Blutskönigin - Anne Bishop - E-Book

Blutskönigin E-Book

Anne Bishop

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Beschreibung

Das neue Meisterwerk von der Königin der Dark Fantasy: Der junge Theran Grayhaven ist der letzte Erbe eines alten Herrschergeschlechts. Doch das Land liegt verwaist, seit die Königin vor langer Zeit vertrieben wurde und das Gesetz des Blutes in Vergessenheit geriet …

Der heiß ersehnte neue Band der »Schwarzen Juwelen«!

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Seitenzahl: 598

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Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Die Autorin
Widmung
Danksagung
Juwelen
Bluthierarchie/Kasten
Orte in den Reichen
Prolog
Kapitel eins
TERREILLE
Kapitel zwei
KAELEER
Kapitel drei
SCHWARZER ASKAVI
Kapitel vier
SCHWARZER ASKAVI
KAELEER
Kapitel fünf
KAELEER
Kapitel sechs
KAELEER
Kapitel sieben
KAELEER
Kapitel acht
TERREILLE
Kapitel neun
KAELEER
SCHWARZER ASKAVI
Kapitel zehn
TERREILLE
Kapitel elf
TERREILLE
Kapitel zwölf
TERREILLE
Kapitel dreizehn
TERREILLE
SCHWARZER ASKAVI
TERREILLE
Kapitel vierzehn
TERREILLE
SCHWARZER ASKAVI
Kapitel fünfzehn
TERREILLE
Kapitel sechzehn
TERREILLE
SCHWARZER ASKAVI
Kapitel siebzehn
KAELEER
TERREILLE
Kapitel achtzehn
TERREILLE
SCHWARZER ASKAVI
TERREILLE
Kapitel neunzehn
SCHWARZER ASKAVI
TERREILLE
Kapitel zwanzig
TERREILLE
Kapitel einundzwanzig
KAELEER
Kapitel zweiundzwanzig
TERREILLE
SCHWARZER ASKAVI
Kapitel dreiundzwanzig
KAELEER
TERREILLE
SCHWARZER ASKAVI
Kapitel vierundzwanzig
TERREILLE
Kapitel fünfundzwanzig
KAELEER
Kapitel sechsundzwanzig
KAELEER
Kapitel siebenundzwanzig
TERREILLE
SCHWARZER ASKAVI
Kapitel achtundzwanzig
TERREILLE
Kapitel neunundzwanzig
KAELEER
Kapitel dreißig
TERREILLE
Copyright
Das Buch
Der junge Theran Grayhaven ist der letzte Erbe eines alten Herrschergeschlechts. Doch sein Land liegt verwaist, seit die Königin vertrieben wurde und das Gesetz des Blutes in Vergessenheit geriet. Theran macht sich auf, um im Schattenreich eine Königin zu finden, unter deren Herrschaft seine Heimat wieder aufblühen kann. Die Wahl fällt auf die junge, von Selbstzweifeln gequälte Cassidy. Doch diese kann die Hoffnungen, die Theran in eine neue Königin gesetzt hat, nur zum Teil erfüllen – sie ist nicht schön genug, nicht von edler Abstammung und scheint mehr an ihrem Garten interessiert als an den Bewohnern Dena Neheles. Doch Therans Eindruck zum Trotz beweist Cassidy sich und baut einen neuen Hof auf. Als sie bei einem Ausflug ins Dorf in einen Streit eingreift, kommt es zum Moment der Entscheidung – denn nur wenn Theran es schafft, seine Enttäuschung zu überwinden und Cassidy zur Seite zu stehen, wird ein alter Zauber seine Wirkung entfalten, der das Überleben und den Wiederaufbau Dena Neheles sichern kann …
Die schwarzen Juwelen:
Erstes Buch:DUNKELHEITZweites Buch:DÄMMERUNGDrittes Buch:SCHATTENViertes Buch:ZWIELICHTFünftes Buch:FINSTERNISSechstes Buch:NACHTSiebtes Buch:BLUTSKÖNIGIN
Die Autorin
Die New Yorkerin Anne Bishop, seit ihrer Kindheit von Fantasy-Geschichten begeistert, veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten und Romane, bevor ihr mit dem preisgekrönten Bestseller »Dunkelheit« der internationale Durchbruch gelang. Ihre ebenso ungewöhnliche wie faszinierende Saga DIE SCHWARZEN JUWELEN zählt zu den erfolgreichsten Werken moderner Fantasy.
Mehr Informationen zu Autorin und Werk unter: www.annebishop.com
Für Cass, Maggie, Cheryl und Dee
Danksagung
Vielen Dank an Blair Boone dafür, dass er auch weiterhin mein erster Leser ist, an Debra Dixon als zweite Leserin, an Doranna Durgin dafür, dass sie sich um die Webseite kümmert, an Anne Sowards und Jennifer Jackson dafür, dass sie so begeistert von dieser Geschichte sind, an Pat Feidner, einfach nur so, und an alle Freunde und Leser, die diese Reise mit mir machen.
Juwelen
Weiß Gelb Tigerauge Rose Aquamarin Purpur Opal* Grün Saphir Rot Grau Schwarzgrau Schwarz
*Opal ist die Trennlinie zwischen den helleren und dunkleren Juwelen, weil er das eine wie das andere sein kann.
Wenn man der Dunkelheit sein Opfer darbringt, kann man von dem Juwel, das einem laut Geburtsrecht zusteht, höchstens drei Stufen aufsteigen.
Beispiel: Jemand mit Weiß als Geburtsrecht kann bis Rose aufsteigen.
Bluthierarchie/Kasten

Männer

Landen: Nichtblut jeden Volkes.
Mann des Blutes: Ein allgemeiner Begriff für alle männlichen Blutleute, der sich auch auf Männer bezieht, die keine Juwelen tragen.
Krieger: Ein Mann, der Juwelen trägt; vom Status her einer Hexe gleichgestellt.
Prinz: Ein Mann, der Juwelen trägt; vom Status her einer Priesterin oder Heilerin gleichgestellt.
Kriegerprinz: Ein gefährlicher, äußerst aggressiver Juwelenmann, der nur der Königin unterstellt ist.

Frauen

Landen: Nichtblut jeden Volkes.
Frau des Blutes: Ein allgemeiner Begriff für alle weiblichen Blutleute, der sich vor allem auf Frauen des Blutes bezieht, die keine Juwelen tragen.
Hexe: Eine Frau des Blutes, die Juwelen trägt, aber nicht zu einer der anderen Kasten gehört; kann sich außerdem auf jede Juwelenfrau beziehen.
Heilerin: Eine Hexe, die körperliche Wunden und Krankheiten heilen kann; vom Status her einer Priesterin oder einem Prinzen gleichgestellt.
Priesterin: Eine Hexe, die sich um heilige Stätten und Dunkle Altäre kümmert, Heiratsverträge und Vermählungen durchführt und Opferzeremonien leitet; vom Status her einer Heilerin oder einem Prinzen gleichgestellt.
Schwarze Witwe: Eine Hexe, die den Verstand heilen kann, an den Verworrenen Netzen von Träumen und Visionen webt sowie Wahnvorstellungen und Gifte studiert hat.
Königin: Eine Hexe, die das Blut regiert. Sie wird als das Herz des Landes und moralisches Zentrum des Blutes betrachtet und ist in diesem Sinne der Mittelpunkt der Gesellschaft.
Orte in den Reichen

Terreille

Dena NeheleTAMANARA GEBIRGE GRAYHAVEN – SOWOHL EIN FAMILIENSITZ ALS AUCH EINE STADT
Schwarzer Askavi (der Schwarze Berg, der Bergfried)
Hayll
Zuulaman

Kaeleer (das Schattenreich)

Askavi SCHWARZER ASKAVI (DER SCHWARZE BERG; DER BERG- FRIED) EBON RIH – EIN TAL IM GEBIET DES BERGFRIEDS RIADA – DORF IN EBON RIH, DAS VON ANGEHÖRIGEN DES BLUTES BEWOHNT WIRD
Dea al Mon
DharoWEBERSFELD – DORF, DAS VON ANGEHÖRIGEN DES BLUTES BEWOHNT WIRD BHAK – DORF, DAS VON ANGEHÖRIGEN DES BLUTES BEWOHNT WIRD WOLLHEIM – DORF, DAS VON LANDEN BEWOHNT WIRD
DhemlanAMDARH – HAUPTSTADT HALAWAY – DORF IN DER NÄHE VON BURG SaDIABLO BURG SaDIABLO
NharkhavaTAJRANA – HAUPTSTADT
Scelt (shelt)MAGHRE (MA-GRA) – DORF

Hölle (das dunkle Reich, das Reich der Toten)

Schwarzer Askavi (der Schwarze Berg, der Bergfried)
BURG SaDIABLO
Prolog

TERREILLE

Zwei Jahre zuvor
Noch immer erschüttert durch die Macht des Sturms, der nur ein paar Tage zuvor die Hälfte der Angehörigen des Blutes in Dena Nehele vernichtet hatte, kamen die Geächteten aus ihren Lagern im Tamanara Gebirge, um sich einem unerwarteten Feind zu stellen.
Die Landen, die über Generationen von den »Hütern der Reiche« unterdrückt worden waren, hatten keine Zeit verschwendet. Als ihnen bewusst wurde, dass die überlebenden Angehörigen des Blutes durch den brutalen Verlust der Königinnen und Höfe geschwächt waren, rebellierten sie – und beschlossen, dass es den Preis wert war, zu Tausenden zu sterben, wenn sie dafür Dena Nehele von den Angehörigen des Blutes reinigen konnten.
Und so starben die Landen während dieser ersten Tage des Aufstands. Oh, und wie sie starben.
Doch ebenso starben die Angehörigen des Blutes.
Die Männer in den Städten und Dörfern, die von den Angehörigen des Blutes bewohnt wurden, starben, während sie die Kräfte erschöpften, die sie zu dem machten, was sie waren. So lange bis sogar diejenigen unter ihnen, die Juwelen trugen und so über ein Machtreservoir verfügten, alles verbraucht hatten, was in ihnen steckte, während sie versuchten, die Frauen und Kinder zu schützen, die entweder nicht die Kraft oder die Fähigkeiten hatten, sich selbst zu verteidigen.
Als die Macht, die in ihnen lebte, aufgezehrt war, kämpften sie mit gewöhnlichen Waffen. Doch die Landen kamen immer wieder, kämpften immer weiter – und die Blutleute, die ihnen zahlenmäßig unterlegen waren, hatten keine Chance zu überleben.
Frauen und Kinder starben, gemeinsam mit den Männern. Die Landen, völlig durchdrungen von ihrem Hass auf die Angehörigen des Blutes, setzten die Häuser in Brand und verwandelten ganze Dörfer in riesige Scheiterhaufen.
Dann kamen die Geächteten, ausgebildete Kämpfer, die sich geweigert hatten, einer Königin zu dienen, aus den Bergen herab – und die Schlacht um Dena Nehele begann.
Er ritt mit einer Gruppe Geächteter. Ein Anführer, der sich dem Schlachten verschrieben hatte, um das zu verteidigen, was noch von seinem Volk geblieben war. Doch als sie auf ihrem Weg in die Stadt, die Dena Nehele als Hauptstadt diente, an einem ummauerten Anwesen vorbeikamen, lenkte er sein Pferd zur Seite und starrte durch die eisernen Stangen des zweiflügeligen Tores auf das große Haupthaus.
Grayhaven.
Sein Familienname. Dies war der Wohnsitz seiner Familie.
Er hatte nie in diesem Haus gelebt, da die Königinnen, die Dena Nehele kontrolliert hatten, es für sich beansprucht hatten, um dort ihre Residenz und den Sitz ihrer Macht einzurichten. Und wie auch der Rest des Territoriums waren Haus und Land verfallen, während sie von diesen Miststücken beherrscht worden waren, die im Schatten von Dorothea SaDiablo gestanden hatten, der Hohepriesterin von Hayll.
Er war in den Bergen aufgewachsen, in Lagern, die von den Geächteten geführt wurden, denn er war der Letzte seiner Blutlinie, der letzte direkte Nachkomme von Lord Jared und Lady Lia, der Königin, die wie ihre Großmutter vor ihr »die Graue Lady« genannt worden war. Und sollten die Familiengeschichten tatsächlich einen wahren Kern enthalten, so war er der Letzte, der dazu in der Lage war, den Schlüssel zu einem Schatz zu finden, der groß genug war, um Dena Nehele wieder aufzubauen.
Lord Jared hatte seinen Enkeln von jenem Schatz erzählt, den die Graue Lady und Thera, eine mächtige Schwarze Witwe, irgendwo in Grayhaven versteckt hatten. Als die Familie noch auf dem Anwesen gelebt hatte, hatte jedes männliche Familienmitglied danach gesucht, und so war die Geschichte auch allzu treuen Ratgebern zu Ohren gekommen, denen man nie hätte trauen dürfen. Als die Familie nicht einmal eine schwache Königin hervorbrachte, waren Dorotheas Marionettenköniginnen über Dena Nehele hergefallen wie Geier über ein Stück frisches Aas. Was von seiner Familie noch übrig war, verließ Grayhaven und sprach den Familiennamen nur noch im Geheimen aus.
Viele Generationen hatten versucht, sich an etwas festzuklammern, das Dena Nehele ausgemacht hatte, das die Angehörigen des Blutes ausgemacht hatte, als sie noch von der Grauen Lady regiert wurden. Viele Generationen der Grayhavenfamilie waren in den Dienst gezwungen worden, um sicherzustellen, dass die Bevölkerung unter dem Joch der wertlosen Königinnen blieb.
Viele Generationen des Leides – bis dieser Machtsturm durch Terreille gefegt war. Ein schneller, brutaler Sturm, schrecklich in seiner reinigenden Wirkung, hatte Dorothea SaDiablo und alle, die von ihr verdorben worden waren, ausgelöscht. Doch er hatte auch dafür gesorgt, dass die überlebenden Blutleute dem Hass der Landen zum Opfer fielen.
»Theran!«, rief einer der Krieger. »Die Schweine haben das Südende der Stadt in Brand gesteckt!«
Er wollte durch dieses Tor reiten, wollte das Einzige beschützen, was ihm von seinem Erbe geblieben war. Doch er war zum Kämpfen erzogen worden, dafür geboren, auf einem Schlachtfeld zu stehen. Also wandte er sich ab von dem Haus und dem Land, das er wieder in Besitz nehmen wollte.
Doch als er davonritt, schwor er sich, dass er zurückkehren würde, wenn die Feuer der Rebellion erstickt waren, zurück zum Heim seiner Familie.
Falls dann noch etwas davon übrig war.
Kapitel eins

TERREILLE

Gegenwart
Als er die eingefallene Steinmauer und das zweiflügelige Tor erreichte, das halb aus den Angeln gerissen war, setzte Theran Grayhaven seine Füße auf genau die Stelle, an der er zwei Jahre zuvor gestanden hatte. Endlich waren die Aufstände der Landen niedergeschlagen und die Angehörigen des Blutes – oder diejenigen von ihnen, die noch übrig waren – konnten sich dem Versuch widmen, ihr Land und ihr Volk wieder aufzubauen.
Falls es überhaupt einen Weg gab, ihr Volk wieder aufzubauen.
»Da du es warst, der sie hierher eingeladen hat, wirst du dir wie ein Idiot vorkommen, wenn du immer noch vor dem Tor stehst, wenn die anderen Kriegerprinzen eintreffen.«
Theran blickte über die Schulter. Er hatte nicht gehört, wie der Mann sich ihm genähert hatte, hatte keine warnende Gegenwart gespürt. Noch vor einem Monat hätte ihn eine solche Nachlässigkeit das Leben kosten können.
»Du solltest nicht auf sein, bevor die Sonne untergegangen ist«, erwiderte Theran. »Das erschöpft dich zu sehr.«
Der alte Mann runzelte die Stirn, als er die Mauer und das Tor musterte – und all die anderen Spuren des Verfalls. »Ich werde schon zurechtkommen.«
»Heute Nacht wirst du Blut brauchen.«
Das Stirnrunzeln vertiefte sich. »Ich werde zurechtkommen.«
»Talon …«
»Nicht in diesem Ton, Junge. Ich kann dir immer noch ein bisschen Verstand in deinen sturen Schädel prügeln.«
Talon war ein ergrauter Kämpfer, dem zwei Finger der linken Hand und der halbe rechte Fuß fehlten – sichtbare Beweise für den Preis gewonnener Schlachten. Außerdem war er ein Kriegerprinz, der Saphir-Juwelen trug. Da Theran ein Kriegerprinz mit grünen Juwelen war, war Talon der einzige Mann in Dena Nehele, der stark genug war, um ihm »Verstand einzuprügeln«.
Aber nur nach Sonnenuntergang.
Talon war ein Dämonentoter. Wenn er gezwungen war, im Tageslicht zu agieren, erschöpften sich seine Kräfte erschreckend schnell.
»Hast du dich jemals gefragt, ob es das alles wert war?«, fragte Theran, ohne den Mann anzusehen, der ihn großgezogen hatte.
Seinen Vater hatte er nie gekannt. Er hatte sich fortgepflanzt, um die Blutlinie der Grayhavens fortzuführen, und war dabei erwischt, zerbrochen und völlig vernichtet worden, bevor Theran auf die Welt gekommen war.
Als er sieben war, hatte seine Mutter ihn zu den Lagern in den Bergen gebracht, um so die Linie der Grayhavens vor Dorotheas Marionettenköniginnen zu schützen.
Er sah sie niemals wieder.
Talon musterte das Haupthaus und schüttelte den Kopf. »Ich führe diesen Kampf jetzt seit ungefähr dreihundert Jahren. Ich kannte Lia und ich kannte Grizelle, die vor ihr regiert hat. Ich habe mit Jared und Blaed gekämpft, als wir alle noch lebten – und mit anderen, als ich ein Dämonentoter wurde. Ich habe mich also nie gefragt, ob es das Blut, den Schmerz und die verlorenen Leben wert war, Dena Nehele wieder zu dem zu machen, was es war, als die Grauen Ladys regiert haben. Ich wusste, dass der Preis nicht zu hoch war, wenn wir all das zurückbekommen könnten.«
»Wir haben aber nicht gewonnen, Talon«, sagte Theran sanft. »Jemand anders hat den Feind ausgelöscht und trotzdem haben wir nicht gewonnen.«
»Es steht wieder ein Grayhaven auf dem Land der Familie. Das ist ein Anfang. Und wir haben noch einen Trumpf im Ärmel.«
Einen Trumpf, von dem Talon ihm erst vor ein paar Tagen erzählt hatte. »Ein gefährlicher Trumpf, wenn wir überhaupt davon ausgehen können, dass der Mann, der uns diesen Gefallen schuldet, noch am Leben ist.«
»Wir können nicht gewinnen, wenn wir nicht spielen«, erwiderte Talon. »Und jetzt komm. Wir bringen die Kutsche auf das Gelände und schlagen hier draußen unser Nachtlager auf. Morgen kannst du dann durchs Haus gehen und dir anschauen, was alles getan werden muss.«
»Wir haben Glück, wenn überhaupt noch etwas an einem Stück ist«, sagte Theran verbittert. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Miststücke, die von hier aus regiert haben, nicht versucht haben, den Schatz zu finden.«
»Aber der Schlüssel war nicht im Haus«, bemerkte Talon. »So besagt es die Legende. Und ohne den Schlüssel, der die ersten Zauber entriegelt, hätten sie jede Bodendiele herausreißen und jeden Ziegelstein in jedem Kamin aufschlagen können und hätten den Schatz trotzdem nicht gefunden, auch wenn er ihnen direkt vor der Nase lag.«
»Das heißt aber noch nicht, dass wir tragfähige Böden oder einen funktionierenden Kamin vorfinden werden«, grummelte Theran.
»Heb dir dein Gejammer für später auf«, befahl Talon. »Wir bekommen Gesellschaft. Ich hole die Kutsche. Und du reißt dich gefälligst zusammen und gehst zum Haus.«
»Jawohl, Sir.«
Als Ersatzvater und Beschützer der Grayhavens hatte Talon ihn gehalten, wenn er geweint hatte, und gleichzeitig nicht gezögert, ihm eine zu verpassen, wenn es angebracht war – zumindest wenn es Talons Meinung nach angebracht war. Alles Gute, was er über die Angehörigen des Blutes wusste, über Ehre und das Protokoll, und darüber, wie ein Kriegerprinz sein sollte, hatte er von einem Mann gelernt, der sich noch daran erinnerte, wie Dena Nehele einst gewesen war. Der sich daran erinnerte, was es bedeutete, Ehre zu besitzen. Oder, wie Talon es ausdrückte, den Unsichtbaren Ring zu tragen.
Während er sich innerlich gegen die Diskussion wappnete, die nun anstand, wanderte Theran zum Haupthaus hinauf.
Stand hinten im Garten immer noch der Honigbirnbaum? Konnte der Baum so viele Jahrhunderte überlebt haben? In einem der Geächtetenlager weiter unten in den Bergen hatte es ein paar Honigbirnbäume gegeben, und soweit er gehört hatte, gab es einen versteckten Hain im Süden von Dena Nehele, in einem der Shalador-Reservate. Nachdem er die Geschichten gehört hatte, wie Jareds Mutter Honigbirnbäume für ihre Söhne gezogen und Jared seinen Baum Lia und einen weiteren Thera und Blaed geschenkt hatte, war er enttäuscht gewesen, als er endlich eine der harten kleinen Früchte probieren konnte. Aber Talon sagte, dass die Bäume in den Bergen nicht richtig wüchsen, dass ihnen irgendetwas fehle und die Früchte deshalb nicht richtig schmeckten.
Tja, die Bäume waren nicht die Einzigen mit einem Bedürfnis, das nicht gestillt worden war.
Talon stellte die Kutsche in dem überwucherten Vorgarten ab, während Theran zusah, wie die Kriegerprinzen am Tor erschienen. Sie ließen sich von den Winden fallen, jenen netzartig aufgebauten psychischen Pfaden, auf denen die Angehörigen des Blutes durch die Dunkelheit reisen konnten.
Erst als Talon heranhumpelte, um sich zu ihm zu gesellen, schritten die ersten Kriegerprinzen durch das Tor und kamen paarweise die Auffahrt hinauf, die Männer mit den hellsten Juwelen zuerst.
*Ich sehe ungefähr hundert.* Talon bediente sich eines Speerfadens.
*Das sind wahrscheinlich alle Kriegerprinzen, die es in Dena Nehele noch gibt,* erwiderte Theran.
*Wahrscheinlich. Und eine bessere Resonanz, als ich gehofft hatte.*
Was sie nicht erwähnten, war die Tatsache, dass nur eine Handvoll der Männer Opal trugen, und damit Juwelen, die als dunkel galten. Mit ihren grünen und saphirfarbenen Juwelen waren er und Talon die stärksten Männer in diesem Territorium. Alle anderen trugen hellere Juwelen.
Sie stellten sich im Halbkreis um ihn und Talon auf, wobei die helleren Juwelen entsprechend Platz ließen, damit die Männer mit den dunkleren Juwelen vorne stehen konnten.
Außer einem Kriegerprinzen, der Opal trug und sich ein wenig von den anderen abgesondert hatte – ein Prinz, dessen goldbraune Haut das shaladorische Blut in seinen Adern verriet. Vielleicht war er sogar ein reiner Shalador.
Lord Jareds Hautfarbe. Lord Jareds Rasse.
Theran unterdrückte den Impuls, seine eigene Hand anzublicken und die Ähnlichkeit zu sehen.
»Möchtest du nicht zu uns kommen, Prinz Ranon?«, fragte Talon.
»Ich kann auch von hier aus zuhören«, lautete die kühle Antwort.
Talon nickte, als sei der Mangel an Höflichkeit nicht weiter wichtig.
Prinz Archerr, der ebenfalls Opal trug, trat vor. »Du hast uns gerufen und wir sind gekommen. Aber keiner von uns kann es sich leisten, zu lange wegzubleiben. Die Landen müssen an straffer Leine geführt werden, und einige von uns sind die letzten ausgebildeten Kämpfer in unseren Teilen von Dena Nehele.«
Theran nickte. »Dann komme ich gleich zur Sache. Wir brauchen eine Königin.«
Einen Moment lang herrschte ungläubiges Schweigen, bevor einige der Männer abfällige Geräusche von sich gaben.
»Sag uns was, das wir noch nicht wissen«, erwiderte Spere.
»Wir haben Königinnen, mehr oder weniger«, widersprach Archerr.
»Würdest du einer von ihnen dienen?«, erwiderte Theran.
»Wenn in der Hölle die Sonne scheint, vielleicht.«
Verärgertes Gemurmel.
»Wir haben Königinnen«, sagte Theran. »Frauen, die selbst in ihren besten Jahren als so schwach galten, dass die Königinnen, die für Dorothea SaDiablo die Beine breitgemacht haben, sich nicht weiter um sie gekümmert haben. Und wir haben Königinnen, die noch kleine Mädchen sind, gerade mal alt genug, um ihre ersten Lektionen in grundlegender Kunst zu erhalten. Und wir haben eine Handvoll Jugendliche.«
»Darunter eine Fünfzehnjährige, die sich zu einer so brünstigen Schlampe entwickelt hat, dass sie ihr sechzehntes Lebensjahr wohl nicht mehr erreichen wird«, sagte Archerr bitter.
»Wir brauchen eine Königin, die weiß, was es heißt, eine Königin zu sein«, fuhr Theran fort. »Wir brauchen eine Königin, die Dena Nehele in der Tradition der Grauen Lady regieren kann.«
»Innerhalb unserer Grenzen wirst du so etwas nicht finden«, erwiderte Spere. »Denkst du denn, wir hätten nicht alle danach gesucht? Und wenn du versuchst, außerhalb unserer Grenzen eine Königin zu finden, die reif genug ist, um zu regieren – die Männer in diesen Territorien werden niemanden aufgeben, der wirklich gut ist. Da ich in einem Dorf an der Westgrenze lebe, kann ich dir sagen, dass es in den Territorien westlich von uns auch nicht besser aussieht.«
»Ich weiß«, nickte Theran. »Wo sollen wir dann also so eine Königin finden?«, fragte Archerr.
»In Kaeleer.«
Schweigen. Nicht einmal verlegenes Husten oder Füßescharren.
»Es gibt keinen anderen Weg nach Kaeleer als den Dienstbasar«, gab Shaddo zu bedenken. »Oder zumindest gibt es keinen anderen Weg in das Schattenreich, auf dem man lange genug am Leben bleibt, um sein Anliegen vorzutragen.«
»Doch, den gibt es«, widersprach Theran, dankbar, dass Talon und er diese Möglichkeit in Erwägung gezogen hatten. »Jemand muss zum Schwarzen Berg gehen.«
Achtundneunzig Männer starrten ihn an.
»Um dort was zu tun?«, fragte Archerr leise.
Theran warf einen schnellen Blick zu Talon, der ihm zunickte. »Dort gibt es einen Kriegerprinzen, der meiner Familie einen Gefallen schuldet.« Ganz so hatte Talon es nicht ausgedrückt. Eher, Im Andenken an Jared wird er vielleicht bereit sein, der Familie einen Gefallen zu tun. »Wenn ich ihn finde …«
»Du glaubst, dieser Kriegerprinz kann uns eine Königin aus Kaeleer beschaffen?«, fragte Shaddo. »Wer hat so viel Einfluss und Macht?«
Theran holte tief Luft. »Daemon Sadi.«
Achtundneunzig Kriegerprinzen erzitterten.
»Der Sadist schuldet deiner Familie einen Gefallen?«, fragte Archerr.
Theran nickte.
Ein Dutzend Stimmen murmelte: »Beim Feuer der Hölle und der Mutter der Nacht, möge die Dunkelheit Erbarmen haben.«
»Talon und ich haben darüber gesprochen, und wir denken, es wäre am einfachsten, im Bergfried nachzufragen, ob jemand weiß, wo Sadi ist.«
»Er könnte tot sein«, meinte Spere hoffnungsvoll. »Sein Bruder ist vor Jahren verschwunden, oder nicht? Vielleicht ist Sadi von dem Sturm erwischt worden, so wie der Rest.«
»Vielleicht«, nickte Talon. »Und vielleicht weilt er nicht mehr unter den Lebenden. Aber selbst als Dämonentoter wäre er möglicherweise noch immer in der Lage, uns zu helfen. Und wenn er zu den Dämonentoten gehört, die ins Dunkle Reich eingegangen sind, ist ein Gang zum Bergfried immer noch unsere beste Chance, ihn zu finden.«
»Was passiert, wenn wir wirklich eine Königin aus Kaeleer bekommen?«, fragte Shaddo.
»Dann müssen mindestens zwölf Männer dazu bereit sein, ihr zu dienen und ihren Ersten Kreis zu bilden«, erklärte Theran. »Wir müssen einen Hof aufbauen. Einige von uns werden dienen müssen.« Die nächsten Worte wären ihm fast in der Kehle stecken geblieben, doch auch darauf hatte er sich mit Talon geeinigt: »Und wir werden ihr Grayhaven als Wohnsitz anbieten.«
»Du sagst, wir müssten einen Hof aufbauen«, sagte Ranon, immer noch unterkühlt. »Wird man Shalador fragen, ob wir dienen wollen? Wird man Shalador erlauben zu dienen? Oder wird das Blut, das auch durch deine Adern fließt, Prinz Theran, in den Reservaten gehalten und so lange nicht beachtet werden, bis man uns als Futterquelle braucht?«
Bevor jemand auf die Herausforderung eingehen und einen Kampf anfangen konnte, der mit einem Toten geendet hätte, hob Talon die Hand und zog die Aufmerksamkeit auf sich.
»Das wird die Königin entscheiden, Ranon«, sagte er leise. »Wir werden alle die Klingen schärfen und ihr den Hals darbieten.«
»Und darauf hoffen, dass wir nicht bei jemandem landen, der auch noch das zerstört, was von uns übrig geblieben ist?«, fragte Ranon.
»Genau das«, erwiderte Talon.
Langes Schweigen. Ranon trat einen Schritt zurück, zögerte dann aber. »Falls eine Königin aus Kaeleer nach Dena Nehele kommt, werden einige der Shalador sich ihr zu Diensten stellen.«
Talon sah nachdenklich aus, während sie alle zusahen, wie Ranon zum Tor zurückging. Niemand sagte etwas, bis der Kriegerprinz der Shalador auf einen der Winde aufsprang und verschwand.
»Falls du eine Königin aus Kaeleer bekommst …« Archerr beendete den Satz nicht.
»Schicke ich eine Nachricht«, versprach Theran.
Die Kriegerprinzen zogen sich zum Tor zurück. Sie lösten sich nicht in kleinere Gruppen auf und sie unterhielten sich auch nicht. Einige blickten zu ihm und Talon zurück.
»Sieht ganz so aus, als würdest du zum Bergfried reisen«, meinte Talon.
Theran nickte, während er beobachtete, wie der Letzte der Männer verschwand. »Was meinst du, was bereitet ihnen die größeren Sorgen? Dass ich Sadi vielleicht nicht finde – oder dass ich ihn finden könnte?«
Kapitel zwei

KAELEER

Cassidy ließ sich auf die Fersen zurücksinken und strich sich mit dem Ende ihres langen roten Zopfes über das Kinn.
»Also«, überlegte sie mit einem prüfenden Blick auf den Boden vor sich, »bleibt der Felsen oder muss er gehen?«
Da sie die Frage an die Luft und den Garten gerichtet hatte, erwartete sie keine Antwort. Außerdem war das eigentlich nicht ihre Entscheidung. Sie hatte angeboten, dieses Beet von Unkraut zu befreien, damit sie etwas zu tun hatte – und mit einem kleinen Stückchen Erde arbeiten konnte. Aber das hier war der Garten ihrer Mutter. Und ob der Stein nun ein störendes Hindernis oder einen erwünschten, wichtigen Teil des Ganzen darstellte, hing davon ab, wie man es betrachtete.
Was auf so viele Dinge zutraf.
»Es ist geschehen und kann nicht rückgängig gemacht werden«, murmelte sie. »Also genieße deinen Besuch hier, tu was du kannst, und lass den Rest hinter dir.«
Lass den Rest hinter dir. Wie lange würde es wohl dauern, bis ihr Herz die Demütigung hinter sich lassen konnte?
»Na ja, zumindest habe ich es herausgefunden, bevor ich die ganze Frühjahrsarbeit in diese G-Gärten gesteckt habe.« Ihre Stimme brach und Tränen verschleierten ihr die Sicht.
Sie schluckte den Schmerz hinunter, der in jedem Moment hervorbrechen wollte, in dem sie ihre Gefühle nicht bewusst unter Kontrolle hielt, und musterte die Kisten mit Samen, die sie im vergangenen Jahr im Garten der Königin in Bhak gesammelt hatte. Dieser Garten gehörte ihr nicht länger, und so würde ihre Mutter davon profitieren, indem sie dieses Jahr ein paar neue Pflanzen bekam.
»Deine Mutter meinte, dass ich dich hier finden würde.«
Die Stimme, immer ein wenig rau, da die Stimmbänder bei einem Unfall in Kindertagen Schaden gelitten hatten, brachte sie zum Lächeln, als sie über die Schulter blickte und den stämmigen Mann ansah, der auf sie zukam.
Sein Name war Burle. Ein einfacher Mann. Ein Handwerker. Zweimal im Monat ging er für drei Tage in ein Dorf der Landen und reparierte, was zu reparieren war. Die meisten Blutleute waren der Meinung, es sei unter der Würde eines Kriegers, für Landen zu arbeiten – selbst wenn der Krieger nur so helle Juwelen wie Tigerauge trug. Er hatte immer gesagt: »Arbeit ist Arbeit, und das Geld, mit dem sie mich bezahlen, ist genauso gut wie das, was von irgendeiner überheblichen Aristokratenfamilie kommt.«
Diese Einstellung brachte ihm zwar keine Aufträge in den Häusern der adeligen Blutleute in Webersfeld, ihrem Heimatdorf, ein oder in einem der anderen Dörfer der Umgebung, die von Angehörigen des Blutes bewohnt wurden, doch den restlichen Blutleuten war es egal, was Burle über die Adeligen sagte. Und die Landen nahmen gerne dieses kleine bisschen mehr, das ein Mann gab, der neben einem Hammer auch die Kunst einsetzen konnte und der nicht auf sie herabsah. Und die Tatsache, dass Lord Burle ihnen dieses bisschen mehr immer zuteilwerden ließ – und oft noch mehr als das – verschaffte ihm so viel Arbeit, wie er wollte.
Ihr ging das Herz auf, als sie ihn ansah – doch einen Moment später füllte es sich mit Sorge. »Warum bist du zu Hause? Stimmt irgendetwas nicht?«
Burle blickte demonstrativ zum Himmel, bevor er seine Tochter ansah. »Tja, Kätzchen, es ist Mittag. Das Essen steht auf dem Tisch. Du bist immer noch hier draußen. Und deine Mutter hat diesen gewissen Blick. Du kennst diesen Blick?«
Oh ja. Sie kannte diesen Blick.
»Also«, fuhr Burle fort, »bin ich geschickt worden, um dich zu holen.«
Nicht sehr wahrscheinlich. Geschickt, vielleicht. Aber nicht, um sie zu holen. Sie liebte ihre Mutter Devra, doch es gab Dinge, die sie nur vor ihrem Vater aussprechen konnte. Aber sie war einfach noch nicht bereit, sie auszusprechen.
»In Ordnung, Vater. Was hast du vor?« Sie legte genug Betonung auf das Wort »Vater«, um zu zeigen, dass sie wusste, dass er etwas im Schilde führte. Seine einzige Antwort bestand aus einem scharfen Blick und einem Runzeln der buschigen Augenbrauen, die ihre Mutter durch subtil eingesetzte Kunst in Schach hielt, und sie versuchte, nicht zu seufzen, als sie ergänzte: »Poppi.«
Er nickte zufrieden, da er seinen Standpunkt klargemacht hatte. »Deine Mutter hat mir erzählt, dass du direkt nach dem Frühstück hier rausgegangen bist. Scheint mir ziemlich lange, nur um ein bisschen Unkraut zu zupfen, also dachte ich mir, ich helfe dir ein wenig. Aber so wie es aussieht, hast du das Beet gut in Schuss gebracht.« Mit gerunzelter Stirn betrachtete er die Handschuhe, die neben ihr auf der Erde lagen.
Cassidy hob die Hände. »Ich habe die schweren Handschuhe getragen. Ich habe einen engen Schild eingesetzt, um meine Handflächen zu schützen. Und ich habe ein wenig Kunst angewandt, um die Teile des Gartens umzugraben, die sich widersetzt haben.« Und wenn es tatsächlich schon Mittag war, hatte sie wesentlich mehr Zeit mit dem Versuch verbracht, an nichts zu denken und Löcher in die Luft zu starren, als mit der eigentlichen Arbeit.
Burle ging neben ihr in die Hocke, nahm ihre Hände und untersuchte ihre Handflächen. »Gegen ein paar Schwielen ist nichts einzuwenden, aber eine Hand, die aufgerissen ist, ist zu nichts nutze.« Er drückte ihre Hände sanft und ließ sie dann los. »Trotzdem hättest du das nicht alles alleine machen müssen.«
»Mein Vater hat mich gelehrt, dass harte Arbeit und ein bisschen Schweiß nichts Schlechtes sind.«
Lachend stand er auf und zog sie mit sich hoch. »Ich habe mich immer gefragt, ob dein Bruder Clayton auch nur die Hälfte von dem gehört hat, was ich euch gesagt habe. Und ich habe mir Sorgen gemacht, dass du zu gut zugehört hast.« Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Du bist eine gute Frau, Kätzchen. Und du bist eine gute Königin.«
»Gute Königin?« Ihre Selbstkontrolle brach in sich zusammen und der Schmerz, mit dem sie lebte, seit sie in der Woche zuvor bei ihren Eltern aufgetaucht war, brach aus ihr heraus. »Poppi, mein gesamter Hofstaat ist zurückgetreten. Alle Männer in meinem Ersten Kreis – alle zwölf, einschließlich Haushofmeister und Hauptmann der Wache – haben mich darüber informiert, dass sie einer anderen Königin dienen wollen. Einer Königin, die ihre Lehrzeit an meinem Hof absolviert hat. Sie war ihre erste Wahl. In allem. In allem, Poppi.«
In ihrem Schluchzen lag ihr ganzer Schmerz, die Bestürzung über den Betrug. Nur schlechte Königinnen wurden verlassen. Nur bei Königinnen, die ihre Untergebenen schlecht behandelten, trat der Erste Kreis zurück und löste den Hof auf. Nur …
Sie konnte nicht an ihn denken, an den Mann, der ihr Gefährte gewesen war. Dieser Schmerz saß zu tief.
Sie war nicht hübsch, war es nie gewesen. Sie war groß, grobknochig und schlaksig. Sie hatte rotes Haar und Sommersprossen und ein langes, nichtssagendes Gesicht. Sie stammte weder aus einer wohlhabenden noch aus einer adeligen Familie. Außer einem entfernten Cousin, Aaron, Kriegerprinz von Tajrana und mit der Königin von Nharkhava verheiratet, gab es niemanden mit sozialem Status, an den man über eine Bekanntschaft oder Liebschaft mit ihr herangekommen wäre. Und da ihre Juwelenfarbe nur Rose war, verfügte sie auch nicht über die Art von Macht, die irgendjemanden faszinieren könnte. Es gab keinen Grund, warum man ihr auch nur einen zweiten Blick schenken sollte.
Außer der Tatsache, dass sie eine Königin war. Eine außergewöhnliche Erscheinung in einer Familie, aus der kaum jemand mit dunkleren Juwelen hervorgegangen war, geschweige denn ein Mitglied der mächtigsten Kaste – der herrschenden Kaste.
Nun war sie eine Königin ohne Hof. Es fühlte sich an, als sei etwas aus ihr herausgerissen worden, und sie wusste nicht, wie die entstandene Wunde in ihrem Herzen heilen sollte. Lady Kermilla besaß nun den Ersten Kreis, der ihr gedient, die Dörfer der Blutleute und der Landen, über die sie geherrscht, das Haus, in dem sie gelebt, und die Gärten, die sie gepflegt hatte.
Sie hatte nie wichtig sein wollen, hatte keine Provinzkönigin werden wollen, die über die Bezirksköniginnen herrschte. Und sie hatte ganz bestimmt nicht den Ehrgeiz gehabt, Königin des gesamten Territoriums von Dharo zu werden. Sie war glücklich damit gewesen, über Bhak und Wollheim zu herrschen. Sie hatte nichts anderes gewollt, als ihren Teil Dharos zu einem Ort zu machen, an dem die Angehörigen des Blutes genauso wie die Landen ein gutes Leben führen konnten.
Doch die Männer, die in ihrem Dienst standen, hatten ihren Hof als Sprungbrett gesehen, um irgendwann an einflussreicheren Höfen und unter stärkeren Königinnen zu dienen. Als sie erkannten, dass sie kein Sprungbrett wohin auch immer sein würde, erfüllten sie grimmig ihren Dienstvertrag – um sie gleich darauf zu verlassen und sich in den Dienst Kermillas zu stellen, einer hübschen, lebhaften Königin, die bereit war, ihren ersten Hof zu gründen. Kermilla trug Aquamarin-Juwelen, was zwar nicht dunkel genug war, um eine große Verlockung darzustellen, aber sie verfügte über gesellschaftliche Verbindungen, konnte stärkere Männer um den Finger wickeln, ohne sie zu verärgern … und war einundzwanzig Jahre alt.
»Ist ja gut, Kätzchen«, sagte Burle und tätschelte ihr den Rücken. »Nimm es nicht so schwer. Es ist keine Schande, dass du einen Ersten Kreis abgekriegt hast, der die Hosen runterlassen muss, um sein Hirn zu benutzen.«
Das Bild, das vor Cassidys innerem Auge auftauchte, stoppte die Flut der Tränen. Brachte ihr einen Schluckauf ein, der in einem schwachen Kichern endete.
»So ist es schon besser.« Burle rief ein sauber gefaltetes Taschentuch herbei. »Wisch das ab, sonst endest du noch auf dem Sofa, mit Salatblättern auf den Augen.«
»Gurkenscheiben, Poppi. Man legt sich Gurkenscheiben auf die Augen.« Cassidy trocknete sich das Gesicht und putzte sich die Nase. »Mutter schwört auf dieses Heilmittel.«
»Hah. An dem Aussehen deiner Mutter gibt es nichts auszusetzen. Früh am Morgen, spät am Abend und in jeder Stunde dazwischen sieht sie hervorragend aus.«
Er meinte es ernst. Und weil er es ernst meinte und sie Devras rote Haare und ihre Sommersprossen geerbt hatte, hatte sie geglaubt, der Mann, der ihr Gefährte gewesen war, hätte es ebenfalls ernst gemeint, als er sagte, er fände sie anziehend.
Als er sie verlassen hatte, hatte der Mistkerl ihr verraten, was er wirklich dachte.
Cassidy ließ das Taschentuch verschwinden. »Wir sollten uns besser zu Tisch begeben, bevor Mutter noch hier herauskommt, was meinst du?«
»Allerdings.« Burle legte ihr einen Arm um die Schulter und steuerte auf das Haus zu. »Eins muss ich noch loswerden. Ich erinnere mich an Lady Kermilla aus der Zeit, als sie an deinem Hof ihre Lehrzeit absolviert hat, und ich sage dir eins, Kätzchen: Wenn diese Idioten sie dir vorgezogen haben, dann verdienen sie, was sie bekommen werden.«
»Vielleicht.« Wahrscheinlich. Als sie Kermillas Bewertung an die Provinzkönigin geschickt hatte, hatte sie versucht, nett zu sein, doch sie hatte nicht leugnen können, dass sie Kermillas Haltung gegenüber jedem, der nicht stark genug war, um sich gegen sie zu behaupten, besorgniserregend fand.
»Ihr Verlust, mein Gewinn«, sagte Burle. »Jetzt leben die beiden besten Frauen des gesamten Territoriums unter meinem Dach.«
»Für eine Weile«, schränkte Cassidy ein.
»Was soll das heißen?«
»Ich bin nur zu Besuch hier, Poppi. Nächste Woche fange ich an, mich nach etwas Eigenem umzusehen.« Etwas sehr Einfachem, da von dem Zehnt, den sie aus Bhak und Wollheim erhalten hatte, nicht mehr viel übrig war, nachdem sie die Ausgaben des Hofes bezahlt und der Provinzkönigin ihren Anteil geschickt hatte. Während ihrer Herrschaft war das ihr Einkommen gewesen, und die Tatsache, dass überhaupt noch etwas davon übrig war, hatte sie ihrer sorgsamen Erziehung und dem festen Glauben ihrer Mutter zu verdanken, dass ein gutes Leben nicht unbedingt ein teures Leben sein musste.
Und weil es ihr Verdienst war und das, was sie davon gespart hatte, alles war, was sie noch besaß, würde sie auch weiterhin die Briefe zerreißen, in denen Kermilla anfragte, wie viel die ehemalige Königin der neuen Königin »als Geschenk zukommen lassen« wolle.
»Was meinst du damit, du willst etwas Eigenes?«, hakte Burle nach. »Wozu denn?«
»Ich bin einunddreißig, Poppi. Eine erwachsene Frau lebt nun einmal nicht bei ihren Eltern.«
Er blieb so abrupt stehen, dass sie fast das Gleichgewicht verloren hätte. »Warum denn nicht? Was kannst du in einem eigenen Haus machen, was du bei uns nicht -?« Er wurde rot, als er zu dem offensichtlichen – und falschen – Schluss kam, was eine Frau lieber nicht in ihrem Elternhaus tat.
»Tja, dann«, murmelte er, beschleunigte seine Schritte und zog sie mit sich. »Wir werden ja sehen, was deine Mutter dazu zu sagen hat. Das werden wir ja sehen.«
Sie wusste bereits, was Devra sagen würde, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, ihrem Vater mitzuteilen, dass er überstimmt war.
»Ja, Poppi«, sagte sie zärtlich. »Das werden wir dann sehen.«
Kapitel drei

SCHWARZER ASKAVI

Warum tue ich das?«
Saetan Daemon SaDiablo, der ehemalige Kriegerprinz von Dhemlan, warf Daemon Sadi, dem amtierenden Kriegerprinzen von Dhemlan, einen Blick zu und unterdrückte den Drang zu lachen. Sein Tonfall passte eher zu einem mürrischen Jugendlichen als zu einem kräftigen Mann in seinen besten Jahren. Und da Daemon Hayllier war und so einem der langlebigen Völker angehörte, hatte er seine Jugendzeit bereits vor mehreren Jahrhunderten hinter sich gelassen.
Doch er hatte festgestellt, dass es Zeiten gab, zu denen Daemon und sein Bruder Lucivar Yaslana das Erwachsenendasein – und einen großen Teil ihres Gehirns – beiseiteschoben und einfach nur … kleine Jungen waren. Die emotionalen Abgründe von Heranwachsenden schienen sie nur zu durchleben, wenn sie mit ihm allein waren. Vielleicht lag es daran, dass ihm das Privileg verwehrt worden war, sie großzuziehen, und sie deswegen nicht all jene kleinen Machtkämpfe ausgetragen hatten, die sie hätten durchmachen müssen, wenn die beiden bei ihm gelebt hätten. Vielleicht lag es auch daran, dass sie zu schnell und unter zu harten Bedingungen hatten erwachsen werden müssen, um jene brutale Versklavung zu überleben, durch die man sie kontrolliert hatte. Oder zumindest versucht hatte, sie zu kontrollieren. Die Sklaverei, die Schmerzen, die Angst und die Grausamkeit hatten zwei junge Männer, zwei Kriegerprinzen, die schon von Natur aus gefährliche Raubtiere waren, in tödliche Waffen verwandelt.
Sie waren intelligent und grausam. Loyal und liebevoll. Mächtig und unabhängig. Und ihr Drang, diejenigen zu schützen, die sie liebten, war so stark, dass es einem manchmal auf die Nerven gehen konnte.
Sie waren seine Söhne und er liebte sie beide. Doch der Mann am anderen Ende des Tisches, der ihn nun durch lange, dunkle Wimpern hindurch musterte, war sein Spiegel, sein wahrer Erbe. Und da er selbst, neben anderen Dingen, der Höllenfürst war, vergaß er die Tatsache, dass Daemon sein Spiegel war, niemals.
»Warum tue ich das?«, fragte Daemon noch einmal.
»Weil du, als du im Bergfried in Kaeleer angekommen bist und entdeckt hast, dass ich hier im Bergfried in Terreille bin, durch das Tor in dieses Reich übergetreten bist, um mich etwas über das Familienanwesen zu fragen. Und als du gesehen hast, wie ich gerade unzählige alte Papiere sortiere, hast du gefragt, ob du mir irgendwie behilflich sein könntest.«
»Aus reiner Höflichkeit, nicht aus Überzeugung«, grummelte Daemon.
»Ich weiß«, erwiderte Saetan trocken. »Aber ich habe beschlossen, deine Worte für bare Münze zu nehmen.«
Daemon knurrte leise und wandte sich wieder den Papieren zu.
Saetan unterdrückte ein Lächeln und konzentrierte sich darauf, die Papierstapel an seinem Ende des Tisches zu lichten.
»Was hast du eigentlich damit vor?«, fragte Daemon einige Minuten später. »Willst du sie in den Bergfried in Kaeleer zurückbringen?«
»Warum im Namen der Hölle sollte ich das tun?«
»Marian sagt, Pergamentfetzen gäben guten Mulch für Blumenbeete ab.«
Marian war Lucivars Gattin, eine bezaubernde Frau und talentierte Haushexe, deren sanftes Gemüt einen guten Ausgleich zum unberechenbaren Temperament ihres Mannes schuf. Doch Saetan war der Meinung, dass es Zeiten gab, in denen die anwendungsorientierte Kunst einer Haushexe einer direkteren, einfacheren Lösung weichen musste.
»Ich hatte vor, das Zeug in einen der Innenhöfe zu schaffen, es mit einem Schild zu umgeben, damit nichts nach außen dringt und es dann so lange mit Hexenfeuer zu beschießen, bis ich einige Wagenladungen voll nutzlosen Papiers in ein Häufchen Asche verwandelt habe.«
»Wenn du Marian um Hilfe bitten würdest, könntest du wesentlich schneller fertig sein. Ich wette, sie kennt ein paar ›Aufräumzauber‹«, meinte Daemon. Dann unterbrach er sich. Dachte einen Moment nach. »Na ja, vielleicht ginge es nicht schneller, aber Marian wäre gründlich.«
Verdammt nochmal, der Junge wusste genau, wo er die Nadel ansetzen musste, damit der Stich saß.
Er versuchte nicht hier aufzuräumen. Er versuchte, stapelweise Geschichte zu vernichten, die so lange vergangen war, dass sie niemandem mehr von Nutzen war – auch nicht den langlebigen Völkern.
Nun ja, das Spiel mit der Nadel konnte man auch zu zweit spielen. »Wenn ich das Ganze ein wenig interessanter gestalten wollte, könnte ich auch Jaenelle um Hilfe bitten.«
Daemon musterte das Pergament in seiner Hand, hielt es ein wenig näher an die Kugel aus Hexenlicht, die über dem Tisch schwebte, damit er die verblasste Schrift entziffern konnte … und erblasste.
Saetan hatte keine Ahnung, was auf dem Blatt stand, aber ganz offensichtlich reichte der Gedanke, dass Jaenelle Angelline – die ehemalige Königin des Schwarzen Askavi und nun Daemons geliebte Ehefrau – an dieses Wissen gelangen könnte aus, um einem Kriegerprinzen mit schwarzen Juwelen Angst einzujagen.
Daemon legte das Blatt auf den Stapel mit den aussortierten Dokumenten und räusperte sich leise. »Ich denke, wir beide können uns darum kümmern, ohne es den Damen gegenüber zu erwähnen.«
»Eine weise Entscheidung.« Er war zu demselben Schluss gekommen, als er entschieden hatte, einige dieser Sachen auszusortieren.
Sie arbeiteten noch eine Stunde weiter. Dann sagte Saetan: »Mehr können wir heute nicht tun.«
Daemon sah sich um. Die aussortierten Papiere hatten sie in eine große Kiste geworfen, aber Tisch und Fußboden waren noch immer übersät von Stapeln, die sie noch nicht einmal angefasst hatten.
»Es ist Mittag, Prinz«, sagte Saetan.
Daemon nickte. »Mir war nicht bewusst, dass es schon so spät ist.«
Die Stunden zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang gehörten den Dämonentoten – und den Hütern. Den lebenden Toten, wie Saetan einer war, die auf einem schmalen Grat wandelten, der ihre Lebensspanne über jede Zeitrechnung hinaus verlängerte. Während der Jahre, in denen Jaenelle als seine Adoptivtochter bei ihm gelebt hatte, hatten sich seine Gewohnheiten geändert und seine wachen Stunden hatten sich bis in den Vormittag hinein ausgedehnt, sodass er den Lebenden zur Verfügung stehen konnte. Doch sogar hier im Bergfried, der Heiligen Stätte der Hexe, musste er ruhen, wenn die Sonne am höchsten stand.
»Lass uns in den Bergfried in Kaeleer zurückkehren«, schlug Saetan vor. »Wir machen uns frisch und essen eine Kleinigkeit, bevor ich mich zurückziehe. Dann kannst du mir auch endlich die Frage stellen, wegen der du eigentlich gekommen bist.«
Die Tür der Bibliothek öffnete sich, bevor sie sie erreichten. Ein Krieger, der im Dienst des Bergfrieds Terreille stand, nickte ihnen zu und sagte: »Soeben ist ein Kriegerprinz eingetroffen, Höllenfürst.«
»Sein Name?«, fragte Saetan.
»Er wollte ihn nicht nennen«, erwiderte der Krieger. »Und er verrät auch nicht, aus welchem Territorium er stammt. Er sagt, er suche nach jemandem, und er besteht darauf, mit jemandem zu sprechen, der ›etwas zu sagen hat‹.«
»Wirklich?«, fragte Saetan sanft. »Wie dumm von ihm. Bring unseren Gast in eines der Empfangszimmer. Ich werde in Kürze bei ihm sein.«
»Jawohl, Höllenfürst.«
Die schadenfrohe Erwartung im Blick des Kriegers verriet Saetan, wie sehr dieser Dummkopf die Bediensteten des Bergfrieds vor den Kopf gestoßen hatte, indem er nicht einmal die Grundregeln der Höflichkeit gewahrt hatte. Wer dumm genug war, seinen Namen zu verschweigen, wenn er hier mit jemandem sprechen wollte, bekam normalerweise genau das zurück, was er gegeben hatte – also gar nichts.
Als der Krieger ging, drehte Saetan sich um und berührte Daemons Arm. »Warum gehst du nicht schon mal nach Kaeleer zurück und bestellst uns etwas zu essen. Ich spreche mit diesem unbekannten Prinzen und komme nach, wenn ich fertig bin. Die Angelegenheit wird wohl kaum länger dauern als ein paar Minuten.«
Die Luft im Raum kühlte merklich ab – eine Warnung. Ein hitziges Gemüt wurde gerade kalt, kalt, kalt.
»Wenn du mit jemandem aus Terreille sprichst, sollte jemand da sein, der dir den Rücken deckt«, sagte Daemon gefährlich sanft.
Er war nicht sicher, ob er den Beschützerinstinkt seines Sohnes als schmeichelhaft oder beleidigend empfinden sollte, aber er hielt es für das Beste, sein eigenes Temperament nicht in dieses Gespräch mit einfließen zu lassen. Besonders jetzt, da Daemons Laune gefährlich umgeschlagen war. »Ist dir entfallen, dass ich ein Kriegerprinz mit schwarzen Juwelen bin, der sehr wohl weiß, wie er sich zu verteidigen hat?«
Ein Blick aus goldenen Augen, die jetzt glasig und schläfrig wirkten. Ein betonter Blick auf seine linke Hand – an der der kleine Finger fehlte.
»Ich habe gar nichts vergessen«, säuselte Daemon.
Saetan lief ein Schauer über den Rücken.
Alles Jungenhafte war verschwunden. Sogar ihre Beziehung als Vater und Sohn war verschwunden. Der Mann, der vor ihm stand, war ein Kriegerprinz von gleichem Rang, der nur einen Schritt vom Blutrausch entfernt war. Ein Kriegerprinz, den die Blutleute in Terreille den Sadisten genannt hatten. Ein Mann, der zu allem fähig war, wenn er entsprechend provoziert wurde.
Und das war, mehr als alles andere, der Grund, warum er Daemon jetzt aus Terreille hinausschaffen musste.
»Hättest du Lucivar auch gesagt, dass er Rückendeckung braucht?«, fragte Saetan.
»Das wäre nicht nötig gewesen«, erwiderte Daemon. »Er hätte gewusst, dass ich an seiner Seite bin.«
Das hier ist kein Kampf, dachte Saetan. Doch jetzt, zu spät, erkannte er, was sich unter der jungenhaften Haltung verborgen hatte.
Für Daemon bedeutete allein der Aufenthalt in Terreille, dass er bereit war, zu kämpfen. Zu töten.
»Prinz, ich bitte dich, nach Kaeleer zurückzukehren. Dies ist der Bergfried. Eine heilige Stätte. Jemanden als Feind zu behandeln, nur weil er auf der Suche nach Wissen hierhergekommen ist, wäre ein Verstoß gegen alles, wofür dieser Ort steht. Das wird nicht geschehen, Daemon.« Zumindest nicht durch einen anderen Gast. Die Kraft, die den Berg namens Schwarzer Askavi bewachte, fällte ihr eigenes Urteil über jeden, der den Bergfried betrat. Und nicht jeder, der ihn betrat, verließ ihn auch wieder.
»Es tut mir leid, dass ich nicht erkannt habe, wie schwierig es für dich ist, dich in diesem Reich aufzuhalten. Sogar hier im Bergfried«, fuhr Saetan fort. »Hätte ich das gewusst, wären wir schon vor Stunden gegangen.«
Der schnelle Verstand schätzte seine Worte ab, während die goldenen Augen ihn abschätzten.
»Du wirst einen Schild errichten?«, fragte Daemon schließlich.
»Ich werde einen Schild errichten.« Trotz seiner Bemühungen, sein Temperament unter Kontrolle zu halten, glichen die Worte einem Knurren.
Daemons Lippen verzogen sich zu einem widerwilligen Lächeln. »Du hättest dasselbe von mir verlangt, wenn ich derjenige wäre, der bleibt.«
»Natürlich hätte ich das, aber das ist etwas anderes. Ich bin dein Vater.«
Daemons Lächeln – und die Luft – wurden wärmer. »Gut. Ich gehe zurück nach Kaeleer und sorge dafür, dass wir etwas zu essen bekommen.«
Saetan wartete angespannt, bis er die Gegenwart des anderen schwarzen Juwels nicht mehr spürte – der Beweis dafür, dass Daemon das Tor durchschritten hatte und nach Kaeleer zurückgekehrt war. Dann ließ er sich gegen den Türrahmen sinken, bis durch die Kunst verstärkte Schritte die Rückkehr des Kriegers ankündigten.
»Ist alles in Ordnung, Höllenfürst?«, fragte der Krieger. »Ich habe gespürt … wir haben alle gespürt … Prinz Sadi ist für einen Moment kalt geworden.«
»Ja, das ist er. Wenn er sich in Terreille aufhält, fühlt sich der Prinz leicht angegriffen.«
Der Krieger starrte ihn an. »Wenn Prinz Sadi so reagiert, wenn er sich leicht angegriffen fühlt, möchte ich nicht in seiner Nähe sein, wenn er sich wirklich angegriffen fühlt.«
»Nein«, sagte Saetan leise, »dann möchtest du sicher nicht in seiner Nähe sein.«
Theran öffnete die Glastür, die in einen Terrassengarten hinausführte, schloss sie dann aber wieder, bis sie nur noch fingerbreit offen stand. Trotz des Frühlings war es in den Bergen kalt. Ihm wäre es lieber gewesen, in einem bequemen Sessel vor dem Kamin zu sitzen, wenn da nicht …
Dieser Ort ließ ihn stärker zittern als die Kälte. Der Schwarze Berg. Der Schwarze Askavi. Aufbewahrungsort der Geschichte der Blutleute – und das Versteck von Hexe, lebender Mythos, Fleisch gewordene Träume. Die, wie er vermutete, auch nichts weiter war als ein Traum und ein Mythos. Es hatte Gerüchte gegeben, dass tatsächlich eine Hexe mit schwarzen Juwelen im Schwarzen Askavi herrschte, aber nach dem Hexensturm, oder Krieg, oder was auch immer das gewesen sein mochte, das über Terreille hinweggefegt war und die Blutleute heimgesucht hatte, waren die Gerüchte verstummt.
Dieser Ort brauchte keine Königin. Er war auch ohne schon unheimlich genug und er konnte sich nicht vorstellen, wie irgendetwas … Normales … hier herrschen sollte. In den Schatten huschten Dinge herum und beobachteten ihn. Dessen war er sich sicher, auch wenn er keine mentale Signatur oder auch nur irgendeine Gegenwart spüren konnte.
Was nichts an seiner Überzeugung änderte, dass diese Dinge, die er weder sehen noch spüren konnte, in der Lage waren, ihn zu töten – und es auch tun würden -, noch bevor er bemerkte, dass da irgendetwas war.
Als sich die Tür öffnete, seufzte er erleichtert, blieb aber am Fenster stehen. Sollte etwas schiefgehen, hatte er bessere Chancen hier rauszukommen und einen der Winde zu erwischen, wenn er offenes Gelände erreichte.
Der Mann, der den Raum betrat, war Hayllier oder stammte aus Dhemlan – das schwarze Haar, die braune Haut und die goldenen Augen waren für beide der langlebigen Völker typisch und er hatte die beiden noch nie auseinanderhalten können. Ein älterer Mann, dessen schwarzes Haar an den Schläfen stark ergraut war und in dessen Gesicht sich die ersten Falten zeigten, in denen die Last von Jahrhunderten stand. Ein rotes Juwel hing an einer Goldkette. Ein rotes Juwel funkelte im Ring an einer Hand mit schlanken Fingern – und langen, schwarz gefärbten Nägeln.
»Wer bist du?«, fragte Theran fordernd. Aus dem Territorium von Hayll war die Wurzel allen Leides hervorgegangen, das sein Volk hatte durchmachen müssen, und er wollte mit niemandem etwas zu tun haben, der diesem Volk entstammte. Mit einer Ausnahme.
Der Mann blieb abrupt stehen.
Plötzlich war der Raum von beißender Kälte erfüllt, einer anderen Kälte als die der Luft, welche durch die offene Glastür drang.
»Ich bin ein Kriegerprinz, der dir an Rang überlegen ist«, sagte der Mann gefährlich sanft. »Und jetzt, Welpe, kannst du deine Manieren entstauben und es noch einmal versuchen – oder dorthin zurückkehren, wo du hergekommen bist.«
Er hatte sich so auf die Herkunft des Mannes konzentriert, dass er weder den Juwelen, die den seinen tatsächlich überlegen waren, noch der mentalen Signatur, die keinen Zweifel daran ließ, dass der Mann ein Kriegerprinz war, Beachtung geschenkt hatte.
»Entschuldigung, Sir«, sagte Theran, wobei er versuchte, aufrichtig zu klingen. Eher würde in der Hölle die Sonne scheinen, als dass er sich aufrichtig bei einem Hayllier entschuldigte – aus welchem Grund auch immer. »Ich bin ein wenig erschlagen von diesem Ort.«
»Das geht vielen so. Wir wollen deine Angelegenheit schnell klären, damit du dich wieder auf den Weg machen kannst.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob du mir helfen kannst.« Ich will nicht, dass du derjenige bist, der mir hilft.
»Ich bin der stellvertretende Historiker und Bibliothekar des Bergfrieds. Wenn ich dir nicht helfen kann, kann es niemand.«
Wenn ich dir nicht helfe, wird es niemand tun. Das war die versteckte Botschaft dahinter.
Zickiger alter Sack, dachte Theran.
Er hatte das nicht über einen mentalen Faden schicken wollen und war sich auch fast sicher, es nicht getan zu haben. Aber so wie diese goldenen Augen langsam glasig wurden, musste wohl irgendetwas in seiner Miene dem Gefühl deutlich genug Ausdruck verliehen haben.
»Fangen wir doch mit deinem Namen an«, sagte der Mann.
Da der Mann Hayllier war, drehte sich Theran bei dem Gedanken, dem alten Mistkerl seinen Familiennamen zu nennen, der Magen um.
»Lass es mich so formulieren«, fuhr der Mann fort. »Du kannst zumindest so höflich sein, mir deinen Namen zu nennen und zu sagen, woher du kommst – oder du kannst zur Hölle fahren.«
Theran zitterte. Irgendetwas an dem sanften Grollen in der tiefen Stimme sagte ihm, dass diese Wahl sehr wörtlich zu verstehen war.
»Theran. Aus Dena Nehele.«
»Da weder der Berg um uns herum eingestürzt noch dein Kopf explodiert ist, kann ich erfreut feststellen, dass die Preisgabe von so viel Information wohl doch keine allzu schrecklichen Konsequenzen hatte.«
Er war es nicht gewohnt, heruntergeputzt zu werden. Nicht von einem Fremden. Ihm lag eine passende Antwort auf der Zunge, doch er schluckte sie herunter. Er mochte den Hayllier schon aus Prinzip nicht – und der Hayllier schien ihn ebenfalls nicht zu mögen. Aber nur über diesen Mann konnte er an die Information gelangen, die er brauchte.
»Es gab Grund zur Verschwiegenheit«, murmelte Theran.
»Dann ist dein schlechtes Benehmen verständlich – wenn auch nicht verzeihlich.«
Kalte Stimme, kalte Augen, kaltes Gemüt. Wenn er diese Chance ruiniert hatte …
»Soweit ich weiß, bist du auf der Suche nach jemandem«, fuhr der Mann fort. »Nach wem?«
Vielleicht hatte er doch noch eine Chance.
»Daemon Sadi«, sagte Theran.
Die Kälte verschärfte sich. Der Mann fragte gefährlich sanft: »Warum?«
Geht dich nichts an. Theran biss sich auf die Zunge, um es nicht auszusprechen. »Er schuldet meiner Familie einen Gefallen.«
Er war sich nicht ganz sicher, ob es sich damit um eine korrekte Interpretation der Nachricht handelte, die den Männern seiner Familie überliefert worden war, aber für diesen Bibliothekar war es eine ausreichende Erklärung.
»Ich verstehe.«
Es folgte eine lange Pause, während die goldenen Augen ihn musterten.
»Ich lasse dir etwas zur Erfrischung kommen«, sagte der Mann schließlich.
»Ich brauche nichts.« Beim Feuer der Hölle! Erinnere dich wenigstens an ein paar der Manieren, die man dir eingebläut hat! »Vielen Dank. Für ein heißes Getränk wäre ich überaus dankbar.«
»Ich werde es bringen lassen. Und ich werde sehen, was ich über Prinz Sadi herausfinden kann.«
Der Hayllier verließ den Raum – und Theran seufzte erleichtert auf.
Die Selbstbeherrschung, die er brauchte, um die Tür zu schließen und zu gehen und dabei den Verstand des kleinen Welpen unversehrt zu lassen, ließ Saetans Hand zittern.
Offenbar ist Daemon nicht der Einzige, der manchmal übertrieben beschützend ist, dachte er reuevoll.
Als er die andere Gegenwart im Gang spürte, vergewisserte er sich, dass die Tür geschlossen war, und trat von ihr zurück, als Geoffrey, der Historiker und Bibliothekar des Bergfrieds, den Sichtschutz fallen ließ, der ihn verborgen hatte.
»Du hast es gehört?«, fragte Saetan.
»Da du die Tür offen gelassen hast, war es schwer zu überhören«, erwiderte Geoffrey.
»Kümmere dich um die Erfrischungen, bitte. Ich erledige den Rest.«
Geoffrey hob eine blasse Hand. »Nur eine Frage: Wer ist dieser trampelige Trottel?«
Saetan wippte auf den Füßen vor und zurück. »Trampeliger Trottel? Was hast du denn gelesen?«
Der andere Hüter wich seinem Blick aus.
Saetan war mehr als fünfzigtausend Jahre alt. Geoffrey diente dem Bergfried schon wesentlich länger. Nach all diesen Jahren zu entdecken, dass Geoffreys Geschmack bezüglich Freizeitlektüre in Richtung … er war sich gar nicht sicher, in welcher Art von Romanen ein solcher Ausdruck gebraucht würde, und er fürchtete sich fast ein wenig davor, jemanden danach zu fragen. Aber diese Sache reizte ihn immerhin genug, um seine Wut zu verdrängen.
Was wohl, wenn er den Ausdruck in Geoffreys schwarzen Augen richtig deutete, auch Sinn der Sache gewesen war.
»Ich werde mich um unseren Gast kümmern«, sagte Geoffrey. »Und du kümmerst dich um deinen Sohn.«
Allein der Gedanke, dass Daemon irgendjemandem in Terreille etwas schuldig sein könnte, reichte aus, um seine Wut wieder anzustacheln. Doch aus Höflichkeit gegenüber Geoffrey hielt er diese Wut im Zaum, bis er das Tor zwischen den Reichen geöffnet hatte und in den Bergfried übergetreten war, der in Kaeleer stand.
Daemon musterte das Essen auf dem Tisch. Er konnte wieder atmen. Er hatte seit zwei Jahren keinen Fuß mehr in dies dreimal verfluchte Reich von Terreille gesetzt – seit er in Hayll einige barbarische Spiele gespielt hatte, um Jaenelle genug Zeit zu verschaffen, ihre Kräfte zu sammeln und dann ihre ganze dunkle Macht zu entfesseln, um so die Reiche von den Blutleuten zu säubern, die durch Dorothea und Hekatah SaDiablo befleckt worden waren.
Sogar hier im Bergfried, der tatsächlich eine geschützte heilige Stätte war, hatte er den Unterschied zwischen Terreille und Kaeleer gespürt, hatte gefühlt, wie Jahrhunderte von Erinnerungen an ihm klebten wie Spinnweben aus Schmerz und Angst. Als er in Terreille gelebt hatte, hatte er den Schmerz umarmt und war der Angst entgegengetreten, indem er Spiele gespielt hatte, deren Grausamkeit und Bösartigkeit dem entsprachen, was Dorothea ausgezeichnet hatte – oder es sogar noch übertrafen.
Er hatte siebzehn Jahrhunderte Sklaverei und Misshandlung überlebt – aber nicht, ohne einen Preis dafür zu bezahlen. Sein Körper war unversehrt; seine Narben trug er im Herzen und in seiner Seele.
Als er Saetan in der Bibliothek entdeckt hatte, hätte er zu seinem Unbehagen stehen sollen, anstatt es verdrängen zu wollen. Er hätte begreifen müssen, dass er sich mit seinem Vater genauso wenig in Terreille aufhalten konnte wie mit seinem Bruder Lucivar. Zu viele Erinnerungen – und die letzten Erinnerungen daran, wie sie drei zusammen in Hayll gewesen waren, suchten immer noch hin und wieder seine Träume heim.
Sein Vater in diesem hayllischen Lager, wie er gefoltert wurde. Sein Bruder in diesem Lager, wie er gefoltert wurde. Und er selbst, um sie am Leben zu erhalten und zu befreien, war zu ihrem schlimmsten Folterknecht geworden.
Daemon rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht und konzentrierte sich wieder auf den Tisch. Solange er darauf wartete, dass Saetan in dieses Reich zurückkehrte, musste er seinen Geist mit irgendetwas anderem beschäftigen.
»Was haben wir denn hier?« Dicke Scheiben blutiges Roastbeef. Einen Gemüseauflauf. Knuspriges Brot und Butter. Und …
Er hob den Deckel von dem letzten Teller und zog erstaunt eine Augenbraue hoch, als ihm kalte Luft entgegenschlug.
Zwei Schüsseln mit …
Daemon nahm sich eine, musterte sie nachdenklich, und griff dann zum Löffel. Da er so etwas noch nie gesehen hatte, konnte er nur herausfinden, was es war, indem er es probierte.
Er nahm einen Löffel voll und schloss die Augen, als der Geschmack seinen Mund erfüllte.
Gesüßter Quark, der so aufgeschlagen war, dass er jede Schwere verloren hatte. Kleine Schokoladenstückchen. Mit Himbeersauce durchzogen.
Er öffnete die Augen und leckte sich die Lippen. Dann ließ er den Blick noch einmal über den Tisch wandern. Es gab zwei Schüsseln von dem Zeug, also musste eine davon für ihn sein. Was für einen Unterschied machte es schon, ob er es vor oder nach dem Rest der Mahlzeit aß?
Zufrieden mit dieser logischen Rechtfertigung – falls eine nötig werden sollte – schlug er zu.
Wen würde er bestechen müssen, um an das Rezept zu kommen? Und wenn er es hatte, würde er es für sich behalten? Oder würde er Mrs. Beale, der opulenten, leicht Furcht einflößenden Hexe, die ihm auf Burg SaDiablo als Köchin diente, anbieten, es mit ihr zu teilen? Ihr ein solches Rezept zu schenken, wäre vielleicht ein gerechter Ausgleich dafür, dass sie die kleine zusätzliche Küche tolerierte, die er für seinen persönlichen Gebrauch eingerichtet hatte. Bisher hatte Mrs. Beale ihm wegen dieses Affronts gegen ihr häusliches Territorialrecht nur deswegen nicht den Krieg erklärt, weil a) er der Besitzer der Burg war; b)seine schwarzen Juwelen ihren gelben um einiges überlegen waren; und c) sie, technisch gesehen, seine Angestellte war.
Nichts von alledem interessierte Mrs. Beale sonderlich, es sei denn, es passte ihr gerade in den Kram, sich daran zu erinnern.
Und in gewisser Weise war es auch gut für ihn, dass Mrs. Beale seine Autorität und Macht infrage stellte. Jetzt, da er das Territorium Dhemlan regierte, konnte er verstehen, warum Saetan in seinem eigenen Heim so passiv gewesen war. Und manchmal zugelassen hatte, dass die Leute, die für ihn arbeiteten, ihn unterbutterten.
Die Bewohner von Dhemlan – oder genauer gesagt die Königinnen und ihre Höfe, die ihm direkt unterstellt waren – fürchteten ihn. Sie hatten allen Grund, ihn zu fürchten. Die schwarzen Juwelen waren ein Speicher der Macht, die ihm innewohnte, eine Warnung vor der Tiefe und Stärke der Kraft, die gegen jeden gerichtet werden konnte, den er als Feind betrachtete. Aber zu Hause …
Er hatte an Orten gelebt, an denen ein jeder in ständiger, kräftezehrender Angst verharrte. Er wollte nicht an einem solchen Ort leben. Er wollte nicht die Ursache dafür sein. Nicht in seinem Heim. Nicht bei den Leuten, die für ihn arbeiteten.
Und ganz besonders nicht für Jaenelle, die Frau, die sein ganzes Leben ausmachte.
Deswegen wusste er das Spiel zu schätzen, das er mit Mrs. Beale spielte, auch wenn sie zugegebenermaßen eine verdammt Furcht einflößende Frau und seine Angst vor ihr nicht komplett vorgetäuscht war.
Eigentlich ein bisschen wie sein Vater.