Botschafter des Waldes - Michaela Skuban - E-Book

Botschafter des Waldes E-Book

Michaela Skuban

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Beschreibung

Braunbären sind die größten Raubtiere, die in Europa heimisch sind. Sie sind zugleich die gefährlichsten und die empfindlichsten Tiere, denn sie reagieren sehr sensibel auf ihre Umwelt. Bärenexpertin Michaela Skuban nimmt uns mit in die Welt dieser faszinierenden Tiere. Basierend auf ihrer jahrelangen Forschung in der Slowakei, werden Bärenindividuen vorgestellt, die sie während ihrer Forschungstätigkeit beobachten konnte und die uns vieles über die Lebensweise der Riesen verraten. Von Adriano, dem Wildschweinjäger, bis hin zu Anna, der weisen Greisin ...

In ihrem Buch kombiniert Michaela Skuban fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse mit fesselnden Erzählungen und zeigt so, was die Tiere ausmacht. Entscheidend ist auch der Einfluss des Menschen, denn kein anderes Tier macht uns so deutlich, welche Konsequenzen unser immer stärkeres Eindringen in die Natur hat – so lehrt uns der Bär vor allem Respekt und Verantwortung gegenüber unserer Umwelt.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Braunbären sind die größten Raubtiere, die in Europa heimisch sind. Sie sind zugleich die gefährlichsten und die empfindlichsten Tiere. Und sie reagieren sensibel auf ihre Umwelt. Bärenforscherin Michaela Skuban nimmt uns mit in die Welt dieser faszinierenden Tiere. Sie stellt einzelne Bären vor, die uns vieles über die Lebensweise der Riesen verraten. Von Adriano, dem Wildschweinjäger, bis hin zu Eugen, dem weisen Greis.

In ihrem Buch kombiniert Michaela Skuban fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse mit fesselnden Erzählungen. Dabei beschreibt sie das besondere Verhältnis von Menschen und Bären. Kein anderes Tier macht uns so deutlich, welche Konsequenzen unser immer stärkeres Eindringen in die Natur hat – so lehrt uns der Bär vor allem Respekt und Verantwortung gegenüber unserer Umwelt.

Über die Autorin:

Dr. rer. nat. Michaela Skuban studierte in München Biologie und baute die Bärenforschung in der Slowakei mit auf. Dort forscht sie seit fast zwanzig Jahren zu wildlebenden Bären. Nach einer Station in Tirol, wo sie eine Studie zur Habitateignung für Bären durchführte, lebt sie heute wieder im Bärengebiet in der Slowakei. Ihr großes Anliegen ist das Miteinander von Menschen und Bären.

DR. MICHAELA SKUBAN

Botschafter des Waldes

Was uns Bären über uns selbst und unseren Umgang mit der Natur verraten

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Copyright © 2025 by Ludwig Verlag,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Dr. Ulrike Strerath-Bolz

Umschlaggestaltung: wilhelm typo grafisch, Zollikon

Umschlagabbildung: Vlado Vician

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-33135-1V001

www.ludwig-verlag.de

Pre Slava – Ďakujem tí za tvoju podporu a veľké kamaratstvo.

Für Slavo – Danke dir für deine Unterstützung und die große Freundschaft.

Inhalt

Einleitung – oder: Wie bin ich überhaupt zu den Bären gekommen?

Bären und ihr Verhalten

Adriano und die Frage: Was ist eine Kulturlandschaft?

Sylvester und die vielfältige Speisekarte des Bären

Mischo, der sanfte Riese, und die Rolle des Bären in der slawischen Mythologie

Popoluschka und Alica – Partnertausch und Jungenaufzucht im Bärenreich

Maja, Dežo und das Problem der verwaisten Bärenbabys

Das Leben von Bären in der Kulturlandschaft

Schigo und Noro – Opportunisten und Fast-Food-Liebhaber

Nina und der Winterschlaf

Suska und die Straßen – erschwerte Wanderschaft

Anna und Eugen, die beiden Greise unserer Studie, und die Frage: Wo schlafen Bären in einer von Menschen mitbewohnten Landschaft?

Wenn Mensch und Bär aufeinandertreffen

Bär-Mensch-Begegnungen

Todesfälle – das dunkle Kapitel

Peppino, Lilli und Inga – was wir von auffälligen Bären lernen können und müssen

Wie geht es weiter mit den Bären?

Tom, der Ameisenbär am Schafcamp – was zeigt uns der Bär für die Zukunft?

Der Bär im deutschsprachigen Alpenraum – Segen oder Fluch?

Der imaginäre Bär im Wald – was kann uns der Bär als Botschafter des Waldes mitteilen?

Dank

Bildnachweis

Bildteil

Einleitung – oder: Wie bin ich überhaupt zu den Bären gekommen?

Da ich nicht nur mit Bären, sondern auch mit Wölfen arbeite und beide Arten so stark ideologisch besetzt sind, könnte man eigentlich auch die Frage stellen, wie ich überhaupt zu den Raubtieren gekommen bin. Offen gesagt durch Zufall und vor allen Dingen ohne jeglichen ideologischen Hintergedanken. Letztlich war es reines Interesse am Verhalten dieser Tiere. Allerdings interessiere ich mich schon seit frühester Kindheit für Tiere, weshalb ich auch als Kind Tiermedizin studieren wollte. Stattdessen wurde es dann ein Biologiestudium, was ich auch nie bereut habe.

Mit dreizehn Jahren bekam ich meinen ersten Hund, den Mogli. Mit Mogli war ich in der Junior-Hundestaffel eines Polizei- und Schutzhundevereins, und einer unserer Trainer fragte mich eines Tages, ob ich vielleicht mehr über meinen Hund erfahren wollte. »Ja«, sagte ich ganz verlegen, da ich einen großen Respekt vor dem Trainer Ralf hatte, da er wahnsinnig gut mit den verschiedensten Hunden umgehen konnte. »Fein«, erwiderte er, »dann fang an zu lesen: Eberhard Trumler, Erik Zimen und vor allen Dingen David Mech. Du musst den Stammvater, den Wolf, verstehen, dann kapierst du auch deinen Hund.« Also las ich mit vierzehn Jahren mein erstes Wolfsbuch – eigentlich nur mit dem Ziel, meinen Hund besser zu verstehen. Aber von da an war es um mich geschehen: Ich war fasziniert vom Wolf, studierte Biologie und schrieb meine Diplomarbeit über Wölfe in Polen. Da ich Schafe liebe, lebte ich eine Weile als Schäferin in der Schweiz, bevor ich in die Slowakei ging und dort so etwas wie meine Heimat gefunden habe.

Aber wie kam ich gerade zum Bären? Wieder durch Zufall, aber diese Begegnung war für mich etwas sehr Besonderes, und ich kann mich noch ganz klar an sie erinnern, als wenn sie gestern gewesen wäre.

Slavo hatte für mich organisiert, dass ich am 9. Juni 2006 mit zwei Hobbyfotografen in einer Schutzhütte übernachten sollte. Slavo Finďo ist mein langjähriger Kollege und mittlerweile vielleicht sogar mein bester Freund, der immer an mich und meine Arbeit geglaubt hat. An dem besagten Tag hoffte er, dass es vielleicht möglich sein würde, in der Schutzhütte durch das große, offene Fenster Bären zu beobachten. Begleitet wurde ich von meiner großen Hündin Putzi, die den Ausflug in den Wald sehr spannend fand. (Komischer Name, ich weiß. Aber sie war aus dem Tierheim und hieß schon so.)

Wir setzten uns also um 17:10 Uhr ruhig und mit Fotoausrüstung ausgestattet an das offene Fenster. Die riesengroße Putzi saß vor mir und wartete gespannt mit. Um genau 17:30 Uhr erschien ein unglaublich schöner, junger Bär am Rande der Lichtung. Mir blieb der Mund offen stehen, so berührt war ich von dem großen Tier, das vorsichtig um sich blickte. Die beiden Männer kannten den Bären bereits, sie hatten ihm den Namen Jergusch gegeben. Jergusch blieb immer wieder stehen, lauschte und schnupperte. Wir hatten großes Glück, der Wind stand sehr günstig, und Jergusch konnte somit keinen Geruch von uns erhaschen. Bedächtig schritt er auf die Fläche und knabberte etwas an den ausgelegten Äpfeln. Putzi konnte ihn zwar nicht sehen, aber riechen. Sie hob ihre Nase ganz hoch und war auf einmal mucksmäuschenstill. Normalerweise schlug sie bei Wild an, aber nicht in diesem Fall. Mit dem Bären verhielt sie sich ganz anders als sonst.

Jergusch blieb circa fünfzehn Minuten. Dann hatte er uns wohl doch bemerkt und rannte zurück in den Wald. Die beiden Männer lachten und klopften mir auf die Schulter: »Bär war da. Die Putzi ist ein Glücksbringer!« Darauf mussten sie natürlich anstoßen und gönnten sich eine ordentliche Menge an selbst gebranntem Slivovica, einem Pflaumenschnaps. Auch mir brachten sie ein großes Glas, da ich immer noch ganz beeindruckt auf meinem Stuhl am offenen Fenster sitzen geblieben war.

Ja, es hatte mich gepackt. Jergusch hatte mich gepackt. Ich war vollkommen fasziniert von diesem riesigen Waldbewohner, den ich aus so großer Nähe sehen durfte. Automatisch schossen mir viele Fragen durch den Kopf: Was machen die Bären den ganzen Tag? Was fressen sie? Wie leben sie? Bären sind Einzelgänger, und ich bin bis heute davon beeindruckt, dass sie ihr Leben ganz allein meistern müssen, ohne den Zusammenhalt einer Familie oder eines Rudels.

Und dann machte ich mich auf die Suche. Zuerst nach möglichen Sponsoren, da Wissenschaft leider immer Geld braucht und es zu dem Zeitpunkt gar keine Bärenwissenschaft in der Slowakei gab, und später auf Spurensuche nach den großen Braunen. Als wir endlich anfangen konnten, Bären mit Sendehalsbändern auszustatten, um ihre Wege zu verfolgen, war ich begeistert und dankbar, dass ich an ihrem Leben teilhaben durfte. Jeder besenderte Bär hat uns etwas Neues gelehrt, und viele Individuen taten Dinge, die in keinem Lehrbuch stehen.

Dieses Buch kann letztlich auch als eine Hommage an alle unsere besenderten Tiere verstanden werden. Parallel zu den Bären hatten wir viele Hirsche am Sender und fingen später an, auch Wölfe und Luchse zu besendern. Die Wechselwirkungen verschiedener Tierarten machen meinen Beruf umso spannender. Allerdings interagieren gerade Raubtiere auch mit Menschen und deren Interessen. Deshalb war es mir immer auch wichtig, mit den Schäfern zusammenzuarbeiten, denn sie haben es nicht immer leicht, wenn sie im Raubtiergebiet zum Weiden gehen. Und natürlich müssen wir auch verstehen, dass Raubtiere gefährlich sein können und der Mensch trotz aller Faszination immer an erster Stelle stehen sollte.

Momentan verändern sich die Umweltbedingungen rasant, durch menschliche Tätigkeiten und natürlich durch die wärmeren Temperaturen. Eigentlich müssten wir viel mehr Forschung betreiben, um die schnellen Anpassungen zu verstehen. Dieses Buch soll aber die interessantesten Charaktere aus der großen Schar unserer mehr als vierzig verschiedenen Bären vorstellen. Jeder Bär ist ein Individuum – gerade das macht sie so interessant. Anhand der verschiedenen Individuen kann ich in den folgenden Kapiteln viele wichtige Themen berühren. Dabei geht es immer um die Frage: Wie kann ein Zusammenleben von Menschen und Bär gelingen?

Bären und ihr Verhalten

Sylvester und die vielfältige Speisekarte des Bären

Im Laufe meiner langjährigen Arbeit als Biologin im Freiland habe ich mehrere Tausend Kotproben sowohl von Bären als auch von Wölfen untersucht. Shit happens, und das ist auch gut so: Mithilfe der Ernährungsstudien können wir indirekt auf das Verhalten der Tiere zurückschließen. Finden wir Mais im Bärenkot, so war der »Verursacher« sicherlich auf einer Plünderung auf den Feldern. Habe ich Schafsfell im Kot, dann weiß ich, dass er sich an Weidetieren vergriffen hat, was mitunter in Zukunft zu einem Problem werden kann, aber nicht automatisch muss. Die Analyse von Bärenkot ist bei Weitem nicht so geruchlich herausfordernd wie im Falle von Wolfskot, da es sich bei Wölfen um pure Fleischfresser handelt. Die bei der Verdauung von Fleisch entstehenden Merkaptane riechen wirklich fürchterlich, weshalb der Kot auch so stark stinkt. Zusätzlich haben sehr territoriale Tiere Duftdrüsen am After, die ein zusätzliches, stark riechendes Sekret absondern. Damit werden auch Reviergrenzen markiert, und Tiere aus anderen Territorien können diese Grenzen sozusagen leicht »erschnüffeln«.

Als ich in Polen meine Diplomarbeit zum Ernährungsverhalten von Wölfen mithilfe von Kotanalysen begann, sagte mir meine damalige Betreuerin: »Also entweder du gewöhnst dich innerhalb von drei Tagen an den Gestank, oder aber du hast keine Chance.« Offenbar hat das Gewöhnen gut geklappt, ansonsten hätte ich niemals so viele »Kackehaufen« absolvieren können. Im Gegenzug dazu ist der Bärenkot ein Potpourri an verschiedenen Futterelementen, von fruchtig bis nussig, aber manchmal auch voller Insekten oder mit Knochen, Fell, Zähnen und Krallen von Säugetieren. Unter all den drei großen Raubtieren ist der Bär das Tier, das am intensivsten mit den sich veränderten Futterbedingungen seiner Umgebung in einem Wechselspiel steht. Eigentlich sind sämtliche interne Prozesse des Bärenkörpers ideal auf die Bedingungen in der Umwelt abgestimmt. Die inneren Prozesse (oder im Fachdeutsch der Metabolismus) des Bärenkörpers verändern sich sehr stark im Laufe eines Jahres, was wirklich einzigartig ist und den Bären zu einem sehr besonderen großen Beutegreifer macht – allerdings wird er dadurch auch am sensibelsten für Veränderungen, was ihn mitunter in sehr große Schwierigkeiten bringen kann, beispielsweise wenn ein wichtiger Futterstoff in der entsprechenden Zeitperiode nicht verfügbar ist. Aber er hat im Vergleich mit den anderen zwei großen Beutegreifern, Wolf und Luchs, die vielfältigste Speisekarte und kann immer, falls einmal kein Fleisch zur Verfügung steht, auf pflanzliche Alternativen zurückgreifen, was ihm in Notzeiten einen bedeutenden Vorteil verschaffen kann.

Leider konnte ich für die wichtigen, innerlichen Zustände im Bärenkörper keine deutsche Übersetzung finden, sondern muss in diesem Falle wirklich die Fachbegriffe aus dem Englischen präsentieren. Die Begriffe können jedoch etwas verständlicher umschrieben werden. Eigentlich geht es um die aufgenommene Kalorienmenge, die sich über den Jahresverlauf ändert, da die Natur dem Bären unterschiedlich kalorienreiche Ernährung anbietet.

Die Hypophagia nach dem Aufwachen aus dem Winterschlaf bis zum Frühsommer: Unterkalorische Ernährung

Wenn Bären aus dem Winterschlaf wieder zurück ins Leben kommen, dann haben sie nicht den vielmals zitierten Bärenhunger, sondern ernähren sich eher unterkalorisch. Die ersten Tage nach dem wirklichen Aufwachen sind Bären eigentlich genauso erschöpft wie viele Menschen, die eine anstrengende Partynacht hinter sich haben. Alles tut irgendwie weh, ist verspannt, der Kopf brummt, und der Kreislauf macht auch noch nicht so richtig mit. Viele Menschen, die Bären aus ihren Höhlen herauskriechen sahen, beschreiben ihr Aussehen als eher schäbig und verschlafen. Das Fell ist an vielen Stellen vom langen Liegen eingedrückt, und die Bären müssen sich immer wieder hinsetzen und können sich noch nicht wirklich bewegen. Der russische Bärenwissenschaftler Danilov und sein Team hatten ein unglaublich interessantes Projekt: Zusammen mit seinen Kollegen beobachtete er systematisch und über einige Jahre hinweg mehrere bekannte Bärenhöhlen, um genau zu beschreiben, was Bären eigentlich wirklich nach der Winterruhe machen. Die Bedingungen waren einfach, manche würden sie nahezu als primitiv bezeichnen. Die Bärenwissenschaftler saßen nämlich ganz einfach auf Bäumen oder in eigens angefertigten Unterständen und arbeiteten in »Beobachtungsschichten«. Über viele Stunden passierte wahrscheinlich erst einmal gar nichts, aber an effektiver Beobachtungszeit des Bärenverhaltens wurden über 14 000 Stunden notiert. Die Ergebnisse sind dadurch sehr eindeutig: Die Bären tappen die ersten Tage relativ verwirrt über den noch oft vorhandenen Schnee und kommen erst langsam wieder zu Kräften. In dieser Zeit trinken sie sehr viel und beginnen mit leichter Kost. Immer wieder müssen sich die Bären hinlegen und machen längere Pausen.

Die Frühjahrskost des Bären ist relativ karg und entspricht eher einer typischen Fastenzeit, die auch viele Menschen gerne im Frühling absolvieren, um den Körper zu reinigen und zu entgiften. Die Bären fressen hauptsächlich Gräser und verschiedene Kräuter, die ihnen die Natur langsam zur Verfügung stellt. Wahrscheinlich haben diese Kräuter auch im Falle des Bären einen Entgiftungseffekt, der sehr wichtig ist nach der langen Schlafenszeit, da sich Giftstoffe im Körper akkumuliert haben. Da Bären im Winterschlaf keinen Stoffwechsel haben, ihr Körper aber trotzdem weiter auf winziger Sparflamme arbeitet, sammeln sich dennoch einige Endprodukte an, die dann ausgeschieden werden müssen. Der gewaschene und getrocknete Bärenkot aus Gräsern und insbesondere Kräutern sieht fast so aus wie loser Kräutertee, den man sich in Drogerien und Apotheken kaufen kann. Teilweise riecht er so aromatisch, dass man nahezu am Geruch erkennen kann, welches Kraut der Bär konsumiert haben muss. Zudem fressen Bären auch gerne die Überreste an Bucheckern, die sie noch im Wald finden. Nach der langen Zeit unter der Schneedecke sind sie leichter verdaulich, als wenn sie frisch im Herbst vom Baum fallen. Beginnen die Samen jedoch zu keimen, verändern sie ihren Geschmack und werden bitter, weshalb die Bären sie dann verschmähen.

Im Laufe des Frühjahres und mit steigenden Temperaturen kommen allerdings kleine Kriechtierchen mit ins Spiel, die aus dem angeblich veganen oder vegetarischen Bären ein Raubtier werden lassen – wenn es sich auch nur um einen Insektenräuber handelt. Bären brauchen Protein, das für sie (wie für alle anderen Lebewesen auch) überlebenswichtig ist. Und deswegen hält er es allein mit der Pflanzenkost nicht lange aus, schließlich hat er ein ähnlich gestaltetes Verdauungssystem wie die Allesfresser Schwein und Mensch und keinen so komplizierten Apparat wie die meisten Pflanzenfresser, die in einem langwierigen und chemisch aufwendigen Prozess selbst aus unattraktiver Rinde noch essenzielle Bestandteile inklusive Protein herausziehen können.

Bären mit ihrem buchstäblichen »Saumagen« können zwar so einiges fressen, brauchen aber Protein in einer leicht verwertbaren Form, um es entsprechend aufschließen zu können. Zwischenzeitlich könnte man sie daher als Insektenfresser bezeichnen. Zuerst beginnen sie mit Ameisen, hier schmeckt ihnen insbesondere die großen Holzameise (Componotus ssp.), da sie am wenigsten Ameisensäure, aber in ihrem großen Körper sehr viel Protein enthält. Andere Ameisenarten (Formiceae) werden zwar nicht verschmäht, aber sie sind eher zweite Wahl, denn sie haben einen geringeren Proteinanteil und größere Wehrhaftigkeit durch den erhöhten Anteil an Ameisensäure. Bären mögen es auch nicht besonders, von Ameisen angepinkelt zu werden, das gilt insbesondere an der empfindlichen Nase, aber auch an den Lippen.

Die Ameise rühmte sich ihrer Kraft vor dem Bären und sagte, sie sei stärker als der Bär. Und die Ameise hob wirklich ein größeres Ding auf als der Bär, denn keines ist so stark wie die Ameise. Darüber ergrimmte der Bär und fraß die Ameise auf. Seitdem hat der Bär angefangen, Ameisen zu fressen, und frisst sie, solange er auf Erden watschelt.

(nach Dänhardt; aus Finnland)

Die Sache mit dem Fleisch oder: Wie fleischlastig ernährt sich der Bär wirklich?

Leicht verdauliches Protein bekommen Bären im Frühjahr jedoch auch, wenn sie Fallwild finden können, also Schalenwild – dazu zählen z. B. Rehe, Hirsche, Gämsen und Wildschweine –, das den Winter nicht überlebt hat. Viele Bären gehen sogar mithilfe ihrer guten Nase aktiv auf die Suche nach Fallwild und werden im Gebirge oft an Abhängen gesehen, wo Lawinen abgehen. Die Nase des Bären ist ein physisches Wunderwerk und kann attraktives Futter auf eine Entfernung von 5 bis 9 Kilometer orten. Danilov und sein Team konnten effektiv beobachten, dass die Bären im Gebirge ganz genau wissen, dass immer wieder Gämsen, Steinböcke oder andere Säugetiere von den Schneemassen mitgerissen werden und dabei zu Tode kommen. Unter dem Schnee bleiben sie quasi frisch, und der endlich hungrig gewordene Bär hat keine allzu große Arbeit, um an das präferierte Fleisch zu kommen.

Von wegen Vegetarier: Zu guter Letzt gehen einige Bären ganz aktiv auf die Jagd nach Schalenwildarten wie Rothirsch, Rehwild oder Wildschwein, wobei insbesondere die noch wehrlosen Jungtiere gesucht werden. Einige slowakische Kotproben erzählen hierbei ihre eigene Geschichte: Anhand der zahlreichen, kleinen Wildschweinhufe, die nach Waschung des Bärenkotes in der Petrischale verblieben waren, konnte ich eindeutig rückfolgern, dass dieser Bär ein ganzes Wildschweinnest geplündert haben muss. Wahrscheinlich war die Bache gerade abwesend, da man Wildschweinmütter als außergewöhnlich wehrhaft und aggressiv beschreibt, wenn es um die Verteidigung ihres Nachwuchses geht. Einer unserer besenderten Bären mi