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»Wir waren nicht die, die auf weißen Pferden in den ewigen Sonnenuntergang ritten. Wir waren die, die ohne Anschnallgurt Achterbahn fuhren. Aber wir würden nicht fallen.« Oder? Linnea und Nathan haben es endlich geschafft, sie sind ein Paar. Alles scheint perfekt, doch unter der Oberfläche brodelt es, und das vermeintliche Idyll bekommt immer mehr Risse. Wie lange lässt sich die Vergangenheit wirklich verdrängen? Was, wenn der Zweifel plötzlich zum größten Verräter wird? Ist eine Liebe stark genug, um auch diese Hürden zu überstehen? Gelingt es den beiden, den Hindernissen des Alltags zu trotzen, oder müssen sie sich irgendwann eingestehen, dass Liebe allein manchmal eben nicht ausreicht? Band 3 und das Finale der ›Blindness‹-Reihe.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Copyright © 2019 June Charles
Alle Rechte vorbehalten.
June Charles - c/o art for your book
Am Kniependamm 29 – 27726 Worpswede
Satz & Layout: Julia Dahl
Umschlaggestaltung: art for your book
Alle Rechte, einschließlich das, des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Dies ist eine fiktive Geschichte, Ähnlichkeiten mit lebenden, oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Alle Markennamen, Firmen sowie Warenzeichen gehören den jeweiligen Copyrightinhabern.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Epilog
Blindness: The Beginning
Blindness: Erhofft
Blindness: Unvergessen
Blindness: Till the End
Für Silvia und Simone, weil ihr immer daran geglaubt habt.
»Wir waren nicht die, die auf weißen Pferden in den ewigen Sonnenuntergang ritten.
Wir waren die, die ohne Anschnallgurt Achterbahn fuhren.
Aber wir würden nicht fallen.« Oder?
Linnea und Nathan haben es endlich geschafft, sie sind ein Paar.
Alles scheint perfekt, doch unter der Oberfläche brodelt es, und das vermeintliche Idyll bekommt immer mehr Risse.
Wie lange lässt sich die Vergangenheit wirklich verdrängen?
Was, wenn der Zweifel plötzlich zum größten Verräter wird?
Ist eine Liebe stark genug, um auch diese Hürden zu überstehen?
Gelingt es den beiden, den Hindernissen des Alltags zu trotzen, oder müssen sie sich irgendwann eingestehen, dass Liebe allein manchmal eben nicht ausreicht?
Band 3 und das Finale der ›Blindness‹-Reihe.
Aus Erwartungen bauen wir Luftschlösser
und füllen sie mit Träumen.
Ohne Fundament stellen wir sie einfach in den Sand
und übersehen die kleinen Risse,
die sich allmählich in der Fassade bilden.
Betrunken vor Glück wiegen wir uns in Sicherheit,
bis wir eines Tages feststellen müssen,
dass selbst das größte Schloss im Sturm wankt.
Linn
»Gott, ich hasse dich, Nathan Caldwell!«, schimpfte ich und wollte diesen verwirrend schönen Mann in Boxershorts vom Waschbecken wegschieben. »Wenn du nicht sofort ...« Bevor ich meinen Satz überhaupt beenden konnte, wurde ich gepackt und fand mich sitzend auf dem Badewannenrand wieder.
»Mistkerl!« Mit bösem Blick stieß ich Nath gegen die Schulter, als er sich zu mir nach unten beugte, was sein Amüsement nur noch vergrößerte. »Ich werde nie fertig, weil du seit Stunden das Bad blockierst, und dann muss ich so als Trauzeugin neben deiner Schwester am Altar stehen. Sie wird mich umbringen.« Ganz sicher sogar. Verzweifelt zupfte ich an meinem viel zu weiten Shirt, das eigentlich Nathan gehörte, damit er mein Dilemma begriff, doch allem Anschein nach, tat er es nicht. Mit einem zweideutigen Grinsen ging er vor mir in die Hocke und ließ seine Hände über meine Oberschenkel nach oben gleiten, während sich sein Gesicht meinem näherte. Es kostet mich sämtliche Kraft, ihn aufzuhalten und mich nicht seinen Berührungen hinzugeben.
»Lass das, Nathan!«, drohte ich ohne echten Widerstand in der Stimme. »Dafür hab ich dank dir jetzt keine Zeit mehr.« Ich würde sowieso schon viel zu spät beim Friseur sein. Er grinste noch immer, als seine Lippen meine berührten, sie nicht berührten.
Mühsam schluckte ich. Dieser Mann würde irgendwann mein Untergang sein. »Wenn ich je mit dir zusammenziehen sollte, dann nur in eine Wohnung mit mindestens zwei Badezimmern. Besser wären drei, nur zur Sicherheit.« Okay, es war meine eigene Schuld, dass ich ausgerechnet heute gegen Mister Ladykiller kämpfen musste, anstatt mich angemessen auf meine Trauzeugenrolle vorzubereiten. Aber Nathan hatte mir einfach gefehlt, und so war ich nach dem Junggesellinnenabschied zu ihm gefahren. Dumm nur, dass ich schon geschlafen hatte, als er von seiner Tour mit dem Bräutigam zurückgekommen war.
»Ist vorgemerkt, Babe«, scherzte Nath, nachdem er mich zurück auf die Beine gestellt hatte, und ein fester Klaps landete auf meinem Hintern. Gott, er war unmöglich – und dabei so irre heiß. Mein Widerstand bröckelte endgültig und ich schlang ihm beide Arme um den Hals. Wir hatten in den letzten Wochen einfach zu wenig gemeinsame Zeit gehabt.
»Ich liebe dich, Nath.«
»Ich weiß.«
Nathan
Keine Ahnung, was ich in einem meiner vorherigen Leben verbrochen hatte – Mord allein konnte die Tatsache jedenfalls nicht rechtfertigen, dass ich ein weiteres Mal als Trauzeuge auf einer Bühne stand. Vielleicht bildeten sie sich ein, dass Scheidungsanwälte in solchen Positionen irgendwas ausglichen. Wenigstens musste ich mir dieses Mal keine Rede aus dem Ärmel schütteln, in der ich dem Brautpaar vorgaukelte, dass die Ehe irgendeinen Sinn ergab. Ich mimte hier bloß das schmückende Beiwerk und würde nur im Notfall einspringen, zumindest hatte ich es versprechen müssen. Tief vergrub ich die Hände in der Tasche meiner schwarzen Anzugshose und ließ den Blick durch den Saal des Sodo Parks wandern. Unsere Familien, Freunde, Joelins Arbeitskolleginnen nebst gruseliger Chefin, ein paar alte Schul- und Studienfreunde mit Begleitungen ... Meine Schwester hatte die Gästeliste entgegen ihrer Natur erstaunlich kurz gehalten, ich war bis zuletzt davon überzeugt gewesen, dass sie eine Null vergessen hatte und es nicht zugeben wollte.
Leise räusperte sich die schöne Frau in blauem Satin, während sie ans Mikro trat, und lenkte meine Aufmerksamkeit zurück auf ihren hübschen Arsch. Linns Rechnung, mich als optisches Ablenkungsmanöver einzusetzen, würde auf jeden Fall nicht aufgehen.
»Joelin hatte immer gewusst, dass sie Daniel einmal heiraten würde«, begann sie und ihre Aufregung schwang in jedem Wort mit. Völlig unnötig. Sie würde das großartig machen und der verheulte Haufen, dessen volle Aufmerksamkeit sie jetzt genoss, würde es eh nicht merken, wenn es anders wäre. »Ich erinnere mich noch sehr gut an den denkwürdigen Tag, als meine beste Freundin beschloss, später einmal ihren blonden Nachbarsjungen zu heiraten.« Linn machte eine künstlerische Pause. »Wir waren dreizehn.« Das Publikum lachte auf, und ich schüttelte belustigt den Kopf. Typisch Joe. »Und von diesem Tag an verbrachte ich viele Nachmittag kniend neben Joelin im Garten ihrer Eltern und lauschte den Monologen über ihren zukünftigen Ehemann, den wir durch die Hecke beobachteten. Am Ende des Sommers kannte ich ihn in so ziemlich jeder Lebenslage.« Während das Publikum sich amüsierte, glitt mein Blick zum Brauttisch. Die Frauen tupfen sich abwechselnd Tränen von den Wangen, und Daniel grinste dümmlich. Auch er würde seine Eier am Ende des Abends nicht zurückbekommen. Und ich? Ich war Trauzeuge, meine Aufgabe war es, all diese Scheiße stillschweigend zu akzeptieren. Also würde ich auch dieses Mal einfach dabei zusehen. »Das war übrigens auch die Zeit, in der Joelin ihren beruflichen Werdegang festlegte«, fuhr Linn fort und mein Blick heftete sich erneut an ihrem Hintern. »Auf unseren ›Missionen‹, wie Joey sie nannte, trugen wir von ihr designte T-Shirts, farblich abgestimmt auf die Umgebung, mit Gras auf dem Rücken. Zur Tarnung versteht sich.« Die Gäste johlten und Linn hielt inne, strich sich unnötigerweise das lange, farblich zu meiner Krawatte passende Kleid glatt. Unweigerlich musste ich mir vorstellen, wie ich ihre Hände durch meine ersetzte, wie der Satinstoff langsam ihr Bein durch den Seitenschlitz freigab ... Fuck! Wie bescheuert konnte man eigentlich sein? Mühsam riss ich mich von dem verführerischen Anblick los und blieb stattdessen an dem Rückenausschnitt ihres Kleides hängen, der fast komplett von den langen, brauen Haaren verdeckt wurde. Die Aussicht war unverfänglicher, aber nicht weniger reizvoll. »Und Daniel ...«, fuhr das Objekt meiner Begierde fort, als die Anwesenden sich allmählich beruhigten, »du hast uns ganz schön lange warten lassen!« Erneut brach Gelächter aus. »Aber wie jede großartige Liebesgeschichte hat auch eure ein wunderschönes Happy End.« Verständnislos zog ich die Stirn in Falten, während Linn wild gestikulierte, um dem Gesagtem mehr Ausdruck zu verleihen. Happy End? Ernsthaft? Ein Untergang in Einhornscheiße und Glitzer? Verdammt, sie hatten sogar dieselbe bescheuerte Miami Vice-Band engagiert wie mein Cousin im letzten Jahr! Wenn so Happy Ends aussahen, wollte ich definitiv keines.
»Liebes Brautpaar!« Linn hob ihr Sektglas und die Gäste imitierten sie. Die Puffbrause durfte bei so einem »Happy End« natürlich auch nicht fehlen. »Ich wünsche euch von Herzen alles Liebe und möchte mit euch auf all die wunderschönen Happy Ends dieser Welt anstoßen.«
Unter dem Applaus der Anwesenden verließen wir die Bühne und Linn machte Anstalten, geradewegs weiter zum Brauttisch zu laufen. Doch ich war noch nicht bereit, sie den Hyänen zu überlassen. Joelin hatte ihre Trauzeugin in den letzten drei Wochen beinahe pausenlos beschlagnahmt. Jetzt war ich dran! Mit einem Arm um ihre Taille hinderte ich Linn am Weitergehen und drehte sie zu mir um.
»Du warst umwerfend.«
»Danke.« Lächelnd strich sie über das Revers meines Jacketts und schaute durch ihre langen Wimpern zu mir auf. Herrgott, wenn ich diese Frau nicht bald ... »Du hättest es trotzdem viel besser gemacht.«
»Schwachsinn!« Für solche Veranstaltungen war sie die perfekte Besetzung. Das hatte selbst meine durchgeknallte Schwester einsehen müssen, nachdem ich ihr damit gedroht hatte, bei meiner Rede schmutzige Details preiszugeben. So war ich den dämlichen Rednerposten, den sie mir bereits im letzten Jahr untergeschoben hatte, wieder los gewesen.
»Du ...« Augenblicklich verschloss ich Linns süßen Mund mit meinem und sie ergab sich sofort, erwiderte den drängenden Kuss ...
Leise Hintergrundmusik setzte ein und schleuderte mich unsanft zurück in die grausame Realität eines Trauzeugen, erinnerte mich daran, wo wir uns befanden. Widerwillig beendete ich den Kuss.
»Lass uns abhauen, Babe.«
»Das geht nicht, Nath.«
Als Antwort packte ich ihren Hintern fester, und der leise Seufzer rüttelte schwer an dem Vorsatz, Linn nicht einfach aus dieser Kitschhölle zu schleppen. Verdammt! Allmählich verursachte dieser ganze Scheiß wirklich Übelkeit, aber mit den Blicken sämtlicher Gäste im Nacken – meine Eltern eingeschlossen – fügte ich mich meinem Schicksal.
Eine Hand auf ihren Rücken legend führte ich Linn über den bescheuerten roten Teppich zum Brauttisch, wo Joelin und Daniel bereits aufgestanden waren und auf uns lauerten.
»Mrs. Parker«, begrüßte ich meine Schwester erheitert, und sie strahlte überglücklich. »Bei der Dekoration haben Sie keinen guten Geschmack bewiesen.«
Leicht schlug sie mir gegen die Brust.
»Du bist ein Idiot, Nath«, sie kicherte, »aber ich lieb dich trotzdem.«
»Das höre ich tatsächlich öfter«, witzelte ich und drückte ihr einen kleinen Kuss auf die Stirn, bevor sie ihrer Trauzeugin um den Hals fiel, die krampfhaft versuchte, den Inhalt ihres Sektglases nicht auf Joeys cremefarbenes Designerbrautkleid zu verteilen.
»Das war so schön, Linni! So, so, so wunderwunderwunderschön ...«
Puh. Ungläubig beobachtete ich die beiden Frauen dabei, wie sie schniefend auf ihren Mörderabsätzen über das glänzende Parkett taumelten, ehe ich mich meinem eierlosen Schwager zuwandte. Jetzt sah er wirklich so aus, als würde er jeden Moment die Nerven verlieren, dabei hatte er die Trauung ohne einen Anflug von Panik hinter sich gebracht.
»Denk an Malibu.« Aufmunternd klopfte ich ihm auf die Schulter. »Sonne, Strand, Cocktails, Weib ... Denk einfach an Malibu. Ich muss erst mal was trinken.«
»Deshalb bist du ständig der Trauzeuge«, entgegnete Daniel, und ich hob skeptisch eine Augenbraue. Weil ich die Bar leer soff? Es war amtlich: Doktor Freud verlor nicht nur seine Eier und die Nerven – sein Verstand verrauchte gerade ebenfalls vor meinen Augen. »Ehrlich. Danke, Mann.« Wieso mussten die Leute auf solchen Veranstaltungen immer so brechreizverdächtig sentimental werden?
»Kein Ding!«, winkte ich ab und machte mich auf den Weg. Ich brauchte dringend was zum Neutralisieren, bevor der nächste »Happy End«-Programmpunkt anstand.
Am Tisch angekommen, ließ ich mich auf meinen Platz sinken und betrachtete das leere Weinglas vor mir. Der Service auf solchen Veranstaltungen ließ auf jeden Fall zu wünschen übrig.
»Die Rede war wirklich toll«, bemerkte Caithlin lächelnd, die zusammen mit Matt und ihrer Schwester gegenübersaß. Emily neben mir, Daniels Cousin, stimmte ihr begeistert zu. Wieso sagten sie mir das? Sollten sie doch warten, bis Linn zurück an den Tisch kam. Falls sie zurückkam ... Einen weiteren Blick in Richtung des Brauttisches ersparte ich mir. Ich liebte meine Schwester und gönnte ihr auch jeden Spaß, aber sie hatte den Bogen in den letzten Tagen einfach überspannt.
»Ich fand deinen Auftritt im letzten Jahr mega«, riss mich Lilly aus den Gedanken.
Ich stieß genervt den Atem aus.
»Schön für dich, Lilly.«
Herausfordernd lächelte sie.
»Ich bin ein bisschen enttäuscht. Immerhin hatte Joey dich engagiert. Hier am Tisch, erinnerst du dich?« Puh! »Wolltest du nicht?« Das unbändige Verlangen, dem kleinen Quälgeist das Maul zu stopfen, wurde übermächtig.
»Liliana!«, kam Caithy mir zuvor, während Matt sich königlich über seine Schwägerin amüsierte. Grinsend richtete er seine dunkelrote Krawatte, die farblich auf die Abendkleider der restlichen Frauen am Tisch abgestimmt war, und holte zum Tiefschlag aus.
»Wolltest du nicht nachsehen, wo Jason geblieben ist, Lil?« Jason war Lilianas Begleitung, ihr angeblicher Freund, den sie aber offenbar nicht so interessant fand wie mich. Bereits bei der Anprobe und dem Rehearsal Dinner hatte sie mir mit ihrem Gefasel und den »zufälligen« Berührungen den letzten Nerv geraubt. »Nathan wird dir heute sowieso keinen Antrag machen.« Autsch!
»Pft!« Arrogant warf Caithlins kleine Schwester die blonden Haare über die Schulter und ließ ihren Stuhl übertrieben laut über das Parkett kratzen, bevor sie sich erhob. »Als würde ich den heiraten wollen!«
»Matthew Caldwell!«, fauchte seine Frau, während Lilly bereits beleidigt davon stöckelte. »Das war unnötig!«
»Darling, das war überfällig. Aber sowas von«, konterte mein breitschultriger Cousin und warf mir einen verschwörerischen Blick zu.
»Wo er recht hat ...«, erwiderte ich mit einem Achselzucken, und Caiths Empörung verrauschte unter dem Kuss, den Matt ihr auf die vollen, roten Lippen drückte.
»Du bist Scheidungsanwalt, richtig?«, lenkte Emily meine Aufmerksamkeit auf sich, und ihre stahlblauen Augen musterten mich neugierig. Als ich Daniels Cousine das letzte Mal gesehen hatte, war sie noch ein halbes Kind gewesen. Jetzt, in ihrem dunkelgrünen Satinkleid, hatte sie so gar nichts mehr von einem Teenager.
»Japp«, bestätigte ich und hypnotisierte mein Weinglas, als könnte ich es mit purer Gedankenkraft wieder auffüllen. Small Talk war jetzt genau das, was ich nicht brauchte.
»Und du bist Daniels Trauzeuge«, stellte sie fest, und als ich nickte, kicherte sie.
»Danny hat wirklich einen eigenartigen Humor.«
»Cousins halt«, gab ich gleichgültig zurück, und Matthew zog eine alberne Fratze, bevor er mit den Frauen in ein Gespräch über die Wahl der richtigen Trauzeugen verfiel. Meine Gelegenheit, endlich diesen Flitterkram zu neutralisieren, war gekommen.
Mit einem Whiskey in der Hand ließ ich mich auf einen der Barhocker sinken und beobachtete den blonden Heini dabei, wie er Sektgläser befüllte. Kellnerinnen in kurzen, schwarzen Röcken tauchten auf, luden die vollen Gläser auf ihre Tabletts und verschwanden. Mein Blick folgte ihnen über den polierten Parkettboden, während ich an meinem Whiskey nippte. Es war ein Reflex. Sie reizten mich nicht ... Das hatten sie nie, mittlerweile wusste ich das.
»Hey, schöner Mann.« Linn tauchte hinter mir auf und schlang mir ihre Arme um den Oberkörper. »Warum sitzt du denn hier allein rum?«
Tja, warum wohl?
»Wahrscheinlich, weil ich kein Brautkleid trage«, sagte ich finster und leerte mein Glas, bevor ich es zurück auf den Tresen stellte.
»Sei nicht albern«, gluckste sie und hauchte mir einen Kuss auf den Hals, der erheblich an meiner Fassade kratzte. »Gleich ist der Eröffnungstanz«, informierte sie mich, als wäre die Androhung des nächsten Programmpunktes über das völlig übersteuerte Mikrofon auch nur Ansatzweise zu überhören gewesen.
»Und?«, fragte ich herausfordernd, nachdem ich mich auf dem Barhocker zu ihr umgedreht hatte.
»Und«, hinreißend lächelte sie, »ich würde sehr gern mit dir tanzen, Nath.« Tief sah sie mir in die Augen. »Bitte.«
Verdammt, sie war wirklich gut!
Manchmal musste ein Mann eben tun, was ein Trauzeuge tun musste. Also ließ ich mich von ihr an der Hand zu unserem Tisch führen, wo sich die anderen bereits von ihren Plätzen erhoben hatten. Ihr von hinten beide Arme um die Taille legend zog ich Linn an mich und schirmte sie so von Lillys vernichtenden Blicken ab. Linn mochte sie aus mir unerfindlichen Gründen, und ich wollte nicht, dass sie mitbekam, wie Caiths kleine Schwester momentan dazu stand.
Das Licht wurde gedimmt, während das Brautpaar auf die Tanzfläche schritt, und meine Schwester schaute ihren Liebsten an, als hätte sie erst jetzt bemerkt, dass er auch da war. Daniel erwiderte ihren Blick mit gleicher Intensität.
»Wie schön«, wisperte Linn beeindruckt, als der Typ am Klavier anfing, Diamonds von Josef Salvat zu spielen, und kuschelte sich fester an mich. Ihre Hände platzierte sie dabei auf meinen, und ich bemerkte erleichtert, dass auch sonst niemand auf die dämliche Idee kam, den Song mit taktlosem Geklatsche zu ruinieren. Elegant bewegte sich das Brautpaar über das Parkett, mein Schwager wusste im Gegensatz zu Matthew sehr genau, was er da machte. Er beherrschte jeden seiner Schritte. Zufrieden bettete ich mein Kinn auf Linns Schulter und inhalierte ihren vertrauten Duft, während mein Blick auf Joelins glücklichem Gesicht ruhte.
Das nächste Lied begann; das Brautpaar holte nach einem langen Kuss die Eltern dazu, und Caithlin übernahm den Generalposten.
»Los, wir dürfen«, trällerte sie und zog Matt hinter sich her auf das Parkett. Lilly und Jason folgten ihnen, genau wie Emily und ihr Begleiter Brian, Linn hingegen machte keinerlei Anstalten. Regungslos blickte sie weiterhin auf Joelin, die jetzt mit unserem Vater über das Parkett glitt. Es hätte mich auch gewundert, wenn sie plötzlich freiwillig eine Tanzfläche betreten hätte.
»Was ist?«, flüsterte ich erheitert. »Du warst doch so scharf aufs Tanzen.« Linn löste sich aus meiner Umarmung und wandte sich mit einem süffisanten Lächeln zu mir um.
»Na ja ...« Gespannt hob ich eine Augenbraue, als sie ihre Hände auf meiner Brust ablegte. »Eigentlich war ich nur scharf auf dich.« Scheiße! Ich musste sie einfach küssen – auch wenn das meinen endgültigen Untergang bedeuten würde.
Unseren Lippen fordernd aufeinander, ihr süßer Geschmack auf meiner Zunge, das leise Aufseufzen in den Ohren ... Ich war schon jetzt steinhart.
»Leute, weniger knutschen, mehr tanzen!« Matts Lachen ergoss sich wie ein Eimer eiskaltes Wasser über uns, und wir fuhren augenblicklich auseinander.
»Ups!« Linn kicherte atemlos, und ich schüttelte wortlos den Kopf, bevor ich zu meinem dämlichen Cousin schaute. Ungeschickt schob er Caith über die Tanzfläche, und die beiden grinsten dabei in unsere Richtung, als wären sie high. Idiotenpack!
»Tja, jetzt musst du mit mir tanzen. Wir haben keine Wahl mehr, Babe.« Zur Verdeutlichung meines Problems schob ich sie gegen den »Störfall« und sie grinste vielsagend.
»Du hast keine Wahl, mein Lieber.«
Oh nein!
»Das kannst du vergessen!«, knurrte ich spielerisch und schob sie einfach rückwärts aufs Parkett.
»Okay, okay!« Ergeben schlang Linn ihre Arme um meinen Hals. »Aber ich kann es immer noch nicht«, warnte sie.
»Aber ich kann es immer noch.« Mit den Händen auf ihrer Wirbelsäule zog ich den reizvollen Frauenkörper erneut an mich, was wahrscheinlich die denkbar ungünstigste Lösung für außer Kontrolle geratene Schwänze war. Allmählich begann ich, uns zur Musik zu bewegen – blickte Linn dabei tief in die Augen, damit sie nicht auf ihre Füße sah, und wünschte mir fast, dass sie mir dennoch mit voller Wucht auf meine trat, damit ich runterkam.
»Geht doch«, komplimentierte ich, nachdem wir den ersten Song unbeschadet überstanden hatten.
Sie lächelte stolz.
»Dein Verdienst, würde ich sagen.«
Über ihren Verdienst wollte ich jetzt lieber nicht genauer nachdenken ... Ich wirbelte uns herum, und meine Hände rutschten dabei auf ihren Hintern. Es war eh bereits scheißegal.
»Hey, ihr beiden!«, trällerte Mom plötzlich neben uns, und Daniel, der sie über das Parkett schleifte, griente wie ein hirnverbrannter Trottel. Dass wir unseren Analytiker und Hobbypsychologe auf diese Art und Weise verloren hatten, war beinahe tragisch. »Ich würde gern mal mit meinem Sohn tanzen.« Die verzückten Augen meiner Mutter allein reichten aus, dass ich mich endlich fing. Da konnte jeder Eiswürfelbeutel einpacken. Dennoch wollte ich Linn noch nicht hergeben.
»Mom«, erwiderte ich nüchtern. »Gerade ...«
»Ich würde ihn gern noch ein bisschen behalten«, sprang Linn ein, und Mom nickte verstehend.
»Natürlich, der Abend ist ja noch lang. Amüsiert euch, Kinder.«
»Danke, Babe«, raunte ich und drückte ihr einen kleinen Kuss auf die Lippen, als sich die Gefahr verzogen hatte.
»Es ist das erste Mal, dass ich mit dir so tanzen kann, ohne dass uns jemand komisch ansieht. Da möchte ich noch ein bisschen länger genießen.«
»Du hättest jederzeit mit mir tanzen können.«
»Erinnerst du dich an unseren Versuch im Club?« Fragend blickte sie mir in die Augen, und ihre Finger, die vorsichtig über meine Nacken strichen, ließen mich erschauern.
»Sicher.«
»Ich fand das ziemlich«, sie schmunzelte geheimnisvoll, »aufregend und gleichzeitig war es irgendwie anstrengend, weil wir immer so aufpassen mussten.«
»Und jetzt geben wir unser Revival in diesem Zuckerwattenkitsch vor meiner gesamten Familie«, grummelte ich.
Linn lachte auf.
»Zuckerwattenkitsch?«
»Guck dich doch um!«, forderte ich und drehte uns im Kreis, damit sie noch einmal das ganze Dekorationsausmaß begutachten konnte.
»Lass sie doch! Man heiratet schließlich nur einmal im Leben.« Aha? Skeptisch zog ich die Stirn in Falten.
»Also ich würde nicht gegen die Statistik wetten, Babe.« Ihr entglitten sämtliche Gesichtszüge, und ich verzog schmerzhaft die Miene, als Linn mir mit ihrem Mörderabsatz auf den Fuß trat. Verdammt!
»Das war deine Schuld«, maulte sie, während sich ihr Blick in meinen bohrte. »Hast du das eben wirklich ernst gemeint? Joey ist deine Schwester.«
»Ich hab keinen Zweifel daran, dass es bei den beiden funktionieren wird. Aber statistisch gesehen ...«
»Schon klar, der Scheidungsanwalt«, unterbrach sie mich kopfschüttelnd. »Du bist echt romantisch.«
»Weiß ich.« Anzüglich wippte ich mit den Augenbrauen und umfasste ihren Hintern so fest, dass sie kerzengerade stand.
Erschrocken quiekte Linn auf. »Nathan! Ich denke, da muss mal jemand dringend an die frische Luft.«
»Und ich denke«, flüsterte ich düster, »da schuldet mir jemand ein Happy End nach meinem Geschmack.«
Linn
Als ich diesen beeindruckenden Turm mit dem gläsernen Highspeedaufzug sah, musste ich unweigerlich an das letzte Essen im Restaurant des Space Needles denken. Nathan und Joelin hatten diesen verrückten Streit gehabt und ich hatte Nath mit unfairen Mitteln dazu gebracht, sich wieder mit seiner Schwester auszusöhnen. War das tatsächlich bereits ein Jahr her? Ungläubig schüttelte ich den Kopf und ließ mich von Nathan in die sowieso schon vollkommen überfüllte Kabine führen. Mit den Rücken an seine Brust gelehnt, kam mir die rasante Fahrt gar nicht mehr so schlimm vor wie damals. Mein Magen sackte trotzdem in die Kniekehlen. Ob es bloß an der Geschwindigkeit lag oder an dem bevorstehenden Essen mit seinen Eltern konnte ich nicht sagen. Ja, ich war tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Vollkommen verrückt. Immerhin kannte ich die beiden bereits mein ganzes Leben, aber auf der Hochzeit hatte es kaum eine Gelegenheit gegeben, ungestört mit Carolyn zu reden, und ich wusste nicht, wie sie dazu stand, dass ich jetzt Nathans Freundin war. SeineFreundin. Der Gedanke ließ mich lächeln.
Fast hätte ich am Empfang den blonden, überfreundlichen Kellner erwartet, doch dieses Mal begrüßte uns eine rothaarige Bedienung und führte uns zu unseren Plätzen. Die Tatsache, dass wir gut eine halbe Stunde zu spät waren, und Nathans Eltern bereits am Tisch saßen, half mir bei meiner albernen Nervosität überhaupt nicht.
»Oh, da seid ihr ja endlich!«, freute sich Carolyn Caldwell, sobald sie uns entdeckt hatte, und erhob sich, um erst mich und dann ihren Sohn in eine herzliche Umarmung zu ziehen. Sein Dad beschränkte sich wie üblich auf einen festen Händedruck. Er war der typische Geschäftsmann; zurückhaltend, distanziert – Nathan war ihm nicht nur optisch sehr ähnlich. Carolyn, die den Zwillingen ihre Augenfarbe gegeben hatte, fungierte als sein Gegenpart.
Gentlemanlike rückte Nathan mir den dunklen Holzstuhl zurecht, bevor er sich neben mich setzte.
»Danke, Liebling«, neckte ich ihn und lächelte verzückt, was er mit einem irritierten Gesichtsausdruck quittierte.
»Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr«, sagte Carolyn, ohne Vorwurf in der Stimme, Thomas hingegen studierte die Speisekarte, die uns die Kellnerin auf die schneeweiße Tischdecke gelegt hatte.
»Linn hat getrödelt«, erklärte Nathan und versuchte dabei, möglichst unbeteiligt zu wirken. Dieser Scheißkerl!
»Ich verstehe.« Sie schmunzelte, und ich wäre am liebsten unter das edle Stuhlkissen gekrochen. »Und ich hatte den Gedanken, dass mein Sohn mal wieder Besseres zu tun hat, als mit seinen Eltern zu essen.«
Jetzt war ich diejenige, die sich auf die Lippen biss. Obwohl das Thema eigentlich gar nicht zum Lachen war. Am Tag nach der Hochzeit von Matt und Caithy hatten wir im Soda vergebens auf Nathan gewartet. Ich für meinen Teil war ehrlich erleichtert gewesen, Nathan nach seinem Ausraster nicht noch einmal sehen zu müssen – und auch seine Eltern hatten erstaunlich gelassen reagiert. Nur Joelin war vollkommen außer sich gewesen.
»Seid ihr denn gestern nach der Feier gut nach Hause gekommen?« Stumm dankte ich Carolyn für den Themenwechsel.
»Sind wir.« Mit vor der Brust verschränkten Armen rutschte Nathan tiefer in das Leder seines Stuhls, und als mich sein Blick traf, verschwand ich gedanklich unter dem schicken Parkettboden des Restaurants. Ich wusste genau, woran er dachte, während er seine Mutter ansah, als könnte er kein Wässerchen trüben. Mir brannten allein bei dem Gedanken an unser großes Finale auf Nathans Kommode im Flur die Wangen. »Wir sind gut nach Hause gekommen. Oder, Linn?« Oh, Gott! Leise räusperte ich mich und legte dabei unbemerkt meine Hand auf seinen Oberschenkel.
