Luft und wäre wohl erstickt, wenn sich nicht ein Wärter in diesem Moment die Zellentür geöffnet hätte und ein Offizier mit schwerbewaffneter Begleitung, das Gewehr im Anschlag, meinen Namen gerufen hätte. Nun! wiederholte er drohend.

Du bist gemeint, sagte mein Vergewaltiger und versetzte mir einen Stoß, dass ich meinen Rettern entgegentorkelte.

Du heißt? Und er wiederholte meinen Namen, eine Verballhornung von... Ja, stieß ich hervor, so nennen mich meine Freunde.

Wir werden sehen. Führt ihn ab! Und damit schloss der Wärter die Zellentür, gegen die nun meine Mitgefangenen mit ihren Fäusten dagegen trommelten.

Danke, wer könnte nicht verstehen, wie erleichtert, ach, das Leben wurde mir wiedergeschenkt, ich den Offizier anstrahlte, dass Sie mich hier herausholen! Der Offizier starrte mich an, dann lachte er.

Das wird sich zeigen.

Ich meine…

Geh schneller! forderte er mich auf. Ich spürte den Hieb auf meinen Rücken. Ich versuchte, uneins mit meinen Gedanken, was ge-schieht –mit mir hier - meine Schritte zu beschleunigen, soweit die Schmerzen dies zuließen, ich drohte jeden Augenblick zusammenzubrechen, wurde aber unsanft zum Weitergehen – gehen? gedrängt, ich stolperte meiner Freiheit, irgendwann muss sich doch alles aufklären lassen, entgegen. Ich hatte nie gedacht, dass dieses Gebäude so viele Räume beherbergte, wir passierten eine Tür nach der anderen, Uniformierte, die vor dem Offizier Haltung annahmen, andere, ebenfalls Offiziere, grüßten kurz, dann wieder, Zivilisten kamen uns entgegen – ich weiß nicht, wie ich diesen Marsch überstanden habe, die Knie wankten.

Vor einer Tür hieß uns der Oberst anhalten, während er sie öffnete, kurz Meldung machte, nein, er bereitet keinen Ärger, hörte ich ihn sagen, dann wurde ich in den Raum gestoßen, der Offizier mit seinen Begleitern machte kehrt und schloss die Tür. Ich lehnte mich an die Wand und blickte mich um, eine Sitzgelegenheit war nicht zu sehen – nur die beiden Männer, von denen der eine, er lag fast, die Beine auf dem Schreibtisch, in seinem Armlehnestuhl und rauchte, sein Kollege durchstöberte ein Bündel Unterlagen, die auf seinem Schreibtisch lagen, hob dann, das Telefon klingelte, den Hörer ab, Bourdin, ja, der…ist hier, ja, bringen Sie das…Flittchen!

Na, dann können wir ja anfangen, sagte der Raucher und setzte sich aufrecht in seinen Stuhl. Ihr Name, fragte er, ohne mich anzublicken. Ich nannte meinen Namen. Sie wohnen…ich nannte meine Adresse. Geburtsjahr? Ich nannte mein Geburtsjahr. Geburtsort? Braunschweig…er starrte mich an. Brain…Wo liegt das? In Deutschland, Allemagne. Interessant, sagte er zu seinem Kollegen, der lachte und sich Notizen machte. Sie sind Ausländer? Nein, mein Vater ist, war Franzose, meine Mutter war eine Deutsche…Sie haben die französische Staatsangehörigkeit? Ja, natürlich. Dann zeigen Sie mir Ihre Papiere! Ich habe meine Papiere nicht bei mir. Der Amtsrat starrte mich an, dann, er beugte sich zu mir, du dürftest dich gar nicht auf der Straße bewegen. Weißt du, er duzte mich jetzt, was man in Allemagne mit dir machen würde? Ich schüttelte den Kopf. Ich werde es dir sagen: Sie würden dich in ein Arbeitslager stecken.

Die Polizei hat bei einer Kontrolle meine Papiere einbehalten.

Hast du gehört? sagte er zu seinem Kollegen. Die Polizei hat seine Papiere eingezogen, er ließ das Wort genüsslich auf seiner Zunge zergehen. Ich will gar nicht, sein Kollege hatte ihm Unterlagen herübergeschoben, er studierte sie kurz, nach dem Grund fragen… Und dann wagt er sich ohne Ausweis auf die Straße!

Was bist du von Beruf? Er musste mein Zögern, ich hatte diese Frage befürchtet, bemerkt haben. Hast du überhaupt einen Beruf?

Ich bin Reiseschriftsteller.

Er ist…hörst du? Wandte er sich wieder an seinen Kollegen. Ja, lachte dieser. In diesem Augenblick ging die Tür auf, jemand, eine Frau wurde hereingestoßen: Véronique, wie sah sie aus, ich schrie auf. Das Gesicht war, ich konnte sie kaum erkennen, von Schlägen entstellt.

So, du hast dich, las er, der Festnahme widersetzt?

Ich weiß nicht, warum ich verhaftet und geschlagen worden bin. Ich konnte sehen, welche Mühe jedes einzelne Wort sie kostete.

Sie weiß nicht, wandte er sich an seinen Kollegen, der auflachte, warum sie verhaftet und, wieder zu Véronique, was sagst du? geschlagen worden bist du?

Véronique antwortete nicht.

Sie sehen doch, empörte ich mich, wie man sie zugerichtet hat.

Hast du gehört, was dieser Kretin gesagt hat? Ich erhielt unversehens einen Schlag in die Bauchgegend, dass ich mich krümmte und nach Luft schnappte.

Ja, das ist deine Komplizin. Sie steht schon lange auf unserer Fahndungsliste. Endlich konnten wir sie verhaften, und du, er stand drohend vor mir, hast die Festnahme behindern wollen und versucht, sie zu befreien. Weißt du, was wir mit solchen Widerständlern gegen die Staatsgewalt, er zog die Worte in die Länge, machst?

Ich konnte dem ersten Schlag ausweichen, der zweite, Véronique schrie auf, erwischte mich voll, ich schwankte und musste mich an dem Stuhl festhalten.

Das machen Sie nicht noch einmal! stieß ich, meiner Sinne nicht mächtig, voller Wut heraus.

Was?! mein Peiniger holte zu einem neuen gezielten Schlag aus. Ich reagierte reflexhaft und, es war nicht schwer, mein Gegner vernachlässigte, warum sollte er auch darauf achten? seine Deckung, schlug geradewegs zu, und so war der Hieb, der ihn mit voller Wucht ins Gesicht traf, kein Meisterschlag, aber wirkungsvoll. Er wankte, drehte sich und setzte sich auf den Boden. Véro-Niue erstarrte, ich atmete schwer, ich konnte es nicht fassen, dass ich zum Schlag ausgeholt und zugeschlagen hatte, auch der Kollege blieb einen Moment gebannt auf seinem Stuhl sitzen, ehe er Anstalten traf, sich auf mich zu stürzen. In diesem Moment öffnete sich die Tür.

Halt! gebot eine Stimme, die mir bekannt vorkam, was geht hier vor?

Der Inhaftierte randaliert, er hat meinen Kollegen niedergeschlagen.

Sie haben, was? Armand schaute mich ungläubig an. Auch ich war noch gezeichnet von den Schlägen, die ich in den letzten Tagen erhalten hatte. Und warum ist sie hier, er wies auf Véronique, Hat sie euch auch geschlagen? spottete er.

Sie, Bourdin war inzwischen auf seinen Platz zurückgekehrt, verkehrt mit dem nordafrikanischen Gesindel wir wissen ja, was die vorhaben!

Können Sie mir Ihren Ausweis zeigen? sagte, nein bat er Véronique.

Den hat man mir abgenommen.

Geben Sie mir den Ausweis dieser jungen Frau, forderte er die beiden Beamten auf.

Denn brauchen wir für die Verhandlung, wies er das Ansinnen zurück.

Bitte? sagte Armand. Es klang wie eine Drohung, die beiden Beamten zuckten zusammen. Bourdin reichte ihm den Ausweis, der auf seinem Tisch gelegen hatte. Armand blätterte in dem Ausweis und blickte dann auf Véronique. Sie sind Französin, noch Studen-tin und eine Bekannte von…? Véronique nickte. Er blickte mich an, dann fragte er weiter: Wer hat Sie so zugerichtet? Die… Véronique versagte die Stimme, sie musste sich festhalten. Hier haben Sie Ihren Ausweis wieder.

Und Sie, sein Ton war schärfer geworden, Sie stellen meinem Bekannten und seiner Begleitung, ich habe gesagt, seiner Begleitung auch! einen Passierschein aus.

Damit, zu uns gewandt, kommen Sie unbehelligt nach Hause – und ins Café, lächelte er. Ach nein, sagte er, ich lasse Ihnen ein Taxi rufen.

Haben Sie gehört, forderte er die Beamten auf, wir brauchen ein Taxi.

Die beiden Beamten blickten sich an, wagten aber nicht zu widersprechen. Boarding hob den Hörer des Telefons ab, wählte eine Nummer und bestellte ein Taxi, indes sein Kollege die Passierscheine bearbeitete und ihn uns dann aushändigte.