Bleib nicht zum Frühstück - Susan Elizabeth Phillips - E-Book

Bleib nicht zum Frühstück E-Book

Susan Elizabeth Phillips

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Beschreibung

Die Physikerin Dr. Jane Darlington, Mitte dreißig, hatte nie viel Glück mit den Männern. Doch auf ein Baby will sie keinesfalls verzichten! Und da sie selbst wegen ihres enormen IQ immer gehänselt wurde, sucht sie für ihr Kind einen Vater von eher schlichtem Gemüt. Als sie mit der Sportskanone Cal Bonner bekanntgemacht wird, scheint der passende Kandidat gefunden. Zu spät jedoch bemerkt die junge Mutter in spé, dass ihr gutaussehender „Samenspender“ auch über einen klugen Kopf verfügt …

Die »Chicago Stars«-Reihe:
1. Ausgerechnet den?
2. Der und kein anderer
3. Bleib nicht zum Frühstück!
4. Träum weiter, Liebling
5. Verliebt, verrückt, verheiratet
6. Küss mich, wenn du kannst
7. Dieser Mann macht mich verrückt
8. Verliebt bis über alle Sterne
9. Und wenn du mich küsst

Alle Romane sind eigenständig lesbar.

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Seitenzahl: 625

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Buch

Die Physikerin Professor Jane Darlington ist Mitte Dreißig, gilt als Genie – und ist leider immer noch alleinstehend. Da ihr mit Männern noch nie viel Glück beschieden war und die biologische Uhr laut und vernehmlich tickt, faßt sie eines Tages den Entschluß, sich wenigstens ihren Herzenswunsch zu erfüllen: Sie möchte ein Baby. Eine Vorgabe hat bei der Suche nach dem »Erzeuger« allerdings höchste Priorität: Da Jane schon als Kind wegen ihres beängstigenden Intelligenzquotienten gehänselt wurde, soll der zukünftige Vater ihres Babys zum Ausgleich möglichst ein bißchen weniger klug sein ...

Leider vertraut sich Jane ausgerechnet ihrer boshaften Nachbarstochter Jodie an, und die ist zufällig gut bekannt mit Cal Bonner, dem Superstar des Chicagoer Footballteams. Jodie fädelt prompt eine Begegnung zwischen der Professorin und der Sportskanone ein – läßt Cal jedoch über Janes wahre Absichten im unklaren. Zu spät merkt die junge Mutter in spe, daß ihr verdammt gutaussehender »Samenspender« auch über ein kluges Köpfchen verfügt – und daß er ganz altmodisch ehrbare Absichten hegt ...

Autorin

Susan Elizabeth Phillips wurde bereits für ihr erstes Buch mit verschiedenen Auszeichnungen geehrt – u. a. mit dem Preis für das »Lieblingsbuch des Jahres« der Romance Writers of America – und schaffte den Sprung auf die Bestsellerlisten. Die Schriftstellerin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Chicago.

www.susan-elizabeth-phillips.de

Susan Elizabeth Phillips

Bleib nicht zum Frühstück!

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Uta Hege

Blanvalet

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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Nobody’s Baby But Mine« bei Avon Books, The Hearst Corporation, New York

Deutsche Erstausgabe Oktober 1998 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Covergestaltung und - motiv: www.buerosued.de Mm • Herstellung: René Fink Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-10753-6V009

www.blanvalet.de

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Anmerkung der Autorin

Liebe Leserin,

 

am Abend, bevor unser jüngster Sohn ins College abreiste, saß ich am Fuß der Treppe, sah mir seine dort aufgestapelten Habseligkeiten an und weinte mir die Augen aus dem Kopf. Ich war noch nicht bereit dazu, diesen Teil meines Lebens als beendet anzusehen. Während ich die Jahre zurückspulte, erinnerte ich mich daran, welche Sehnsucht mich als junge Frau nach diesem Baby erfüllt hatte. Im selben Moment kam mir die Idee zu Bleib nicht zum Frühstück!

Suchen Sie sich eine gemütliche Ecke, ein lauschiges Plätzchen, und kommen Sie mit mir auf eine ganz besondere Reise, auf der es weder an Liebe noch an Leidenschaft mangeln wird. Begegnen Sie einer liebenswerten Frau, die in mancherlei Hinsicht äußerst clever, in anderer Hinsicht jedoch ebenso schwer von Begriff ist wie wir alle, und treffen Sie außerdem auf ein Ehepaar, das beinahe aus den Augen verloren hätte, wie wichtig man füreinander ist.

Bleib nicht zum Frühstück! ist ein prickelnder, doch zugleich auch zärtlicher und lustiger Roman, bei dessen Lektüre man hier und da vielleicht sogar genüßlich eine Träne vergießt. Kuscheln Sie sich also in Ihren Lieblingssessel und tauchen Sie ein in die Geschicke dieser bisweilen nervtötenden, keineswegs zueinander passenden, aber mehr als liebenswerten Menschen.

Viel Spaß beim Lesen, Ihre Susan Elizabeth Phillips

Für meine Mutter

1

»Daß ich euch richtig verstehe«, sagte Jodie Pulanski. »Als Geburtstagsgeschenk für Cal Bonner habt ihr also eine Frau geplant.«

Die drei Linienspieler, die den Novemberabend am hintersten Tisch in Zebras Bar, der im DuPage County gelegenen Lieblingskneipe der Footballspieler der Chicago Stars, verbrachten, nickten, und Junior Duncan bedeutete der Serviererin, daß eine weitere Runde willkommen sei. »Er wird sechsunddreißig. Also soll er etwas ganz Besonderes bekommen.«

»Schwachsinn«, befand Jodie. Jeder, der auch nur die geringste Ahnung von Football hatte, wußte, daß sich Cal Bonner, der brillante Quarterback der Stars, seit Beginn der Saison aufbrausend, jähzornig und im allgemeinen einfach unerträglich aufführte. Bonner, der wegen seiner Vorliebe für explosive Pässe der »Bomber« hieß, war der höchstrangige Quarterback der AFC, der American Football Conference – und eine Legende.

Jodie kreuzte ihre Arme über dem figurbetonten weißen Pullunder, der Teil ihrer Arbeitsgarderobe war. Weder ihr noch einem der drei Männer kam der moralische Aspekt oder gar die politische Korrektheit ihrer Unterhaltung in den Sinn. Schließlich ging es um ein Mitglied der NFL, der National Football League. »Ihr meint also, wenn ihr ihm eine Frau besorgt, setzt er euch nicht mehr so unter Druck«, stellte sie sachlich fest.

Willie Jarrell senkte den Blick seiner von dichten Wimpern umgebenen, braunen Augen auf sein Bier. »Der Mistkerl hat uns in letzter Zeit das Leben zur Hölle gemacht. Niemand hält es mehr in seiner Nähe aus.«

Junior schüttelte den Kopf. »Gestern hat er Germaine Clark einen Anfänger geschimpft. Germaine!«

Jodie zog eine ihrer Brauen hoch, die dank freigebig aufgetragener Kosmetik um mehrere Schattierungen dunkler als ihre messingfarbenen Haare waren. Germaine Clark galt durch und durch als Profi und als einer der gefährlichsten Abwehrspieler in der NFL. »Soweit ich weiß, hat der Bomber bereits mehr Frauen, als er bewältigen kann.«

Junior nickte. »Allerdings schläft er offenbar mit keiner von ihnen.«

»Was?«

»Es stimmt«, meldete sich Chris Plummer, der linke Stürmer, zu Wort. »Aber das wissen wir selbst erst seit kurzer Zeit. Seine Freundinnen haben sich mit unseren Frauen unterhalten, und es scheint, daß Cal sie nur zum Angeben benutzt.«

Willie Jarrell hob den Kopf. »Vielleicht würde er von ihnen ja eher angetörnt, wenn er warten würde, bis sie ihren Windeln entwachsen sind.«

Junior nahm diese Bemerkung durchaus ernst. »So etwas darfst du nicht sagen, Willie. Du weißt, daß Cal mit keinem Mädchen etwas anfängt, das unter zwanzig ist.«

Cal Bonner mochte älter werden, aber die Frauen in seinem Leben blieben jung. Niemand hatte ihn je mit einem Mädchen über zweiundzwanzig ausgehen sehen.

»Soweit wir wissen«, sagte Willie, »hat der Bomber seit dem Ende seiner Beziehung zu Kelly mit keiner Frau mehr geschlafen, und das war im Februar. Wenn ihr mich fragt, ist das einfach nicht normal.«

Kelly Berkley war Cals wunderschöne, einundzwanzigjährige ständige Begleiterin gewesen, bis sie es satt hatte, auf einen Ehering zu warten, der wohl niemals käme; daher lief sie mit dem dreiundzwanzigjährigen Gitarristen einer Heavy Metal Band auf und davon. Seither hatte Cal Bonner seine gesamte Energie in das Gewinnen der Footballspiele, in den allwöchentlichen Wechsel seiner Freundinnen und in das Tyrannisieren seiner Teamkollegen gesteckt.

Jodi Pulanski war das Lieblingsgroupie der Stars, und wiewohl noch deutlich unter dreiundzwanzig, kam keiner der Männer auf die Idee, sie Cal Bonner als Präsent zum Geburtstag anzubieten. Es war eine allgemein bekannte Tatsache, daß er sie bereits mindestens ein Dutzend Male zurückgewiesen hatte. Weshalb der Bomber zuoberst auf der Liste von Jodies persönlichen Feinden stand, obgleich sie sonst um jeden Preis auf eine Vergrößerung ihrer Sammlung blau-goldener Stars-Trikots in ihrem Schlafzimmerschrank  – eins von jedem Spieler, mit dem sie sich amüsiert hatte – versessen war.

»Was wir brauchen, ist jemand, der ihn nicht an Kelly erinnert«, meinte Chris.

»Das bedeutet, daß sie wirklich Klasse haben muß«, fügte Willie erläuternd hinzu. »Außerdem sollte sie vielleicht ein bißchen älter sein. Wir denken, es täte dem Bomber gut, wenn er es mal mit einer Frau so um die fünfundzwanzig probieren würde.

»Mit so was wie Würde!« Junior nippte gedankenverloren an seinem Bier. »Eine Frau, die gesellschaftsfähig ist.«

Jodie war nicht gerade für ihren Grips bekannt, aber selbst sie erkannte, daß diese Ansprüche gewisse Probleme aufwarfen. »Ich kann mir nicht vorstellen, daß allzu viele Frauen davon träumen, das Geburtstagsgeschenk eines wildfremden Mannes zu sein. Auch nicht, wenn dieser Mann Cal Bonner heißt.«

»Ja, das haben wir uns auch gedacht. Wahrscheinlich bleibt uns nichts anderes übrig, als uns nach einer geeigneten Mieze umzusehen.«

»Nach einer mit Stil«, fügte Willie hastig hinzu, da Cal, wie jeder wußte, kein Freund von käuflicher Liebe war.

Junior starrte trübsinnig in sein Bier. »Aber wir haben bisher absolut keine passende gefunden.«

Jodie kannte ein paar nette Girls, aber keine von ihnen entsprach ihren Vorstellungen von einer Klassefrau. Ebensowenig wie die Mädchen, mit denen sie durch die Gegend zog. Ihre Freundinnen waren eine Gruppe vergnügungssüchtiger, partybegeisterter Mädchen, die nichts taten, als mit so vielen professionellen Sportlern zu schlafen, wie irgend möglich. »Und was wollt ihr von mir?«

»Wir wollen, daß du deine Connections benutzt und jemanden findest, der unseren Vorstellungen entspricht«, erklärte Junior. »Bis zu seinem Geburtstag haben wir noch zehn Tage Zeit, also eilt es einigermaßen.«

»Und was springt für mich dabei heraus?«

Da ihre Sammlung bereits die Trikots dieser drei Helden umfaßte, warf diese Frage gewisse Komplikationen auf. Chris sah sie vorsichtig an: »Bist du vielleicht an irgendeiner bestimmten Nummer als Andenken interessiert?«

»Außer der achtzehn«, warf Willie eilig ein, da achtzehn die Nummer des Bombers war.

Jodie tat so, als denke sie nach. Statt dem Bomber eine Dame zu beschaffen, ginge sie natürlich lieber selbst mit ihm ins Bett; aber es gab tatsächlich noch eine Alternative von Interesse für sie. »Allerdings. Wenn ich ein passendes Geburtstagsgeschenk auftreibe, gehört mir dafür die Nummer zwölf.«

Die Männer stöhnten auf. »Scheiße, Jodie, Kevin Tucker macht sowieso schon mit viel zu vielen Frauen rum.«

»Das ist euer Problem.«

Tucker war der Ersatz-Quarterback der Stars. Jung, aggressiv und in höchstem Maße talentiert, sollte er die Nachfolge für die Startposition antreten, wenn Cal aufgrund seines Alters oder infolge einer Verletzung für den Job nicht mehr in Frage käme. Auch wenn die beiden Männer in der Öffentlichkeit höflich miteinander umgingen, waren sie doch erbitterte Konkurrenten, und aufgrund dieses Hasses erschien Kevin Tucker Jodie um so begehrenswerter.

Widerstrebend erklärten sich Willie und Junior bereit, dafür zu sorgen, daß Tucker seinen Teil der Abmachung erfüllte, wenn sie tatsächlich ein geeignetes Geburtstagsgeschenk auftrieb.

Zwei neue Kunden betraten das Lokal, und da Jodie die Empfangsdame von dieser Bar war, stand sie auf und wandte sich den beiden zu. Auf dem Weg zur Tür ging sie im Geiste die Liste ihrer weiblichen Bekannten durch, doch keine von ihnen kam in Frage für den Job. Sie hatte eine Menge Freundinnen, aber nicht eine einzige von ihnen konnte man auch nur ansatzweise als Klasse-Frau bezeichnen.

 

Zwei Tage später grübelte Jodie immer noch über diese Frage nach, während sie mit einem dicken Kopf in die Küche des Hauses ihrer Eltern in Glen Ellyn, Illinois, trottete, in das sie bis zur Begleichung der Schulden ihrer Visa-Card übergangsweise wieder eingezogen war. Dieser Samstagvormittag gefiel ihr: Ihre Eltern unternahmen einen Wochenendausflug, und sie brauchte erfreulicherweise erst um fünf zu arbeiten, da sie infolge der wilden Party vom Vorabend an einem grauenhaften Kater litt.

Sie öffnete die Schranktür und entdeckte nichts außer einer Dose koffeinfreien Kaffees. Verdammt. Draußen hatte ein widerlicher Schneeregen eingesetzt, und ihr Schädel dröhnte so furchtbar, daß Autofahren unmöglich war – aber wenn sie nicht im Laufe des Tages ihre Ration Koffein bekam, wäre ihre Laune sicher zum Absturz verurteilt.

Alles lief verkehrt. Heute nachmittag spielten die Stars in Buffalo, so daß nach dem Match mit keinem der Spieler im Zebra zu rechnen war. Und wenn sie sie endlich wiedersähe, wie sollte sie ihnen ihre erfolglose Suche nach einem Geburtstagsgeschenk beibringen? Einer der Gründe, weshalb die Stars sie so umwarben, lag in der hohen Anzahl ihrer zur Verfügung stehenden Freundinnen.

Sie blickte aus dem Küchenfenster und sah Licht im Hause der alten Jungfer. Alte Jungfer lautete Jodies Spitzname für die Nachbarin ihrer Eltern, Dr. Jane Darlington. Sie war keine Ärztin, sondern eine Dr. rer. nat., und Jodies Mom schwärmte ständig davon, was für ein wunderbarer Mensch sie sei, weil sie den Pulanskis, seit sie vor ein paar Jahren hierhergezogen waren, stets durch die manchmal notwendige Annahme ihrer Post und mit anderen Nettigkeiten behilflich war. Vielleicht half sie ihr ja jetzt auch mit ein wenig Kaffee aus?

Sie schminkte sich provisorisch, schlüpfte, ohne sich die Mühe zu machen, Unterwäsche anzuziehen, in ein Paar enger schwarzer Jeans, Willie Jarrells Trikot und ihre warmen Boots; dann machte sie sich, mit einer Tupperdose bewaffnet, auf den Weg.

Trotz des Schneeregens hatte sie keine Jacke angezogen, und bis Dr. Jane endlich an die Haustür kam, zitterte sie wie Espenlaub. »Hallo!«

Dr. Jane stand hinter der Tür und starrte sie durch eine altjüngferliche, überdimensionale, schildpattgerahmte Brille an.

»Ich bin Jodie, die Tochter der Pulanskis. Von nebenan.«

Immer noch machte diese Schachtel die Tür nicht auf.

»Hören Sie, hier draußen ist es verdammt kalt. Könnte ich vielleicht kurz reinkommen?«

Endlich öffnete die alte Jungfer ihr. »Tut mir leid. Ich habe Sie nicht erkannt.«

Jodie betrat das Haus, und bereits nach zwei Sekunden hatte sie erfaßt, weshalb Dr. Jane sie so zögerlich hereingelassen hatte. Irgendwie schwamm es hinter ihren Brillengläsern, und ihre Nase glänzte leuchtend rot. Wenn Jodie nicht infolge ihres Katers einem Trugschluß aufsaß, dann hatte sich Dr. Jane gerade die kurzsichtigen Augen aus dem Kopf geheult.

Die alte Jungfer war relativ groß, vielleicht einen Meter fünfundsiebzig, und Jodie mußte zu ihr aufblicken, als sie ihr ihr Bettelgefäß entgegenhielt. »Könnten Sie mir vielleicht ein paar Löffel Kaffee leihen? Wir haben nur noch koffeinfreien im Haus, aber der reicht mir heute morgen nicht.«

Zögernd nahm ihr Dr. Jane die Dose aus der Hand. Da sie Jodie nicht gerade als geizig bekannt war, bedeutete ihre Reaktion wahrscheinlich Ärger über diese Störung. »Ja, ich – mmh – ich hole Ihnen welchen.« Offensichtlich in der Erwartung, daß die unerwünschte Besucherin im Flur warten würde, zog sie los; aber bis zum Beginn der Spielvorschau hatte Jodie nichts zu tun, deshalb konnte sie ebensogut ihrer Nachbarin folgen und sich deren Behausung einmal ansehen.

Sie durchquerten ein Wohnzimmer, das auf den ersten Blick recht langweilig erschien: weiße Wände, bequeme Möbel und jede Menge trostlos wirkender Bücher im Regal. Jodie wollte gerade weitergehen, als ihr Blick auf die gerahmten Poster an den Wänden fiel. Sie schienen alle von derselben Person, einer Frau namens Georgia O’Keeffe, zu sein, und auch wenn Jodie zugegebenermaßen eine schmutzige Phantasie besaß, konnte dies nicht allein eine Erklärung dafür sein, daß sie in all diesen Blumen weibliche Geschlechtsorgane sah.

Unter den Blütenblättern kamen feuchte, verborgene, dunkle Höhlen zum Vorschein. Eins der Gemälde zeigte – Himmel! – eine Venusmuschel, in deren Innerstem eine kleine, feuchte Perle angedeutet war, und selbst der argloseste Mensch hätte da sicher zweimal hingeschaut. Sie fragte sich, ob die alte Jungfer vielleicht eine Lesbe war. Weshalb sollte sie sonst Gefallen daran finden, sich jedesmal, wenn sie ihr Wohnzimmer betrat, blumige Muschis anzusehen?

Jodie wanderte weiter in die lavendelfarben gestrichene Küche, vor deren Fenstern sich hübsche, ebenfalls blumenverzierte Vorhänge rüschten. Allerdings waren diese Blumen im Gegensatz zu denen auf den Postern im Wohnzimmer normal. Alles in der Küche wirkte fröhlich und aufgeräumt, abgesehen von ihrer Besitzerin, die Jodie würdevoller als der liebe Gott erschien.

In der maßgeschneiderten Hose mit den ordentlichen braun-schwarzen Karos und dem weichen, weizenfarbenen Pullover, der bestimmt Kaschmirqualität besaß, kam ihr Dr. Jane wie eine dieser adretten, langweiligen, mit Vorliebe Tweed tragenden Pomeranzen vor. Trotz ihrer Größe wies sie allerdings feine Knochen, wohlgeformte Beine und eine schlanke Taille auf. Abgesehen von den fehlenden Möpsen hatte sie eine geradezu beneidenswerte Figur.

In ihrem kinnlangen hellblonden Haar schimmerten flachs-, platin- und goldfarbene Strähnen, die es unmöglich aus der Tube gab. Allerdings hatte sie es zu einer dieser konservativen Frisuren arrangiert, in der sich Jodie noch nicht einmal tot hätte sehen lassen – es war lose aus der Stirn gekämmt und wurde von einem schmalen, braunen Samtreif gehalten – der Inbegriff des Grauens.

Jodie wandte leicht den Kopf, um sie noch besser betrachten zu können. Schade, daß sie diese riesige, spießige Brille trug, denn das Grün ihrer Augen fiel wirklich positiv auf. Auch Stirn und Nase hatten eine schöne Form. Ihr Mund war mit seiner dünnen Oberlippe und der vollen Unterlippe zumindest interessant und ihre Haut einfach toll. Leider machte sie nichts aus sich. Jodie hätte viel mehr Make-up aktiviert. Alles in allem war die alte Jungfer selbst mit den rotgeränderten Augen eine gutaussehende, wenn auch einschüchternde Person.

Sie drückte den Deckel auf die Tupperdose und hielt sie Jodie hin, die, gerade, als sie sie nehmen wollte, das zerknüllte Geschenkpapier und den kleinen Stapel Präsente auf dem Küchentisch liegen sah.

»Ist heute ein besonderer Tag?«

»Nicht der Rede wert. Ich habe Geburtstag, sonst nichts.« Ihre Stimme klang gleichzeitig weich und heiser, und zum ersten Mal fielen Jodie die in ihrer Hand zerknüllten Taschentücher auf.

»Nein, wirklich? Gratuliere.«

»Vielen Dank.«

Ohne darauf zu achten, daß Dr. Jane ihr immer noch die Tupperdose entgegenhielt, trat Jodie an den Tisch und sah sich die Geschenke an: eine armselige kleine Schachtel mit schlichtem, weißem Briefpapier, eine elektrische Zahnbürste, ein Kugelschreiber und ein Geschenkgutschein für Jiffy Lube. Einfach jämmerlich. Nicht ein einziges heißes Kleidungsstück war dabei.

»Was für eine Pleite!«

Zu ihrer Überraschung lachte Dr. Jane tatsächlich leise auf. »Da haben Sie wohl recht. Meine Freundin Caroline findet immer das perfekte Geschenk, aber sie ist im Augenblick zu archäologischen Ausgrabungen in Äthiopien unterwegs.« Und dann rann zu allem Überfluß eine weitere Träne unter den Brillengläsern der alten Jungfer hervor und kullerte ihr über die Wangen.

Dr. Jane tat, als wäre nichts geschehen, aber die Geschenke waren wirklich jämmerlich, und unwillkürlich wallte in Jodie Mitleid auf. »Also bitte, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Wenigstens brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, daß irgendwas nicht paßt oder so.«

»Tut mir leid. Ich sollte nicht ... Sie preßte die Lippen zusammen, aber trotzdem brach sich unter dem Rand ihrer Brille eine weitere Flut Bahn.

»Schon gut. Setzen Sie sich. Ich koche uns erst mal einen Kaffee.« Sie drückte Dr. Jane auf einen der Küchenstühle und trug die Tupperdose hinüber zur Anrichte, auf der die Kaffeemaschine stand. Gerade, als sie sich nach den Filtertüten erkundigen wollte, sah sie, daß Dr. Janes Stirn von tiefen Falten durchzogen war und daß sie, um sich zu beruhigen, Atemübungen machte; also öffnete sie einfach eine Reihe von Schranktüren, bis das Gesuchte auftauchte.

»Und, wie alt sind Sie geworden, wenn ich fragen darf?«

»Vierunddreißig.«

Jodie war ehrlich überrascht. Sie hätte Dr. Jane auf höchstens Ende Zwanzig geschätzt. »Oje, dann liegt das Ganze wohl total daneben.«

»Tut mir leid, daß ich mich so gehenlasse.« Sie betupfte ihre Nase mit einem Taschentuch. »Normalerweise bin ich weniger emotional.«

Ein paar vergossene Tränen bedeuteten nach Jodies Meinung noch lange nicht, daß sich ein Mensch gehen ließ; aber für eine derart zugeknöpfte Person wie Dr. Jane waren sie wahrscheinlich bereits ein ernst zu nehmendes Anzeichen von Hysterie. »Wie gesagt, kein Problem. Haben Sie zufällig irgendwo ein paar Doughnuts oder so?«

»Im Kühlschrank müßten noch ein paar Vollkornmuffins sein.«

Jodie verzog das Gesicht und kehrte an den Tisch zurück. Er war klein und rund, mit einer Glasplatte, und die Metallstühle sahen aus, als gehörten sie eher in den Garten. Sie nahm Dr. Jane gegenüber Platz.

»Von wem haben Sie die Geschenke?«

Die Dame setzte eines jener Lächeln auf, das den Wunsch nach etwas mehr Distanz verriet. »Von meinen Kollegen.«

»Sie meinen, von den Leuten, mit denen Sie arbeiten?«

»Genau. Von meinen Kollegen bei Newberry und einem meiner Freunde beim Preeze-Labor.«

Vom Preeze-Labor hatte Jodie noch nie zuvor gehört, aber Newberry war eins der nobelsten Colleges der Vereinigten Staaten – zum unbändigen Stolz der Einwohner des DuPage County.

»Aha. Unterrichten Sie nicht Naturwissenschaften oder so?«

»Ich bin Physikerin und unterrichte die höheren Semester in relativer Quantenfeldtheorie. Außerdem erforsche ich im Preeze-Labor zusammen mit anderen Physikern Quarks.«

»Ohne Scheiß! Dann müssen Sie ja auf der High-School ein echtes As gewesen sein.«

»Ich habe nicht allzu viel Zeit auf der High-School verbracht, weil ich mit vierzehn aufs College gegangen bin.« Wieder rollte ein Bächlein über ihr Gesicht, doch zugleich setzte sie sich, wenn es überhaupt möglich war, noch aufrechter hin als vorher.

»Mit vierzehn? Das ist ja wohl ein Witz.«

»Als ich einundzwanzig wurde, hatte ich bereits meinen Doktor.« Jetzt brach sich ihr Elend endgültig Bahn, so daß sie die Ellbogen auf die Tischplatte stützte, die Hände zu Fäusten ballte und den Kopf sinken ließ. Ihre Schultern bebten, aber sie gab nicht das leiseste Geräusch von sich, und der Anblick dieser sich beinahe auflösenden Wissenschaftlerin war derart ergreifend, daß Jodie abermals ehrliches Mitgefühl empfand. Zugleich allerdings war ihre Neugierde geweckt.

»Haben Sie vielleicht Ärger mit Ihrem Freund?«

Dr. Jane schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Freund mehr seit Dr. Craig Elkhart. Wir waren sechs Jahre zusammen.«

Also konnte sie doch nicht lesbisch sein. »Das ist eine lange Zeit.« Trotz der tränennassen Wangen reckte die Professorin mit einem Mal trotzig das Kinn. »Er hat gerade eine zwanzigjährige Datenverarbeiterin namens Pamela geehelicht. Als er mich verließ, sagte er: ›Tut mir leid, Jane, aber du machst mich einfach nicht mehr an.‹«

Angesichts von Dr. Janes so zugeknöpfter Persönlichkeit hatte Jodie ein gewisses Verständnis für seine Sicht; aber so etwas zu sagen, fand sie trotzdem ziemlich mies. »Männer sind Arschlöcher.«

»Aber das ist nicht einmal das Schlimmste.« Sie faltete ihre Hände und legte sie auf den Tisch. »Das Schlimmste ist, daß wir sechs Jahre zusammen waren und er mir gar nicht fehlt.«

»Warum sind Sie dann so fertig?« Der Kaffee war durchgelaufen, und sie stand auf und schenkte ihnen beiden ein.

»Es liegt nicht an Craig. Ich bin einfach ... ach, im Grunde ist es nichts. Warum lasse ich mich nur so gehen? Es paßt so wenig zu mir.«

»Sie sind vierunddreißig Jahre alt und irgend jemand hat Ihnen einen Gutschein für Jiffy Lube zum Geburtstag geschenkt. Da ist es ja wohl normal, daß einen so was fertigmacht.«

Dr. Jane erschauerte. »In diesem Haus bin ich aufgewachsen, wußten Sie das? Nach Dads Tod wollte ich es verkaufen, aber ich habe es bisher einfach nicht geschafft.« Ihre Stimme bekam einen wehmütigen Klang, als hätte sie vergessen, daß Jodie ihr gegenübersaß. »Damals habe ich gerade ultrarelativistische Schwerionenkollisionen erforscht, und der Verkauf hätte mich zu sehr abgelenkt. Meine Arbeit stand für mich immer im Mittelpunkt. Bis ich dreißig war, hat mir das genügt. Aber seither jagt ein Geburtstag den anderen.«

»Und schließlich haben Sie festgestellt, daß dieses Physikzeugs, wenn man nachts im Bett liegt, einen nicht besonders erregt. Habe ich recht?«

Sie fuhr zusammen, als hätte sie ganz vergessen, daß sie nicht alleine war. »Das ist es nicht nur. Offen gestanden finde ich, daß Sex heutzutage eine viel zu große Bedeutung beigemessen wird.«« Unbehaglich blickte sie auf ihre gefalteten Hände. »Es ist mehr ein Gefühl der Verbundenheit mit einem Menschen, das mir fehlt.«

»Ich halte es für eine ziemlich große Verbundenheit, wenn man zusammen mit jemandem die Matratze brennen läßt.«

»Tja, vorausgesetzt, daß man sie zum Brennen bringt. Persönlich...« Sie schneuzte sich, stand auf und schob das Taschentuch in ihre Hose, wo es nur eine kleine Beule verursachte. »Wenn ich von Verbundenheit rede, dann meine ich etwas Dauerhafteres als Sex.«

»Etwa irgendwas Religiöses?«

»Nicht unbedingt, obgleich mir Religion durchaus wichtig ist. Ich meine eine Familie. Kinder. Solche Dinge.« Sie straffte die Schultern und sah Jodie mit einem entschuldigenden Lächeln an. »Aber jetzt habe ich mich mehr als genug im Selbstmitleid geaalt und Sie mit meinen Problemen belästigt. Ich fürchte, heute ist Besuch halt ungünstig...«

»Jetzt hab’ ich es! Sie wünschen sich ein Kind!«

Dr. Jane schob die Hand in die Hosentasche und zog abermals das Taschentuch heraus. Ihre Unterlippe zitterte und ihr Gesicht war eine einzige große Knitterfalte, als sie sich wieder auf ihren Stuhl sinken ließ. »Craig hat mir gestern erzählt, daß Pamela schwanger ist. Es ist keine ... ich bin nicht eifersüchtig auf sie. Ehrlich gesagt interessiert er mich einfach nicht mehr genug, als daß ich mich zu Eifersucht aufraffen könnte. Im Grunde hätte ich ihn sowieso nicht heiraten wollen. Das war nie meine Absicht. Aber ...« Ihre Stimme wurde leiser. »Nur...«

»Nur hätten Sie selbst gern ein Kind!«

Heftig nickte sie mit dem Kopf. »Ich sehne mich schon so lange nach einem Baby. Jetzt bin ich vierunddreißig und meine biologischen Fähigkeiten laufen allmählich ab.«

Jodie warf einen Blick auf die Küchenuhr. Sie interessierte sich durchaus für Dr. Janes Geschichte, aber in diesem Augenblick fing die Sportschau an. »Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich Ihren Fernseher anstelle, während wir uns weiter unterhalten?«

Dr. Jane wirkte so verwirrt, als wüßte sie nicht genau, was ein Fernseher war, doch dann nickte sie. »Das geht schon in Ordnung.«

»Prima.« Jodie nahm ihren Becher, marschierte ins Wohnzimmer, setzte sich auf die Couch und fischte die Fernbedienung unter einem Stapel von Fachzeitschriften hervor. Da im Augenblick noch eine Bierwerbung lief, drückte sie die Stumm-Taste.

»Sie wünschen sich ernsthaft ein Baby? Obwohl Sie alleinstehend sind?«

Dr. Jane setzte sich in den rüschengesäumten Polstersessel direkt unter dem Venusmuschelbild. Sie preßte die Beine zusammen und stellte die Füße nebeneinander, so daß es zu einer Berührung ihrer beiden Knöchel kam. Sie hatte wunderbare Fesseln, stellte Jodie fest, schlank und wohlgeformt.

Wieder wurde sie so steif, als hätte ihr jemand ein Brett ins Kreuz geschnallt. »Ich habe lange darüber nachgedacht. Heiraten kommt für mich nicht in Frage, dafür ist mir meine Arbeit zu wichtig – aber mehr als alles andere wünsche ich mir ein Kind. Und ich wäre sicher eine gute Mutter. Heute ist mir klargeworden, daß sich dieser Traum wohl nie erfüllen wird, und deshalb bin ich so deprimiert.«

»Ein paar alleinerziehende Mütter kenne ich auch. Das ist nicht gerade leicht. Aber Sie haben einen vernünftigen Job, also dürfte es für Sie weniger schwierig sein.«

»Die wirtschaftliche Seite fürchte ich nicht. Aber ich sehe einfach keine Möglichkeit, wie sich die Zeugung realisieren ließe.«

Jodie starrte sie mit großen Augen an. Für eine so intelligente Frau stellte sich die Gute einigermaßen dämlich an. »Sie meinen, Sie finden keinen Mann?«

Die Hausherrin nickte.

»Auf dem College hängen sicher jede Menge Kerle rum. Das ist doch das wenigste. Laden Sie einen von denen ein, machen Sie Musik, servieren Sie ihm ein paar Biere und legen Sie ihn flach.«

»Oh, ich kann unmöglich jemanden nehmen, den ich kenne.«

»Dann reißen Sie einen Typen in einer Kneipe auf.«

»Das könnte ich nie. Ich muß sicher sein, daß er keine gesundheitlichen Probleme hat.« Ihre Stimme wurde leise. »Und außerdem wüßte ich sowieso nicht, wie ich einen Fremden auf mich aufmerksam machen soll.«

Das hinwiederum erschien Jodie eine Kleinigkeit, auf diesem Gebiet war sie zweifellos beschlagener als Dr. Jane. »Wie wäre es dann mit einer – na, Sie wissen schon – mit einer Samenbank?«

»Auf keinen Fall. Zu viele Samenspender studieren Medizin.«

»Na und?«

»Ich möchte keinen Intelligenzler als Vater für mein Kind.«

Jodie war so überrascht, daß sie vergaß, den Ton des Fernsehers wieder anzustellen, obwohl statt der Bierreklame inzwischen ein Interview mit dem Coach, also Trainer der Stars, Chester »Duke« Raskin, auf dem Bildschirm lief.

»Sie wollen einen dummen Erzeuger?«

Dr. Jane lächelte. »Ich weiß, daß das seltsam klingt – aber ein Kind hat es sehr schwer, wenn es klüger ist als alle anderen. Seine Intelligenz verurteilt es zum Außenseiter. Aus diesem Grund käme niemals der brillante Craig oder auch nur etwa ein durchschnittlicher Samenspender in Frage. Ich brauche einen Mann, der meine eigenen genetischen Veranlagungen ausgleicht. Aber die Männer, denen ich normalerweise begegne, sind immer zu schlau.«

Jodie kam zu dem Schluß, daß Dr. Jane tatsächlich mehr als nur ein bißchen verschroben sein mußte. »Sie meinen, weil Sie so intelligent sind, brauchen Sie einen Idioten als Vater für Ihr Kind?«

»Genau – ich ertrage den Gedanken nicht, daß mein Kind dasselbe durchmachen muß wie ich in der Schulzeit. Und selbst heute noch. Nun, aber darum geht es nicht. Die Sache ist die: so sehr ich mir auch ein Kind wünsche, darf ich doch dabei nicht nur an mich denken.«

Plötzlich entdeckte Jodie auf dem Bildschirm ein neues Gesicht. »Oh, Himmel, einen Augenblick, das muß ich hören.« Sie schnappte sich die Fernbedienung und drückte auf den Lautstärkeregler.

Paul Fenneman, ein Sportreporter von Network, machte ein Interview mit Cal Bonner, und Jodie wußte, daß der Bomber Fenneman nicht ausstehen konnte. Der Reporter war berühmt für seine albernen Fragen, und der Bomber hatte Blödmännern gegenüber nur mäßige Geduld.

Das Interview fand auf dem Parkplatz des Star-Geländes statt, das am Rande von Naperville, der größten Stadt im DuPage County, lag. Fenneman sprach in die Kamera, und er schaute dabei so feierlich drein, als ginge es um ein internationales Gipfeltreffen. »Ich spreche mit Cal Bonner, dem besten Quarterback der Stars.«

Die Kamera richtete sich auf Cal, und Jodie schwitzte sowohl vor Lüsternheit als auch Haß. Verdammt, trotz seines beträchtlichen Alters war er wirklich heiß.

Er stand vor dieser riesigen Harley und trug Jeans mit einem engen schwarzen T-Shirt, das ein paar der besten Muskeln des Teams mehr als nur erahnen ließ. Einige der Typen waren so aufgepumpt, daß sie aussahen, als bestünde jeden Moment Explosionsgefahr, aber Cal war perfekt. Und auch sein kräftiger Hals machte ihn nicht gleich zu einem Stiernacken wie die meisten anderen. Sein braunes Haar war leicht gelockt, und er trug es aus praktischen Gründen kurz. So war der Bomber nun einmal. Er hatte keine Geduld für Sachen, die er als unwichtig erachtete.

Mit einssechsundachtzig überragte er die meisten anderen Quarterbacks. Außerdem war er schnell, gewitzt und verfügte über die geradezu telepathische Fähigkeit, Taktiken der gegnerischen Verteidigung zu durchschauen, worüber nur die allerbesten Spieler verfügten. Er war eine fast ebensolche Legende wie der große Joe Montana, und die Tatsache, daß die Nummer achtzehn wohl niemals in Jodies Kleiderschrank hängen würde, verzieh sie ihm nie.

Nachdem Cal die Reporterwanze Paul Fennegan mittels beißendem Hohn und Spott abgefertigt hatte, schaute er gelangweilt lächelnd in die Kamera.

»Wenn ich doch nur jemanden fände wie ihn«, flüsterte Dr. Jane. »Er wäre einfach perfekt.«

Jodie blickte sie an und merkte, daß sie wie gebannt auf den Bildschirm sah. »Wovon reden Sie?«

Dr. Jane winkte in Richtung des Fernsehers. »Von diesem Mann. Diesem Footballspieler. Er ist gesund, attraktiv und nicht besonders intelligent. Genau das, wonach ich suche.«

»Sie meinen den Bomber?«

»Heißt er so? Ich habe keine Ahnung von Football.«

»Das ist Cal Bonner. Er ist der erste Quarterback der Chicago Stars.«

»Ach ja. Irgendwann habe ich sein Bild schon einmal in der Zeitung gesehen. Warum kann ich nicht einem Mann wie ihm begegnen? Jemandem, der ein bißchen unterbelichtet ist...«

»Unterbelichtet?««

»Nicht besonders überragend... einfach etwas schwer von Begriff.«

»Schwer von Begriff? Der Bomber?« Jodie machte den Mund auf, um Dr. Jane zu erklären, daß der Bomber als der gerissenste, trickreichste, talentierteste – und ganz sicher hinterhältigste – verdammte Quarterback der gesamten NFL galt, als ihr plötzlich ein so verrückter Gedanke kam, daß sie ihn eigentlich gar nicht fassen konnte.

Sie versank tiefer zwischen den Sofakissen – verdammt –, griff nach der Fernbedienung und drückte die Stumm-Taste. »Ist das Ihr Ernst? Sie würden jemanden wie Cal Bonner nehmen als Vater für Ihr Kind?«

»Natürlich würde ich das – unter der Voraussetzung, daß ich vorher sein Gesundheitsattest einsehen könnte. Ein schlichter Mann wie er wäre perfekt: stark, ausdauernd, mit einem niedrigen IQ. Und sein gutes Aussehen halte ich für ein zusätzliches Plus.«

Jodies Gedanken rannten in drei Richtungen gleichzeitig. »Was wäre, wenn...« Sie versuchte, sich nicht von der Vorstellung ablenken zu lassen, daß in Kürze Kevin Tucker nackt vor ihr stehen würde, wenn ihr dieser Coup gelang. »Was wäre, wenn ich ein Treffen arrangiere?«

»Wovon sprechen Sie?«

»Sind Sie daran interessiert, Cal Bonner ins Bett zu bekommen?«

»Soll das ein Witz sein?«

Jodie schüttelte den Kopf.

»Aber ich kenne ihn doch gar nicht.«

»Das müssen Sie auch nicht.«

»Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht ganz.«

Langsam erzählte Jodie ihr die Geschichte, wobei sie hier und da eine Kleinigkeit – wie zum Beispiel, was für ein Arschloch der Bomber war – beiseite ließ. Sie erklärte die Sache mit dem Geburtstagsgeschenk und daß die halbe Mannschaft auf der Suche nach einer nicht ganz jungen, eleganten Frau für ihren Kameraden war. Dann fügte sie hinzu, ihrer Meinung nach entspräche Dr. Jane – in der richtigen Aufmachung vielleicht – genau ihren Vorstellungen.

Dr. Jane wurde so bleich, daß sie aussah wie das kleine Mädchen in dem alten Vampirfilm mit Brad Pitt. »Wollen Sie damit etwa sagen, daß ich mich als Prostituierte ausgeben soll?«

»Als echte Klasse-Frau, denn der Bomber steht nicht auf Nutten.«

Sie erhob sich aus ihrem Sessel und stapfte nervös im Zimmer auf und ab. Jodie meinte, beinahe zu sehen, wie ihr verschrobenes Hirn ähnlich einem Taschenrechner Plus- und Minusknöpfe drückte, bis schließlich in ihren Augen ein leichter Hoffnungsschimmer aufzuflackern begann und sie matt gegen den Kaminsims sank.

»Sein medizinisches Attest...« Sie stieß einen tiefen, unglücklichen Seufzer aus. »Einen kurzen Augenblick lang habe ich tatsächlich gedacht, daß es vielleicht möglich wäre; aber ich muß unbedingt wissen, wie es um seine Gesundheit steht. Footballspieler lassen sich doch sicher Hormone spritzen oder so? Und was ist mit Geschlechtskrankheiten und Aids?«

»Der Bomber nimmt keine Drogen, und er hat auch nie besonders viel mit Frauen rumgemacht. Genau aus dem Grund haben sich die Jungs schließlich dieses Geschenk zu seinem Geburtstag überlegt. Im letzten Winter hat er sich von seiner alten Freundin getrennt und seitdem scheint er mit keiner Frau mehr zusammengewesen zu sein.«

2

Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Jane Darlingtons Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, als sie die Damentoilette des Zebra betrat; in dieser Bar hatte sie sich auf Jodie Pulanskis Anweisung hin mit dem Footballspieler verabredet, der sie noch heute abend in Cal Bonners Appartement fahren würde – als dessen »Geburtstagsgeschenk«. Ohne auf die Mädels zu achten, die fröhlich im Vorraum miteinander plauderten, betrat sie schnurstracks die erste Kabine, legte den Riegel vor und lehnte den Kopf an die kühle Metalltrennwand.

War es tatsächlich erst zehn Tage her, daß Jodies Auftauchen ihr Leben so vollkommen umgekrempelt hatte? Welcher Teufel veranlaßte sie dazu, dem Plan überhaupt jemals zuzustimmen? Was hatte sie, deren Leben jahrelang in ordentlichen Bahnen verlief, zu solchem Übermut angestiftet? Nun, da es zu spät war, erkannte sie ihren gravierenden Fehler, nämlich, daß sie das zweite Gesetz der Thermodynamik außer acht gelassen hatte: zuviel Ordnung führte unweigerlich zu Unordnung – soviel war völlig klar.

Vielleicht machte sie augenblicklich eine Art Rückentwicklung durch? Als Kind hatte sie sich ständig in irgendwelche Schwierigkeiten gebracht. Ihre Mutter war wenige Monate nach ihrer Geburt gestorben, und ein kalter, distanzierter Vater hatte sie aufgezogen, dessen Beachtung ihr nur dann zuteil geworden war, wenn ihr Benehmen zu wünschen übrig ließ. Seine Haltung und die Tatsache, daß die Schule sie gräßlich langweilte, hatten zu einer endlosen Reihe von Streichen geführt, als deren Höhepunkt sie einem ortsansässigen Maler den Auftrag gab, das Haus ihres Grundschulrektors pink anzustreichen.

Die Erinnerung erfüllte sie noch heute mit einer gewissen Befriedigung. Der Mann war ein sadistischer Kinderhasser gewesen, und er hatte Ärger verdient. Glücklicherweise zwang dieser Vorfall die Schulbehörde zu der Kenntnisnahme, was für ein außergewöhnliches Kind sie war; man fing an, sie schneller durch die Klassen zu jagen, damit ihr keine Zeit mehr für derartigen Unsinn blieb. Sie hatte sich in ihren immer anspruchsvolleren Studien vergraben und gleichzeitig von den anderen Kindern abgeschottet, die sie als Streber bezeichneten. Auch wenn sie manchmal dachte, daß ihr die kleine Rebellin von einst besser gefiel als die ernste, gelehrte Frau, zu der sie geworden war – so betrachtete sie diese Wehmut lediglich als weiteren Preis für die Schuld, anders geboren worden zu sein.

Nun jedoch zeigte es sich, daß das aufrührerische Element in ihr noch existierte. Oder vielleicht meinte es auch das Schicksal bloß gut. Obgleich sie bisher mystischen Zeichen gegenüber, gleich welcher Art, stets taub gewesen war, hielt sie die Entdeckung, daß Cal Bonners Geburtstag genau auf die fruchtbarste Zeit des Monats fiel, doch für bedeutsam. Ehe sie den Mut wieder verlor, hatte sie zum Telephonhörer gegriffen und Jodie Pulanski angerufen, um ihre Teilnahme an dem diesmaligen Streich durchzugeben.

Morgen um diese Zeit könnte sie bereits schwanger sein. Zwar bestand nur eine vage Chance; doch ihr Monatszyklus war stets ebenso geregelt verlaufen wie der Rest ihres Lebens – und sie sehnte sich unendlich nach einem Kind. Manche Menschen mochten sie eigensüchtig nennen, aber ihre Sehnsucht nach einem Baby kam ihr nicht egoistisch, sondern natürlich vor. Die Menschen sahen in Jane jemanden, den es zu respektieren und zu bewundern galt. Sie wollten ihre Intelligenz; aber niemand schien an dem Teil ihrer Persönlichkeit interessiert zu sein, der für sie mindestens dieselbe Bedeutung besaß. Weder ihr Vater noch Craig hatten je ihre Liebe gewollt.

In letzter Zeit hatte sie sich immer öfter vorgestellt, wie sie – ganz in die Daten auf ihrem Computerbildschirm vertieft, durch die sich vielleicht eines Tages das letzte Geheimnis des Universums lüften ließ – am Schreibtisch ihres Arbeitszimmers saß, bis plötzlich ein Geräusch, das Lachen eines Kindes, das den Raum betrat, ihre Konzentration durchbrach.

Sie würde den Kopf heben und über eine weiche Wange streichen.

»Mama, lassen wir heute meinen Drachen steigen?«

In ihrer Phantasie lachte sie und wandte sich von ihrem Computer ab, gab die Suche nach den Geheimnissen des Universums auf zugunsten der Erforschung des Himmels auf eine lustigere Art und Weise.

Das Rauschen der Toilettenspülung in der Nebenkabine riß sie aus ihrer Träumerei. Ehe sie sich mit irgendwelchen Drachen beschäftigte, müßte sie das hinter sich bringen, was heute abend vor ihr lag. Sie müßte einen Fremden verführen, einen Mann, der auf diesem Gebiet sicher wesentlich erfahrener war als sie mit ihrem komischen Herrn Dr. Elkhart.

Vor ihrem geistigen Auge sah sie Craigs bleichen, dünnen Körper, einschließlich der schwarzen Socken, die er wegen seiner schlechten Durchblutung nie auszog, nackt auftauchen. Außer wenn sie durch ihre Periode oder er durch einen seiner Migräneanfälle verhindert gewesen waren, hatten sie sich allsamstäglich geliebt; aber das ging immer schnell vorbei, und als besonders aufregend hatte sie ihrer beider Zusammensein niemals erlebt. Inzwischen schämte sie sich dafür, daß sie eine derart unbefriedigende Beziehung so lange Zeit aufrechterhalten hatte, und erkannte, daß sie bei Craig nur ihrer Einsamkeit entfliehen wollte.

Mit Männerfreundschaften hatte sie sich niemals leichtgetan. Bereits in der Schule waren ihre Klassenkameraden zu alt für sie gewesen, und dieses Problem hatte sich auch nach dem Abschluß nicht gelöst. Aufgrund ihrer Attraktivität machten eine Reihe von Kollegen ihr den Hof; aber sie waren meistens zwanzig Jahre älter gewesen, so daß es sie immer leicht anwiderte. Die Männer, die ihr gefielen und im Alter zu ihr paßten, waren die Studenten, die sie unterrichtete; doch mit ihnen auszugehen hätte ihren Sinn für Anstand verletzt, so daß sie alle Einladungen ignorierte und schließlich auch gar nicht mehr angesprochen wurde.

Ihre Situation hatte sich erst geändert, als sie beim Preeze-Labor begann. Auf der Suche nach dem höchsten Ziel des Physikers, einer Gesamtheitstheorie, so ä la Einstein, mit der sich jeder Teil des Universums beschreiben ließ, hatte sie im Team die Quarks erforscht. Und während eines Seminars an der Universität von Chicago lernte sie neben anderen Wissenschaftlern Craig kennen.

Zuerst hatte sie ihn für den Mann ihrer Träume gehalten. Aber obgleich sie über Einsteins Gedankenexperimente diskutieren konnten, ohne sich dabei jemals auch nur ansatzweise zu langweilen, hatten sie doch nie miteinander gelacht, hatten nie die Art von Vertraulichkeiten ausgetauscht, die Janes Meinung nach die Grundlage wahrer Liebe ausmachten. Allmählich hatte sie die Tatsache akzeptiert, daß ihre körperliche Beziehung wenig mehr als praktisch für sie beide war.

Hätte ihre Beziehung zu Craig sie doch wenigstens besser auf die Aufgabe vorbereitet, die nun vor ihr lag.Von Sex-Appeal war bei ihr nun nicht unbedingt die Rede, und sie konnte nur hoffen, daß Mr. Bonner zu diesen Kreaturen gehörte, die den Sexualpartner lediglich zu ihrer Befriedigung benützten. Sie fürchtete, daß er ihr sowieso innerhalb weniger Minuten auf die Schliche kam – aber zumindest hätte sie es versucht, eine minimale Chance gab es, und keine Alternative! Niemals ginge sie das Risiko einer Samenspende und somit eines brillanten Kindes ein, das als ebensolche Übertreibung der Natur ohne Beziehung zu seiner Umwelt einsam aufzuwachsen gezwungen wäre wie sie selbst.

Das Geplapper im Vorraum verhallte, denn offenbar kehrten die jungen Frauen in die Bar zurück. Natürlich konnte sie sich nicht ewig hier verstecken, und sie haßte ihre Feigheit – daher wandte sie sich ebenfalls zum Gehen. Als sie allerdings aus ihrer Kabine glitt, entdeckte sie über dem Waschbecken ihr Spiegelbild, und für den Bruchteil einer Sekunde erkannte sie sich gar nicht.

Jodie hatte darauf bestanden, daß sie ihr Haar offen trug, und sie hatte sogar aufheizbare Lockenwickler herübergebracht, so daß es nun in weicher Fülle auf ihre Schultern fiel. Jane fand den Stil ein wenig unordentlich, doch vielleicht hatte Jodie recht, wenn sie behauptete, daß er in den Augen eines Mannes sexy war. Außerdem ließ sie sich von Jodie schminken, und die junge Dame hatte beim Auftragen der diversen Farben nicht gegeizt. Trotzdem wehrte Jane sich nicht. Der gewöhnlich von ihr verwendete altrosafarbene Lippenstift und der Hauch hellbrauner Wimperntusche reichten für ein Girl, egal wie edel es sich gab, sicher niemals aus.

Schließlich fiel ihr Blick auf die Kleider, die auf Jodies Konto gingen. Während der letzten zehn Tage hatte Jane Jodie Pulanski besser kennengelernt, als ihr wünschenswert erschien. Diese Person war oberflächlich und egozentrisch, sie interessierte sich nur für Kleider, für Flirts mit Footballspielern und ausgelassene Partys. Doch zugleich verfügte sie über eine geradezu erschreckende Gerissenheit, und aus Gründen, die Jane immer noch nicht ganz verstand, war sie entschlossen, diese verruchte Begegnung zwischen ihrer Nachbarin und Cal Bonner zustande zu bringen.

Jane hatte sie von schwarzem Leder und hohen Stiefeln in Richtung eines schmal geschnittenen naturfarbenen Seidenkostüms mit kurzem Rock gelenkt, das so eng an ihrem Körper lag, daß ihre Figur kaum noch Geheimnisse für den Betrachter barg. Die Wickeljacke schloß man auf einer Seite mit einem einzigen Schnappverschluß, und der Ausschnitt ging beinahe bis zur Taille, wobei die Weichheit des Stoffs Janes wenig beeindruckenden Busen vorteilhaft kaschierte. Ein spitzenbesetzter weißer Hüftgürtel, hauchdünne Strümpfe und ein Paar Pumps mit Pfennigabsätzen komplettierten das Outfit. Als Jane von einem Slip gesprochen hatte, rümpfte Jodie abfällig die Nase.

»Solche Girls tragen keine Slips. Die wären bei der Arbeit nur im Weg.«

Janes Magen verkrampfte sich erneut, und die Panik, die sie den ganzen Tag lang mühsam unterdrückt hatte, schnürte ihr die Kehle zu. Was hatte sie sich bei der ganzen Sache bloß gedacht? Die Idee war vollkommen verrückt. Sie mußte wahnsinnig gewesen sein sich einzubilden, daß dieser bizarre Plan auch nur ansatzweise klappen könnte. Es war eine Sache gewesen, sich so etwas auszumalen, aber die Realisierung sah gänzlich anders aus.

In diesem Augenblick platzte Jodie in den Raum. »Wo, zum Teufel, bleiben Sie? Junior wartet schon.«

In Janes Magen lag ein zentnerschwerer Stein. »Ich – ich habe es mir noch mal überlegt.«

»Den Teufel haben Sie. Sie lassen mich jetzt nicht im Stich. Verdammt, ich wußte, daß das passieren würde. Bleiben Sie, wo Sie sind!«

Ehe Jane auch nur protestieren konnte, war Jodie wieder hinausgestürzt. Ihr war heiß und kalt zugleich. Wie hatte sie sich nur in einen derartigen Schlamassel hineinmanövrieren können? Sie war eine respektable Wissenschaftlerin, eine Autorität auf ihrem Gebiet. Das Ganze paßte nicht zu ihr.

Sie eilte zur Tür und hätte sie beinahe gegen den Kopf bekommen, als Jodie mit einer Flasche Bier aus dem Schankraum kam. Sie öffnete ihre linke Hand. »Schlucken Sie die!«

»Was ist das?«

»Was soll das schon sein? Tabletten. Sehen Sie das nicht?«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich weitsichtig bin. Ohne meine Brille sehe ich nichts, was direkt vor mir ist.«

»Schlucken Sie sie. Die werden Sie entspannen.«

»Also, ich weiß nicht...«

»Vertrauen Sie mir. Die Dinger machen Sie gelassener.«

»Aber die Einnahme irgendwelcher unbekannter Medikamente ist doch nicht ratsam.«

»Ja, ja. Wollen Sie ein Kind oder nicht?«

Elend wallte in ihr auf. »Sie wissen, daß es so ist.«

»Dann schlucken Sie endlich das verdammte Zeug.«

Jane schluckte die Pillen und spülte sie mit dem Bier hinunter, wobei sie sich schüttelte, weil der Geschmack von Bier ihr schon immer zuwider war. Trotz ihres Protests zerrte Jodie sie aus dem Waschraum und der kühle Luftzug unter ihrem Rock erinnerte sie daran, daß sie keinen Slip trug. »Ich kann das einfach nicht.«

»Hören Sie! Es ist nichts Besonderes. Die Typen haben Cal ordentlich abgefüllt. Sobald Sie auftauchen, räumen die anderen das Feld; Sie brauchen keinen Ton zu sagen, sondern einfach dafür sorgen, daß er mit Ihnen eine Nummer schiebt. Ehe Sie sich’s versehen, ist auch schon alles vorbei.«

»So einfach wird es sicher nicht.«

»Und ob!«

Jane bemerkte, daß einige der männlichen Gäste sie unverhohlen musterten. Einen Augenblick lang dachte sie, daß möglicherweise irgend etwas nicht in Ordnung war – daß zum Beispiel eine Fahne Toilettenpapier am Absatz eines ihrer Schuhe hing – doch dann wurde ihr klar, daß die Männer sie nicht kritisch, sondern lüstern betrachteten, und abermals rebellierte ihr Magen.

Jodie zerrte sie in Richtung eines dunkelhaarigen, halslosen Monsters, das in einem olivgrünen Trenchcoat an der Theke stand. Der Kerl hatte dichte schwarze Brauen, die zusammengewachsen waren, so daß sie aussahen wie eine riesige, haarige Raupe, die langsam über seine Nase zog.

»Hier ist sie, Junior. Soll niemand behaupten, Jodie Pulanski hielte nicht, was sie verspricht.«

Das Monster unterzog Jane einer eingehenden Musterung, ehe es den Mund zu einem zufriedenen Grinsen verzog. »Nicht übel, Jodie. Ein echtes Klasse-Weib. Hey, wie heißt du, Süße?«

Jane war so nervös, daß sie nicht mehr denken konnte. Warum hatte sie diese Unternehmung nicht besser geplant? Ihr Blick fiel auf eines der Neonschilder, dessen Schriftzug für sie auch ohne Brille zu erkennen war. »Bud.«

»Bud? Wie Knospe?«

»Ja.« Sie hüstelte vor lauter Verlegenheit. Da ihr gesamtes bisheriges Erwachsenendasein der Suche nach Wahrheit gewidmet war, fiel ihr das Lügen alles andere als leicht. »Rose. Rose Bud.«

Jodie rollte ihre Augen himmelwärts.

»Klingt, als wärst du eine Stripperin«, stellte Junior fest.

Jane bedachte ihn mit einem nervösen Seitenblick. »Das ist ein ganz normaler Nachname. Bereits auf der Mayflower gab es Buds.«

»Ach, tatsächlich?«

In dem Bemühen, überzeugender zu sein, setzte sie zu weiteren Ausführungen über den Ursprung ihres Namens an; aber sie war so aufgeregt, daß ihre Hirnzellen irgendwie lahmten. »In sämtlichen großen Kriegen haben Buds gekämpft. Sie waren in Lexington, Gettysburg, in der Schlacht um den Bulge. Eine meiner weiblichen Bud-Vorfahren hat beim Bau der ersten U-Bahn mitgewirkt.«

»Na toll! Mein Onkel hat die Eisenbahn von Santa Fe gemanagt.« Er legte den Kopf auf die Seite und bedachte sie mit einem argwöhnischen Blick. »Wie alt bist du überhaupt?«

»Sechsundzwanzig«, mischte sich Jodie ein.

Jane sah sie verwundert an.

»Sie sieht ein bißchen älter aus«, stellte Junior fest.

»Aber sie ist es nicht.«

»Tja, eins muß ich dir lassen, Jodie. Zwischen ihr und Kelly gibt es wirklich nicht die geringste Ähnlichkeit. Vielleicht ist sie genau das, was der Bomber braucht. Ich hoffe nur, daß er sich von ihrem Alter nicht abtörnen läßt.«

Alter! Was für ein verqueres Wertesystem hatte dieser Mann, daß er eine Sechsundzwanzigjährige für alt hielt? Wüßte er, daß sie in Wirklichkeit vierunddreißig war, würde er sie wahrscheinlich zu den Fossilien zählen.

Junior schnürte den Gürtel seines Trenchcoats zu. »Los, Rose, packen wir’s. Mein Wagen steht vor der Tür.«

Er wandte sich zum Gehen, doch dann machte er plötzlich halt, daß sie beinahe mit ihm zusammenstieß. »Verdammt, fast hätte ich’s vergessen. Willie hat gesagt, daß du das hier anziehen sollst.«

Er griff in seine Manteltasche, und sie erstarrte, als sie sah, was daraus zum Vorschein kam. »O nein! Ich glaube nicht...«

»Tut mir leid, Baby. Das gehört nun mal zum Job.«

Er legte ihr eine fette rosafarbene Schleife um den Hals, und als sie sie vorsichtig betastete, stieg Übelkeit in ihr auf.

»Das Ding gefällt mir nicht.«

»Pech für dich!« Er band die Satinschleife fest. »Schließlich bist du ein Geschenk, Rose Bud. Ein Geburtstagsgeschenk von den Jungs.«

 

Melvin Thompson, Willie Jarrell und Chris Plummer, drei Mitglieder der Angriffslinie der Stars, hatten zur Feier des Geburtstags ein Wohnzimmer-Golfturnier anberaumt. Nebenbei lief außerdem eine kleine Zweitwette – sich, falls irgend möglich, die Lieblingsobszönität aller Feldspieler zu verkneifen: Wer hatte Lust, mit welcher der aktuellsten Fernsehdonnas einmal zu fi ..., will sagen, zu vögeln ...?

Während sie ihre Putts auf diverse MacDonald’s-Schachteln richteten und sich leckere Orgien mit halbherzig gebremsten Kraftworten ausmalten, schlug der bombige Jubilar auch hier mühelos seine Herausforderer.

Unwillkürlich umspielte Cals Mund ein Grinsen. Himmel, liebte er diese Großmäuler, Woche für Woche rissen sie sich zu seinem Schutz die Ärsche auf. In letzter Zeit hatte er ihnen das Leben schwergemacht, und er wußte, daß keiner von ihnen darüber allzu glücklich war; aber in diesem Jahr hatten die Stars eine Chance auf den Super Bowl, auf das Endspiel zwischen dem Ersten der AFC und dem Ersten der NFL, wobei er den Titel des NFL-Meisters unbedingt wollte.

Ein schlimmeres Jahr hatte er in seinem ganzen Leben nicht durchgemacht. Sein Bruder Gabriel hatte seine Frau Cherry und sein einziges Kind Jamie, zwei Menschen, denen Cal in inniger Liebe verbunden gewesen war, bei einem Autounfall verloren – seitdem begeisterte ihn außer Football rein gar nichts mehr auf dieser Welt.

Er kombinierte sein Händchen auf dem Golfplatz mit seinem Geschick am Billardtisch und schlug den nächsten Putt Richtung Fernsehschrank, so daß der Ball nur wenige Zentimeter neben der KFC-Schachtel niederging.

»He, das ist nicht fair«, protestierte Willie erbost. »Du hast nicht gesagt, daß man über Eck spielen darf.«

»Ich habe aber auch nicht gesagt, daß es verboten ist.«

Melvin blickte auf die Uhr und füllte Cals Glas aus einer Flasche sehr alten, sehr teuren Scotchs nach. Im Gegensatz zu seinen Teamkollegen betrank sich Cal so gut wie nie; aber heute hatte er Geburtstag, er war frustriert und hielt eine Ausnahme für angebracht. Unglücklicherweise besaß er einen unverwüstlichen Magen, so daß es alles andere als einfach war.

Seine Mundwinkel kräuselten sich, da er sich an seinen letzten Geburtstag erinnerte. Kelly, seine damalige Freundin, hatte eine große Überraschungsparty für ihn geplant; aber gemäß ihrem Mangel an organisatorischem Geschick war er vor sämtlichen anderen Gästen erschienen. Vielleicht sollte er Kelly mehr vermissen, als er es tat; aber eigentlich quälte ihn nur die Peinlichkeit, daß sie ihn zugunsten eines dreiundzwanzigjährigen Gitarristen hatte fallenlassen, weil der ihr einen Ehering versprach. Nun, hoffentlich genoß sie ihr Glück. Sie war ein nettes Mädchen, auch wenn er sich mehr als einmal schrecklich über sie geärgert hatte.

Von Natur aus konnte er recht grob daherreden. Er meinte es nicht böse, das Schreien war einfach seine Art der Kommunikation. Aber wann immer er Kelly angebrüllt hatte, begann sie, statt sich zur Wehr zu setzen, jämmerlich zu schluchzen. Auf diese Weise kam er sich wie ein Tyrann vor, so daß er in ihrer Nähe nie vollkommen entspannt, nie ganz er selbst sein konnte.

Dieses Problem begleitete ihn seit jeher. Natürlich zogen ihn immer die netten Mädchen an, denen nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Wohlbefinden anderer Menschen am Herzen lag. Doch unglücklicherweise stellten sich diese Exemplare immer als zu weich heraus, mit denen er Schlitten fuhr.

Und die aggressiveren Frauen, die sich vielleicht gegen ihn behauptet hätten, stellten sich früher oder später als geldgierig heraus. Nicht, daß er einem Mädel den Versuch, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, verübelte; nur sollte sie dann in dem Punkt auch ehrlich sein. Phoebe Calebow, die Eigentümerin des Clubs und seiner Meinung nach die gescheiteste Frau der Welt, wenn sie ihm nicht gerade mal wieder furchtbar auf den Keks ging, schrieb seine Schwierigkeiten mit Frauen dem Umstand zu, daß er sich immer so junge Dinger raussuchte – aber sie verstand ihn einfach nicht! Football war ein Spiel für junge Männer. Und, verdammt noch mal, trotz seiner sechsunddreißig Jahre war er jung! Und weshalb sollte er eine verzweifelte, halb verwelkte Dreißigjährige nehmen, wenn ihm stets eine Reihe schöner, junger, taufrischer Teenager zur Verfügung stand? Er weigerte sich, sich sein eigenes fortschreitendes Alter einzugestehen, vor allem jetzt mit Kevin Tucker im Nacken. Cal hatte sich geschworen, lieber schnurstracks in die Hölle zu fahren, als diesem aufgeblasenen Hurensohn seinen Job zu überlassen.

Er leerte sein Glas und spürte die Anfänge eines leichten Schwindels, der ihm allmählich den ersehnten Zustand ankündigte, in dem er den Tod zweier geliebter Menschen, Kevin Tucker, das Älterwerden und die Tatsache, daß er eigentlich schon ewig keine der willigen, taufrischen Dinger mehr vögeln wollte, mit denen er sich in der Öffentlichkeit sehen ließ, vergaß.

Währenddessen blickte Chris zum dritten Mal innerhalb der letzten fünfzehn Minuten verstohlen auf die Uhr. »He, Chris, hast du noch was vor?«

»Was? Mmpf, nein!« Sein verlegener Blick galt Melvin. »Nee, ich habe mich nur gefragt, wie spät es ist.«

»Drei Minuten später als bei deinem vorigen Blick auf die Uhr.« Cal nahm den Schläger und ging ins Eßzimmer, das zwar mit einem hübschen gekachelten Boden und einem kostbaren Kristallüster versehen, jedoch ohne Möbel war. Wozu sollten die gut sein? Er zog vor, sich möglichst ungebunden zu fühlen, und auf keinen Fall hatte er irgendwelche eleganten Dinnerpartys im Sinn. Wenn er seine Freunde einlud, dann charterte er ein Flugzeug und flog nach Scottsdale, wo es jede Menge Unterhaltung gab.

Außerdem häufte er nur ungern Besitztümer an, da er sich nie lange in einer Wohnung hielt; und ein Umzug ging, je weniger er besaß, um so leichter vonstatten. Er war ein großer Spieler, weil es in seinem Leben keine Ablenkungen gab. Keinen festen Wohnsitz, keine feste Freundin, nichts, das ihm das Gefühl vermitteln würde, alt und verbraucht zu sein.

Es klingelte und Willies Kopf fuhr hoch. »Das müssen die bestellten Pizzas sein.«

Cal sah seine Kollegen belustigt an. Den ganzen Abend über hatten sie äußerst geheimnisvoll getan. Und nun war offensichtlich der Grund für ihr Getue im Anmarsch.

 

Jane stand in der geräumigen Diele von Cal Bonners luxuriösem Appartement, und mit der fetten, rosafarbenen Schleife um den Hals wirkte sie wie das perfekte, prächtig verpackte, frei Haus gelieferte Geschenk.

Ihr Herz klopfte so schnell, daß es zweifellos sichtbar sein mußte unter dem spärlichen Kostüm. Außerdem fühlte sie sich ein wenig benommen, als stünde sie einen Meter neben sich, was bestimmt an den ihr von Jodie verabreichten Pillen lag.

Junior mit den Raupenbrauen nahm ihren Mantel und stellte sie den drei Männern, die ebenfalls sehr nach Footballspielern aussahen, flüsternd vor. Der Weiße namens Chris litt unter frühzeitigem Haarausfall und besaß den dicksten Hals, der ihr je an einem menschlichen Wesen aufgefallen war. Der Schwarze namens Melvin sah mit seiner Nickelbrille beinahe wie ein Gelehrter aus, was in seltsamem Kontrast zu seinem enormen Körper stand. Willie hatte warme, kaffeebraune Haut, durch die seine riesigen Schwerenöteraugen vorteilhaft zur Geltung kamen.

Nach der gegenseitigen Vorstellung zielte Junior mit seinem Daumen auf das Präsent. »Hat Jodie doch klasse hingekriegt, findet ihr nicht? Ich habe euch gleich gesagt, daß sie uns die Richtige besorgen wird.«

Die Männer unterzogen sie einer eingehenden Musterung, und schließlich nickte Willie. »Ein echtes Klasse-Weib. Aber wie alt ist sie?«

»Fünfundzwanzig«, gab Junior Auskunft und verjüngte sie somit um ein weiteres Jahr.

»Hübsche Beine«, lobte Chris und ging um sie herum. »Und ’n toller Arsch.« Er legte seine Hand auf ihre Pobacke und kniff kurz, aber heftig zu.

Sie wirbelte herum und versetzte ihm einen beachtlichen Fußtritt.

»He!«

Zu spät bemerkte sie, daß ihre Reaktion fehl am Platze war. Eine Frau, deren Geschäft im Verkauf von Sinnlichkeit bestand, reagierte wohl kaum derart vehement, wenn sich jemand ihren Hintern vorknöpfte. Also riß sie sich zusammen und bedachte ihn mit dem herablassenden Blick eines Callgirls aus der Oberklasse. »Gratisproben gibt es bei mir nicht. Wenn Sie Interesse haben, vereinbaren wir einen Termin!«

Statt beleidigt zu sein, brachen die Männer in fröhliches Gelächter aus, und Willie schnalzte anerkennend. »Genau das, was der Bomber braucht.«

»Ich bin sicher, daß er morgen endlich mal wieder gutgelaunt beim Training erscheint«, kicherte Melvin.

»Los, Jungs. Auf geht’s!«

Junior schob sie vorwärts, und während sie auf ihren lächerlich hohen Absätzen über die Kacheln stolperte, setzten die Männer zu einem Geburtstagsständchen an. Happy birthday to you, happy birthday to you ...

Mit trockenem Mund und außer sich vor Panik erreichte sie das Ende der Diele und versank beim nächsten Schritt mit ihren Absätzen in einem dicken, weißen Teppich. Sie drehte den Kopf, entdeckte Cal Bonner und wurde starr vor Schreck. Trotz ihres durch die Pillen leicht vernebelten Blicks erkannte sie, daß der echte Cal Bonner von dem Typen auf dem Bildschirm stark abwich.

Er stand vor einer Fensterfront, hinter der sich nichts befand außer der kalten Novembernacht. Das Fernsehen hatte ihr einen Kraftprotz mit einem tollen Körper und einer schlechten Grammatik gezeigt; aber der Mann, der sie vom anderen Ende des Raumes her einer eingehenden Musterung unterzog, war kein Sportdoofi, sondern ein Krieger, wie er im Buche stand.

Er neigte den Kopf und sah sie reglos an. Sein Blick war eisig und rief erschreckende Vorstellungen in ihr wach.

Graue Augen, so hell, daß sie beinahe silbrig schimmerten. Augen ohne jede Gnade oder Mitgefühl.

Drahtiges braunes Haar, dessen Tendenz, sich zu locken, man trotz des radikalen kurzen Schnittes sah.

Ein Mann, der seine Regeln selber aufstellte und niemandem Rechenschaft zu leisten hatte.

Harte Muskeln und sehnige Kraft. Eine Urgewalt.

Ausgeprägte Wangenknochen und ein Kinn, das stählerne Entschlossenheit verriet. Weichheit oder auch nur eine Spur von Gefühlen gab es bei ihm nicht. Dieser Mann war ein Eroberer, von der Natur zum Kampf geschaffen.

Ein Schauder rann ihr über den Rücken. Ohne zu fragen wußte sie, daß er erbarmungslos vorginge gegen einen Feind. Nur, daß sie nicht seine Feindin war. Er würde nie erfahren, weshalb sie bei diesem Spielchen mitmachte. Außerdem beschwerten Krieger so nebensächliche Dinge wie illegitime Kinder grundsätzlich wenig. Babys waren die natürliche Folge von Vergewaltigung und Plünderung, die man, ehe sie überhaupt auf die Welt kamen, bereits wieder vergaß.

Unter dröhnendem männlichen Gelächter schob ein Paar rauher Hände sie in Richtung des Mannes, den sie als Vater ihres Kindes ausersehen hatte.

»Hier ist dein Geburtstagsgeschenk, Cal!«

»Von uns für dich!«

»Alles Gute zum Geburtstag, Kumpel! Wie du siehst, haben wir für dich das Allerbeste ausgesucht!«

Ein letzter Stoß in ihren Rücken, und sie flog an seine muskulöse Brust. Ehe sie fallen konnte, lag sie, eingehüllt in den Geruch von Scotch, in einem starken Arm. Sie versuchte sich loszumachen, was sich, da ihm der Sinn offenbar noch nicht nach einer Trennung stand, als ein Ding der Unmöglichkeit erwies.

Ihre plötzliche Hilflosigkeit ängstigte sei. Er war einen halben Kopf größer als sie, und an seinem geschmeidigen, durchtrainierten Körper fehlte jede Spur von Fett. Sie mußte sich zwingen, Ruhe zu bewahren, denn fraglos würde er sie zerquetschen, nähme er auch nur die geringste Schwäche an ihr wahr.

Vor ihrem inneren Auge blitzte das Bild ihres nackten, unter ihm eingezwängten Leibes auf, doch sofort schob sie es von sich. Dächte sie an diesen Teil der Nacht, dann verließe sie sicher umgehend das letzte Quentchen Mut, das sie noch besaß.

Seine Hand glitt ihren Arm hinauf. »Tja, nun, ich glaube, so ein Geburtstagsgeschenk hat man mir noch nie gemacht. Ihr Jungs habt mehr Asse im Ärmel als ein Hirsch Zecken.«

Der Klang seiner tiefen, ländlich gedehnten Stimme beruhigte sie. Auch wenn er mit dem Leib eines Kriegers gesegnet war, handelte es sich doch nur um einen Footballspieler und nicht um einen Herausforderer. Ihre eigene intellektuelle Überlegenheit verlieh ihr so viel Selbstvertrauen, daß sie, während er langsam seinen Griff um ihren Arm lockerte, hinauf in seine hellen Augen sah.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Mr. Bonner.« Statt wie geplant verführerisch klang ihre Stimme wie die der Professorin, die einen Studenten begrüßte, der verspätet in den Klassenraum schlich.