Black Rabbit Hall - Eine Familie. Ein Geheimnis. Ein Sommer, der alles verändert. - Eve Chase - E-Book
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Black Rabbit Hall - Eine Familie. Ein Geheimnis. Ein Sommer, der alles verändert. E-Book

Eve Chase

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Beschreibung

Eine Familie. Ein Geheimnis. Ein Sommer, der alles verändert ...

Amber Alton weiß, dass die Stunden auf Black Rabbit Hall, dem Sommersitz ihrer Familie, anders vergehen, ihren eigenen Takt haben. Es ist ruhig und idyllisch. Bis zu einem stürmischen Abend 1968. Vereint durch eine unfassbare Tragödie, müssen sich die vier Alton-Geschwister mehr denn je aufeinander verlassen. Doch schon bald wird diese Verbundenheit auf eine harte Probe gestellt.

Jahrzehnte später fahren Lorna Smith und ihr Verlobter Jon auf der Suche nach einem Ort für ihre Hochzeitsfeier durch die wilde Landschaft Cornwalls – und stoßen auf ein altes, leicht verfallenes, aber wunderschönes Haus. Ein Haus, das Lorna nach und nach seine schönsten Geschichten und traurigsten Momente verrät ...

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Seitenzahl: 523

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EVE CHASE

Roman

Eine Familie. Ein Geheimnis. Ein Sommer, der alles verändert.

Deutsch von Carolin Müller

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2015unter dem Titel »Black Rabbit Hall« bei Michael Joseph, an Imprint of Penguin Random House UK, London.

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Eve Chase

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2016 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, München

ISBN: 978-3-641-12932-3V001www.blanvalet.de

Für Oscar, Jago und Alice

Prolog

d

Amber, am letzten Tag der Sommerferien1969, Cornwall

Auf dem Klippenvorsprung fühle ich mich sicher, jedenfalls sicherer als im Haus. Dieser geheime Ort, ein paar Schritte vom Küstenweg entfernt, und zwanzig Minuten Kletterei, ist weit genug von Black Rabbit Halls wachsamen Fenstern entfernt. Ich verharre einen Moment lang auf der Klippe – der Wind peitscht mein Kleid um meine Beine, meine Fußsohlen kribbeln –, dann lasse ich mich vorsichtig, nach Grasbüscheln greifend, hinunter, das Meer braust in meinen Ohren. Besser nicht nach unten blicken. Ein beherzter Sprung, und ich throne direkt an der Schwelle zum Himmel.

Ein Schritt zu weit, und alles ist vorbei. Ich würde es nicht tun. Aber die Tatsache, dass ich es könnte, gefällt mir. Dass ich heute eine gewisse Kontrolle über mein Schicksal habe.

Gegen die Felswand gedrückt, schöpfe ich Atem. So viel fieberhaftes Suchen: im Wald, in den Zimmern, treppauf und treppab. Wundgescheuerte Fersen in zu kleinen Turnschuhen. Und noch immer habe ich sie nicht gefunden. Wo sind sie nur? Ich schirme meine Augen vor dem blendenden Himmel ab und suche die flaschengrünen Gipfel auf der anderen Seite der Bucht ab. Sie sind menschenleer. Bloß Rinder auf den Feldern.

Den Rücken am Fels, rutsche ich langsam nach unten, dabei schiebt sich mein Kleid hoch, sodass der Wind zwischen meinen nackten gebeugten Beinen hindurchfährt.

Endlich innehalten, ich kann den Ereignissen des Tages nicht länger entfliehen. Sogar das Schlagen der Wellen auf den Felsen lässt meine Wange erneut brennen. Ich blinzle, und da ist das Haus, seine Silhouette hat sich ins Innere meiner Lider gebrannt. Also versuche ich, die Augen offen zu halten, und meine Gedanken verlieren sich am weiten rosafarbenen Himmel, an dem die Sonne und der Mond wie Frage und Antwort hängen. Ich vergesse, dass ich eigentlich weitersuchen sollte. Dass die Minuten schneller vorbeiziehen als Wolken in der Abenddämmerung. Doch ich kann nur an meine Flucht denken.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon dort sitze, als mein Gedankenfluss von einem riesigen schwarzen Vogel durchbrochen wird, der im Sturzflug über die Klippe schießt, so nah, dass sich seine Krallen beinahe in meinen Haaren verfangen hätten. Ich ducke mich instinktiv unter dem Luftzug seines Flügelschlags weg, und meine Nase berührt die kühle Haut meiner Knie. Als ich wieder emporschaue, richtet sich mein Blick nicht länger in den Himmel, sondern auf Treibgut, das unten in der Flut auf den Wogen tanzt.

Nein, kein Treibgut. Etwas Lebendiges. Ein Delfin? Oder sind es die Quallen, die schon die ganze Woche lang in unsere Bucht gespült werden wie eine verlorene Ladung grauer Glasschüsseln? Vielleicht. Ich beuge mich vor, neige den Kopf über die Kante, um besser sehen zu können. Meine Haare flattern wie wild, mein Herz schlägt schneller, und ich fange an, das Schreckliche, das sich da dicht unter der schimmernden blauen Oberfläche bewegt, zu ahnen, ohne es schon wirklich zu erkennen. Noch nicht.

1

n

Lorna, mehr als drei Jahrzehnte später

Das ist eine dieser Reisen. Je näher man dem Ziel kommt, desto schwerer ist vorstellbar, dass man es wirklich jemals erreichen wird. Es gibt immer noch eine weitere Straßenbiegung, eine ruckelnde Fahrt, bis der Feldweg im Nirgendwo endet. Und es wird immer später. Warmer Sommerregen trommelt aufs Autodach.

»Ich schlage vor, wir lassen es gut sein und fahren ins Bed and Breakfast zurück.« Jon reckt den Hals übers Lenkrad, um die Straße, die sich vor der Windschutzscheibe verflüssigt, besser sehen zu können. »Wir genehmigen uns ein Bier und visieren eine Hochzeit irgendwo im Umkreis der M25 an. Was meinst du?«

Lorna malt mit der Fingerspitze ein Haus auf das angelaufene Fenster: Dach, Schornstein, Rauchschnörkel. »Lieber nicht, Schatz.«

»Irgendwo, wo es ein sonniges Mikroklima hat, vielleicht?«

»Sehr witzig.« Ungeachtet der Enttäuschungen, die der Tag bisher gebracht hatte – keine der Örtlichkeiten hatte ihren Erwartungen entsprochen, alle waren überteuert, aber dennoch geschmacklos –, ist Lorna ziemlich glücklich. Es hat etwas Berauschendes, mit dem Mann, den sie heiraten wird, durch dieses stürmische Wetter zu fahren. Nur sie beide, ganz gemütlich in ihrem keuchenden kleinen roten Fiat. Wenn sie alt und grau sind, werden sie sich an diese Reise erinnern, denkt sie. Als sie noch jung waren und verliebt und im Auto durch den Regen fuhren.

»Na toll.« Finster blickt Jon auf einen bedrohlichen dunklen Umriss im Rückspiegel. »Alles, was ich jetzt noch brauche, ist ein verdammter Traktor im Nacken.« Er hält an einer Kreuzung, an der diverse windgekrümmte Schilder in Richtungen zeigen, die wenig mit den vorhandenen Abzweigungen zu tun haben. »Und wohin jetzt?«

»Haben wir uns etwa verfahren?«, zieht sie ihn mit einem gewissen Vergnügen auf.

»Das Navi weiß nicht mehr weiter. Wir sind hier am Arsch der Welt.«

Lorna lächelt. Jons kindische, harmlose Griesgrämigkeit wird mit den ersten Hinweisen auf das Haus oder mit einem kalten Bier verschwunden sein. Er nimmt sich die Dinge nicht so zu Herzen wie sie und sieht Hindernisse als Herausforderung.

»Gut.« Er zeigt mit dem Kopf auf die Karte auf Lornas Schoß, die zerknüllt und voller Krümel ist. »Wie steht’s um deine Kartenlesefähigkeiten, Schätzchen?«

»Na ja …« Umständlich faltet sie die Karte auseinander und schüttelt die Krümel zu den leeren Wasserflaschen, die im sandigen Fußraum herumrollen. »Meinen Berechnungen zufolge fahren wir gerade durch den Atlantik.«

Jon schnaubt und streckt die langen Beine aus. »Großartig.«

Lorna beugt sich zu ihm und streicht ihm über den Oberschenkel. Sie weiß, dass er es müde ist, im Regen über unbekannte Straßen zu fahren und Hochzeitslocations abzuklappern … und dann noch die abgelegenste, die versteckteste zum Schluss. Sie wären jetzt an der Amalfiküste, wenn sie nicht darauf bestanden hätte, stattdessen nach Cornwall zu fahren. Wenn Jons Geduld also langsam nachlässt, dann kann sie es ihm kaum verübeln.

Jon hatte ihr den Antrag an Weihnachten gemacht, vor Monaten. Für eine ganze Weile hatte das gereicht. Sie genoss es, verlobt zu sein, diesen Zustand seligen Aufschubs: Sie gehörten zusammen, doch sie entschieden sich noch immer jeden Morgen neu für dieses Zusammensein. Sie war in Sorge, dieses unbeschwerte Glück zu verlieren. Jedenfalls hatten sie es nicht wahnsinnig eilig. Sie hatten alle Zeit der Welt.

Und dann doch wieder nicht. Als Lornas Mutter im Mai unerwartet starb, war das wie eine Mahnung, nicht länger zu warten. Die Dinge nicht aufzuschieben und nicht zu vergessen, dass auf jedermanns Kalender bereits ein dunkles Datum eingekringelt ist, das immer näher rückt. In ihr wuchs der Wunsch, das Leben mit beiden Händen zu greifen, an einem nieseligen Sonntagmorgen auf ihren roten Glücks-High-Heels durch den Abfall auf der Bethnal Green Road zu stöckeln. Heute Morgen hat sie sich in ein sonnengelbes Vintage-Sommerkleid aus den Sechzigern gezwängt. Wann sollte sie es tragen, wenn nicht jetzt?

Jon betätigt die Schaltung und gähnt. »Wie heißt das Anwesen noch mal, Lorna?«

»Pencraw«, sagt sie fröhlich in dem Versuch, ihn bei Laune zu halten, denn sie ist sich bewusst, dass sie, wenn es nach Jon ginge, seine weitläufige Familie einfach in ein Partyzelt im Garten seiner Eltern in Essex quetschen würden, und das wär’s. Dann würden sie ein Stück die Straße runter von seinen hingebungsvollen Schwestern ziehen – die winzige Stadtwohnung gegen ein Vorstadthäuschen mit einem Rasensprenger eintauschen –, damit seine Mutter Lorraine mit all den Babys helfen könnte, die prompt folgen würden. Glücklicherweise geht es nicht nach Jon. »Pencraw Hall«, sagt sie.

Er fährt sich mit der Hand durch das weizenblonde Haar, das von der Sonne fast weiß ist. »Noch ein Versuch?«

Sie strahlt ihn an. Sie liebt diesen Mann.

»Ach, zur Hölle, fahren wir hier lang. Die Chancen, dass wir richtigliegen, stehen eins zu vier. Hoffentlich können wir diesen Traktor abschütteln.«

Sie schütteln ihn nicht ab.

Es regnet immer weiter. An der Windschutzscheibe kleben Wiesenkerbelblätter, die von den quietschenden Scheibenwischern in Schlieren verschmiert werden. Lornas Herz klopft schneller. Auch wenn sie durch die Regenbächlein, die die Scheiben hinunterlaufen, nicht viel sehen kann, weiß sie, dass die bewaldeten Täler, die Flussläufe und einsamen kleinen Buchten der Roseland-Halbinsel hinter dem Glas liegen. Sie erinnert sich, als Kind schon auf diesen Wegen unterwegs gewesen zu sein – sie verbrachten fast jeden Sommer in Cornwall – und auch daran, wie die Meeresbrise durch das heruntergekurbelte Fenster drang und die letzten Überreste des verrußten Großraums London wegblies – und sie erinnert sich an die Anspannung im Gesicht ihrer Mutter.

Ihre Mutter war stets sorgenumwölkt gewesen und litt ihr ganzes Leben unter Schlaflosigkeit: Nur am Meer schien sie schlafen zu können. Als Lorna klein war, fragte sie sich, ob in der Luft in Cornwall wohl betäubende Dämpfe lagen wie im Mohnfeld aus dem Zauberer von Oz. Jetzt kommt eine leise Stimme in ihrem Kopf nicht umhin, nach Familiengeheimnissen zu fragen. Warum bist du hier? Doch sie beschließt, dieser Stimme kein Gehör zu schenken.

»Bist du dir sicher, dass dieser alte Kasten überhaupt existiert, Lorna?« Jons Arme sind ausgestreckt und steif am Lenkrad, die Augen rot vor Anspannung.

»Er existiert.« Sie bindet sich ihr langes, dunkles Haar zu einem hohen Knoten zusammen. Ein paar Strähnen lösen sich, umspielen ihren blassen Hals. Sie spürt die Hitze seines Blicks: Er liebt ihren Hals, die weiche Babyhaut direkt hinterm Ohr.

»Noch mal für mich.« Sein Blick richtet sich wieder auf die Straße. »Das ist irgend so ein altes Herrenhaus, das du schon mit deiner Mutter besucht hast, als ihr hier im Urlaub wart?«

»Genau.« Sie nickt eifrig.

»Deine Mutter mochte es gern prächtig, ich weiß.« Er schaut finster in den Rückspiegel. Mittlerweile regnet es in silbernen, welligen Strömen. »Aber wie kannst du dir sicher sein, dass es gerade dieses war?«

»Ich bin in irgendeinem Online-Hochzeitsverzeichnis über Pencraw Hall gestolpert und hab es sofort erkannt.« So viele Dinge waren bereits verblasst – die Hyazinthennote des Lieblingsparfüms ihrer Mutter, wie sie mit der Zunge geschnalzt hat, wenn sie nach ihrer Lesebrille suchte –, doch in den letzten paar Wochen waren andere längst vergessen geglaubte Erinnerungen in unerwartet klarer Schärfe zurückgekehrt. Und dies war eine davon. »Wie Mama auf dieses große alte Haus zeigt. Ihr ehrfurchtsvoller Blick. Das ist irgendwie bei mir hängengeblieben.« Sie dreht an dem Diamantverlobungsring an ihrem Finger und erinnert sich noch an andere Dinge. Eine rosa gestreifte Tüte Karamellbonbons schwer in ihrer Hand. Ein Fluss. »Ja, ich bin ziemlich sicher, dass es dasselbe Haus ist.«

»Ziemlich?« Jon schüttelt den Kopf und lacht sein lautes, dröhnendes Lachen. »Meine Güte, ich muss dich wirklich lieben.«

Eine Weile fahren sie in einträchtigem Schweigen weiter. Jon wirkt nachdenklich. »Morgen ist der letzte Tag, Liebling.«

»Ich weiß.« Sie seufzt, der Gedanke, wieder in die heiße, überfüllte Stadt zurückzukehren, erscheint ihr nicht gerade reizvoll.

»Wenn du noch etwas tun wolltest, was gar nichts mit der Hochzeit zu tun hat?« Seine Stimme klingt entwaffnend sanft.

Sie lächelt verdutzt. »Klar. Was meinst du?«

»Na ja, ich dachte, dass du vielleicht noch irgendetwas … von Bedeutung … besichtigen möchtest?« Seine Worte klingen unbeholfen. Er räuspert sich und sucht ihre dunklen Augen.

Lorna weicht seinem Blick aus. Ihre Finger lösen ihr Haar, sodass es raschelnd herabfällt und ihre errötenden Wangen verbirgt. »Nicht wirklich«, murmelt sie. »Ich will einfach bloß Pencraw sehen.«

Jon seufzt, legt einen anderen Gang ein. Lorna wischt ihre Kritzelei vom beschlagenen Fenster und späht gedankenverloren durch das entstandene Bullauge.

»Also … Wie waren die Bewertungen?«, erkundigt sich Jon.

Sie zögert. »Na ja, es gibt keine. Nicht wirklich.«

Er zieht eine Augenbraue hoch.

»Aber ich habe angerufen und mit einem echten, lebendigen Menschen gesprochen, mit der Assistentin der Hausherrin oder so. Sie hieß Endellion.«

»Was soll das denn für ein Name sein?«

»Kornisch.«

»Willst du das jetzt als Entschuldigung für alles benutzen?«

»Ja, ja.« Lorna lacht, streift sich ihre silbernen Flip-Flops ab und legt die Füße auf das harte graue Plastik des Handschuhfachs, erfreut über die Spuren der Sonnenbräune und darüber, dass ihr blassrosa Nagellack nicht abgesplittert ist. »Sie hat mir erklärt, dass es ein Privatanwesen ist und das erste Jahr vermietet wird. Also noch keine Bewertungen. Das hat schon seine Richtigkeit, versprochen.«

Er lächelt. »Manchmal kannst du ganz schön naiv sein.«

»Und du kannst verdammt skeptisch sein, mein Liebling.«

»Realistisch, bloß realistisch.« Er schaut in den Spiegel, und sein Blick verhärtet sich. »Verdammt.«

»Was?«

»Dieser Traktor. Zu nah. Zu groß.«

Lorna verspannt sich auf ihrem Sitz, wickelt eine Haarsträhne um ihren Finger. Der Traktor sieht bedrohlich groß für diese enge Straße aus, die jetzt mehr wie ein Tunnel anmutet, gesäumt von steilen Mauern aus massivem Fels und einem Baldachin aus ineinander verschlungenen Baumwipfeln.

»Beim nächsten Feldgatter halten wir und versuchen umzudrehen«, sagt Jon nach ein paar angespannten Minuten.

»Oh, jetzt komm …«

»Es ist gefährlich, Lorna.«

»Aber …«

»Falls das ein Trost für dich ist, das Haus ist bestimmt wie alle anderen, irgendein Bed and Breakfast mit Ambitionen. Mit armseligem Tagungszentrum. Und falls es doch was taugt, dann werden wir’s uns nicht leisten können.«

»Nein, bei dem Haus hab ich so ein Gefühl …«, sie dreht eine Locke um ihren Zeigefinger, » … eine Ahnung.«

»Du und deine Ahnungen.«

»Du warst auch eine Ahnung.« Sie legt die Hand auf sein Knie, gerade als sich die Sehnen seiner Muskeln anspannen und sein Fuß die Bremse durchdrückt.

Alles scheint gleichzeitig zu passieren: das Quietschen der Bremsen, das Schlittern nach links, der dunkle Umriss, der über die Straße und in die Büsche springt. Dann gespenstische Stille. Das Prasseln des Regens auf dem Dach.

»Lorna, bist du okay?« Er berührt mit dem Handrücken ihre Wange.

»Ja, ja. Ich bin okay.« Mit der Zunge tastet sie das Innere ihres Mundes ab, nimmt den metallischen Geschmack von Blut wahr. »Was ist passiert?«

»Ein Reh. Ziemlich sicher bloß ein Reh.«

»Oh, Gott sei Dank. Kein Mensch.«

Er stößt einen leisen Pfiff aus. »Das war knapp. Sicher alles okay bei dir?«

Ein Klopfen an der Fahrertür. Die Fingerknöchel sind haarig, die Haut wundrot. Der Traktorfahrer ist ein triefender Berg in einem orangen Anorak.

Jon kurbelt besorgt das Fenster herunter. »Sorry wegen der harten Bremsung, Kumpel.«

»Verfluchtes Reh.« Das Gesicht eines Mannes, so zerklüftet wie die Landschaft, erscheint im Fenster. Er späht über Jons Schulter und richtet seine trüben Augen auf Lorna. Sein Blick legt nahe, dass er nicht oft auf zierliche, zweiunddreißigjährige Brünette in gelben Sommerkleidern trifft. Man könnte sogar vermuten, dass er ganz allgemein nicht auf viele Frauen trifft.

Lorna versucht ihn anzulächeln, doch ihr Mund zuckt an den Rändern. Sie könnte stattdessen gleich in Tränen ausbrechen. Schlagartig begreift sie, wie nah sie gerade an einer Katastrophe vorbeigeschrammt sind. Es kommt ihr umso unglaublicher vor, weil sie im Urlaub sind. Im Urlaub hat sie sich immer unsterblich gefühlt, vor allem mit Jon, der sehr beschützend ist, außerdem recht vernünftig und gebaut wie ein Vorschlaghammer.

»Sie kommen durch Lücken in den Hecken. Erst letzten Monat hat es deswegen einen schweren Unfall gegeben.« Der Mann bläst einen Schwall abgestandenen Atem in die enge Umgrenzung des Wagens.

»Zwei Leute wurden nicht weit von hier übel zugerichtet. Verfluchte durchgedrehte Viecher.«

Jon dreht sich zu Lorna. »Irgendwer versucht, uns hier etwas zu sagen. Können wir’s für heute gut sein lassen?«

Sie spürt das Zittern seiner Finger, weiß, dass sie ihn nicht weiter drängen kann. »Okay.«

»Schau nicht so. Wir kommen ein anderes Mal wieder.«

Werden sie nicht, das weiß sie. Sie wohnen zu weit weg. Sie sind zu beschäftigt. Sie arbeiten zu viel. Wenn sie nach Hause kommen, steht bei der Baufirma von Jons Familie ein aufwändiges Projekt an, irgendein protziges Penthouse in Bow, und für sie rückt der Schulanfang im September immer näher. Nein, es ist alles zu kompliziert. Sie werden nicht wiederkommen. Und Cornwall ist so unpraktisch. Es ist teuer. Es würde ihren Gästen zu viel abverlangen. Es würde Jon zu viel abverlangen. Und ihrem Vater. Ihrer Schwester. Es sind bloß alle nachsichtig mit ihr, weil sie ihnen wegen des Todes ihrer Mutter leidtut. Sie ist ja nicht doof.

»Man trifft auf dieser Straße nur selten jemanden. Wohin wollen Sie denn?«, erkundigt sich der Traktorfahrer und kratzt sich an seinem Stiernacken. »Auf jeden Fall haben Sie sich den besten Tag dafür ausgesucht.«

»Wir sind auf der Suche nach irgend so einem alten Kasten.« Jon sucht im Handschuhfach nach einer Zuckerdosis gegen das Zittern seiner Hände. Er findet ein steinaltes, klebriges Minzbonbon, halb ausgepackt. »Pencraw Hall?«

»Oh.« Das Gesicht des Mannes verschwindet in den Untiefen seiner Kapuze.

Lorna, die Anzeichen von Erkennen spürt, setzt sich aufrechter hin. »Sie kennen es?«

Ein lebhaftes Nicken. »Black Rabbit Hall.«

»Oh, nein, ’tschuldigung, wir suchen Pencraw Hall.«

»Wir hier nennen es Black Rabbit Hall.«

»Black Rabbit Hall.« Lorna lässt sich die Worte auf der Zunge zergehen. Sie gefallen ihr. Der Name gefällt ihr. »Also ist es hier in der Nähe?«

»Sie sind praktisch schon auf der Zufahrt.«

Lorna wendet sich strahlend Jon zu, die Nahtoderfahrung ist vergessen.

»Der Weg macht noch eine Kurve – die letzte Chance umzudrehen – und führt dann übers Ackerland des Anwesens, das heißt, was noch davon übrig ist. Und nach einer weiteren halben Meile oder so stößt man auf das Haus selbst. Sie werden das Schild sehen. Na ja, ich sag jetzt mal, dass Sie es sehen werden. Versteckt im Gebüsch. Sie müssen schon die Augen offen halten.« Er starrt Lorna erneut an. »Seltsamer Ort. Warum wollen Sie dorthin? Wenn ich fragen darf.«

»Na ja …« Lorna holt Luft, um die Hintergrundgeschichte zu erzählen.

»Wir ziehen es als Hochzeitslocation in Erwägung«, sagt Jon, bevor sie die Chance dazu hat. »Zumindest bist jetzt.«

»Hochzeit?« Der Mann bekommt große Augen. »Hol mich der Teufel.« Er blickt von Lorna zu Jon und wieder zurück. »Hören Sie, Sie scheinen ein nettes Paar zu sein. Sie sind nicht von hier, oder?«

»London«, murmeln sie unisono.

Der Mann nickt, als würde das alles erklären. Er legt die Hand auf das heruntergekurbelte Fenster; seine Finger hinterlassen auf dem Glas einen fetten Abdruck aus Kondenswasser. »Wenn Sie mich fragen, ist Black Rabbit Hall kein Ort für eine Hochzeit.«

»Oh. Warum nicht?«, fragt Lorna.

Der Mann runzelt die Stirn, wirkt unsicher, wie viel er ihnen sagen soll. »Zum einen ist es in keinem guten Zustand. Das Wetter hier nagt an den Häusern, außer man steckt viel Geld hinein. Und in dieses Haus wurde seit Jahren nichts mehr gesteckt.« Er befeuchtet sich die Lippen mit der Zunge. »Es heißt, dass schon die Hortensien durch den Boden des Ballsaals wachsen, außerdem gehen seltsame Dinge dort vor sich.«

»Oh … das gefällt mir.«

Jon verdreht die Augen und versucht, nicht zu lachen. »Bitte ermutigen Sie sie nicht noch.«

»Ich muss langsam weiter.« Der Traktorfahrer schaut besorgt drein. »Passen Sie auf sich auf, ja?«

Sie sehen ihm nach, wie er davonstapft, lauschen dem Stampfen, als er die geriffelten Metallstufen zur Fahrerkabine des Traktors erklimmt. Lorna weiß nicht, was sie von alldem halten soll.

Jon schon. »Halt dich gut fest! Und halt nach Bambi Ausschau. Ich fahre zurück zur Kreuzung. Wir kehren zurück in die Zivilisation und zu einem schönen kalten Bier. Und das keine Sekunde zu früh.«

Lorna legt die Hand fest auf seinen Arm, mit genug Druck, um ihm zu zeigen, dass sie es ernst meint. »Es wäre vollkommen absurd, jetzt umzudrehen. Und das weißt du.«

»Du hast doch gehört, was der Typ gesagt hat.«

»Wir müssen es selbst gesehen haben, wenn auch nur, um es zu verwerfen, Jon.«

Er schüttelt den Kopf. »Ich hab kein gutes Gefühl dabei.«

»Du und deine Gefühle«, sie verdreht dramatisch die Augen und versucht, ihn damit zum Lachen zu bringen. »Komm schon. Das ist die einzige Location, die ich unbedingt sehen will.«

Er trommelt mit den Daumen auf dem Lenkrad herum. »Okay, aber du bist mir was schuldig.«

Sie beugt sich über die Handbremse und drückt ihren Mund an die warmen Stoppeln seines Kinns. Er riecht nach Sex und Vollkornkeksen. »Und ist das jetzt vielleicht kein gutes Gefühl?«

Ein paar Minuten später biegt der rote Fiat von der Straße ab und rinnt wie ein Blutstropfen die nassgrüne Auffahrt hinunter, hinter ihnen schließt sich der Baldachin aus Bäumen.

2

d

London, April 1968Amber, Fitzroy Square

Mama hatte Glück, dass sie bei dem Unfall nicht ernsthaft verletzt wurde. Das sagen alle. Wenn ihr Taxi ein paar Zentimeter weiter nach rechts geschleudert worden wäre, wären sie frontal gegen den Poller in der Bond Street gekracht, anstatt ihn bloß zu rammen. Mama hat trotzdem einen ordentlichen Schlag abbekommen und flog zusammen mit ihren Einkaufstaschen durchs Taxi. Ihre neuen schicken Hüte haben nichts abbekommen, und der Taxifahrer hat ihr den Fahrpreis erlassen. Trotzdem hat sie nicht unbedingt Glück gehabt. Zehn Tage später hat sie noch immer einen gelb-blauen Bluterguss an der Kniescheibe und ein verstauchtes Handgelenk. Sie muss mit der geschienten Hand herumsitzen, und das an einem Samstagvormittag, anstatt im Regent’s Park Tennis zu spielen oder meine kleine Schwester durch den Garten zu scheuchen.

Im Moment sitzt sie in dem türkisen Sessel am Wohnzimmerfenster, das Bein auf dem Schemel ausgestreckt, und starrt auf die schwarzen Regenschirme, die unten auf dem Platz herumschwanken. Ihr Blick geht ins Leere. Sie sagt, das liege an den Schmerzmitteln. Aber ich weiß, dass Mama davon träumt, wieder auf Black Rabbit Hall zu sein oder auf ihrer alten Familienfarm in Maine, an irgendeinem abgelegenen, wilden Ort, wo sie in Frieden ihre Pferde reiten kann. Aber Maine ist zu weit weg. Und Black Rabbit Hall fühlt sich noch unerreichbarer an.

»Kann ich Ihnen noch etwas Tee bringen, Madam?«, erkundigt sich Nette und wendet respektvoll den Blick von dem erschreckenden Bluterguss auf Mamas Bein ab.

Nette ist seit drei Monaten die neue Hausangestellte. Sie lispelt, weshalb wir alle sie nachmachen, und kommt direkt aus einem altmodischen Haushalt am Eaton Square, »wo man noch so tut, als hätten wir 1930«, sagt Mama. Ich denke, Nette gefällt es bei uns besser. Mir ginge das jedenfalls so.

»Oder noch ein Kissen?«

»Nein danke, Nette. Sie sind sehr aufmerksam. Aber ich sitze ganz bequem und habe in den letzten Tagen so viel Tee getrunken, dass ich Angst habe, eine weitere Tasse könnte mir den Rest geben.« Mama strahlt und enthüllt die Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, die ihr Lächeln so grandios macht. Sie kann ein Streichholz hindurchstecken. »Und, Nette, bitte nennen Sie mich doch ruhig Mrs. Alton oder gleich Nancy. Förmlichkeiten sind hier nicht nötig, versprochen.«

»Ja, Mad…« Nette unterbricht sich und lächelt scheu. Sie räumt die leere Teetasse und den halb aufgegessenen Battenbergkuchen ab und stellt alles lautlos auf das glänzende Silbertablett. Boris wedelt mit dem Schwanz und schaut sie mit seinem schönsten Hundeblick an. Auch wenn sie dem Hund eigentlich keine Leckereien geben soll – Boris ist ein echtes Dickerchen, ein Nimmersatt, der einmal schon ein Pfund Butter verputzt und dann auf die Treppe gekotzt hat –, weiß ich, dass Nette ihn heimlich in der Küche füttert, wenn es niemand sieht. Dafür mag ich sie.

»Komm mal her«, sagt Mama zu mir, als Nette gegangen ist. Sie zieht den Klavierstuhl zu sich heran und klopft darauf.

Ich setze mich hin und lege den Kopf auf ihren Schoß. Sie streicht mir übers Haar, und ich fühle mich gleichzeitig wie ihre Vertraute und ihr Baby und könnte ewig so verweilen oder wenigstens bis zum Mittagessen. Doch ihr Schoß wird nicht lange mir gehören: Wir sind zu viele – ich, Barney, Kitty, Papa und mein Zwillingsbruder Toby, wenn er wieder aus dem Internat zurück ist. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre sie nicht genug für alle.

»Dein Bein sieht aus wie Wurzelgemüse, Mama.«

»Na vielen Dank auch, Herzchen!«

»Aber dein anderes Bein ist noch immer hübsch«, sage ich schnell und werfe einen Blick darauf, lang, schlank, der Fuß ausgestreckt wie der einer Ballerina, der zweite Zeh, faszinierenderweise länger als der große, steht unter der hochgerutschten Strumpfnaht heraus.

»Ein hübsches Bein ist genug. Und das andere sieht viel schlimmer aus, als es ist, wirklich.« Sie wickelt sich eine Haarsträhne von mir um den Finger wie eine dieser Seidentroddeln, mit denen die Vorhänge zurückgebunden werden. So sitzen wir eine Weile da, die Reiseuhr tickt, und draußen rumort London. »Ein Penny für deine Gedanken.«

»Großmama Esme meint, du hättest sterben können.« Ich kann nicht aufhören, an den Unfall zu denken. Der schwarze Poller, der auf das schwarze Taxi lauert. Das Quietschen der Bremsen. Die Hutschachteln, die durch die Luft fliegen. Dinge, von denen man sich niemals vorstellen kann, dass sie geschehen könnten, geschehen einfach. »Das gibt mir das Gefühl … Ich weiß auch nicht …«

Sie lächelt, beugt sich über mich, und die Spitzen ihrer kupferroten Haare kitzeln meine Wangen. Ich kann ihre Gesichtscreme von Pond’s riechen. »Um mich umzubringen, braucht es schon einiges mehr als nur ein Taxi in der Bruton Street. Das sind meine Neuengland-Gene, Schätzchen.«

Ich starre erneut auf ihr geschwollenes Bein, bereue es aber sofort und blicke zur Seite. Normalerweise passiert Mama nichts Schlimmes. Sie bekommt keine Grippe. Keine Kopfschmerzen. Und schon gar nicht diese Sache, wegen der Mrs. Hollywell, Matildas Mutter, sich fast jeden Tag nach dem Mittagessen hinlegen muss und manchmal gar nicht erst aufstehen kann. Aber das Gute daran ist, wenn das hier das Schlimme war, das Mama zustoßen musste, dann ist es jetzt aus dem Weg.

»Bitte mach dir um mich keine Sorgen, Amber.« Sie streicht meine Stirn mit der Daumenkuppe glatt. »Kinder dürfen sich nie um ihre Eltern sorgen, weißt du? Sich Sorgen machen ist die Aufgabe einer Mutter. Deine Zeit für all das wird noch kommen.«

Ich blicke finster zu Boden, unfähig, die Punkte zwischen mir als Vierzehnjähriger und mir als Ehefrau und Mutter zu verbinden. »Was passiert mit meinem Zwillingsbruder, wenn ich heirate? Was macht Toby dann?«

»Schon gut.« Mama lacht. »Du hast noch eine Weile Zeit.«

»Kannst du weiterhin auf Knight reiten?«, frage ich schnell, um das Thema zu wechseln. Knight ist ihr Niederländisches Warmblut. Sein Name klingt nach einem Rappen, doch er hat die Farbe einer Rosskastanie.

»Ob ich Knight noch reiten kann? Machst du Witze?« Mama zuckt zusammen und setzt sich aufrechter hin. »Wenn ich noch lange in diesem Sessel hier sitze, werde ich verrückt. Ich kann es gar nicht erwarten, wieder auf Knight zu reiten. Verdammt, ich würde auf einem Bein bis nach Cornwall hopsen, um ihn zu reiten, wenn es sein müsste.«

Wenn man Mama kennt, weiß man, dass das gar nicht so unwahrscheinlich ist, wie es klingt.

»Tatsächlich habe ich vor, heute Abend mit deinem Vater darüber zu sprechen, ob wir nicht früher als geplant nach Black Rabbit Hall aufbrechen.«

»Wann, früher?«

Sie rutscht auf den Kissen herum, unfähig, eine bequeme Position zu finden. »Nächste Woche – gerne auch noch früher, wenn Peggy bis dahin das Haus fertig vorbereitet hat.«

»Nächste Woche?« Mein Kopf schnellt von ihrem Schoß hoch. »Aber die Osterferien fangen doch erst in zwei Wochen an.«

»Du kannst deine Schularbeiten mitnehmen, wenn du willst.«

»Aber Mama …«

»Schatz, du verbringst sowieso viel zu viel Zeit mit dem Kopf in Büchern. Ein bisschen Unterricht zu verpassen hat noch keinem geschadet. Zu viel Schule ist nicht gut für ein Kind.«

»Dann falle ich hinter die anderen zurück.«

»Unsinn. Miss Rope meint, du bist dem Rest der Klasse um Längen voraus. Diesbezüglich mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Abgesehen davon lernst du auf Black Rabbit Hall viel mehr als in einem stickigen Klassenzimmer beim Regent’s Park.«

»Was soll ich da denn lernen?«, frage ich zweifelnd.

»Leben!«

Ich verdrehe die Augen. »Ich denke, ich weiß mittlerweile genug vom Leben auf Black Rabbit Hall, Mama.«

Sie wirkt amüsiert. »Ach wirklich?«

»Und ich bin langsam zu alt für Sandburgen.«

»Sei nicht albern. Für Sandburgen ist man nie zu alt.«

Mein Leben war bisher voll mit Sandburgen. Meine erste Erinnerung handelt von Toby, der vornübergebeugt wie wild am Strand buddelt und in einem goldenen Bogen Sand über die Schulter schleudert. (Er ist Linkshänder und ich Rechtshänderin, also können wir ganz nah nebeneinander buddeln, ohne dass wir uns mit unseren Schaufeln in die Quere kommen.) Als wir fertig gebuddelt haben, steckt er zwei Muschelschalen obendrauf – »Das sind wir«, sagt er und grinst. Wir sind drei Jahre alt.

»Und abgesehen von allem anderen ist die Luft in London wirklich furchtbar«, fährt Mama fort. »Und dieser unablässige Nieselregen! Meine Güte, hört der nie auf?«

»In Cornwall haben wir auch die meiste Zeit Regenmäntel an.«

»Ja, aber in Cornwall ist der Regen anders. Der Himmel ist auch anders. Er ist klar, und man kann die Sterne sehen. Sternschnuppen, Amber! Nicht immer dieser Smog.« Sie zeigt auf den grauen Dunst draußen vor dem Fenster. »Hey, mach nicht so ein Gesicht. Dich bedrückt doch noch etwas anderes, oder? Was ist los?«

»In neun Tagen ist Matildas Geburtstagsparty«, sage ich leise und muss daran denken, wie all meine Klassenkameradinnen kichernd und in pastellfarbenen Partykleidern in die Orangerie des Kensington Palace spazieren. Und an Matildas älteren Bruder, Fred, der aus Eaton gekommen ist und der einen Mundwinkel nach oben zieht, wenn er grinst. Und an Matilda selbst, meine beste Freundin, die nett und lustig ist und, anders als die anderen Mädchen, niemals so tut, als wäre sie weniger klug, als sie ist. »Da kann ich unmöglich nicht hingehen.«

»Das ist schade, ich weiß, aber es ist trotzdem bloß eine Party.«

Ich sage ihr nicht, dass ich kein Mädchen bin, das zu vielen Partys eingeladen wird. Aber ich denke, Mama weiß es, denn ihre Stimme wird sanft: »Vielleicht fühlt sich das jetzt nicht so an, Amber, aber du hast noch viele Partys vor dir, versprochen.« Sie macht eine Kopfbewegung zum Fenster. »Wirf mal einen Blick da hinaus. Auf die Straße. Was siehst du?«

Ich schaue aus dem Fenster auf die Straße, die Flüsse aus nassem Asphalt, die schwarzen Eisengeländer, den Planeten aus Gras in der Mitte des Platzes, wo wir an sonnigen Samstagvormittagen manchmal Bovriltoast essen. »Leute, die ihre Regenschirme ausschütteln und zumachen?« Ich drehe mich zu ihr um und frage mich, ob das die richtige Antwort war. »Eine Nanny, die einen Kinderwagen schiebt?«

»Weißt du, was ich sehe? Ich sehe eine ganze Welt, die auf dich wartet, Amber. Schau, da ist eine junge Frau in einem hübschen kleinen Kostüm auf dem Weg zur Arbeit.« Randnotiz: Mama arbeitet nicht, aber sonntags zur Kirche trägt sie ein marineblaues Kostüm aus Paris. Ich nehme an, das ist auch Arbeit. »Ich sehe ein Paar auf der Bank, das sich küsst …«, sie zieht die Augenbraue hoch, »… ziemlich leidenschaftlich, muss ich sagen.«

Ich wende den Blick schnell von dem küssenden Pärchen ab – natürlich bloß weil Mama neben mir sitzt – und frage mich, wie es sich wohl anfühlen würde, jemanden auf einer öffentlichen Bank so zu küssen, so versunken in die Umarmung, dass mir gleichgültig wäre, wer es sieht.

»Ich schätze, was ich zu sagen versuche, ist, dass du noch viel Spaß haben wirst, bis du heiratest.«

Schule. Mädchenpensionat. Vielleicht eine Anstellung bei Christie’s. Es fällt mir schwer zu sehen, dass da viel Platz für den spaßigen Teil bleibt, bevor es vorbei ist.

»Also machst du dir bitte keinen Kopf, weil du mal eine Feier verpasst, einverstanden?« Mama streicht ihr Kleid auf den Oberschenkeln glatt, wo mein Kopf es zerknittert hat.

»Wahrscheinlich.«

»Keine besonders überzeugende Antwort.«

Ich versuche, mein Lächeln hinter Miesepetrigkeit zu verstecken, genieße den Anschein, dass Mama meine Zustimmung braucht, die Vorstellung, dass ich sie ihr vielleicht nicht gebe, dass es einen Unterschied macht. Ich weiß, dass ich Glück habe. Meine Freunde aus der Schule werden alle herumkommandiert von ihren Müttern, vornehmen, leicht gereizten Engländerinnen in steifen Kleidern, die nie im Leben den Kopf zurückwerfen und laut und herzhaft lachen würden. Meine Mutter kann ohne Sattel reiten. Wenn wir auf dem Land sind, trägt sie Jeans. Und sie ist bei weitem die hübscheste Mutter am Schultor.

»Vergiss nicht, was für ein Privileg es ist, dass wir Black Rabbit Hall noch haben. So viele von Papas Freunden mussten ihre Landsitze abreißen lassen und das Land verkaufen oder ihre Häuser der Öffentlichkeit zugänglich machen und solch schreckliche Dinge. Wir sollten es nie als selbstverständlich erachten.«

»Es dauert ewig, dorthin zu kommen.«

»Wir fahren alle zusammen runter. Das wird lustig.« Sie stupst mich an. »Hey, vielleicht wird eines Tages ein Flughafen auf Roseland eröffnet.«

»Das wird nie passieren.«

»Na gut …« Sie streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr. »Es soll ja nicht zu einfach werden, oder?«

»Dann wäre es nicht unser besonderer Ort«, sage ich, um ihr zu gefallen. Mit Erfolg.

»Genau!« Sie grinst, und ihre Augen glitzern grüngelb wie die Unterseite eines Blattes, wieder voller Licht und Leben. »Ich sage immer zu Papa, dass Black Rabbit Hall der einzig normale Ort in dieser verrückten, sich verändernden Welt ist. Es ist unser sicherer, glücklicher Hafen, oder nicht, Amber?«

Ich zögere. Aus irgendeinem Grunde fühlt es sich so an, als würde alles von meiner Antwort abhängen.

3

d

Das Unwetter wird gegen sechs Uhr über die Bucht fegen, meint Papa, der in seinem zerknitterten, cremefarbenen Anzug auf der Terrasse steht, seinen Filzhut mit einem Finger nach hinten schiebt und in die Luft schnuppert wie ein Jagdhund. Es ist tatsächlich ziemlich offensichtlich, dass bald ein Gewitter kommen wird – die Luft ist drückend, dunkle Wolken drängen sich am Himmel über einem spiegelschwarzen Meer –, aber es steht uns nicht zu, darauf hinzuweisen. Wir wissen alle, wie gern Papa mit geschwellter Brust auf der Terrasse steht, eine Hand an der Balustrade, und etwas vom Wetter und dem Damwild brummt und über die Kaninchen und das undichte Dach schimpft. Nicht dass sich irgendjemand dieser Probleme annehmen würde.

Unser Haus in London ist nicht undicht. Es regnet nicht herein, es klappert nichts, und es wird einem auch nicht das Haar zerzaust, wenn man über den Flur geht. Selbst bei starkem Wind fliegen nicht Teile des Dachs davon wie Wäsche von der Leine. Und wenn es so wäre, würden meine Eltern jemanden kommen lassen, der es repariert. Doch auf Black Rabbit Hall tangiert sie all das nicht. Langsam denke ich sogar, dass sie es insgeheim ganz gerne so haben.

Momentan steht eine Schüssel in der Ecke meines Zimmers auf Black Rabbit Hall, die Toby »Töpfchen« nennt. »Oh, du hast das Töpfchen wieder vollgemacht, Amber!«, johlt er, und ich haue ihm meine Ausgabe von Jane Eyre um die Ohren. Mindestens sechs weitere Eimer und Schüsseln stehen im alten Tanzsaal, der so undicht ist, dass er nur noch von den Kleinen genutzt wird, die mit ihren Dreirädern dort hin und her flitzen.

Mama hält es auf Black Rabbit Hall gerne »einfach«: Wir haben kein richtiges Personal. Nur Peggy, die dort wohnt und für uns kocht, wenn wir da sind; Annie, ein fahriges Mädchen aus dem Dorf, das so tut, als würde es putzen – Peggy hat sie vorletzten Sommer wegen ihrer Faulheit entlassen, aber sie ist trotzdem einfach weiter zur Arbeit erschienen –; eine treue Truppe hochbetagter Tischler, von denen einer ein Glasauge hat, auf das er mit dem Schraubenzieher klopft, wenn man ihn nett bittet; und noch ältere Gärtner, die mit Unterbrechungen schon ihr ganzes Leben lang hier arbeiten, nach Pferdeäpfeln riechen und so aussehen, als könnte jeder keuchende Spatenstich ihr letzter sein. Kein Kindermädchen. Nicht wenn wir in Cornwall sind. Keiner meiner Freunde kann es glauben. Aber Mama will nicht, dass wir von Angestellten aufgezogen werden wie Papa früher und wie Großpapa und all die anderen toten Leute, die auf den Ästen des Stammbaums sitzen, der in der dritten Schublade von Papas Schreibtisch versteckt ist.

Ich liebe es, durch diese Schubladen zu kramen. Da gibt es Bezugsscheinbücher, Gasmasken, eine geladene Pistole, die goldene Locke eines toten Babys, das unsere Großtante gewesen wäre, wenn sie überlebt hätte, meint Papa. Ach ja, und Prinzessin Margarets Handschuh. Das ist schon sehr aufregend.

Von einem Fernsehapparat können wir nur träumen. Sogar das uralte Radio sprüht Funken, wenn man es anmacht. Es hat kaum Empfang, bloß ein abgehackter Strom aus Knacken und Knistern oder kryptische Nachrichten, aufgeschnappt von hiesigen Fischerbooten – über Windgeschwindigkeiten und Makrelenfänge. Die Rohre scheppern und ächzen die ganze Nacht, und wenn jemand eine der großen eisernen Badewannen füllt, klingt es, als täte die Erde sich auf. Es gibt ständig Stromausfall, ein leuchtendes Blitzen, dann Finsternis, und wir müssen mit Öllampen aus der Abstellkammer auskommen, bis jemand die Sache in Ordnung bringen kann, was oft Tage dauert, sodass die Decken vom Lampenrauch ganz schwarz sind.

»Es ist, als wäre das zwanzigste Jahrhundert hier nie angebrochen!«, lacht Mama, als wäre dies das Beste überhaupt statt der Grund, der es mir verleidet, meine Freunde einzuladen. Aber vielleicht nehme ich das nur als Ausrede. In Wahrheit gefällt es mir, wenn nur wir dort sind. Wir brauchen nicht wirklich irgendwen anderen.

Ich ziehe den »Hinternbeißer«, den unbequemsten Rattansessel der Welt, über die Terrasse. Mein Urgroßvater hat ihn aus Bombay mitgebracht, weshalb er nicht ausgetauscht werden darf – wenn ich einmal heirate, werde ich in einem Warenhaus neue Möbel kaufen. Nicht allzu weit von Tobys Stuhl weg stelle ich ihn auf. Trotz des weitläufigen Anwesens scheinen Toby und ich uns hier immer in einem Radius von einem Meter fünfzig voneinander wiederzufinden.

Jetzt befinde ich mich in der besten Position, um die Blitze über dem Wald flimmern zu sehen. Aber das Unwetter ist noch unentschlossen. Als könne es die Energie für einen Ausbruch nicht aufbringen.

Toby sitzt auf der steinernen Balustrade im zitronengelben Sonnenschein und schlenkert träge mit den Füßen. Neben ihm döst die Katze, ihr gefleckter Schwanz schlägt zuckend gegen die winzigen blauen Blumen, die sich im Mörtel angesät haben. Papa stiefelt davon, um sich den Pterodactylus mal anzuschauen, der Barney zufolge im Kamin nisten soll. Mama versucht, Kittys Haare zu kämmen, doch Kitty windet sich und protestiert, wie sie es immer tut, und klammert sich fest an ihr schmuddeliges Stoffding von einer Puppe. Barney stellt ein trübes Kaulquappenglas auf den Boden und fängt an, einen Ball gegen die Wand zu kicken, dass seine erdbeerblonden Locken nur so auf- und abwippen. Das Geräusch von Gummi gegen trockenen Stein klingt wie an jedem anderen sonnigen Frühlingstag, den wir hier schon verbracht haben.

Das ist die Sache. Genau diese Szene kenne ich: Ich auf dem Rattansessel, Toby mit baumelnden Beinen, der mich anschaut und wieder wegschaut, Mama, die Kitty die Haare kämmt, der Geruch von Wäsche und Seetang, mein Verlangen nach etwas, vielleicht einem Ingwerplätzchen – all das wird sich wiederholen, genauso wie dieser Tag die Wiederholung derer ist, die es schon während früherer Ferien gab. Nichts verändert sich groß. Die Zeit ist wie Sirup. Ein Familienscherz besagt, dass eine Black-Rabbit-Stunde doppelt so lange dauert wie eine in London, aber man nur ein Viertel der Dinge erledigt bekommt. Die andere Sache an Black Rabbit Hall ist, dass es sich, wenn man hier ist, so anfühlt, als wäre man schon seit Jahrhunderten hier, aber wenn man dann wieder fährt, hat man das Gefühl, die gesamten Ferien hätten bloß einen Nachmittag gedauert. Vielleicht stört es deswegen keinen, dass alle Uhren hier falsch gehen.

Es passiert nie viel.

Bücher helfen einem dabei, sich die Zeit zu vertreiben. Doch ich habe meinen Roman neben dem Bett liegen lassen und habe keine Lust, all die Stufen in den Turm hinaufzuklettern. Stattdessen drücke ich meine Zehen gegen die Armlehne und gebe mich der bohrenden Folter hin, die der Gedanke an die Party, die ich verpasst habe, mit sich bringt: Vor allem ist da Fred. Der Gedanke an ihn erfüllt mich mit einer seltsam süßen Wärme. Ein langgezogener Seufzer entfährt mir, der wie aus einem Kinofilm und so gar nicht nach mir klingt.

Toby blickt sofort auf, nimmt mich durch die Stacheln seiner feuerroten Wimpern scharf ins Visier, als wüsste er genau, woran ich denke. Ärgerlicherweise werde ich rot und bestätige damit seinen Verdacht.

Toby und ich wurden fünfzehn Minuten nacheinander geboren. Ich kam zuerst. Toby hatte die Nabelschnur um den Hals, und Papa hätte an diesem Tag beinahe seinen männlichen Erben verloren. Wir sind zweieiige Zwillinge, haben uns lediglich Mamas Bauch geteilt, und doch geschehen manchmal merkwürdige Dinge, wie sie eigentlich bloß eineiigen Zwillingen passieren. Als er sich letztes Jahr die Nase gebrochen hat, weil er von der Seilschaukel im Baum gefallen war, bekam ich ohne jeden Grund Nasenbluten. Und wenn ich manchmal unversehens nachts aufwache und rausgehe, kommt es vor, dass ich feststelle, dass auch er gerade aufgewacht ist. Manchmal träumen wir sogar dasselbe, was die beschämende Möglichkeit mit sich bringt, dass er davon träumen wird, Fred zu küssen. Wir lachen über dieselben Dinge – »kaninchenkötteldoofe Dinge«, wie Toby immer sagt. Er muss nicht viel sagen, um mich zum Lachen zu bringen. Schon allein wie er mit jedem beliebigen Muskel im Gesicht zucken kann oder unangenehmes Schweigen mit einem Schimpfwort füllt. Er treibt es gern zu weit. Eigentlich immer. Und es ist meine Aufgabe, ihn im Zaum zu halten. Doch wenn ich nicht wäre, würde er das wohl erst gar nicht machen. Er fällt hin, weil er weiß, dass ich ihn auffange. Manchmal buchstäblich. Normalerweise ist er übersät von blauen Flecken. Wir hassen beide Lakritze.

Fast unser ganzes Leben lang waren Toby und ich gleich groß, auf derselben Stufe, sodass wir uns auf Augenhöhe begegneten und unsere Füße denselben Abstand vom Holzende des Bettes hatten, wenn er sich morgens neben mich fläzt und mich vollquatscht, während ich zu lesen versuche. Aber jetzt bin ich zweieinhalb Zentimeter größer. Ich habe zwei Brüste mit Brustwarzen so hart wie Bonbons (immer noch hoffnungslos winzig, verglichen mit Matildas, aber vielversprechend). Am zweiundzwanzigsten Januar – entdeckt um fünf nach drei in der Mädchentoilette – ist ein klebrig brauner Fleck in meiner Unterwäsche aufgetaucht, etwas, das Mama später als den leisen siegreichen Einzug meiner Periode bestätigte. Doch Toby ist mit vierzehn noch immer der Alte: sehnig, hitzköpfig und »unheimlich schön für einen Jungen«, hat Matilda einmal gesagt und es hinterher abgestritten. Seine Stimme ist krächzig geworden, ein bisschen wie ein Funksignal, und seine Schultern sind breiter, aber wir sehen nicht mehr gleich alt aus. Wir sehen auch nicht mehr sehr nach Zwillingen aus, abgesehen von den Haaren. Ich glaube, ihm gefällt das nicht besonders.

Toby fängt an, das Moos zwischen den grauen Steinen der Balustrade herauszuzupfen, es zu grünen Klumpen zu rollen und sie mit Daumen und Zeigefinger von der Kante zu schnipsen, um zu sehen, wie weit sie springen. So schlagen wir auf Black Rabbit Hall die Zeit tot.

»Hier, könntest du das bitte mal für mich halten, Liebling?«, ruft Mama mir mit einem braunen Haargummi zwischen den Zähnen zu. Über dem Kopf schwenkt sie ein gelbes Band. Ihre Hand, »von Cornwall geheilt«, ist von der Schiene befreit. »Meerwasser verfilzt das Haar ganz schrecklich. Hast du gesehen, in welchem Zustand die Haare deiner kleinen Schwester sind?«

Ich gehe zu Mama hinüber, schwenke das Band herum, während sie bürstet. »Sie hat sich in der Brandung herumgewälzt, Mama.« Anders als der Rest von uns ist Kitty rundlich und spürt die Kälte des Meeres nicht. Und wie Barney hat sie auch keinerlei Angst davor, watet hinein in die Wellen, bis Mama hinterherrennt und sie zurückzerrt, was meines Erachtens ziemlich mutig ist für ein vierjähriges Mädchen. Sie ist schon eine, unsere Kitty.

»Au.« Kitty weicht vor der Bürste zurück. »Du reißt Kitty den Kopf ab, Mama.«

»Du solltest versuchen, keinen Sand in die Haare zu bekommen. Dann müsste Mama ihn dir nicht ständig wieder auskämmen«, mache ich ihr klar.

Kitty schiebt die Unterlippe vor. »Wenn ich ein Krebs wäre, müsste ich mir nicht die Haare kämmen.«

»Dann sag mir Bescheid, wenn es so weit ist, Kitty.« Mama lässt die Bürste Bürste sein und nimmt die Finger, um die Knoten im feinen Haar meiner kleinen Schwester zu lösen. Mama summt leise vor sich hin, das Summen hat sich nicht verändert, seit ich so alt war wie Kitty: Ich könnte das Lied im Schlaf summen, doch ich weiß nicht, wie es heißt. Mama hockt sich hinter Kitty, klemmt sie sich zwischen die Knie, damit sie nicht mehr herumzappeln kann.

»Mama, gehst du mit mir zu dem Versteck im Wald?« Barney köpft den Ball über die Balustrade, schlingt die dürren Ärmchen um Mamas Hals. »Ich will dir das Versteck zeigen.«

»Das Versteck?«, sagt sie, wie Mütter das eben tun, wenn sie nicht richtig zuhören. »Das kannst du mir später zeigen. Nach dem Gewitter. Sachte, sachte, Barney.« Sie löst seine Finger, einen nach dem anderen. »Ich krieg ja keine Luft mehr.«

Mein kleiner Bruder ist wie einer dieser Miniaffen in der Harrods-Tierabteilung, nichts als Wimpern, Unfug und biegsame Gliedmaßen. Er würde so lange über Kopf herumbaumeln, bis seine Augen rot anlaufen. Und am glücklichsten ist er in der Gesellschaft von Tieren: eine Ameisenstraße über seinen Fuß, eine Blindschleiche in seiner hohlen Hand, Kaninchen. Barney liebt Kaninchen. Letztes Jahr hat er ein Babyhäschen auf dem Rasen gefunden, noch mit fest verschlossenen Augen und Fell wie eine Pusteblume, und hat es mit einer Pipette mit Milch gefüttert. Als es ein paar Stunden später starb, hat er einen ganzen Tag lang geweint. Seither sucht er nach einem Ersatz dafür. Aber Barney ist ansonsten keine Heulsuse, nicht wie diese wimmernden kleinen Jungs, die man in den Londoner Parks an der Hand ihrer Nannys sieht. Barney ist zu quirlig, zu neugierig, um lange unglücklich zu sein. Darin ist er wie Toby. Mit dem Unterschied, dass Barney liebend gern alleine herumflitzt – Peggy meint, man sollte ihn an die Leine nehmen –, während Toby mich immer so nah wie möglich um sich haben will. Bis vor kurzem lagen wir gern zusammengekuschelt wie zwei Fragezeichen auf dem Sofa. Unsere Fingerspitzen berührten sich beim Abendessen unterm Tisch. Jetzt passiert das weniger. Wir sind ein bisschen zu alt dafür. Es könnte ja jemand sehen.

»Jetzt, Mama, bitte. Da ist vielleicht ein Dachs in der Falle«, quengelt Barney.

Bei der Falle, einem Käfig aus Zweigen, den Toby für ihn gemacht hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Dachs hineingeht, eher gering. Doch Barney ist überzeugt, dass er ein Dachsjunges fangen wird, das er dann mit der Hand aufziehen kann, auch wenn das noch nie passiert ist und man ein Dachsjunges auch nicht mit der Hand aufziehen sollte, selbst wenn man eines erwischen würde. Sie können furchtbar beißen. Man hat uns vor Dachsen gewarnt. Und vor Brandungsrückströmen, Kreuzottern und Fingerhut.

»Bitte, Mama.«

»Wenn du so viel Energie hast, warum übst du dann nicht, Rad zu schlagen, wie Kitty es dir vorhin gezeigt hat?«

»Ich kann das aber sowieso besser«, sagt Kitty gebieterisch.

»Ja und Rad schlagen ist für Mädchen. Dafür bin ich besser mit Raketen. Du bist ’ne Null mit Raketen, Kitty.«

»Ma-ma, Barney sagt, ich bin ’ne Null mit Raketen …«

»Jetzt zankt euch nicht, ihr beiden. Hier, Toby«, ruft Mama über Kittys Kopf hinweg. »Warum nimmst du deinen kleinen Bruder nicht mit auf einen Streifzug?«

»Muss ich?«

»Jap.«

»Psst!« Toby winkt ihn her. »Hab ’ne bessere Idee.« Er legt eine Mooskugel auf die Balustrade und schießt sie mit Zeigefinger und Daumen über die Terrasse. Barney klettert neben ihn auf die Mauer. »Üben wir ein bisschen zielen?« Toby sieht mich an, obwohl er in Barneys Ohr flüstert.

Ich schüttle den Kopf, als würde ich über all dem stehen.

»Also, du musst den richtigen Moment sorgfältig auswählen, Barney.« Toby rollt eine Mooskugel in der flachen Hand. »Wenn du eine verschießt, steckst du in Schwierigkeiten.«

»Werd ich nicht, Toby. Versprochen.«

»Was denkst du? Unbelebter Gegenstand oder …«, Toby senkt die Stimme, schaut wieder zu mir her und grinst, »… Homo sapiens?«

»Denk nicht mal dran«, fauche ich.

Toby sieht sich auf der Terrasse um. »Okay, dann versuchen wir Peggy. Aber abgemacht, wenn du geschimpft bekommst, bin ich nicht schuld.«

»Abgemacht«, meint Barney.

Ein paar Minuten sitzen sie da und warten, zwei honigbraune Augenpaare mit goldenen Sprenkeln, genau wie Mamas Tigerauge-Ohrringe, richten sich aufmerksam auf das kleine Holztor, das von der Terrasse zum hinteren Teil des Küchengartens führt, wo die Hennen am Boden herumpicken und sich Wäsche auf der Leine bauscht. Ich lehne mich auf meinem Logenplatz zurück und täusche Desinteresse vor.

»Das Ziel ist in Sicht.« Toby wischt sich die roten Locken aus den Augen. Seine Haare können auch nicht stillhalten. Er hat von Natur aus drei Scheitel, wo ihm das Haar in verschiedenen Winkeln vom Kopf wächst, und noch einen Wirbel, sodass er immer aussieht, als hätte er einen Stromschlag bekommen.

ENDE DER LESEPROBE