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Ihre Gesundheit - eine Herzensangelegenheit! Sich wohlfühlen ist untrennbar mit dem Herzen verbunden. Dem Herzen Gutes tun ist gut für Ihre Gesundheit. Aber worauf kommt es dabei an? Dr. Mohsen Radjai, der sympathische Arzt aus der Sprechstunde des ARD Morgenmagazins und der Kindersendung "Wissen macht Ah!" beantwortet die Fragen, die Ihnen am Herzen liegen: - Wie hängen Bluthochdruck, Arteriosklerose, Koronare Herzkrankheit und Angina Pectoris zusammen? Der Herzinfarkt und seine Kollegen stellen sich vor. - Worauf sollten Couchpotatoes, Genießer, Choleriker und Co. besonders achten? Finden Sie heraus, zu welchem Risikotyp Sie gehören. - Wie bauen Sie erfolgreich Stress ab, ernähren sich herzfreundlich und bringen Herzbewegendes in Ihr Leben? Wer könnte das besser vermitteln als Dr. Mo? Die Kardiologie ist sein Lieblingsgebiet. Täglich berät und behandelt der Allgemeinmediziner Patienten in seiner Praxis zu diesem Thema. Humorvoll und mit vielen Hintergrundinfos macht er auch Sie herzfit. Dr. med. Mohsen Radjai (Dr. Mo) ist Facharzt für Innere- und Allgemeinmedizin, Sportmedizin, Chirotherapie und klassische Akupunktur. Den sympathischen Fernseharzt aus dem ARD-Morgenmagazin und der Kindersendung "Wissen macht Ah!" zeichnet eine langjährige Leidenschaft für die Innere Medizin und speziell die Kardiologie aus. "Mehr und mehr setzen sich meine Patienten mit ihrer Herzgesundheit auseinander. Ich merke aber immer wieder, wie erstaunt sie darüber sind, welchen großen Einfluss der persönliche Lebensstil hat und wie viel sie selbst für ihr Herz tun können." Wie dies gelingen kann, ohne den Spaß am Leben zu verlieren, das möchte Dr. Mo in diesem Buch weitergeben. Uschi Müller ist freie Autorin für Fernsehen und Hörfunk und für das ARD Morgenmagazin arbeitet sie zusammen mit Dr. Radjai an vielen Gesundheitsthemen. Die studierte Literatur- und Medienwissenschaftlerin freut sich über ihr erstes Buch bei TRIAS: "Ich wollte schon immer mal ein Buch schreiben. Ursprünglich sollte es die Doktorarbeit werden, doch daraus ist aus Zeitmangel nichts geworden. Jetzt wird es stattdessen eine Arbeit mit dem Doktor und dann auch noch zum spannenden Thema Herz, das mir aus familiären Gründen sehr am Herzen liegt. Die Zusammenarbeit mit dem sympathischen Kollegen hat mir großen Spaß gemacht."
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2015
Bleiben Sie herzgesund
Herzlichst, Dr. Mo
Dr. Mohsen Radjai, Uschi Müller
1. Auflage 2015
»Die Innere Medizin liegt mir am Herzen.« Mit diesen Worten habe ich mich 1997 nach bestandenem drittem Staatsexamen beim internistischen Chefarzt der Kliniken der Stadt Köln im Stadtteil Holweide beworben. Ich wollte eine »Marke« setzen. Etwas schreiben, das den Professor neugierig machen sollte, weiterzulesen. Damals bekamen die Professoren eine Vielzahl von Bewerbungen auf den Tisch. Stellen als Arzt-im-Praktikum (AIP) gab es nur wenige. Offensichtlich hat der Professor die Unterlagen vollständig gelesen, denn ich hatte Erfolg und bekam die Stelle.
Meine damalige »Marke« hat bis heute für mich unverändert Bestand.
Neben der Inneren Medizin hatte ich 1993 erstmals echten klinischen Kontakt zur Kardiologie. Im Rahmen der Doktorarbeit untersuchte ich Patienten, die unter einer koronaren Herzkrankheit litten. Die Durchblutungsstörungen ihrer Herzkranzgefäße waren so weit vorangeschritten, dass ein Ballonkatheter zur Behandlung erforderlich wurde.
Bis heute hat sich an meiner Liebe zur Inneren Medizin und vor allem zu »Herz-Themen« nichts geändert. Täglich habe ich in meiner hausärztlichen Praxis für Innere und Allgemeinmedizin Kontakt zu Betroffenen und ihren Angehörigen. Die meisten fühlen sich gut beraten, behandelt und über Jahre vertrauensvoll begleitet. Ihre positive Resonanz hinsichtlich verständlicher Aufklärung zum Hintergrund der Erkrankung, zu den Faktoren, die sie selbst verbessern können, und die gemeinsam dabei erreichten Ziele sind Grundlage und Motivation für das vorliegende Buch.
Es soll mit einem gewissen Augenzwinkern verständlich machen, was uns und unser Herz in jeder Hinsicht bewegt.
Ich hoffe, ich habe auch Sie neugierig gemacht.
Herzlichst, Dr. Mo
WidmungWir danken Simone und Michael und den Kindern für Geduld und mentalen Beistand während der intensiven Arbeitsphasen.
Dank Wir bedanken uns bei den Maltesern Köln für das kostenlose Zurverfügungstellen des Defibrillators sowie bei der Velogical engineering GmbH Köln für die kostenlose Nutzung des blauen Fahrrads.
Liebe Leserin, lieber Leser
Teil I Welcher Risikotyp sind Sie?
1 Das Herz des Höhlenmenschen
1.1 Sie sind kein moderner Mensch!
1.1.1 Bewegungsmangel ist unser Feind
1.1.2 Hüftgold und seine Folgen
1.2 Fight-or-flight – so wirken die Hormone
1.2.1 Risiko Dauerstress
1.2.2 Am liebsten weglaufen?
1.3 Herzaktion verständlich – Systole und Diastole
1.3.1 Der Herzzyklus
1.4 Der Gestresste
1.4.1 Der Stress hat uns voll im Griff
1.4.2 Das Herz reagiert auf Stress
1.4.3 Nicht jeder Stress schadet
1.4.4 Der falsche Weg
1.4.5 So geht es besser
1.5 Der Choleriker
1.5.1 Über den Sinn der Wut
1.5.2 Wenn die Fetzen fliegen
1.5.3 Auch das Herz spürt die Wut
1.5.4 So geht es besser
1.6 Der Genießer
1.6.1 Risiko Tabakgenuss
1.6.2 Kranke Zähne – krankes Herz
1.6.3 Genießer leben doppelt gefährlich
1.6.4 So geht es besser
1.7 Der Couch-Potato
1.7.1 Alkohol verursacht Übergewicht
1.7.2 Bewegungsmangel wirkt verstärkend
1.7.3 Übeltäter Fett
1.7.4 So geht es besser
1.8 Der Veranlagte
1.8.1 Schuld sind auch die Gene
1.8.2 Übergewicht hat viele Folgen
1.8.3 Wir altern – das ist nicht zu ändern
1.8.4 Wir haben es selber in der Hand
1.8.5 So geht es besser
1.9 Frauenherzen leiden anders
1.9.1 Typische Frauensymptome
1.9.2 Typische Frauenrisiken
1.9.3 So geht es besser
2 Beim Herzcheck erfahren Sie mehr!
2.1 Das Vorgespräch
2.2 Die körperliche Untersuchung
2.3 Herzrhythmus sichtbar machen
2.3.1 Sonderform Belastungs-EKG
2.3.2 Sonderform Langzeit-EKG
2.4 Blutuntersuchungen
2.5 Weitere Untersuchungen
Teil II Der Herzinfarkt und seine Kollegen
3 Die Übeltäter: Arteriosklerose und Blutdruck
3.1 Arteriosklerose
3.1.1 Gefäße leiden
3.2 Die Sache mit dem Blutdruck
3.2.1 Wenn der Blutdruck zu hoch ist
3.3 Richtig Blutdruck messen
3.3.1 Dr. Mos Tipps zur Blutdruckmessung
3.3.2 Langzeit-Blutdruck-Messung
3.3.3 Konsequente Therapie
3.4 Hoher Bluthochdruck und seine Auslöser
3.4.1 Nicht unterschätzen! – die Folgen eines erhöhten Blutdrucks
3.5 Blutdruck und Medikamente
3.5.1 Wirkung und Nebenwirkungen
3.5.2 Bluthochdruck, der nicht auf Medikamente anspricht
3.5.3 Niedriger Blutdruck – ein Mythos?
4 Die Folgen I: koronare Herzkrankheit & Co
4.1 Das Herz ist unser »Motor«
4.1.1 Wenn es eng wird
4.1.2 Ursachen der KHK
4.1.3 Folgen der KHK
4.2 Angina pectoris – ein Symptom
4.2.1 Orte der Schmerzausstrahlung
4.2.2 Die stabile und die instabile Angina pectoris
4.2.3 Bei Dr. Mo in der Praxis
4.3 Herzinfarkt
4.3.1 Typische (männliche) Symptome des Herzinfarkts
4.3.2 Wichtige erste Diagnostik
4.3.3 Schnelle Wiederherstellung des Durchflusses
4.3.4 Alternative Bypass
4.3.5 Medikamentöse Einstellung
4.3.6 Wichtig: Veränderung des Lebensstils
4.3.7 Weitere Prognose
4.3.8 Kann man einen Herzinfarkt übersehen?
4.3.9 Herzinfarkt mit 33 Jahren
4.3.10 Ein Defibrillator kann Leben retten …
5 Die Folgen II: Herzschwäche
5.1 Beschreibungskriterien für die Herzinsuffizienz
5.1.1 Störungen in bestimmten Herzregionen
5.1.2 Störungen der Herzfunktion
5.1.3 Symptome der Herzschwäche
5.1.4 Mögliche Ursachen
5.1.5 Mögliche Folgen
5.2 Herzklopfen
5.2.1 Was sind Herzrhythmusstörungen?
5.2.2 So funktioniert der Taktgeber des Lebens
5.2.3 Der Herzrhythmus ist variabel – aber nur in Grenzen
5.2.4 Verbreitet und zugleich gefürchtet: Vorhofflimmern
5.2.5 Wieder in den Takt kommen mit einem Defibrillator
5.3 Der plötzliche Herztod
5.4 Das Broken-Heart-Syndrom
5.4.1 Die Symptome leiten in die Irre
5.4.2 Frauen sind häufiger betroffen
5.4.3 Hauptursache Stress
5.4.4 Gebrochene Herzen heilen wieder
6 Die Folgen III: Schlaganfall und pAVK
6.1 Der Schlaganfall – ein Kollege des Herzinfarkts
6.1.1 Ursachen des Schlaganfalls
6.1.2 Symptome des Schlaganfalls
6.1.3 Schneller Einsatz rettet Leben
6.2 pAVK – periphere arterielle Verschlusskrankheit
Teil III Stressfrei Stress abbauen
7 Jeder Jeck ist anders
7.1 Sich selber kennenlernen
7.1.1 Work-Life-Balance
7.1.2 Achtsamkeit
7.1.3 Ändern Sie Ihre Lebensweise
7.1.4 Glück schützt das Herz
7.2 Die Zigarette danach
8 Entspannung für jedermann
8.1 Qigong
8.2 Yoga
8.3 Autogenes Training
8.4 Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen
8.5 Pilates
8.6 Achtsamkeitstraining
8.7 Tai-Chi
8.8 Ein paar Übungen zum Entspannen
8.8.1 Body Scan
8.8.2 Atemübungen
8.8.3 Sonnengruß
8.9 Ihr Entspannungsaktionsplan
Teil IV Herzbewegendes für jedermann
9 Bewegung für Ihr Herz
9.1 Die Energiebilanz muss stimmen
9.1.1 Steigerung des Grundumsatzes
9.1.2 Gegen den Jojo-Effekt
9.1.3 Das Alter arbeitet gegen uns
9.1.4 Trainieren, aber richtig!
9.2 Bewegung hilft
9.2.1 Bewegung im Alltag
9.2.2 Bewegung senkt den Blutdruck
9.3 Ist Sex gut für das Herz?
9.4 Extreme Herzleistungen im Sport
9.4.1 Wie wächst das Herz?
9.4.2 Leben Leistungssportler gefährlich?
9.4.3 So gelingt der (Wieder)Einstieg in den Sport
10 So kommen Sie in Bewegung
10.1 Am besten ist Ausdauertraining
10.2 Wie fit sind Sie?
10.2.1 Step-Test
10.2.2 Walking-Test
10.2.3 Herzfrequenz
10.3 Werden Sie aktiv
10.3.1 Der richtige Sport für Sie
10.3.2 Ihr Bewegungsaktionsplan
Teil V Herzhaft zubeißen für Genießer
11 Gibt es eine herzfreundliche Ernährung?
11.1 Was schmeckt dem Herzen?
11.1.1 Risiko Muntermacher?
11.1.2 Gesunde und ungesunde Fette
11.1.3 Pflanzliches tut gut
11.1.4 Ballaststoffe
11.2 Die Vorteile der mediterranen Kost
11.3 Meine Empfehlung: salzarme Ernährung
11.4 Gute Fette – schlechte Fette
11.4.1 Tierische Fette
11.4.2 Pflanzliche Fette
11.4.3 Essen Sie mehr pflanzliche Produkte
11.5 Cholesterin – für die Herzgesundheit besonders wichtig
11.5.1 Achten Sie auf Ihren Cholesterinspiegel
11.5.2 Meine Empfehlung zum Eierkonsum
11.6 Das gehört auf den Teller
11.7 Essen für die Gesundheit
11.7.1 Gut für unser Herz
11.7.2 Gut für unser Immunsystem
12 »Viel« hilft nicht immer »viel«
12.1 Sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll?
12.1.1 Omega-3-Fettsäuren
12.1.2 Vitamine
12.1.3 Coenzym Q 10
12.1.4 Vitamin D
12.1.5 Mineralstoffe
12.1.6 Fazit: Besser gesund ernähren!
12.2 Wie viel Flüssigkeit braucht das Herz?
12.2.1 Trinken im richtigen Maß
12.2.2 Nicht über den Durst trinken
12.3 Ein Gläschen in Ehren
12.3.1 Fördert Alkohol die Gesundheit?
12.3.2 Die negativen Seiten des Alkoholgenusses
12.4 Ihr Genießeraktionsplan
12.4.1 Leicht durch den Tag
12.5 Mäßigen Sie sich, aber stellen Sie das Leben nicht ein
13 Service
13.1 Bücher zum Weiterlesen
13.2 Quellen
13.3 Interessante Links
13.4 Interessante Artikel
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
1 Das Herz des Höhlenmenschen
2 Beim Herzcheck erfahren Sie mehr!
Stress, Übergewicht und Bewegungsmangel gefährden die Herzgesundheit – aber auch Alter, Veranlagung und Geschlecht spielen eine Rolle.
Wir sind Steinzeitmenschen, auf Bewegung ausgerichtet und mit einem faustgroßen und zuverlässig pumpenden Herzen ausgestattet – zumindest, wenn wir es fordern!
Medizinischer Fortschritt, verbesserte Hygiene und moderne medizinische Therapien – all diese Errungenschaften der Zivilisation haben dazu geführt, dass wir älter werden und dass zahlreiche Erkrankungen gar nicht mehr auftreten. Die Begleiterscheinungen der Zivilisation wie die Veränderungen unseres Verhaltens und der moderne Lebensstil führen aber auch dazu, dass eine Reihe anderer Erkrankungen, die sogenannten Zivilisationskrankheiten, uns gefährdet. Dazu gehören Herzerkrankungen, Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen.
Doch warum macht die Zivilisation uns krank? Weil wir immer noch die Gene der Steinzeitmenschen in uns tragen. Wir sind eben – genetisch gesehen – noch keine modernen Menschen. Zu jener Zeit bewegten wir uns täglich ca. 20 Kilometer, um Nahrung zu finden und um unser Überleben zu sichern.
Den Alltag eines Steinzeitmenschen würde heute kaum mehr ein Mensch bewältigen. Denn der war aus heutiger Sicht täglich eine athletische Höchstleistung. Jagd, Nahrungssuche und Hüttenbau erforderten enormen Einsatz von Muskelkraft.
Heute sind diese genetischen Anlagen eher hinderlich, denn dieses Ur-Modell funktioniert nur, solange der Mensch sich bewegt. Bewegungsarmut ist genetisch betrachtet nicht vorgesehen und führt deshalb oft zum gesundheitlichen »Supergau«. Wir leben in einer Industriegesellschaft und beschäftigen uns meistens mit Sitzen und Liegen. Selbst, wenn man regelmäßig im Fitnessstudio trainiert, kommt man nur auf einen Bruchteil des Bewegungsprogramms, auf das unsere Gene ausgerichtet sind.
Wir nehmen zwar weniger Kalorien zu uns als unsere Vorzeitahnen. Aber wir verbrennen, bezogen auf das Körpergewicht, bei leichter körperlicher Arbeit auch nur noch etwa 38 Prozent der aufgenommenen Energie. Einige Fakten:
Eine Frau um die 50 verbraucht beim Nichtstun etwa 75 Kalorien pro Stunde, das heißt, sie hat einen Grundumsatz von 1650 Kalorien am Tag. Diese Kalorien sind nötig, um den Körper am Leben zu halten.
Daraus ergibt sich nach der Theorie der Sportmedizin ein Tageskalorienverbrauch von etwa 1800 Kalorien. Diese Differenz von 150 Kalorien wird angesetzt für leichte und routinemäßige Tätigkeiten wie Duschen, Zähneputzen oder den Gang zur Toilette. Lesen gehört auch zu den Tätigkeiten, für die während einer Stunde 100 Kalorien verbraucht werden.
Diese 100 Kalorien nehmen wir aber schon mit einer Scheibe Wurst zu uns.
Im Vergleich dazu müssen 7500 Kalorien verbrannt werden, um 1 Kilo Körperfett zu verlieren. Wer das will, muss sich mehr bewegen, weniger essen und durch Muskeltraining den Grundumsatz erhöhen.
Wer Muskeln aufbaut, kommt schneller zum Ziel. Denn Muskeln verbrennen Energie, und das nicht nur bei Bewegung, sondern auch im Ruhezustand, da sie den Grundumsatz steigern. Das tun sie schlichtweg, da sie zum eigenen Überleben Energie benötigen.
Alles, was dick macht, also Schokolade, Pommes, Wurst und Alkohol, sind dabei keine Durchlaufposten, sondern sind Verursacher von »Hüftgold«. Sie bleiben dem Körper erhalten und setzen an, wie man so schön sagt. Dafür sind die Gene verantwortlich, die schon in der Steinzeit für das Überleben in Hungerszeiten wichtig waren. Diese besagen, dass unser Körper Fettpolster an Bauch und Po für Notzeiten braucht. Doch in unserer Wohlstandsgesellschaft macht dieses Programm wenig Sinn und diese Depots machen uns krank. Zu viel Bauchfett und Co. kann unter anderem eine Diabeteserkrankung zur Folge haben. Die enorme Zuckerzufuhr kann der Körper nicht verarbeiten, weil wir uns in der Regel zu wenig bewegen. Vorrangig aktive Muskeln entziehen dem Blutstrom Glukose zur Energiegewinnung. Voranschreitendes Übergewicht aber verursacht Störungen im Zusammenspiel von Insulin, das den Blutzucker senkt, und den Bindungsstellen an der Zelloberfläche. Zeitgleich wird die Zuckerverarbeitung in der Zelle behindert. Der erhöhte Blutzucker, lokale Entzündungsreaktionen an unseren Gefäßen, steigende Blutfette und erhöhter Blutdruck belasten und gefährden unser Herz-Kreislauf-System damit fortwährend.
Deshalb ist Bewegung so wichtig für die Gesundheit: Sie schützt Männer und Frauen vor Fettleibigkeit. Wenn von Natur aus feingliedrige dünne Menschen jetzt jubeln, dass sie von all dem nicht betroffen sind, liegen sie falsch. Auch Dünne, die ihren Organismus täglich weniger als 30 Minuten in Bewegung halten, haben ein erhöhtes Risiko für Herzleiden. Rauchen sie auch noch, steigt das Risiko um ein Vielfaches. Hinzu kommen Zeit- und Leistungsdruck, Angst um den Arbeitsplatz und Reizüberflutung. Die in unserem Körper dauerhaft erhöhten Pegel von Stresshormonen schaden ebenfalls unserem Herz-Kreislauf-Apparat. Dadurch bilden sich ausgerechnet im Hippocampus, in dem Gehirnteil, der für Entspannung zuständig ist, Nervenzellen zurück.
»Fight-or-flight-Response« heißt es richtig und bedeutet »Kampf-Flucht-Reaktion«. Dieser Begriff geht auf den amerikanischen Stressforscher Walter Cannon zurück. Dieser stellte fest, dass unser Körper in einer akuten Stresssituation die Hormone Adrenalin und Noradrenalin ausschüttet, die die Aktivität des Organismus erhöhen. Ein Mensch, der sich einer »Bedrohung« ausgesetzt fühlt, schüttet diese Hormone aus und reagiert körperlich wie unsere Vorfahren in der Steinzeit: Das Herz beginnt zu rasen, die Pupillen weiten sich, die Muskeln spannen sich an und die Atmung wird beschleunigt. Durch die hohe Herzfrequenz, den schnellen Atem und die angespannten Muskeln ist der »Bedrohte« binnen Sekunden kampf- oder fluchtbereit oder, auf heutige Situationen übertragen, einsatzbereit. »Fight-or-flight« mobilisiert die Kräfte der Betroffenen für die anstehende Herausforderung. Früher, als unsere Steinzeitvorfahren noch vor feindlichen Tieren flüchten oder gegen sie kämpfen mussten, war diese Reaktion für das eigene Überleben notwendig. Der Körper wurde plötzlich wachsam, fokussiert und konzentrierte sich auf das Wichtigste.
Diese vor Urzeiten festgelegte Reaktionsfolge kommt aber auch heute noch in Gang, wenn wir einen unerfreulichen Anruf im Büro erhalten, uns über einen Kollegen aufregen oder auch, wenn eine Prüfung bevorsteht:
Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet.
Innerhalb weniger Minuten schüttet der Körper auch noch das Hormon Cortisol aus, das den Organismus für die Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin empfänglicher macht und deren beschriebene Wirkungen verstärkt.
Die Wirkung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin stimuliert die Gefäßrezeptoren. Daraufhin erhöht sich deren Spannungszustand: Der Blutdruck, die Herzfrequenz und das Schlagvolumen des Herzens werden gesteigert. Zur Energiegewinnung wird vermehrt Glukose ins Blut abgegeben.
Und dann? Unsere Vorfahren kämpften oder flohen und kurze Zeit nach der »Gefahr« trat wieder Ruhe und Entspannung ein. Durch die Bewegung wurden die oben genannten Hormone allmählich wieder abgebaut. Aber wir bewegen uns heute in den beschriebenen Situationen nicht. Wir sitzen weiter am Schreibtisch und können nicht wegrennen, deshalb bleibt der Stresspegel hoch.
Auf die Erregung folgt also keine Bewegung und Entspannung. Eine Kettenreaktion beginnt: Bei Dauerstress bleiben die Gefäße dauerhaft eng gestellt. Der erhöhte Blutdruck entsteht durch den Spannungszustand der Blutgefäße. Gegen diesen muss das Herz aber fortwährend anpumpen, um die Organe mit Sauerstoff und Nährstoffen zu versorgen. Das schädigt auf Dauer nicht nur das Herz, sondern auch die Gefäße selbst. Denn an den Gefäßwänden werden vermehrt Scherkräfte wirksam, die die Innenauskleidung der Gefäße belasten und beschädigen. Sie verlieren allmählich ihre ursprüngliche Elastizität. Kleinste Verletzungen und Entzündungsreaktionen in den Gefäßen führen über Reparaturvorgänge und begleitende Ablagerungen von Blutfetten zu einer Störung im Blutdurchfluss. Unser Herz-Kreislauf-System kann das über längere Zeit hinweg kompensieren. Doch irgendwann kann der Herzinfarkt oder der Schlaganfall das Resultat der Dauerbelastung sein.
Ganz ähnliche Prozesse laufen übrigens auch beim »Lampenfieber« ab. Auch hier sind wir in einer Situation, der wir scheinbar nicht entrinnen können, und wir würden vielleicht am liebsten weglaufen. Da wir das nicht können, reagieren wir mit den typischen Stresssymptomen. Wir bekommen feuchte Hände, einen trockenen Mund, einen flauen Magen und haben das Gefühl, neben uns zu stehen. Wir haben Angst, zu versagen oder einen Blackout zu haben. Unter Umständen führt gerade diese Angst dann zu Blockaden, die verhindern, dass wir die volle Leistung erbringen. Ein gesundes Maß an Lampenfieber kann aber auch stimulierend wirken. Es richtet unsere Konzentration exakt auf die vor uns liegende Aufgabe. Bei Erfolg fühlen wir uns bestätigt und ein angenehmes Wohlgefühl von Zufriedenheit und Entspannung stellt sich ein. Das ursprüngliche Stressniveau klingt gesund ab.
In der Steinzeit wurde Stress zum Beispiel nach erfolgreicher Jagd abgebaut und Blutdruck und Puls sanken wieder auf Normalmaß. Heute hat der moderne Büromensch auch nach Feierabend keine Ruhe und das Herz befindet sich immer noch im Stresszustand.
Um Höchstleistungen wie ständige Bewegung, Kampf und Fluchtreaktionen zu ermöglichen, brauchen wir eine stabile Versorgung des Körpers. Dafür ist unser Herz zuständig, ein muskuläres Hohlorgan. Es besteht aus insgesamt vier Herzhöhlen, die durch Scheidewände aus Bindegewebe und Herzklappen voneinander abgetrennt sind. Hier kommen die parallel geschalteten Kreisläufe von Lunge und Körper zusammen.
Der Hohlmuskel »Herz« pumpt die sechs Liter Blut, die im Körper zirkulieren, ständig durch den Blutkreislauf und versorgt so alle Zellen. Im Jahr pumpt das Herz etwa 2,6 Millionen Liter Blut durch den Körper, eine Menge, mit der man ein 50-Meter-Sportschwimmbecken füllen könnte.
Er setzt sich aus verschiedenen Phasen zusammen. Sie werden als Systole (griechisch »Zusammenziehen«) und Diastole (griechisch »Ausdehnung«) bezeichnet.
Der Herzmuskel zieht sich mechanisch zusammen und fördert Blut, in Ruhephasen etwa 60–80 Mal pro Minute.
Anspannungsphase. Starten wir mit dem blutgefüllten Herzen. Die Segelklappen schließen sich zwischen den blutgefüllten Herzkammern und den vorgelagerten Vorhöfen. Unsere Herzklappen sind anatomisch so gebaut, dass der Blutfluss nur in einer Richtung möglich ist. Die Blutgefäße setzen dem Herzen zunächst einen Widerstand entgegen. Zwischen Herz und Gefäßen befinden sich die Taschenklappen, die zunächst auch geschlossen sind. Im Herzen wird also zunächst ein Druck aufgebaut, das Blut kann währenddessen nicht entweichen.
Austreibungsphase. Jetzt übersteigt der vom Herzen aufgebrachte Druck den Gefäßwiderstand, sodass sich die Taschenklappen zu den großen Schlagadern öffnen. Auf die Anspannungsphase folgt die Austreibungsphase. Hier übersteigt der vom Herzen aufgebaute Druck den Gefäßwiderstand und die Taschenklappen öffnen sich. Das sauerstoffreiche Blut wird aus der linken Herzkammer durch die Aortenklappe in die Aorta gepresst. Das sauerstoffarme Blut gelangt aus der rechten Herzkammer über die Pulmonalklappe in die Lunge und bildet den kleinen Kreislauf, auch Lungenkreislauf genannt. Da der höhere Widerstand im Körperkreislauf mehr Pumpkraft von der Muskulatur der linken Herzkammer verlangt, ist diese entsprechend dicker als die rechte.
Übrigens: Der Druck kann am Oberarm oder Handgelenk gemessen werden und ist der »obere« Wert einer Blutdruckmessung.
Das Herz füllt sich nun wieder mit Blut.
Erschlaffungsphase. Die Segelklappen zwischen Vorhöfen und Herzkammern öffnen sich. Das Blut strömt in die Kammern, wodurch die nächste Pumpaktion vorbereitet wird. Der diastolische Blutdruck ist der niedrigste Punkt der Druckkurve.
Während eines Herzzyklus fließt sauerstoffreiches Blut ins Herz und wird von dort in den Körper gepumpt. Gleichzeitig kommt sauerstoffarmes Blut wieder im Herzen an und wird erneut in die Lunge befördert.
Steckbrief
Alter: ab 25 Jahren, bei stressigen Jobs auch schon früher
Gewicht: meist eher normal
Blutdruck: eher hoch
Besondere Merkmale: hoher Puls, Bluthochdruck, immer unter Stress und ungeduldig, meistens Schlafprobleme; Risiko sehr hoch
Es muss nicht immer der Manager sein – Internetjunkies, Multijobber und Alleinerziehende sind die Herzpatienten von morgen.
Gestresst! Das Wort hört sich ja schon fürchterlich an und jeder verbindet damit ein Gefühl, das er in besonders anstrengenden Situationen verspürt. »Stressrisiko« – da denken viele eher: Geht mich nichts an! Das betrifft doch nur »Manager«. Weit gefehlt! Erstens managen die meisten irgendwie auch ihren Alltag und/oder die Familie. Zweitens sind Gestresste auch solche Menschen, die sich selbst von allem und allen unter Druck setzen lassen.
Nicht wenige sind so gestresst, dass sie schlussendlich nichts mehr geregelt bekommen. Ständig schauen sie auf ihr Handy oder die Uhr, erledigen schnell das, was gerade zu tun ist, und verlieren dabei den Überblick über das Ganze. Vor lauter Aufgaben und gesetzten Zielen können sie kaum noch klar denken, geschweige denn handeln.
Stress ist ein großer Belastungsfaktor für das Herz. Durch ihn kann es dauerhaft geschädigt werden. Vor allem, wenn berufliche oder private Spannungen im Laufe der Zeit zu Bluthochdruck führen, dem Risikofaktor Nummer 1 für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, also für Herzinfarkt mit Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen sowie Schlaganfall.
Die Handlungsweisen sind dabei unterschiedlich: Sogenannte »Multitasker« machen alles gleichzeitig. Es gibt Hausfrauen, die eine Einkaufsliste schreiben und nebenbei kochen, Hausaufgaben kontrollieren und auch noch das Abendessen mit Freunden planen können. Natürlich fällt das einigen leicht, aber viele andere machen das, weil sie meinen, dass sie sonst nicht fertig werden oder ihren eigenen Anforderungen nicht gerecht werden. Meistens plagt sie dann noch das schlechte Gewissen bis tief in die Nacht. Sie wachen auf und werden von Gedanken rund um ihre unbewältigten Aufgaben geplagt. Sie können sich noch nicht einmal im Schlaf entspannen. Im Extremfall führt das zur Schlaflosigkeit.
Wer im Berufsleben steht, muss fremdbestimmt oder selbstbestimmt ständig Höchstleistungen erbringen. Viele setzen sich selbst damit unter Druck, alles gleichzeitig und perfekt machen zu wollen. Sie meinen, dass nichts ohne sie geht. Delegieren geht gar nicht!
So eine extreme Überforderung schadet ebenso wie Unterforderung, die durchaus auch Stress erzeugen kann, der Gesundheit und dem Selbstwertgefühl. Sind wir unterfordert, fühlen wir uns nutzlos und leer, sind wir überfordert, sind wir gestresst und leicht reizbar. Beides macht krank. Laufen wir ständig auf Hochtouren, greifen wir unsere Leistungsreserven an und unsere Batterien werden immer leerer, was am Ende zum sogenannten »Ausgebranntsein« führen kann.
An sich ist Stress überhaupt nichts Schlimmes. Er ist eine natürliche Reaktion, die dafür sorgt, dass der Herzmuskel die Blutversorgung steigern kann. Auf diese Weise wäre der Körper in einer Notsituation »fluchtbereit«. Wer allerdings ständig auf der Flucht ist und unter Strom steht, läuft Gefahr, dass das fein austarierte System von Botenstoffen und Rezeptoren, das dafür sorgt, dass das Herz regelmäßig pumpt, durcheinandergerät.
Unser Herz vermag aber nicht zu unterscheiden, ob eine echte Gefahr für Leib und Leben vorliegt oder ob uns emotionale oder berufliche Konflikte Stress bereiten. Wie automatisiert laufen dann die Reaktionen in unserem Organismus ab und wir werden von Stresshormonen überflutet. Das wäre in einer echten Notsituation ja auch überlebenswichtig. Als Dauerreaktion und als oft wiederkehrendes Ereignis ist Stress langfristig herzschädigend. Wer ständig unter Strom steht und seinen Motor auf Hochtouren fährt, muss in Kauf nehmen, dass die Ventile verschleißen und der Motor Schaden nimmt. Das autonome Nervensystem steuert ein fein abgestimmtes Orchester von Botenstoffen und Rezeptoren, das dafür sorgt, dass unser Herz regelmäßig und vor allem an den jeweiligen Bedarf angepasst pumpt. Unter Stress schüttet der Körper die Hormone Noradrenalin und Adrenalin aus. Diese Botenstoffe gelangen über Ionenkanäle in die Muskelzellen und beeinflussen dort den Stoffwechsel. Vor allem der für den Herzrhythmus besonders wichtige Kaliumaustausch wird durch die Stresshormone durcheinandergebracht. Das Kalium, das in die Zelle ein- und ausströmt, spielt für die elektrische Stabilität der Herzmuskelzellen eine wichtige Rolle. Um sich wiederkehrend zusammenziehen und Blut in den Körperkreislauf pumpen zu können, ist eine elektrische Erregung der Zellen erforderlich. Kommt es durch den Einfluss von Stressfaktoren hier zu Störungen der Blutsalzkonzentrationen, entsteht eine elektrische Instabilität. In der Folge drohen Herzrhythmusstörungen und darüber Einschränkungen der Herzpumpfunktion.
Burnout – mehr als nur Überforderung
Symptome wie eine ausgeprägte Erschöpfung, fehlender Antrieb, Motivations- und Begeisterungslosigkeit gepaart mit einem erheblichen Gefühl, überfordert zu sein, lassen sich auf einen Nenner bringen: Burnout. Das Feuer ist erloschen. Eine Diagnose, die in den letzten Jahren inflationär oft gestellt wurde, vor allem bei Prominenten, die sich damit gerne in Szene setzen.
Medizinisch betrachtet ist das gar keine eigene Diagnose. Heute diskutieren Experten, ob sich hinter dem erloschenen Feuer nicht eine (Erschöpfungs-)Depression verbirgt. Ursache ist ein Teufelskreis aus Stress und Überforderung, denn ein permanent erhöhtes Stressniveau steigert auch die Überforderung. Der gut gemeinte Ratschlag, einfach mal ein paar Tage auszuspannen, kann hier ausgesprochen kontraproduktiv sein. Jemand, der genau das nicht umsetzen kann, gerät erneut unter Druck. Hier braucht es professionelle Hilfe und zuweilen auch eine medikamentöse Therapie. Sonst kann das krankhaft erhöhte Stresslevel nicht auf ein gesundes Maß gesenkt werden. Anderenfalls hat dies krankhafte Auswirkungen auf Körper und Seele.
»Positiver Stress« dagegen kann sogar die Abwehrkräfte des Körpers steigern. Extremsportarten oder auch Achterbahnfahren und Bungee-Jumping gehören dazu. Sie erzeugen alle typischen Stresssymptome. Trotzdem ist das eine ganz andere Form der Hormonausschüttung, denn wer sich in diese Situationen begibt, macht das freiwillig. Der Körper schüttet dabei alle Hormone aus, die auch in einer Angst- und Stresssituation den Organismus überfluten. Wenn alles vorbei ist, fühlt man sich euphorisch. Wer zum Beispiel beim Bungee-Jumping in 50 m Höhe steht und nach unten schaut – meist sind dort Flüsse oder Seen, auf die man zustürzt –, der fühlt schon so etwas wie Todesangst, bevor er springt. Das Herz schlägt bis zum Hals, der Puls rast, es werden alle Hormone freigesetzt, die immer auch in Notsituationen oder einer Todesbedrohung ins Spiel kommen. Diejenigen, die einen Bungee Jump hinter sich gebracht haben, fühlen sich glücklich und erholt. Wahrscheinlich ist das so, weil sie selbst, obwohl der Körper seine natürlichen Mechanismen in Gang gesetzt hat, die Situation nicht als bedrohlich empfunden haben, sondern, ganz im Gegenteil, sogar als Mordsgaudi. Wer sich auf solche waghalsigen Erlebnisse einlässt und eine unbekannte Herzerkrankung hat, könnte allerdings seine Pumpe damit überstrapazieren. Auch wer kein Stresstyp ist, erfährt alltägliche Situationen, in denen Stresshormone freigesetzt werden. Zum Beispiel wer einen aufregenden Thriller schaut oder liest.
Auch Fußballgucken führt zu Stressabläufen im Körper. Bei aufregenden Spielszenen oder beim Elfmeterschießen steigen bei den Fans Blutdruck und Puls. Das ist nicht zwangsläufig gefährlich. Trotzdem kann dieser emotionale Stress zu Herzproblemen führen, wenn sich der Zuschauer enorm aufregt. Das gilt besonders, wenn eine – vielleicht bislang noch unbekannte – Herzerkrankung vorliegt. Das darf zumindest seit der WM 2006 behauptet werden. Anhand von Notarzteinsätzen in München wurde ausgewertet, wie sich emotionaler Stress auswirkt. Dabei kam heraus: Immer an den Abenden, an denen die deutsche Mannschaft im Stadion stand, mussten dreimal mehr Menschen wegen akuter Herzprobleme ins Krankenhaus gebracht werden als an anderen Tagen. Zu Menschen mit Vorerkrankungen wie koronarer Herzkrankheit oder Herzrhythmusstörungen rückten die Notärzte sogar noch häufiger aus. Insgesamt sei »an den Spieltagen der Nationalelf mehr als doppelt so häufig ein Herznotfall« aufgetreten und bei Patienten mit bekannter Vorerkrankung wie z. B. einer koronaren Herzkrankheit war die Anzahl der Herznotfälle viermal höher als in der Kontrollgruppe.
Regelmäßige Regenerationsphasen sind wichtig. Nur so können wir unsere Reserven wieder auffüllen, die helfen, den Belastungen in Familie und Beruf standzuhalten. Oft verwöhnen wir uns in und nach Stresssituationen aber mit ungesunden Belohnungen: Zigaretten, Alkohol oder Süßigkeiten. Besonders groß wird das Risiko, wenn der Gestresste das ungesunde Verhalten als Gewohnheit in seinen Alltag integriert. Zu solchen ungesunden Gewohnheiten gehören neben Rauchen und Alkoholkonsum vor allem exzessives Essen und Bewegungsmangel. Wer immer erreichbar ist und einen hektischen Lebensstil pflegt, der wird meist auch nur mal »schnell was zwischendurch« essen. Das Schlingen in Eile ist ebenso ungesund wie das, was sich in diesen Pausen gegönnt wird. Wer es eilig hat, kauft eher mal was Fettiges, wie Würstchen, Pommes, Pizza oder Burger. Das belastet kurzfristig die Verdauung und langfristig den gesamten Organismus. Bluthochdruck und Zivilisationskrankheiten wie Diabetes sind irgendwann die Folge. Kommt dann noch Ärger hinzu, verschlechtert das die Prognose nochmals. Denn negative Emotionen wie Feindseligkeit, Wut, Depressionen, Angst und soziale Isolation gelten als herzschädigend.
Der Stress-Check
Frage 1: Schauen Sie ständig auf die Uhr oder das Handy?
Frage 2: Türmen sich die Unterlagen auf dem Schreibtisch?
Frage 3: Sagen Sie häufig private Termine ab, weil Sie mit der Arbeit nicht fertig werden?
Frage 4: Können Sie nichts delegieren?
Frage 5: Rauchen Sie mehr, wenn Sie viel zu tun haben oder sich gestresst fühlen?
Frage 6: Machen Sie kaum Pausen und arbeiten durch?
Frage 7: Fällt es Ihnen schwer, auch mal im Bett zu bleiben und nichts zu tun?
Frage 8: Müssen Sie sich Listen machen, um den Tag zu strukturieren, um an alles zu denken?
Frage 9: Sind Entspannungstechniken wie Yoga oder Qi Gong für Sie Fremdworte?
Frage 10: Nehmen Sie ihre Mahlzeiten während der Arbeit ein, weil Sie keine Zeit für Pausen haben?
Wenn Sie fünf Fragen mit Ja beantwortet haben, hat der Stress ihren Alltag übernommen.
Beantworten Sie einige W-Fragen: Schreiben Sie auf, wann sie sich wovon gestresst fühlen, wie lange der Stress schon andauert und was der Auslöser war. Listen Sie auch positive Stressmomente auf und klären Sie für sich ab, ob Sie Glücksgefühle auch mit Stresssituationen verbinden können.
Sortieren Sie Ihre Liste alphabetisch. So erhalten Sie zu jedem Buchstaben einen Stressreiz. Sie glauben gar nicht, wie aufschlussreich das sein kann.
Stellen Sie sich die Frage, ob sie sich selbst in die Stresssituation(en) begeben oder ob das Stressgefühl durch Arbeit oder andere Verpflichtungen von außen erzeugt wird.
Ergänzen Sie nun Punkt für Punkt, was Sie ändern und umsetzen können. Hilfreich ist, sich für den E-Mail-Check täglich ein oder zwei regelmäßige Termine zu setzen, statt ständig auf den Posteingang zu schielen.
Steckbrief
Alter: beginnt im Kleinkindalter, wird aber erst nach der Pubertät »chronisch« – nicht zu verwechseln mit Cholerikern im Kleinkindalter
Gewicht: meist eher normal, manchmal zu hoch
Blutdruck: hoch, meist »auf 180« (systolischer Wert)
Besondere Merkmale: geht bei jeder Kleinigkeit innerlich an die Decke, kann nicht »Fünfe gerade sein lassen«, Risiko: sehr hoch
Sie sind ständig auf 180 – die sprichwörtliche Fliege an der Wand macht Sie wahnsinnig? – Dann sollten sie hier weiterlesen.
Choleriker sind Menschen mit einem reizbaren und jähzornigen Temperament. Kennen Sie viele, trifft aber auf Sie nicht zu? Oder doch? Vielleicht brauchen Sie auch nur ein Beispiel mit dem Sie sich vergleichen können. Sicher haben Sie von Gernot Hassknecht – alias Hans Joachim Heist – gehört? Wenn nicht, suchen sie ihn mal auf Youtube, da werden sie fündig. Er gibt freitags in der ZDF-Wochenshow den deutschen »Chefcholeriker«: ein kleiner Mann mit Brille und Glatze, der im wahren Leben ein sanftmütiger Komödiant und ein umsichtiger Zeitgenosse sein soll. In einem Interview hat er jedenfalls gesagt, dass er sich allenfalls mal über notorische Linksfahrer auf der Autobahn aufregt. In seiner Rolle ist er der Inbegriff des ungesunden Wutmenschen, der schnell auf 180 ist und sich über die sprichwörtliche Fliege an der Wand aufregen kann. »Hassknecht« verkörpert diese Risikogruppe. Ob Sie dazu gehören, müssen Sie selbst entscheiden bzw. vermutlich wissen Sie das eigentlich ganz gut. Auch wenn sie nicht gleich rumbrüllen, sondern die Wut runterschlucken und sie nicht ihrer Umgebung kundtun, wird der Zustand des Bluthochdrucks zu ihren besonderen Merkmalen gehören. »Auf 180 sein« beschreibt nämlich nichts anderes als den Blutdruck im Wutzustand. Und wer permanent wütend ist, dessen Blutdruck bleibt auch irgendwann in bedenklicher Höhe.
Choleriker sind eine »schwer therapierbare« Risikogruppe, was aber kein Phänomen unserer modernen Welt ist, sondern schon bei den alten Griechen und im Mittelalter beschrieben wurde. Die Bezeichnung »Choleriker« stammt vom griechischen »cholerikos«. Zunächst verwendete man diesen Begriff für Leute, die an Cholera erkrankt waren, doch im Mittellateinischen entwickelte sich daraus eine Bezeichnung für »galliges Temperament und Zornausbruch«. Choleriker werden auch beschrieben als jene, denen permanent die Galle überläuft. Der Grieche Hippokrates ordnete den Cholerikern warmes Blut zu, das den Körper überschwemmt.
Ursprünglich ist die Wut, die uns innewohnt, eine unserer stärksten Waffen. Im Laufe der Weltgeschichte entwickelte sie sich zu unserem Schutz: um uns zu verteidigen, wenn wir attackiert werden, wenn der Feind uns oder ein Familienmitglied mit Waffen bedroht. In solchen Momenten setzt Wut Energien frei, mit denen wir uns verteidigen oder den Angreifer in die Flucht schlagen können. Wir modernen Menschen werden aber schon wütend, wenn unser Selbstwert, unsere Geduld oder gar unser guter Ruf in Gefahr sind. Dann steigt der Blutdruck, die Muskeln spannen sich an und das Herz schlägt schneller. Das gilt übrigens nicht nur für jene, die ihre Wut ausleben, sondern genauso für diejenigen, die sie unterdrücken.
Ein Indiz für den Grad der Wut oder den cholerischen Anfall ist, wenn Gegenstände fliegen. Täglich werden unzählige Tassen, Vasen oder Mobiltelefone aus Wut an die Wand geworfen oder es wird gegen Autoreifen oder Müllcontainer getreten. In dem Kinofilm »Ein Schotte macht noch keinen Sommer« lebt eine der Protagonistinnen ihre Wut an Bienen und Wespen aus. Auf die schlägt sie, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, lange und blind vor Wut, die sich eigentlich gegen ihren respektlosen Ehemann richtet, mit einer Zeitung ein. Als Krönung bewirft sie im Supermarkt eine andere Kundin mit einem Kürbis und verprügelt sie mit einem Fisch aus der Frischetheke. Das Ganze wird von der Videoüberwachung aufgezeichnet, landet auf Youtube. Dort bekommt der Film vier Millionen Klicks. Das ist, wenn auch sehr übertrieben, äußerst amüsant anzusehen und trifft des »Wut-Wesens« Kern. Dass Wut-Videos so oft angeklickt werden, scheint ein Indiz dafür, dass viele Gefallen daran haben, sich Wutanfälle anzuschauen. Was darauf hindeutet, dass sie einen hohen Identifizierungswert haben oder gar helfen, um sich abzureagieren. Der Schauspieler Klaus Kinski, der den Ruf hat, besonders wütend und jähzornig durchs Leben gegangen zu sein, hat mit seinem Wutanfall bei den Dreharbeiten zu »Fitzcarraldo« bei Youtube posthum Millionen Zuschauer erreicht.
Wenn die Galle überläuft, sind Frauen übrigens genauso aggressiv wie Männer. Sie gehen allerdings anders damit um. Wutausbrüche können ja die Männlichkeit bestätigen, im Sinne von »Dem habe ich es aber gezeigt!«. Frauen hingegen schämen sich jedoch im Nachhinein meistens aufgrund des vorübergehenden Kontrollverlustes.
Was im Körper abläuft, ist bei den Geschlechtern allerdings gleich: Zorn verursacht die Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin, was die Blutfett- und -zuckerwerte ansteigen lässt. Typen, die aggressiv und reizbar ihrer Arbeit nachgehen, sind besonders anfällig dafür, dem Alkohol zu verfallen, melden die britischen Kollegen. Sie haben bei hunderttausenden Probanden Arbeits- und Trinkgewohnheiten überprüft und festgestellt, dass jene, die besonders viel arbeiten und zudem reizbar sind, Gefahr laufen, Alkoholprobleme zu bekommen. Und dies besonders, weil sie nach der harten, schweren Arbeit gerne einen über den Durst trinken, und zwar regelmäßig.
Häufige Wutanfälle erhöhen das Potenzial für das Auftreten von Herzinfarkten, Schlaganfällen, Herzrhythmusstörungen und Aneurysmablutungen und sind ebenfalls ein Risiko für Herzinfarkt und Co., ganz zu schweigen von den Verletzungen, die die Wutattacken zur Folge haben können. Man weiß heute, dass Wut die Adern anschwellen lässt. Das ständige Dampfablassen erhitzt den Organismus, der Blutdruck steigt unweigerlich an. »Cholerisch« bedeutet in Herzangelegenheiten die Steigerungsform von »gestresst«. Nein, hier werden keine Klischees bedient! Bei einer amerikanischen Untersuchung kam heraus, dass in den ersten zwei Stunden nach einem Wutausbruch das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen, offenbar am größten ist. Es zeigte sich, dass das Infarktrisiko wuterregter Menschen im Vergleich zu Zeiten, in denen sie ruhig und ausgeglichen waren, auf das fast Fünffache ansteigt. Besonders Menschen mit Vorerkrankungen im Herz-Kreislauf-System wie beispielsweise einer Arterienverkalkung oder einer früheren Herzerkrankung sind gut beraten, wenn sie Ruhe bewahren oder lernen, sich zu beruhigen. Zumal das Herzinfarktrisiko mit der Häufigkeit der Wutanfälle ansteigt. Wut ist neben Angst die intensivste Gefühlsregung. Sie aktiviert den Sympathikus unseres Nervensystems, was Herzfrequenz und Blutdruck rasch ansteigen lässt, während gleichzeitig der Widerstand in den Gefäßen zunimmt. Die Gefahr, dass sich eine Thrombose bildet, steigt an, da sich das ansonsten fein austarierte Blutgerinnungssystem verändert.
Wut steigert die Produktion von Stresshormonen wie Adrenalin und Noradrenalin, die unter anderem Einfluss auf die Blutgerinnung haben. Sie lassen Blutfett- und Zuckerwerte in die Höhe schießen und schädigen Herz und Gefäße. Aber nur, wenn unbedingt nötig, sollten Medikamente, die Wutausbrüche abmildern können, zum Einsatz kommen. Dazu gehören z. B. Betablocker, die das Stresshormon Adrenalin und damit seine aufputschende Wirkung auf Herz und Kreislauf blockieren, oder Antidepressiva, die die Impulskontrolle verbessern helfen. Wer denkt, dass regelmäßig Dampf ablassen gesund ist, irrt: Es sieht nämlich alles danach aus, dass es schädlicher ist, den Ärger regelmäßig rauszulassen, als ihn in sich hineinzufressen oder, besser noch, ihn innerlich schon abzufangen. Denn bei einem Wutanfall befindet sich nicht nur unser Geist, sondern auch unser Körper in Aufruhr. Tatsächlich kann es an die sechs Stunden dauern, bis der Körper nach einem Wutanfall sein Gleichgewicht wiederhergestellt hat, also Atmung, Blutdruck, Herzschlag und Hormonhaushalt wieder auf Normalnull heruntergefahren worden sind.
