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Borderline verstehen lernen Die Diagnose Borderline klingt erschreckend und überwältigt die Betroffenen mit einer Vielzahl an Emotionen: einerseits Erleichterung, weil sie jetzt einen Namen und eine Ursache für ihr „Anderssein“ haben, andererseits Angst und Ratlosigkeit, weil sie (noch) nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Alexander Chapman und Kim Gratz unterstützen Menschen mit Borderline besonders dann, wenn sie es am nötigsten brauchen: direkt nach der Diagnose. Einfühlsam und leicht verständlich erläutern sie, welche ärztlichen Informationen und Untersuchungen wichtig sind, wie mit starken Emotionen umgegangen werden kann, welche wirksamen Behandlungsmethoden es gibt und wie man sich selbst den Alltag erleichtern und Hilfe von anderen bekommen kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2014
Alexander L. Chapman & Kim L. Gratz
Borderline-Persönlichkeitsstörung
Ein Wegweiser für Betroffene
Tun Sie (zunächst einmal) nichts! – Dieser ernstgemeinte Ratschlag irritiert Sie vielleicht oder ruft ein verständnisloses Stirnrunzeln hervor. Für Menschen mit Borderline kann er jedoch entscheidend werden und vor Kurzschlusshandlungen bewahren, da sie häufig impulsiv reagieren und aus Sicht ihrer Mitwelt völlig überzogen.
Die Diagnose Borderline klingt erschreckend und überwältigt die Betroffenen mit einer Vielzahl an Emotionen. Dieses Buch unterstützt sie und ihre Angehörigen mit solchen unkomplizierten, aber alltagspraktischen Ratschlägen besonders dann, wenn sie es am nötigsten brauchen: direkt nach der Diagnose. Einfühlsam und leicht verständlich erläutern die Autoren, welche ärztlichen Informationen und Untersuchungen wichtig sind, wie man mit starken Emotionen umgeht, welche wirksamen Behandlungsmethoden es gibt und wie man sich selbst den Alltag erleichtern kann.
Alexander L. Chapman, Ph. D., ist Privatdozent an der psychologischen Fakultät der Simon Fraser University in Burnaby, British Columbia, sowie Präsident des Dialectical Behaviour Therapy Centre in Vancouver.
Kim L. Gratz, Ph. D., ist Privatdozentin der Fakultät für Psychiatrie und menschliches Verhalten am medizinischen Zentrum der University of Mississippi, Oxford, und leitet dort den Forschungsbereich Persönlichkeitsstörungen sowie die Klinik für Dialektisch-Behaviorale Therapie.
Copyright: © der deutschen Ausgabe: Junfermann Verlag, Paderborn 2014
Copyright © der Originalausgabe: Alexander L. Chapman; Kim L. Gratz, 2013
Die Originalausgabe ist 2013 unter dem Titel „Borderline Personality Disorder. A Guide for the Newly Diagnosed“ bei New Harbinger Publications (USA) erschienen.
Übersetzung: Christoph Trunk
Coverfoto: © artefacti – fotolia.com
Covergestaltung / Reihenentwurf: Christian Tschepp
Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2014
ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-021-7 ISBN dieses eBooks: 978-3-95571-027-9
Anmerkung des Verlags
Die im Buch dargestellten Informationen und Ratschläge wurden sorgfältig geprüft. Autor, Lektorat und Verlag sind jedoch nicht haftbar zu machen für Irrtümer, für das Fehlen von Informationen oder für irgendwelche Folgen, die sich aus der Anwendung der in diesem Buch enthaltenen Angaben ergeben, und übernehmen weder ausdrücklich noch implizit eine Gewähr im Hinblick auf den Inhalt des Buches.
Autor, Lektorat und Verlag haben alle Anstrengungen unternommen, um sicherzustellen, dass im Text genannte Medikamente und Dosierungsanweisungen den zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gültigen Empfehlungen und anerkannten Vorgehensweisen entsprechen. Da aber Forschungsstand, gesetzliche Regelungen und Erkenntnisse zu medikamentöser Therapie und zu den Wirkungen einzelner Medikamente in stetem Wandel begriffen sind, wird Leserinnen und Lesern eindringlich nahegelegt, den Beipackzettel jedes verordneten Medikaments zu prüfen und mit ihrem behandelnden Arzt oder Therapeuten zu sprechen, damit sie bei jeder Veränderung von Indikation oder Dosierung über die betreffenden Warnhinweise und Vorsichtsnahmen informiert sind. Besonders wichtig ist dies, wenn es sich bei der empfohlenen Substanz um ein neues oder selten eingesetztes Medikament handelt.
Manche der in diesem Buch erwähnten Medikamente und medizinischen Maßnahmen sind möglicherweise von Arzneimittelbehörden ausschließlich für den Einsatz in der Forschung zugelassen. Jeder Arzt und Therapeut ist gehalten, sich über den Zulassungsstatus der Medikamente und Maßnahmen, die er in der klinischen Praxis einzusetzen gedenkt, entsprechend zu informieren.
Für alle, die unter Borderline leiden: Ich wünsche Ihnen innere Freiheit und Freude.
– Alexander L. Chapman
Für alle, die mit Borderline zu kämpfen haben: Ich wünsche Ihnen für Ihren Genesungsweg Mitgefühl für sich selbst.
– Kim L. Gratz
Die im Buch mit diesem Zeichen gekennzeichneten Listen können Sie unter http://www.junfermann.de/titel-1-1/borderline_persoenlichkeitsstoerung-10224 herunterladen.
Ich möchte den vielen Menschen danken, die mich bei der Arbeit an diesem Buch unterstützt und mir geholfen haben, es so zu gestalten, dass die von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung Betroffenen möglichst großen Nutzen daraus ziehen können. Zum einen schätze ich mich glücklich, sowohl bei meiner Forschungs- als auch bei meiner therapeutischen Arbeit so großartige Mentoren und Mentorinnen wie Richard Farmer, Tony Cellucci, Thomas Lynch, Clive Robins und Marsha Linehan zu haben. Ich danke ihnen, dass sie mich anleiten und an ihrer Weisheit teilhaben lassen. Zum anderen bin ich den Klientinnen und Klienten, mit denen ich gearbeitet habe, überaus dankbar. Ihr Mut angesichts widrigster Umstände ist mir Ansporn. Mehr, als ich mir je hätte vorstellen können, habe ich von ihnen darüber gelernt, wie ich so arbeiten und schreiben kann, dass dies für sie in ihrem tagtäglichen Kampf so hilfreich wie möglich ist. Schließlich möchte ich auch meiner Familie danken, die mich auf wunderbare Weise unterstützt.
– Alexander L. Chapman
Ich denke mit größter Dankbarkeit an alle, denen ich auf dieser Reise der Sorge um die Menschen, die unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leiden, begegnet bin – den Mentorinnen und dem Mentor, die mich ausgebildet haben (Elizabeth Murphy, Liz Roemer und John Gunderson), den Therapeutinnen und Therapeuten, die denselben Weg gehen und ihre Zeit und Kraft dieser anspruchsvollen Aufgabe widmen, und den Klientinnen und Klienten, deren Vertrauen, Mut und Entschlossenheit zur Genesung ein großes Geschenk für mich sind. Außerordentlich dankbar bin ich auch den Mitgliedern meines Beratungsteams zur Dialektisch-Behavioralen Therapie und insbesondere Katie Dixon-Gordon, für all das, was sie leisten, um den Menschen, die unter Borderline leiden, zu helfen und einander in diesem Prozess zu unterstützen. Ohne sie könnte ich diese Arbeit nicht tun. Ich bin auch unglaublich dankbar dafür, Daisy in meinem Leben zu haben, durch deren Liebe und Unterstützung alles schöner wird. Und schließlich gilt wie immer, dass ich Matt Tull auf ewig dankbar bin und mich glücklich schätze, ihn in meinem Leben zu haben. Seine Liebe, seine Freundschaft, sein Zuspruch und seine Unterstützung (im Emotionalen wie im Praktischen) machen alles möglich, und dieses Buch hätte ohne ihn nicht geschrieben werden können.
– Kim L. Gratz
Wenn Sie dieses Buch zur Hand genommen haben, könnte es gut sein, dass Sie vor kurzem die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) erhalten haben. Falls ja, fragen Sie sich jetzt vielleicht: Wie geht es jetzt weiter? Das ist eine sehr wichtige Frage. In Büchern und auf Websites zum Thema BPS, ja sogar in den meisten Texten zur Behandlung der Störung geht es allenfalls am Rande darum, in welcher Situation sich Betroffene unmittelbar nach der Diagnosestellung befinden oder wie sie mit all den Fragen und Emotionen, die sie bedrängen, fertigwerden sollen. Häufig wird sogleich eine Fülle von Informationen zur BPS angeboten, etwa zu ihren möglichen Ursachen oder zu der Art von Problemen, mit denen Betroffene zu kämpfen haben. Oder man geht sogar gleich dazu über, Ihnen Strategien zu erläutern, die Sie im Umgang mit den Symptomen der BPS einsetzen sollen. Alle diese Informationen mögen hilfreich sein, doch besser wäre es, das Thema langsamer anzugehen.
Die Diagnose BPS kann bei Ihnen zunächst einmal starke Gefühle auslösen, sowohl positive als auch negative, und vielleicht brauchen Sie erst Zeit, ehe Sie die nächsten Schritte angehen. Das Gute daran ist: Wenn Sie sich jetzt mit der neuen Diagnose auseinandersetzen und sich Gedanken machen, wie es weitergehen soll, sind dies bereits wesentliche Elemente des Genesungsprozesses.
In diesem Kapitel möchten wir Sie auf einige Dinge vorbereiten, die nun, nachdem man Ihnen gesagt hat, dass bei Ihnen die Kriterien einer BPS erfüllt sind, auf Sie zukommen können. Außerdem möchten wir auf mögliche erste Maßnahmen eingehen, die Sie ergreifen können.
Herausfinden, ob die Diagnose auch stimmt
Die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung kann für Sie einen wichtigen Einschnitt in Ihrem Leben bedeuten und wesentlichen Einfluss darauf haben, wie Sie sich in Zukunft um Ihr seelisches Wohlbefinden kümmern werden. Deshalb ist der erste Schritt nach der Diagnose, sich zu vergewissern, ob sie tatsächlich zutrifft. Wer hat die Diagnose gestellt? Wie ist er oder sie dabei vorgegangen? Welche weiteren Fragen haben Sie im Zusammenhang mit der Diagnose? Wichtig ist auch, ob Sie das Gefühl haben, dass die Diagnose auf Sie passen könnte. In den folgenden Abschnitten schauen wir uns jeden dieser Punkte genauer an.
Wer hat die Diagnose gestellt?
Eine der ersten Fragen, die Sie sich stellen sollten, ist die, ob die Diagnose von einer Person kommt, die für eine derartige Einschätzung hinreichend qualifiziert ist. Heutzutage nutzen immer mehr Menschen das Internet, um herauszubekommen, was ihnen selbst oder einem Angehörigen denn fehlen könnte. Wenn Sie selbst oder jemand, der Ihnen nahesteht, unter einem körperlichen oder psychischen Problem leiden, liegt es nahe, dass Sie sich so rasch und so umfassend wie möglich informieren wollen. Das Internet ist in dieser Hinsicht einfach unschlagbar, weil es zu fast jedem erdenklichen Thema Auskunft geben kann.
Leider sind die Informationsangebote zur BPS im Internet von höchst unterschiedlicher Qualität. Manche Websites sind hervorragend dafür geeignet, sich ein genaueres Bild von der BPS zu machen, und stellen die Symptome dieser Störung detailliert und kompetent dar. Einige dieser Internetangebote werden wir am Ende dieses Kapitels vorstellen. Es gibt aber auch Websites, die unzutreffende Informationen zur BPS verbreiten und den Forschungsstand falsch wiedergeben. Wer sich auf diese fehlerhaften Angaben stützt, wird wahrscheinlich nicht zu einer zutreffenden Diagnose gelangen.
Außerdem ist es grundsätzlich nicht empfehlenswert, die Diagnose einer (körperlichen oder psychischen) Erkrankung bei sich selbst zu stellen. Denn wenn wir von Symptomen lesen, haben wir die Tendenz, sie an uns selbst zu erahnen, auch wenn sie gar nicht existieren. Dieses Phänomen ist in der ärztlichen Ausbildung (die Studierenden müssen Texte über alle möglichen Erkrankungen lesen) derart weitverbreitet, dass es als Medizinstudenten-Syndrom bezeichnet wird. Wer also von Symptomen liest, neigt zu der Vorstellung, sie kämen bei ihm viel häufiger vor oder seien viel ausgeprägter, als es der Wirklichkeit entspricht. Deshalb hat es wenig Sinn, die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung bei sich selbst stellen zu wollen. Unterm Strich heißt das: Um eine zutreffende Diagnose zu erhalten, wenden Sie sich am besten an einen dafür ausgebildeten Psychotherapeuten oder Arzt.
Wie ist die Diagnose zustande gekommen?
Ob bei einem Menschen eine Borderline-Persönlichkeitsstörung vorliegt, ist nicht leicht zu entscheiden. Deshalb sollten Sie wissen, auf welchem Weg der Experte in Ihrem Fall zu der Diagnose gelangt ist. Nur dann ist für Sie klar, ob die Diagnose hinreichend fundiert ist.
Das verlässlichste Verfahren zur Untersuchung psychischer Probleme ist das strukturierte klinische Interview. Bei einem strukturierten klinischen Interview stellt der Psychotherapeut oder Arzt Ihnen eine Reihe von vorgegebenen Fragen zu Ihrem Befinden und Ihrem Verhalten. Um zu überprüfen, ob bei Ihnen BPS-Symptome vorhanden sind, fragt er Sie beispielsweise: „Gibt es bei Ihnen häufige Stimmungsschwankungen?“, oder: „Haben Sie in Ihren Beziehungen häufig Streit oder Trennungen erlebt?“ Er bittet Sie vielleicht auch, bestimmte Punkte weiter auszuführen oder Beispiele dafür zu nennen. Zögern Sie nicht, ihm so viele Informationen zu geben, wie Sie können. Wichtig ist auch, während des Gesprächs möglichst aufrichtig zu sein. Der Psychotherapeut oder Arzt kann Ihre Diagnose nur aus dem ableiten, was Sie ihm sagen.
Der Therapeut oder Arzt wird Ihnen nicht nur Fragen zu möglichen BPS-Symptomen stellen, sondern auch zu Erfahrungen, die Sie in der Vergangenheit gemacht haben, zur Familienvorgeschichte und zu Symptomen anderer Störungen. Er will sich auf diese Weise vergewissern, dass die von Ihnen berichteten Symptome am besten mit einer BPS zu erklären sind und nicht zum Beispiel mit einer affektiven Störung, einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer körperlichen Erkrankung. Am Ende des strukturierten Interviews wird er ein Resümee Ihrer Antworten ziehen und prüfen, ob bei Ihnen genügend Symptome vorliegen, um die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu rechtfertigen. Nach den derzeit gültigen Leitlinien müssen von neun BPS-Symptomen (die wir in Kapitel 2 beschreiben werden) nur fünf gegeben sein, damit die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gestellt werden kann (American Psychiatric Association, 2000).
Manche Ärzte und Therapeuten stützen sich bei der BPS-Diagnostik nicht auf das strukturierte klinische Interview. Dies ist zwar die Methode, die als die verlässlichste gilt, doch es gibt auch noch andere diagnostische Verfahren. Der Therapeut oder Arzt lässt Sie vielleicht auch einen Fragebogen ausfüllen, der auf eine Reihe von Symptomen zielt. Diese Vorgehensweise hat den Vorzug, dass sie gewöhnlich viel weniger Zeit erfordert als ein strukturiertes Interview und Sie die Diagnose somit schneller erhalten. Die ausschließliche Verwendung von Fragebögen bei der BPS-Diagnostik hat allerdings auch einige Nachteile. Vor allem kann sich der Therapeut oder Arzt kein wirklich umfassendes Bild davon machen, wann, wie oft und in welchen Situationen die jeweiligen Symptome bei Ihnen auftreten, weil ein solcher Fragebogen Sie dazu anhält, unter einer begrenzten Anzahl von Antwortmöglichkeiten die jeweils zutreffendste zu wählen. Fragebögen allein können deshalb wohl kaum die nötigen detaillierten Informationen liefern, die für eine korrekte BPS-Diagnose erforderlich sind.
Wenn ein Therapeut oder Arzt eine Borderline-Persönlichkeitsstörung allein anhand von einem oder mehreren Fragebögen diagnostiziert hat, kann es gut sein, dass er nicht sämtliche Informationen zur Verfügung hatte, die für eine treffsichere Diagnose eigentlich notwendig gewesen wären. Andererseits hat man für einige Fragebögen nachweisen können, dass sich mit ihrer Hilfe zuverlässig ermitteln lässt, ob jemand an BPS leidet oder nicht. Ihre Verwendung kann also als erster diagnostischer Schritt durchaus sinnvoll sein. Wir glauben jedenfalls, dass ein Fragebogen nur als Einstieg in ein umfassenderes Gespräch über Ihre Symptome dienen sollte.
Scheuen Sie sich nicht, selbst Fragen zu stellen
Nachdem ein Therapeut oder Arzt die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung bei Ihnen gestellt hat, sind Sie mit Fragen an der Reihe. Vielleicht hat er Ihnen, als er Ihnen die Diagnose mitteilte, bereits erläutert, wie er dazu gekommen ist und welche verschiedenen Aspekte er dabei berücksichtigt hat. Falls nicht, sollten Sie keine Scheu haben, nachzufragen. Überhaupt sollten Sie so viel fragen, wie Sie möchten, ganz gleich, wie viele Informationen der Therapeut Ihnen gibt. Nur auf diese Weise werden Sie herausfinden, ob die Diagnose für Sie stimmig ist.
Für den Fall, dass Sie nicht sicher sind, welche Arten von Fragen Sie stellen sollen, nennen wir Ihnen einige, die hilfreich sein könnten. Erstens können Sie den Therapeuten, falls Sie finden, dass er sich dazu noch nicht klar genug geäußert hat, direkt fragen, ob er glaubt, dass bei Ihnen eine BPS vorliegt und aufgrund welcher konkreter Anhaltspunkte er zu diesem Schluss gekommen ist. Diese Frage dürfte für jeden Therapeuten leicht zu beantworten sein. So bekommen Sie eine viel klarere Vorstellung davon, wie die Diagnose auf Ihre persönliche Situation passt. Aus ähnlichen Gründen ist es auch wichtig nachzufragen, welche BPS-Symptome bei Ihnen im Einzelnen zu erkennen sind. Zum Beispiel können Sie den Therapeuten bitten, die BPS-Symptome nacheinander mit Ihnen durchzugehen und Ihnen die Kriterien zu erläutern, anhand deren man sie feststellt. Schließlich können Sie sich auch vergewissern, ob der Therapeut anstelle einer Borderline-Persönlichkeitsstörung oder zusätzlich zu dieser auch mögliche andere Diagnosen in Betracht gezogen hat, und ihn fragen, ob er zu anderen Störungen und Problemen Anhaltspunkte geprüft hat, um welche es sich dabei handelte und warum er sich stattdessen (oder zusätzlich) für die Diagnose BPS entschieden hat.
Kommt Ihnen die Diagnose stimmig vor?
Wichtig ist auch, sich zu fragen, ob Sie die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung damit zusammenbringen können, wie Sie sich selbst erleben. Nehmen Sie sich Zeit dafür, die Beschreibungen der BPS-Symptome durchzugehen und zu überlegen, ob sie tatsächlich auf Sie zutreffen könnten. Passen sie zu den Erfahrungen, die Sie gemacht haben? Hilft die Diagnose Ihnen, die verschiedenen Gedanken, Verhaltensweisen und Emotionen, die Ihnen zu schaffen machen, zu ordnen oder besser zu verstehen? Erscheint Ihnen die Diagnose einleuchtend? Vertrauen Sie Ihrem Gefühl. Wenn die Symptombeschreibungen nicht auf Ihre Erfahrungen oder Ihre Probleme zu passen scheinen, sollten Sie mit dem Therapeuten darüber sprechen, ob eine umfassendere diagnostische Abklärung möglich ist oder ob bei Ihnen nicht auch ein anderes Störungsbild vorliegen könnte. Denn aus der Diagnose leitet sich letztlich ab, welche Behandlungsoptionen es gibt und welche Entscheidungen Sie auf Ihrem Weg zur Genesung treffen werden. Deshalb ist es wichtig für Sie, dass sich Ihr Verhalten, Denken und Fühlen in der Diagnose wirklich widerspiegelt.
Eine zweite Meinung einholen
Nehmen wir an, Sie haben mit dem Therapeuten über die Diagnose gesprochen, alle Fragen gestellt, die Sie an ihn hatten, und nachgelesen, wie die BPS-Symptome definiert sind. Wenn Sie nun immer noch das Gefühl haben, dass die Diagnose nicht auf Sie passt, ist es ganz und gar vernünftig, eine zweite Meinung einzuholen. Viele Menschen, bei denen eine körperliche Erkrankung festgestellt wird, lassen die Diagnose von einem anderen Arzt überprüfen. Bei einem psychischen Problem ist das ebenso möglich. Die Diagnostik ist kein mathematisch exakter wissenschaftlicher Prozess. Experten können sich irren und haben außerdem auch unterschiedliche Sichtweisen. Falls Sie also irgendeinen Grund haben, am Urteil des Therapeuten oder des Arztes zu zweifeln, oder falls Sie einfach die beruhigende Gewissheit haben wollen, dass alle diagnostischen Möglichkeiten ausgeschöpft wurden, sollten Sie sich an einen weiteren Therapeuten oder Arzt wenden und ihn um sein Urteil bitten.
Mit Ihren emotionalen Reaktionen auf die Diagnose zurechtkommen
Die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung kann bei den Betroffenen ganz unterschiedliche Emotionen und Gedanken auslösen. Manche verspüren Erleichterung: Sie haben jahrelang gegen ihre Symptome angekämpft, ohne zu wissen, womit sie es zu tun hatten oder wie sie sich ihre Schwierigkeiten erklären sollten. Für sie kann es deshalb entlastend wirken zu erfahren, dass dieses Symptombild einen Namen hat und auch bei vielen anderen Menschen vorkommt.
Denken Sie daran zurück, wie es Ihnen vor der Diagnose ging. Vielleicht hatten Sie das Gefühl, dass mit Ihnen irgendetwas nicht stimmt oder dass Sie anders als alle anderen sind. Haben Sie sich gefragt, warum Sie mit Ihrem Gefühlsleben und in Ihren Beziehungen viel mehr Schwierigkeiten zu haben scheinen als andere Menschen oder warum das Leben für Sie oft ein solcher Kampf ist? Haben Sie sich mit Ihren Erfahrungen allein, als Außenseiter oder als schwarzes Schaf gefühlt? Nicht zu wissen, wogegen Sie eigentlich ankämpfen, und sich dabei auch noch allein zu fühlen ist schwer zu ertragen. Dies kann dazu führen, dass Sie Ihren Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen nicht trauen, sich hilflos fühlen, an sich zweifeln und die Hoffnung verlieren.
Wenn Sie dann die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung hören und erfahren, dass es für die Schwierigkeiten, die Sie erleben, einen Namen gibt, reagieren Sie also unter Umständen mit einer gewissen Erleichterung. Die Diagnose kann Ihnen die Möglichkeit eröffnen, die eigenen Erfahrungen besser zu verstehen und sich weniger allein zu fühlen. Die Symptome, die Ihnen das Leben schwermachen, kommen derart häufig vor, dass sie in einem Diagnosesystem für psychische Störungen erfasst sind. Das bedeutet, dass auch viele andere Menschen darunter leiden. Sie können daran auch erkennen, dass Forscher und Psychotherapeuten die Borderline-Persönlichkeitsstörung im Blick haben und bemüht sind, mehr darüber zu erfahren und herauszufinden, wie sie am besten zu behandeln ist. All dies kann dazu beitragen, dass Sie eine gewisse Erleichterung verspüren. Zu wissen, womit Sie es zu tun haben, ist eine gute Voraussetzung dafür, sich damit auseinanderzusetzen. Sobald klar ist, dass es sich um eine Borderline-Persönlichkeitsstörung handelt, können Sie auch Schritte zu ihrer Überwindung angehen. Sie schöpfen dann neue Hoffnung und fühlen sich Ihren Symptomen nicht mehr ganz so ausgeliefert.
Wir wollen damit aber keineswegs behaupten, die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung könne bei Ihnen nicht auch Besorgnis, Wut, Traurigkeit oder Scham auslösen. Auch dies sind völlig nachvollziehbare Reaktionen. Weil über die BPS viele Fehlinformationen kursieren, geschieht es leicht, dass jemand, der diese Diagnose erhält, falsche und allzu negative Vorstellungen damit verbindet. Diese Irrtümer lassen sich durch entsprechende Informationen zwar leicht ausräumen, doch zunächst einmal kann es sein, dass Sie traurig und beschämt auf die Diagnose reagieren.
Eine weitere häufige Reaktion auf eine BPS-Diagnose ist Angst. Sie fühlen sich in dieser Situation möglicherweise völlig überfordert, weil Sie keine Ahnung haben, was nun auf Sie zukommt und was als Nächstes zu tun ist. Ihnen ist vielleicht klar, dass Sie qualifizierte Hilfe brauchen, aber Sie wissen nicht, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt oder welche für Sie die beste wäre. Vielleicht fragen Sie sich auch, ob, wann und wie Sie anderen von der Diagnose erzählen sollen. Deshalb ist es nur allzu verständlich, wenn Sie mit Angst und Sorge in die Zukunft blicken.
Schließlich haben manche Betroffene das Gefühl, dass ihr Leben ohnehin schon aus den Fugen geraten und die BPS-Diagnose noch eine Bürde mehr ist, die sie zu tragen haben. Sie fangen vielleicht auch an, über schlimme Erfahrungen wie Misshandlung, Missbrauch oder Vernachlässigung nachzugrübeln, die zur Entstehung ihrer Symptome geführt haben könnten. Deshalb reagieren sie vor allem mit Wut auf die Diagnose.
Die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu erhalten kann für Sie, unabhängig davon, welche positiven oder negativen Emotionen sich einstellen, ein einschneidendes Ereignis sein. Aus diesem Grund ist es sicher sinnvoll, sich grundlegende Bewältigungsstrategien für den Umgang mit Emotionen anzueignen. In den folgenden Abschnitten sprechen wir solche Instrumente an. Auf einige davon werden wir später zurückkommen und Ihnen dann auch noch weitere Strategien nahebringen. Die hier genannten können Ihnen fürs Erste helfen, besser mit den Emotionen klarzukommen, mit denen Sie nach der Diagnose zu kämpfen haben.
Tun Sie (zunächst einmal) nichts
Die Empfehlung, nichts zu tun, mag merkwürdig klingen, doch Sie sollten die Diagnose zunächst eine Weile auf sich wirken lassen. Geben Sie dem Impuls nicht nach, auf der Stelle Entscheidungen zu treffen oder Veränderungen in Ihrem Leben anzugehen. Stattdessen ist es jetzt wichtiger denn je, für eine gewisse Stabilität in Ihrem Leben zu sorgen. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, besteht darin, Ihren gewohnten Tagesablauf einzuhalten: jeden Morgen etwa um dieselbe Zeit aufstehen, wie gewohnt zur Schule oder zur Arbeit gehen und Zeit mit den Menschen verbringen, die Ihnen wichtig sind. Nach einer BPS-Diagnose haben manche das Gefühl, dass ihr Leben völlig aus den Fugen geraten ist. Indem Sie gewohnte Abläufe beibehalten und so weitermachen wie immer, bewahren Sie sich in Ihrem Leben ein gewisses Maß an Vorhersagbarkeit und Sicherheit. So haben Sie das Gefühl, Ihr Leben weitgehend unter Kontrolle zu haben, was von besonderer Bedeutung sein kann, wenn Ihre Situation ansonsten chaotisch und belastend ist.
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