Blindness: Unvergessen - June Charles - E-Book

Blindness: Unvergessen E-Book

June Charles

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Beschreibung

Eine Nacht, die alles verändert hat. Statt sich dieser Tatsache zu stellen, versucht Nathan, sein Leben wie gewohnt fortzuführen. Er straft die Hinweise, dass nichts mehr ist, wie es einmal war, mit Nichtachtung – vollkommen egal, wie deutlich sie sind. Als dies zunehmend zu scheitern droht, flüchtet er sich in billige Affären und lindert seinen Frust mit Whiskey. Aber auch ein Nathan Caldwell muss irgendwann erkennen, dass sich nichts dauerhaft verdrängen lässt. Band 2 der ›Blindness‹-Reihe.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Blindness

Unvergessen

June Charles

Copyright © 2016 June Charles

Alle Rechte vorbehalten.

June Charles - c/o art for your book

Am Kniependamm 29 – 27726 Worpswede

Satz & Layout: Julia Dahl

Umschlaggestaltung: art for your book

Alle Rechte, einschließlich das, des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden, oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Alle Markennamen, Firmen sowie Warenzeichen gehören den jeweiligen Copyrightinhabern.

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Epilog

Nachwort

Blindness: The Beginning

Blindness: Erhofft

Blindness: Till the End

Dieses Buch

Eine Nacht, die alles verändert hat.

Statt sich dieser Tatsache zu stellen, versucht Nathan, sein Leben wie gewohnt fortzuführen.

Er straft die Hinweise, dass nichts mehr ist, wie es einmal war, mit Nichtachtung – vollkommen egal, wie deutlich sie sind.

Als dies zunehmend zu scheitern droht, flüchtet er sich in billige Affären und lindert seinen Frust mit Whiskey.

Aber auch ein Nathan Caldwell muss irgendwann erkennen, dass sich nichts dauerhaft verdrängen lässt.

Band 2 der ›Blindness‹-Reihe.

Dieser Band ist abgeschlossen.

Für Kim

… und plötzlich fallen wir.

Prolog

Nathan

Ich hatte sie stehen lassen, mich wie ein Oberarsch aufgeführt, weil ich es nicht ein verdammtes Mal geschafft hatte, mich zurückzuhalten. Ich fühlte mich schäbig, weil ich sie am Ende doch mit ihr geschlafen hatte. Flucht war der einzige Ausweg gewesen, um nicht noch mehr Scheiße zu bauen, denn das hätte ich definitiv getan – spätestens, wenn sie zurück ins Schlafzimmer gekommen wäre.

Zwei Tage. Zwei verdammte Tage hatte ich deshalb in einem dämlichen Wellness-Hotel verbracht und nichts weiter getan, also die Minibar leer zu saufen. Am dritten Morgen war ich mir nur noch lächerlich vorgekommen, hatte meine Sachen gepackt und war zurück nach Seattle gefahren. Die Rechnung hatte ich einfach ohne sie gemacht. Aber wer war ich denn, dass ich mich vor dieser Frau versteckte? Ich würde mit ihr reden und ihr sagen, dass sie das alles einfach vergessen sollte.

Dieser beschissene Plan! Das bescheuerte Freundeding!

Vor der Wohnungstür meiner Schwester und ihrem Freund atmete ich ein paar Mal tief durch, bevor ich klingelte. Kurz darauf öffnete Daniel und sah alles andere als begeistert aus, mich zu sehen. Drauf geschissen. Um den würde ich mich später kümmern.

»Ich muss mit Linnea reden«, sagte ich und wollte mich an ihm vorbeidrängeln.

Doch augenblicklich packte er mich am Arm und hielt mich auf.

»Sie ist weg, Nathan!«

Ich spürte einen harten Schlag im Gesicht. Benommen taumelte ich zurück.

Was …?

»Verdammter Scheißkerl!«, knurrte ich und versuchte den stechenden Schmerz an meinem linken Auge zu ignorieren. Das Blut blinzelte ich weg, während ich erneut auf ihn zukam. »Hast du sie noch alle, Parker?«

»Ich habe dich gewarnt, Arschloch!« Mit einem lauten Knall fiel die Tür vor meiner Nase ins Schloss.

Scheiße!

1

Linn

Er war immer meine größte Schwäche gewesen und natürlich war diese Tatsache der wahre und einzige Grund, warum ich mich ein weiteres Mal auf ihn eingelassen hatte. So einfach war das. Meine vorgeschobenen Rechtfertigungen waren bloß fadenscheinig gewesen. Und es war naiv, zu denken, dass ich die zehn Tage einfach so abhaken könnte – auch wenn ich es mir immer eingeredet hatte. Die Zeit mit Nathan und die unglaubliche Nacht ließen sich nicht in irgendeine dunkle Ecke drängen. Ich hätte das wissen müssen. Aber ich bereute es dennoch nicht. Es war kein Fehler gewesen – nur eine weitere, wenn auch sehr bittere Lektion, mit der ich klarkommen musste.

Nach meiner Rückkehr hatte ich einfach funktioniert – war zur Arbeit gegangen, hatte gegessen und geschlafen. Abends hatte ich in meinen Lieblingspullover eingekuschelt viel nachgedacht. Irgendwann hatte ich über mich selbst – über meine eigene Blödheit – lachen müssen, war aufgestanden, hatte mein rotes Notizbuch hervorgekramt und mich in meinem Buch verloren. Wann immer ich dazu Zeit hatte, hatte ich geschrieben, die Welt um mich herum dabei vollkommen ausgeblendet und Nathan weggewischt. Bis die Nacht gekommen war und ich schlafen wollte. Erst dann hatte ich ihn wieder vor mir gesehen – diesen Blick, der mir etwas anderes sagen wollte, als seine Worte am Morgen danach.

Mittlerweile war es okay – es ging mir gut. Zumindest nicht schlechter als vor meinem Urlaub. Ich war mir sehr wohl bewusst, dass Nathan immer einen Platz in meinem Herzen haben würde, aber nicht in meinem Leben – nicht mehr.

Die Zeit hatte die Wunden nicht geheilt, aber erträglicher gemacht. Es spielte seit ein paar Wochen keine Rolle mehr – er spielte keine mehr.

Die Ausstellung am kommenden Dienstag war organisiert und ich freute mich riesig darauf, den Leuten die Literatur der Vergangenheit ein wenig näherbringen zu können. Aus meinem kleinen, roten Notizbuch war eine fertige Geschichte geworden. Manchmal war Liebeskummer tatsächlich auch zu etwas gut. Obwohl ich mir immer noch nicht ganz sicher war, ob ich mein Buch veröffentlichen sollte. Ich war eben keine Traumtänzerin, die auf den großen Erfolg hoffte, aber es machte mich stolz, wann immer ich mein Manuskript las.

In einem schwachen Moment hatte ich mich an Nathans Versprechen erinnert, mir beim Verlegen des Buches als Anwalt zur Seite zu stehen. Für ein paar Sekunden hatte ich sogar darüber nachgedacht, ihn anzurufen. Aber er war in Seattle und ich in Portland und genauso war es richtig. Es würde kein ›uns‹ geben – nicht jetzt und auch nicht später – ebenso kein ›geschäftliches wir‹. Außerdem hatte ich Logan – er war mir eine große Hilfe bei der Verwirklichung meines kleinen Traumes.

Logan ist Verleger und war an einem regnerischen Nachmittag bei uns in der Bibliothek aufgetaucht. Da er nach einem Buch suchte, kamen wir ins Gespräch. Er führt nur einen kleinen Verlag, aber er wollte mir dennoch die große Chance geben. Mein eigenes Buch.

Im Eingang meines Wohngebäudes gelehnt, beobachtete ich den schwarzen Mercedes, der gerade auf dem Seitenstreifen einparkte. War es wirklich schon fast drei Monate her, dass ich meine verrückte, beste Freundin zuletzt gesehen hatte? Sie und Daniel würden das Wochenende bei mir verbringen und ich freute mich bereits seit Wochen auf ihren Besuch. Leider musste Daniel am Sonntag zurück nach Seattle, aber Joelin würde zur Ausstellung bleiben.

»Linn! Linniiiii!« Kaum war der Motor abgestellt, da riss Joe bereits die Beifahrertür auf und stürmte auf mich zu. Lächelnd bereitete ich mich auf den Zusammenprall mit ihr vor, der im nächsten Augenblick erfolgte.

Fest drückte sie mich an sich. »Alles Liebe zum Geburtstag, Linn«, schniefte sie in mein Haar. »Du hast mir gefehlt.«

»Du mir auch. Schön, dass du da bist«, brachte ich um Luft ringend hervor. Erst jetzt wurde mir so richtig bewusst, wie sehr ich sie vermisst hatte. Zwar hatten wir viel telefoniert, aber das war eben nicht dasselbe. Vor allem hatte ich anfangs immer versucht, das Thema Nathan im Keim zu ersticken, und somit hatten unsere Gespräche oft ein schnelles Ende gefunden. Ich hatte vorgeschoben, noch etwas für die Arbeit tun zu müssen. Später hatte ich sie reden lassen, mich auf einen Punkt an meiner Wohnzimmertapete konzentriert und darauf gewartet, dass sie mit ihren Erzählungen über ihren Bruder fertig war. Mittlerweile konnte ich damit umgehen und ließ mich ab und zu sogar zu einer Frage animieren – aus Höflichkeit, wie ich mir einredete. Aber ich hatte ja schon immer eine masochistische Ader gehabt.

Bei allem war ich dennoch froh, dass Nathan nicht die Dreistigkeit – oder eher den Mut – besaß und mitgekommen war. Bei unserem letzten Telefonat hatte Joe mir erzählt, dass sie ihn zu überreden versucht hatte. Doch angeblich arbeitete er an einem schwierigen Fall und konnte nicht weg, worüber meine beste Freundin sich maßlos ärgerte. Ob sie ähnlich reagiert hätte, wenn sie den wahren Grund dafür kennen würde? Vermutlich hätte sie ihren Bruder dann schon längst umgebracht und die Option, dass er mit nach Portland kam, hätte nie bestanden. Aber Nathan war ein Feigling und diese Tatsache kam mir im Moment sehr gelegen. Außerdem würde es vollkommen ausreichen, wenn ich ihn in vier Wochen wiedersehen musste.

»Schatz, lässt du mich Linn auch begrüßen?« Es war Daniels amüsierte Stimme, die unsere Begrüßungszeremonie beendete.

»Aber nur kurz«, drohte Joelin mit einem Lächeln, als sie mich losließ und ihr Freund mich in eine kurze Umarmung zog.

Ich hatte für den Abend nur ein paar wenige Leute eingeladen – ganz zum Missfallen meiner besten Freundin, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, Geburtstage zu einem Megaevent aufzubauschen. Aber ich hatte ihr keine Chance gelassen und von Seattle aus hatte sie im Vorfeld sowieso kaum etwas ausrichten können. Also saßen wir nach dem Essen, das ich von meinem Lieblingsitaliener hatte bringen lassen, zu sechst in meinem Wohnzimmer – redeten, lachten und tranken ein wenig. Leila und Jason – meine Arbeitskollegen, Logan sowie Daniel und Joelin verstanden sich auf Anhieb und ich fühlte mich sehr wohl in unserer kleinen Runde. So durfte es gern für immer bleiben.

»Ich hol mal Getränkenachschub«, erklärte ich und erhob mich von meinem roten Sofa – ein Geschenk meiner Eltern zum Einzug. Ich hätte mich nie zu solch einer Farbe hinreißen lassen. Mom kannte mich anscheinend besser, als ich mich selbst, denn ich liebte es – trotz der Farbe.

»Ich helfe dir beim Tragen.« Bevor ich widersprechen konnte, folgte Daniel mir bereits in die kleine Küche und ich ahnte, was jetzt kommen würde. Wir hatten seit meinem Urlaub in Seattle nicht mehr miteinander gesprochen – vor allem, weil Joe nie das Telefon aus der Hand gab, wenn wir redeten und er mich nicht von sich aus angerufen hatte. Trotz allem war er kein Typ fürs Totschweigen.

»Wie geht es dir, Linn?«, fragte er ernst, während ich Bierflaschen aus dem Kühlschrank nahm und sie ihm reichte. »Ich meine. Wie geht es dir wirklich?«

»Gut«, antwortete ich wahrheitsgemäß und hielt seinem prüfenden Blick stand.

»Hat er ...« Er hielt inne, stellte die Flaschen auf der weißen Küchenzeile ab und lehnte sich dagegen. Abwartend schaute ich ihn an. »Hat Nathan dich angerufen?«

Hätte Nathan ihm das nicht längst gesagt, wenn es so gewesen wäre? »Nein«, erwiderte ich mit einem Schulterzucken und war erstaunt darüber, dass diese Tatsache mittlerweile nicht mehr so wehtat. Anfangs hatte ich gehofft, er würde sich melden, würde einfach irgendwann vor meiner Haustür stehen und mir erklären, was sein Blick mir in der Nacht gezeigt hatte. Aber dieses Wunschdenken war albern gewesen und das hatte ich sehr schnell begriffen. »Hast du etwas anderes erwartet? Ich nämlich nicht«, bog ich die Wahrheit.

Daniel seufzte zur Antwort und ich widmete mich weiter den Getränken und holte eine Flasche Sekt aus dem Vorratsschrank.

»Logan ist in Ordnung«, wechselte er jetzt das Thema und ich sah erneut zu ihm. »Wo habt ihr euch kennengelernt?« Shit! Ich wollte nicht, dass Daniel von meinem Buch erfuhr. Nicht, bevor es nicht ein druckfertiges Exemplar gab und Joelin hatte mir bei ihrem gesamten Kleiderschrankinhalt geschworen, es nicht zu verraten. Wie es aussah, hatte sie Wort gehalten.

»Ja, ist er«, stimmte ich lächelnd zu. »Ich habe ihn in der Bibliothek kennengelernt.« Das war noch nicht einmal gelogen.

»Läuft da was?«, erkundigte er sich nun vorsichtiger und ich zog die Stirn über diese absurde Frage in Falten. Ich war vielleicht über Nathan hinweg – zumindest so weit, dass es nicht mehr wehtat –, aber das bedeutete nicht, dass ich mich einfach so in eine neue Beziehung stürzen würde. So war ich nicht – war ich nie gewesen.

»Was macht ihr denn so lange? Wir haben Durst!«, rief Jason aus dem Wohnzimmer und somit blieb Daniels Frage vorerst unbeantwortet.

2

Nathan

Mein Mauszeiger wanderte unschlüssig zwischen ›Danielles devote Damen‹ und ›Shellys scharfe Schlampen‹ hin und her, als das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelte. Ohne hinzusehen, hob ich ab.

»Caldwell und Parker. Ca ...«

»Ich bin’s«, unterbrach mich die Stimme meiner Schwester. »Stör ich?« Für einen Moment starrte ich den Hörer an und erwartete, dass er sich in ein Einhorn verwandeln würde. Seit wann interessierte sie das denn?

»Guten Morgen, Schwesterchen. Du störst nie«, log ich erheitert und entschied mich für den zweiten Link. Von der Startseite lächelte mir eine Blondine in roter Spitzenwäsche entgegen. Joa.

»Hast du getrunken?«, fragte Joelin misstrauisch. »Oder wieso bist du an einem Montagmorgen so gut gelaunt?« Ich warf einen kurzen Blick auf die Bildschirmuhr, bevor ich eines der Miniaturbilder am linken Rand der Seite öffnete. ›Tracy‹ hielt mir ihre zwei schlagenden Argumente vor die Nase. Auch ganz nett – allerdings sah der orange Hauch von Nichts total scheiße an ihr aus.

»Es ist gerade elf. Das ist selbst für mich noch zu früh für Alkohol.« Und außerdem hatte ich seit fast drei Monaten keinen Tropfen mehr angerührt. Aber das wusste sie nicht. Zumindest hatte ich es ihr nicht erzählt. »Also, was kann ich für dich tun, Joe?«, hakte ich nach, obwohl ich die Antwort schon kannte.

Für sie gab es seit Tagen kein anderes Thema mehr und sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, täglich meine Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

»Du denkst an morgen Abend?«, spulte sie ihren üblichen Text ab, während ich mir die anderen Frauen in der Fotogalerie anschaute. Bei ›Stacy‹ stoppte ich. Ihre rot lackierten Nägel hatte sie tief in ihre Titten gekrallt, die kaum von dem knappen Krankenschwesteroutfit bedeckt waren. Gott, mehr Klischee ging nicht. Gab es tatsächlich Männer, die auf so eine billige Nummer abfuhren? Höchstens irgendwelche alten Säcke, und wieso dachten solche Weiber immer, dass sie derartige Scheißnamen verwenden mussten? ›Hallo. Ich bin Sugar.‹ Spätestens da war doch dem letzten Idioten klar, was das für eine war.

»Nathan?«

»Joey, ich hab kein Alzheimer«, entgegnete ich gereizt.

»Dann bin ich ja beruhigt.« Sie kicherte. »Und wie kommst du sonst so voran?« Auch das hatte sie mich schon gefühlte hundertmal gefragt. Vermutlich hoffte sie, ich würde sie um ihre Hilfe bitten. Joelin Caldwell – das Organisationstalent. Aber hierbei konnte sie mich nun wirklich nicht unterstützen.

»Gut«, erwiderte ich und schloss die ›scharfen Schlampen‹, die echt zum Abgewöhnen waren, »wenn du mich nicht ständig unterbrechen würdest.«

»Ist ja schon gut«, lachte sie auf. »Dann also bis morgen Abend.«

»Bis dann.« Ich legte auf. Sie würde mich sicher vorher noch einmal anrufen.

Mit dem Kopf in die Hände gestützt studierte ich weiter die Suchergebnisse. Wenn man bei Google Seite zwei aufrief, war man definitiv verzweifelt. Einfacher wäre es gewesen, Amanda zu fragen. Eine ihrer komischen Freundinnen, Chessy, betrieb einen Escort-Service und sicher hatte sie auch Kontakte zu dieser ›Tracy-Stacy-Branche‹. Aber das wäre mein Todesurteil. In der Woche nach ... meinem Hotelaufenthalt hatte ich mich ihr gegenüber nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Höchstens mit Rum.

Ich hatte zu viel gesoffen und irgendwann war Amanda plötzlich in meiner Wohnung gewesen. Keine Ahnung, wie das passiert war. Der Whiskey in Kombination mit Rum hatte nach fünf Tagen nicht nur unerträgliches Schädelbrummen, sondern auch Gedächtnislücken hinterlassen. Amanda hatte einfach vor meiner Tür gestanden – sexy wie immer – und mir war völlig egal gewesen, wie sie dahin gekommen war. Ich hatte sie sogar bei mir übernachten lassen, und nicht einmal ihr Zitronengestank hatte mich in meinem Suff von irgendwas abgehalten. Durch dichten Nebel konnte ich mich nur noch an den vielen, harten Sex in sämtlichen Räumen meiner Wohnung erinnern, und anfangs hatte sie auch mitgespielt – bis sie irgendwann ausgeflippt war.

›Fiorella‹ war die nächste Internetseite, die ich öffnete und die Aufmachung war genauso harmlos wie der Name. Zumindest wurde man nicht sofort von billigen Weibern in abgedroschenen Posen erschlagen. Auch bei der Namensgebung schienen sie diesmal kreativer gewesen zu sein. Mein Blick fiel zuerst auf die blonde ›Avery‹. In ihrer dunkelgrünen Korsage sah sie ziemlich heiß aus. Ja, die kam auf jeden Fall in die engere Auswahl.

»Na, interessanter Fall?« Daniels plötzliches Auftauchen ließ mich überrascht aufschauen.

»Ähm ja«, erwiderte ich und warf einen kurzen Blick auf die rothaarige ›Ella‹, bevor ich weiterklickte.

»Worum geht’s?«, wollte er wissen, während er sich mir gegenüber in einen der Mandantenstühle fallen ließ.

Noch vor einem Monat wäre so ein friedliches Zusammentreffen undenkbar gewesen. Daniel und ich hatten einen großen Bogen umeinander gemacht und die Dinge, welche die Kanzlei betrafen, über Helen, unserer Empfangsdame, geregelt. Nur vor Joelin hatten wir uns zusammengerissen, damit sie nicht misstrauisch wurde. Denn meine Schwester wusste nichts von alledem – und ganz bestimmt nichts von dem blauen Auge, das ihr Freund mir vor drei Monaten verpasst hatte. Er hatte wirklich ganze Arbeit geleistet – vorgewarnt oder nicht. Daniel war mein bester Kumpel, mein Geschäftspartner und der Freund meiner Schwester, er hätte das nicht tun dürfen! Zur Strafe hatte er eine Woche die Kanzlei allein führen müssen. Ein Anwalt mit Veilchen war nicht sonderlich repräsentativ.

Am Ende war ich sogar schon soweit gewesen, mir einen neuen Job zu suchen. Das Einzige, was mich davon abgehalten hatte, war die Tatsache, dann meiner Schwester die wahren Gründe für mein Handeln erklären zu müssen … Aber nachdem Daniel und Joe vor ein paar Wochen in Portland gewesen waren, hatte er plötzlich in meinem Büro gestanden und so getan, als wäre nie irgendwas gewesen. Und ich musste zugeben, dass mir mein Sozius, und vor allem mein bester Kumpel gefehlt hatte. Auf Matthew konnte man im Moment nicht zählen, der hatte andere Dinge im Kopf.

»Vertragswesen.«

»Vertragswesen?«, hakte Daniel nach und ich nickte unbestimmt. Diese Seite war wirklich vielversprechend und ›Mia‹ erinnerte mich mit ihren langen schwarzen Haaren und dem lila Satinkimono ein wenig an Maya. Zwar war sie nicht mein Typ, aber wesentlich ansehnlicher als ›Shellys scharfe Schlampen‹. Sie kam ebenfalls in die engere Auswahl.

»Ich hatte auch gerade ein sehr interessantes Gespräch«, redete er weiter. »Mit deiner Miss Beynes.« Mit zusammengekniffenen Augen sah ich zu ihm, während er grinsend einen Kuli von meinem Tisch nahm und ihn in seiner Hand drehte.

»Sie ist nicht meine Miss Beynes«, motzte ich und widmete mich wieder meinem Bildschirm. Es gab noch ungefähr fünfzehn Bilder zu sichten und ich hatte nicht mehr ewig Zeit. Spätestens morgen Abend musste ich mich entschieden haben.

»Wie auch immer«, gab Daniel zurück. »Trotzdem bist du mir was schuldig.«

»Du hättest das Mandat ja nicht annehmen müssen, aber ich wette, sie bezahlt dich dafür fürstlich«, antwortete ich, ohne den Blick von ›Emma‹ zu nehmen. Die hellbraunen, lockigen Haare fielen ihr über das fast unschuldige, hellblaue Negligé. Sie passte überhaupt nicht auf solch eine Seite.

»Nicht so wie dich – zum Glück«, scherzte er, bevor er mit seinem Bericht fortfuhr. »Die Frau ist wirklich unerträglich und fragt ständig nach dir. Du musst einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Aber du kannst sie ja trösten, wenn wir den Fall verlieren, wovon ich fast ausgehe. Es gab eine Fremdgehklausel in ihrem Ehevertrag. Ihr Ex-Mann hat jetzt rausgekriegt, dass sie ihn mehrfach beschissen hat und nun will er sein Geld zurück. Wusstest du, dass sie ihn während der Ehe betrogen hat?«

»Mhm.« ›Emma‹ war bislang auf jeden Fall die Nummer Eins – für mich. Sie war keins dieser billigen Weiber, hatte keinen Scheißnamen und war wirklich sexy.

»Du wusstest das? Sag jetzt nicht, dass du ... Halt! Ich will das nicht wissen. Aber dafür bist du mir jetzt wirklich was schuldig«, maulte Daniel und im nächsten Moment landete der Kuli auf meiner Tastatur. »Hörst du überhaupt zu, Nathan?«

»Ich hab sie nicht gevögelt«, knurrte ich abwesend und er runzelte die Stirn.

»Das muss ja wahnsinnig interessant sein.« Er lehnte sich weit über den Schreibtisch, um auf meinen Bildschirm gucken zu können.

»Verstehe.« Er tippte auf ›Emma‹. »Fündig geworden?« Mit einem Schulterzucken schloss ich die Nahaufnahme der Brünetten.

»Zumindest etwas für die engere Auswahl.«

»Vielleicht solltest du doch ...« Weiter kam er nicht, da mein Telefon erneut klingelte. Ich wusste sowieso, was er vorschlagen wollte. Aber ich würde auf keinen Fall meine Schwester um Hilfe bitten! Ich nahm den Hörer ab.

»Caldwell und Parker.«

»Nath?« Die Stimme war so leise, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen. »Hol mich hier raus!«

3

Nathan

Vor der Höhle des Löwen angekommen, drückte ich auf die Klingel und kurz darauf öffnete Liliana die Tür.

»Nathan, schön dich zu sehen«, lächelte sie übertrieben und warf ihre langen, blonden Haare zurück. Caithlins kleine Schwester war durchaus hübsch – wie konnte es auch anders sein – aber mich reizte sie nicht. Sie war gerade mal achtzehn und hatte mir als kleines Zahnspangen-Mädchen Liebesbriefe unter unserer Haustür in Raymond durchgeschoben. Natürlich mit Herzchen und den Feldern zum Ankreuzen.

»Hey Lilly!«, begrüßte ich sie, belustigt von der Erinnerung, und betrat die Wohnung. Für eine Sekunde verspürte ich den Drang, ihr durch die Haare zu wuscheln, aber das würde ihr so gar nicht gefallen. Sie war inzwischen erwachsen. »Ich wollte Matt abholen.«

»Schaut mal, wer uns helfen möchte!«, rief sie fröhlich, als hätte sie mich gar nicht gehört. Ich ahnte Böses, als ich ihr in die Küche folgte und wurde nicht enttäuscht. Im Türrahmen blieb ich stehen und lachte los. Der Anblick von Matt zwischen haufenweise Schleifen, Papier und Glitzerkrams sah einfach zu bescheuert aus. Mit der Miene eines Märtyrers versuchte er unter der Aufsicht der Frauen kleine Kärtchen auszuschneiden.

»Scheiße, Matt! Was machst du da?«

»Nathan!«, rief mein Cousin voller Erleichterung. »Da bist du ja schon. Du bist aber früh dran.«

Augenblicklich hatte er die Schere auf den Tisch geworfen und war von seinem Stuhl aufgesprungen. An seinen Schauspielkünsten musste er dringend arbeiten. »Dann können wir ja los«, fügte er hektisch hinzu und eilte auf den Flur, um sich seine Schuhe anzuziehen. Großartig. Nun ließ er mich auch noch mit den Tylors allein. Liliana, die sich zurück an den Küchentisch gesetzt hatte, begann kleine rote Schleifen auf Miniaturpappschachteln zu kleben, wobei sie immer wieder zu mir rüber schielte. Sie hatte ihre Teenie-Schwärmerei also noch nicht komplett überwunden. Ein Grund mehr, viel Abstand zu ihr zu halten.

»Nathan! Wie schön.« Caiths Worte passten absolut nicht zu ihrem Todesblick, der sich in meinen fraß. »Was habt ihr vor?« Jetzt hieß es Ruhe bewahren und das Pokerface aufsetzen. Nur leider war mir immer noch keine grandiose Idee gekommen, wie ich Matt hier raushauen sollte. Aber es war wohl meine Pflicht als Trauzeuge, den Bräutigam vor den gefährlichen Bastelutensilien zu retten. Trauzeuge. Ich – Scheidungsanwalt und ein Paradebeispiel dafür, wie man keine Beziehung führte. Doch Matt hatte sich nicht davon abbringen lassen und mir stattdessen mit seinem Verliebter-Trottel-Grinsen auf die Schulter geklopft und gemeint, ich wäre perfekt dafür – ich wüsste es nur noch nicht. Ich hatte keine Wahl. Matthew war eben mein Cousin und ein guter Freund. Ganz im Gegensatz zu Daniel, der, anstatt mir Rückendeckung zu geben, unten im Auto hockte. Toller Kumpel. Ich durfte hier mein Leben riskieren, während er nur den Fluchtwagen fahren musste. Hatten Trauzeugen überhaupt keine Rechte?

»Tut mir wirklich leid«, erklärte ich entschuldigend, »dass ich dir deinen Bräutigam entführen muss. Vor allem jetzt, wo ich sehe, womit du ihn hier quälst, aber ich brauche ihn heute. Glaub mir, wenn ich das gewusst hätte, wäre ich mit einer Videokamera und Popcorn aufgetaucht, anstatt ihn mitzunehmen.« Ich legte noch eine Schippe mehr Charme drauf. »Alles für die Hochzeit des Jahres, liebe Caithlin.« Mir wurde von meinen eigenen Worten übel, aber es funktionierte. Caith lächelte. »Meine Schwester hilft dir bestimmt solange bei dem Schnibbelkram. Soll ich sie anrufen? Sie hat heute frei.«

»Sie ist schon auf dem Weg«, zwinkerte Caithlin mir verschwörerisch zu. »Bring ihn mir heile wieder und viel Spaß.«

Na, das war ja einfach. »Den werden wir haben«, erwiderte ich. »Bis später!«

»Bis später, Nath«, hörte ich Lilly säuseln – gefolgt von einem »Sei still, Liliana!« – bevor ich die Tür hinter mir und Matt schloss.

Flucht geglückt!

»Danke, Nath! Du hast mir das Leben gerettet. Die Frauen wollten mich wirklich fertigmachen«, plapperte Matt und rannte förmlich die Treppe runter. Er jammerte noch ein wenig mehr, bis wir den Mercedes erreicht hatten, in dem Daniel mit laufendem Motor auf uns wartete. Man konnte es aber auch übertreiben.

»Kein Ding«, winkte ich ab und wir stiegen ein.

»Du hast ihn also wirklich da rausgehauen«, amüsierte sich unser großartiger Fluchtwagenfahrer neben mir, während er ausparkte. »Heldenhaft.«

»Hast du was anderes erwartet? Ich bin Captain Trauzeuge!«, schnaubte ich abfällig.

»Mein Held«, warf Matt von hinten ein und griff sich dabei theatralisch ans Herz. War ich eigentlich nur von Idioten umgeben? Mit einem Kopfschütteln schaltete ich das Radio ein und drehte die Lautstärke höher.

»Wohin geht‘s nun?«, wollte Dan wissen, als wir auf die Interstate 5 auffuhren und ich tauschte mit Matthew einen Blick im Rückspiegel.

»Erst mal was essen? Bei Alfons?«, schlug ich vor und er grinste breit. Was auch sonst? Matt war ein elender Fresssack.

»Wusstet ihr, dass die Italiener Nudelgerichte nur als Vorspeise und nicht als Hauptgericht essen?«, fragte Matt und schob sich den letzten Löffel Vanilleeis in den Mund.

»Du willst damit jetzt doch nur den Teller Spaghetti, die Pizza und das Eis rechtfertigen«, scherzte ich und Matt schlug mir gegen den Oberarm.

»Ich hatte eben Hunger«, maulte mein Cousin. Daniel lachte auf.

»Immer noch Hungerkur?«

Caith hatte Matt vor zwei Wochen auf Diät gesetzt, damit er an seinem großen Tag nicht aus dem Smoking platzte.

Ich fragte mich, wie oft Matt bei seiner Schlankheitskur geschummelt hatte und gleichzeitig wollte ich es gar nicht wissen. Dann konnte ich ihn wenigstens nicht aus Versehen verpetzen. Er hatte zugeschlagen, als hätte er einen Monat nichts bekommen. Übermorgen war die Anprobe und die Stunde der Wahrheit – für uns alle. Natürlich organisiert von Joe, was das Schlimmste an der Sache war. Sie hatte sogar ihre Chefin dazu überredet, dass wir den Verkaufsraum von ›Zero Fashion‹ dafür nutzen konnten. Ich bekam schon allein bei dem Gedanken daran Ausschlag und hoffte einfach nur, dass Lillys Kleid nicht pinkfarben war, denn das würde eine gleichfarbige Krawatte bedeuten. Sie war Caiths Trauzeugin und stilecht trugen die Trauzeugen sowie die Brautjungfern aufeinander abgestimmte Kleidung. Angeblich. Ich hatte von diesem Kram keine Ahnung und würde mich einfach meinem Schicksal fügen ... müssen.

»Ich fühl mich schon wie ein blödes Karnickel«, seufzte Matt und schob die leere Eisschale in die Mitte des dunklen Holztisches. Plötzlich waren da Bilder in meinem Kopf, die dort nicht hingehörten und ich schüttelte den Kopf, um das Bild loszuwerden. Es gelang nicht.

»Matthew Rammler!«

»Boa, Nathan!«, stieß Daniel hervor und schwankte zwischen angewidert und belustigt. Am Ende entschied er sich fürs Lachen.

»Idiotenpack! Ihr wisst genau, was ich meine«, schimpfte Matt und wir lachten nur noch lauter. »Ja, ja, noch lacht ihr. Irgendwann seid ihr auch dran!«

Da wir unseren Bräutigam noch nicht zurück in die Weiberhölle bringen wollten, hatten wir uns entschieden, ins ›James‹ zu fahren, um dort ein bisschen Billard zu spielen. Obwohl das bedeutete, dass ich eine Nachtschicht im Büro einlegen musste, um die morgige Verhandlung vorzubereiten. Aber Matt hatte Ablenkung dringend nötig, sonst würde er vor der Hochzeit noch den Verstand verlieren. Wenn ein Mann von Tischdeko und Menüplänen faselte, wurde es langsam kritisch. Und er war weit über diesen Punkt hinaus.

Im James war es düster und muffig, aber viel Auswahl hatte man zu dieser Tageszeit nicht. Matt lief voran und entschied sich für eine mir sehr bekannte Sitzecke, von wo aus man die gesamte Bar überblicken konnte, selbst aber so gut wie unentdeckt bliebt.

Er war der Meinung, dass drei Männer – von denen zwei auch noch teure Anzüge trugen – am helllichten Tag in dieser Spelunke einen schlechten Eindruck machen würden. Wie Börsenmakler, die sich verspekuliert hätten und ihren Frust in Alkohol ertränken wollten. Also hatten wir uns seinem Wunsch gefügt und ich persönlich mochte den Platz.

»Wieso grinst du mich eigentlich die ganze Zeit so scheiße an, Nathan?«, beschwerte sich Matt, nachdem wir unsere Getränke bestellt hatten. Wortlos wippte ich mit den Augenbrauen und er verzog das Gesicht.

»Du machst mir Angst – ehrlich.«

»Weil auf deinem Platz schon mein nackter Arsch gesessen hat«, erklärte ich trocken und seine Augen wurden riesengroß, bevor er skeptisch die Stirn runzelte.

»Wieso hat dein nackter Arsch hier gesessen? Ist da so ein neues Ding von dir? Nackt in einer Kneipe hocken? Du verarschst mich doch!«

»Mein nackter Arsch ... mit einer schönen Frau auf dem Schoß«, verdeutlichte ich zweideutig grinsend und Matt sprang erschrocken auf.

»Du hast es auf dieser Bank getrieben?«, rief er und rümpfte angewidert die Nase. Laut lachte ich los, während Daniel ungläubig zwischen Matt und mir hin und her sah. Scheinbar war er sich noch nicht sicher, ob er das witzig finden sollte oder nicht. Moralapostel. »Und ich sitze seit geschlagenen zehn Minuten drauf? Das ist ekelhaft, Alter!« Wie wild wischte er sich über den Hintern und warf zu allem Überfluss noch einen Blick über seine Schulter, um die Hose auf Flecken zu überprüfen. Das gab den Ausschlag und Daniel prustete los.

»Die Klamotten kann ich dann wohl verbrennen«, zischte mein Cousin, zog sich einen Stuhl ran und setzte sich in sicherer Entfernung zur verseuchten Bank hin. »Wieso machst du so eine Scheiße, Nath?«

»Das war nicht meine Idee. Ich hab nur mitgespielt«, antwortete ich atemlos und er schüttelte sich, als würde er damit seine Gedanken verjagen können.

»Ich hoffe, es war nicht die Alte.« Er nickte in Richtung der herannahenden Bedienung, die total abgefuckt aussah.

»Ganz sicher nicht.« Angewidert rümpfte ich die Nase und Daniel lachte auf, während die Kellnerin mit einem künstlichen Lächeln eilig die Getränke verteilte und wieder hinter die Bar verschwand. Da ich dem Alkohol nach meinem Wodka-Rum-Exzess vor Wochen abgeschworen hatte, war meine Wahl auf Kaffee gefallen, während die anderen beiden Bier bestellt hatten. Daniel und Matt kannten weder den Grund noch seit wann es so war und bislang hatten sie nicht nachgefragt.

»Also Nath«, begann Matt, nachdem er einen großen Schluck getrunken hatte. »Wer war die Banknummer? Und wehe sie ist nicht heiß!« Er rückte sicherheitshalber noch ein Stück weiter ab, während er mich neugierig ansah.

»Eine Bedienung aus dem Alfons«, erklärte ich und rührte dabei desinteressiert in meinem Kaffee. »Und nein, sie war heute nicht da. Es ist die Brünette.«

»Brünett?«, sinnierte er und schaute abwechselnd zwischen Daniel und mir hin und her. »Die Blonde ist heiß, aber die Brünette? Die ist mir nie aufgefallen.« Mit einem Schulterzucken stieß er mit seinem Glas gegen meine Tasse. »Und ich hab mir schon Sorgen gemacht.

Kein Sex, kein Alkohol. Ich dachte, du bist einem geheimen Orden beigetreten. Leben ohne Sünde.«

»Du hast gerade auf einer meiner Sünden gesessen«, erinnerte ich ihn, woraufhin er die Augen gequält zusammenkniff. Er musste ja nicht wissen, wie lange die Barnummer bereits zurücklag. Was ging es ihn auch an? Wenn ich keine Lust auf Alkohol und Weiber hatte, dann war’s einfach so! Daniel hingegen würde es wissen, wenn er sich noch an Xena erinnerte. »Möchtest du noch mehr über mein Sexleben erfahren, Matt?«, hakte ich scheinheilig nach und er hob abwehrend die Hände.

»Verschon mich mit deinen Schweinereien!«

4

Nathan

Gerade, als ich die Tiefgarage verlassen und in den Aufzug, der zu unserem Büro führte, steigen wollte, hörte ich das Surren von elektrischen Fensterhebern und drehte mich zu Daniels Wagen um.

»Du willst doch jetzt nicht wirklich noch arbeiten, oder?« Mit ungläubigem Blick musterte er mich. Dass er die Arbeit nur als Vorwand benutzt hatte, um nicht mit in die Bastelhölle zu müssen, war mir sofort klar gewesen. Matt hatte uns beinahe bekniet, mit hochzukommen, aber wir hatten dankend abgelehnt. Ich war nicht lebensmüde und im Gegensatz zu meinem Sozius hatte ich tatsächlich zu tun.

»Die morgige Verhandlung bereitet sich nicht von allein vor«, entgegnete ich und hielt den Fuß zwischen die Edelstahltüren, damit sie sich nicht wieder schlossen.

»Ach ja. Die Smith-Sache.«

Ich nickte. Hoffentlich war ich die nervigen Schwestern danach endlich los. »Pass auf, dass Joe dich nicht beim Schwänzen erwischt«, warnte ich belustigt, und er schaute mich entgeistert an.

»Scheiße!« Tja, daran, dass seine Freundin ihm den Kopf abreißen würde, wenn sie rausbekam, dass er sich nur drücken wollte, hatte er wohl nicht gedacht. Aber dafür hatte er ja mich und heute war sein Glückstag – ich hatte Heldenlaune.

»Okay, okay. Ich hol die Akte aus meinem Büro und wir treffen uns gleich bei mir?«, schlug ich daher vor.

»Du hast mir gerade den Arsch gerettet, Nathan«, erwiderte Daniel erleichtert und die Seitenscheibe fuhr hoch.

Er hätte auch einfach in sein Büro gehen, dort ein oder zwei Stunden Papier sortieren und dann nach Hause fahren können. Unordnung hatten wir – seit wir ohne Caithlin auskommen mussten – auf jeden Fall genug im Büro. Sie hatte vor zwei Monaten bei einem Zeitungsverlag in Downtown angefangen und für Helen allein war es mittlerweile zu viel. Sie konnte sich nicht gleichzeitig um den Empfang, das Telefon und die Ablage kümmern, auch wenn sie es versuchte.

Eine halbe Stunde später waren wir in meiner Wohnung angekommen und Daniel hatte sich bereits auf meiner Couch ausgebreitet, während ich auf dem Weg in die Küche war. Die Akte hatte ich vorerst im Flur zwischengeparkt. Darum würde ich mich dann wohl heute Nacht kümmern müssen.

»Willst du was trinken?«, rief ich ins Wohnzimmer, aus dem ich nun die Stimme eines Spielkommentators hören konnte. Das Abendprogramm stand also bereits fest.

»Bier«, antwortete er und ich hielt inne. Nachdem ich eine Woche durchgesoffen hatte, war Mag, mein Putzmonster, beim Betreten meiner Wohnung vollkommen ausgerastet. Wild fluchend hatte sie mit den überall herumliegenden Klamotten nach mir geworfen und letztendlich sämtlichen Restalkohol entsorgt.

»Ich hätte Kaffee, Coke oder ...«

»Du hast kein Bier?«, unterbrach Daniel mich überrascht. Hatte er was an den Ohren?

»Ich war nicht einkaufen«, versuchte ich mich herauszureden, worauf ich ein »na gut, dann Coke« zur Antwort bekam.

Als ich mit den Getränken zurück ins Wohnzimmer kam, erwischte ich Daniel dabei, wie er gerade meinen Barschrank zuklappte. Wenn Mag eine Mission hatte, war sie immer sehr gründlich. Meine Bude war sauberer als die eines Ex-Alkoholikers. Ich konnte es ihr nicht verübeln, die Wohnung war ein Schlachtfeld gewesen und ich wollte sie als Reinigungskraft nicht verlieren. Egal, wie biestig sie sein konnte – sie wusste, was sie tat und der Tritt in den Hintern hatte mir gutgetan. Also hielt ich mich neuerdings vom Alkohol fern. Aber woher sollte Daniel das wissen? Er war seit knapp drei Monaten nicht hier gewesen.

»Wo ist der ganze Kram hin?«, fragte er, während er sich erneut aufs Sofa setzte und mir die Flasche abnahm.

»Wo soll das schon hin sein?«, erwiderte ich gleichgültig und ließ mich neben ihm nieder.

»Du hast es alles ausgesoffen? Selbst den widerlich süßen Fusel?«, erkundigte er sich lachend und ich runzelte die Stirn. Er kannte sich mit meinen Vorräten ja bestens aus.

»Kann schon sein«, konterte ich tonlos. Ehrlich gesagt, war ich mir nicht sicher, was ich davon alles getrunken hatte und was Mag zum Opfer gefallen war. Ich konnte mich nur an die Unmengen von Wodka und Rum erinnern.

Mit nachdenklichem Blick musterte Daniel mich und jetzt war er wieder der Hobbypsychologe. Wie ich es hasste!

»Du trinkst gar nichts mehr.« Es war keine Frage, sondern eine simple Feststellung. »Seit wann?«

»Ich hab mit dem Alk ein wenig zu intensiv mein blaues Auge gekühlt«, murrte ich und wich seinem nervigen Blick aus. »Zufrieden?«

»Du hast dich also eine Woche nicht auf der Arbeit blicken lassen, weil du betrunken warst?«, hakte er erstaunt nach. »Und ich dachte, du hättest wegen dem Kinnhaken wie ein kleines Mädchen geschmollt.«

»Sehr witzig!«, schoss ich zurück und er verschränkte selbstzufrieden die Arme vor der Brust.

»Komm schon. Du hattest es verdient und du warst vorgewarnt.«

»Ja, ja«, maulte ich und öffnete meine Coke.

»Und was ist mit Frauen?«, bohrte er ungeniert und ich atmete laut aus.

Woher wollte er wissen, dass ich keine Frauen mehr traf? Er war nicht immer und überall dabei. »Das mit Xena ist Wochen her«, redete er einfach weiter, als ich nichts sagte.

»Und nach ... ich habe dich ewig mit keiner mehr gesehen. Nicht mal im Mayhem letzte Woche. Dass man sich übersaufen kann, ist mir bewusst, aber übervögeln?« Er lachte.

»Wodka-Rum-Kur mit einer Menge Amanda. Reicht das?«, grummelte ich und hoffte, er würde endlich Ruhe geben. Weit gefehlt.

»Amanda? Wie bist du denn wieder an die gekommen?«

»Ich habe keine Ahnung«, gab ich zu. »Sie war einfach da und irgendwann ist sie ausgeflippt und war weg. Mehr weiß ich nicht. Da ist nur beschissener Nebel.«

»Ausgeflippt?«

Ich zuckte mit den Schultern – obwohl mir dieser Teil präsenter war, als viele andere Details, die während meines Deliriums passiert waren. »Sie war wohl sauer, weil ich ihr keinen Antrag machen würde oder so«, log ich.

Er schien meine Gedächtnislücken zu akzeptieren. »Zum Glück ist mein letzter, böser Absturz schon fast fünf Jahre her«, schnaubte er.

---ENDE DER LESEPROBE---