Blutkrebs?! nicht mit mir - Roland D. Grand - E-Book

Blutkrebs?! nicht mit mir E-Book

Roland D. Grand

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Beschreibung

Die Diagnose Leukämie im Frühjahr 2011 ist schon schrecklich genug. Ich beschloss für mich persönlich, ihr den Schrecken zu nehmen. Das ist mir bis heute erfolgreich gelungen. Das in der Krebsklinik erlebte, im negativen wie im positivem Sinne musste ich einfach aufschreiben. Dieses Buch soll allen, die die Krankheit nicht kennen, oder bisher nichts damit zu tun hatten beziehungsweise nichts damit zu tun haben wollen, eine Anleitung und Hilfestellung sein, wie man damit umgehen kann und auch sollte. In Teils dramatischen, teils unfreiwillig komischen aber immer unterhaltsamen Kapiteln kann der Leser einen Einblick in den Klinikalltag bekommen, den er so sicher noch nicht kannte. Krebsstation beziehungsweise Großklinik ist so, als würde man auf einen anderen Planeten geschossen. Diese Erfahrung muss man erst mal verinnerlichen und versuchen das Beste daraus zu machen. Sonst geht man alleine schon daran kaputt. Im Mittelpunkt dieser Aufzeichnung steht nicht so sehr die niederschmetternde Diagnose, sondern das drumherum einer Chemotherapie. Insbesondere auch die unvorhergesehen und nicht zu erwartenden Komplikationen im Zusammenhang mit der Behandlung, sowie das Kennenlernen unterschiedlichster Menschentypen und der teilweise nicht vorhandenen Kenntnis über Krebserkrankungen. Wenn die Geschichte zum Nachdenken anregt ist schon viel erreicht.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Vorwort

Die Diagnose Krebs, und dann auch noch Leukämie, wird meist als Todesurteil gesehen. Das dem nicht so ist, dafür bin ich der Beste Beweis. Trotzt schlechtester Diagnose hat mich mein unbedingter Wille das zu Überleben wohl gerettet. Für das Klinikpersonal war ich ein unbequemer Patient Unangepasst und aufmüpfig, habe ich mich von der Krankheit und dem Personal nicht unterkriegen lassen. Eine Klinik war für mich eine ganz neue Welt. Insbesondere an Unikliniken wechselt ständig das Personal.

Man muss sich als Patient dieser Herausforderung stellen können. Ohne meine Erfahrung mit verschiedensten Charakteren in meiner 30 jährigen Tätigkeit im Serviceaussendienst wäre ich vermutlich untergegangen. Dabei hatte ich frühes Sterben gar nicht auf dem Schirm.

Ich wollte auch nicht schon nach sechsmonatigem Rentner-dasein den Löffel, ohne Gegenwehr abgeben.

Deshalb war Sterben keine Option für mich.

Ich danke meiner Familie, allen Pflegern, Ärzten, Freunden für die Unterstützung, die mir zuteilwurde.

Manchen wird es überraschen, was man in einer Klinik so alles erleben kann.

Alles auf Anfang: 11 Monate vorher

Ich gehe bald, nach der passiven Phase der Altersteilzeit, mit 62 Jahren und um 10,8 Prozent gekürzter Rente, vorzeitig in den Ruhestand. Habe deshalb einen Termin zur Rentenberechnung bei der örtlichen Rentenversicherung. Der Rentenberater gibt mir den Tipp, noch vor Beginn der Rente, meinen zurzeit anerkannten, 30 prozentigen Behinderungsgrad auf 50 Prozent zu bringen, damit sich der Abschlag bei der Rente auf 3,6 Prozent reduziert. Dieser Vorschlag wird von mir sofort in die Tat umgesetzt. Habe deshalb über einen Zeitraum von mehr als 3 Monaten bei verschiedenen Fachärzten einen Termin nach dem anderen. Irgendwie sollte ich doch auf die 50 Prozent Behinderung kommen. Leider sind meine Bemühungen vergebens. Der Antrag auf Verschlimmerung, der während des Arbeitslebens erlittenen Verschleißleiden wird vom Amt für Soziale Sicherung abgelehnt. Ich bin wohl noch zu Gesund. Einen Nebeneffekt haben diese Untersuchungen allerdings. Erst dieser Effekt sorgt dafür, dass ich das hier überhaupt niederschreiben kann. Im Laufe der ganzen Untersuchungen wird auch eine Darmspiegelung gemacht, bei der acht Polypen entfernt werden, von denen drei, laut Aussage meines Onkologen, schon an der Grenze zur Bösartigkeit (Darmkrebs) waren. Nochmal Glück gehabt.

4 Monate vorher

Ich werde mitten in der Nacht wach. Habe starke Krämpfe in beiden Unterschenkeln, steige im Schlafzimmer, so „schnell“ es geht aus dem Bett, um mir in der Küche eine Magnesium‑Brausetablette in Wasser aufzulösen. Soweit kommt es allerdings nicht mehr. Die sechs Meter vom Schlafzimmer, durch Diele und Essecke, bis in die Küche, mit diesem stechenden Schmerz in beiden Unterschenkeln schaffe ich mehr schlecht als recht. Schon leicht benommen, in der Küche angekommen, greife ich ein Wasserglas und das Röhrchen mit den Magnesium-Tabletten aus dem Oberschrank, fülle aus dem Wasserhahn kaltes Wasser in das Glas und werfe eine Brausetablette dort hinein. Nachdem die Tablette sich aufgelöst hat, will ich das Getränk schnell austrinken. Soweit kommt es aber nicht mehr. Als ich das Glas an den Mund hebe, wird mir von den Schultern an, bis zum Kopf, richtig heiß und schwindelig. Ich stelle das noch volle Glas hastig auf die Ablage des Spülbeckens, versuche beide Hände an den Kopf zu heben um die aufsteigende Hitze zu bekämpfen.

Zu Spät. Es wird dunkel um mich herum und ich schaffe es gerade noch mich mit dem Rücken am Kühlschrank anzulehnen, um nicht zu hart auf dem Küchenboden aufzuschlagen. Dann knicken mir die Beine in den Knien weg. Ich lande besinnungslos, ziemlich unsanft, auf dem Boden der Küche. Nach ein paar Sekunden bin ich wieder bei Bewusstsein. Meine Frau ist durch das Geräusch meines Sturzes wach geworden und steht ziemlich verschreckt schon neben mir in der Küche an der Arbeitsplatte. Der Aufschlag von 91 Kilogramm Lebend‑Gewicht auf dem Küchenboden lässt sich in einer 68 qm Wohnung nicht verheimlichen. Sie ist sehr aufgewühlt und will den Notarzt rufen.

Ich kann sie aber beruhigen und schiebe das Ganze auf den starken Schmerz und das schnelle Aufstehen zurück. Mir geht es ja auch wieder gut.3 Wochen vorher

Da ich nun bereits in Rente bin, habe ich einen Nebenjob mit 10 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit, verteilt auf 3 Wochentage angenommen. Hierbei handelt es sich um einen Job als Hausmeistergehilfe.

Alle in dem Bürogebäude anfallenden Arbeiten werden von mir dort erledigt. Das reicht vom Aktenvernichten, über Laub fegen und Büromöbel umziehen, bis zum so genannten Bereich: Gas; Wasser; Scheiße. In Klammern: Sanitär.Auch für Beleuchtung und Malerarbeiten, sowie für leichte Tischlerarbeiten bin ich zuständig.

Insgesamt eine abwechslungsreiche Tätigkeit. Seit einigen Wochen habe ich kein Auto mehr und fahre deshalb mit dem Fahrrad, die sieben Kilometer bis zur Arbeitsstelle.

Von Tag zu Tag fällt mir die Fahrt schwerer.

Ich bin öfter außer Atem, bekomme schlecht Luft, und die Kniegelenke schmerzen. Muss die Fahrt mit dem Rad immer wieder mal unterbrechen, um Pausen einzulegen. Gedanken über diese „vorübergehende“ Schwäche mache ich mir aber nicht.

Bei der Arbeit wird mir tagsüber immer wieder mal ein bisschen übel und leicht schwindelig. Auch habe ich eine Entzündung im Mund.

Das Zahnfleisch ist richtig schön angeschwollen.

Ganz besonders machen sich die Übelkeit und der Schwindel bemerkbar, wenn ich Leuchtstoffröhren an den abgehängten Decken erneuern muss. Sobald ich den Kopf etwas in den Nacken lege, dreht sich alles.

Meist stehe ich dabei auf einer kleinen Trittleiter und mache mir schon mal Gedanken ob das auf Dauer gut geht.

Mein Vorgesetzter Kollege fragt mich jetzt häufiger, ob es mir gut gehe, weil ich so blass aussehe. Ich wiegele ab und antworte immer;

“Alles OK. Mir geht es gut."1 Woche vorher

Anfang März, die Karnevalszeit ist jetzt in vollem Gange.

Das bedeutet Sitzungszeit. Bei einer der letzten Karnevalssitzungen wird mir im Sitzungsverlauf so schlecht, dass ich den Saal mehrmals verlassen muss um mich, draußen an der frischen Luft etwas zu erholen.

Das hilft aber auch nur ganz kurzzeitig. Gegen dreiundzwanzig Uhr verlassen wir, meine Frau und ich, die Sitzung vorzeitig, weil bei mir auch noch starke Kreislaufprobleme dazukommen. Und das liegt nicht an den alkoholhaltigen Getränken.

Hab ja kaum Bier oder Schnaps getrunken.

So was ist mir in meinem bisherigen Leben auch noch nicht passiert, dass ich von einer Feier beziehungsweise Veranstaltung noch vor dem Ende gehen muss.

In der Folgezeit werde ich nachts häufiger schweißgebadet wach.

Das Kopfkissen ist klatschnass und der Schweiß steht millimeterhoch in den Schlüsselbeinkuhlen.

Was ist nur mit mir los?

Karnevalssonntag 6. März 2011

Wir ziehen seit etlichen Jahren am Karnevalssonntag in der Provinz, als Fußgruppe in einem Karnevalsumzug mit.

So auch in diesem Jahr wieder. Das Gruppenmotto lautet "Hexen und Zauberer".

Dazu müssen wir circa 60 Kilometer mit dem Auto dorthin fahren.

Ob das wohl dieses Jahr gut geht? Die leichte Entzündung im Mund und Gaumen hat sich doch sehr ausgeweitet. Alles ist nun dick angeschwollen. Meine Zahnprothese, mit einem Eckzahn, rechts oben im Kiefer hält auch mit Kukident nicht mehr richtig. Deshalb lasse ich die Prothese zuhause im Badezimmer. Bei dem Karnevalsmotto ist es sicher kein Problem als Zauberer, mit Zahnlücke, im Zug mitzuziehen.

Die Fahrt mit dem Auto strengt mich schon sehr an, weil der leichte Schwindel wieder auftritt.

Im Ort angekommen, ist unsere Bekannte, die beste Freundin meiner Frau, ihr Mann ist an diesem Wochenende auf einer Messe beschäftigt, offensichtlich nicht zu Hause. Wir übernachten bei Feiern und den Karnevalsumzügen immer dort.

Auf das Klingeln an der Haustür reagiert keiner. Das Auto steht auch nicht vor dem Haus. Ich schaue vorsichtshalber nochmal von außen zum Wohnzimmerfenster rein, kann aber niemanden sehen.

Meine Frau meint: "Lass uns doch schon mal zu den Nachbarn gehen. Die wird sicher gleich auftauchen. Vielleicht ist Sie noch etwas einkaufen“.

Wir gehen also mit unserem ganzen Übernachtungs‑ und Kostümgerödel rüber zu den Nachbarn, die in ihrem Wintergarten jedes Jahr das Biwak ausrichten.

Bei Spießbraten‑Brötchen und Bier zum Vorheizen werden wir dort geschminkt und es wird die Anprobe für den Umzug organisiert.

Auch wird unser Mottowagen mit Speisen und Getränken hier aufgefüllt. Nach dem allgemeinen Begrüßungshallo, öffne ich die Erste Bierflasche und trinke einen Schluck. So richtig will mir das Bier aber heute nicht schmecken. Deshalb bekommt den Rest des Flascheninhaltes meine Frau.

Ein Spießbraten-Brötchen später, taucht auch die, vorhin nicht angetroffene Freundin im Wintergarten der Nachbarn auf und ist erstaunt, dass wir schon dort sind.

Sie hatte im Haus auf gewartet und geglaubt, irgendwo auf der Autobahn sei ein Stau und wir deshalb verspätet.

Dabei war Sie durch das Lesen der, im Hausbriefkasten vorgefundener, Werbeprospekte so abgelenkt, dass Sie unser Klingeln nicht gehört hatte. Da ihr PKW nicht vor dem Haus stand, hatten wir angenommen, Sie sei nicht zu Hause. Ihr Mann hatte den Wagen jedoch ausnahmsweise mit zur Firma genommen. Nachdem das geklärt war, ging es ans Schminken und Ankleiden der Kostüme. Die Frauen mit langen Röcken und einem Bolero-Oberteil in Grün und Rot, sowie einem großen Hexenhut mit Netz an der Krempe.

Die Männer mit langen schwarz-glänzenden Umhängen und großen goldenen Sternen darauf, sowie dem dazu passenden sehr warmen Spitz-Hut. Ich werde nun geschminkt.

Die Männer bekommen auf die linke Wange eine schwarze Spinne. Auf die Rechte Wange wird ein Spinnennetz aufgemalt. Die Frauen werden im Gesicht Grün geschminkt. Über beiden Augen werden grüne ovale Flächen bis zum Haaransatz geschminkt.

Das sieht schön gruselig aus. Ich erlebe das ganze Geschehen mittlerweile wie durch einen leichten Nebelschleier.

Unser kleiner Mottowagen wird nun mit Getränken und Nahrung bestückt. Vor dem Abmarsch, circa 2,5 Kilometer Fußweg über Güterwege und freies Gelände zwischen Äckern und Feldern sind zurückzulegen, wird noch ein Gruppenfoto gemacht.

Mir ist nun unter dem Hut sehr, sehr warm und etwas schummrig.

Unsere Gruppe zieht los zum Aufstellungsort des Zuges. Nach einem halben Kilometer habe ich Mühe, dem nicht sehr hohen Marschtempo der Gruppe zu folgen. Ich spüre ein starkes Ziehen im linken Unterschenkel was sich zu einem stechenden Schmerz ausweitet.

Das wattige Gefühl im Kopf ist auch wieder da.

Irgendwie schaffe ich es, meinen schlechten Zustand vor dem größten Teil der Gruppe zu verbergen.

Nur meine Frau schaut mich besorgt immer wieder von der Seite an.

Endlich haben wir den Aufstellungsplatz des Karnevalsumzuges erreicht und ich hoffe mich dort ein bisschen ausruhen und erholen zu können.

Wir stellen uns mit unserem Mottowagen, ziemlich vorne in der langen Reihe der Zugwagen, am Straßenrand auf und warten darauf, dass der Zug bald loszieht. Circa drei bis vier Stunden Fußmarsch haben wir vor uns.

Ich greife mir aus dem Wagen abermals eine Flasche Bier, öffne diese und nehme einen Schluck. Das Bier schmeckt immer noch nicht.

Das ist mir ja noch nie passiert. Bier habe ich bisher immer gut vertragen.

Den Rest aus der Flasche bekommt wieder meine Frau.

Der Zusammenbruch

Unmittelbar nach dem Schluck aus der Flasche, steigt die Hitze von der Schulter an wieder aufwärts bis an meinen Kopf.

Mir wird sofort klar, dass ich nur noch ein paar Sekunden bis zum Blackout habe.

Ich schaue mich panisch um und sehe, in fast Zehn Metern Entfernung eine etwa 1,50 Meter hohe steinerne Gartenmauer.

Dort muss ich jetzt ganz schnell hin, um mich irgendwie festzuhalten.

Schon leicht taumelnd erreiche ich die Mauer, greife mir an den Kopf um den warmen Hut loszuwerden.

Zu spät.

Bevor ich den Hut abstreifen kann, wird es Dunkel um mich, an diesem schönen, sonnigen und etwas frostigen Karnevalssonntag.

Abtransport ins Krankenhaus

Wie jedes Jahr hatte ich für den Karnevalsumzug meine schweren braunen Winterschnürstiefel angezogen. Bei Schuhgröße 46. haben diese eine entsprechende Länge. Dies nur zur Erklärung der nächsten Situation.

Als ich die Augen, ich weiß nicht nach wie viel Sekunden oder Minuten wieder Aufschlage, bietet sich mir ein groteskes Bild.

Vermeintlich auf dem Rücken liegend, schaue ich nach oben auf meine hoch aufgerichteten Beine, in der Mitte ein kreisrundes, circa 60cm großes, Loch blauer Himmel und mitten in diesem schönen runden blauen Himmelsloch, meine großen Schuhe.

An jedem meiner Beine ziehen mindestens 6 Hände mich nach oben und rund um das blaue Stück sichtbaren Himmel sind Hexen‑ und Zauberer Gesichter mit ihren Hüten und grün geschminkten Gesichtern zu sehen.

Die Gesichter in dem Loch da oben, stellen mir vielstimmig die Frage; "Geht es Dir Gut, wie können wir dir helfen".

Erst jetzt bemerke ich, dass mein Rücken gar keinen Bodenkontakt hat. Ich schwebe circa Zehn Zentimeter über dem Boden, weil auch an meinem Nacken, den Armen und den Schultern kräftige Männerhände mich nach oben ziehen. Ich denke noch: Hoffentlich lassen jetzt nicht alle gleichzeitig los, dann knallst du auf den Boden und brichst dir das Rückgrat.

Der Karnevalsumzug war ja noch nicht losgezogen und Einer oder Eine aus der Gruppe war so geistesgegenwärtig, sofort den, nicht sehr weit entfernten, Rettungsdienst zu alarmieren. Die Retter waren schnell zur Stelle und sorgten dafür, dass meine übereifrigen Helfer mich nicht schon jetzt ins Jenseits beförderten.

Dann wäre die Geschichte hier schon zu Ende.

Und das wäre schade. Ich bin zwischenzeitlich wieder auf den Beinen und kann es mir unter tatkräftiger Mithilfe der beiden Rettungskräfte auf der Trage im Rettungswagen recht bequem machen.

Nun folgt das übliche Prozedere, während ich meiner Frau, die zitternd vor dem Wagen steht; „Du kannst im Zug mitziehen“ zurufe, muss ich den Sanitätern ein paar Fragen beantworten.

„Wie heißen Sie“

„Was für ein Tag ist heute“

„Wann sind Sie geboren“.

Die Fragen kann ich zur vollsten Zufriedenheit beantworten.

Dafür enttäuschen meine Blutdruckwerte 90/60, Zuckerspiegel 166.

Nun geht es so schnell wie möglich ins Provinzkrankenhaus.

Meine Frau fährt natürlich im Rettungswagen mit. Die Straße dorthin hatte ich in nicht in so schlechtem Zustand in Erinnerung. Oder liegt es vielleicht doch daran, dass meine stark zitternde Frau, die vorne im Wagen eingestiegen ist, für diese holprige Fahrt verantwortlich ist. Kann ich mir bei gut 60 Kilogramm Lebendgewicht nicht so recht vorstellen.

Der Tag und die Nacht im Provinzkrankenhaus

Aus dem Rettungswagen direkt in die Notaufnahme, werde ich auf eine dieser harten OP‑Pritschen umgebettet und in einen Untersuchungsraum gefahren.

Dort versucht eine Pflegerin mir, mit möglichst vielen Nadelstichen, aus der rechten Armbeuge Blut zu entnehmen. Die Armbeuge widersetzt sich dem Versuch erfolgreich. Dafür sieht die Armbeuge hinterher aus, wie ein schon lange genutztes dunkelblaues Nadelkissen. Der linke Arm ist nicht so renitent und lässt den Blutraub zu.

Meine Frau sitzt, mit ihren immer noch grün geschminkten Augen und dem Hexenkostüm, links von der Pritsche, in etwa drei Meter Abstand, leicht zitternd, auf einem weißen Plastikstuhl an der Zimmerwand der Notaufnahme. Ich fühle mich zwar immer noch nicht besonders, aber diese hilflose, zarte Person, der ich so dankbar bin, dass sie mich, den voll durchgeknallten Typen, vor fast 43 Jahren überhaupt zum Mann haben wollte, tut mir im Augenblick richtig leid. Warum muss ich ihr, vier Tage vor ihrem Geburtstag, so einen Scheiß antun.

Ich bekomme nun ein Bett in dem Krankenhaus und schlafe verhältnismäßig schnell ein.

Die Freundin war mit Ihrem Auto zum Krankenhaus nachgekommen und hatte meine Frau zwischenzeitlich zu sich nach Hause mitgenommen.

Mein Schlaf wird nur durch die regelmäßigen Blutdruckmessungen eines 24 Stunden Dauermessgerätes unterbrochen. In den Wachphasen zwischendurch bewegt sich mein Blutdruck auf niedrigem Niveau irgendwo zwischen 87/50 und 80/40. Es findet auch noch ein etwas größerer Blutraub statt.

Mittlerweile bin ich so schwach, dass sich mein Körper nicht mehr dagegen wehrt.

Am nächsten Morgen, es ist Rosenmontag, erhalte ich ein reichhaltiges Frühstück ans Krankenbett.

Wenn ich mich Recht erinnere ist meine Frau und die jüngere Tochter, die meine Frau bei Ihrer Freundin abgeholt hatte auch schon da. Zwischen zwei halb aufgeschnittenen Brötchen und einer teilweise geschmierten Brötchenhälfte platzt die Visite herein. Der Chefarzt, ein schmaler hochaufgeschossener Hungerhaken, in einem extrem langen Kittel macht ein sehr ernstes Gesicht.

Noch denke ich der schaut wohl immer so.

Seine nächsten Sätze belehren mich eines Besseren.

Er teilt mir mit, dass meine Blutwerte eine weitere Behandlung in dieser Klinik nicht zulassen und ich noch heute verlegt werde.

Normalerweise würde man mich nach Aachen schaffen. Da wir aber in einer Rheinischen Großstadt, auch mit Uni‑Klinik wohnen, werde ich auf eigenen Wunsch, dorthin verlegt.

Unmittelbar nach dieser Mitteilung steht die Ärztin, die mich am Vortag untersucht hatte, im Klinikflur an der Zimmertür und ruft ins Zimmer, „der Transport kommt gleich“ Auf meine Frage, wie viel Zeit ich noch habe, heißt es: „Zwanzig Minuten“

Den Rest des noch nicht mal richtig begonnen Frühstücks kann ich schon mal abhaken. Dieses Problem mit dem Frühstück beziehungsweise überhaupt mit dem Essen wird sich in den folgenden Tagen dramatisch fortsetzen. Ich bin nur ein bisschen Krank und nicht auf Diät.

Jetzt geht alles sehr schnell. Husch, husch, raus aus dem Bett rein in die Klamotten und alles zusammengepackt, mit dem Rollstuhl über einen langen Flur rein in den Krankentransportwagen. Mich beschleicht das komische Gefühl: Die wollen dich hier ganz schnell loswerden. Der Transport mit dem Krankenwagen ist angenehm.

Ich sitze festgeschnallt auf dem Krankenstuhl und kann durch die Sehschlitze der Fahrzeugfenster gut in die Gegend schauen.

Gott sei Dank kreuzt unsere Fahrtroute zur Uni‑Klinik nicht den Zugweg des unmittelbar bevorstehenden Beginns des Rosenmontagsumzuges.

Wir müssen also keine Umwege fahren und können auf direktem Weg auf das Klinikgelände. Die Krankentransportfahrer kennen sich auf dem fremden Uni‑Gelände nicht aus, da sie üblicherweise nach Aachen fahren.

Sie versuchen mich erst mal in der Chirurgischen Ambulanz abzusetzen.

Die wollen mich aber nicht und verweisen auf die „Innere“. Die Fahrer erhalten einen Plan des Uni‑Geländes. Das nutzt jedoch nicht viel, da das ganze Gelände eine riesige Baustelle ist.

In der Folge führt die weitere Fahrt erst einmal in eine Sackgasse mit Bauzaun.

Nach erfolgreichem Wendemanöver erreichen wir endlich unser Ziel.

Die Aufnahme in der Uniklinik

Es ist jetzt früher Mittag, oder doch schon später Vormittag? Ich werde in meinem Rollsitz durch einen langen Flur im Untergeschoss geschoben. Irgendwann biegen wir nach links ab. Es geht durch eine große Glastür, rein in den nächsten Flur. Im letzten freien Raum auf der linken Seite des Flures der Notaufnahme werde ich die nächsten sieben Stunden, ohne Essen und Getränke verbringen. Man legt mich auf ein Bett. Der Arzt in der Aufnahme kommt recht schnell und stellt die üblichen. Fragen: Name; Alter; Geburtstag, Beschwerden. Danach liege ich erst einmal ungefähr eine Stunde alleine dort. Beste Gelegenheit mir den Raum anzuschauen. Rechts von mir in Oberlichthöhe ein großes Fenster, durch das die Mittagssonne scheint. Links von mir an einer waagerechten Stange, die mit etwas Abstand zur Zimmerdecke dort festgeschraubt ist, ein gelblicher Vorhang und zwei Meter dahinter ein großer Schrank mit einem Board. Kurz bevor ich langsam einschlafe, kommt plötzlich Bewegung in den Raum. Ein neuer Patient wird mit Bett herein geschoben und links von mir abgestellt. Der Vorhang wird zugezogen und ich höre zunächst nur, den mir schon bekannten, Abfragedialog. Der neue Patient hat seit einer Woche starke Herzschmerzen und ein starkes Brennen in der Brust. Auf die Frage des Arztes, ob das schon untersucht wurde, antwortet er mit osteuropäischem Akzent „Ja vor einer Woche in Bad Pyrmont.“ Der Arzt fragt ihn warum er dort nicht weiter behandelt wurde, worauf er antwortet, dass es dort nur zu Besuch war. Weiterhin erfahre ich aus dem Gespräch, dass er acht Brüder und fünf Schwestern hat. Irgendwie dubios die ganze Sache. Die Mittagssonne scheint durch das Oberlichtfenster in mein Gesicht. Ich stehe auf und ziehe den grün geblümten Plastikfenstervorhang etwas zu. Irgendein Pfleger zieht dann den Trennvorhang zwischen unseren beiden Betten beiseite. Nun kann ich einen Blick auf meinen „schwer“ herzkranken Bettnachbarn werfen. Er liegt dort, wie ein gestrandeter Wal von mindestens 145 Kilogramm, auf der linken Seite, den Rücken mir zugewandt. Aber‑‑‑ welcher gestrandete Wal trägt in dieser Jahreszeit, es ist ja Anfang März---, einen braunen Sommeranzug, hat schulterlange schwarzblaue Haare und Slipper an den Füßen? Nun dreht er sich um. Ich blicke in ein rundes Gesicht mit Mandelaugen und denke sofort, das kann nur ein Roma sein. Wir wechseln ein paar belanglose Worte Inzwischen ist es ungefähr 13:40 Uhr. Ich habe mittlerweile richtig Hunger. Von Mittagessen oder ähnlichem aber keine Spur zu sehen. Vor Verzweiflung schlafe ich ein bisschen vor mich hin. Nach circa 20 Minuten werde ich durch lautes Gerede und Gezeter von draußen vor dem Oberlichtfenster geweckt. Es hört sich an, als sei ein Reisebus angekommen und alle Fahrgäste ausgestiegen. Der gestrandete Wal neben mir steht auf, greift in seine Rechte Hosentasche zieht ein dickes gerolltes Bündel Euroscheine, unter anderem auch die gelben, ich glaube das sind Zweihunderter hervor, knüllt einige davon zusammen, geht zum Fenster, stellt es in Kippstellung und reicht die Scheine heraus. Als er sich anschließend umdreht, sieht er meinen fragenden Blick und meint, „Familie ist gekommen“, geht an mir vorbei und legt sich wieder aufs Bett. 10 Minuten später steht dieser schwer herzkranke Koloss aus dem Bett auf, verlässt den Raum und bleibt für die nächsten 5 Stunden, bis nach 19:00 Uhr verschwunden. Kurz nachdem der Wal verschwunden ist, kommen meine Frau und die jüngste Tochter und bringen mir Kleidung und Unterwäsche für meinen Krankenhausaufenthalt mit. Da sich in der Notaufnahme nichts weiter tut, fahren Sie so gegen 18:00 Uhr wieder nach Hause. Kurz vor 19:00 Uhr rollt mich ein Pfleger dann mit dem Bett auf den Flur hinaus und parkt mich in einer Flurnische, wo noch weitere, wartende Patienten geparkt sind. Hier bekomme ich auch das Abendessen. Es wird auf einem Plastiktablett gebracht. Die erste Mahlzeit nach dem abgebrochenen Frühstück am Morgen. Ich mache es mir so gut es geht mit dem Tablett auf den Oberschenkeln im Bett zurecht. Toll, dass ich nach dem halben Brötchen am frühen Morgen im Provinzkrankenhaus jetzt schon wieder, mehr als 10 Stunden später etwas zu essen und zu trinken bekomme. Zwischenzeitlich hatte man das, immer noch leere, Bett des herzkranken Wales in die Nische geschoben. Und siehe da, gegen 19:20 Uhr taucht der Wal am Ende des Flures wieder auf. Beide Hände bis zu den Ellenbogen in den Hosentaschen vergraben schlendert er mit seinen Slippern, Klick, Klack; Klick, klack den Flur entlang und kommt langsam auf uns zu. Als er an meinem Bett vorbei schlendern will, teile ich ihm mit, dass sein Bett schon hier in der Nische steht. Er möchte aber seinen Pullover, den hatte er bei seinem Aufbruch vor fast 5 Stunden, im Zimmer vergessen, noch holen. Ein Pfleger hatte den Pullover aber bereits in eine Plastiktüte gepackt und überreicht ihm die Tüte mit dem Pullover. Der Wal nimmt die Tüte an sich, verschwindet in einem der Krankenhausflure und wird in der Folge von mir auch nicht mehr gesehen. Vielleicht ist er ja auf Tauchgang?? Ich werde nun auf die Krankenstation in der siebten Etage gebracht, die die nächsten Wochen / Monate mein neues ungewolltes Zuhause werden soll. Nach 20:00 Uhr fahre ich mit dem Lift noch mal hinunter ins Erdgeschoss, in der Hoffnung, dass die Cafeteria, im Eingangsbereich der Klinik noch geöffnet ist. Auf dem Weg vom Aufzug über den langen Flur in Richtung Empfangslobby höre ich vielstimmige Gesprächsfetzen. Je näher ich dem Empfangsbereich komme, umso lauter werden die Stimmen. Nach circa dreißig Metern kann ich in die Lobby schauen. Dort sitzen mehr als zwanzig Personen. Die Männer alle in Anzügen und Krawatte mit blauschwarzen Haaren. Die Frauen in bunten Röcken mit teilweise reich verzierten Jacken, sowie ein ganzer Haufen Kinder. Alle ebenfalls mit blauschwarzen Haaren, gebräunten, runden Gesichtern und Mandelaugen. Das scheint der Clan des herzkranken Wales zu sein. Ich möchte ja keinem etwas unterstellen. Aber man liest immer wieder, dass in Krankenhäusern Geldbörsen, Brieftaschen und Wertsachen abhandenkommen. Die Cafeteria hat leider schon geschlossen. Na gut, dann rauche ich halt heute meine Erste Zigarette, draußen vor dem Eingang.RandnotizEine Dokumentation des innerbetrieblichen Krankentransportwesens, sowie Berichte über Termintreue und Minimierung von Wartezeiten in Kliniken, würde sicher mehrere Bücher füllen. Das soll hier keine Logistik Dokumentation werden. Deshalb werde ich im Weiteren nur insoweit darauf eingehen, wie es mir für den Fortgang der Geschichte notwendig erscheint.

Veilchendienstag: Erste Untersuchungen 8 März

Heute wird kein schöner Tag für mich. Die Aussicht, morgens um 7:30 Uhr aus dem Fenster der siebten Etage des Zweibettzimmers, ich denke es müsste Richtung Süd‑Ost sein, ist grandios. Am Horizont, im nebligen Morgendunst über den Baumwipfeln des weit entfernten Waldes, ein blass Orangefarbener Streifen, der ins rötliche übergeht, kündigt den nahenden Sonnenaufgang an. Mir geht es zwar nicht so gut, wie dem frostigen, sonnigen Frühlingsmorgen. Das führe ich auf den gestrigen, doch sehr heftigen Nahrungsentzug zurück. Trotzdem habe ich etwas Großes vor. Nämlich: Duschen. Das wäre nach dem Stress der letzten beiden Tage eine angesagte Nummer. Die Nasszelle ist nicht sehr geräumig. Wenn man die Tür öffnet blickt man geradeaus direkt auf das Klosett. Ein bisschen halblinks ist das Waschbecken. Darüber an der Wand montiert befindet sich ungefähr in Brusthöhe die Mischbatterie mit einem langen Mischhebel, wie man ihn aus Arztserien im Fernsehen kennt, wo die Ärzte die Hebel immer mit dem Ellenbogen bedienen. Dieser Hebel wird sich in den nun folgenden Tagen und Wochen als sehr störend erweisen. Für eine halbwegs angenehme Wassertemperatur muss der Hebel zentral in der Mitte stehen. Beim Waschen oder Zähneputzen steht man naturgemäß etwas vornübergebeugt. Das führt dazu, dass das Hebelende auf die Gesichtsmitte zielt. Bei der Morgen oder Abendwäsche kann man sich deshalb überlegen ob man lieber ein Auge oder ein paar Zähne verlieren möchte. Alternative wäre, sich eiskalt zu waschen. Dann steht der Hebel ganz rechts und stellt keine Gefahr für Augen oder Zähne mehr dar. Ebenso wenn der Hebel ganz auf der linken Seite steht. Dafür riskiert man dann beim Waschen Verbrühungen. Wenden wir uns nun der Dusche zu. Sie befindet sich rechts vom Klosett hat diesen 1970 er Jahre Plastikcharme in Lindgrün. In der Duschtasse die, Behindertengerecht!? einen circa 20 Zentimeter hohen Rand hat, steht ein weißer Kunststoffstuhl der sich heute noch als nützlich erweisen wird. Die Plexi‑Glastür geht nach außen auf und verdeckt dann das Klosett. Die Mischbatterie der Dusche hat auf der linken Seite einen Thermostatregler und rechts den Regler für die Wasserzufuhr. Warum habe ich mich in der Vergangenheit eigentlich nicht schon mal mit dieser Technik befasst. Zwischen Duschzelle und Klosett befindet sich auf der rechten Seite, von außen an der Duschzellenwand hängend, eine knallrote etwa 2 Meter lange Notfallkordel. Ich also rein in die Dusche. Vorher hatte ich natürlich den Kunststoffstuhl aus der Duschtasse entfernt und mit der Sitzfläche zu mir zeigend, vor das Waschbecken gestellt. Natürlich betrete ich die Nasszelle ohne meine Lesebrille. Die würde ja nass werden, und wer liest schon unter der Dusche. In der Nasszelle ist das Licht nicht besonders hell. Deshalb muss ich mich mehr auf meinen Tastsinn als auf meine Augen verlassen. Welcher von den beiden Reglern der Mischbatterie ist nun verdammt noch mal für die Wasserzufuhr gedacht. Als vorsichtiger Mensch drehe ich immer zuerst das Wasser auf, bevor ich die Temperatur hoch regele. A- ha- der Rechte Regler ist es. Nun kommt Wasser. Leider ist es eiskalt. Der linke Regler wird von mir in alle mögliche Richtungen gedreht. Das Wasser bleibt vorerst kalt. Ich denke: Na- Gut-. Duschst du heute kalt, schnappe mir die Flasche mit dem Duschgel und seife meinen Körper ein. Es ist eine neue Flasche Duschgel. Dieses Gel fühlt sich auf der Haut merkwürdig an. Es lässt sich auch schlecht vom Körper abspülen. Das führe ich auf das eiskalte Wasser zurück. Die Beine und den Unterbauch kann man ja noch mit kaltem Wasser reinigen, aber wenn es an den Brustbereich geht ist warmes Wasser deutlich besser. Ich starte einen letzten Versuch am Regler der Mischbatterie; –-und siehe da –-, das Wasser wird nun endlich warm. Jetzt spüle ich den Rest der Duschlauge, die sich zwei Tage später bei näherem Hinsehen, MIT Lesebrille, als Haarshampoo herausstellt, so gut es geht ab. Puh war das jetzt ein Stress. Langsam steigt schon wieder die bekannte Hitze von der Schulter an aufwärts zu Kopf. Ich beeile mich sehr mit dem Abtrocknen. Wow: Jetzt kommt auch das Schwindelgefühl wieder. Da ich mittlerweile weiß was als nächstes kommt öffne ich so schnell es geht die Tür der Nasszelle. Muss mich nun allerdings einmal um die eigene Achse drehen um sicher die Sitzfläche des Stuhles zu erreichen. Im Rückwärtsfallen fällt mir im letzten Moment die knallrote Notfallkordel ein. Mit den Fingerspitzen erreiche ich gerade noch ein Stück der Kordel. Dann wird es mal wieder Nacht um mich. Der Notruf hat offensichtlich funktioniert. Das Pflegepersonal ist schnell zur Stelle und schafft mich erst mal ins Bett. Da ich in 62 Lebensjahren nun schon 3-mal zusammen gebrochen bin, wird dieser Umstand von den Ärzten als chronisch eingestuft. Was mir in der Folge ein paar zusätzliche Untersuchungen und noch andere Unannehmlichkeiten einbringt. Für den späten Vormittag ist, zur Abklärung meiner Symptome, eine Knochenmarkspunktion angesetzt. Die Punktion findet im Krankenzimmer statt. Mein Bett steht links im Raum, direkt an einer dunkelbraun getäfelten Holzwand. Die behandelnde Ärztin erklärt mir was gemacht wird. Nun muss ich nur noch den Aufklärungsbogen, wie in der Folge bei fast jeder Aktion, unterschreiben. Danach lege ich mich ins Bett auf meine linke Körperseite und muss die Beine anziehen. In dieser Stellung, ähnlich einem Embryo im Mutterleib, bekomme ich am Beckenkamm eine lokale Anästhesie. Die Ärztin tastet eine passende Stelle am Beckenknochen ab. Sie hat angenehm kalte Hände. Zwei Studentinnen sollen etwas lernen und wurden von der Ärztin mitgebracht. Die dürfen, nach meiner Einwilligung, auch mal an meinem Becken rumtasten. Auch die Mädels haben angenehm kalte Hände. Ich liebe kalte Hände. Von der anschließenden Punktion spüre ich so gut wie nichts. Die zusätzliche Entnahme eines Knochen‑Gewebezylinders scheint besondere Kräfte zu erfordern. Ich spüre ein angestrengtes Zittern der Hände der Ärztin. Sie erklärt den Studentinnen, dass das Gerät deshalb einen Pistolengriff habe.

Fruchtlose Lumbalpunktion

Die nächste Untersuchung, eine Lumbalpunktion, erfolgt mittags. Das Mittagessen ist gerade gekommen. Mein Bettnachbar zur Rechten Seite hat bereits mit der Mahlzeit begonnen, da taucht der Arzt auf. Der Vorhang zwischen den beiden Betten wird zugezogen und die Punktion soll beginnen. Hier wird Rückenmarks‑Flüssigkeit durch einen Einstich in den Wirbelkanal der Wirbelsäule zwischen dem dritten und vierten Lendenwirbel entnommen. Da bei mir eine solche Untersuchung vor etlichen Jahren schon mal vorgenommen wurde, weiß ich was auf mich zukommt und habe keine allzu großen Bedenken. Das Bett wird jetzt ein wenig von der Holzwand weggerückt damit ich quer im Bett sitzend, mit dem Gesicht zur Holzwand, dort die Beine herunter baumeln lassen kann. Mir steigt der Geruch vom Mittagessen meines Bettnachbarn in die Nase. Ich habe schon wieder Hunger. Warum passiert mir das immer. Jedes Mal wenn es was zu essen gibt, werde ich, durch das Krankenhauspersonal, anderweitig beschäftigt. Ich sitze nun also mit dem Gesicht zur Wand, muss den Rücken ganz gerade machen und das Kinn auf die Brust legen, damit die circa zwölf Zentimeter lange Nadel zwischen die Lendenwirbel eingeführt werden kann. Da die Einstichstelle vorher lokal betäubt wird, spürt man, bis auf das Druckgefühl der Nadel, keinen Schmerz. Der Arzt tastet nun vorsichtig, für mein Gefühl viel zu vorsichtig, die Wirbel nach einer geeigneten Einstichstelle ab. Diese ist wohl bald gefunden. Ich spüre wie die Nadel eingeschoben wird. Leider nicht weit genug. Ich höre den Arzt hinter mir murmeln: „Da komme ich nicht rein“. Vermutlich hat er bisher selten mit so einer geschädigten Wirbelsäule, wie der meinen, zu kämpfen gehabt. Nach drei weiteren fruchtlosen Versuchen, an anderen Stellen mit der Nadel zwischen die Wirbel zu kommen, gibt er auf und teilt mir mit, dass Frau Professor den Eingriff am nächsten Tag vornimmt, verabschiedet sich mit Handschlag und –-schwupps –- ist er verschwunden. Mensch, hatte der einen Schiss mich zu verletzten. Da mein Rücken nun etwas zerstochen ist, verzichte ich auf das Mittagessen. Den Rest des Tages verbringe ich bis zum Abendessen mit Schlafen und Dösen.

Erster unfreiwilliger Suizidversuch

Nach dem Abendessen, ich glaube das war das Erste Essen ohne irgendeine Unterbrechung, fahre ich noch mit dem Aufzug runter ins Erdgeschoß. Man darf nur vor dem Klinikeingang rauchen. In dieser schmuddeligen Raucherecke, direkt links neben dem Haupteingang der Klinik angekommen, rauche ich heute meine dritte Zigarette von ehemals circa zwanzig Stück täglich. Draußen, es ist abends um diese Jahreszeit ziemlich frisch, um nicht zu sagen frostig, habe ich neuerdings zur Vorsicht, wegen der bisherigen Zusammenbrüche, auf meinen Wegen immer einen Krankenrollstuhl mit. Das hat für das Rauchen in der Raucherecke den zusätzlichen Vorteil, dass mir während des Rauchens ein Sitzplatz sicher ist. Nachdem die Zigarette aufgeraucht ist, auf dem Rückweg ins Zimmer, die große automatische Drehtür im Eingangsbereich habe ich mittlerweile gut im Griff, und bereits hinter mich gelassen, nimmt das Verhängnis fast seinen Lauf. Die Lobby und den Empfangstresen, mit beiden Händen den Krankenrollstuhl vor mich herschiebend, habe ich schon hinter mich gelassen und im Flur etwa 30 Meter zurückgelegt, beschließt die durch den vorangegangen Nahrungsentzug, ich habe 3 Kilogramm abgenommen, am Hosenbundgummi schon locker gewordene Schlafanzughose, die sichere Bauchregion zu verlassen und mit zunehmender Geschwindigkeit in Richtung Fußgelenke zu rauschen. Ich bekomme beide Hände gar nicht so schnell von den Griffen des Krankenrollstuhles los, wie die Hose sich abwärts bewegt. Ich denke noch: „Hoffentlich fällst du jetzt nicht mit dem Kopf zuerst über den Stuhl und brichst dir das Genick“. Ich hatte die Rechnung aber ohne meinen kleinen Retter gemacht, der mich in letzter Zeit bei mancher Aktion auch schon mal im Stich gelassen hatte. Dieses kleine Zipfelchen zwischen meinen Beinen, war zwar durch die draußen vorherrschenden niedrigen Temperaturen nochmals etwas kleiner geworden als normal. Die Restgröße reichte aber immer noch aus um den ungebremsten Fall der Hose aufzuhalten. Der Gummibund der Hose blieb daran hängen. Nun hatte ich auch die Hände endlich frei und konnte die Hose wieder in eine sichere Position oberhalb meines fast nicht mehr vorhandenen Bauches bringen. Den Rest der Strecke bis zum Aufzug und aufs Zimmer legte ich dann sehr vorsichtig zurück. Hinterher überlegte ich mir, falls das schief gegangen wäre, wie wohl die Schlagzeile in der Zeitung mit den großen Buchstaben ausgesehen hätte. Vielleicht so:Tragischer Unfall in Uni Klinik.Tot eines magersüchtigen durch schlappen Hosengummi. Leiche mit nacktem Hintern und Genickbruch, nach Sturz über Krankenrollstuhl in Klinikflur vorgefunden. Familienangehörige verklagen den Gummihersteller!!!Na Ja‑‑‑; ist ja noch mal gut gegangen. Aller Dank der Welt gilt ab sofort meinem Zipfel. Wenn man ihn braucht ist er zur Stelle

Wie eingangs erwähnt. War kein schöner Tag. Aber immer noch besser als manche der folgenden.9. MärzMorgens geht es wegen der vorangegangen Blackouts zum MRT (Magnet Resonanz Tomografie) des Schädels. Man vermutet einen neurologischen Befund. Dabei gibt es Probleme mit dem Krankentransport, ob ich nun mit dem Bett bei MRT1 oder MRT2 abgeliefert werde. Nach kurzer Diskussion einigt man sich darauf mich im MRT1 anzuliefern.

---ENDE DER LESEPROBE---