Blindness - June Charles - E-Book

Blindness E-Book

June Charles

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Beschreibung

Linnea Rowe schwärmte schon immer für den gutaussehenden Nathan Caldwell, dem Zwillingsbruder ihrer besten Freundin. Doch für ihn war sie eben nur das – eine Freundin. Das änderte sich am Abend des Abschlussballs. Aber während Linnea sich mehr als ein kurzes, leidenschaftliches Abenteuer erhofft hatte, zog Nathan unbeeindruckt weiter. Fünf Jahre und viele unausgesprochene Worte später treffen Linnea und Nathan erneut aufeinander. Doch statt der früheren Freundschaft herrscht nun Eiszeit. Und dennoch besteht eine Anziehungskraft zwischen den beiden, die sie sich nicht erklären können. Ist Linnea in der Lage, ihre Verbitterung gegenüber Nathan abzulegen? Und kann Nathan sich überhaupt auf eine einzige Frau einlassen? Band 1 der ›Blindness‹-Reihe.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Blindness

Erhofft

June Charles

Copyright © 2016 June Charles

Alle Rechte vorbehalten.

June Charles - c/o art for your book

Am Kniependamm 29 – 27726 Worpswede

Satz & Layout: Julia Dahl

Umschlaggestaltung: art for your book

Alle Rechte, einschließlich das, des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden, oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Alle Markennamen, Firmen sowie Warenzeichen gehören den jeweiligen Copyrightinhabern.

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Epilog

Blindness: The Beginning

Blindness: Unvergessen

Blindness: Till the End

Dieses Buch

Linnea Rowe schwärmte schon immer für den gutaussehenden Nathan Caldwell, dem Zwillingsbruder ihrer besten Freundin. Doch für ihn war sie eben nur das – eine Freundin.

Das änderte sich am Abend des Abschlussballs. Aber während Linnea sich mehr als ein kurzes, leidenschaftliches Abenteuer erhofft hatte, zog Nathan unbeeindruckt weiter.

Fünf Jahre und viele unausgesprochene Worte später treffen Linnea und Nathan erneut aufeinander. Doch statt der früheren Freundschaft herrscht nun Eiszeit. Und dennoch besteht eine Anziehungskraft zwischen den beiden, die sie sich nicht erklären können.

Ist Linnea in der Lage, ihre Verbitterung gegenüber Nathan abzulegen?

Und kann Nathan sich überhaupt auf eine einzige Frau einlassen?

Band 1 der ›Blindness‹-Reihe.

Für mein ›Schleifchen‹-Team:

Katrin, Sabrina und Steffi.

Und dann stellst du fest, du bist wie all die anderen.

Unbedeutend.

Eine schnelle Nummer.

Vergessen, bevor es überhaupt vorbei ist.

Prolog

Linn

Seine Hand – die Hand, die eben noch mich berührt hatte – lag jetzt auf ihrer Taille. Der enge Ledermini bedeckte kaum ihren Hintern und die platinblonden Haare warf sie in einer einstudierten Geste über die Schulter. Immer und immer wieder. Ihr Lachen wirkte übertrieben, aber sie war die Sorte Frau, die einen Mann länger als eine halbe Stunde faszinieren konnte. Er bevorzugte diese Art von Frauen, die immer genauso aussahen: Unecht. Aufgesetzt. Billig. Doch ihm gefiel es. Sicher tat es das.

Regungslos starrte ich auf die beiden und wusste nicht einmal, warum ich überhaupt gekommen war. Ich hätte nach Hause gehen sollen. Die Leute um mich herum grölten, tanzten, stießen mit Bier an.

Barbies Finger fuhren in sein dunkles Haar. Vor nicht einmal zwei Stunden waren es meine Hände gewesen. Die Rockmusik dröhnte laut in meinen Ohren.

Ich hasste den Titel!

Ich hasste diese bescheuerte Party!

Ich hasste sie!

Bevor ich Zeuge davon werden musste, wie er sie küsste, kam Leben zurück in meinen Körper und ich wandte mich dem Ausgang der Villa zu. Hier gab es nichts, was mich hielt. Eigentlich hatte es das auch nie gegeben. Ich hatte nichts erwartet, kannte ihn lang genug. Aber es bedeutete ihm nicht nur nichts – nein –, ich hatte ihm nicht einmal für einen Abend gereicht!

Ich war unbedeutend.

Das kleine, rote Notizbuch fand den Weg in meinen neu erstandenen Hartschalenkoffer, bevor ich ihn mit einem Seufzen schloss. Zehn Tage Seattle standen mir bevor. Urlaub bei meiner besten Freundin. Natürlich freute ich mich auf Joelin, viel zu lang hatten wir uns nicht mehr gesehen. Leider hatte die Sache einen unangenehmen Beigeschmack, der Grund, warum ich mich bislang erfolgreich davor gedrückt hatte, sie zu besuchen. Jedes Mal hatte ich fadenscheinige Ausreden erfunden, damit sie zu mir kommen musste.

Warum? Weil ich feige war.

Weil er ihr Bruder war ...

1

Nathan

Heute hatte sich wirklich alles gegen mich verschworen. Der Wecker, dieser gottverdammte Berufsverkehr ... Alles.

Ich eilte über den Flur unserer Kanzlei und während ich vergeblich versuchte, meine dämliche Krawatte zu richten, warf ich einen flüchtigen Blick zum anderen Ende des Ganges. Selbstverständlich hatte sich mein Sozius bereits in Position gebracht, um mich freundlichst darauf hinzuweisen, dass ich zu spät war. Mit den Händen in den Taschen seiner dunkelgrauen Anzughose lehnte Daniel an der gläsernen Bürotür und beobachtete mich argwöhnisch. Ich sollte ihn einfach ignorieren und weitergehen, aber wenn er nicht auf der Stelle seinen Spruch loswerden konnte, würde er implodieren. Eigentlich war es ein ganz normaler Morgen, nur hatte Daniel heute kein Publikum. Unser Empfangstresen, an dem sonst Helen Warner saß, war leer.

»Der Verkehr war schuld«, rief ich müde zu Mister Überpünktlich. »Seattle ist die Pest.« Zufrieden grinste er. Meine Vorlage war also gut gewesen.

»Fragt sich nur, von welchem Verkehr du sprichst, Nathan. Konntest du deine Errungenschaft nicht rechtzeitig aus der Wohnung locken?« Er wusste einfach zu viel über mich. Allerdings – und es kam nicht oft vor – hatte ich das Mayhem gestern allein verlassen. Dass der kleine Zeiger der Uhr bereits auf drei gestanden hatte, musste er nicht erfahren. Kurz war ich versucht, meinen Aktenkoffer nach ihm zu werfen, entschied mich nach kurzer Überlegung jedoch dagegen. Meine Schwester würde mir nie verzeihen, wenn ich ihren Freund erschlagen würde. Sozius – zukünftiger Schwager und seit Kindertagen bester Kumpel –, den Kerl würde ich nie mehr loswerden.

»Negativ«, gab ich zurück und verschwand in meinem Büro.

Träge ließ ich mich am Schreibtisch nieder und starrte auf den Berg Unterlagen vor meiner Nase. Beim Anblick der Akte mit dem fetten, schwarzen ›Smith‹, stöhnte ich auf. Ich hätte im Bett bleiben sollen, anstatt mich noch einen weiteren Tag mit diesen Zicken herumzuschlagen. Senna, eine Mittvierzigerin mit komplett restauriertem Gesicht, hatte nach dem Tod des Vaters nur ein paar Kunstdrucke und den Porsche geerbt, während meine Mandantin Marie, die jüngere und eindeutig attraktivere Tochter, alles andere bekommen hatte. Ich vermutete, dass Daddy Smith bereits zu Lebzeiten genug für Sennas Botox ausgegeben hatte – nur leider mit mäßigem Erfolg.

In der letzten Woche war in meinem Büro Krieg zwischen den beiden Frauen ausgebrochen und es hatte auch nichts geholfen, mir Marie in einem Boxring voller Schlamm vorzustellen. Hätten wir nicht erst vor einem halben Jahr unsere Kanzlei eröffnet und wären seitdem nicht versucht, uns einen Namen zu machen, hätte ich das Mandat auf der Stelle niedergelegt. Ich war Scheidungsanwalt und kein Schiedsrichter für Erbstreitigkeiten.

Gelangweilt blätterte ich durch das wasserdichte Testament. Die Sache war bereits so gut wie gewonnen. Immerhin ein kleiner Trost.

Plötzlich wurde die Bürotür aufgerissen und meine Schwester stürmte hinein. An diesem Morgen blieb mir absolut gar nichts erspart.

»Naaaaathan!«, rief sie, wobei sie das A unerträglich in die Länge zog. Ich unterdrückte den Impuls, mir wie ein kleiner Junge die Ohren zuzuhalten. »Rate mal, wen ich gerade vom Bahnhof abgeholt habe.« So wie Joelin durch mein Büro hüpfte, hatte sie vermutlich den Papst in der Tiefgarage abgestellt. »Los, rate!« Konnte es etwas geben, das mir im Moment gleichgültiger war?

»Den Weihnachtsmann?«, grummelte ich genervt und ließ den Kopf in die Hände sinken.

»Linn!« Linn? Fragend schielte ich durch meine Finger. Sie grinste. »Linn. Unsere Linn. Ach Mensch, Nath.« Andächtig schloss ich die Augen. Wieso zum Teufel hatte mich keiner vorgewarnt? Ich hätte Urlaub auf Hawaii machen können oder meinetwegen auch im Urwald. Hauptsache weg von hier. Scheiße. Ich hoffte inständig, dass meine Schwester nicht auf die dämliche Idee gekommen war, Linnea hier anzuschleppen.

»Joe«, begann ich, blickte auf und atmete laut aus. Natürlich war sie auf die Idee gekommen. Im Türrahmen stand Linnea Rowe und sie sah alles andere als begeistert aus. Ihre braunen Augen fixierten einen Punkt über meinem Kopf. Großartig. Die beste Freundin meiner Schwester und eines meiner düstersten Geheimnisse belagerte mein Büro und niemand hatte es für nötig gehalten, mich über ihren Besuch zu informieren. Daniel hätte mich warnen müssen.

»Linnea«, sagte ich tonlos, »schön, dich zu sehen.« Abfällig schnaubte sie und ließ die schulterlangen, hellbraunen Haare wie einen Vorhang in ihr Gesicht fallen. Früher waren sie länger – irgendwie anders gewesen ... Ich bekam Kopfschmerzen.

»Was ist denn mit euch los?« Verwirrt schaute Joelin zwischen uns hin und her.

»Gar nichts«, winkte ich ab und fing an, in meinem Aktenstapel zu kramen. Wenn sie rausbekam, was ›gar nichts‹ bedeutete, würde sie mir bestenfalls nur die Eier abreißen. »Ich hab nur viel zu tun. Wir reden später, Joelin.« Natürlich glaubte sie mir nicht. Mein Zwilling kannte mich besser als jeder andere und entlarvte meine Ausreden meistens schon, bevor ich sie überhaupt ganz ausgesprochen hatte. Doch, anstatt zu antworten, wandte sie sich an ihre bislang sehr schweigsame Freundin. Lediglich ihre Augen sprühten unentwegt Gift in meine Richtung.

»Komm Linni, wir gehen einen Kaffee trinken.« Fröhlich hakte sie sich bei Linnea unter und zog sie aus dem Büro. Meine Stirn sank auf die Tischplatte und ich betete, dass das alles nur ein böser Traum war.

Kaum waren sie verschwunden, tauchte Daniel im Türrahmen auf und sein abschätziger Blick machte meine Hoffnung zunichte. Ich würde nicht neben einer scharfen Blondine aufwachen, weil alles wirklich nur ein grausamer Albtraum war. Ich saß tatsächlich in meinem Büro und fühlte mich wie ein Tier im Zoo. Es fehlte nur noch der Futterspender an meinem Tisch.

»Was ist?«, grummelte ich und kramte erneut beschäftigt in dem Papierhaufen, als würde ihn das von irgendetwas abhalten.

»Ich wollte dich nur an unser Meeting um zwölf erinnern.«

»Schon klar«, erwiderte ich übellaunig und Dan hob eine Augenbraue.

»Was ist passiert?« Warum stellte er so dämliche Fragen, er kannte die Antwort!

Ich tat ihm dennoch den Gefallen. »Rowe ist passiert.«

»Hat dich dein schlechtes Gewissen eingeholt?«

Schlechtes Gewissen? Ich? »Warum hast du mich nicht gewarnt?«, wich ich aus und er zuckte entschuldigend mit den Achseln. »Und was macht sie überhaupt hier?« Schon während unserer Studienzeit hatte Joelin immer wieder versucht, ihre Freundin zu überreden, uns zu besuchen. Doch jedes Mal war es darauf hinausgelaufen, dass Joe nach Portland gefahren war. Portland. Wie konnte man auf so eine bescheuerte Idee kommen und dort studieren? Aber mir war es nur recht gewesen. Aus den Augen aus dem Sinn ... Zumindest hatte ich gehofft, dass unser kleines Geheimnis so niemals ans Licht kommen würde. Was also machte sie jetzt in Seattle? Und wieso hatte der Idiot von einem besten Freund mir diese Info vorenthalten?

Bevor er etwas erwidern konnte, knallte es im Flur. »Sorry, Leute!«, rief eine vertraute Stimme und ich schüttelte den Kopf. Mein Cousin. Er brachte wie jeden Morgen Caithlin zur Arbeit – ganz zum Nachteil unseres Interieurs. Matthew arbeitete in einem Wirtschaftsbüro ein paar Straßen weiter, während Caithy bis vor kurzem Mediendesignerin in einer mittelmäßigen Werbeagentur gewesen war. Sie hatte dort gekündigt und half uns mit dem Bürokram, bis sie einen neuen Job gefunden hatte. Unser Papierdrache und Organisationstalent.

Matt und Caithlin waren seit knapp zwei Jahren ein Paar. Sie hatten sich bei einem Besuch während der Semesterferien bei ihren Eltern in Raymond wiedergesehen und Caith war nach Ende ihres Studiums zu uns nach Seattle gekommen. Unglaublich, dass sie es am Ende tatsächlich noch geschafft hatten. Während der Highschool hatte der Vollidiot sie ständig abblitzen lassen. Als könnte irgendwer eine Caithlin Tylor nicht wollen.

»Ich schau mal, was er nun wieder zerstört hat. Wir sehen uns nachher beim Meeting«, lachte Daniel und trat zurück auf den Flur.

Seine Worte allerdings hallten weiter durch meinen dröhnenden Kopf. ›Schlechtes Gewissen?‹ Weshalb? Ich war Linnea Rowe nichts schuldig.

2

Linn

Mit Blicken fuhr ich die Linien der karierten Tischdecke nach, die auf unserem, wie auch auf jedem anderen Tisch des kleinen Cafés lag. Joelin redete ohne Punkt und Komma und ich konnte ihr kaum folgen. Meine Gedanken verweilten immer noch in dem Bürogebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auf der Zugfahrt hatte ich mir die unterschiedlichsten Sätze zurechtgelegt, die ich sagen könnte, wenn ich auf Nathan Caldwell traf. Doch dann hatte seine übermäßige Präsenz hinter diesem Mahagonischreibtisch meinen Kopf einfach leer gefegt. Er übte immer noch diese Anziehung auf mich aus und das ärgerte mich maßlos.

Sehr lange war es mir gelungen, mich davor zu drücken, Joelin zu besuchen – bis sie im letzten Jahr zusammen mit Daniel in Portland aufgetaucht war und ich ihnen versprechen musste, herzukommen. Ich war so naiv gewesen, zu glauben, es würde mir nichts mehr ausmachen, ihn nach mittlerweile fünf Jahren wiederzusehen. Weit gefehlt. Ich hätte nicht mit Joe ins Büro gehen dürfen, was der nächste große Fehler gewesen war – diese ganze Reise war es!

›Linnea ... schön dich zu sehen‹ Wer sollte ihm das glauben? Seine Schwester? Ich kannte ihn und der desinteressierte Blick hatte ihn sofort verraten. Er freute sich nicht. Wieso auch? Seit ich denken konnte, hatte ich Nathan immer ein klein wenig angehimmelt – wie alle Mädchen. Früher – als Kinder – waren wir Freunde gewesen, aber als wir älter wurden, hatte er sich ausschließlich mit den hübschesten Mädchen der Schule abgegeben. Ich hatte nicht dazu gehört und sie stattdessen um die anerkennenden Blicke seiner grünen Augen beneidet. Für ihn schien ich gar nicht mehr da gewesen zu sein – wenn überhaupt existent –, bis auf eine einzige Ausnahme. Ansonsten war Nathan mir gegenüber freundlich, aber distanziert gewesen, und am Ende war ich nur noch die Freundin seiner Schwester – nichts weiter. Auch wenn es meine eigene Schuld gewesen war, hatte es nicht weniger wehgetan ...

Betrübt schaute ich aus dem bodentiefen Fenster des Cafés, hinüber zu dem hohen Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite. Auf dem Highschool-Abschlussball hatte er mich zum ersten Mal wieder wirklich wahrgenommen. Warum? Weil ich dumm gewesen war und es darauf angelegt hatte. Ich hatte geflirtet, als gäbe es keinen Morgen, hatte mich geradezu lächerlich gemacht, aber es hatte funktioniert.Im Nachhinein betrachtet fand ich seine geflüsterten Worte gar nicht mehr so gänsehautverdächtig. An diesem Abend schon.

Mit einem herzzerreißenden Lächeln beugte er sich zu mir und raunte in mein Ohr, dass er mich zu gern ›auspacken‹ wolle, während er an der kleinen blauen Schleife meines Kleides zog. Seine schönen Augen hypnotisierten mich und der glühende Blick gehörte jetzt nur mir, obwohl er mit Chloe zum Ball gekommen war. Beinahe arrogant fuhr er sich durch sein dunkelbraunes Haar und ich musste mir unweigerlich vorstellen, wie meine Finger seine ersetzen würden. Er sah umwerfend aus in diesem dunklen Anzug. Als würde er auf das Cover der GQ gehören und er wusste es!

Ich konnte ihn nur dämlich angrinsen. Mein Körper schaltete auf Autopilot, als Nathan mich zum Ausgang der Turnhalle, in der die Feier stattfand, zog. In einem unbeobachteten Moment verließen wir den Saal. Joelin war sowieso zu sehr mit der betrunkenen Caith beschäftigt, um uns zu vermissen.

Draußen blieb Nathan kurz stehen und fragte mich, ob ich mir sicher sei. Sanft küsste er mich am Hals und blickte mir dann tief und bedeutsam in die Augen. Ich war nicht mehr in der Lage, etwas Vernünftiges zu antworten, und nickte bloß.

Dumm. Dumm. Dumm.

Als er meine Hand nahm und mich hinter sich herzog, fürchtete ich, meine Beine würden unter mir nachgeben, so aufgeregt war ich.

Hinter der Turnhalle angekommen, war ich mir für einen kleinen Augenblick nicht mehr sicher, ob es wirklich richtig war. Doch als er mich langsam mit dem Körper gegen die Mauer schob und dabei seine perfekten Lippen auf meine legte, verabschiedete sich auch der letzte Funke Verstand und mit ihm die Zweifel. Ich wollte es. Es fühlte sich gut und richtig an – es konnte einfach nicht falsch sein.

Wenn ich die Augen schloss und mich erinnerte, spürte ich wieder seine Hände auf meinem Körper, wie er sie langsam unter mein Kleid schob. Mein verzweifeltes Aufstöhnen, als er mich das erste Mal berührte, war mir peinlich gewesen ...

»Linn?« Es war Joelin, die mich unsanft zurück in die Gegenwart beförderte.

»Wenn du weiter so in deinem Milchkaffee rührst, hast du ein Loch in der Tasse«, neckte sie und tippte dabei gegen meinen großen Becher.

»Tut mir leid, Joe«, erwiderte ich und legte schuldbewusst den Löffel beiseite.

»Was ist los?« Bekümmert sah sie mich an und ich fühle mich noch schlechter. Sie war meine beste Freundin, aber die Wahrheit konnte ich ihr dennoch nicht sagen. »Geht es dir nicht gut?«

»Doch, alles in Ordnung«, winkte ich ab und trank einen Schluck von meinem nunmehr kalten Kaffee. Widerlich. »Erzähl mir von der Modenschau«, forderte ich sie auf, in der Hoffnung, sie hatte es nicht schon getan. Doch so schnell würde sie sich nicht ablenken lassen, aber was sollte ich ihr sagen? ›Nichts weiter. Ich hatte bloß Sex mit deinem Bruder.‹ Sie würde ausflippen, vor allem wenn ich ihr erklären müsste, wieso ich Nathan nie wiedersehen wollte.

Am Ende des Abschlussballs bekam ich aus meinem Sicherheitsabstand zu den anderen mit, wie er, Matt und Daniel planten, zur Party von Stan McKenzies zu fahren. Joelin war bereits mit Caithlin auf dem Nachhauseweg, weil diese sich wegen Matthew so mit eingeschmuggeltem Alkohol betrunken hatte, dass Joe sie fahren musste. Eigentlich wollte ich auch nach Hause. Ich war überhitzt und müde, mein Kleid knitterig und wie meine Haare aussahen, konnte ich nur erahnen. Auf der Toilette hatte ich es vermieden, in den Spiegel zu sehen. Trotzdem fuhr ich zu der Villa mitten im Wald. Heimlich, weil ich nicht den Mut hatte, mich den Jungs offiziell anzuschließen. Seit der Sache – dem Sex – hinter der Turnhalle war die Stimmung zwischen Nathan und mir anders. Da war kein Glühen mehr in seinen Augen – nicht mal, als er mir vor dem Eingang einen kleinen Abschiedskuss auf die Wange gedrückt hatte, bevor er wortlos zurück auf den Ball und auf direktem Weg zu Chloe geschlendert war, wo er den Rest der Veranstaltung verbracht hatte. Sie war seine momentane Freundin, das hatte ich vorher gewusst und ich kannte Nathan zu gut, um mir falsche Hoffnungen zu machen. Ich hatte nie so enden wollen, wie die Chloes an unserer Schule. Wie jene, die um seine Aufmerksamkeit buhlten, sich ihm an den Hals warfen und darauf hofften, dass er sie in sein Bett ließ. Joelin und ich hatten uns früher immer über diese Mädchen lustig gemacht und nun gehörte ich zu ihnen. Mein dummes Herz hatte mich zu einer von ihnen gemacht. Als ich in der überfüllten McKenzie-Villa ankam, entdeckte ich ihn sofort – auf einem Barhocker. Sein Arm lag auf der Taille einer blonden Schönheit. Ich kannte sie nicht und dennoch hasste ich sie. Vielsagend lächelte Nathan sie an und ich verließ fluchtartig die Party. Ich wollte all das nicht sehen. Den ganzen Weg über kämpfte ich mit den Tränen. Wut, Enttäuschung und das Gefühl - so blöd es auch war -, benutzt worden zu sein, zerfraßen mich langsam. Aber ich wollte nicht weinen.

»Irgendwas stimmt doch nicht, Linn.« Joelin ließ sich niemals täuschen. Ihre grünen Augen, die mir jedes Mal einen kleinen Stich versetzten, weil sie mich so sehr an Nathan erinnerten, blickten mich besorgt an. Zum Glück war die Augenfarbe das Einzige, was sie – rein optisch betrachtet – mit ihrem Zwillingsbruder gemeinsam hatte. Früher hatte Joelin rotblonde, lange Locken gehabt, um die ich sie immer beneidet hatte. Mittlerweile überraschte sie ständig mit einer neuen Farbe. Im Moment leuchteten ihre kurzen Strähnen in einem dunklen Violett, weil sie der Meinung war, in der Modebranche müsse man immer im Trend liegen. Nathans Haar hingegen war dunkel und seine Haut sah im Gegensatz zu Joes aus, als würde er die meiste Zeit des Tages an der frischen Luft und nicht im Büro verbringen. Zudem war er locker drei Köpfe größer als seine Schwester. Umwerfend waren sie beide.

Innerlich seufzend wandte ich den Blick ab.

»Linnea, du sagst mir jetzt auf der Stelle, was los ist!« Ich war nie rachsüchtig gewesen, aber jetzt musste ich fast lachen bei dem Gedanken daran, was sie mit ihrem Bruder anstellen würde, wenn ich ihr die Wahrheit offenbarte. Und er hätte es verdient. Irgendwie zumindest.

»Nathan ist ein Arschloch«, kam es mir über die Lippen, und es fühlte sich gut an, es laut auszusprechen. Ich hatte viel zu lang stumm geflucht, und wozu sollte ich ihn weiterhin in Schutz nehmen? Joelins Stirn legte sich in Falten. »Erst schläft er mit mir und zwei Stunden später macht er mit so einer Tussi rum. Natürlich, nachdem er zu allem Überfluss Chloe am Hintern rumgefummelt hat. Eine hat ihm nicht gereicht! Nein, er braucht gleich drei ...« Ich hielt inne und sprach dann leiser weiter. »Ich habe ihm nicht gereicht, Joe.« Ich war so dumm gewesen, zu glauben, dass ich etwas Besonderes für ihn sein könnte. Ihre grünen Iriden waren mittlerweile riesengroß. »Ich habe keine Beziehung erwartet, aber ein wenig Anstand hätte er zeigen können. Hat er aber nicht. Und dann komm ich in sein Büro und ... und.« Ich hatte mich regelrecht in Rage geredet. »Schön, dich zu sehen ... dieser ... Argh! Ich ertrage das nicht!«, schloss ich bitter und fühlte mich wider Erwarten schlechter als jemals zuvor. Ich klang wie ein kleines, beleidigtes Mädchen, was ich vermutlich auch war. Wenn es um Nathan ging, war ich nie rational gewesen.

»Nathan hat was?« Zischend atmete Joelin aus. Sie war stinksauer.

»Er ...« Weiter kam ich nicht, denn sie schob bereits geräuschvoll den dunklen Holzstuhl zurück und das kleine, karierte Kissen fiel auf den Boden, als sie aufsprang.

»Rühr dich nicht von der Stelle!«, knurrte sie und schoss wie eine Kanonenkugel aus dem Café.

Vor meinem Ausbruch hatte ich den Gedanken daran, was sie mit Nathan anstellen würde, sehr amüsant gefunden, aber jetzt? Mist! Ich sollte auf der Stelle zurück nach Portland fahren und mich wieder meiner Arbeit in der Bibliothek widmen, anstatt mich hier wie ein Kleinkind aufzuführen und der Vergangenheit hinterher zu hängen. Es war ja nicht so, als wäre mein Leben nicht weitergegangen. Ich hatte Freunde, einen Abschluss in der Tasche, eine eigene, kleine Wohnung, und einen Job, den ich mochte. Auch war ich mit Männern zusammen gewesen, aber mit niemandem von Bedeutung. Vielleicht war für mich so eine perfekte Beziehung, wie Joelin und Daniel sie hatten, nicht vorgesehen. Der Verdacht lag nahe.

3

Nathan

Mit einem dumpfen Schlag knallte meine Bürotür gegen die Wand und Joelin stürmte wie ein tasmanischer Teufel auf meinen Schreibtisch zu. Sie wusste Bescheid – anders war dieser Auftritt nicht zu erklären. Mit erhobenen Händen stand ich auf und wollte auf sie zugehen, doch irgendwas in ihrem wilden Blick sagte mir, dass ich lieber durchs Fenster verschwinden sollte. Zu dumm nur, dass man die in den oberen Stockwerken nicht ganz öffnen konnte, weshalb der Schreibtisch als Schutzbarriere genügen musste. Im Notfall würde ich ihn einfach umschmeißen und dahinter in Deckung gehen.

Joe war als Kind oft handgreiflich geworden, wenn ich sie geärgert hatte. Mit Vorliebe hatte sie mir an den Haaren gezogen und ich hatte immer solange geschrien, bis unsere Mutter uns getrennt hatte. Natürlich nur, weil ich meine Schwester nicht verletzen wollte. Schreien würde mir jetzt allerdings nicht viel bringen.

»Nathan!«, brüllte sie und blieb auf der anderen Seite der Tischplatte stehen. »Was hast du dir dabei gedacht? Linn? Ich meine ... Nathan, du ...« Das Miststück hatte also tatsächlich ausgepackt.

»Joe, bitte«, unterbrach ich sie sanft. »Ich weiß nicht, was sie dir erzählt hat, aber es ist bestimmt nicht so, wie es den Anschein macht.« Großartig. So fingen alle schlechten Ausreden an. Wo war der Strick?

»Nathan Caldwell, willst du etwa behaupten, Linn lügt mich an?«, zischte sie und beugte sich dabei näher zu mir. Ich würde es ihr erklären müssen, wenn ich überleben wollte.

»Es ist fünf Jahre her. Ich habe keine Ahnung, was das jetzt soll. Das ist absolut lächerlich«, entgegnete ich gedämpft und Joelin beruhigte sich ein wenig, lediglich die roten Flecken in ihrem Gesicht leuchteten weiterhin beängstigend.

»Du hast mit meiner besten Freundin geschlafen.«

»Und deine beste Freundin hat mit mir geschlafen.« Wo lag also das Problem? Einvernehmlicher Sex ist kein Verbrechen. Hätte Linnea etwas zu sagen gehabt, hätte sie damals ihren Mund aufmachen können, anstatt ohne ein Wort zu verschwinden. Außerdem hatte sie sich an mich rangemacht. Also was sollte das jetzt?

»Und warum musstest du vor ihren Augen gleich die Nächste klarmachen? Das ist einfach total ekelhaft, Nath.«

»Wie bitte?« Jetzt war ich ernsthaft angepisst.

Wie hätte Linnea das wissen können? Matt, Daniel und ich waren nach dem Ball zu Scotts dämlicher Party gefahren und hatten uns dort total abgeschossen. Irgendwann hatte diese Blondine – an ihren Namen erinnerte ich mich nicht – auf meinen Schoß gesessen. Allerdings war der Sex nicht annähernd so gut wie mit Linnea gewesen – daran erinnerte ich mich durchaus.

»Wie kommt sie auf so etwas?«, fragte ich unbeeindruckt und ließ mich auf meinen Bürostuhl sinken.

»Ist es wahr?«, hakte Joe nach und ich rieb mir gestresst über das Gesicht. Was für ein Scheißtag!

»Ja«, gestand ich und machte mich auf den nächsten Anschiss gefasst, während meine Schwester mich vernichtend ansah.

»Warum, Nathan?« Was war das denn für eine Frage? Wieso vögelte man? Selbsterklärend.

»Warum nicht?« Ich zuckte mit den Achseln.

»Warum nicht? Du hast dich an meiner besten Freundin vergriffen und ersetzt sie dann einfach durch die Nächste. So geht man nicht mit Linn um. Hörst du?«

›Vergriffen‹? Jetzt wurde sie auch noch ausfallend. Ich hatte Linnea zu nichts gezwungen, ganz im Gegenteil. Sie war ein williges, kleines Ding gewesen ... Ich schüttelte die Erinnerung ab. »Joelin ...«

»Das ist das Allerletzte, Nathan!«, fluchte sie, wirbelte herum und stampfte – soweit das mit ihren dünnen Absätzen möglich war – aus meinem Büro.

Das war alles?

Sie gab auf?

Das war falsch – geradezu unnatürlich. Joelin gab niemals auf.

Entnervt atmete ich aus und ließ dabei erneut meinen Kopf nach vorn auf den Tisch sinken. Was wäre, wenn Linnea wirklich von der Blonden – ich kam einfach nicht mehr auf den verfickten Namen – von der Party wusste? War das ein Grund, mir Joelin auf den Hals zu hetzen? Wir hatten bloß Sex und ich hatte mich nicht dazu verpflichtet, anschließend ein Zölibat abzulegen. Außerdem war es FÜNF Jahre her. Also, wenn hier jemand ein schlechtes Gewissen haben sollte, dann war es ja wohl Linnea mit ihrer kindischen Petzerei.

Leise fluchend sah ich auf und entdeckte Caith in meiner Bürotür. Wo kam die jetzt plötzlich her? Ich sollte mir definitiv eine Glocke an die Tür hängen.

»Schlecht geschlafen, Nath?« Mit skeptischer Miene musterte sie mich.

»Nein, Caith, alles bestens.« Meine Augen blieben unweigerlich an den zwei geöffneten Knöpfen ihrer weißen Bluse hängen. Zugegeben, Caith war wirklich heiß, und was das anging, konnte ich Matt verstehen, aber eine Beziehung mit ihr wäre für mich absolut keine Option. So viel Ärger waren hübsche Titten nicht wert. Ich konzentrierte mich wieder auf ihr Gesicht.

»Also, was kann ich für dich tun, liebe Caithlin?«

»Ich wollte dich nur daran erinnern, dass das Meeting bereits angefangen hat«, erwiderte sie geschäftsmäßig und nahm ihre blonden Locken zu einem Knoten zusammen. »Du siehst echt beschissen aus, Nathan. Sicher, dass alles okay ist?«

Ja, ja, ich hatte es kapiert. »Vielen Dank für die Info«, grummelte ich. »Ich bin gleich da.«

»Gern geschehen, Boss!« Mit einem frechen Grinsen drehte sie sich um, und während sie aus meinem Büro stolzierte, starrte ich auf ihren sexy Arsch. Caith wusste es, denn ich tat es immer. Zudem war meine Tür mit poliertem Lack überzogen – sie konnte mich also sehen. Mit gespieltem Entsetzen schüttelte sie den Kopf und wackelte übertrieben mit dem Hintern.

Verdammter Sexentzug! Verdammte Amanda!

Wir hatten Streit gehabt, weil sie sich doch tatsächlich darüber beschwert hatte, dass ich nichts mehr mit ihr unternahm. War Sex etwa nichts? Weiber! Gestern im Club war die Auswahl auch eher dürftig gewesen und hier im Büro gab es neben Caith, die tabu war, nur Helen und Letztere ging auf die 60 zu. Also würde ich Amanda später anrufen und ihr ein Essen versprechen müssen.

Lustlos kramte ich meine Unterlagen fürs Meeting zusammen und machte mich auf den Weg.

Um fünf nach zwölf betrat ich den Konferenzraum, der im Flur direkt neben dem Empfangstresen abging. An der Stirnseite des großen Glastisches, an dem zehn Personen Platz fanden, saß Daniel und wollte gerade zu einer seiner unqualifizierten Bemerkungen ansetzen. Mit zusammengekniffenen Augen hob ich die Hand, um ihm zu signalisieren, dass er lieber die Klappe halten sollte. Tatsächlich schloss Daniel unverrichteter Dinge den Mund und ich ließ mich zufrieden auf den Stuhl neben Helen Warner sinken. Caith hatte mir gegenüber an der großen Fensterfront Platz genommen, durch die man einen hervorragenden Ausblick über Seattle genoss, und durchwühlte irgendwelche Unterlagen. Daniel ergriff das Wort und während Helen neben mir alles mitschrieb, konnte ich ihm kaum folgen. Ich würde sie später einfach um die Aufzeichnungen bitten.

Frustriert stützte ich das Kinn auf einer Hand ab und sah aus dem Fenster, wobei mein Blick auf Caithy fiel. Sie kaute auf ihrem Stift herum – das tat sie immer, wenn sie sich langweilte. Ich konnte absolut nicht verstehen, warum sie sich diesen Kram überhaupt antat. Ihre Eltern hatten genug Kohle und würden sie sicherlich unterstützen, bis sie einen neuen Job als Mediendesignerin gefunden hatte. Desinteressiert sah ich zurück zu Daniel. Er war gerade bei den Bushs angekommen, die einen Ehevertrag abschließen wollten. Mister Bush plante, dass seine viel zu junge, attraktive Braut im Falle einer Scheidung gar nichts bekam, was ihr natürlich nicht passte. Er war ein alter, abgedroschener Geschäftsmann mit zu viel Geld, der Angst hatte, seine Zukünftige würde ihn betrügen und ausnehmen. Aber im Ernst – welchen Grund sollte Ann Maier sonst haben, so einen Typen zu heiraten? Am Montag hatte es zwischen den beiden eine handfeste Auseinandersetzung in Daniels Büro gegeben und er hatte mich dazu gerufen. Heldenhaft hatte ich Miss Maier aus der Gefahrenzone bugsiert und Daniel mit dem tobenden, alten Sack allein spielen lassen.

»So, das war es von meiner Seite«, schloss Daniel nach einer gefühlten Ewigkeit und Helen Warner legte ihren Stift ab.

Stille.

»Nathan? Hast du noch was?«, hakte mein Sozius ungeduldig nach und ich schüttelte den Kopf. Mir stand gerade nicht der Sinn danach, über einen nervigen Scheidungsfall zu sprechen. »Gut, dann kann ich ja jetzt zum Mittagessen gehen«, fuhr er fort und lächelte dämlich. Es war sein ›gleich-sehe-ich-Joelin-Gesicht‹. Liebe machte nicht nur blind, sondern auch hirnlos.

Helen verließ als Erste den Raum und Daniel folgte ihr, während Caith und ich sitzen blieben. Müde ließ ich die Arme auf die Tischplatte fallen und legte die pochende Stirn darauf. Mann, war ich im Arsch.

Geräuschvoll wurde ein Stuhl zurückgeschoben und ich schreckte hoch. Nie hatte man nur eine Sekunde Ruhe in diesem Schuppen.

»Was war das eigentlich mit Joelin? Man konnte sie ja über den ganzen Flur hören«, erkundigte sich Caith neugierig, als sie neben mir stehen blieb. Meine Laune sank ins Bodenlose.

»Nichts«, antwortete ich abweisend, doch sie ließ sich davon nicht abschrecken. Sie war ein verdammtes Klatschweib.

»Ach komm schon, Nath«, bettelte sie. »Es hat was mit Linn zu tun, stimmt’s? Ich habe da ein paar Wortfetzen aufgeschnappt.« Wozu leugnen? Sie war eine Frau – sie würde die Wahrheit so oder so rauskriegen.

»Ich hab keine Ahnung, was ihr Problem ist. Joelin hat wie eine Furie mein Büro gestürmt«, brummte ich und Caithy blickte mich nachdenklich an, lehnte sich dabei mit dem Hintern gegen die Tischplatte.

»Hm, gibt es da irgendwas, das ich nicht weiß?«

Vage nickte ich, hatte aber kein Bedürfnis, ihr die ganze Geschichte zu erzählen. »Später«, winkte ich ab, während ich mich erhob und mich in den Flur schleppte. »Ich brauche erst mal einen Kaffee und mindestens drei Stunden Schlaf.«

Am Empfangstresen hinterließ ich eine Nachricht für Daniel, der mit Joe und Linnea – wie Helen mir mitteilte – beim Italiener war, und lief weiter zum Aufzug. Ungeduldig tippte ich mit dem Fuß auf der Stelle, während ich darauf wartete, dass das lahme Scheißding den zwanzigsten Stock erreichte. Die Aufzugstüren öffneten sich und ich hielt augenblicklich in meiner Bewegung inne.

4

Linn

»Idiot!«, fluchte Joelin, während sie sich zurück an unseren Tisch setzte. Ihr Gesicht war übersät von hektischen Flecken und ich wäre am liebsten unter das Stuhlkissen gekrochen. Ich hatte es vermasselt.

»Was hat er gesagt?«, fragte ich vorsichtig, obwohl ich es eigentlich gar nicht wissen wollte. Anstatt einer Antwort stellte sie eine Gegenfrage.

»Linn, woher weißt du von Nathan und dieser Tussi?« Shit! Ermutigend legte sie ihre Hand auf meine. »Ich muss das wissen, Linn.«

Jetzt war es eh schon egal. Oder? »Also ...«, begann ich und suchte vergeblich nach einer Erklärung, die mich nicht wie eine Stalkerin aussehen ließ. »Nachdem Nathan und ich ...« Aufgebracht schnappte Joe nach Luft und ich ließ diesen Teil der Geschichte vorerst aus. »Jedenfalls sind wir nach dem Ball noch zu dieser Party gegangen.« In Wahrheit war ich ihnen wie eine behämmerte Liebeskranke nachgeschlichen. »Die Jungs sind in Daniels Auto vorgefahren. Ich habe Nathan dort mit einer Blonden gesehen, als ich ankam.«

»Das tut mir leid«, seufzte sie mitfühlend. »Nathan kann manchmal ein richtiges Arschloch sein. Aber du kennst ihn doch ...« Sie sagte es nicht, aber ich konnte den Vorwurf in ihrer Stimme hören und sie hatte recht – ich war selber schuld. Sicher war ich das. Aber dass Nathan so wenig Anstand besaß, hatte ich nicht gewusst. Es tat weh ... selbst nach all den Jahren. »Ich verstehe das nicht, Linn. Ich habe immer gedacht, dass du immun gegen seinen Charme wärst.« Gab es auf diesem Planeten überhaupt eine Frau, die das zustande brachte? Ich glaubte nicht daran. Freudlos lachte ich auf, antwortete aber nicht. »Gott, ich könnte ihn dafür erwürgen.«

»Lass gut sein, Joe«, versuchte ich ihre erneut aufkeimende Wut zu vertreiben. Ich wollte das Thema einfach beerdigen und mich nicht mehr daran zurückerinnern.

»Nein«, hielt sie energisch dagegen. »Rede mit ihm, Linn! Sag ihm, dass du ihn auf der Party gesehen hast. Er sollte es wissen.« Ungläubig blickte ich sie an. Wusste sie, was sie da von mir verlangte? Ich sollte mit Nathan Caldwell über meine Gefühle reden – darüber, dass ich ihm nachgefahren war?

»Joe, das geht nicht.«

»Ihr müsst das klären, damit du damit abschließen kannst. Für unsere Freundschaft. Ich möchte, dass du gern zu mir kommst.« Immer, wenn sie etwas unbedingt wollte, fielen ihr haufenweise unfaire Mittel ein.

»Unsere Freundschaft dafür zu benutzen ist gemein!«, jammerte ich, doch sie reagierte nicht darauf und legte stattdessen ein paar Dollar auf den Tisch.

Ein ungutes Gefühl beschlich mich, als sie sich erhob und mir mit einem Joe-Lächeln ihre Hand reichte.

»Was hast du vor?«

»Wir holen jetzt Daniel zum Mittagessen ab.« Panik kroch meinen Nacken hoch. Ich wollte nicht wieder zurück in dieses Bürogebäude.

»Joelin ...«

»Ich passe auf, dass Nathan dich nicht frisst, versprochen«, scherzte sie und blickte mich mit ihren großen, treuen Augen fest an. Ihre gute Laune war zurück. »Du wirst so oder so irgendwann mit ihm reden müssen, Linn. In zwei Tagen steigt die Party des Jahres und ich möchte, dass sich alle vertragen.« Als ob ich das vergessen könnte. In zwei Tagen war der Geburtstag von Joelin und Nathan. Ich seufzte.

Die Fahrstuhltür öffnete sich und Joelin lugte in den Flur, um herauszufinden, ob die Luft rein war. Wenigstens der Empfangstresen war zurzeit unbesetzt.

»Komm, Linn«, flüsterte sie und winkte aufgeregt. Auf Zehenspitzen schlichen wir an dem ersten Raum vorbei – Joelin vorweg, ich hinterher. Stimmen drangen hinter der dunklen Holztür zu mir und ich verlangsamte meine Schritte. Durch den kleinen Spalt konnte ich Nathans Rücken entdecken. Er redete mit einer Frau.

»Wo bleibst du denn, Linn?«, flüsterte Joelin fast lautlos und ich beeilte mich, um zu ihr aufzuschließen. Sie hatte die Szenerie nicht bemerkt, so sehr war sie mit Schleichen beschäftigt. Joelin war offenbar wieder zwölf Jahre alt.

Joelin und ich kannten uns, seit ich denken konnte. Unsere Familien waren Urgesteine in dem kleinen, grauen Ort namens ›Raymond‹ und wir wohnten nur eine Straße voneinander entfernt. Es gab eigentlich immer nur Linn und Joey – bis sie sich zum ersten Mal verliebte. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie wir als Zwölfjährige durch den riesigen Garten der Caldwells geschlichen waren, um den Nachbarsjungen zu beobachten.

Stundenlang hockten wir hinter der Hecke, bekleidet mit T-Shirts, die sie extra mit Gras beklebt hatte. Zur Tarnung versteht sich.

Lautlos betraten wir das Büro am Ende des Ganges. Zumindest für Joelin hatte sich der Aufwand damals im Garten gelohnt. Sie und Daniel – ihr blonder Nachbarsjunge mit den stahlblauen Augen – waren seit der Highschool ein Paar. Dieser lächelte, als er uns sah.

»Setzt euch.« Fröhlich wies er auf zwei Sessel aus weißem Leder. »Ich bin sofort bei euch. Ich hoffe, ihr habt nichts angestellt, ihr seht so verdächtig aus.« Grinsend ließen Joelin und ich uns nieder und ich legte meine Tasche auf dem runden Tisch neben der Sitzgruppe ab, während ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ. Daniels Büro war Nathans sehr ähnlich. Die Wände strahlten weiß, und auch hier war der Boden mit dunkelgrauem Teppich ausgelegt. Jedoch hatte Daniel einen Schreibtisch aus Glas und kein protziges Holzgestell. An den Wänden hingen nur wenige Bilder, die meisten von ihnen waren Fotografien.

»Wir sind nur in geheimer Mission unterwegs, damit Nathan uns nicht entdeckt«, kicherte Joelin und Daniel schüttelte amüsiert den Kopf.

»Ich verstehe. Dann sollten wir schnell verschwinden, bevor er aus seiner Trance erwacht. Ich wäre für den Italiener um die Ecke.«

Trance?

Wir erhoben uns und schlichen nun zu dritt zurück zum Aufzug.

Kaum unten angekommen, bemerkte ich, dass meine Handtasche immer noch auf dem kleinen Tisch lag. Das war so typisch.

»Ich muss noch mal nach oben«, schnaufte ich genervt von mir selbst und Joelin blickte mich verwundert an. »Ich habe meine Tasche im Büro liegen lassen.«

»Ich hol sie schnell«, bot Daniel an, doch ich winkte ab. Ich war keine vier Stunden in Seattle und hatte schon mehr Mühe und Ärger fabriziert, als sonst in einem ganzen Jahr. Jetzt kam auch noch Vergesslichkeit hinzu. Grandiose Aktion, Linn!

»Nein, schon gut. Ich mach das selbst. Was man nicht im Kopf hat ...«, entgegnete ich augenrollend und stieg zurück in den Fahrstuhl.

Mit einem leichten Ruck kam er in der zwanzigsten Etage zum Stehen und während die Türen aufgingen, betete ich, dass ich noch einmal ungesehen in das Büro und zurückkommen würde. Leider meinten es die Sterne dieses Mal nicht gut mit mir – direkt vor mir stand Nathan Caldwell in all seiner blöden Pracht und nicht vorhandenen Herrlichkeit. Das durfte einfach nicht wahr sein!

Eine ganze Zeit rührte sich niemand und ich hoffte, dass sich die Metalltür wieder zwischen uns schieben würde, aber sie tat es nicht. Nathan räusperte sich.

»Darf ich mal?«, sagte ich schließlich und wollte mich an ihm vorbeidrängen, um in den Flur zu gelangen, doch Nathan versperrte mir mit einem Arm den Weg. Seine plötzliche Nähe ließ mich zurückweichen. Wieso roch er nur so gut? Und wieso war ich nur so eine dumme Kuh und ließ mich von ihm einschüchtern?

»Nicht so schnell, Linnea.« Seine Stimme klang kühl und distanziert – nicht so wie damals, als wir keine Freunde mehr waren –, nein, sie war regelrecht schneidend.

»Was soll das, Nathan?« Es sollte selbstbewusst klingen, aber ich versagte. Abfällig lachte er auf.

»Was das soll? Gegenfrage, Linnea«, zischte er und sein Ärger war um Längen eindrucksvoller als mein kläglicher Versuch. »Hast du nichts Besseres zu tun, als herzukommen und in uralten Geschichten rumzustochern?« Das Herz schlug mir mittlerweile bis zum Hals, während ich zum Empfangstresen lugte, an dem die grauhaarige Dame in ihrem beigen Kostüm gespannt die Szenerie verfolgte. Peinlich. »Wir werden das jetzt klären, Linnea. Ein für alle Mal!«

»Wir werden gar nichts«, motzte ich und trat einen weiteren Schritt zurück. Fasziniert starrte ich auf seinen zuckenden Kiefermuskel. Wieso musste dieser Kerl bei allem, was er tat, so anziehend sein?

»Oh, doch!« Sein strenger Blick bohrte sich in meinen. »Kommst du raus oder soll ich reinkommen?« Eine Flucht war unmöglich und bei der Vorstellung, mit ihm in der kleinen Aufzugskabine gefangen zu sein, die binnen Sekunden von seiner Anwesenheit komplett ausgefüllt sein würde, lief es mir heiß und kalt den Rücken hinunter. Ich erinnerte mich an Joelins Worte. Sie hatte recht, wir mussten das klären.

»Ich komme raus.«

»Na bitte, geht doch. In mein Büro!«, befahl er, drehte sich um und lief mit großen Schritten voraus. Nach einem flüchtigen Blick auf die Empfangsdame, die jetzt übereifrig in ihren Papieren wühlte, folgte ich ihm und fühlte mich wie ein Tier, das zur Schlachtbank geführt wurde.

Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich zurück in den Fahrstuhl rennen sollte, ließ es aber besser sein. Bei meinem momentanen Glück würde ich wahrscheinlich stolpern und der Länge nach hinfallen.

Nachdem Nathan mir die Bürotür aufgehalten hatte, wies er mit unbewegter Miene auf einen der beiden Stühle, die sich vor seinem Bonzentisch befanden, bevor er sich in seinem Chefsessel niederließ. Anwalt-Mandant-Gespräch.

»Also?«, begann er frostig, als auch ich mich hingesetzt hatte, und sah mich herausfordernd an. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund schüchterte er mich mit diesem Verhalten ein. Es war albern, aber nicht zu leugnen. Ich traute mich nicht einmal zu atmen, dabei hätte ich diejenige sein müssen, unter deren Wut man sich unwohl fühlte.

Ungeduldig fing Nathan an, mit seinen langen Fingern auf dem Holz zu trommeln. Er wollte reden. Gut. Gedanklich brachte ich meinen grauen Pullover in Form und straffte die Schultern. Es war nur Nathan Caldwell – leider eine sehr eindrucksvolle Version davon.

»Ich habe dich auf der Party gesehen«, erklärte ich und fluchte mental, als ich merkte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten. Das hatte noch gefehlt. Ich saß soeben dem größten Arschloch der Welt gegenüber und anstatt ihn anzuschreien, heulte ich. Mit einem Stirnrunzeln verschränkte Nathan die Arme vor seiner breiten Brust.

»Und?« Der arrogante Unterton war genau das, was ich gebraucht hatte. Was dachte er eigentlich, wer er war? Wütend wischte ich mir mit dem Ärmel über das Gesicht.

»Und?«, wiederholte ich biestig und sprang von meinem Stuhl auf. »Erst schläfst du mit mir und dann hast du auch schon die Nächste parat.« Wild gestikulierte ich mit den Armen und hatte mich dabei weit über den Mahagonischreibtisch gebeugt. Nathan zeigte sich davon allerdings unbeeindruckt.

»Linn? Linneaaaaa?«, hörte ich Joelin plötzlich auf dem Flur rufen und Nathan atmete genervt aus. Er stand auf und mein Blick folgte ihm durch den Raum, als er zur Tür lief und sie öffnete. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf seinen Hintern im Maßanzug starrte. Er hatte nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Es machte eher den Anschein, als würde sie nur noch an Intensität gewinnen.

»Sie ist hier«, knurrte er, und im nächsten Moment tauchte meine beste Freundin im Türrahmen auf.

»Linn, da bist du ja. Ist alles in Ordnung?« Besorgt schielte sie an ihrem Bruder vorbei und ich nickte. Die wohl einzige Chance, dieses Büro verlassen zu können, und ich ergriff sie nicht. Wenn es einen Preis für Dummheit gab, dann wäre es auf jeden Fall meiner.

»Joelin, bitte. Ich werde sie nicht auffressen«, zischte Nathan und sie verengte drohend ihre Augen.

»Das ist nicht witzig, Nath. Du hast schon genug Mist gebaut.« Er reagierte nicht auf ihre Sticheleien und Joe seufzte ergeben. »Na gut, ich warte am Aufzug auf dich, Linn. Und beeilt euch, Daniel hat Hunger.« Im nächsten Augenblick war sie verschwunden und ich wieder allein mit dem Gletscher.

Nathan schloss die Tür und wandte sich mir zu. Mit den Händen in den Hosentaschen seines perfekt sitzenden, schwarzen Anzuges, kam er wie ein Raubtier langsam über den dunkelgrauen Teppich auf mich zu geschlendert und blieb vor mir stehen.

Zu nahe.

5

Nathan

Ich kapierte nicht, was Linneas Problem war. Warum zog sie sich an dieser Tussi ohne Namen hoch? Dass ich damals mit dieser dämlichen Chloe zusammen gewesen war, interessierte sie überhaupt nicht.

»Ich sollte gehen.« Linnea redete so leise, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen.

»Das sehe ich anders«, widersprach ich ihr streng und trat einen weiteren Schritt auf sie zu. Ihr unverkennbarer, süßer Duft stieg mir in die Nase und ich räusperte mich. Scheiße. Heute war einfach nicht der Tag für sowas, aber bevor wir die Sache nicht geklärt hatten, würde sie nirgendwo hingehen.

»Wir sind noch nicht fertig.« Linnea wich so weit zurück, dass sie mit ihrem Hintern gegen die Tischkante stieß. Nette Position.

»Doch, das sind wir. Ich habe dir nichts mehr zu sagen, Nathan.« Es machte den Eindruck, als würde sie jeden Moment losheulen. Genau das fehlte mir auch noch.

Erneut öffnete sich die Tür.

»Was ...«, begann Joelin und ich fuhr herum. Ihr letzter Kontrollbesuch konnte höchstens zwei Minuten her gewesen sein. Sie traute mir nicht. Absolut nicht. Skeptisch beäugte sie die Szene – wie ich ihre bekloppte Freundin gegen meinen Schreibtisch gedrängt hatte –, das Ganze musste einen völlig falschen Eindruck erwecken. Bevor ich überhaupt reagieren konnte, trat Daniel neben sie.

»Wir wollten nur schauen, ob alles in Ordnung ist. Joey hat einfach keine Ruhe gegeben.« Meine Schwester funkelte ihn böse an.

»Wie ihr seht, lebt sie noch«, antwortete ich mit einem mürrischen Blick zurück auf Linnea.

»Noch«, entgegnete Dan trocken und ich schnaubte verächtlich. Für wen hielten die mich? Okay, dass ich sie zwischen dem Schreibtisch und mir eingekesselt hatte, sprach nicht gerade für mich. Ich trat einen Schritt zurück.

»Wir sind gleich fertig«, wimmelte ich die beiden ab und Daniel nickte, bevor er Joelins Hand nahm und sie unter leisem Protest aus dem Raum zog. Die Tür ließen die Idioten sicherheitshalber weit geöffnet.

»Ich gehe dann auch«, erklärte Linnea und blickte dabei auf ihre schwarzen Sneakers. Frauen in Sportschuhen waren mir suspekt – Linnea war mir suspekt.

»Wir sollten das wirklich klären, Linnea.« Stur sah sie mich an.

»Ich habe es dir erklärt.«

»Ich verstehe es aber nicht!« Meine Geduld war am Ende.

»Dafür kann ich nichts«, gab sie säuerlich zurück und ihre dunklen Augen wichen meinem Blick aus.

Fein! Lassen wir den Elefanten im Raum stehen, malen ihn rosa an und ignorieren ihn einfach bis er explodiert!

»Gut, wie du willst«, erwiderte ich gleichgültig und Linnea eilte ohne ein weiteres Wort aus meinem Büro.

Frustriert lehnte ich mich gegen die Tischkante. Das war ja hervorragend gelaufen. Konnte man seine Zeit ergebnisloser verschwenden? Ich glaubte es nicht. Sie kam daher, warf mir irgendwelche Scheiße vor und blieb mir die Erklärung dazu schuldig. Großartig. Waren wir also wieder im Kindergarten angekommen? Mir hätte auf dem Abschlussball schon klar sein müssen, dass Linnea nur Ärger bedeuten würde. Sie hatte immer schon Ärger bedeutet. IMMER!

Das Telefon riss mich aus meinen Gedanken und ich angelte nach dem Hörer.

»Caldwell?«, brummelte ich.

Dan antwortete mir mit dem typischen »Jupp.«

»Die beiden Mädels sind weg«, informierte er mich. »Und dank dir ist mein Mittagessen ausgefallen.«

Sollte ich jetzt Mitleid empfinden? »Dank mir?«, spottete ich. »Ihr habt mir Linnea auf den Hals gehetzt. Ich habe nicht darum gebeten.«

Er ließ sich nicht beirren. »Was hat sie denn gesagt?«

»Du weißt doch längst, was los ist. Joe wird dir sicher alles brühwarm erzählt haben«, ätzte ich genervt. Immer diese Schauspielerei!

»Nein, hat sie nicht – wirklich nicht.«

Genervt atmete ich aus. »Sie hat mich damals ... nach dem Ball auf der Party gesehen und macht deshalb grundlos einen Aufriss. Du weißt schon. Diese Blonde.«

Jetzt seufzte er in den Hörer. »Ja, ich erinnere mich.«

»Können wir das Thema für heute lassen? Mir fehlt gerade echt der Nerv dafür. Ich habe tierische Kopfschmerzen und möchte nach Hause«, warf ich ein, bevor Daniel weiterfragen konnte.

»In Ordnung. Ach, und ich soll dir noch was von Joey ausrichten.« Ich wollte es nicht wissen. »Sie möchte, dass du heute zum Essen kommst. Sie kocht.«

»Großartig!«, spottete ich. »Und ich nehme an, Linnea wird ebenfalls da sein und mir den Abend versüßen?« Sicher würde sie das. Wahrscheinlich bewohnte sie, solange sie in Seattle war, das Gästezimmer in Joelin und Daniels Wohnung.

»Stell dich nicht so an, Nathan.«

»Ich denk drüber nach«, grummelte ich und legte auf. Schnell, und bevor die nächste Katastrophe über mich hereinbrechen konnte, verließ ich mein Büro.

Als ich endlich in der Tiefgarage angekommen war, schloss ich meinen BMW auf und ließ mich aufs kalte Leder meines Sitzes sinken. Was für ein Scheißtag! Ich brauchte dringend eine Dusche und eine Handvoll Kopfschmerztabletten.

Frisch geduscht und in ein Handtuch eingewickelt lag ich auf meiner Couch und schloss die Augen. Aber an Schlaf war nicht zu denken. Linneas Worte hallten in einer unerträglichen Dauerschleife durch meinen pochenden Schädel und ich hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten und warum sie mich überhaupt beschäftigten. ›Erst schläfst du mit mir und dann hast du auch schon die Nächste parat.‹ Ich hatte nicht nur Frauen nacheinander, sondern auch zusammen gehabt. Bislang hatte sich keine darüber beschwert. Außer vielleicht Joelin, wenn sie mal wieder ihren Moralischen hatte, aber sie war meine Schwester und meinte, es wäre ihr Job, mir den Kopf zu waschen, wenn unsere Mutter nicht in der Nähe war. Die Frauen, mit denen ich schlief, kamen auf ihre Kosten. Was war also daran falsch, wenn alle zufrieden waren? Wieso war Linnea es nicht? Wahrscheinlich konnte mir nur ein weibliches Wesen die Antwort darauf geben. Leider gab es nicht viele, die ich dazu befragen konnte. Spontan fiel mir nur Amanda ein. Doch mit ihr über Linnea zu reden, würde meine Chance auf Sex endgültig ruinieren. Mit welcher Frau konnte man also über verflossene Sexpartnerinnen reden? Mit meiner Schwester? Glatter Selbstmord. Mit einem genervten »Scheiß auf Linnea Rowe!« öffnete ich die Augen, nahm mein Handy vom Tisch und rief Amanda an.

Nach dem zweiten Klingen nahm sie mit einem fragenden »Hallo?« ab.

»Hey Am, wie geht’s dir?« Wie ich dieses Getue hasste.

»Nathan, hi«, entgegnete sie fröhlich. Offensichtlich hatte sie unsere kleine Meinungsverschiedenheit vergessen.

»Alles bestens und bei dir, Baby?« Gedanklich zählte ich bis zehn, um ihr nicht noch einmal etwas Unüberlegtes an den Kopf zu klatschen. Kein Risiko eingehen hieß die Devise, auch wenn ich dieses verdammte ›Baby‹ zum Kotzen fand. Und sie wusste es.

»Hast du Zeit?«, fragte ich ohne Umschweife und ich hörte Papier knistern.

»Ich könnte in einer Stunde bei dir sein«, säuselte sie. Normalerweise gefiel mir ihre Sexstimme, aber gerade hatte es keine Wirkung auf mich. »In Ordnung?«

»Ich freu mich«, log ich eiskalt in den Hörer und legte auf.

Amanda und ich führten so etwas Ähnliches wie eine Beziehung. Eigentlich war es ein rein körperliches Arrangement, wenn man von den wenigen Abenden absah, an denen wir zusammen ausgingen. Wobei auch diese grundsätzlich gleich endeten – in einem Bett. Dies war die einzige Art von Beziehung, die ich zurzeit führte. Und ich war damit vollkommen zufrieden. Ich brauchte keine Liebesbekundungen und all den Quatsch. Während meiner Highschoolzeit hatte ich einige Freundinnen gehabt und während des Studiums war ich über ein Jahr mit Anna zusammen gewesen. Danach hatte es nur noch Arrangements und keine Freundinnen mehr gegeben.

Ich verzichtete darauf, mir irgendetwas anzuziehen –lange würde ich es sowieso nicht tragen – und schaltete stattdessen den Fernseher an. Talkshows. Um diese Zeit kam nur Mist in der Glotze.

Bei einer dieser bekloppten Psychoshows blieb ich hängen. Ein Pärchen an zwei Pulten – sie am linken und er am rechten – durchbohrte sich mit hasserfüllten Blicken. Die Psychotante in der Mitte versuchte zu vermitteln.

»Du hast mich benutzt!«, schrie die aufgebrauchte Furie dem sturen Kerl auf der anderen Seite zu. Er wollte gerade etwas sagen, als sie weiter kreischte: »Kaum bin ich aus dem Haus, holst du diese Schlampe in unser Bett! In. Unser. Bett.« Sie tobte. Eine Tür, die sich hinter dem Publikum befand, ging auf und eine hübsche Blondine auf Mörderabsätzen stolzierte arrogant die Treppe neben dem Publikum hinunter und schritt auf das rechte Pult zu, an dem der untreue Freund stand.

Sie grinsten sich dreckig an, während die Psychotante aufgeregt mit den Armen wedelte. Vielleicht sollte ich in deren Wartezimmer mal ein paar Visitenkarten auslegen, da würde sicher einiges an potenziellen Mandanten rumsitzen.

Es klingelte und ich erhob mich, um die Tür zu öffnen. Amandas volle, rote Lippen verzogen sich zu einem verführerischen Lächeln, während ihr Blick über meine nackte Brust glitt. Amanda sah wie immer heiß aus in ihrem viel zu knappen Business-Outfit und den High Heels. Das lange, blonde Haar trug sie offen.

Mit einem anerkennenden Zwinkern zog ich sie in meine Wohnung.

6

Linn

Erschöpft sank ich auf das schwarze Ledersofa und stellte den Becher Tee, mit dem man mich aus der Küche zitiert hatte, auf dem kleinen Beistelltisch ab, damit ich nicht auf die Idee kam, zu helfen. Joelin hatte Caithlin und Matt zum Essen und DVD-Schauen eingeladen und wollte für uns alle kochen. Ich freute mich darauf. Vielleicht konnte es der Neustart für meinen zehntägigen Urlaub werden. Mein Blick glitt durch das geräumige Wohnzimmer, um mich von den düsteren Gedanken des Vormittages abzulenken. Ich konzentrierte mich länger als nötig auf die Details, auf die Farben und Formen. Die schicke dreiteilige Ledergarnitur, der überdimensionale Flachbildfernseher, von dem ich lieber meine Finger lassen würde, das Beige der Wände, der dunkle Parkettboden, doch es half überhaupt nichts. Dabei war das Chaos am Vormittag einzig aus meiner eigenen Dummheit entstanden. Ich hätte einfach nur den Mund halten müssen. Ach was, ich hätte mich damals gar nicht auf ihn einlassen dürfen oder wenn ich noch weiter zurückging ... Egal. Jemand wie Nathan Caldwell verstand so etwas nicht. Sein Einfühlungsvermögen glich dem einer Horde Nilpferde. Er war ein Arsch – leider eine sehr attraktive Ausgabe davon. Was hatte sich der liebe Gott – oder wer auch immer da oben Unfug trieb – bloß dabei gedacht, einen solch schönen Mann mit einem derart miesen Charakter auszustatten? Und wann war überhaupt der Tag gekommen, an dem er so geworden war? Als Kinder waren wir echte Freunde gewesen und ich hatte mich immer auf ihn verlassen können. Bis ... ja, bis July kam. Wenn er sie angesehen hatte, war sein Blick anders gewesen. Schnell verbannte ich die uralte Erinnerung zurück in die äußerste Ecke meines Gehirns.

Und dennoch, egal, wie er sich aufführte, er besaß immer noch diese Wirkung auf mich, weshalb ich nach unserem Nicht-Gespräch kopflos aus dem Bürogebäude gestürmt war. Ich war auf der Flucht gewesen, vor den alten Erinnerungen, vor Nathans Worten – vor seiner Nähe. Dass ich nicht der Länge nach hingefallen war, grenzte an ein Wunder. Joelin und Daniel, die am Aufzug auf mich gewartet hatten, hatten mich mit großen Augen angestarrt. Atemlos und ohne eine Erklärung hatte ich Joe gebeten, mich zu ihr zu fahren und sie hatte es getan – ohne Fragen zu stellen. Sie machte mir nicht einmal Vorwürfe, dass ich ihr das Mittagessen mit Daniel vermasselt hatte. Doch das schlechte Gewissen nagte an mir – genauso wie Nathans Worte. Ununterbrochen wirbelten sie durch meinen Kopf, und sein frostiges ›Und?‹ ließ mich noch immer erschauern. Seufzend schlug ich die Augen auf und angelte nach der lila Wolldecke am Fußende und rollte mich darin ein.

Eine Tür fiel ins Schloss und ich schreckte hoch. Ich war tatsächlich eingeschlafen.

»Hab ich dich geweckt?«, fragte Daniel entschuldigend, als er das Wohnzimmer betrat und eine Plastiktüte auf dem Boden neben dem Esszimmertisch abstellte.

»Nee, nee«, winkte ich schlaftrunken ab und rappelte mich umständlich auf. »Ich habe nur gedöst.«

»Da bist du ja!« Joelin kam aus der Küche auf ihren Freund zugestürmt, als hätten sie sich eine Ewigkeit nicht gesehen. »Hast du den Wein bekommen?« Nickend schlang Daniel einen Arm um Joes Taille und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.

»Alles erledigt.« Es lag selbst nach all den Jahren immer noch so viel Liebe in dieser simplen Geste, dass es beinahe wehtat, ihnen zuzusehen.

»Ich gehe mich mal ein wenig frisch machen«, sagte ich kaum hörbar und eilte aus dem Wohnzimmer. Davonlaufen schien meine neue Bestimmung zu werden.

Das Badezimmer war genauso stilvoll eingerichtet wie der Rest der Wohnung. Es war in Weiß gehalten und neben Dusche, Waschbecken und Toilette befand sich in der hinteren Ecke eine riesige Badewanne. Im Gegensatz zu meinem Bad sah dieses aus, als würde es nie jemand benutzen. Zuhause hatte ich ein kleines Holzbrettchen mit Drogerieartikeln über dem Waschbecken und kleine Körbe an den Wänden, in denen sich allerlei Krimskrams befand. Hier konnte man keine Hygieneartikel oder Kosmetik ausmachen. Ich vermutete sie in dem großen, weißen Schrank.

Gerade, als ich versuchte, meine widerspenstigen Haare zu entwirren, klingelte es an der Haustür, und kurze Zeit später hörte ich Matts fröhliche Stimme im Flur.

»Wo ist denn der Gast?«

»Ich bin hier«, rief ich zurück und verließ nach einem letzten Blick in den Spiegel das Bad. Erschrocken quiekte ich auf, als ich ohne Vorwarnung an seine breite Brust gerissen wurde und der Boden unter meinen Füßen verschwand.

»Mensch Linni, bist du groß geworden!«

»Ich freu mich auch dich zu sehen, Matt«, erwiderte ich atemlos. »Aber lass mich trotzdem am Leben, in Ordnung?« Matthew Caldwell und ich hatten uns schon während der Highschool gut verstanden, und ich freute mich ehrlich ihn zu sehen. Er konnte einen Haufen Miesepeter innerhalb von Sekunden in eine fröhliche Menge verwandeln und darum beneidete ich ihn. Lachend ließ er mich wieder hinunter und mein Blick fiel auf Caithlin, die hinter ihrem Freund stand.

»Hey Caithy.« Sie lächelte.

»Hallo Linn. Schön, dich zu sehen.« Caithlin Tylor war der typische Cheerleadertyp – und trieb jedem Mädchen mit zu wenig Selbstbewusstsein Tränen in die Augen. Sie war eine dieser Frauen, die selbst einen Mann wie Nathan wesentlich länger als eine halbe Stunde beeindrucken konnte. Während der Highschool hatten Joelin und ich den Verdacht gehegt, dass die beiden etwas miteinander hatten – bis sie die Bombe platzen ließ und gestand, dass sie in Matt verliebt war.

Joelin verschwand zusammen mit Caithy in der Küche, während Daniel das weiße Geschirr auf dem Tisch verteilte. Matt hatte bereits auf einem der Esszimmerstühle Platz genommen und zog mich neben sich.

»Lass uns dem Arbeitervolk zusehen, Linni«, witzelte er und begann Daniels Kellnerkünste niederzumachen. Nach getaner Arbeit setzte sich Daniel an Matts andere Seite und ich stellte mit Entsetzen fest, dass er für sechs Personen gedeckt hatte. Sie hatten doch wohl nicht? Nein, das würden sie mir nicht antun. Oder? Ich schickte ein Stoßgebet gen Himmel, während ich böse Blicke in die Küche warf, wo Caithy an der Arbeitsplatte lehnte und telefonierte.

»Es kann losgehen«, trällerte Joelin und versperrte mir die Sicht auf Caith, als sie bewaffnet mit einem großen Blech Pizza an den Tisch kam. Ich musste lachen. Diese Pizza war so typisch Joelin Caldwell und ich fragte mich, ob das alles wirklich essbar war. Gab es wirklich rosa Salami? Und wieso war der Mais blau?

»Sieh zu, dass du sie loswirst und deinen Hintern hierherschiebst. Sie ist auch deine Freundin Nath ... Aha. Das interessiert mich nicht. Und Joe sagt, du hast genau 15 Minuten«, zischte Caithlins auf dem Weg zu uns in ihr Handy, bevor sie auflegte und sich neben Joe niederließ.

»Amanda.« Joey fragte nicht – sie stellte fest.

»Wer sonst?«, schnaubte Caithy abfällig und ich sah die beiden neugierig an. »Ich kann sie nicht leiden.« War Amanda die fehlende sechste Person? Aber würden sie jemanden einladen, den sie nicht ausstehen konnten? Was ergab das denn für einen Sinn? Gar keinen und das wusste ich.

»Können wir anfangen oder warten wir noch auf irgendwen?«, fragte Matt ungeduldig und alle lachten.

»Wir fangen an«, bestimmte Daniel, schnitt die Pizza in Stücke und verteilte sie auf unsere Teller. Sie schmeckte wirklich lecker, auch wenn ich nicht genau wusste, was ich da alles aß. Und das war vermutlich auch besser so.

»Wer ist eigentlich Amanda?«, fragte ich neugierig und die darauffolgende Stille ließ nichts Gutes erahnen.

»Das ist Nathans neuester Fick«, antwortete Matt trocken und biss genüsslich in sein mittlerweile viertes Stück Pizza. Oh. Joelin, die ebenfalls gerade abgebissen hatte, verschluckte sich und Caithy klopfte ihr auf den Rücken, während sie Matt böse anstarrte. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet.

»Was habt ihr denn? Stimmt doch«, sagte er kauend und Daniel stieß ihm in die Seite.

»Aua! Was soll das?«