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Das Borreliose-Jahrbuch 2015 ist die logische Ergänzung der Zeitschriften BORRELIOSE WISSEN der Patientenorganisation Borreliose und FSME Bund Deutschland e.V. Es beinhaltet alles an Neuheiten und Hintergründen, was zu lang für die Zeitschriften war oder nach dem letzten Erscheinen im Oktober 2014 hinzugekommen ist und nicht bis April 2015 warten kann. Die Herausgeberin Ute Fischer ist zugleich Beraterin der Borreliose-Hotline, Redakteurin der Borreliose-Fachzeitschriften und sitzt damit an den Quellen für Diagnostik, Therapie, Forschung, Gesundheitspolitik und Patientenberatung. Auch in 2014 war sie fleißig unterwegs auf Ärztekongressen und Borreliose-Tagungen, um notwendige Informationen für Patienten und Ärzte einzufangen, die in den normalen Medien nicht auftauchen und sogar mit Absicht verschwiegen werden. Aus dem Inhalt: BORRELIOSE WISSEN aktuell: • Entlarvt: Leukämie war Neuro-Borreliose • Entlarvt: Karpaltunnel-Syndrom durch Borreliose • Entlarvt: Sehnenscheidenentzündung durch Borreliose • Die am meisten übersehenen Krankheiten • Wenn Kinder plötzlich nicht mehr funktionieren • Therapie ohne Antibiotika (TCM, Von Rosen) • Fieber-Therapie zuhause • Was passiert bei der Herxheimer-Reaktion? • Alzheimer durch Borreliose? • Urteil: Vermeidbarer Diagnose-Irrtum • Böses Spiel der Versicherungen • Anleitung: Wie man schlechte Gutachter entlarvt Ärzte, Wissenschaftler und Patienten berichten über Neues Wissen aus Diagnostik, Therapie und Forschung aus dem Jahr 2014. Es ist nicht im Internet zu finden. Betroffen nehmen wir zur Kenntnis, dass dieses Wissen bei den meisten behandelnden Ärzten noch nicht angekommen ist. Sie sind darauf angewiesen, dass wir es Ihnen hinterhertragen.
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Seitenzahl: 143
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ein Buch aus dem
Redaktionsbüro Fischer + Siegmund
In den Rödern 13
64354 Reinheim
Fotos: Ute Fischer (→, →, →, →), N. W. Klehr (→, →), Claudia Siegmund (→), Albin Obiltschnig (→), privat (→, →, →, →), Novartis (→, →)
Die Borreliose-Jahrbücher werden nach bestem Wissen und journalistischer Recherche sowie aus persönlicher Betroffenheit zusammengestellt.
Sie ersetzen keinen Arzt-Besuch.
Für Richtigkeit, Wirksamkeit, Dosierungen und Ähnliches wird keine Gewähr übernommen.
Anleitung zum Führen eines Symptom-Tagebuchs
Beschiss
Angebliche Leukämie war Neuro-Borreliose
SpiroFind – Nebelkerzen und ein weiter Weg zur Routine-Diagnostik
Die übersehenen Krankheiten
Wenn Kinder plötzlich nicht mehr funktionieren
Chronische Borreliose und Traditionelle Chinesische Medizin
Antibiotika machen doch dick
Neue Strategien gegen chronische Schmerzen
Grundlagen der Borreliose Therapie
"Fiebertherapie" zu Hause
Ganzkörperhyperthermie bei Borreliose
Alzheimer durch Borreliose?
Unser Mikrobiom – Ein Ökosystem im Menschen
Für Forschung auf die Straße gehen
Ist das Chronische Borreliose?
Borreliose – Hauptursache bei Tendovaginitis und Karpaltunnel-Syndrom
Notizen von der ILADS-Konferenz Augsburg 2014
Versicherungsrisiko Borreliose
Bestechung und Bestechlichkeit von Parlamentariern
Neues Medizin-Wahlfach „Was hab‘ ich?“
Die vier Stufen der Patientenkompetenz
Keine Hilfe für Barbara Pronk
7000 Euro für „vermeidbaren Diagnose-Irrtum“
Diagnose durch LTT – Tragödien aus Belgien 87
Patientenbericht Marshall Protocol
Herxheimer-Reaktion (HR) bei Borreliose
Wie man Schlechtachter erkennt
ILADS-Leitlinien aktualisiert
Wichtig bei Begutachtungen
DPAs falsche Zecken in der Zeitung
Borreliose und tausend Träume
Zecken-Gelaber als Seiten-Füller
Der Spiegel – investigativ ist etwas anderes
Gekaufte Journalisten
Schlimme Karrieren für Zecken
Bücher von den Autoren
Literatur vom Borreliose und FSME Bund
Zu guter Letzt
Seit Erscheinen des ersten Borreliose-Jahrbuchs 2006 fanden Sie stets ein als Symptom-Tagebuch vorbereitetes Kalendarium in diesem Buch. Das haben wir 2013 aufgegeben, um den Preis des Jahrbuchs erschwinglicher zu machen.
Sie können sich stattdessen eine einfache Kladde einrichten, ein Schulheft, ein Ringbuch oder ihre Eintragungen täglich mit dem Computer festhalten.
Wofür ein Symptom-Tagebuch?
Borreliose-Beschwerden ändern sich von Tag zu Tag. Entzündungen springen von Gelenk zu Gelenk, von einer Körperseite auf die andere. Sie verschwinden urplötzlich und blühen wo anders auf, wo sie nicht sofort als Borreliose-Symptom identifiziert werden. Erst in der Zusammenschau der Vielfalt von Beschwerden, ihre vermuteten Auslöser und vor allem, wenn ihnen eine gewisse Dynamik anzumerken ist, schafft ein Symptom-Tagebuch Beweise, wenn man mal wieder in die psychische Ecke gedrängt werden soll. Vom Arzt. Vom Lebenspartner. Von den Kollegen.
Ein Symptom-Tagebuch bringt Ordnung in die verwirrenden Eindrücke, die ein Borreliose-Patient erfährt. Damit lässt sich nachvollziehen, auf welches Medikament und wann eine Besserung eintritt oder das Gegenteil. Es hilft auch, sich zu erinnern, welche Aktivitäten Beschwerden verstärken oder abschwächen und wie lange man welches Medikament in welcher Dosis eingenommen hat. Und es zeigt eindrucksvoll, wenn ein neuer Schub stattgefunden hat und wie lang die beschwerdefreie Phase danach angehalten hat.
Wir raten Ihnen, sich auf Beschwerden zu konzentrieren, die nach Ihrem Anschein tatsächlich mit der Borreliose zusammenhängen können. Ein Muskelkater, weil man nach langer Zeit mal wieder beim Turnen war, muss daher auch mit der untrainierten Aktivität erfasst werden. Wichtig vor allem ist die Unterscheidung, wie sich so ein Muskelkater anfühlt und wie der, den uns die Borreliose oft über Tage und Wochen beschert. Vor allem lernen Sie, Ihre Beschwerden möglichst genau zu beschreiben, zu differenzieren. Es tut nicht einfach nur weh. Schmerzen sind stechend, brennend, kribbelnd, pochend, ziehend, fließend, wandernd, flächig, punktuell, sternförmig, ringförmig. Kopfschmerzen können sein kappenförmig, von einer Seite ausgehend, dröhnend, von Nacken aufsteigend, vom Ohr aufsteigend, klopfend oder von einem Gefühl, als sei der Kopf in Watte gepackt. Auch Lähmungen verändern sich. Taubheit auf der Haut wechselt sich ab mit Eiseskälte, brennenden Stellen und unbremsbarem Juckreiz.
Bei Wortfindungsstörungen schreiben Sie auf, welche Worte Sie verwechseln: zum Beispiel Zahl und Zeit, Teppich und Teddy, obsolet und obligat, Hose und Schuhe, einpacken und einplanen, Vorsitzender und Vorgesetzte, Konfirmation und Konstitution, Information und Infektion.
Wichtig bei diesen Beschreibungen sind auch die Ereignisse darum herum: Wenn Sie am Vorabend Alkohol getrunken haben, Ärger im Betrieb, Streit mit dem Partner hatten oder eine außergewöhnliche Mahlzeit wie zum Beispiel „Grünkohl mit Pinkel“, „Schlachtplatte“ oder ein exotisches Buffet mit ungewöhnlichen Gewürzen. Wenn Sie ungeübterweise einen langen Spaziergang gemacht haben, schwimmen waren, sie eine lange Autofahrt unternehmen mussten, mit dem Fahrrad in ein Unwetter gerieten. So mancher reagiert mit entsetzlichen und oft über Tage bleibenden Nackenschmerzen, weil er hochkonzentriert ein Kilogramm Zwiebeln geschnitten hat. Natürlich müssen auch besonders angenehme Aktivitäten festgehalten werden, um nachträglich zu sehen, wie gute Gefühle Beschwerden abschwächen und Schmerzen weniger intensiv erlebt werden als unter großer Traurigkeit.
Unser Immunsystem reagiert auf Gut und Böse. Was Gut und was Böse ist, entscheidet es allerdings selbst. Ist es gut drauf, kann uns das vorbei fliegende Schnupfenvirus nichts anhaben.
Erhielten wir gerade eine unangenehme Nachricht, sind wir empfänglich für Erreger. So immunstärkend Ausdauersport auch ist, kurz danach geht unser Immunsystem erst einmal in den Keller. Wer danach mit dem Bus nach Hause fährt, hat alle Scheunentore offen für Erreger seiner Umwelt.
Was gehört ins Symptom-Tagebuch?
Medikamente: Name, Art, Dosis
Körperliche Aktivitäten
Positive oder negative Reize/Erfahrungen
Termine wie Arzt, Krankengymnastik, Sportprogramm
Art der Beschwerden mit Erläuterung, ob sie neu sind oder schon länger vorhanden, ob sie sich verstärkt oder abgeschwächt haben oder verschwunden sind.
Gebräuchliche Abkürzungen, um mit kleinformatigen Kalendern klarzukommen:
Gebräuchliche Abkürzungen
KS
Kopfschmerzen
GS
Gelenkschmerzen (Nennung des Gelenks)
li
links
re
rechts
MS
Müdigkeit, Schlappheit
T
Taubheit (Lokalität)
L
Lähmung (Lokalität)
WF
Wortfindungsstörungen
VW
Verwirrtheit
SA
Schlechtes Allgemeingefühl
SP
Seh-Probleme
+
stärker
++
sehr stark
–
schwächer
gleich bleibend
Nicht nur Borreliose-Patienten, alle Patienten in Deutschland, in Europa, in den USA und in Kanada werden von Politikern hinters Licht geführt. Und viele Ärzte machen dabei mit. Allen voran die Leitlinien-Autoren, die sich an halbseidenen Studien aus dem letzten Jahrhundert klammern und die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Ziemlich sicher ist, dass es keine S3-Leitlinie für Lyme-Borreliose geben wird, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Und das ist gut so. Nur so bleibt Freiraum für Ärzte, die über den Tellerrand hinausschauen und sich am Patienten orientieren statt an Dogmen aus amerikanischen Fachgesellschaften, die der Beeinflussung durch Versicherungen und Testherstellern längst überführt sind.
Den Skandal des Jahres 2014 stammte vom Robert Koch-Institut (RKI). In einem nicht für uns bestimmten Brief stand, dass die noch heute veröffentlichten Zahlen für Neuinfektionen auf der Hochrechnung einer Studie mit niedersächsischen Ärzten aus den Jahren 1987 und 1988 basiere. Begründung: Man ging von der Annahme aus, dass Borreliose in Deutschland „geographisch homogen“ verbreitet sei. So entstand die magische Zahl von 40.000 bis 80.000 Neuinfektionen pro Jahr. Das RKI ist eine Abteilung des Bundesministeriums für Gesundheit.
Es kommt noch schlimmer: Die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen, gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, verharmloste auf seiner Webseite noch im Oktober 2014, dass sich in Deutschland jährlich 30.000 bis 60.000 infizieren würden. Die haben wohl den RKI-Hausmeister interviewt. Das Leibnitz-Institut für Länderkunde veröffentlicht in seiner Homepage eine Zahl der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: 2011 seien 303.000 Behandlungsfälle abgerechnet worden; freilich nur von Kassenpatienten. Die Zahl der jährlichen Abrechnungsfälle hätte 2012 bereits bei einer Million gelegen.
Als der Borreliose und FSME Bund 2008 und 2009 das wahre Ausmaß als Hochrechnung plakativ darstellte, erscholl ein großer Aufschrei der Krankenkassen. Plötzlich wollten sie, allen voran die Techniker Krankenkasse, keine Zahlen mehr herausgeben. Und das Bundesgesundheitsministerium, das den Druck eben dieses Plakats finanziell bezuschusst hatte, verlangte plötzlich unter Androhung von rechtlichen Schritten, dass man diese Plakate wieder einstampfe.
Kann es uns trösten, dass wir etwas informierter sind als Patienten in den USA, in Kanada und Australien? In der Kanadischen Provinz Ontario kämpfte Gabriel Magnotta, ein wohlhabender Mann, viele Jahre um sein Leben und verlor. Seine Witwe klagt die Politiker an, dass es in Kanada für einen Hund bessere Tests gebe als für Menschen. Angeblich lassen sich kanadische Patienten unter dem Namen ihres Hundes von Veterinären behandeln, weil sie öffentlich stigmatisiert werden. Auch in Deutschland gibt es wohlhabende Menschen mit Borreliose, auch etliche Politiker – und trotzdem sind sie nicht zu bewegen, sich öffentlich für Borreliosepatienten einzusetzen. Wen oder was befürchten sie?
Wir, die Herausgeber, sind nicht wohlhabend, um Stiftungen zu begründen, um Kampagnen zu fahren. Aber wir erheben unsere Stimmen mit Kraft und Ziel der öffentlichen Wahrnehmung. Und wir rufen alle auf, das Thema Borreliose nicht totzuschweigen und sich gegen falsche Berichterstattung mit Leserbriefen und Protestbriefen an Redaktionen und Politiker zu wenden. Besonders bei Neuwahlen für Bund und Landkreis. Da werben die Möchtegern-Abgeordneten um die Gunst der Wähler und versprechen, sich für ihr Wohl einsetzen zu wollen. Man sollte die schriftlichen Wahlversprechen gut aufheben und bei Gelegenheit die Einlösung einfordern.
Es darf so nicht weitergehen. Und dabei kann/muss jeder mithelfen.
„Auch wer nicht handelt, übernimmt Verantwortung“; Bundespräsident Joachim Gauck auf der 50. Münchner Sicherheitskonferenz am 31.01.2014
Das Chamäleon unter den Infektionskrankheiten
Kritische Diskussion und Kasuistik
Aus dem Institut für Immunologie und Zellbiologie Dr. Klehr, München.
Referent: N.W. Klehr
Coautoren: Bauer, L.J.; B. Brüderl; H. Focke; J. Setter; S. Sowa
Zusammenfassung:
Die Besonderheit der Borrelien der Gruppe Burgdorferi (B) liegt vor allem in der Fähigkeit, deren passive und aktive Protektion (ihr starkes Bestreben) zur Persistenz im menschlichen Organismus aufrecht zu erhalten und damit deren Fähigkeit, sich in nahezu alle menschlichen Organe, Gewebe und Körperhöhlen, also gezielte Nischen einzunisten. Diese Befähigung wird morphologisch und immunologisch präsentiert, woraus sich klinisch die Vielfältigkeit der Symptome und der sie begleitenden „Nischenbeschwerden“ konsequent ableiten lassen. Eine morphologische Vergleichsziehung dieser Pluripotenz-Protektion (zu vielem in der Lage) mit den Tumorstammzellen wird erörtert, deren klinisches Korrelat an zwei Kasuistiken (Fallbeispiele) beschrieben und die Diskussion zur Erstellung der Leitlinien zur Antibiotika-Therapie an diesen anschaulichen Fallbeispielen begründet.
Allgemeines
Borrelien – so auch die der Gruppe B – gehören zur Familie der Spirochäten. Wir unterscheiden die apathogenen (nicht krankheitserregend) Spirochäten, wie sie beispielsweise in der Mundflora, besonders in den Zahntaschen nachweisbar sind, von den pathogenen (krankmachenden) Spirochäten. Unter den human pathogenen Spirochäten ist Treponema Pallida der wohl bekannteste Erreger. Das ist der Erreger der Lues, auch Syphilis genannt. Ursprünglich war es diese Erkrankung, die als das Chamäleon unter den Infektionskrankheiten bezeichnet wurde, weil sich auch Treponema Pallida ebenso wie die Borrelien der Gruppe Bin einer Vielzahl vonOrganen und Geweben – so auch im neuronalen System – manifestieren und ebenfalls die unterschiedlichsten Erkrankungssymptome auslösen beziehungsweise Erkrankungen imitieren.
Genau diese Fähigkeit istauch den Borreliender Gruppe B zu Eigen, so dass sie unterschiedlichste Erkrankungs-Symptome auslösen können. Dem zu Folge sind sie in der Lage, eine Vielzahl von Symptomen-Bildern vorzutäuschen, die allgemein völlig anderen Erkrankungen zugeschrieben und diesen zum Verwechseln ähnlich sind. Somit werden Erkrankungen völlig anderer Ursachen imitiert und in Folge dessen anders als erforderlich behandelt.
Tabelle 1
Während seit Mitte des letzten Jahrhunderts die Syphilis-Erkrankung mit der Einführung des Penicillin unter der leitliniengerechten Therapie ihren Schrecken nahezu vollständig verlor, zeichnet sich geradezu ein gegensätzlicher Trend bei den Borreliose-Erkrankungen ab.
Auf der Suche nach dem Grund für diese Pluripotenz findet sich in der internationalen Literatur eine Vielzahl von Erkenntnissen, insbesondere aus den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. So konnte nachgewiesen werden, dass Borrelien sowohl zur passiven (Tabelle 1), als auch zur aktiven (Tabelle 2) Protektion zum Ziele der Persistenz im menschlichen Körper befähigt sind. Die passive Protektion erreichen Borrelien, indem sie nicht nur durch Zecken oder deren Vorläufer-Stadien, sondern auch durch Mückenstiche – einmal in den menschlichen Organismus gelangt – alsbald über das bekannte Bild des Erythema migrans die gegen sie anflutenden Fress-/Abwehrzellen (die Makrophagen)zur
Tabelle 2
Abwehr aktivieren und diese besetzen. Ähnlich den Gonokokken (Bakterien der Gonorrhö) zerstören sie nicht alle Makrophagen, sondern benutzen diese auch als Vehikel, um schon ab dem zweiten Monat in die Myokardzellen (Herzmuskel), Monozyten und in die Kollagenfibrillen (Bindegewebe) zu gelangen. So erreichen sie auch die Synovialflüssigkeit, die Synovialmembranen, und auch die Fibringerinnsel, die sich in der Gelenkflüssigkeit bilden. Sie gelangen in das Synovial Stroma und in die Fibroblasten, das heißt in die Bindegewebszellen. Sie gelangen auch in die Endothelien, in Sehnen und Bänder, schließlich sogar in das Hautbindegewebe. Im Liquor des Gehirns oder des Rückenmarkes werden sie bis 68 Monate und länger nach Erstinfektion nachgewiesen. Deren Lokalisation in den Plasmiden (DNA-Moleküle) wurde ebenso beschrieben, wie auch in der Iris des Auges sowie auch in den roten Blutkörperchen, den Erythrozyten, wie wir dies von der Malaria kennen.
Seit diesen Untersuchungsergebnissen der 90er Jahre wissen wir auch, dass Erkrankungen des Knochenmarkes, des Herzens, des Herz-Reiz-Leistungs-Systems, des Bindegewebes und der Gelenke auf Borrelien-Infektionen zurückzuführen sind. Aber auch Schäden der Gefäße, der Sehnen und Bänder, diverse Hauterscheinungen, Beschwerden des Auges, Bluterkrankungen und insbesondere die Neuro-Borreliose sind allein auf das Aufsuchen dieser Schutzräume in den Körperhöhlen (sogenannte Nischen) durch Borrelien B zurückzuführen. Dazu gehört auch naturgemäß der Befall des lymphatischen Systems, insbesondere der Lymphknotenbefall sowie die schweren Nervendegenerationen und die Herz-Rhythmusstörungen.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, auf welche Weise Borrelia B dazu befähigt sind, sich – geradezu durch Tarnkappen geschützt – in den verschiedenen Organen, Geweben und Nischen einzunisten, um sich dort entweder abzukapseln, oder weiter zu entfalten?
Der Grund: Goldhagen und Mitarbeiter beschrieben erstmals, dass Borrelien ständig sogenannte Protektionsmoleküle auf deren äußerer Hülle der Zellmembran produzieren, indem sie sogenannte blockierende Antigene, wie zum Beispiel das OSP-C (outer surface protein) exprimieren, also auf ihrer äußeren Zellmembran Proteine bilden, welche das Immunsystem dazu überlisten, die Borrelien nicht als „Feind“ zu erkennen. Mittlerweile sind auch weitere Oberflächenproteine nachgewiesen worden, welche diesen Schutzmechanismus noch unterstützen (Bild 1, Cytoplasma).
Bild 1
Schon 1998 beschrieben Borson & Borson, dass weitere Schutzmechanismen in Form von Glykoprotein-S-Membranen an der Borrelien-Oberfläche wirken, welche Borrelien zur Tarnung vor der immunologischen Erkennung schützen. Ma und Mitarbeiter haben bereits 1991 weitere solche Strukturen beschrieben, die später dann als OSP-A und B identifiziert wurden. Sie bezeichneten diese Substanzen als Liquor-Proteine der äußeren Zell-Membran-Oberfläche der Borrelien. Diese veranlassen die immunkompetenten Abwehrzellen des menschlichen Organismus, die Zytokine Interleukin 6 und TNF auszuschütten (siehe hierzu später: Zytokinausschüttung Kasuistik 1).
Damit wurde letztendlich auch erklärt, weshalb es den Borrelien gelingt, auch die Erythrozyten, also die roten Blutkörperchen, zu besetzen, wie es Mattmann bereits 1993 beschrieb, was aber zum damaligen Zeitpunkt noch nicht ausreichend wissenschaftlich nachvollziehbar war und deshalb nicht verstanden wurde.
Hält man sich vor Augen, dass es sich bei den Erythrozyten um kernlose Partikel handelt (im Gegensatz zu den kernhaltigen weißen Blutzellen), so wird verständlich, dass die Borrelien durch die sie beherbergenden Erythrozyten monatelang unzugänglich für jedwede Antibiotika-Therapie im Körper zirkulieren und erst nach zwei bis drei Monaten – bedingt durch das Lebensende des Erythrozyten – wieder freigegeben werden. Kommt es darüber hinaus zu Einblutungen in das Gewebe oder in Gelenke, so manifestieren sie sich eben genau dort, wo sie durch die absterbenden Erythrozyten freigegeben werden. Dies erklärt anschaulich auch die lang dauernde passive Protektion zur Persistenz der Borrelia B.
Wenig beachtet – aber von ganz entscheidender Bedeutung zur Erklärung der Verbreitung der Borrelien im menschlichen Organismus – sind die grundlegenden Untersuchungen von Zhang und Mitarbeiter aus dem Jahre 1997. Sie wiesen noch weitere Oberflächenproteine (Vlse) nach, sowie das variable major Proteine (Vmp) mit 28 kB Größe, also ein ausgedehntes lineares Plasmide und weitere Vmp-ähnliche Sequenzstellen (Tabelle 2).
Was man so geheimnisvoll und als eher trockene Wissenschafts-Interna zunächst überliest und in Folge dessen wenig ins Auge fällt, ist aber von größter Bedeutung zum Verständnis der Variabilität der Borrelia B. Die Kombination von Vmp und Vlp (very large Proteins) befähigt die Borrelien B dazu, Millionen von Antigen-Varianten hervorzubringen, welche geradezu blitzschnell die Borrelien in die Lage versetzen, gegenüber den immunkompetenten Zellen des Abwehrsystems einmal erkannt, wieder erneut unkenntlich zu werden. Dann ist es von nur untergeordneter Bedeutung, dass zwar einige von ihnen erkannt und vom menschlichen Abwehrsystem zerstört werden können; die Vielzahl dieser Antigen-Varianten aber bleibt unerkannt. Deshalb können Borrelien B in verschiedenen menschlichen Organen und Geweben nach anfänglicher Immunabwehr alsbald weiter persistieren.
Damit wird verständlich, dass Borrelien der Gruppe B geradezu bewundernswerte Verwandlungskünstler sind. Sie haben die Fähigkeit, sich vor jeder immunologischen Erkennung und damit Zerstörung durch das menschliche Immunsystem zu schützen.
Wer nun glaubt, dass dies etwas Einmaliges ist, welches nur Borrelien vor der Erkennung durch das Immunsystem schützt, der irrt. Die Natur kennt keinen „Luxusbetrieb“, in dem jedes Phänomen seine eigenen Strukturen und Mechanismen bildet. Vielmehr wird mit dem geringsten Aufwand „Optimales“ geleistet im Sinne einer ökonomischen Ausleihe von Prinzipien in der Evolution.
Die gleichen Schutzmechanismen entwickeln nämlich auch die Tumorstammzellen, also diejenigen Tumorzellen, welche in der Lage sind, auch zu metastasieren. Sie gelangen zunächst in die Blutbahn, um sich sodann hierüber im Knochenmark festzusetzen. Dort imitieren sie die Stammzellen des blutbildenden Organs, um so schließlich über die Blutbahn auch in andere Organe und Gewebe zur Bildung von Tochtergeschwülsten (Metastasen) zu gelangen. Es sind geradezu, auch bei Tumorstammzellen, die gleichen Strukturen, welche blitzschnell zur Veränderung der äußeren Zellmembran führen (OSP), um sich nicht nur an neue Strukturen zum Zwecke der Ansiedlung anzupassen, sondern auch der Abwehr des Immunsystems zu entgehen. Damit verbunden ist aber auch eine Vielfalt von Symptomen, welche in Folge der Betroffenheit der verschiedenen Organe und Gewebe auftreten und insoweit von der Grunderkrankung, der Borreliose, ablenken.
