Borderline - Ein Jahr mit ohne Lola - Agneta Melzer - E-Book

Borderline - Ein Jahr mit ohne Lola E-Book

Agneta Melzer

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6,99 €

Beschreibung

Agnetas beste Freundin Lola wirkt wie ein lebensfroher Mensch, der am Wochenende auf jeder Party dabei ist. Doch was viele nicht wissen: Am Montag liegt Lola im Bett und kann nicht aufstehen. Wenn das Telefon klingelt, nimmt sie nicht ab. Der Weg zum Supermarkt wird zur Tagesaufgabe. Lola ist Borderlinerin, doch das weiß sie noch nicht. Und während sie sich durch den Alltag schleppt, ringt Agneta mit sich: Kann man mit jemandem befreundet sein, der in den wichtigen Momenten des Lebens einfach nicht für einen da ist? In 'Borderline – Ein Jahr mit ohne Lola' erzählt Agneta Melzer vom Kampf um eine Freundschaft, die von einer psychischen Krankheit überschattet wird. Durch die zwei fiktionalisierten Erzählperspektiven erlebt der Leser sowohl Lolas Kollision mit sich selbst und den Erwartungen ihrer Mitmenschen als auch Agnetas Zerrissenheit: Ist ihre Freundin krank oder einfach nur unzuverlässig? Als Lola den nächsten schlimmen Schub hat, droht die Beziehung der Freundinnen zu zerbrechen.

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Seitenzahl: 328

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Agneta Melzer

BORDERLINE EIN JAHR MIT OHNE LOLA

Die Geschichte einer besonderen Freundschaft

Für meine beste Freundin

Vorwort

»Die ist doch nicht wirklich krank, sondern will sich nur in den Mittelpunkt stellen.« – »Ihm fehlt doch gar nichts, der ist bloß faul und undiszipliniert.« – »Mir geht es auch nicht immer gut, trotzdem lasse ich mich nicht so gehen.« – »Früher gab es so etwas nicht!«

Über die Borderline-Persönlichkeitsstörung, auch emotional instabile Persönlichkeitsstörung genannt, gibt es viele Vorurteile. Wenige kennen sich damit aus, aber eine Meinung ist trotzdem schnell parat. Wer offen zu seiner Krankheit steht, sieht sich oft dem Unverständnis seiner Mitmenschen ausgesetzt. Es wird pauschalisiert, und ehe man sich versieht, werden Betroffene mit psychisch Kranken wie Amy Winehouse oder Kurt Cobain, die vielleicht unter ganz anderen Störungen litten, in einen Topf geworfen. Freunde, Familienmitglieder oder Arbeitskollegen denken dagegen oft, dass die Erkrankten übertreiben oder sich auf ihren Problemen ausruhen möchten. Denn schließlich hat man in seinem Bekanntenkreis doch keine »Verrückten«!

Da die Borderline-Persönlichkeitsstörung eine komplizierte Diagnose ist, können sich viele Menschen weniger darunter vorstellen als unter anderen psychischen Krankheiten. Man hat eine Idee davon, dass Depressive extrem niedergeschlagen sind. Dass Burn-out-Patienten ausgebrannt sind. Oder was es mit Magersucht auf sich hat. Aber Borderliner? Sind das nicht die, die sich die Arme aufritzen? Und Drogen nehmen? Die stammen doch aus völlig kaputten Verhältnissen, oder?

Kurz gesagt: Was genau es mit der Krankheit auf sich hat, wissen die wenigsten. »Borderline-Störungen gelten als seelisches Grenzgebiet zwischen Psychose, Neurose und Persönlichkeitsstörung. Eine allseits anerkannte Definition ist schwierig«, heißt es auf der Website www.psychosoziale-gesundheit.net. Und genauso wenig wie eine eindeutige Definition gibt es eine vollständige Liste der typischen Symptome. Zu den Letzteren gehören häufig, aber auf keinen Fall immer, Impulsivität und Instabilität in der Beziehung zu anderen Menschen und zu sich selbst, starke Stimmungsschwankungen, selbstzerstörerisches Verhalten und ein Hang zu Drogen. Das klingt nach einem Teenager in der schlimmsten Pubertätsphase – und ein bisschen fühlen sich viele Borderliner auch so. Ihre Emotionen können denen von »gesunden« Menschen zwar ähnlich sein, sind aber um ein Vielfaches verstärkt. Viele schwanken zwischen extremer Fröhlichkeit und Traurigkeit, sind außergewöhnlich sensibel. Natürlich erlebt fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens Phasen mit starken Stimmungsschwankungen, aber für Borderliner ist das der anstrengende Normalfall.

Schätzungen, wie viele Menschen in Deutschland von der Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen sind, schwanken stark. Manche Studien kommen auf unter zwei, andere auf über zehn Prozent. Das liegt zum einen daran, dass längst nicht jede erkrankte Person therapeutisch behandelt und somit erfasst wird, zum anderen daran, dass es bei psychischen Krankheiten, gerade wenn sie derart schwer zu definieren sind, auch Fehldiagnosen und unvollständige Diagnosen gibt. Nicht selten haben die Betroffenen etwa zusätzlich noch ADHS (das Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitäts-Syndrom) oder eine Depression, was eine schnelle Diagnose oder Behandlung verhindern oder erschweren kann.

Auch bei meiner besten Freundin Lola war die Diagnose lange nicht vollständig. Sie war zwar schon mit 15 Jahren zum ersten Mal wegen Depressionen in Behandlung, aber diese Diagnose passte längst nicht immer zu ihrem Verhalten. Hüpft eine Frau mit Depressionen ausgelassen auf Partys umher und verdreht dabei allen Männern den Kopf? Schwer vorstellbar. Bevor sie die Diagnose »Borderline« bekam, erwischten ich und ihre anderen Freunde uns immer wieder bei dem Gedanken: »Sie ist zwar in Therapie, aber allzu schlecht kann es ihr nicht gehen.« Und automatisch wunderten wir uns: »Heute feiert sie, als gäbe es kein Morgen, und morgen wird sie sich wieder nicht bei mir melden. Geht es ihr wirklich schlecht? Oder hat sie schlicht vergessen, dass wir verabredet waren?«

Nein. Lola vergisst so etwas nicht. Heute weiß ich, dass sie manchmal einfach nicht anders kann. Auf Partys mag ihr fröhliches Ich die Oberhand haben, aber wenn sie zu Hause ist, tritt die depressive Seite umso heftiger zutage. Und dann kostet es sie zu viel Kraft, ans Telefon zu gehen. Oder auch nur eine SMS zu beantworten.

1

Diesmal nicht

Sie kam nicht. Sie ging auch nicht an ihr Handy. Das war nichts Ungewöhnliches, aber diesmal wurde es mir zu viel. Immer auf Lola zu warten. Immer für sie da zu sein – und sie dann nicht erreichen zu können, wenn ich selbst einmal etwas auf dem Herzen hatte. Denn Lola ging nur selten ans Telefon. Nicht, weil ich ihr nicht wichtig war, sondern weil sie nicht konnte – das wusste ich. Normalerweise reichte mir dieses Wissen, um ihr nicht böse zu sein. Diesmal nicht. Denn Lola hatte mich in den vergangenen Monaten bereits mehrmals auf die Probe gestellt. Indem sie mich morgens um fünf anrief zum Beispiel, sodass ich senkrecht im Bett stand vor Schreck – dabei wollte sie mir überhaupt nicht mitteilen, dass sie gerade im Begriff war, vom Dach zu springen, sondern lediglich, dass sie sich mit ihrem Exfreund gestritten hatte. Ein anderes Mal hatte sie schlicht vergessen, sich zu melden, während ich fürchtete, dass sie sich etwas angetan haben könnte. Ich schwankte bei Lola immer zwischen Ärger über ihre Unzuverlässigkeit und Sorge, dass es ihr nicht gut ging.

In diesem Moment überwog der Ärger. Wir wollten eigentlich bei mir zu Hause gemütlich Kaffee trinken, und nun wartete ich bereits seit einer Stunde darauf, dass es an der Tür klingelte.

»Mein Kaffee wird kalt. Und ich muss in einer Stunde schon wieder los. Hab ich nicht auch ein Recht darauf, dass meine beste Freundin sich ab und zu mal an Verabredungen hält?«

»Natürlich hast du das! Aber du musst damit zurechtkommen. Du bist stärker als sie, das weißt du. Sei ihr nicht böse, sie braucht dich doch.«

»Musst du sie eigentlich immer verteidigen?«

Jetzt war ich auch noch sauer auf Nils. Mein Freund war ein wundervoller Mann, ich hatte wirklich Glück mit ihm. Aber wenn es um Lola ging, stand er immer auf der falschen Seite, fand ich. Die beiden waren sozusagen Seelenverwandte. Eigentlich schön, wenn sich die beste Freundin so gut mit dem Freund versteht, aber manchmal auch unerträglich – zum Beispiel dann, wenn ich gerade seine Unterstützung brauchte.

»Ich verteidige sie doch gar nicht.« Nils schaute hilflos drein. »Ich sage doch nicht, dass sie im Recht ist, sondern nur, dass sie es bestimmt nicht mit Absicht getan hat.«

»Das ist mir verdammt noch mal klar! Ich habe aber manchmal keine Lust mehr, mit so einer Psychotussi befreundet zu sein! Wer macht schon etwas Ätzendes mit Absicht? Du machst ja auch immer alles aus Versehen, keiner hat an irgendetwas Schuld, und ich bin mal wieder die Dumme!«

Ich nahm meinen Kaffee und flüchtete aus dem Wohnzimmer in die Küche. Ich war ungerecht, das wusste ich. Nils musste es oft ausbaden, wenn ich auf Lola sauer war. Das lag in der Natur der Sache: Einem psychisch kranken Menschen zu sagen, dass er gerade furchtbar nervt, kostet ziemliche Überwindung, und so suchte ich mir ein anderes Ventil für meinen Ärger. Zwar bin ich eigentlich eine Freundin offener Worte – aber bei Lola eben immer im Schongang.

Leider war ich in letzter Zeit häufiger sauer auf sie. Das war bis vor einigen Monaten nicht so gewesen, obwohl Lola schon lange psychische Probleme hatte. Eigentlich schon immer. Behauptete sie zumindest. Der erste Schultag beispielsweise, für mich damals ein Freudenfest – endlich war ich groß –, war schlimm für sie gewesen, einige größere Kinder hatten sie in die Toilette gesperrt. An schöne Ereignisse in ihrer Schulzeit erinnerte sie sich nicht, obwohl es die sicherlich gegeben hatte.

Als Teenie, mit 15, ging Lola zum ersten Mal zum Psychologen. Diagnose: Depression. Damals waren wir noch gar nicht miteinander befreundet, ich kannte sie nur als das Mädchen vom Tennistraining. Eins der coolen Mädchen, die rauchten und sich nicht unbedingt mit mir – zweifelhafte Outfits, missglückte Lockenfrisur – beschäftigen wollten. Wir wohnten zwar nicht weit voneinander entfernt, lebten aber in verschiedenen Welten.

Als ich meine Haare in den Griff bekam, meinen Kleidungsstil änderte und anfing, auf Partys zu gehen, freundeten wir uns an. Von psychischen Problemen war gar keine Rede, es gab ja auch viel Wichtigeres zu besprechen: Jungs zum Beispiel, den neuesten Klatsch und die Frage, was eigentlich nach dem Abi kommen sollte.

Ich war mir da sehr sicher: Ich wollte Journalistin werden. Lola hingegen hatte keine Ahnung. Sie wollte sich gern mit Sprache befassen, das wusste sie, aber ein Beruf war das ja noch lange nicht. Irgendwann schrieb sie sich in Hamburg für Germanistik ein. Ein großer Fehler. Denn sie fand sich an der unübersichtlichen und vor allem anonymen Universität nicht zurecht. Nach dem zweiten Semester hatte sie ihren ersten richtigen Zusammenbruch. Lola ging wochenlang nicht mehr aus dem Haus, lag im Bett und starrte die Decke an. Sie war komplett abgetaucht, keiner konnte sie mehr erreichen – mit Ausnahme ihrer Mutter und mir. Wir hatten ein Zeichen vereinbart: einmal auf dem Handy anklingeln, dann noch einmal auf dem Festnetz anrufen. Dadurch wusste Lola auch ohne Rufnummernübertragung, wer am Telefon war, und raffte sich auf, den Hörer abzunehmen oder zumindest zurückzurufen.

*

Zurückrufen war das Stichwort. Einmal mehr schaute ich auf mein Handy, obwohl ich genau wusste, dass dort kein Anruf in Abwesenheit aufblinken würde. Ich trank meinen Kaffee und wurde immer wütender.

Damals, bei ihrem ersten Zusammenbruch, hatte sich Lola Antidepressiva verschreiben lassen und die Uni, das Fach und vor allem die Stadt gewechselt. Geisteswissenschaften an einer Massenuni zu studieren war keine gute Idee gewesen. Für jemanden wie sie waren verschulte Fächer mit kleinen Jahrgängen und festen Zeitplänen einfach besser. Also landete sie in Berlin – in einer Kleinstadt zu wohnen kam für sie nicht infrage –, studierte aber Europäische Medienwissenschaften an der übersichtlichen Fachhochschule Potsdam. Entsprechend ging es ihr wieder viel besser. Lola schrieb gute Noten, schaffte ihren Abschluss in Regelstudienzeit. Die Bachelorarbeit gab sie zwar in letzter Minute ab, aber pünktlich. Alles schien seinen Gang zu nehmen. Auch die Antidepressiva setzte sie wieder ab.

Doch nach der Abschlussprüfung im Sommer passierte nichts. Gar nichts. Keine Bewerbung, keine Weiterbildung, kein Master. Nicht einmal ein popeliger 400-Euro-Job oder ein Praktikum, um ein wenig »in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern«, wie es so schön heißt. Lola war 26, hatte keine Berufserfahrung vorzuweisen und »nur« einen Bachelor. Sie hätte mit voller Kraft loslegen müssen, aber sie tat es nicht. Bis in den Herbst hinein.

Dass das ein Problem war, merkte sie zwar selbst, und sie versuchte auch zunächst, mit Aktionismus gegen die kommende Depression anzugehen. Meldete sich bei ihrer Psychologin, ließ sich wieder Medikamente verschreiben, suchte nach Jobs. Aber ohne Erfolg: Sie schickte die Bewerbungen nicht ab und verfiel schließlich in völlige Apathie.

Abgesehen von einem Aushilfsjob bei ihrem Vater in der Firma hatte Lola noch nie in ihrem Leben gearbeitet. Und sie hatte offenbar auch nicht vor, jetzt damit zu beginnen. Stattdessen: jedes Wochenende Partys, Alkohol, Flirts. Mit ihren langen braunen Haaren, ihren noch viel längeren Beinen und ihrer beachtlichen Oberweite war Lola ein Männermagnet. Ich versuchte, mich herauszuhalten, denn so hatte unsere Freundschaft bisher immer gut funktioniert. Wer Lola zu häufig oder zu energisch mit »Du musst«-Sätzen kam, der konnte damit rechnen, dass sie bald nicht mehr ans Telefon ging. Nicht aus Trotz, sondern weil sie wusste, dass die anderen recht hatten – und damit nicht umgehen konnte. Die Vorwürfe stressten sie, aber sie war nicht in der Lage, etwas zu ändern.

Ich nahm Lola so, wie sie war, und verurteilte weder die Männergeschichten noch ihre vermeintliche Faulheit. Erstere fand ich sogar sehr unterhaltsam, wenn auch nicht in jedem Fall nachahmenswert. Und was die Faulheit betraf, wusste ich, dass es ihr selbst in Wirklichkeit am schlechtesten damit ging. Es war ja nicht so, dass sie nicht arbeiten wollte. Ihr war immer wichtig gewesen, eine unabhängige Frau zu sein, sie war so erzogen worden und bestand darauf. Als Hausfrau an der Seite eines berufstätigen Mannes konnte man sie sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Doch all das in der Theorie zu wissen, war eine Sache. Dabei zuzusehen, wie meine beste Freundin seit einem halben Jahr absolut nichts Sinnvolles mehr auf die Reihe bekam, eine andere. Es kam der Winter, es kam der Frühling, nichts. Ich begann, mir ernsthafte Sorgen zu machen. Ich war immer ein sehr zielstrebiger Mensch gewesen, hatte neben meinem Studium gearbeitet und Praktika gemacht, war im Ausland gewesen, wusste, was ich wollte – ich war also in dieser Hinsicht das ziemliche Gegenteil von Lola. Ihre Lethargie machte mir zu schaffen, obwohl ich mir die ganze Zeit gebetsmühlenartig vorhielt: »Die Frau ist krank, sie kann nicht anders.« Rational konnte ich das zwar zur Kenntnis nehmen, aber auf der emotionalen Ebene wurde ich immer unruhiger. Ich fing an, mich zu fragen, wie sie überhaupt jemals einen Job finden sollte, mit dieser stetig wachsenden Lücke im Lebenslauf. Welcher Arbeitgeber würde sich darüber schon freuen? Und, schlimmer noch: War sie überhaupt fähig, einen richtigen, stressigen Vollzeitjob zu beginnen? Immerhin waren viele psychisch Kranke dauerhaft arbeitsunfähig und lebten von Hartz IV – dass es ihr auch so gehen könnte, wollte ich mir lieber gar nicht ausmalen. Arbeitslos zu sein würde sie erst recht fertigmachen, denn die einzigen Phasen, in denen Lola bisher immer stabil gewesen war, waren die, in denen sie eine feste Aufgabe und einen geregelten Tagesablauf hatte.

*

Ich schaute auf die Uhr. Anderthalb Stunden war sie nun schon zu spät und immer noch gab es kein Lebenszeichen. Meinen Kaffee hatte ich ausgetrunken. Um irgendetwas zu tun, fing ich an, das Wohnzimmer aufzuräumen, doch wirklich ablenken konnte mich das nicht. Ich ärgerte mich über mich selbst und darüber, dass ich es nicht mehr schaffte, mich aus Lolas Schwierigkeiten herauszuhalten.

Es hatte damit angefangen, dass ich ihr drei Monate zuvor, im Winter, wider besseres Wissen bei einigen Bewerbungsschreiben geholfen hatte. Einen ganzen Nachmittag hatten wir damit verbracht, passende Unternehmen zu finden, auch das Anschreiben hatten wir zusammen formuliert. Das war äußerst dumm von mir gewesen. Denn als Lola die Bewerbungen wieder einmal nicht abschickte, wurde ich wütend. Hatte ich am Wochenende nichts Besseres zu tun, als Bewerbungen für die Mülltonne zu schreiben? Ich versuchte, meinen Ärger zu verbergen, denn ich wollte Lola, die ein furchtbar schlechtes Gewissen hatte, nicht noch unglücklicher machen.

Einen Monat später tauchte sie komplett unter und reagierte so lange nicht auf meine Kontaktversuche, dass ich es mit der Angst zu tun bekam. Was, wenn sie doch auf die Idee gekommen war, sich etwas anzutun? Eigentlich konnte ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen, aber andererseits: Wenn jemand so etwas wirklich vorhat, setzt er seine Umgebung doch nicht davon in Kenntnis. Ich war hin- und hergerissen. Ich wollte nicht überängstlich sein, aber der Gedanke ließ mich nicht los. Schließlich stellte ich ihr per SMS ein Ultimatum: Wenn sie sich nicht sofort zurückmeldete, würde ich persönlich bei ihren Eltern vorbeifahren, bei denen sie gerade zu Besuch war. Als sie trotzdem nichts von sich hören ließ, rief ich in meiner Verzweiflung meine Eltern an, die nur einen Katzensprung entfernt wohnten. Sie liefen sofort los und klingelten bei Lola. Diese öffnete die Tür und grinste, als wäre nichts passiert. Wie begeistert meine Eltern waren, kann man sich denken.

In ihrer Ratlosigkeit hatten Lolas Eltern und ihre Psychologin schon mal einen Klinikaufenthalt in Betracht gezogen. Als sie mir das erzählte, war ich geschockt. Lola war doch nicht verrückt, sie musste einfach nur aus dieser Phase herauskommen! Ich hatte eigentlich gehofft, dass ihr neuer Freund ihr dabei helfen würde. Seit sie ihn kennengelernt hatte, schwärmte sie von morgens bis abends von ihm, dem gut aussehenden Brasilianer João. Das Äußere war Lola bei Männern immer sehr wichtig und João kam tatsächlich wie ein Model daher.

Seine Familie lebte in San Francisco, aber er war für ein paar Monate nach Deutschland gekommen. Einfach so. Er liebte es, um die Welt zu reisen und mal hier, mal da zu arbeiten. Als Projektmanager im Bereich Catering fand er immer schnell Jobs.

Dass João Lola aus der Depression helfen könnte, war leider ein typischer Denkfehler von jemandem, der so eine Krankheit noch nie hatte. Statt aktiver zu werden und Bewerbungen zu schreiben, wurde Lolas Verhalten immer widersprüchlicher. Ihre glückliche Verliebtheit stand in krassem Widerspruch zu der Trägheit, die sie in allen anderen Bereichen ihres Lebens an den Tag legte. Es war, als würde sie die Bodenhaftung verlieren, seit sie João kannte. Auf den ersten Blick konnte man zwar denken, es ginge ihr besser, aber auf den zweiten wirkte sie wie ein unreifer, verknallter Teenager. Sie sprach von nichts und niemand anderem als von ihm, aber die Frage, wann sie seinen durchtrainierten Oberkörper wiedersehen würde, half nun mal nicht bei der Jobsuche.

*

Inzwischen hatte ich die komplette Wohnung aufgeräumt und konnte mich kaum noch beherrschen. Dieses Mal konnte ich nicht einfach tun, als wäre nichts geschehen. Lola hatte mich noch nie komplett versetzt. Ohne SMS, ohne irgendwas. Normalerweise kam wenigstens im Laufe der nächsten Stunde eine Entschuldigungsnachricht, diesmal nicht.

Ich verstand es nicht. So benahm sich Lola oft bei anderen, aber nicht bei mir. War ich jetzt nicht mehr die Ausnahme? Oder war vielleicht doch etwas Schlimmes passiert? Erst neulich hatte sie erzählt, sie hätte auf dem Balkon gesessen und mit dem Gedanken gespielt, herunterzuspringen, sich dann aber dagegen entschieden. Als wäre es eine lustige Anekdote. »Das wäre ja auch schön doof von mir«, hatte sie gesagt, »ich glaube nämlich nicht an ein Leben nach dem Tod.«

Meine Sorge wurde größer. Sie wäre nicht die erste depressive Person, die sich etwas angetan hätte. Und hinterher würden alle ihre Freunde dasitzen und sich fragen, ob sie nicht irgendwas hätten tun können, um es zu verhindern … War das jetzt übertrieben? Wurde ich langsam paranoid? Ich tippte wütend eine SMS:

Sag mal, spinnst du? Ist es jetzt schon zu viel für dich, mir abzusagen, oder was?

Und wartete.

Ups, hab verschlafen, sorry.

Eine Antwort, immerhin. Allerdings erst am nächsten Morgen. Verschlafen? Von vier Uhr nachmittags bis elf Uhr morgens?

Na klasse. Und ich mach mir Sorgen! Ganz ehrlich, ich hab keine Lust mehr auf deine Unzuverlässigkeit. Wie soll man denn so mit dir befreundet sein?

Mein Handy blieb wieder stumm. Keine SMS. Aber einen Tag später kam eine Facebook-Nachricht:

Du hast ja recht und ich schäme mich in Grund und Boden. Ich denke, es bringt wohl nichts, dir zu sagen, dass ich anrufen wollte und dann einfach eingeschlafen bin, weil ich völlig hinüber war von Freitagabend. Auch wenn das die Wahrheit ist, ist es natürlich bescheuert von mir. Es tut mir unglaublich leid, ich fühl mich ganz fürchterlich schlecht, weil es ja jetzt schon das zweite Mal in kurzer Zeit ist, dass ich mich so blöd verhalte. Ich hoffe, dass du nicht mehr allzu böse bist und meine Entschuldigung akzeptieren kannst. Ich will dich nicht verlieren durch mein Verhalten.

Die doofe Lola

PS: Sehen wir uns Montag?

Sehen wir uns am Montag? Ganz so einfach war das nicht. Lola hatte meinen Geduldsvorrat aufgebraucht. Wenn man permanent Verständnis dafür haben muss, dass jemand aufgrund einer psychischen Krankheit nicht für einen da sein kann, wird man dünnhäutig. Und dazu, dass dieser Jemand nun glaubte, sich einfach ins Bett legen und schlafen zu können, während wir eigentlich verabredet waren, fiel mir nichts mehr ein. Ich hatte keine Lust und keine Kraft mehr. Mir wurde klar, wie einseitig unsere Freundschaft mittlerweile war. Wollte ich das noch? Nahm Lola die Situation überhaupt noch ernst? Und mich und meine Gefühle? Da saß ich nun seit Monaten und hatte in regelmäßigen Abständen panische Angst um sie – und alles, was sie machte, war »Äh, sorry« zu schreiben. Langsam wurde mir das zu nervenaufreibend. Ich wollte, dass es aufhörte. Frustriert klickte ich auf »Antworten«.

Mein Montag ist mittlerweile verplant. Ehrlich gesagt muss ich mich aber auch erst mal von deiner Aktion erholen. Du hast dich entschuldigt, auch wortreich, aber das hätte einfach nicht schon wieder passieren dürfen. Da bin ich schon, um mal das blöde Wort zu gebrauchen, enttäuscht. In meiner Rechnung war das auch bereits die dritte Aktion in kurzer Zeit. Dir scheint nicht ganz klar zu sein, dass man sich bei dir immer gleich Sorgen macht, ob etwas Ernstes passiert ist.

Du kannst jetzt nichts Weiteres mehr dazu sagen, das ist mir klar, aber ich bräuchte irgendein Zeichen, um zu sehen, dass du dieses Mal auch wirklich begriffen hast, dass das so nicht geht.

Wenn Lola ein schlechtes Gewissen hatte, war ihre Lösung häufig, sich tot zu stellen. Daher: keine Reaktion auf meine Facebook-Nachricht. Den ganzen Tag nicht. Und am nächsten Tag. Lola antwortete einfach nicht.

Was mache ich denn jetzt? Sie wird sich doch niemals von selbst bei mir melden!

Vielleicht doch. Warte doch noch ein bisschen ab.

Ach, sei doch nicht so naiv! Wir wissen beide ganz genau, dass sie das nicht tun wird.

Ich saß auf der Arbeit und konnte mich nicht konzentrieren, also schrieb ich ratlose SMS an Nils. Seine ebenso ratlosen Antworten brachten mich auf die Palme. Konnte er nicht zur Abwechslung mal etwas Hilfreiches sagen?

Na, entweder du wartest, oder du schreibst ihr noch mal. Das sind die beiden Möglichkeiten. Du musst dich schon entscheiden!, lautete seine nächste Nachricht.

Das stimmte, machte die Sache aber auch nicht einfacher. Vielmehr hörte es sich nach Pest und Cholera an. Ich fand kein bisschen, dass ich mich melden musste, jeder anderen Freundin hätte ich ab diesem Punkt nicht mehr geantwortet. Aber Lola war eben nicht wie jede andere Freundin, und Warten ist nicht meine Stärke. Nach einigem Zögern schrieb ich ihr schließlich doch eine neue Nachricht:

Lass uns mal telefonieren, dieses Hin-und-her-Geschreibe bringt ja nichts.

Okay, wie wäre es denn mit Donnerstag?

Immerhin, eine Antwort. Ich schöpfte Hoffnung. Da kann ich nicht. Ich kann Mittwoch und Montag nächste Woche anbieten, aber Donnerstag geht nicht.

Keine Reaktion. Ich rief sie an. Schrieb eine SMS. Nichts. Keine Antwort mehr.

Lola war abgetaucht.

2

Nur ein Anruf

Das war der Zeitpunkt, an dem mir ganz tief in der hintersten Ecke meines Bewusstseins klar wurde, dass nun endgültig nichts mehr ging. Leider aber auch nur dort. Agneta war immer die gewesen, bei der ich mich melden konnte, auch wenn es mir noch so schlecht ging. Während meiner großen Depression vor ein paar Jahren, kurz bevor ich mein Germanistik-Studium abgebrochen hatte, war ich wochenlang nicht aus dem Bett gekommen. Nur mit meiner Mitbewohnerin und meinen Eltern hatte ich Kontakt gehabt – und mit Agneta. Wir hatten ein Klingelzeichen vereinbart, und wenn sie angerufen hatte, war ich mit letzter Kraft ans Telefon gegangen.

Agneta war die Einzige, die mir nie etwas vorwarf, die niemals sauer oder enttäuscht war. Wir stritten uns nie. Sie war die Einzige, bei der ich bis dahin das Gefühl gehabt hatte, alles richtig zu machen. Klar, in letzter Zeit war manches nicht ideal gelaufen. Beispielsweise, als ihre Eltern bei mir geklingelt hatten, um zu schauen, ob ich noch lebte. Die ganze Situation war mir so unangenehm gewesen! Ich hatte mich natürlich sofort bei Agneta gemeldet und sie beruhigt. Was für ein Glück, dass sie nicht nachtragend war!

Und nun hatte ich sie versetzt. Ihre wütende SMS machte mich hilflos. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Das Einzige, was ich denken konnte, war: ›Jetzt habe ich auch bei Agneta versagt.‹

In gewisser Weise hatte ich tatsächlich verschlafen. Aber nicht so, wie gesunde Menschen verschlafen. Man konnte sich meinen Zustand eher wie ein tranceartiges Dahindämmern vorstellen. Ich nannte es den »komatösen Vermeidungsschlaf«. Dabei war ich weder wach noch vollkommen weggetreten. SMS-Geräusche oder Telefonklingeln kamen zwar in einem Teil meines Gehirns an, hatten aber keine Auswirkung. Wie ein Wecker, den man in einen Traum einbaut und der diffus stört, ohne dass man begreift, dass man aufstehen muss. Genau wie damals, als ich Agnetas Anrufe ignoriert hatte, bis ihre Eltern vor der Tür standen.

Jetzt, einige Wochen später, lag ich im Bett und dachte: ›Ich muss aufstehen. Ich muss mich mit Agneta treffen, wir sind zum Kaffee verabredet.‹ Aber ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht. Ich hatte eine riesengroße Sperre im Kopf. Als ich ihr schließlich mit letzter Kraft antwortete, dass ich verschlafen hätte, war ich sogar stolz auf mich, weil ich es geschafft hatte, eine SMS zu schreiben. Und dann schrieb sie eine weitere wütende Nachricht. Das war furchtbar schlimm, aber zugleich verstand ich es nicht. Ich bekam keinen richtigen Zugang zu der Situation. Was genau war denn jetzt so dramatisch? Wieso machten sich die Leute dauernd Sorgen um mich? Verschlafen hatte ich doch schon häufiger, und auch, dass ich mich manchmal nicht meldete, war nichts Neues. Wieso taten denn jetzt plötzlich alle so, als wäre das schlimm?

Das Problem war, dass ich nicht mitbekam, dass ich immer weiter in eine Parallelwelt abdriftete. Und die hieß João. Als ich ihn vor ein paar Monaten um fünf Uhr morgens in einer Bar getroffen und um eine Zigarette angeschnorrt hatte, war ich am Ende: Ich merkte gerade, wie die Depression über mir zusammenschlug, und hatte ihr nichts entgegenzusetzen.

Es war anders als bei meinem schlimmen depressiven Schub fünf Jahre zuvor. Damals hatte ich eine alles verschlingende Hilflosigkeit in mir gespürt, doch dieses Mal fühlte es sich eher an wie eine große Welle der Panik. Denn zusätzlich zum Selbsthass und zu der Kraftlosigkeit kam die verzweifelte Frage: Was soll aus mir werden? Mein Studium hatte ich im Sommer beendet, bis dahin war alles gut gewesen. Gut allerdings nur, soweit mir das möglich war. Ich hatte nicht das Gefühl, irgendetwas Brauchbares gelernt zu haben, fit für die Berufswelt zu sein. Außerdem hatte ich nie die Kraft gehabt, mir einen Nebenjob zu suchen oder wenigstens ein Praktikum zu machen. Und was ich mit meinem Studienabschluss anfangen wollte, war mir sowieso nicht klar. Europäische Medienwissenschaften – ja und? Das war noch lange kein Beruf.

Entsprechend groß war das Loch, in das ich nach der Bachelorarbeit fiel. Noch mal etwas Neues zu beginnen, kam nicht infrage; weder wollte ich das, noch hätten meine Eltern es bezahlen mögen. Aber Bewerbungen zu schreiben, zu Vorstellungsgesprächen zu gehen und dann zu arbeiten, das entzog sich meiner Vorstellungskraft. Wo sollte ich mich denn bewerben? Bis dato hatte ich diese Fragen verdrängt oder war über vage Überlegungen nicht hinausgekommen. PR würde mir Spaß machen, denn das hatte mit Klatsch und Tratsch zu tun, wie ich dachte. Allerdings auch damit, auf wildfremde, erwachsene Menschen zuzugehen, zu networken, im Zweifel sogar Neukunden an Land zu ziehen. Erwachsene! Worüber sollte man denn mit denen sprechen? Wie sollte ich kleine Lola denen etwas verkaufen?

Natürlich war mir klar, dass das albern klang für eine 26-Jährige – immerhin galt jemand in meinem Alter gemeinhin als erwachsen. Ich aber fühlte mich gar nicht so. Zwischen mir und den »echten« Erwachsenen, da lagen doch Welten.

Und dann das Formulieren von Bewerbungen. Darin hatte man zu verkünden, dass man unfassbar toll und ideal geeignet sei, genau diesen Job zu übernehmen. Ich war aber nicht geeignet. Nicht einmal gekellnert hatte ich während des Studiums. Jeder, der meinen Lebenslauf las, würde sofort erkennen, dass ich gar keine Erfahrung hatte. Also machte es keinen Sinn, die Bewerbungen überhaupt abzuschicken.

Dass das ein Teufelskreis war, lag auf der Hand. Die Panik wurde immer größer. Würde ich ein Sozialfall werden, wie ich es mit 16 Jahren in einem selbstgehässigen Brief an mein älteres Ich vorausgesagt hatte? Du Versagerin, hatte ich damals geschrieben, du kannst doch ohnehin nichts, kein Wunder, dass du nicht im Leben klarkommst. Wahrscheinlich bleibst du immer arbeitslos und wohnst in Wilhelmsburg im Plattenbau.

Diese Gedanken gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, wenn ich nachts im Bett lag und nicht einschlafen konnte. Aber sie feuerten mich nicht an, am nächsten Tag umso eifriger nach freien Stellen zu suchen, wie es vielleicht bei gesunden Menschen der Fall gewesen wäre. Sie lähmten mich. Es gab keine Stelle für mich, also musste ich auch gar nicht erst danach fahnden. Drei Monate vergingen so, es wurde immer schlimmer. Und dann kam der Winter – die Jahreszeit, in der meine Depression besonders deutlich zutage trat.

In diese verzweifelte Stimmung war João hineingeplatzt, mitten im düstersten November, um fünf Uhr morgens. Volle, dunkle Locken, lässige Lederjacke. Er hatte mich mit seinen dunkelbraunen Augen angesehen, gelächelt und mir eine Zigarette gegeben. Wir waren sofort unzertrennlich. Er fand mich so heiß und so großartig. Ich sagte ihm nicht, dass ich depressiv war, und er hielt mich für die selbstbewusste, vor Lebenslust sprühende Frau, die ich in seiner Gegenwart auch war. Ich verliebte mich sofort. Nicht nur, aber auch wegen des Bildes, das er von mir hatte. Bei ihm konnte ich so tun, als wäre alles gut, als wäre ich gesund, mutig und stark – während gleichzeitig mein richtiges Leben den Bach runterging. Ich schrieb weiterhin keine Bewerbungen und ab dem neuen Jahr zahlten mir meine Eltern nichts mehr außer meiner Miete, sodass mein Konto immer leerer wurde. Ich meldete mich immer seltener bei meinen Freunden. Ich trank zu viel.

Doch ich hatte meine Parallelwelt und in der war ich die heiße Freundin vom noch heißeren João. Einem Brasilianer! Der in San Francisco aufgewachsen war! Ich fand das exotisch und aufregend. Nachts hatten wir die ganze Zeit Sex, tagsüber sprachen wir stundenlang darüber, wie toll wir einander fanden – bis er schließlich, im März, nach San Francisco zurückging. Seitdem führten wir sehnsüchtige Telefonate, die meist ausschließlich davon handelten, wie sehr wir uns vermissten. Nicht sehr tiefsinnig, aber das war egal. Ich hatte das Gefühl, dass wir innerlich miteinander verbunden waren, dass er mich ohne Worte verstand, auf eine Weise, die mir neu war. »Du hast einen genauso großen, tiefen See aus Traurigkeit in dir wie ich«, flüsterte ich ihm einmal ins Ohr, und er war beeindruckt. Und so war es auch.

Als er ging, hörte ich auf, mit meiner Psychologin zu sprechen. Ihr waren meine Männergeschichten schon immer suspekt gewesen und von ihren Bedenken und Mahnungen wollte ich nichts mehr hören. Im Übrigen hatte ich nicht den Eindruck, dass mich die Sitzungen weiterbrachten. Ich war bereits seit Jahren bei ihr und besser ging es mir nicht. Eigentlich hatte ich mir nur deshalb keinen neuen Therapeuten gesucht, weil ich keine Lust hatte, meine Lebensgeschichte noch einmal von vorn zu erzählen.

Eine Woche nach Joãos Rückflug setzte ich sogar meine Antidepressiva ab. Eine Nebenwirkung der Tabletten war, dass ich beim Sex weniger spürte, und das wollte ich nicht, denn ich hatte vor, João nach San Francisco hinterherzureisen. Dort, so nahm ich an, würden wir aus dem Bett gar nicht mehr herauskommen.

Die meisten hielten meine Idee, nach San Francisco zu gehen, für mehr oder weniger bekloppt. Besonders meine Freundin Lina war überhaupt nicht angetan. Ich nahm an, dass sie eifersüchtig war. Agneta hingegen fand den San-Francisco-Plan gut. Sie meinte schlicht, dass ich es immer bereuen würde, wenn ich hierbliebe. Auch da nahm sie mich so, wie ich war.

Und jetzt war sie ernsthaft sauer auf mich. Schrieb, ich hätte ihr Vertrauen erschüttert und sie bräuchte Abstand. Ein gesunder Mensch würde vielleicht sagen: »Für mich brach eine Welt zusammen.« Aber so war es nicht, dazu war ich bereits zu sehr mit meinem Paralleluniversum verwachsen. Und in diesem Universum konnte ich mir nicht nur ausmalen, wie schön es mit João in San Francisco werden würde, sondern ich hatte auch bereits mit Agneta gesprochen und sie war gar nicht mehr böse auf mich. In meinen Gedanken hatte sich schon alles auf wunderbare Weise geklärt. Das hört sich nach einem naiven Tagtraum an und so ähnlich war es auch, aber viel intensiver. Zwischen der Realität und meiner Traumwelt zu unterscheiden wurde immer schwerer für mich.

Andererseits war ich zwar krank, aber nicht verrückt. Ein Teil meines Hirns wusste ganz genau, dass nichts geklärt war. Und dass ich Agneta unbedingt eine SMS schicken musste, um mich mit ihr zu einem Telefontermin zu verabreden. Sie war doch auf mich zugekommen, ich musste ihr nur antworten! Ich musste doch nur das Handy nehmen, einschalten und 160 Zeichen tippen …

Aber das konnte ich nicht, denn in der unerträglichen Realität hatte mich die Depression inzwischen so sehr überrollt, dass ich nicht mehr handlungsfähig war. Mein Handy war grundsätzlich auf lautlos gestellt, ein Festnetztelefon hatte ich nicht. Mich bei Anrufen in Abwesenheit zurückzumelden, schaffte ich nur bei meiner Mutter. Ich lag auf dem Bett, rauchte und schlief meinen komatösen Vermeidungsschlaf. Ich konnte kaum klare Gedanken fassen. Selbst auf die Toilette zu gehen war ein Akt, ich raffte mich erst auf, wenn ich mir schon fast in die Hose machte. Einkaufen war noch anstrengender. Wenn ich Hunger hatte, stand ich in der Küche und überlegte krampfhaft, wie ich aus den vereinzelten Resten eine Mahlzeit zustande bringen sollte. Immerhin war ich dadurch schön schlank geworden, das würde João bestimmt gefallen, wenn ich erst in San Francisco war.

So verging erst eine Woche, dann zwei, dann vier, dann sechs. Während des ganzen Frühlings sprach ich nur mit wenigen anderen Menschen. Ich wohnte zwar in einer WG, aber meine Mitbewohnerin ließ mich so weit wie möglich in Ruhe. Sie wusste nicht, was sie an meiner Stimmung hätte ändern können.

Ganz anders als Lina.

Lina war die Einzige, die ich noch regelmäßig traf, aber nur, weil sie einfach keine Ruhe gab. Sie zwang mich, jeden Tag das Haus zu verlassen, weil sie hoffte, es würde mir helfen. In Wirklichkeit kostete es mich nur Kraft.

Weil sie selbst viel zu tun hatte – Lina hatte sich im Gegensatz zu mir zu einem Masterstudium entschieden und jobbte auch noch nebenher – begann ich, ihr Leben mitzuleben. Ich holte sie von ihrer Uni ab und ging mit ihr in die Mensa, aber nicht, weil ich wollte, sondern eher, weil sie für mich in gewisser Weise eine Autoritätsperson geworden war. Es fühlte sich an, als wäre sie meine Mutter, und daher benahm ich mich wie ein bockiger Teenager, nur viel schlimmer.

»Sag mal Lola, wie stellst du dir das eigentlich vor mit San Francisco?«

»Das wird super. Wenn João und ich erst mal miteinander im Bett liegen …«

»Ja, aber du kannst nicht den ganzen Tag Sex haben.«

»Warum denn nicht?«

»Weil du arbeiten musst? Um Geld zu verdienen?«

»Ach, das wird sich schon zeigen.«

»Aber zumindest er muss doch arbeiten …«

»Wo wir gerade von Geld reden. Ich müsste Zigaretten kaufen gehen. Kommst du mit? Schau mal, der Typ neben dem Automaten, der sieht ganz schön fertig aus …«

Ich redete meistens über irgendeinen Quatsch. Bloß nichts Ernstes. Wenn Lina darauf bestand, mit mir über meine Probleme zu sprechen, sagte ich: »Nerv mich nicht.« Auch über meinen akuten Geldmangel wollte ich nicht reden – dabei hätte ich dringend etwas dagegen tun müssen, schließlich war ein Flug nach San Francisco teuer. Doch woher das Geld dafür kommen sollte, damit wollte ich mich nicht beschäftigen.

Auf Agneta sprach Lina mich ebenfalls dauernd an – meine Reaktion war jedes Mal: »Ich möchte nicht darüber sprechen.«

»Du erzählst gar nicht mehr von ihr.«

»…«

»Wieso willst du mir denn nicht sagen, was passiert ist?«

»Lina …«

»Du erzählst mir doch sonst immer alles. Habt ihr euch gestritten?«

»Ich will wirklich nicht darüber reden. Wirklich nicht!«

Ich wollte nicht nur nicht darüber reden, ich konnte auch nicht. Ich hatte Angst, mir einzugestehen, dass ich gerade meine wichtigste Freundschaft gegen die Wand fuhr – und fast genauso viel Angst vor der Reaktion der anderen. Ich dachte: ›Wenn ich zugebe, dass ich jetzt sogar bei Agneta verkackt habe, gehen bei Lina oder meiner Mutter endgültig die Alarmglocken an.‹

Meine Mutter war inzwischen sowieso verrückt vor Sorge. Sie rief ununterbrochen an und hin und wieder riss ich mich zusammen und rief zurück. Wie ich es schaffte, zumindest für sie noch dieses Restchen Kraft aufzubringen, wusste ich nicht. Vermutlich überwog auch hier die Angst – meine Eltern überlegten ernsthaft, ob sie kommen und mich nach Hamburg holen sollten. Hätte ich von dem Vorfall mit Agneta erzählt – sie hätten mich sofort ins Auto gesteckt und nach Hause gebracht.

Wahrscheinlich wäre das sogar das Beste gewesen. Jedenfalls besser als Linas gut gemeinter, aber schädlicher Aktionismus. Nur: Hätte ich aufgegeben und wäre ich freiwillig zu meinen Eltern gegangen, wäre meine ganze USA-João-Traumblase zerplatzt. Das konnte ich nicht zulassen.

Also lag ich von morgens bis abends, tagein, tagaus, bewegungsunfähig auf dem Bett, lief mehr oder weniger artig Lina hinterher, chattete mit João – und wusste: Ich muss Agneta schreiben. Jeden Tag. Aber jeden Tag dachte ich: ›Heute ist es besonders schlimm, heute kann ich nicht. Morgen ist ein neuer Tag, da versuche ich es.‹

Und der nächste Tag war wieder ganz genau so schlimm wie der davor.

Das ging so lange, bis sieben Wochen nach Agnetas wütender SMS mein Handy klingelte. Ein Anruf von ihr. Während ich noch überlegte, was ich tun sollte, ging das altersschwache Gerät aus. Ärgerlich steckte ich das Ladekabel hinein und stellte das Handy wieder an – schon bekam ich eine SMS:

Jetzt drückst du mich auch noch weg? Alles klar, das ist deutlich genug.

Ich hatte sie nicht weggedrückt. Das war das Handy! Ich nahm alle Kraft zusammen, um ihr zu antworten:

Du hast total recht damit, sauer zu sein, und ich bin der blödeste Spacken der Welt, aber ich drück dich doch nicht weg!

Am nächsten Tag schrieb mir Nils eine SMS. Ob wir nicht mal telefonieren sollten. Ich war aufgeregt und hatte Angst. Nicht davor, dass Nils böse wäre, er ist nie böse. Aber davor, was er mir erzählen würde. Trotzdem stimmte ich zu und wenig später klingelte das Telefon. Ich ließ es viele Male klingeln, dann schaffte ich es, abzuheben.

»Ach Lola, nun ruf sie endlich an.« Nils versuchte, mir gut zuzureden. »Oder schreib ihr wenigstens eine Nachricht. Du weißt doch, dass Agneta nicht nachtragend ist. Sie will einfach nur mit dir sprechen. So geht das nicht weiter, ich kann das nicht mehr mit ansehen …«

Dass sie nicht nachtragend war, wusste ich. Eigentlich. Aber ich konnte trotzdem nichts gegen meine Angst tun. Und gegen meine Kraftlosigkeit. Wie sollte ich jemanden anrufen, bei dem ich mich schon seit sieben Wochen hätte melden müssen? Denn die Hürde wurde ja nicht kleiner, sondern größer. Mit jedem Tag, der verstrich, wuchs mein Selbsthass. Ich hätte schon gestern anrufen müssen. Vorgestern. Vor einer Woche.

»Ich werde sie anrufen. Bald.«

Und dann erzählte er es.

»Lola. Du musst dich bei ihr melden. Sie … sie hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Ganz plötzlich.«

»Was?!«

»Sie ist mit einem gelben Jutebeutel in der Hand vor mir niedergekniet und hat mir einen Antrag gemacht.«

»Was denn für ein Jutebeutel?«

»Da waren M&M’s drin, bedruckt mit ›Will you marry me?‹. Eigentlich wollte sie damit einen Kuchen backen, aber dann hat sie mir den Beutel in die Hand gedrückt. Einfach so.«

Ich konnte nicht anders, ich musste lachen. »Wieso hat sie das gemacht?«

»Ich hatte Angst, sie könnte Zweifel haben. Ich dachte, der Antrag kommt an unserem Jahrestag, aber er kam nicht. Und als ich sie gefragt habe, ob sie mich überhaupt noch heiraten will, ist sie aufgesprungen, ins Schlafzimmer gelaufen und kam mit dem Beutel wieder. Ich habe fast geweint, sie sowieso. Lola, du musst sie anrufen. Du sollst doch Trauzeugin sein!«

Agneta war verlobt! Sie hatte vor Jahren ein Schere-Stein-Papier-Spiel gegen Nils verloren, bei dem es darum ging, wer von beiden den Antrag machen sollte, wenn es so weit war. Und jetzt war es so weit! Aber ich hatte ihr nicht geholfen. Wir hatten nicht alles haarklein durchexerziert, unterschiedliche Varianten besprochen und uns Nils’ Reaktion ausgemalt. Agneta hatte mich nicht direkt danach angerufen, um zu erzählen, wie es gelaufen war. Ich war einfach. Nicht. Dabei gewesen.

Das war das Allerschlimmste. Dass ich ihre Trauzeugin werden sollte, stand schon lange fest. Und nun war ich in diesem entscheidenden Moment nicht für sie da gewesen. Was für eine tolle Trauzeugin! Vielleicht würde ich nie wieder dabei sein – dieser Gedanke kam mir jetzt zum ersten Mal.