Björn - Eckhard Duhme - E-Book

Björn E-Book

Eckhard Duhme

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Beschreibung

Der Roman spielt in einer Zeit, in der es weder PC noch Handy, i-Phone oder Play-Station, nicht einmal schnurlose Telefone gegeben hat. Interessant ist das Leben in der Zeit trotzdem gewesen - oder gerade deshalb? Geschildert wird, wie das Leben eines Jugendlichen in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen ist. Es ist aber kein Jugendbuch, sondern ein "Roman als Zeitgeschichte". Björn, 1947 geboren, sorgt als Kind auf einem Betriebshof für reichlich Aufregung; er fällt in eine Grube, fährt mit dem Fahrrad vor einen LKW, verursacht eine Gasexplosion. Auf seiner ersten Party lernt er mit 16 Jahren Manuela kennen. Für beide entwickelt sich die "erste Liebe". Sie endet nach zwei Jahren, weil Björn, evangelisch, aus familiären Gründen Probleme darin sieht, dass sie katholisch ist. Der entstehende Liebeskummer bereitet ihm ziemlich große Probleme. Während einer Ferienarbeit muss er sich Annäherungsversuchen von Susanne erwehren. Dann flirtet Björn einige Zeit heftig mit Claudia. Als Schüler erlebt er Höhen und Tiefen, sogar den Tod eines Klassenkameraden. Mit einer Jugendgruppe fährt Björn nach Frankreich. Dort kommt es zu mehr oder weniger amüsanten Geschichten mit Andrea. Recht merkwürdig verläuft der Eignungstest für die Bundeswehr, bei der Björn sich für zwei Jahr verpflichtet. Was ihm in der Zeit alles passiert, ist alleine schon Stoff für einen Roman. Erinnert wird im Laufe des Romans an besondere Ereignisse jener Zeit, z.B. Mord an J.F.Kennedy, Wunder von Lengede, Tod von Benno Ohnesorg, Che Guevara, Auftritt der Beatles in Hamburg, Gründung der Fußball-Bundesliga, James-Bond-Filme) - ein "Roman als Zeitgeschichte".

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1061

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Eckhard Duhme ist 1947 im westfälischen Hagen geboren und dort aufgewachsen. Nach dem Abitur ist er in Hamburg und Schleswig – Holstein bei der Bundeswehr gewesen. Danach hat er in Münster Jura studiert. Die Referendarzeit hat er in Bielefeld, Datteln und Münster absolviert. Das zweite Staatsexamen hat er beim OLG Hamm bestanden. Dann hat er 35 Jahre in einem Chemiekonzern in leitenden Funktionen gearbeitet. Im Berufsleben hat er unzählige Texte verfasst. Oft ist ihm lobend gesagt worden: „Sie könnten auch Schriftsteller sein.“ Das ist er seit 2010 als Rentner. Schreiben ist für ihn ein unterhaltsames und spannendes Hobby: „Wenn meine Texte auch anderen Menschen Freude bereiten, ist die aufgewendete Zeit sinnvoll gewesen.“

Zunächst hat er Urlaubserlebnisse mit dem Titel „Mir passiert so etwas doch nicht“ als eine amüsante Urlaubslektüre verfasst, privat drucken lassen und dem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis zu lesen gegeben. Die positiven Rückmeldungen haben ihn ermutigt, seinen Roman „Björn“ zu veröffentlichen. Darin hat der Autor Autobiografisches, frei Erfundenes und „Ereignisse aus aller Welt“ schriftstellerisch geschickt miteinander verknüpft. Beim Lesen „lebt und leidet“ man mit Björn

Eckhard Duhme

B j ö r n

© 2012

Eckhard Duhme

Verlag:

tredition GmbH, Hamburg

Umschlaggestaltung:

tredition GmbH, Eckhard Duhme

ISBN:

978-3-8472-8729-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

1.  Kapitel    Hugos Mittelball

2.  Kapitel    Bettinas Geburtstagsfeier

3.  Kapitel    Treffen mit Manuela

4.  Kapitel    Ferienarbeit

5.  Kapitel    Brief aus Österreich

6.  Kapitel    Susanne Lehmkuhl

7.  Kapitel    Urlaub mit den Eltern

8.  Kapitel    Treffen im Stadtpark

9.  Kapitel    Rückblende

10. Kapitel    Tanztee bei Siebenhühners

11. Kapitel    Schule

12. Kapitel    Jahreswechsel

13. Kapitel    Manuelas Geburtstagsfeier

14. Kapitel    Einladung zum Essen

15. Kapitel    Klassenfahrt nach London

16. Kapitel    Probleme, Probleme

17. Kapitel    Tod eines Klassenkameraden

18. Kapitel    Es geht vorwärts

19. Kapitel    Claudia Wohlgemuth

20. Kapitel    Ferien in Boulogne sur Mer

21. Kapitel    Die Bundeswehr meldet sich

22. Kapitel    Silberhochzeit der Eltern

23. Kapitel    Abitur

24. Kapitel    Grundausbildung

25. Kapitel    Gefreiter

26. Kapitel    Fahnenjunkerlehrgang

27. Kapitel    Fahnenjunker

28. Kapitel    Fähnrich

Kapitel 1    Hugos Mittelball

Es war Freitag, 22. März 1963, 20:47 Uhr. Björn saß an seinem Schreibtisch und versuchte, eine Hausaufgabe in Mathematik zu lösen. Es klingelte. „Nanu, wer kommt denn jetzt noch zu uns?“ dachte Björn, ging zur Wohnungstür und betätigte den Öffner für die Haustür. Björn wohnte mit seinen Eltern im ersten Stock eines zweistöckigen Hauses. Im Parterre waren Büroräume, darüber wohnte Familie Metzger, in der zweiten Etage Ehepaar Krause. Wilhelm Metzger, Björns Vater, leitete ein Transportunternehmen. Die Wohnung war für ihn ideal, brauchte er zur Arbeit doch nur eine Treppe hinunter zu gehen. Mittags nutzte er diesen Vorteil der Wohnung zu einem kurzen, erholsamen Schlaf von etwa zehn Minuten. Vater Metzger konnte sich hinlegen, sofort einschlafen und nach zehn Minuten wachwerden, ohne dass ihn jemand wecken musste. Die Wohnung hatte für die Beschäftigten den Nachteil, dass der Chef morgens der erste und abends der letzte im Betrieb war; er hatte seine Augen überall und erledigte auch samstags noch jede Menge Arbeit. Er arbeitete keine 40, keine 45, sondern meist 50 – 60 Stunden/Woche. Oft klingelte das Telefon auch noch abends oder sonntags.

Björn hörte, dass die Haustür aufgedrückt wurde und schaute gespannt ins Treppenhaus. Hugo Baum kam die Treppe hoch. „N’Abend Hugo, na, das ist aber eine Überraschung, komm rein!“ „Guten Abend Björn, ich hoffe, ich störe nicht zu sehr am Freitagabend, aber, wie Du Dir jetzt sicher schon denken kannst, habe ich ein Problem. Mein Onkel ist heute gestorben. Ich habe morgen Abend Mittelball, aber dann trifft sich unsere Familie. Du hast doch im vergangenen Jahr die Tanzschule besucht und gehst noch hin und wieder sonntags dorthin zum Tanztee. Kannst Du morgen Abend für mich einspringen, damit meine Tanzpartnerin nicht alleine ist? Ich würde Dich hinfahren und auch wieder abholen, mein Vater gibt mir dafür sein Auto.“ Hugo war achtzehn Jahre alt und hatte vor Kurzem den Führerschein gemacht. Für den Anfängerkurs in der Tanzschule war er eigentlich schon zu alt, aber seine Eltern hatten ihn vorher nicht gelassen, er sollte sich erst einmal auf die Schule konzentrieren. Jetzt mit achtzehn Jahren durfte er zum Tanzkurs. Oder musste er dorthin? Man wurde erst mit einundzwanzig Jahren volljährig, mit achtzehn Jahren hatte man noch den Eltern zu gehorchen. Hugo wurde sehr streng erzogen. Den Führerschein hatte er machen dürfen oder müssen, um seinen Vater fahren zu können, wenn der alkoholbedingt nicht mehr fahrtüchtig war; das ergab sich bei ihm manchmal berufsbedingt, wenn er zu Geschäftsessen eingeladen wurde. Dafür musste Hugo nun aber abends fast immer auf Abruf zu Hause bleiben, er durfte nur selten selber ausgehen; jetzt zum Mittelball hätte er mal die Chance gehabt. Hugo und Björn kannten sich, weil sie beide im CVJM und in der Jugend der evangelischen Kirchengemeinde in Eckesey tätig waren. Eckesey war ein Ortsteil vom westfälischen Hagen, das am Rande des Ruhrgebietes lag und mit dem Slogan „Tor zum Sauerland“ Werbung machte. Hagen war 1928 zur Großstadt geworden, als die Einwohnerzahl die 100000 erreichte; 1963 lebten in Hagen über 200000 Menschen. Eckesey war zu der Zeit von einem großen Stahlwerk geprägt, also eine Arbeitersiedlung. Björn, sechzehn Jahre alt, wohnte mit seinen Eltern seit 1949 dort. Er war Sportfan, spielte im CVJM Handball und Tischtennis, interessierte sich für fast alle Sportarten, ging auch ganz gerne tanzen und war allgemein als netter Junge bekannt. Als solcher musste er Hugo natürlich helfen. „Moment, ich klär das mal eben mit meinen Eltern“, machte er Hugo schon mal Hoffnung. Björn ging ins Wohnzimmer und erzählte den Eltern, was los war. „Kein Problem“, kam er schnell zurück. „Wann holst Du mich morgen ab?“ „Das geht um 19:30 Uhr los. Wir sollten am besten einige Minuten früher dort sein, um die Tanzlehrer und meine Partnerin zu informieren. Wir fahren etwa fünfzehn Minuten, also bin ich um 19:00 Uhr hier“, schlug Hugo vor. Er war froh, sein Problem gelöst zu haben und verabschiedete sich. Björn benötigte noch einige Zeit für die Mathematikaufgabe, dann packte er die Schultasche für den nächsten Morgen. Samstags war bis 12:25 Uhr Schule. Als Björn im Bett lag, dachte er: „Wie wird Hugos Tanzpartnerin wohl aussehen? Hugo ist ja etwas füllig und schüchtern, die schönste Kursteilnehmerin wird er ganz gewiss nicht abbekommen haben. Na, egal, erstens musste ihm geholfen werden, zweitens ist es nur für einen Abend und drittens werden noch mehrere Mädchen mit am Tisch sitzen.“

Hugo kam am Samstag pünktlich um 19:00 Uhr. „Das geht bis ca. 22:30 Uhr, ich werde also gegen 23:00 Uhr zu Hause sein“, verabschiedete sich Björn von den Eltern. Als er im VW 1200, Baujahr 1959, Platz genommen hatte, fragte er Hugo: „Wie heißt Deine Partnerin eigentlich?“ „Veronika Bauer, ist blond, ca. 1,65 groß, nicht ganz schlank, aber auch nicht dick, man kann sich ganz gut mit ihr unterhalten.“ „Hast Du eine Karte für irgendwelche Pflichttänze, die zu absolvieren sind?“ „Nee, das wird doch erst beim Abschlussball gemacht; aber die Truppe, mit der Du am Tisch sitzen wirst, ist nett. Es wird allerdings schon erwartet, dass man mit allen Tischdamen mal tanzt, aber das kennst Du ja aus Deinem Kurs. Du wirst damit auch gar keine Schwierigkeiten haben, da Du doch schon den vollen Kurs absolviert und dann noch getanzt hast.“ Hugo war weiterhin froh und dankbar, dass Björn ihn vertrat. Wie vorausberechnet benötigten sie etwa fünfzehn Minuten Fahrzeit. Der Mittelball der Tanzschule Siebenhühner fand traditionell im Parkhaus der Stadt Hagen statt. Das Parkhaus war kein Abstellplatz für Autos, sondern ein großes Restaurant im Stadtpark. Es lag idyllisch etwas oberhalb der Stadtmitte und wurde gerne für größere Veranstaltungen genutzt, so auch für Mittel- und Abschlussbälle der Tanzschule. Hugo parkte den VW auf dem zugehörigen Parkplatz, von dem aus man noch etwa 250 Meter durch eine Baumallee zum Parkhaus gehen musste. Alle Fenster des Hauses waren hell erleuchtet. In Scharen und natürlich etwas aufgeregt kamen die am Ball teilnehmenden Mädchen und Jungen dorthin; die meisten wurden von den Eltern zum Parkplatz gebracht. Die Autotüren knallten. „Um 22:30 Uhr sind wir wieder hier“, bekamen die Kinder mit auf den Weg gegeben.

Das Ehepaar Siebenhühner, das Tanzlehrerpaar, begrüßte jeden am Eingang. Es stutzte kurz, als Björn kam, den sie ja auch kannten. Nachdem Hugo das Kommen von Björn erklärt hatte, fanden sie es ganz toll, dass er aushalf. „Veronika ist schon im Saal“, sagte Herr Siebenhühner. Björn bewunderte das Können des Paares, sich jeweils alle Namen der Kursteilnehmer merken zu können. „Wir müssen zum Tisch 7“, sagte Hugo. „Sieben? Das hört sich gut an – die 7 ist meine Glückszahl, da kann nichts mehr schiefgehen und außerdem ist heute der 21.“, bemerkte Björn. Sie drängelten sich durch eine plappernde Menge der Teilnehmer und fanden nach kurzer Suche den Tisch 7. Veronika stand auf, als sie Hugo sah. Björn fand Hugos Beschreibung bestätigt: blond, ca. 1,65 groß, nicht ganz schlank, aber auch nicht dick. Veronika wunderte sich ein wenig, dass Hugo nicht festlich gekleidet war. Und wer war das an seiner Seite? „Hallo Veronika, ich möchte Dir Björn Metzger vorstellen. Er soll heute Dein Tanzpartner sein. Mein Onkel ist gestern gestorben und gleich um 20:00 Uhr trifft sich unsere Familie. Björn hat vor einem Jahr den Tanzkurs gemacht. Siebenhühners wissen Bescheid. Ich hoffe, Du bist auch einverstanden.“ „Das ist ja lieb von Dir, dass Du mir noch einen Partner für heute besorgt hast. Ja klar bin ich einverstanden und herzliches Beileid.“ Björn und Veronika gaben sich die Hand. „Hallo Veronika, hallo Björn“. „So, ich muss dann los“, verabschiedete sich Hugo. „Ich wünsche Euch viel Vergnügen, bin um 22:30 Uhr wieder am Parkplatz.“Inzwischen waren die drei anderen Tischpaare eingetroffen. Veronika erklärte die Situation und Björn begrüßte alle. Erleichtert stellte er fest, dass auf dem Tisch Namensschilder standen, denn es war nicht seine Stärke, sich schnell Namen zu merken. Bettina, die ihm gegenüber saß, sah ganz reizend aus; sie hatte allerdings nur Augen für ihren Partner Jürgen. Veronika war gespannt, wie Björn tanzen konnte. „Der sieht ja viel sportlicher als Hugo aus“, dachte sie. Björn informierte die Tischpartner, wo er wohnte und dass er Schüler der Obersekunda des städtischen Knabengymnasiums war. „Ich lese gerne“, sagte Veronika. „Ich weniger“, erwiderte Björn, „ich treibe lieber Sport.“ „Was denn?“ Handball und Tischtennis“. „Nur so zum Spaß oder richtig ernsthaft?“ „Im CVJM, dort aber ernsthaft, mit Training und Meisterschaftsspielen.“ Im CVJM, dann bist Du evangelisch?“ „Ja, bin ich, aber kein fleißiger Kirchgänger.“ „Ich bin auch evangelisch, muss jeden Sonntag mit meiner Mutter zum Gottesdienst.“ „Das hat bei mir nach der Konfirmation stark nachgelassen. Bis dahin war ich Pastors Liebling. Ich hatte sogar mal die Idee, selber Pastor zu werden, aber mein vier Jahre älterer Bruder erklärte mich für verrückt, da ich dann am Sonntag morgens nicht mehr zum Handball auf den Sportplatz gehen könnte; das war ein total überzeugendes Argument.“

Ehepaar Siebenhühner meldete sich per Mikrofon zu Wort, begrüßte nochmals alle und startete das Programm. Am Anfang sollten alle mit langsamem Walzer auf die Tanzfläche. Danach wurden zwei Gruppen gebildet, Tische 1-4 und 5-8, die nacheinander ihr Können zeigen sollten. So war mehr Platz zum Tanzen da und die Tanzlehrer konnten die Paare besser beobachten. „Und denkt daran“, sagte Herr Siebenhühner, „dass ihr bei den Tänzen jeweils Partnerwechsel vornehmt; wir haben ja bewusst vier Paare pro Tisch gewählt. Nach den Pflichttänzen habt Ihr Pause und wir bieten ein kleines Showprogramm. Danach ist freies Tanzen, ganz nach Eurem Belieben. Und los geht’s!“ Nach den ersten Schritten des langsamen Walzers war Veronika glücklich, dass Björn ihr Partner war. Er tanzte deutlich eleganter als Hugo und führte dabei so gekonnt; sie strahlte ihn an. Upps, da trat er ihr auf den Fuß. „Oh, sorry“, war es Björn etwas peinlich. „Ach, das war doch meine Schuld“, hielt Veronika dagegen. „Was ist denn Dein Lieblingstanz?“ fragte sie. „Mhm, kommt darauf an, wann und wo. Bei solch einer Veranstaltung der langsame Walzer, beim freien Tanzen der Foxtrott und wenn es etwas gemütlicher wird der Blues.“ „Ich tanze am liebsten Tango.“ „Den mag ich leider am wenigsten, da komme ich regelmäßig aus dem Takt. Cha-Cha-Cha geht auch ganz gut.“ Aus den Lautsprechern war Herr Siebenhühner zu hören:“Vor-seit-ranrück-seit-ran, ja, gut so.“ Als der Tanz zu Ende war und die Paare zu den Tischen zurückgingen, setzten sich am Tisch 7 sechs junge Leute hin. Björn hingegen blieb stehen, rückte Veronikas Stuhl zurecht und ließ sie Platz nehmen, erst danach setzte er sich selber. Veronika errötete, für die anderen wurde Björns Verhalten sofort zum Thema. „Hey, alte Schule, was?“ „Ha, nehmt Euch mal ein Beispiel daran“, nickte Bettina von gegenüber. „Äh, habe vergessen, dass es hier erst Mittelball ist, solch ein Verhalten wird noch bis zum Abschlussball gelernt“, sagte Björn, „aber wir können das an unserem Tisch heute ja schon mal üben, das sorgt dann bestimmt im ganzen Saal für Gesprächsstoff.“ „Gute Idee“, befand Bettina, die anscheinend Meinungsbildnerin am Tisch war. „Also, meine Herren, denkt gleich daran!“ ermunterte sie die Runde. Veronika fand Björn immer interessanter. Wieder war Herr Siebenhühner zu hören:“So, jetzt Tische 1-4 auf die Tanzfläche, wir fangen mit Foxtrott an.“ Björn tanzte, wenn Tisch 7 an der Reihe war, Foxtrott und Tango mit Veronika, Cha-Cha-Cha und langsamen Walzer mit Bettina, Blues und Rumba mit Ursula, Wiener Walzer wieder mit Veronika. Während der Tänze gab Herr Siebenhühner Unterstützung per Mikrofon. Beim Tango war Björn froh, ihn zu hören: „Schritt, Schritt, Wiegeschritt und rück, seit, ran.“ Und Tisch 7 machte tatsächlich auf sich aufmerksam, indem dort die Jungs jedes Mal den Mädchen beim Aufstehen und Hinsetzen die Stühle parat stellten. Auch Ehepaar Siebenhühner, das seine Augen überall hatte, stellte Besonderheiten an Tisch 7 fest. Plötzlich tönte am Ende eines Tanzes aus den Lautsprechern: „Und jetzt schauen wir alle mal in Richtung Tisch 7, dort drüben am Fenster, da wird uns heute schon gezeigt, wie wir uns alle beim Abschlussball verhalten werden.“ Unter den Augen aller funktionierte das Paratstellen der Stühle für die Mädchen vorbildlich. Tisch 7 erhielt Applaus, auf den mit fröhlichem Händewinken reagiert wurde. Björn hatte also Recht gehabt, man hatte für Gesprächsstoff gesorgt. Die Jungs am Tisch befanden allerdings: „Das war ja ganz geckig, aber es reicht jetzt!“ Die Mädchen maulten. Björn schlug vor, dass zur Abwechslung mal die Mädchen den Jungen beim Stühlerücken behilflich sein sollten. Darüber wurde lebhaft und kichernd diskutiert. Schließlich einigte man sich, das wäre bei „Damenwahl“ angemessen.

Als alle Pflichttänze absolviert waren, meldete sich wieder Herr Siebenhühner. „So, wir machen jetzt 15 Minuten Pause, dann zeigen meine Frau und ich drei Tänze aus unserem Programm für die deutschen Meisterschaften, danach spielt die Kapelle zwei Stücke und ab etwa 21:00 Uhr ist freies Tanzen angesagt.“ Dieses Mal warteten die Mädchen an Tisch 7 nicht auf Aktionen ihrer Partner, sondern standen fast gleichzeitig auf, um sich auf den Weg zur Toilette zu machen. Björn sagte noch: „Ich gehe mal raus an die frische Luft.“ Da allgemeines Gedränge auf den Gängen herrschte, dauerte es etwas, bis er draußen war. Ja, das tat gut. „Na, ging doch ganz gut bis jetzt, 50 % des Auftrages sind schon erledigt“, dachte er. Er ging ein paar Meter auf der Baumallee Richtung Parkplatz. Plötzlich tippte jemand auf seine Schulter: „Hallo, so alleine?“ Es war Veronika, sie strahlte ihn an. „Hey, schon frisch gepudert?“ lächelte Björn zurück. „Iwo, bei der Damentoilette war es viel zu voll. Sollen wir dort den kleinen Weg um das Parkhaus herumgehen?“ Bevor Björn etwas sagen konnte, hakte Veronika sich bei ihm ein und ging los. „Veronika, der Lenz ist da“, kam es Björn in den Sinn und überlegte krampfhaft, worüber sie sich jetzt unterhalten könnten. „Huch, hier ist es aber etwas kühl“, äußerte Veronika und rückte noch näher an Björn heran. „Na, komm, dass Du Dich nicht erkältest“, reagierte Björn und legte seinen Arm um ihre Schulter. Sie war selig. Ein eng umschlungenes Pärchen kam ihnen entgegen, Bettina und Jürgen. „Guten Abend“, grüßte Björn schmunzelnd und dachte: „Schade, mit der würde ich jetzt auch gerne eng umschlungen gehen.“ „Hast Du eine Freundin?“ fragte Veronika plötzlich. „Nichts Festes“, antwortete Björn, „ich treffe mich öfter in einem Freundeskreis, zu dem auch ein paar Mädchen gehören.“ „Ich habe keinen Freund, so wie Bettina zum Beispiel, die ist total in Jürgen verknallt. Tanzen wir gleich?“ „Dazu bin ja wohl hier. Wir müssen gleich sowieso wieder rein gehen“, war Björn froh, dass der kleine Rundgang zu Ende war, und er nahm seinen Arm von Veronikas Schulter. „Ich gehe jetzt mal eben schnell zur Toilette“, verabschiedete sie sich. „Gute Idee“, dachte Björn und nutzte ebenfalls diese Gelegenheit. Er war aber vor Veronika wieder am Tisch 7. Als sie kam, stand er auf und rückte ihren Stuhl zurecht; sie strahlte ihn an.

Das Ehepaar Siebenhühner demonstrierte, dass es zu den besten Turniertänzern in Deutschland gehörte; ihre Schüler spendeten tosenden Applaus. Wie angekündigt, zeigte danach die Kapelle ihr Können - mit Beatles-Melodien. Die Stimmung im Saal stieg und wurde immer lockerer. Dann war wieder Herr Siebenhühner zu hören: „Die Tanzfläche gehört Euch. Damit jetzt gleich viele hier zu sehen sind, beginnen wir mit Damenwahl!“ Mehrere Mädchen jubilierten laut, einige Jungen stöhnten auf. An Tisch 7 standen die Mädchen wie auf Kommando auf, traten hinter die Stühle ihrer Partner und sagten: „Darf ich bitten?!“ Wie vorhin besprochen, waren die Mädchen beim Stühlerücken der Jungen behilflich. Es konnte also keiner einen Korb geben, die von Tisch 7 waren mit die ersten auf der Tanzfläche. Die Kapelle spielte einen Foxtrott. Na, den konnte Björn gut, hatte ihn ja auch schon als Pflichttanz mit Veronika absolviert. Dieses Mal war Veronika aber viel entspannter als bei der Pflicht; sie schaute nicht mehr auf ihre Füße, sondern unentwegt in Björns Gesicht. Er lächelte ihr einige Male zu, achtete aber hauptsächlich darauf, dass sie mit keinem anderen Paar zusammenstießen. „Herrlich, wie sicher er führt“, war Veronika begeistert. Das dachte sie auch beim folgenden Tango, obwohl Björn dabei längst nicht so sicher tanzte, aber das bemerkte Veronika nicht, da sie ihn nur noch anhimmelte. Beim langsamen Walzer war sie sich sicher: „Den Björn muss ich mir angeln!“ Sie hätte gerne weitergetanzt, aber nach den drei Tänzen gab es eine Pause. An Tisch 7 wurden ein paar Mädchen an ihre Aufgabe erinnert, den Jungen beim Hinsetzen behilflich zu sein. Bettina und Veronika taten es gerne. Ursula stellte fest: „So, das war es jetzt.“ Darauf konterte Bernd: „Ja, auch mit der Damenwahl!“ Björn überlegte: „Die nächsten drei Tänze nochmal mit Veronika und dann versuche ich, ob ich nicht doch noch mit Bettina anbändeln kann.“ Die drei Tänze, Cha-Cha-Cha, Rumba, langsamer Walzer, schaffte er problemlos, aber die Hoffnung auf Kontakt zu Bettina, die musste er vergessen, sie hatte nur Augen für ihren Jürgen. Trotzdem hatte Björn dann ein wenig Glück, indem Bernd Veronika zum Tanz aufforderte, als seine Partnerin Ursula zur Toilette war. Es wurde eine Twist-Serie gespielt und Björn freute sich, dass er sich ausruhen konnte, zumindest solange, bis Ursula zum Tisch zurückkam. Natürlich fühlte er sich verpflichtet, sie aufs Parkett zu führen, aber da war immerhin die Hälfte der Serie schon vorbei. Da nach dem Twisten alle ziemlich geschwitzt waren, wurde eine etwas längere Tanzpause eingelegt. Herr Siebenhühner kündigte dann an: „So, wir machen noch zwei Dreierserien, Cha-Cha-Cha, Tango, Wiener Walzer, Pause und zum Schluss Rumba, langsamer Walzer, Blues.“ Veronika fragte Björn vorsorglich: „Tanzt Du die mit mir?“ „Klar doch, hätte Hugo ja auch gemacht“, kam die Antwort. „Na, an Hugo musstest Du mich jetzt nicht unbedingt erinnern“, dachte Veronika, hatte ihn aber spätestens beim Blues wieder vergessen, insbesondere, als Björn beim letzten Tanz die artige Tanzhaltung aufgab, beide Hände auf ihrem Rücken nach unten gleiten ließ, sie ihn umarmte und beide Wange an Wange tanzten. Veronika schloss die Augen und war selig. „So, das war’s für heute“, beendete Herr Siebenhühner das inzwischen allgemein vorherrschende Tête-à-tête. „Uns hat der Abend gefallen, Ihr seid richtig gut gewesen. Hoffentlich seht Ihr das auch so. Wir treffen uns nach den Sommerferien zu den gewohnten Übungsstunden – bis dahin alles Gute!“ Es gab nochmal kräftigen Beifall, dann an den Tischen das Händeschütteln zum Abschied und gruppenweise ging es zum Ausgang. Auf der Baumallee kuschelte sich Veronika an Björn und meinte: „Huch, jetzt ist es hier aber dunkel.“ Bettina und Jürgen vor ihnen blieben stehen und küssten sich. Veronika stoppte auch, aber Björn hatte die ihn rettende Idee: „Ich glaube, da vorne steht Hugo schon. Du wirst von Deinen Eltern abgeholt?“ Veronika war schlagartig aus ihren Träumen gerissen. „Ja, die sind bestimmt auch schon da. Es war schön mit Dir heute Abend, nochmals vielen Dank, dass Du eingesprungen bist.“ Und dann gab sie ihm ganz schnell doch noch ein Küsschen auf die Wange. Das nächste Stück Weg gingen sie stumm nebeneinander her. Tatsächlich stand Hugo gut sichtbar am Zugang zum Parkplatz. „Hallo, Ihr zwei, hat alles geklappt?“ „Ja, ganz prima, da hast Du wirklich einen guten Tänzer organisiert“, plapperte Veronika los. „Er hat nicht nur mich unterhalten, sondern für Stimmung am ganzen Tisch gesorgt; aber das kann er Dir gleich ja selber erzählen. Wir sehen uns dann nach den Sommerferien im Kurs. Tschüss Björn, vielleicht sieht man sich irgendwann irgendwo nochmal.“ „Wer weiß, vielleicht muss ich beim Schlussball wieder für jemanden einspringen“, entgegnete Björn und verabschiedete sich mit einem Lächeln und Händewinken. Auf der Fahrt nach Eckesey erzählte er Hugo von dem Stühlerücken an Tisch 7, auf das Herr Siebenhühner den ganzen Saal aufmerksam gemacht hatte. „Und wie fandest Du Veronika?“ wollte Hugo wissen. „Du, die ist nett, tanzt gut, Tango besser als ich, man kann sich auch gut mit ihr unterhalten, die solltest Du Dir in der ersten Stunde nach den Sommerferien gleich für den Schlussball reservieren.“ Um 22:55 Uhr war Björn zu Hause.

Kapitel 2    Bettinas Geburtstagsparty

Montag, 20.05.1963, 13:47 Uhr, Björn kam von der Schule nach Hause. „Da ist Post für Dich“, sagte seine Mutter. „Für mich? Von wem denn?“ „Keine Ahnung, es ist kein Absender drauf und ich habe den Brief natürlich nicht aufgemacht, da er an Dich adressiert ist. Der Schrift nach könnte der Brief von einem Mädchen kommen.“ „Von einem Mädchen? Quatsch! Aber ja, Du hast Recht, die Schrift sieht nach weiblichem Schönschreiben aus.“ Björn öffnete den Umschlag. Zum Vorschein kam:

Einladung

Ich möchte Dich, auch im Namen meiner Eltern,

hiermit zu meiner Geburtstagsparty

am Samstag, dem 22.06.1963, ab 19:30 Uhr,

herzlich einladen.

Bitte ruf an, ob Du teilnimmst.

Bettina Fuhrmann

5800 Hagen, Beethovenstr. 3, Tel.: 73550

„Bettina Fuhrmann, Bettina Fuhrmann? Kenne ich nicht“, staunte Björn. „Na, mein Sohn, sollte ich da etwas wissen oder nicht wissen?“ fragte seine Mutter. „Nee, ehrlich, ich kenne keine Bettina Fuhrmann“. Björn grübelte, kam aber nicht weiter. Plötzlich, beim Essen, fiel ihm ein, dass ihm bei dem Mittelball, an dem er für Hugo Baum teilgenommen hatte, eine hübsche Bettina gegenüber gesessen hatte. „Ja, doch, die hieß Bettina Fuhrmann. Na, das ist ja ein Ding, dass die mich einlädt. Sollte sie ihren Jürgen aufgegeben und sich an mich erinnert haben?“ sinnierte Björn. „Frag heute Abend mal Deinen Bruder, ob er Zeit hat, Dich dorthin zu fahren und nachts abzuholen. Wenn Du bei der Bettina anrufst, frag, bis wann die Party denn gehen soll“, fing Björns Mutter schon mit organisatorischen Überlegungen an. Das bedeutete zugleich, dass sie mit seiner Teilnahme einverstanden war. Als Kai, Björns vier Jahre älterer Bruder, nach Hause kam, wurde er sofort angesprochen: „Hey, ich bin übernächsten Samstag zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Fährst Du mich?“ „Hallo, Bruderherz, geht es bei Dir jetzt auch mit Partys los? Glückwunsch! Übernächsten Samstag, wann denn genau?“ „Start um 19:30 Uhr, Ende muss ich noch erfragen.“ Ich bin an dem Samstag um 20:00 Uhr eingeladen, also 19:30 Uhr ist schon mal kein Problem, ich fahr Dich hin. Und das Abholen kriegen wir bestimmt auch irgendwie geregelt. Allerdings mache ich das nur, wenn Du mir dann erzählst, wie es war.“ „Mal abwarten, wie es so läuft, Du hast mir von Deinen Partys ja auch nicht immer viel erzählt.“ „Na hör mal, ich bin vier Jahre älter, da gibt es schon noch Unterschiede.“ Björn erinnerte sich, dass Kai einmal eine Party zu Hause gefeiert hatte und die Eltern so großzügig waren, mit ihm, Björn, an dem Abend zum Kartenspielen in die Nachbarschaft zu gehen, so dass die Party ohne elterliche Aufsicht stattfinden konnte. Björn war damals dreizehn Jahre alt. Er wusste zwar nicht, wie so eine Party ablief, aber als die Eltern sich mit ihm auf den Heimweg machten, rannte er instinktiv los, um vor den Eltern an der Haustür zu sein und schellte dort zigmal „Alarm“. Kai war ihm dafür sehr dankbar, denn in Sekundenschnelle wurden Blusen und Hemden zugeknöpft, Sofakissen gerichtet, Lippenstiftspuren in Gesichtern abgewischt. Als die Eltern in die Wohnung kamen, fanden sie dort nett tanzende Paare vor. Björn erinnerte sich jetzt, dass Kai ihm mal von den hektischen Aktivitäten nach seinem Klingeln erzählt hatte. Was vorher abgelaufen war, hatte Kai ihm aber nicht anvertraut. Na, in wenigen Tagen würde er nun selber erfahren, was unter „Party“ zu verstehen war.

Am Abend rief er bei Fuhrmanns an. Bettina war gleich selber am Telefon. „Björn Metzger, Du hast mir eine Einladung zu Deiner Geburtstagsparty geschickt.“ „Hallo Björn, ich hoffe, Du erinnerst Dich, wir hatten beim Mittelball zusammen am Tisch 7 gesessen. Einige der Tischtruppe und einige andere kommen zu meiner Party, kannst Du auch kommen?“ „Ja, gerne! Wie hast Du denn meine Adresse rausgefunden?“ „Och, kleine Detektivarbeit, Dein Name war bekannt, Du hattest erzählt, dass Du in Eckesey wohnst, na, im Telefonbuch geblättert, fertig, so schwer war das nicht.“ „Meine Eltern möchten noch wissen, bis wann etwa die Feier gehen wird?“ „Bis circa 24:00 Uhr, meine Eltern machen dann Fahrdienst.“ „Hört sich gut an, vielleicht holt mein Bruder mich auch ab. Hast Du einen besonderen Geburtstagswunsch?“ „Mein Wunsch war, eine Party feiern zu dürfen, der wird mir ja nun schon erfüllt. Komm und sei so gut gelaunt wie damals beim Mittelball, dann freue ich mich.“ „Na denn, bis zum 22.!“

Am 22.06.1963 wurde Björn von Kai in dessen Fiat 500 zur Party gefahren. „Wenn es heißt, dass es ab 19:30 Uhr los gehen soll, dann kommt man so etwa fünfzehn Minuten später“, erklärte Kai seinem Bruder. Björn vermutete zwar, dass die Viertelstunde Verzögerung durch Kais eigene Verabredung um 20:00 Uhr bedingt war, aber er war ja froh, dass Kai ihn fuhr und auch versprochen hatte, ihn gegen 24:00 Uhr abzuholen. Verständlicherweise war Björn ein wenig aufgeregt – erste Partyteilnahme, Einladung von der schönen Bettina, was würde der Abend wohl bringen? In den letzten Tagen zuvor war die Party ein Hauptgesprächsthema bei Familie Metzger gewesen. „Was ziehe ich denn an? Was nehme ich als Geschenk mit? Fährt Kai mich wirklich?“ „Du musst für die Mutter einen Blumenstrauß haben.“ Das Kleidungsproblem wurde gelöst, indem Björn den Anzug anzog, den er beim Mittelball getragen hatte. Er tauschte allerdings die Krawatte gegen ein Halstuch, das lockerer saß und so auch wirken sollte. Als Geschenk hatte er eine Beatles-Schallplatte gekauft, in Erinnerung daran, dass beim Mittelball in der Pause nach den Pflichttänzen von der Kapelle Beatles-Melodien gespielt worden waren und die an Tisch 7 großen Anklang gefunden hatten. Björns Mutter besorgte für Bettinas Mutter einen Strauß Nelken. Björn zweifelte, ob es richtig wäre, einen Blumenstrauß mitzunehmen, aber seine Eltern bestanden darauf, dass sich das gehörte. So stand er nun mit Schallplatte und Nelkenstrauß in der Hand an der Haustür Beethovenstraße 35. Es war die schwere Eichenholztür eines großen Einfamilienhauses. Dort in der Beethovenstraße standen nur Einfamilienhäuser. Es war, wie man sagte, eine gute Wohngegend, also etwas anderes als die Mehrfamilienhäuser in Eckesey in der Nähe eines Stahlwerkes. Björn atmete tief durch und klingelte. Die Frau, die die Tür öffnete, hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit Bettina, musste also ihre Mutter sein. „Guten Abend Frau Fuhrmann, ich bin Björn Metzger.“ „Hallo Björn, komm rein, die meisten sind schon da. Der Partyraum ist im Keller, es geht da die Treppe runter.“ „Hier, die Blumen sind für Sie.“ „Für mich? Ach, das ist aber nett, Dankeschön!“ „Meine Mutter meinte, Sie hätten bestimmt viel Arbeit mit der Party, es ist auch ein Gruß von ihr.“ „Deine Mutter kennt den Aufwand dann wohl? Na, es ist ja zu Bettinas Geburtstag, da mache ich das doch gerne; aber ich freue mich natürlich sehr über die Blumen, da bist Du bisher der einzige, der mir etwas mitgebracht hat.“ „Ha, dicken Pluspunkt bekommen“, dachte Björn, der ja noch hoffte, Bettina hätte ihn speziell als ihren Partner heute eingeladen.

Er nickte Frau Fuhrmann lächelnd zu und ging zur Kellertreppe. Mit jeder Stufe nahm der Lärmpegel aus dem Partyraum zu. Als Björn die Tür dazu aufmachte, stand als erster Bettinas Jürgen vor ihm – Pech gehabt. „Weshalb hat Bettina mich denn dann eingeladen?“ überlegte Björn etwas schockiert. Er sah sie und ging zu ihr: „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Hier, ich hoffe, Du hast das noch nicht.“ „Hey Björn, schön, dass Du gekommen bist. Was ist es denn?“ Björns Mutter hatte die Beatles-Platte natürlich noch mit Geschenkpapier eingepackt. „Mach auf“, sagte Björn, was Bettina auch sofort tat. „Beatles! Toll, nee, habe ich noch nicht, danke! Legen wir gleich auf. Du, da drüben freut sich schon jemand auf Dich.“ Björn schaute in die gezeigte Richtung und sah eine strahlende Veronika. Ach, so war er zu der Einladung gekommen. Wie heißt es in Goethes Faust: Das also ist des Pudels Kern. Na, die Party hatte Björn sich anders vorgestellt. Er ließ sich seine Enttäuschung aber nicht anmerken und ging lächelnd zu Veronika: „Das ist ja eine Überraschung! Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, weshalb ich hierher eingeladen worden bin, jetzt ist mir das klar.“ „Hallo Björn, ich freue mich, Dich zu sehen.“ „Wie geht es Dir? Hattet ihr schon Abschlussball?“ „Nein, der ist erst im Dezember, wir sind mitten im Programm. Mir geht es gut und Dir?“ „Bestens“, sagte Björn und dachte: „Bis vor zwei Minuten.“ „Hallo Björn“, begrüßte ihn in diesem Moment Bernd, der beim Mittelball rechts neben Veronika gesessen, mit ihr Twist getanzt und Björn so damals eine kleine Tanzpause verschafft hatte. „Ist Ursula auch hier?“ fragte Björn und wunderte sich, dass ihm der Name von Bernds Tanzpartnerin gerade in diesem Moment einfiel. „Ja, sie steht da hinten mit Barbara und Manuela.“ Björn kannte weder Barbara noch Manuela. Als er zu ihr hinblickte, zuckte er innerlich zusammen: Schulter langes, blondes, leicht gewelltes Haar, hübsches Gesicht, schlank, etwa 1,75 m groß - das war Björns Typ! „Moment“, sagte er zu Veronika, „ich begrüße mal eben die Mädels.“ Bevor Veronika irgendetwas sagen oder mitkommen konnte, war Björn schon unterwegs. „Guten Abend zusammen“, sprach er das Trio an und gab ihnen die Hand. Bei Barbara und Manuela stellte er sich vor: „Björn Metzger.“ Bevor Manuela antworten konnte, sagte Ursula schon: „Das ist der, der bei unserem Mittelball am Tisch für Stimmung gesorgt hatte, der mit dem Stuhlhalten beim Aufstehen und Hinsetzen, hatten wir Dir doch damals erzählt.“ „Du hörst, über Dich ist bei uns in der Klasse gesprochen worden“, lächelte Manuela. „Mhm, ein hübsches Lächeln“, registrierte Björn und fragte: „Ich hoffe doch nur Positives?“ „Klar“, meinte Ursula, „gibt es denn auch Negatives über Dich zu berichten?“ „Natürlich nicht“, befand Björn, „außer dass ich schlecht Tango tanze und mich wenig für Kunst und klassische Musik interessiere.“ „Wofür interessierst Du Dich denn?“ fragte Manuela. „Hauptsächlich für Sport und im Moment dafür, wie Du heißt.“ „Manuela Paulus“, lächelte sie wieder und dachte: „Mhm, ganz schön kess der Junge.“ Björn schaute zu Veronika und stellte zufrieden fest, dass sie im Gespräch mit Bettina war. „Und wofür interessierst Du Dich?“ fragte er Manuela. „Och, ich tanze gerne, gehe gerne spazieren, lese viel, bin gerne mit anderen zusammen.“ „Warst Du denn im März auch auf dem Mittelball? Ich habe Dich da nicht gesehen.“ „Nein, ich habe den Kurs vorher besucht.“ „Bist Du mit Deinem Tanzpartner hier?“ „Nein, ich bin eine Freundin von Bettina und ohne Partner hier. Du bist mit Veronika hier?“ „Eh, mit Veronika ist nicht ganz richtig, sondern wegen Veronika. Ich wusste gar nicht, dass sie hier ist und meine Einladung initiiert hat.“ Bevor Björn noch etwas sagen konnte, meldete sich Bettina per Mikrofon über die Lautsprecher: „Hallo Leute, ich möchte mich mal eben nochmals ganz herzlich für Euer Kommen bedanken und die Feier damit jetzt offiziell eröffnen. Hier im vorderen Raum ist die Tanzfläche, im hinteren Raum können wir sitzen. Von dort geht es durch die Tür in einen weiteren Raum, wo Essen und Getränke stehen. Leider haben wir hier unten keine Toilette, dafür muss man dann die Treppe nach oben nehmen und die Tür gleich links neben der Treppe. Damit ist das Wichtigste auch schon gesagt. Damit für uns hier jetzt sofort die richtige Stimmung aufkommt, hat Veronika vorgeschlagen, mit Blues zu beginnen. Na, dann mal los!“ Alle klatschten Beifall. Blues wurde aufgelegt; Björn sagte zu Manuela: „Darf ich bitten?“ Manuela errötete leicht und Veronika erblasste. Sie hatte doch an den letzten Blues beim Mittelball, als Björn und sie Wange an Wange getanzt hatten, anknüpfen wollen. Ungläubig schaute Veronika nochmals auf Björn und Manuela, die in bester Tanzschulhaltung mit dem Bluesschritt angefangen hatten. Björn vermied es dabei zunächst, Veronika zu sehen. Einige Zeit später stellte er zufrieden fest, dass sie auch noch einen Partner gefunden hatte. Mit Manuela tanzte es sich ganz wunderbar. Sie konzentrierten sich beide aufs Tanzen und unterhielten sich nicht. Manuela dachte: Der tanzt und führt richtig gut.

Die Party entwickelte sich für Björn nun hoch interessant; nicht Bettina, wie bei der Einladung gedacht, nicht Veronika, wie bei der Begrüßung angenommen, sondern Manuela wurde seine Partnerin des Abends. Von Tanz zu Tanz und Gespräch zu Gespräch kamen sie sich näher. Björn erfuhr, dass Manuela fünfzehn Jahre alt und katholisch war, in der Berghofstraße wohnte, drei jüngere Brüder und Schwierigkeiten in Mathematik hatte, sportlich interessiert und ohne festen Freund war. Was er allerdings nicht erfuhr, waren Manuelas Vorkenntnisse über ihn; sie sollte ihn an diesem Abend nämlich beobachten. Andrea, eine Klassenkameradin, hatte sie darum gebeten. Andrea war die Schwester der Freundin von Björns Bruder. Kai hatte ihr, Helga, erzählt, dass Björn zu seiner ersten Party eingeladen worden war. Helga hatte es Andrea erzählt; die hatte von der Party bei Bettina gehört und sie gefragt, ob ein Björn Metzger eingeladen wäre. Da Andrea zu Recht vermutete, dass Bettina viel beschäftigt sein und ansonsten nur Augen für ihren Jürgen haben würde, hatte sie sinnvollerweise Manuela auf Björn angesprochen:„Mein Schwager in spe möchte zu gerne wissen, wie sich sein kleiner Bruder bei der Party so verhält.“ An diesen ganz amüsant klingenden Auftrag dachte Manuela inzwischen aber längst nicht mehr, Björn war viel zu nett und interessant, um ihn auszuspionieren. Wie schön sich der Abend mit ihm entwickelte, würde von ihr niemand erfahren. Klar, es bestand das Risiko, dass andere über sie und Björns Verhalten auf der Party berichteten, über ihr eng aneinander geschmiegtes Tanzen, das Händchenhalten auf dem Sofa und schließlich das nicht enden wollende Küssen, aber andere waren den beiden an diesem Abend eh egal. Das Klatschrisiko war außerdem recht gering, weil sich im Laufe des Abends praktisch alle paarweise ähnlich verhielten; auch Veronika hatte bei einem Wolfgang Trost und neue Hoffnungen gefunden. Insgesamt verlief die Party aber recht sittsam, es gab kein Grabschen, kein Petting, keine geöffneten Knöpfe, nur schmuseliges Tanzen und zärtliches Küssen. Falls jemand an mehr gedacht hätte, so musste es unterbleiben, weil Frau Fuhrmann hin und wieder in den Raum kam, um Bowle oder Chips oder Brötchen oder Sonstiges zu bringen und sich dabei als Anstandsdame zu zeigen. Immerhin war sie so nett, jeweils vor ihrem Eintreten an die Tür zu klopfen, so dass küssende Paare noch schnell die Köpfe auseinander bekamen. Natürlich bemerkte Frau Fuhrmann, dass einige dann etwas verlegen rumsaßen, aber sie ließ sich nichts anmerken und schmunzelte nach Verlassen des Raumes darüber. „Ja, ja, die Kinder werden flügge“, berichtete sie ihrem Mann, „aber Bettina und ich haben noch alles im Griff.“ Bettina hatte ihren Eltern natürlich versprechen müssen, dass die Party anständig verlaufen würde. Mit engem Tanzen und intensivem Küssen hatte sie allerdings selber als erste angefangen, sie war schließlich schon längere Zeit in Jürgen verliebt. Björn hatte einige Zeit überlegt, wie er Manuela denn zum Küssen bringen könnte. Bruder Kai hatte ihn vor der Party in die Technik des Zungenkusses eingewiesen: „Mach mal ne Faust und halt den Handrücken an Deine Lippen gepresst. Jetzt streckst Du Deine Zunge raus und bewegst sie hoch und runter, nach rechts und nach links. Ja, gut so. Dann tust Du die Zunge wieder rein und saugst mit den Lippen an Deiner Faust. Das machst Du nun abwechselnd und übst es, bis Du das Gefühl hast, dass Du es gut kannst. Dein Handrücken ist beim richtigen Küssen dann der Frauenmund. Du musst dabei sanft vorgehen. Im Normalfall hält das Mädchen zunächst seine Lippen eng geschlossen, aber wenn Du ein paar Mal mit Deiner Zunge darüber gegangen bist, öffnet es seinen Mund und dann steckst Du ganz vorsichtig Deine Zunge hinein, so dass sich die Zungen berühren. Weiter geht es wie auf dem Handrücken, nach oben, nach unten, nach links, nach rechts. Du wirst merken, schon bald macht sie das genauso, und dann ergibt sich alles Weitere automatisch, das wirst Du schon merken.“ Björn war froh, einen so hilfreichen Ratschlag bekommen zu haben. Selbstverständlich hatte er intensiv küssen des Handrückens geübt, aber wie würde es jetzt beim richtigen Küssen sein? Zunächst hatte sich alles normal entwickelt, erst tanzen mit Tanzschulhaltung, dann enger aneinander getanzt, dann tiefes in die Augen sehen, Wange an Wange, Augen schließen, Glück empfinden, erst anständig nebeneinander sitzen, näher rücken, Händehalten, Arm um die Schulter legen, Manuelas Kopf an die Schulter legen lassen, ihre Wange vorsichtig streicheln. “Aber wie fange ich das mit dem Küssen an?“ überlegte Björn krampfhaft. Dann hatte er die Idee. „Wir tanzen so schön, wir sitzen hier so eng, dabei haben wir ja noch gar nicht auf Brüderschaft getrunken, das müssen wir jetzt aber mal schleunigst nachholen!“ Er stand auf und füllte ihre Gläser mit Bowle. Björn und Manuela hatten Herzflimmern, beide ahnten, wie es sich wohl entwickeln würde. Björn tat noch ganz locker. „Du kennst das doch sicher. Wir müssen nun die rechten Arme kreuzen und dann etwas trinken. Prost Manuela!“ „Prost Björn!“ Manuelas Hand zitterte etwas, sie nahm dann einen großen Schluck; auch Björn trank sich etwas Mut an. Sie zogen ihre Arme zurück und stellten die Gläser ab. „Und jetzt kommt noch der Kuss!“ sagte Björn und lächelte sie an. Manuela wollte ihn auf die Wange küssen, aber er führte seine Lippen an ihre. Manuela schloss die Augen, Björn nahm sie in den Arm und fing an, mit seiner Zunge ihre Lippen so zu berühren, wie er es geübt hatte. Und tatsächlich öffnete Manuela bald den Mund und ihre Zungen berührten sich, erst ganz vorsichtig, zärtlich, dann heftiger, sie umarmten sich dabei ganz feste. Beiden schwirrte der Kopf, beide hatten das bekannte Schmetterlingsflattern im Bauch. „Alles Weitere ergibt sich automatisch“, hatte Kai gesagt. Was er damit gemeint haben könnte, ahnte Björn jetzt, denn er bekam eine Erektion. In dem Moment klopfte Frau Fuhrmann an die Tür und kam nach kurzer Verzögerung in den Partyraum. Manuela und Björn waren es dieses Mal, die auseinanderstoben und etwas verlegen auf der Couch saßen. „Es ist halb Zwölf, in etwa einer halben Stunde macht Ihr dann bitte Schluss“, wandte sich Frau Fuhrmann an alle, nahm einige leer gegessene Schüsseln und ging wieder nach oben. „Na, dann ist wohl nochmal Bluestime“, sagte Bettina und legte eine Blues-Langspielplatte auf. Alle Pärchen kamen auf die Tanzfläche, alle tanzten eng umschlungen. Björn war erst etwas zögerlich, weil er nicht wusste, ob oder wie sehr Manuela seine Erregung spüren und wie sie darauf reagieren würde. Manuela schloss die Augen und wiegte ihren Körper im Bluesrhythmus eng an Björn. Als Björn sie wieder küsste, durchlief sie ein wohliger Schauer. „Komm, wir setzen uns nochmal hin“, flüsterte er ihr ins Ohr. Natürlich knutschen die zwei dann ganz verliebt. „Es war sehr schön mit Dir, toll, dass ich Dich hier getroffen habe“, sagte Björn und streichelte über ihre Wange. „Sollen wir uns für nächste Woche verabreden?“ „Ja, gerne“, strahlte Manuela ihn an, „wann und wo denn?“ „Mhm, ich habe Mittwochnachmittag Sport in der Schule, bin dann also in der City. Der Sport geht von 15:00 bis 16:30 Uhr, ca. 16:45 Uhr könnte ich bei Lazzarin sein.“ Lazzarin war ein bekannter Eissalon in der Hagener City. „Ja, das passt bei mir auch, Mittwochnachmittag ist gut!“ bestätigte Manuela den Termin. Während einige Paare noch tanzten, fing Manuela an, Gläser und Teller zusammenzustellen. „Ich gehe mal eben zur Toilette“, sagte Björn und ging nach oben. Er war heilfroh, urinieren und dabei Druck ablassen zu können. Bei einem Blick in den Spiegel stellte er fest, dass ein Schuss Wasser mit den Händen ins Gesicht angebracht war. Als er die Toilette verließ, traf er auf Frau Fuhrmann, die gerade zur Küche gehen wollte. „Na, war alles in Ordnung, hat es Dir gefallen?“ fragte Frau Fuhrmann. Björn antwortete ehrlich: „Das war meine erste Partyteilnahme, ich bin begeistert!“ „Das hört sich ja gut an“, schmunzelte Frau Fuhrmann und dachte sich, dass da etwas gefunkt hatte. „Seid Ihr dabei, zum Ende zu kommen?“ fragte sie. „Ja, es wird schon etwas aufgeräumt.“ „Das lasst mal, das machen Bettina und ich morgen in aller Ruhe. „Soll mein Mann Dich gleich nach Hause fahren?“ „Nein, danke, mein Bruder holt mich ab, der wird wohl gleich hier sein.“ Als Björn wieder in den Partyraum kam, herrschte dort schon Aufräum- und Aufbruchsstimmung. Björn ging zu Veronika und überraschte sie, indem er sie umarmte und ihr einen Kuss auf die Wange gab. „Danke, dass Du für meine Einladung heute Abend gesorgt hast“, erklärte er der irritierten Veronika. „Die Party hat sich für uns beide zwar völlig anders als erwartet entwickelt, für mich sehr schön, ich vermute aber, soweit ich es gesehen habe, für Dich auch nicht uninteressant.“ „Ja, da hast Du Recht, das hatte ich mir anders vorgestellt, war für mich allerdings tatsächlich in Ordnung so. Ich wundere mich jedoch, dass Du noch auf andere hast achten können“, schmunzelte sie. „Tschüss, vielleicht sieht man sich irgendwo nochmal“, lächelte Björn sie an. „Kann man ja nicht wissen“, erwiderte sie und dachte: „Ich werde Dich jedenfalls zu meiner Party demnächst nicht einladen.“ Tatsächlich liefen sie sich nie wieder über den Weg. Björn und Manuela gaben sich selbstverständlich noch einen ganz langen Abschiedskuss – bis zum Wiedersehen am Mittwoch würde es schließlich eine Ewigkeit dauern. Dann war allgemeines Händeschütteln angebracht; alle bestätigten Bettina, wie schön es bei ihr war. Manuela gehörte zu der Gruppe, die von Herrn Fuhrmann nach Hause gefahren wurde. Björn hatte überlegt, ob er Kai bitten sollte, Manuela zu fahren, den Gedanken aber schnell verworfen, weil zum einen der Fiat 500 reichlich eng für drei Personen war, und zum anderen musste Kai auch gar nicht erfahren, dass es da eine Manuela gegeben hatte. Björn wusste ja nicht, dass Kai die Teilnahme von Manuela an der Party bekannt war und er sogar davon ausging, durch sie über Björns Verhalten informiert zu werden. Kai wartete schon, als Björn aus dem Haus kam. „Na, Bruderherz, wie war es auf Deiner ersten Party?“ fragte er jovial. „Ja, ganz nett. Veronika, der Tanzpartnerin vom Mittelball, als ich für Hugo eingesprungen war, hatte ich die Einladung zu verdanken. Na, habe ich Dir damals ja erzählt, die war nicht mein Typ. Es waren aber noch jede Menge andere Mädels da, wie du soeben gesehen hast, da bin ich ganz gut durch den Abend gekommen, viel getanzt, gut gegessen, Bowle getrunken, war schon in Ordnung.“ „Und, mit keinem Mädchen in näheren Kontakt gekommen?“ wollte Kai wissen. „Nö, das lief alles recht harmlos ab, Frau Fuhrmann kam des Öfteren in den Raum, betrunken hat sich auch niemand; es war keine wilde Party, von der es was Besonderes zu erzählen gäbe.“ „Na, hört sich ziemlich langweilig an“, dachte Kai, „ich bin gespannt, ob ich über den Weg Manuela, Andrea, Helga anderes zu hören bekomme.“ Das bekam er nicht. Als Andrea am Montag in der Schule ganz gespannt Manuela nach dem Partyverlauf und Björn fragte, erhielt sie auch nichts sagende Antworten. „Ja, der Björn war ganz nett, der hat viel getanzt. Er war auf Initiative von einer Veronika dort, aber die zwei hatten nichts miteinander. Es war so ähnlich wie in der Tanzschule, bei den Tänzen wurden ständig die Partner gewechselt. Ich habe zwei- oder dreimal mit Björn getanzt, macht er ganz gut.“ Andrea, Helga und Kai waren sich danach einig, dass es eine öde Party gewesen sein musste.

Kapitel 3    Treffen mit Manuela

Am Mittwoch, dem 26.06.1963, an dem Tag, als der amerikanische Präsident John F. Kennedy in Berlin vor dem Schöneberger Rathaus sagte „Ich bin ein Berliner“, wartete Björn gegen 16:45 Uhr in der Kampstraße auf Manuela. In Höhe des Eissalons Lazzarin ging er die Straße auf und ab. Bei Lazzarin hatte er natürlich auch schon nachgesehen, ob Manuela dort saß, vergeblich. Es wurde 17:00 Uhr, 17:15 Uhr. Die Straßenbahnen Richtung Eckesey, Linien 4 und 5, fuhren alle zehn Minuten auf der Elberfelder Straße ab. „Ich warte bis 17:30 Uhr, wenn Manuela bis dahin nicht hier ist, nehme ich die Straßenbahn um 17:33 Uhr“, überlegte Björn, schon etwas genervt und enttäuscht. „Hat sie den Termin vergessen? Hat sie ihn gar nicht ernst genommen? Ist ihr etwas dazwischen gekommen? Durfte sie nicht raus?“ ging es ihm durch den Kopf. „Nicht ernst genommen? Nein, das kann nicht sein, so wie der Abend auf der Party verlaufen war“, machte Björn sich Mut. „Frauen kommen immer etwas verspätet“, hatte Bruder Kai mal gesagt. Es war 17:23 Uhr. Björn schaute die Kampstraße entlang – da kam Manuela im Eilschritt um die Ecke! Sie hatte ihren fünfjährigen Bruder an der Hand, der kaum Schritt halten konnte und den sie hinter sich herzog. Als sie Björn sah, atmete Manuela tief und erfreut durch. „Hallo, schön, dass Du noch hier bist!“ gab sie ihm die Hand. „Das ist Niklas.“ „Hallo Niklas“, begrüßte Björn ihn, doch auf die ihm gereichte Hand reagierte der nicht. „Ich bin geschwitzt, ich habe Durst“, sagte Niklas. Auch Manuela standen einige Schweißperlen auf der Stirn und ihr Gesicht war gerötet. Sie sagte: „Ich sollte eigentlich mit ihm zum Spielplatz gehen. Ohne ihn durfte ich nicht los. Es hat ziemlich lange gedauert, bis er soweit war. Ich habe zwar gehofft, aber nicht mehr recht geglaubt, dass wir Dich noch treffen. Wir sind gelaufen, so schnell Niklas konnte. Dabei habe ich dauernd vor mich hingesagt: Hoffentlich ist er noch da, hoffentlich ist er noch da. Niklas hat das für ein Spiel gehalten und nach einiger Zeit auch von sich gegeben: Hoffentlich ist er noch da, hoffentlich ist er noch da.“ „Ich habe Durst“, sagte Niklas jetzt. „Du bekommst gleich etwas zu trinken“, sagte Manuela, „wir haben unser Spiel ja gewonnen, hier der Björn, um den es dabei ging, ist noch da!“ „Hör mal, was hältst Du denn davon, Deinen Durst mit einem Eis zu löschen?“ fragte Björn. „Au, ja, toll, sonst darf ich fast nie Eis essen“, war Niklas von dem Vorschlag sehr angetan. „Das bleibt dann aber als Geheimnis unter uns“, nutzte Manuela die Chance, Niklas aufs Schweigen zu Hause einzustimmen. Björn hatte inzwischen überlegt, wie viel Geld er wohl noch hatte und war zu dem Ergebnis gekommen, dass nach dem Eisessen für drei Personen dann bis zum Monatsende nichts oder nicht mehr viel übrigbleiben würde. Egal, das war das Treffen hier doch wert! Sie gingen in den Eissalon. Ein Rundblick ergab, dass dort an den Tischen kein bekanntes Gesicht vorhanden war, also nochmals Glück gehabt. Sie setzten sich ganz hinten im Raum an die Wand. „Hast Du ein Lieblingseis?“ fragte Björn Niklas. „Ja, Schokolade und Banane!“ kam sofort die klare Ansage. „Und Du?“ wandte sich Björn an Manuela. „Ich möchte kein Eis“, antwortete sie, denn sie wollte nicht, dass er noch mehr Geld ausgeben musste. Die Bedienung kam. „Ich möchte Schokolade und Banane“, äußerte sich Niklas, bevor überhaupt nach Wünschen gefragt worden war. „Ist schon notiert“, schmunzelte die Bedienung. „Und wir zwei hätten gerne vier verschiedene Milcheissorten in einem Becher und zwei Löffel dazu“, gab Björn die weitere Bestellung auf. „Ja, gerne“, notierte die Bedienung wieder schmunzelnd. Manuela zwickte Björn unter dem Tisch ins Knie. „Hej, ich wollte doch nichts“, tat sie etwas empört, strahlte ihn dabei aber ganz verliebt an. Er nahm reaktionsschnell ihre Hand und hielt sie fest. „Entschuldige mal, wenn das hier Euer Geheimnis sein soll, dann musst Du doch auch etwas Eis essen, sonst gilt das nicht“, argumentierte er. „Genau, sonst gilt das nicht“, stimmte Niklas zu. „Tja, wenn das so ist, muss ich ja wohl mitmachen“, gab sich Manuela geschlagen. „Was meinst Du“, fragte sie ihren Bruder, „hat Björn dafür ein Küsschen verdient?“ „Nein, zwei, ihr seid doch zu zweit“, reagierte Björn wieder reaktionsschnell. „Ja, zwei“, stimmte Niklas zu. Manuela drückte Björns Hand und gab ihm einen Kuss auf die rechte Wange und einen auf die linke. Ihre Augen gaben dabei zu verstehen, wie verliebt sie war. „Was hast Du denn da in dem Beutel?“ wollte Niklas von Björn wissen. „Sportsachen, ich habe vorhin Sport gemacht.“ „Fußball?“ Nein Leichtathletik, Weitsprung und Kugelstoßen.“ „Ich mag am liebsten Fußball“, erklärte Niklas. „Ja, gefällt mir auch, aber ich spiele Handball“, erklärte Björn. In diesem Moment wurde das Eis gebracht. „Na dann, guten Appetit!“ sagte Björn und Niklas wiederholte Kopf nickend: „Guten Appetit!“ Manuela versorgte ihn noch schnell mit der Papierserviette und mahnte: „Schön vorsichtig beim Essen!“ Niklas nickte wieder. Er war dann so mit seinem Eis beschäftigt, dass er nicht beobachtete, wie sich Manuela und Björn gegenseitig mit ihrem Eis fütterten. Statt weiterer Unterhaltung gab es dabei Zwiegespräche verliebter Augen. Niklas schaffte sein Eis, ohne gekleckert zu haben. Als Manuela ihm mit der Serviette den Mund abwischen wollte, bekam sie zu hören: „Lass, kann ich selber!“ Und Niklas fuhr fort: „Ich muss mal. Ich weiß, wo hier das Klo ist, kann ich selber.“ Manuela schaute Björn fragend an, der nickte zustimmend. Bevor die zwei sich aber überhaupt äußern konnten, war Niklas schon von seinem Stuhl runter und marschierte Richtung Toilette. Manuela und Björn beobachteten noch, dass Niklas es schaffte, die Tür zum Durchgang zu öffnen, dann nutzten sie ihr Alleinsein zu einem innigen Kuss. Natürlich waren sie in dem Eissalon nicht alleine, aber all die anderen Gäste waren ihnen in diesem Moment des Glücks völlig egal. Nach dem Genuss des Kusses sagte Manuela: „Ich war ja so froh, als ich Dich gesehen habe, ich habe eigentlich nicht mehr damit gerechnet, dass Du so lange gewartet hast. Leider muss ich jetzt gleich auch schon wieder los, sonst fällt es auf, wie lange ich mit Niklas auf dem Spielplatz bin.“ „So, so, auf dem Spielplatz seid Ihr“, schmunzelte Björn. „Bist Du Dir sicher, dass Niklas nichts anderes erzählt?“ „Na, wir haben das Eis essen doch jetzt zur Geheimsache gemacht. Ich werde ihn nachher nochmals daran erinnern.“ „Wann können wir uns denn wieder treffen?“ fragte Björn. „Was ist mit Samstagnachmittag?“ schlug Manuela vor. „Nee, da kann ich nicht, da spiele ich Handball, geht es Sonntagnachmittag?“ „Vermutlich nicht, da machen wir in Familie, mit Kuchentafel und so.“ „Und Sonntagvormittag?“ „Da geht’s in die Kirche.“ „Mhm, hast Du ein eigenes Zimmer?“ „Ja, warum?“ Liegt das zur Straße oder nach hinten raus?“ „Zur Straße.“ „Na, dann klappt das vielleicht. In der Nähe von Euch wohnt ein Klassenkamerad von mir. Ich könnte am Montagnachmittag ja mit dem Fahrrad zu ihm fahren und auf der Fahrt durch die Berghofstraße kommen. Ich habe an meinem Fahrrad eine ganz laute Klingel. Die ist am Vorderrad angebracht, ich betätige sie per Handzug und die macht ein so lautes, kreischendes Geräusch, dass man sie weit hören kann. Ich könnte also zum Beispiel gegen 16:00 Uhr an Eurem Haus vorbeifahren und meine Klingel ertönen lassen, fahre dann bis zur nächsten Kreuzung und warte, ob Du rauskommst.“ „Ja, so machen wir das. Warte dann bitte 15 Minuten, nicht so lange wie heute. Entweder ich schaff es oder nicht.“ „Und wenn nicht?“ „Nächsten Mittwoch, dieselbe Zeit hier?“ „Und wenn das auch nicht klappt?“ „Am Sonntag, dem 07.07., ist von 16:00 bis 18:00 Uhr Tanztee bei Siebenhühners, da darf ich sicherlich hin.“ „Okay, da komme ich dann auch hin, ansonsten versuchen wir es nochmals mittwochs.“ „Danach fangen dann aber die Ferien an, da fahren wir drei Wochen nach Österreich. Mein Vater wandert liebend gern, so richtig mit Kniebundhose, Kniestrümpfen und Wanderschuhen.“ „Ich gehe in den ersten drei Wochen arbeiten. Alle in unserer Klasse machen das, weil wir nächstes Jahr eine Klassenfahrt nach London machen wollen, wir sollen die Fahrt selber mitfinanzieren. Nach den drei Wochen, also wenn Du zurückkommst, fahre ich mit meinen Eltern zwei Wochen nach Bayern. Es bleibt uns also nur die letzte Ferienwoche, dass wir uns treffen können.“ In dem Moment kam Niklas zurück. Er ging zu Björn: „Mein Reisverschluss an der Hose klemmt, kannst Du ihn mir zumachen?“ „Ich werde es versuchen, zeig mal“, schmunzelte Björn und schaffte es auf Anhieb. Dann winkte er der Bedienung: „Zahlen bitte!“ Beim Rausgehen flüsterte Manuela Björn zu: „Das war aber ein besonderes Anerkenntnis, Hose zumachen darf bei Niklas längst nicht jeder!“ „Kommst Du jetzt mit uns?“ fragte Niklas. „Nein, ich fahre mit der Straßenbahn“, erwiderte Björn. „Wo wohnst Du denn?“ wollte Niklas wissen. „Ich wohne in Eckesey, das liegt da“, gab Björn Auskunft und zeigte in die entsprechende Richtung. „Wir wohnen in der Berghofstraße und müssen jetzt nach da“, erklärte Niklas und zeigte in die Richtung, aus der er im Sauseschritt gekommen war. „Tschüss Niklas, vielleicht sehen wir uns ja mal wieder“, gab Björn ihm die Hand. „Bekomme ich dann wieder ein Eis?“ wollte Niklas wissen. „Klar, wenn es unser Geheimnis bleibt“, versprach Björn und erinnerte vorsichtshalber schon einmal an die Geheimhaltungsabsprache. Björn und Manuela verabschiedeten sich auch nur mit Händedruck, aber dabei mit einem ganz verliebten Blick der Augen.

„Du kommst aber spät“, stellte Björns Mutter fest. „Gerd und ich waren noch bei Bernd, Matheaufgaben besprechen“, log Björn. „Wir glauben, die Lösung gefunden zu haben, ich muss das jetzt nochmal nachvollziehen.“ Er musste sich beeilen mit den Hausaufgaben, denn gegen 19:00 Uhr gab es Abendessen und von 20:00 bis 22:00 Uhr war mittwochs Sport beim CVJM in der Eckeseyer Turnhalle. Da die Handballmannschaft sich an diesem Mittwoch auf das wichtige Spiel am Samstag gegen Vorhalle vorbereiten wollte, musste Björn unbedingt in die Halle. Bei den Hausaufgaben lief es wie geschmiert, Björn war äußerst konzentriert. Und am Abend beim Sport glänzte er auch mit Hochform. „Hey, was ist los? Bist ja gut drauf!“ stellte sein Freund Harry fest. Auf dem gemeinsamen Nachhauseweg erzählte Björn, dass er auf einer Party eine Manuela kennengelernt und sich in sie verliebt hatte. „Aber am Samstag spielst Du Handball mit?“ fragte Harry. „Das ist doch wohl klar!“ sagte Björn. Harry war Kreisläufer, Björn Torwart, beide waren wichtige Spieler für die Mannschaft. Im CVJM Hagen wurde Kleinfeldhandball gespielt, auf einem Platz mit Hallenhandballgröße, aber draußen. Beim CVJM Heim in der Stadtmitte gab es einen entsprechenden Platz. Die Mannschaften der verschiedenen CVJM-Ortsteile spielten jährlich um die Meisterschaft. Eckesey und Vorhalle waren benachbarte Ortsteile; für deren Spiele galten die Emotionen etwa wie bei Spielen zwischen Dortmund und Schalke – gegen jede andere Mannschaft konnte man verlieren, aber nicht gegen die! Die besondere Brisanz in diesem Jahr lag darin, dass beide Mannschaften in den vier vorausgegangenen Spielen ungeschlagen waren. Das Spiel am Samstag konnte also eine Vorentscheidung für die diesjährige Meisterschaft bringen. „Wir treffen uns um 14:00 Uhr bei mir an der Haustür“, hatte Gruppenleiter Hans-Jürgen gesagt, „alle mit dem Fahrrad. Wir brauchen etwa 30 Minuten bis zum CVJM-Heim, dann haben wir vor dem Spiel schon eine warme Muskulatur. Spielbeginn ist 15:00 Uhr, wir haben also genug Zeit und können ganz locker fahren.“ Gruppenleiter Hans-Jürgen Schade wohnte nur etwa 100 Meter von Björn entfernt. Björn konnte vom Fenster seines Zimmers aus beobachten, wie sich die Mannschaft versammelte. Er legte dann mit seinem Fahrrad einen kurzen Sprint hin, zog seine grell schellende Klingel und trat kräftig auf die Bremse. Der erhoffte Effekt, dass alle zu ihm hinsagen, trat ein. Nach 10 Meter Bremsspur machte es laut „pitsch“ – der Hinterreifen war geplatzt. „So eine Sch….!“ schimpfte Björn. „Musst Du denn auch wie so ein Idiot hierher düsen?“ erregte sich Hans-Jürgen. „Fahrt Ihr schon los, ich komme irgendwie nach“, sagte Björn und schob mit seinem Rad nach Hause. „Was ist los?“ fragte seine Mutter, als er zur Tür herein stürmte. „Ich habe einen Platten am Hinterrad, kann ich das Rad von Kai haben?“ „Da musst Du im Keller nachsehen, ob das fahrtüchtig ist, Kai hat es ja nicht mehr benutzt, seitdem er den Fiat hat.“ Björn schnappte sich den Kellertürschlüssel und sprang die Stufen eilig bis in den Keller runter. Bei Kais Fahrrad hatten beide Reifen nur wenig Luft. „Aufpumpen geht schneller als flicken“, dachte Björn und machte sich an die Arbeit. „Ja, sieht gut aus“, stellte er dann, schon etwas geschwitzt, fest. Er schulterte das Rad und schleppte es die Kellertreppe hoch. Sein Fahrrad stand im Flur. Er nahm die Sporttasche vom Gepäckträger und klemmte sie auf Kais Fahrrad. Dann brachte er den Kellertürschlüssel in die Wohnung. „Das klappt mit Kais Rad, mein Rad steht unten im Flur, ich kümmere mich heute Abend oder morgen darum“, gab er seiner Mutter Bescheid und spurtete die Treppe wieder nach unten. Beim Losfahren stellte er fest, dass der Sattel für ihn etwas zu hoch eingestellt war, aber er hatte natürlich keine Zeit mehr, sich auch noch darum zu kümmern. „Du darfst jetzt nicht zu schnell fahren, sonst bist Du schon vor dem Spiel kaputt“, überlegte Björn ganz vernünftig, aber zügig fuhr er schon, denn er hatte ja etwa zehn Minuten Rückstand zur Mannschaft. Bis zum CVJM-Heim holte er rund fünf Minuten auf, war also zeitig genug dort. Gruppenleiter Hans-Jürgen war froh, als er seinen Torwart sah: „Na, das wird Dir hoffentlich eine Lehre sein. Für uns ist es viel besser, Du beeindruckst uns mit Glanzparaden als mit Fahrradkunststücken.“ Björn nahm seinen Coach beim Wort und hielt hervorragend. Die ganze Mannschaft war gut drauf und siegte nach hartem Kampf 15:12. Jetzt standen noch zwei Spiele nach den Schulferien aus, gegen Wehringhausen und gegen Hohenlimburg. „Die Wehringhausener putzen wir weg, dann kommt es zum Endspiel gegen Hohenlimburg, die auch noch ungeschlagen sind; die müssen allerdings noch gegen Vorhalle spielen“, wurde erörtert. Für den Sieg seiner Jungen gegen Vorhalle spendierte Coach Hans-Jürgen im CVJM-Heim eine Runde Cola. Nachdem noch ein paar Runden gekickert worden waren, radelte man fröhlich gestimmt zurück nach Eckesey. Da Björn am Montag seine besondere Klingel in der Berghofstraße ertönen lassen wollte, flickte er zu Hause gleich noch den geplatzten Hinterreifen an seinem Fahrrad.