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Blickwechsel Allein marschiert – reichlich inspiriert! Wanderung über Alb, Oberschwaben und Bodensee in das Gebirge. Und ein gedanklicher Ausflug in die Welt. Es muss nicht der Jakobsweg und es müssen auch keine sechs Wochen und 1000 Kilometer sein, um an- und innezuhalten; um Abstand vom Alltag, dem Beruf und Privatleben zu bekommen und das eigene Dasein etwas genauer zu betrachten. In meinem Fall war der Anlass für die Wanderschaft der berufliche Ausstieg. In diesem Buch berichte ich über meine dabei gesammelten Erfahrungen: wie mir die Wanderung half, sehr schnell den Kopf frei zu bekommen. Welchen Reiz die einzelnen Etappen mit wunderschönen Landschaften, reizenden Dörfern und Städten auf mich ausübten. Über die spannenden Begegnungen mit Menschen in Baden Württemberg, Bayern und Vorarlberg (Österreich). Und noch eins: Wie ich aus der Ruhe heraus zu mir selbst fand und mein Leben in einer sich veränderten Gesellschaft, Arbeitswelt und Umwelt reflektierte. Und schließlich daraus abgeleitet: Welche Gedanken ich mir für neues Denken und Handeln gemacht habe. Der Schwerpunkt ist jedoch das Wandern selbst. Deshalb gebe ich auch Tipps zur Ausrüstung und Organisation; welche Wanderabschnitte und Unterkünfte mir ganz besonders gefallen haben; und resümiere abschließend: Was hat mir die Wanderung ganz persönlich gebracht?
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Der Autor:
Martin Lude
Geboren 1953 in Grötzingen bei Nürtingen.
Betriebswirtschaftliche Ausbildung, verheiratet, zwei Töchter, ein Sohn, eine Enkeltochter.
Über 42 Berufsjahre mit Schwerpunkt in der Industrie; berufsbegleitend als Fachautor und -referent tätig.
Von 1993 bis 2012 Marketingleiter in einem großen Unternehmen aus dem Investitionsgüterbereich.
Seit August 2012 im Vorruhestand.
Vorwort
Das Wandern ist des Müllers Lust
Von langer Hand geplant – die „Berufs-Abstands-Wanderung“
Dramatische Woche vor der Wanderung
Von der Alb über Oberschwaben und den Bodensee in das Gebirge
Erster Wandertag – der mühsame Albaufstieg
Turbogesellschaft
Zweiter Wandertag – Wandern durch den Schießplatz
Mobilitätseffekte
Dritter Wandertag – das Große Lautertal und allzu großes Vertrauen in das GPS-Gerät
Generationsfragen
Vierter Wandertag – von einem Fluss zum andernι
Stresswelten
Fünfter Wandertag – reichlich am Wasser
Berufswege
Sechster Wandertag – Begegnungen mit Land und Leuten
Moralwerte
Siebter Wandertag – auf der Schwäbischen Eisenbahn
Schaffensfreude
Achter Wandertag – auf den Spuren des HW 4: Main-Donau-Bodensee-Weg
Umweltdilemma
Neunter Wandertag – eine Landschaft voller Hopfen und Obst
„Überlebenskampf“
Zehnter Wandertag – rein in den Trubel
Ernährungsbewusstsein
Elfter Wandertag – lang entlang am Bodensee
Globalisierungsängste
Zwölfter Wandertag – von nun an geht’s bergauf
Vermarktungspraktiken
Dreizehnter Wandertag – auf gefährlichem Pfad
Wertschöpfung
Vierzehnter Wandertag – dann kam der Regen
Lebensglück
Fünfzehnter Wandertag – Abbruch im Nebel
Wendepunkt
Resümee – was hat mir die Wanderung ganz persönlich gebracht?
Wie bekommt mir die freie Zeit danach – was fange ich mit ihr an?
Tipps zur Ausrüstung und Organisation der Wanderung
Die schönsten Wanderabschnitte
Unterkünfte, die ich besonders empfehlen kann
Informationsquellen
Es muss nicht der Jakobsweg und es müssen auch keine sechs Wochen und 1000 Kilometer sein, um an- und innezuhalten; um Abstand vom Alltag, dem Beruf und Privatleben zu bekommen und das eigene Dasein etwas genauer zu betrachten. In meinem Fall war der Anlass für die Wanderschaft der berufliche Ausstieg.
In diesem Buch möchte ich Ihnen etwas über meine dabei gesammelten Erfahrungen erzählen: wie mir die Wanderung half, sehr schnell den Kopf frei zu bekommen. Welchen Reiz die einzelnen Etappen mit wunderschönen Landschaften, reizenden Dörfern und Städten auf mich ausübten. Über die spannenden Begegnungen mit Menschen in Baden Württemberg, Bayern und Vorarlberg (Österreich). Und noch eins: Wie ich aus der Ruhe heraus zu mir selbst fand und mein Leben in einer sich veränderten Gesellschaft, Arbeitswelt und Umwelt reflektierte. Und schließlich daraus abgeleitet: Welche Gedanken ich mir für neues Denken und Handeln gemacht habe.
Der Schwerpunkt ist jedoch das Wandern selbst. Deshalb möchte ich Ihnen auch Tipps zur Ausrüstung und Organisation geben; welche Wanderabschnitte und Unterkünfte mir ganz besonders gefallen haben; und abschließend resümieren: Was hat mir die Wanderung ganz persönlich gebracht?
Dieses vertonte Gedicht des Dichters Wilhelm Müller stammt aus dem Jahre 1821. Ich habe es aus meiner frühen Kindheit in Erinnerung. In den 60er-Jahren haben wir es immer wieder gesungen. Bei Gruppenausflügen und vor allem bei den regelmäßigen Wanderungen mit unserem Vater, der dabei das Lied auch noch per Mundharmonika begleitete. Er hatte uns – meinem Bruder und mir – sehr früh die Schönheit der Natur und unserer Gegend nahegebracht. Es waren zumeist kleinere Wanderungen direkt von der Haustür ins Grüne. Diese Sonntage sind mir bis heute in schöner Erinnerung geblieben.
Aber auch die Schwäbische Alb wählte unser Vater als Ausflugsziel aus. Dort hinzukommen war damals, trotz kurzer Entfernung, gar nicht so einfach. Ein eigenes Auto stand der Familie nicht zur Verfügung. Also marschierten wir von zuhause zunächst zum Bahnhof in Wendlingen. Von dort aus fuhren wir mit dem Zug über Kirchheim/Teck in das Lenninger Tal bis zur Endstation in Oberlenningen. Danach wanderten wir zu Fuß weiter. Der Aufstieg zur Schopflocher Alb, vorbei an der Ruine Wielandstein, war mühsam. Vor allem im Winter, als wir auch noch die Skier mit dabei hatten. Vater musste uns immer wieder beim Tragen helfen. Die Skier waren aus Holz und mit einer einfachen Metallbindung ausgestattet, sodass wir mit ihnen sowohl langlaufen als auch abfahren konnten. So sind wir, auf der Alboberfläche angekommen, zunächst Skigewandert. Damals war das überhaupt noch nicht in Mode, jedenfalls ist uns stundenlang niemand begegnet, der sich auf ähnliche Weise fortbewegte. Das Beste kam aber immer erst zum Schluss. Nämlich die Abfahrt mit den Skiern von der Alb wieder runter in das Tal. Über die Alte Steige von Oberlenningen rauschten wir in die Tiefe. Mein Bruder und ich hatten einen Riesenspaß. Trotz einfacher Skiausrüstung ist mir kein einziger Sturz in Erinnerung geblieben. Mutter war bei den Ausflügen selten mit dabei. Sie war froh, wenigstens einmal in der Woche etwas entspannen zu können und hatte für unsere hungrigen Mäuler nach den Ausflügen ein leckeres Essen zubereitet.
Das Bewegen im Freien – mit eher spielerischem Charakter – gehörte auch wochentags zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Wir wohnten am Ortsausgang von Wendlingen. Direkt hinter unserem Haus schlossen sich Gärten, Obstbaumwiesen und Felder an. Den Wegesrand zu Feld und Wiesen säumten wilde Sträucher; genau richtig gewachsen, damit wir darauf begeistert klettern konnten. In nicht allzu weiter Entfernung genossen wir das Angebot mehrerer Bäche, eines Flusses, sowie eines kleinen Wäldchens. Unserer Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Zusammen mit meinen Spielkameraden genoss ich die schier grenzenlosen Möglichkeiten. Das „soziale Kinderland“ war kein präparierter Spielplatz, sondern die freie Natur. Mitunter übertrieb ich diese Outdoor-Aktivitäten. Damals nannte man solche Kinder, die sich überwiegend an der frischen Luft aufhielten „Gassabuba“, oder auf Hochdeutsch „Gassenjungen“.
Ausdruck meines starken Bewegungsdrangs war auch meine Leidenschaft für das Fußballspielen. Fast täglich kickte ich in Hinterhöfen, auf Wiesen und Sportplätzen. Immerhin brachte ich es bis zu einem förderungswürdigen Talent, das auch während der Schulzeit mehrmals eine Sportschule besuchen durfte. Mit 16 Jahren war es dann mit der ganzen Herrlichkeit vorbei. Ausbildung, Schule, Abendstudium, Beruf, berufliche Weiterentwicklung und Kariere standen von da an im Vordergrund.
Warum erzähle ich Ihnen dies alles? Seit meiner frühen Jugend liebe ich die Natur und verspüre die Lust mich in ihr zu bewegen. Dieses Verlangen ist nie in mir erloschen. Ich sehnte mich geradezu danach, noch einmal den nötigen Freiraum zu bekommen, um sie so intensiv erleben zu dürfen. Ohne zeitliche Einschränkungen, mit freiem Kopf und auch nicht mit berufsbegleitenden Belastungen.
Nach über 42 Berufsjahren verließ ich im Juli 2012 meinen letzten, langjährigen Arbeitgeber und sah voller Erwartung der neu gewonnenen „großen Freiheit“ entgegen. Ich war gerade noch rechtzeitig auf einen der wahrscheinlich letzten Züge einer „Altersteilzeitregelung“ aufgesprungen. So kam ich mit 59 Jahren in den Genuss noch einmal ganz andere Prioritäten im Leben setzen zu dürfen.
Ich war über viele Jahre beruflich stark engagiert; verbunden mit einem hohem zeitlichen Einsatz und bisweilen stressigen Zeiten. Deshalb stand schon frühzeitig für mich fest, dass ich nach meinem letzten Arbeitstag nicht einfach den Schalter umdrehen und mich zu Hause auf die Terrasse setzten konnte. Auch war mir bewusst, dass ich einen Weg finden musste, die vielen Berufsjahre zu verarbeiten, beziehungsweise hinter mir zu lassen. So plante ich bereits eineinhalb Jahre vor meinem Ausstieg eine Wanderung von zu Hause bis in das österreichische Kleinwalsertal. Genau gesagt vom schwäbischen Kirchheim unter Teck nach Mittelberg im Vorarlberg. Mittelberg ist mir sehr vertraut. Ich hatte den Ort seit Jahrzehnten zusammen mit meiner Frau und über viele Jahre auch mit unseren drei Kindern besucht. Es waren zumeist erlebnisreiche Wochenenden und wohltuende Kurzurlaube gewesen. Die Wanderungen und auch der Wintersport hatten für uns immer einen hohen Erholungswert. Nur hingekommen waren wir immer nur mit dem Auto. So reifte in mir der Gedanke: Wenn ich einmal mehr Zeit habe, werde ich diesen Ort von zu Hause aus per Fußmarsch und ganz alleine anlaufen. Mit meinem beruflichen Ausstieg war dieser Zeitpunkt nun gekommen. Und eine längere Abgeschiedenheit hielt ich ohnehin für den besten Weg, um Abstand zu gewinnen und ganz zu mir zu kommen. Vielleicht auch ein wenig beeinflusst von Hermann Hesse und seinem Zitat: „Manchmal den Rückzug antreten und sich ganz mit sich selbst befassen: Nur im Alleinsein können wir uns selber finden. Alleinsein ist nicht Einsamkeit, sie ist das größte Abenteuer.“
Ab Anfang 2012 begann ich meine 15-tägige Wanderung für den Sommer konkret zu planen. Ich studierte zunächst in einem vorhandenen Atlas nach der groben Route. Und ich recherchierte im Internet. Schon dabei kamen mir Zweifel, ob es mir bei den angedachten Tagesrouten möglich ist, abends stets problemlos ein Quartier zu finden. Also beschaffte ich mir richtiges Kartenmaterial: offizielle Wanderkarten des Schwäbischen Albvereins. Sie gaben mir einen genauen Überblick über das zu passierende Land, die Städte und vor allem über die größeren und kleineren Ortschaften. Genau dort lagen Engpässe, was das Angebot an Unterkünften anbelangt. Die von mir in der nun etwas konkreteren Planung zur Übernachtung angepeilten Orte zeigten gemäß Internet-Recherche mitunter dieses Bild: Gasthöfe vorhanden, jedoch ohne Zimmerangebot, Zimmerangebot mittlerweile eingestellt oder es war nicht eindeutig feststellbar, ob es eine Übernachtungsmöglichkeit gibt oder nicht. Das Risiko schien mir zu groß, nach einem anstrengenden Wandertag in einem anvisierten Ort kein Quartier vorzufinden oder ohne Vorreservierung nicht unterzukommen. Dann notgedrungen nochmals etliche Kilometer zum nächsten Ort wandern zu müssen, könnte in physischen und psychischen Stress ausarten. Das wollte ich mir auf keinen Fall antun. Und so abenteuerlich war ich auch nicht mehr veranlagt, um vielleicht mal im Freien oder in einer verlassenen Hütte am Wegesrand zu übernachten.
Also begann ich mit der konkreten Planung von Tagestouren und -zielen. Konkret heißt, ich strebte Etappen von ungefähr 20 Kilometern an und reservierte für jeden Abend an fixem Ort ein Quartier vor. Bei der Suche orientierte ich mich an einfachen, gut bürgerlichen Gasthöfen mit Zimmerangebot. Die Recherchen und Reservierungen gestalteten sich für mich recht zeitaufwendig. Einige Male musste ich auch den zunächst ins Auge gefassten Tageszielort nochmals ändern, um ein geeignetes Zimmer zu bekommen. Die Vorreservierungen hatten sich jedoch im Nachhinein gesehen in jedem Fall für mich gelohnt. Bei den Touren-Planungen mit dem detaillierten Kartenmaterial fiel mir auf, dass es auch Wanderabschnitte durch größere, geschlossene Waldstücke gibt. Ich fragte mich, ob ich mich darin, trotz des guten Kartenmaterials wohl immer eindeutig zurechtfinden werde. Wie es der Zufall wollte, traf ich einen ehemaligen Kollegen, den ich über mein Vorhaben informierte. Er empfahl mir unbedingt noch ein „GPS-Outdoorgerät“ samt geeigneter Kartensoftware einzusetzen. Also machte ich mich auf die Suche. Ein viel komfortableres Gerät, als ich es mir ursprünglich selbst ausgesucht hatte, schenkten mir dann meine Kolleginnen und Kollegen zum Abschied aus der Firma. Wie nützlich es mir noch sein sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.
Zur guten Vorbereitung gehörte freilich mehr: vor allem die passende Kleidung und Wäsche für alle Wettereventualitäten. Von Berufs wegen war ich es gewohnt alles systematisch zu planen. Deshalb schrieb ich mir in gewohnter Manier eine Checkliste. Mal erweiterte ich sie, mal kürzte ich sie im Sinne des Optimierens. Denn die Aufgabe war klar: nur so wenig wie nötig mitnehmen, schließlich muss te ich ja alles selbst schultern. Auf der anderen Seite durfte ich auch nichts Wichtiges vergessen, was mein Vorhaben negativ beeinträchtigen hätte können. Im Kapitel „Tipps zur Ausrüstung“ habe ich die mir am wichtigsten erscheinenden Gegenstände zusammengestellt.
Ich plante den Beginn meiner Wanderung fix und unumstößlich für den 15. Juli. Die Reservierungen von nacheinander folgenden 14 Übernachtungen an verschiedenen Orten bauten darauf auf. Nicht so exakt planbar war hingegen die Geburt unseres ersten Enkelkindes. Die Ärzte hatten wohl den 3. Juli errechnet, doch das Baby wollte und wollte nicht kommen. Vielleicht um dem Opa schon mal vorab zu zeigen, wer zukünftig die Prioritäten setzten würde. Spaß beiseite: So lustig empfanden wir diese Juli-Tage nicht. Wir telefonierten täglich mit unserer Tochter oder deren Lebenspartner. Ab Sonntag, dem 9. Juli kamen gar keine Signale mehr vom knapp 100 Kilometer entfernten Wohnort der beiden. Am 11. Juli in aller Früh war es dann endlich soweit: Stolz verkündeten uns die frisch gewordenen Eltern die Geburt einer gesunden Tochter. Unser erstes Enkelkind hatte es also doch noch geschafft, vor dem Beginn meiner Wanderung das Licht der Welt zu erblicken.
An jenem Mittwoch stand auch – ab dem Spätnachmittag – das „große Abschiedsfest“ in meiner Firma auf dem Programm. Also hatte ich noch ein paar Stunden Zeit zur Erholung, nutzte dann aber die Gunst der Stunde und verkündete den zahlreichen Gästen hoch entzückt unseren Familienzuwachs. Dann kam mein letzter Arbeitstag, der 12. Juli. Ein letztes Händeschütteln in den vier Stockwerken unseres Bürokomplexes. Es fiel mir nicht leicht Abschied zu nehmen. 28 ½ Jahre Betriebszugehörigkeit sind ja schließlich kein Pappenstiel. Der darauf folgende Freitag, der 13. Juli, zeigte nur allzu deutlich, wie nah Freud und Leid oder auch Leben und Tod zusammenliegen können. An diesem Tag wurde die Tochter von langjährigen Freunden beerdigt und wir waren selbstverständlich mit dabei. So konnten wir erst am Samstag, dem 14. Juli mit ein paar Tagen Verspätung zu unserer kleinen Enkeltochter fahren und sie bestaunen. Ja, und ein Tag später ging es schon los. Nicht nur mit genügend Ballast auf dem Rücken, sondern unendlich vielen Gedanken im Kopf.
Es war Sonntag, der 15. Juli 2012. Den weitgehend gepackten Rucksack hatte ich schon Tage zuvor bereitgestellt. Nur die letzten Teile einschließlich Verpflegung und Wasser packte ich noch ein. Den dick aufgequollenen Rucksack legte ich dann nochmals auf die Waage und siehe da, diese zeigte 13,5 Kilogramm an. Was dieses Gewicht tatsächlich bedeutete, bekam ich erst beim Aufsetzen auf den Rücken zu spüren. „Oh Gott, ist der schwer“, bekundete ich spontan. Mein untrainierter Oberkörper beugte sich reflexartig nach vorne. Meine Frau schaute mich mitleidsvoll an. Sie wünschte mir nur noch alles, alles Gute. In besagter buckeliger Haltung verließ ich dann am späten Vormittag unser Haus in Kirchheim.
Jetzt geht’s los!
Vielleicht ein paar Informationen zu meiner Heimatstadt, dem Ausgangspunkt der Wanderung. Ich lebe seit Jahrzehnten hier und fühle mich ausgesprochen wohl. Kirchheim unter Teck liegt ungefähr 30 Kilometer südöstlich von Stuttgart, hat zirka 40000 Einwohner und gehört zum Landkreis Esslingen. Sie ist Fachwerk- Markt- und Einkaufsstadt, Stadt der Segelflieger und lebendiger Mittelpunkt der Region rund um die Burg Teck. Neben den Fachwerkhäusern sind in der historischen Altstadt die idyllischen Gässchen, die Martinskirche, das Schloss und der Wehrgang besonders sehenswert. Der Wehrgang gehörte einst zur unter Herzog Ulrich 1538 erbauten Landesfestung. Das Schloss, als Teil dieser Befestigung, war wiederum Witwensitz der Herzöge von Württemberg.
Vom Hochadel zurück zum Fußvolk und meinem geplanten Marsch. Ich wohne etwas außerhalb des Zentrums und musste deshalb zunächst bergabwärts zum Stadtrand und durch das Industriegebiet gehen. Weder in unserem Wohngebiet noch in der Stadt begegneten mir Menschen. So ist es halt am Sonntagmorgen. Und das war gut so, denn mein Anblick war sicherlich wenig ästhetisch und wirkte alles andere als sportlich. Auch hätte ich die Bekundung von weiterem Mitleid in dieser Anfangsphase meiner Wanderung nur schwer ertragen. Am Ende des Industriegebietes führte mich eine Fußgängerbrücke über die Autobahn, danach über Wiesen und Felder in Richtung Nabern, einem Vorort von Kirchheim. Natürlich kenne ich mich in dieser Gegend – unweit von zu Hause – noch bestens aus und konnte so meine ganze Kraft auf meinen Körper und den Rucksack konzentrieren. Das hatte ich auch bitter nötig. In Nabern saß ich im Ortskern auf einem Bänkchen und kam das erste Mal ins Grübeln: Der Rücken tat weh, die Riemen des Rucksackes waren auf den Schultern deutlich zu spüren. Und das nach den paar Metern, die ich bisher gegangen war! Also begann ich mich mit der „Rucksacktechnik“ etwas intensiver auseinanderzusetzen. Natürlich wäre es viel besser gewesen, dies schon früher zu tun. Nachdem der besagte Rucksack jedoch meine Frau schon erfolgreich durch einen „Wüstenmarsch“ in Marokko geführt hatte, zweifelte ich nicht an seiner Eignung. Später las ich: Der Rucksack muss genauestens auf einen Körper abgestimmt sein. Na ja, so unpassend war er auch wieder nicht und mit einer besseren Verteilung des Gewichtes (auch auf die Hüften) und einem satteren Sitz des Rucksackes bekam ich das Problem deutlich besser in den Griff.
Nun kam ein erster, landschaftlich sehr schöner Abschnitt; lang entlang eines schmalen, betonierten Feldweges zwischen Nabern und Neidlingen. Nicht zuletzt deshalb ist er auch sehr populär zum Fahrradfahren. Ich wanderte auf ihm und bewunderte die Schönheit dieser Gegend direkt unterhalb der Schwäbischen Alb. Zunächst vorbei an Weilheim/Teck mit Blick auf sanfte Hügel, Weinberge in Hanglage, Kornfelder, Wald und die vorherrschenden Streuobstwiesen. Die Kirschenbäume der Streuobstwiesen waren bereits geerntet, Äpfel- und Birnenbäume hingegen trugen noch ihre Früchte.
Auch wenn die Blütezeit längst vorbei war, erinnerte ich mich beim Betrachten der Streuobstwiesen an das Frühjahr und die ganze Schönheit der Bäume- und Wiesenpracht; an das viel gepriesene „Streuobstparadies“. Gedacht hatte ich aber auch an die zahlreichen Initiativen in unserer Region diesen Glanz zu erhalten. Die Bäume müssen gepflegt, die Früchte geerntet und die Wiesen gemäht werden. Und da hapert es am Interesse und Willen nachfolgender Generationen, beziehungsweise potentiell neuen Besitzern. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Menschen haben zu wenig Sinn und Freude an der Natur, keine profitablen Erträge aus Ernten, die über den Eigenbedarf hinaus gehen, keine Lust oder keine Zeit und setzen andere Prioritäten innerhalb des riesigen Freizeitangebotes.
Kommunen und Landschaftsschutzverbände haben sich dem Problem angenommen. Sechs Landkreise gründeten einen Verein mit dem Ziel die Streuobstwiesen zwischen Alb und Hohenstaufen – eine der größten zusammenhängenden Streuobstlandschaften Europas – zu erhalten und besser zu vermarkten. Ob diese Initiative erfolgreich sein wird, ist allerdings ungewiss.
Zurück zu meiner Wanderung und nach Weilheim/Teck, wo ich gedanklich stecken geblieben war. Das Wahrzeichen von Weilheim ist die Limburg. Ein prächtiger Bergkegel. Knapp 600 Meter über den Meeresspiegel ragend. Die Limburg ist ein Teil des sogenannten Schwäbischen Vulkans, auf den ich gleich noch zu sprechen komme. Die reizvolle Landschaft beflügelte mein Gehen, vor allem weil ich mir bewusst wurde, in was für einer wunderschönen Gegend ich lebe. Bis vor der Abzweigung nach Hepsisau kam ich nun zügig voran. Dort erreichte mich eine erste aufmunternde SMS von Freunden mit den besten Wünschen für die Tour. Sozusagen ein weiterer Motivationsschub. Hepsisau liegt ausgesprochen idyllisch. Weniger romantisch schaute es allerdings zwischenzeitlich vom Himmel. Dieser war von Gewitterwolken behangen und ein erstes leichtes Donnern war deutlich zu hören. Noch hoffte ich, dass das drohende Gewitter an mir vorbeiziehen würde; schließlich hatte ich nun den anstrengenden Albaufstieg vor mir. Doch hatte ich falsch spekuliert: Gerade am Albrand bleiben die Gewitter oft hängen und so kam es, wie es kommen musste: Schon bald nach dem Einstieg in das Zipfelbachtal begann ein heftiger Gewitterregen begleitet durch starken Wind. Der schmale Weg entlang des Baches wurde glitschig und rutschig. Auch funktionierte das Handling mit meinem dick bepackten Rucksack zu diesem Zeitpunkt noch nicht so richtig. Bis ich den Regenschutz parat hatte, war ich bereits bis auf die Haut nass. Das lag allerdings nicht nur an dem starken Regen, sondern auch an der eigenen Körperausdunstung. Es war schwül, der Aufstieg steil und das Gepäck schwer. So konnte ich das mir von früheren Touren so wild romantisch in Erinnerung gebliebene Zipfelbachtal kaum genießen.
Klatschnass – von innen und von außen – trottete ich bergaufwärts. War der Rucksack schon auf der Ebene schwer, bekam ich nun zu spüren, was es bedeutete mit diesem Gewicht steil nach oben zu steigen. Erschöpft erreichte ich schließlich über das Randecker Maar die Hochebene der Schwäbischen Alb. Das Randecker Maar ist ein ehemaliger Vulkanschlot am Trauf der Schwäbischen Alb, der durch Vulkanismus vor rund 17 Millionen Jahren entstand. In der Zeit nach der Vulkanaktivität bildete sich in der Senke ein Maarsee. Heute wird das Randecker Maar vom Zipfelbach entwässert, den 20 Quellen speisen. Ja, und wie bereits geschildert, war ich ja bei einer überstarken Entwässerung durch den Zipfelbach live mit dabei.
Randecker Maar mit Blick auf die Limburg
Es hatte aufgehört zu regnen und die Sonne kam zeitweise wieder durch den immer noch wolkenbehangenen Himmel. Ich musste eine längere Pause einlegen. Tisch und Bank, wenn auch beides ziemlich feucht, fanden sich schnell. Schließlich sortierte ich Rucksack und Kleidung neu und setzte meinen Marsch fort. Die Vorzüge der „Funktionswäsche“ sorgten dafür, dass alles gut trocknete und sich meine Haut schon bald wieder angenehmer anfühlte.
Im nächsten Abschnitt wanderte ich auf steinigem Weg am Rande der Gemeinde Schopfloch. Diese Strecke brachte mir eine weitere, eher unangenehme Erfahrung: Die spitzen Steine waren deutlich durch die Schuhsohle zu spüren. Hatte ich hier einen Fehler gemacht? Wandererprobte Freunde hatten mir doch empfohlen, gut eingelaufene Schuhe zu verwenden. Meine Trekkingschuhe schienen allerdings nicht nur eingelaufen, sondern „das Verfalldatum“ bereits überschritten zu haben. Meine Füße schmerzten auf dem steinigen Terrain jedenfalls stark.
Oberhalb von Schopfloch, wieder auf gutem Weg, kam ich am Habrechtshaus vorbei, ein auf der Anhöhe und direkt am Wald idyllisch gelegenes Gasthaus. Ich kannte es von früheren Besuchen. Es bietet eine gut bürgerliche Küche und hat einen wunderschönen Biergarten. Und wer dort etwas zu feiern hat, kann zudem preisgünstig übernachten. Den Hügel gemeistert ging`s alsbald wieder leicht bergab in Richtung Pfulb. Ein Gebiet mit Skiliftbetrieb im Winter.
Dort hatte ich als Kind Skifahren gelernt. Heute war der Schlepplift natürlich außer Betrieb. Also ging ich auf „Schusters Rappen“ wieder bergauf. „Auf und nieder immer wieder“ hatte ich nun glücklicherweise überstanden.
Über den Buckel der Pfulb gelangte ich auf die Straße, die nach Römerstein-Böhringen führte. Meine Füße schmerzten immer noch, so zog ich es vor, direkt der Straße entlang auf dem kürzesten Weg zu gehen. Es herrschte ohnehin wenig Straßenverkehr. Ein Nachteil war allerdings, dass ich keine weitere Möglichkeit zum Sitzen und Ausruhen fand. So gelangte ich auf einen kleinen Autorastplatz unterhalb des Römersteins, einem Aussichtsberg mit Turm, der mit 874 Metern gleichzeitig die höchste Erhöhung der Mittleren Alb darstellt. Leider gab es auf dem darunterliegenden Rastplatz weder Bank noch Tisch. Jetzt sollte sich erstmals ein Geschenk für die Wanderung von der Patentante meiner Frau bewähren. Es war ein winzig kleiner, nur grammschwerer Klappstuhl. Gott sei Dank hatte ich ihn mitgenommen. Ich schnallte den Rucksack ab, setzte mich auf den Stuhl und ruhte mich vor dem noch folgenden letzten Abschnitt aus. Es können doch nur noch ein paar hundert Meter sein, dachte ich mir noch, als ich das Dorf Böhringen bereits vor Augen hatte. Doch die Straße wollte nicht enden. Schließlich erreichte ich das Dorf und auch den Gasthof, wo ich das Zimmer reserviert hatte.
Es war schon später Nachmittag als ich den Schlüssel entgegennahm, mein Zimmer bezog und mich sofort auf das Bett legte. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einmal so schnell eingeschlafen zu sein. Ungefähr eine Stunde später wachte ich auf und spürte ein unangenehmes Brennen an den Füßen. Die Schmerzpunkte ließen sich schnell lokalisieren: Es waren zwei große Blasen am Ballen beider Füße. Ich versorgte sie sogleich mit einem speziellen Pflaster – sozusagen einer zweiten Haut. Das half, jedenfalls hatte ich im weiteren Verlauf meines Marsches kaum noch Probleme. Sicherlich lag dies auch am Wechsel meines Schuhwerks. Ab dem zweiten Tag wanderte ich in Joggingschuhen. Trotz Müdigkeit raffte ich mich auf, um in dem Gasthof noch etwas Warmes zu essen. Appetit hatte ich wenig. Wahrscheinlich war ich zu sehr erschöpft: von der körperlichen Anstrengung des Albaufstiegs und vielleicht auch von den emotionalen Ereignissen der letzten Tage.
Ich betrat die Gaststube und setzte mich auf einen der noch wenigen freien Plätze – direkt neben zwei ältere Damen. Es waren Geschwister, wie ich schnell feststellte; und es war wohltuend ihnen zuzuhören: Sie sprachen über Gott und die Welt. In spürbarer Zufriedenheit über
