Brain Rules für Ihr Baby - John Medina - E-Book

Brain Rules für Ihr Baby E-Book

John Medina

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Beschreibung

Brain Rules machen Ihr Baby schlau und glücklich. Eltern brauchen Fakten, nicht nur Ratschläge, wie sie ihre Kinder am besten aufziehen. Leider sind solche Fakten in dem ständig wachsenden Berg von Erziehungsratgebern nur schwer zu finden. Ganz zu schweigen von den Blogs, den Foren und Podcasts, den Schwiegermüttern und all den Verwandten, die irgendwann einmal ein Kind hatten (oder auch nicht). Es gibt Unmengen von Informationen da draußen. Nur - für Eltern ist es schwierig zu entscheiden, was sie glauben sollen, und was nicht. Der Neurobiologe John Medina bricht die wichtigsten Erkenntnisse der Hirnforschung auf äußerst amüsante und informative Weise herunter und beschreibt die zentralen Regeln, mit denen Eltern genau das Richtige tun können. Diese 3., überarbeitete Auflage enthält ein zusätzliches Kapitel zum Thema Schlaf, das zahlreiche Eltern beschäftigt: Wie bringen wir unser Baby dazu, die Nacht durchzuschlafen? "Wir Wissenschaftler wissen keineswegs alles über das Gehirn. Aber das, was wir wissen, schafft die besten Voraussetzungen, um schlaue, glückliche Kinder aufzuziehen. Dieses Wissen ist nützlich, egal ob Sie gerade erst entdeckt haben, dass Sie schwanger sind, ob Ihr Kind bereits im Kleinkindalter ist, oder ob Sie sich um Ihre Enkelkinder kümmern. So ist es mir ein Vergnügen, in diesem Buch die großen Fragen zu beantworten, die Eltern mir gestellt haben - und ihre großen Mythen zu entlarven."John Medina im Vorwort.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 551

Veröffentlichungsjahr: 2021

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John Medina

Brain Rules für Ihr Baby

Wie neurowissenschaftliche Erkenntnisse helfen, dass Ihre Kinder schlau und glücklich werden

Aus dem amerikanischen Englisch von Cathrine Hornung

3., überarbeitete Auflage

Brain Rules für Ihr Baby

John Medina

John J. Medina, Dr.

www.brainrules.net

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt. Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinen Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

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Hogrefe AG

Lektorat Psychologie

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel. +41 31 300 45 00

[email protected]

www.hogrefe.ch

Lektorat: Dr. Susanne Lauri, Lisa Maria Pilhofer

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Getty Images/Maria Pavlova

Umschlaggestaltung: Claude Borer, Riehen

Satz: punktgenau GmbH, Bühl

Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch. Der Originaltitel lautet „Brain Rules for Baby“ (2nd ed.) von John J. Medina. © 2014. Pear Press, New York.

Format: EPUB

3., überarbeitete Auflage 2022

© 2017, 2022 Hogrefe Verlag, Bern

2013 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96153-8)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76153-4)

ISBN 978-3-456-86153-1

http://doi.org/10.1024/86153-000

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Meinen erstaunlichen Kindern und ihrer noch erstaunlicheren Mutter – dafür, dass sie mich gelehrt haben, dass es, wenn man die Wahl zwischen zwei gleichermaßen plausiblen Theorien hat, immer am besten ist, die unterhaltsamere von beiden zu wählen.

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Dank

Brain Rules für Ihr Baby

Einführung

Zu viele Mythen

Was die Gehirnforschung nicht kann

Es geht hier nicht nur um Babys, sondern um Kinder bis fünf

Saat und Boden

Wozu brauchen wir überhaupt Erziehung?

Ein paar Anmerkungen, bevor es losgeht

Schwangerschaft

Ruhe bitte: Baby in Arbeit

Und los geht’s

Ab wann kann Ihr Baby Sie hören und riechen?

Ein Balanceakt

Vier Dinge, die Babys Gehirn nachweislich beeinflussen

Jedes bisschen zählt

Beziehung

Die meisten Ehen leiden

Babys wollen vor allen Dingen Sicherheit

Was geschieht, wenn Sie streiten

Die vier häufigsten Streitgründe

Der erste Schritt: Konfliktquellen erkennen

Machen Sie Empathie zu einem Reflex: Zwei einfache Schritte

Bereiten Sie Ihre Beziehung auf die Elternschaft vor

Schlaues Baby: Saat

Wie sieht ein schlaues Gehirn aus?

Intelligenz und IQ

Mamas Rinderschmorbraten: Sieben Zutaten zur Intelligenz

Was IQ-Tests nicht messen

Schlaues Baby: Boden

Das Gehirn verdient seinen Lebensunterhalt nicht mit Lernen

Vier Gehirn-Booster

Das digitale Zeitalter: Fernsehen, Videospiele und Internet

Hyper-Parenting: Mein Baby ist besser als deins

Glückliches Baby: Saat

Was bedeutet das – glücklich sein?

Das Geheimnis des Glücks

Freundschaften über alles

Ist das Gemüt angeboren?

Das Temperament wird nicht durch ein einzelnes Gen bestimmt

Eine Disposition, aber kein Schicksal

Glückliches Baby: Boden

Aufmerksames, geduldiges Pingpong

Kindererziehung ist nichts für Memmen

Ein tolles Kind

Empathie will geübt sein

Moralisches Baby

Kommen Babys moralisch zur Welt?

Wie sich moralisches Denken entwickelt

Ein moralisches Kind aufziehen: Regeln und Disziplin

Ist Schlagen erlaubt?

Müdes Baby

Augen zu und durch?

Wann hört das auf?

Kampf der Titanen: NAP gegen CIO

Was die Forschung sagt

Und jetzt?

John Medinas Plan: Erst testen, dann investieren

Das Baby ist nicht Ihr Feind, sondern Ihr Verbündeter

Schlussbemerkung

Empathie zuerst

Superstar-Eltern

Geben, aber auch nehmen

Praktische Tipps

Schwangerschaft

Beziehung

Schlaues Baby

Glückliches Baby

Moralisches Baby

Müdes Baby

Quellen und Literaturempfehlungen

Über den Autor

|11|Dank

An der „Geburt“ dieses Buches waren viele Geburtshelfer beteiligt, denen ich allen zu großem Dank verpflichtet bin. Ich bin dankbar für den sonnigen Optimismus und die unermüdliche Arbeit meines Verlegers Mark Pearson. Und für die lehrreichen, prägnanten und einfühlsamen Kommentare meiner Lektorin Tracy Cutchlow. Ich schulde dir noch ein Bier.

Mein Dank geht auch an Jessica Sommerville, dafür, dass sie den notwendigen Sauerstoff – die fachliche Begutachtung – beigesteuert hat. Und an Carolyn Webster-Stratton, für ihre freundlichen Worte und Ermutigungen. An Dan Leach, für seine Neugier, seinen Enthusiasmus und für unzählige inspirierende Gespräche. An Bruce Hosford, für seine tiefe Freundschaft, harte Arbeit und unaufhörliche Unterstützung. An Earl Palmer und John Ratey, für ihre Inspiration. An Rick Stevenson, für die Durchsicht des Manuskripts und seine Liebe zum Erzählen. An Alice und Chris Canlis, dafür, dass sie einen der engsten und liebevollsten Familienverbünde geschaffen haben, die ich kenne – ein wirkliches Vorbild für alle Familien dieser Welt. Und an Alden Jones, ohne dessen Ratschläge und Detaileifer dieses Buch und seine vielen „beweglichen Teile“ nicht möglich gewesen wären.

Zu guter Letzt bin ich meiner Familie zu Dank verpflichtet. Unseren beiden geliebten Kindern, Josh und Noah, die mir gezeigt haben, dass es zwischen Vätern und Söhnen wahrhaftige Liebe geben kann – und das seit dem Moment, da sie noch kleiner waren als der Punkt am Ende dieses Satzes. Und meiner Frau Kari, die einfach der wunderbarste Mensch ist, dem ich je begegnet bin.

|13|Brain Rules für Ihr Baby

Schwangerschaft

Gesunde Mutter, gesundes Baby

Beziehung

Empathie ist das A und O

Schlaues Baby

Wer sich sicher fühlt, lernt besser

Gesichter anstelle von Bildschirmen

Glückliches Baby

Neue Freundschaften schließen und die alten bewahren

Emotionen benennen – große Gefühle besänftigen

Moralisches Baby

Disziplin und Warmherzigkeit

Müdes Baby

Erst testen, dann investieren

|15|Einführung

Jedes Mal, wenn ich vor einer Gruppe werdender oder frischgebackener Eltern einen Vortrag über die frühkindliche Gehirnentwicklung hielt, machte ich einen Fehler. Ich ging davon aus, dass die Eltern eine schmackhafte Portion wissenschaftlicher Erkenntnisse über das Gehirn des Ungeborenen kredenzt haben wollten – ein bisschen Biologie der Neuralleiste hier, eine Prise Axon-Migration dort. Aber in der Fragerunde im Anschluss an jeden Vortrag wurden immer die gleichen Fragen gestellt. Die erste Frage, die eine hochschwangere Zuhörerin an einem regnerischen Abend in Seattle vorbrachte, lautete: „Was kann mein Baby lernen, solange es noch in meinem Bauch ist?“ Eine andere Frau wollte wissen: „Wie wird sich die Geburt unseres Kindes auf unsere Ehe auswirken?“ Ein Vater in spe preschte mit der dritten Frage vor: „Wie bringe ich mein Kind nach Harvard?“ Eine besorgte Mutter fragte: „Was kann ich tun, damit mein kleines Mädchen glücklich wird?“ Und eine Großmutter, die ihren Enkel großzog, weil ihre drogenabhängige Tochter nicht dazu in der Lage war, wollte wissen: „Wie mache ich aus meinem Enkelkind einen guten Menschen?“ Und eins ums andere Mal stellten erschöpfte Eltern geradezu flehentlich die Frage: „Wie bringen wir unser Baby dazu, nachts durchzuschlafen?“

So sehr ich mich auch bemühte, das Gespräch auf so esoterische Dinge wie die neuronale Differenzierung zu lenken, die Eltern kamen stets auf Varianten dieser sechs Fragen zurück. Schließlich wurde mir klar, was ich falsch machte: Die Eltern wollten keine abgehobenen Erklärungen, sondern Antworten auf bodenständige Fragen. Folglich wird sich dieses Buch auch nicht mit der Genregulation im sich entwickelnden Rhombenzephalon oder ähnlichen Dingen befassen; stattdessen orientiert es sich an den praktischen Fragen, die mir meine Zuhörer immer wieder stellen.

Mit Brain Rules meine ich diejenigen Dinge, die wir mit Sicherheit über die Funktion des frühkindlichen Gehirns wissen. Jede dieser „Regeln“ wurde aus einem größeren „Brocken“ – der Verhaltenspsychologie, der Zellbiologie und der Molekularbiologie – herausgeklopft. Ich habe sie ausgewählt, weil sie frischgebackene Eltern bei der beängstigenden Aufgabe unterstützen können, sich um einen hilflosen kleinen Menschen zu kümmern.

|16|Natürlich verstehe ich das Bedürfnis nach Antworten. Wenn sich das erste Kind ankündigt, ist das ungefähr so, als bekäme man einen berauschenden Trank vorgesetzt, der zu gleichen Teilen aus Freude und Schrecken besteht; darauf folgen eimerweise Veränderungen, von denen einem kein Mensch je etwas erzählt hat. Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Ich habe zwei Jungs, und beide kamen ohne Gebrauchsanleitung zur Welt und bescherten uns eine Menge verwirrender Fragen und eine tiefe Verunsicherung, wie wir uns verhalten sollten. Rasch begriff ich, dass das nicht alles war, was sie mitbrachten. Sie besaßen eine Anziehungskraft, die in mir eine stürmische Liebe und eine unerschütterliche Loyalität entfachte. Und sie waren irgendwie magnetisch: Ich konnte nicht anders, als ihre perfekten Fingernägel, ihre wachen Augen oder ihren dramatischen Haarschopf zu bewundern. Als mein zweiter Sohn geboren wurde, erkannte ich, dass man Liebe endlos aufteilen kann, ohne dass sie dabei weniger wird; man kann dasselbe Maß an Liebe für mehrere Kinder empfinden. Eltern sein ermöglicht es, sich zu vervielfältigen, indem man sich teilt.

Auch der Wissenschaftler in mir freute sich über die großartige Gelegenheit, die sich ihm bot: Dabei zuzusehen, wie sich das Gehirn eines Babys entwickelt, ist wie ein Logenplatz beim biologischen Urknall. Das Gehirn geht aus einer einzigen Zelle hervor – still und leise, wie ein Geheimnis. Innerhalb weniger Wochen werden mit atemberaubender Geschwindigkeit Nervenzellen produziert, und zwar 8000 pro Sekunde. Und innerhalb weniger Monate ist das Gehirn auf dem Weg, zur ausgeklügeltsten Denkmaschine der Welt zu werden. Diese Mysterien rufen bei einem Anfängervater nicht nur Erstaunen und Liebe hervor; sie schüren auch Ängste und werfen Fragen auf.

Zu viele Mythen

Eltern brauchen Fakten, nicht nur Ratschläge, wie sie ihre Kinder am besten aufziehen. Leider sind solche Fakten in dem ständig wachsenden Berg von Erziehungsratgebern nur schwer zu finden. Ganz zu schweigen von den Blogs, den Foren und Podcasts, den Schwiegermüttern und all den Verwandten, die irgendwann einmal ein Kind hatten (oder auch nicht). Es gibt Unmengen von Informationen da draußen. Nur – für Eltern ist es schwierig zu entscheiden, was sie glauben sollen und was nicht.

Das Tolle an der Wissenschaft ist, dass sie weder Partei ergreift noch Gefangene macht. Wenn man erst einmal herausgefunden hat, welchen Studien man trauen kann, verblassen die Mythen, und das große Ganze kommt zum Vorschein. Um |17|mein Vertrauen zu gewinnen, müssen Forschungen meine „Nörgel-Prüfung“ bestehen. Um es in dieses Buch zu schaffen, müssen Studien zunächst in der einschlägigen Literatur – etwa in einer anerkannten Fachzeitschrift – veröffentlicht und dann erfolgreich repliziert worden sein. Im Idealfall wurden die Ergebnisse dutzende Male bestätigt. Wann immer ich eine Ausnahme mache und topaktuelle Forschungen aufnehme, die zwar reliabel sind, aber noch nicht ausreichend geprüft wurden, weise ich ausdrücklich darauf hin.

Für mich ist Erziehung eine Frage der Gehirnentwicklung. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, womit ich mein Geld verdiene. Ich bin Molekularbiologe mit Schwerpunkt Entwicklungsbiologie und befasse mich unter anderem mit der Genetik psychiatrischer Störungen. Ich bin hauptsächlich als privater Berater beziehungsweise „Auftragsproblemlöser“ für Firmen und öffentliche Forschungseinrichtungen tätig, die einen Genetiker mit psychologischem Expertenwissen brauchen. Außerdem habe ich das Talaris Institute in Seattle gegründet, ein Forschungszentrum, das die frühkindliche Informationsverarbeitung auf molekularer, zellulärer und Verhaltensebene erforscht. Hier treffe ich hin und wieder Elterngruppen, wie jene an besagtem regnerischem Abend in Seattle.

Wir Wissenschaftler wissen keineswegs alles über das Gehirn. Aber das, was wir wissen, schafft die besten Voraussetzungen, um schlaue, glückliche Kinder aufzuziehen. Dieses Wissen ist nützlich, egal, ob Sie gerade erst entdeckt haben, dass Sie schwanger sind, ob Ihr Kind bereits im Kleinkindalter ist oder ob Sie sich um Ihre Enkelkinder kümmern. So ist es mir ein Vergnügen, in diesem Buch die großen Fragen zu beantworten, die Eltern mir gestellt haben – und ihre großen Mythen zu entlarven.

Hier sind einige meiner Lieblingsmythen:

Mythos: Wenn man dem Ungeborenen Mozart vorspielt, bekommt das Kind später bessere Mathematiknoten.

Tatsache: Ihr Baby wird sich nach der Geburt an Mozart erinnern – zusammen mit vielen anderen Dingen, die es im Mutterleib gehört, gerochen und geschmeckt hat (siehe „Babys erinnern sich“, Seite 44). Aber wenn Sie wollen, dass Ihr Kind später gut in Mathematik wird, ist das Beste, was Sie tun können, ihm schon in jungen Jahren Impulskontrolle beizubringen (siehe „Selbstkontrolle“, Seite 110).

Mythos: Wenn man dem Säugling oder Kleinkind Videos vorspielt, erweitert das seinen Wortschatz.

|18|Tatsache: Manche Videos können den Wortschatz eines Kleinkinds sogar verringern (siehe „Pädagogisch wertvolle Bildmedien für Kleinkinder – gibt es das?“, Seite 150). Es stimmt zwar, dass Sie den Wortschatz und den IQ Ihres Babys positiv beeinflussen können, indem Sie viel mit ihm sprechen und ein abwechslungsreiches Vokabular verwenden (siehe „Sprechen Sie mit Ihrem Baby – und zwar möglichst viel“, Seite 131). Aber die Worte müssen von Ihnen kommen – von einem echten, lebendigen Menschen.

Mythos: Um die Gehirnkapazität von Kindern zu steigern, müssen sie mit drei Jahren Französischunterricht bekommen, und ihr Zimmer muss mit „pädagogisch wertvollen“ Spielsachen und Lernmedien vollgestopft sein.

Tatsache: Die weltbeste Ausstattung, die Sie Ihrem Kind zur Steigerung seiner Gehirnkapazität geben können, ist vermutlich ein einfacher Pappkarton, eine Schachtel mit Buntstiften und zwei Stunden Zeit. Die schlechteste ist wahrscheinlich Ihr neuer Flachbildfernseher (siehe „Ein Hoch auf das Spielen“, Seite 135).

Mythos: Wenn man sein Kind fortwährend für seine Intelligenz lobt, fördert man sein Selbstvertrauen.

Tatsache: Das Kind wird weniger Bereitschaft zeigen, sich anzustrengen und Herausforderungen zu meistern (siehe „Was passiert, wenn Sie zu Ihrem Kind sagen: ‚Du bist ja so intelligent!‘?“, Seite 142). Wenn Sie wollen, dass Ihr Kind einmal eine Eliteuniversität besucht, loben Sie nicht seinen IQ, sondern seinen Fleiß.

Mythos: Kinder finden schon irgendwie ihr Glück.

Tatsache: Das, was am besten auf späteres Glück im Leben schließen lässt, der sicherste Prädiktor, sind Freunde. Wie gewinnt und behält man Freunde? Indem man zum Beispiel gut im Entschlüsseln nonverbaler Kommunikation ist (siehe „Freundschaften über alles“, Seite 168). Daran kann man arbeiten. Ein Musikinstrument zu erlernen (Seite 207), steigert diese Fertigkeit um 50 Prozent. Ständiges „Simsen“ (neudeutsch für das Versenden von Kurznachrichten) kann sie dagegen zerstören (siehe Seite 154). Emotionsregulation und Empathie sind ebenfalls zwei wichtige Prädiktoren für soziale Kompetenz (siehe Seite 168–178).

Studien, die solche Zusammenhänge untersuchen, werden laufend in renommierten Fachmagazinen veröffentlicht. Aber die Erkenntnisse aus diesen Forschungen bleiben Ihnen vermutlich verborgen, es sei denn, Sie haben das Journal of Experimental Child Psychology abonniert. In diesem Buch erfahren Sie, was Wissenschaftler wissen – ohne dass Sie dafür einen Doktortitel brauchen.

|19|Was die Gehirnforschung nicht kann

Ich bin davon überzeugt, dass Erziehungsratgeber unter anderem deswegen zu so widersprüchlichen Ergebnissen gelangen, weil es ihnen oft an robusten wissenschaftlichen Kriterien mangelt. Versuchen Sie doch einmal, von Erziehungsexperten eine einhellige Meinung darüber einzuholen, wie Sie Ihr Baby am besten dazu bringen, nachts durchzuschlafen. Ich kann mir kaum etwas Frustrierenderes für frischgebackene Eltern vorstellen.

Fakt ist, dass die Gehirnforschung keineswegs eine Lösung für sämtliche Erziehungsprobleme parat hat. Sie kann uns allgemeine Regeln an die Hand geben, aber in spezifischen Situationen ist sie nicht immer hilfreich. Die folgende Geschichte eines überaus konsequenten Vaters stammt von der Internetplattform TruuConfessions.com (zu Deutsch „Wahre Bekenntnisse“), einer Quelle, die ich in diesem Buch häufig verwende:

Gestern Abend habe ich kurzerhand die Tür zum Zimmer meines lieben Sohnes ausgehängt. Kein Geschrei oder sonst was. Ich hatte ihn gewarnt: Wenn er die Tür noch einmal schließen würde, obwohl ich es ihm verboten hatte, würde ich sie entfernen. Als ich den Flur entlanglief, sah ich, dass die Tür wieder geschlossen war. Daraufhin habe ich den Schraubenschlüssel geholt, und die Tür wanderte über Nacht in die Garage. Heute habe ich sie wieder eingehängt, aber wenn es sein muss, kommt sie wieder weg.

Kann die Gehirnforschung zu dieser Situation einen nützlichen Beitrag leisten? Nicht wirklich. Studien zeigen, dass Eltern klare Regeln aufstellen müssen; dazu gehört auch, dass Regelverstöße umgehend Konsequenzen nach sich ziehen. Die Forschung kann uns aber nicht sagen, ob wir Türen aushängen sollen oder nicht. Offen gestanden fangen wir gerade erst an zu verstehen, was eine gute Erziehung ausmacht. Es gibt vier Gründe, warum die Erziehungsforschung so schwierig ist:

Jedes Kind ist anders: Jedes Gehirn ist buchstäblich anders verdrahtet. Kein Kind reagiert in derselben Situation genau gleich wie ein anderes. Folglich kann es in der Erziehung auch keine Pauschallösungen geben. Angesichts dieser Einzigartigkeit appelliere ich an Eltern, ihre Kinder möglichst gut kennenzulernen. Das bedeutet, viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Zu wissen, wie sie sich verhalten und wie sich ihr Verhalten mit den Jahren verändert, ist die einzige Möglichkeit, um herauszufinden, was bei ihnen funktioniert und was nicht.

Aus der Sicht des Forschers ist die Art und Weise, wie das Gehirn auf seine äußere Umgebung reagiert, alles andere als berechenbar. Individuelle Unter|20|schiede und kulturelle Faktoren spielen hier ebenso eine Rolle wie unterschiedliche Wertesysteme. Darüber hinaus haben Familien, die in Armut leben, ganz andere Probleme als Familien der oberen Mittelschicht. Das Gehirn reagiert auf all das (Armut kann sogar den IQ beeinflussen). Kein Wunder, dass dieser Bereich so schwer zu erforschen ist.

Alle Eltern sind verschieden: Kinder, die mit beiden Elternteilen aufwachsen, stoßen auf unterschiedliche Erziehungsstile. Mütter und Väter setzen in der Erziehung häufig unterschiedliche Schwerpunkte, was in manchen Beziehungen zu großen Konflikten führt. Aber auch für die Kinder können widersprüchliche Erziehungsstile zum Problem werden. Hier ist ein Beispiel:

Ich kriege die Krise, wenn ich sehe, wie mein Bruder und meine Schwägerin mit ihren Kindern umgehen. Sie „erzieht“ hin und wieder von der Couch aus. Mit dem Ergebnis, dass er überkompensiert und die Kinder wegen JEDER Kleinigkeit anbrüllt. Von außen betrachtet ist der Grund, warum die Kinder sich danebenbenehmen, eindeutig der, dass sie KEINE AHNUNG haben, welche Regeln sie eigentlich befolgen sollen. Sie wissen nur, dass sie so oder so Ärger bekommen, ganz gleich, was sie tun; und folglich versuchen sie gar nicht erst, sich zu benehmen.

Hier haben wir es in der Tat mit unterschiedlichen Erziehungsstilen zu tun. Heißt das, dass sich Eltern in Erziehungsfragen immer hundertprozentig einig sein müssen? Das ist natürlich unmöglich. Kindererziehung in einem Zwei-Eltern-Haushalt ist immer ein Stilmix. Im Laufe der Zeit beginnen die Kinder, auf das Erziehungsverhalten der Eltern zu reagieren, was sich wiederum auf die zukünftige Erziehung auswirkt. Alle diese Veränderungen erschweren die Forschung auf diesem Gebiet.

3.

Kinder beeinflussen sich gegenseitig: Das Leben wird sogar noch komplizierter, wenn das Kind heranwächst. Schule und Interaktionen mit Peers spielen dann zunehmend eine wichtige Rolle (wahrscheinlich hatte manch einer von Ihnen in der Schulzeit ein unangenehmes Erlebnis, an das er heute noch denkt). Ein Forscher hat die provokante These aufgestellt, dass Peers – vor allem gleichgeschlechtliche – das Verhalten eines Kindes viel stärker prägen als seine Eltern. Sie können sich denken, dass diese Behauptung viel Skepsis hervorgerufen hat; ganz verworfen wurde sie allerdings nicht. Kinder leben nun mal nicht in einer exklusiven sozialen Umgebung, die ausschließlich von den Eltern kontrolliert wird.

4.

|21|Wir können Zusammenhänge herstellen, aber keine Ursachen bestimmen: Selbst wenn alle Gehirne genau gleich gepolt wären und alle Eltern nach „Schema F“ handeln würden, wäre ein Großteil der heutigen Forschung dennoch fehlerbehaftet oder bestenfalls vorläufig. Die meisten Daten, die uns vorliegen, sind „assoziativ“, nicht kausal. Warum das ein Problem ist? Zwei Dinge können in einem Zusammenhang stehen, ohne dass das eine das andere verursacht. Zum Beispiel stimmt es, dass Kinder bei einem echten Tobsuchtsanfall urinieren – was aber umgekehrt nicht heißt, dass jeder Gang zur Toilette mit einem Tobsuchtsanfall verbunden ist.

Das ideale Forschungsprojekt würde a) die geheime Formel entdecken, die kluge, glückliche und moralische Kinder hervorbringt; b) Eltern ausfindig machen, die noch nicht über die geheime Formel verfügen, und sie ihnen geben; und c) die Kinder nach 20 Jahren noch einmal begutachten, um zu sehen, wie sie sich entwickelt haben. Das hört sich nicht nur teuer, sondern auch utopisch an. Aus diesem Grund sind die meisten Forschungen im Bereich der Erziehung eben assoziativ und nicht kausal. Aber das Bessere sollte nicht der Feind des Guten sein. Eine weitere frustrierende und zugleich wundersame Sache ist die folgende:

Menschliches Verhalten ist kompliziert!

Die Oberfläche mag ruhig erscheinen, wie ein spiegelglatter See, aber darunter verbergen sich möglicherweise tiefe emotionale Abgründe, trübe Gewässer endlosen Grübelns und unberechenbare Strömungen irrationaler Motivationen. Hin und wieder kommen diese Eigenschaften – die bei jedem Menschen unterschiedlich sind – brodelnd an die Oberfläche. Hier ist eine keineswegs ungewöhnliche emotionale Reaktion auf ein Kleinkind:

So, das war’s, jetzt ist es amtlich. Ich habe keinen Tropfen Geduld mehr. Der Quell ist versiegt. Mein zweijähriger Sohn hat es geschafft, meinen Lebensvorrat an Geduld aufzubrauchen, noch bevor er das Alter von drei Jahren erreicht hat. Es ist nichts mehr übrig, und ich weiß nicht, wie meine Geduld je wieder ihr ursprüngliches Ausmaß erreichen soll, ohne geballte Anstrengung  das heißt, eine Woche in der Karibik, mit endlosem Nachschub von Rum-Cocktails.

Als Gehirnforscher kann ich in diesem kurzen Abschnitt mindestens acht verschiedene Felder der Verhaltensforschung ausmachen. Die Frau reagiert auf Stress, und die Art und Weise, wie ihr Körper das tut, geht noch auf die Zeit zu|22|rück, in der unsere Vorfahren durch die Ebenen der Serengeti zogen. Wie die Frau mit Belastungen umgeht, hängt zum Teil von ihren Genen ab, zum Teil von Ereignissen, die sich zugetragen haben, als ihre Mutter mit ihr schwanger war, aber auch davon, wie sie als kleines Mädchen erzogen wurde. Hormone spielen ebenfalls eine Rolle, ebenso die neurologischen Signale, mit denen sie ihr aufsässiges Kleinkind wahrnimmt. Erinnerungen an eine Zeit des Ausspannens lassen sich diesen Zeilen ebenfalls entnehmen (vielleicht denkt die Frau an eine Kreuzfahrt zurück, die sie irgendwann einmal gemacht hat), ebenso das Verlangen, der Situation zu entfliehen. In wenigen Sätzen führt sie uns aus der afrikanischen Savanne in die Karibik. Und Gehirnforscher, vom Evolutionstheoretiker bis zum Gedächtnisexperten, untersuchen alles, was die gestresste Mutter in ihrem kurzen Bericht anspricht.

Es gibt also sehr wohl ein paar handfeste Dinge, die Wissenschaftler über das Aufziehen von Kindern sagen können. Andernfalls hätte ich mich ja nicht erdreistet, noch einen Beitrag zu den zig Millionen Elternratgebern zu leisten, die sich in den Buchhandlungen türmen. Es hat viele gute Wissenschaftler und sehr viel Zeit gebraucht, um diese Weisheiten ans Tageslicht zu fördern.

Es geht hier nicht nur um Babys, sondern um Kinder bis fünf

Dieses Buch umfasst die Gehirnentwicklung bei Kindern im Alter von null bis fünf Jahren. Ich weiß, dass Sie Erziehungsinformationen am ehesten während der Schwangerschaft aufnehmen und später wahrscheinlich nicht mehr darauf zurückkommen werden. Der Titel Brain Rules für Ihr Baby soll also möglichst früh Ihre Aufmerksamkeit erregen. Andererseits wird das, was Sie in den ersten fünf Lebensjahren (und nicht nur im ersten Lebensjahr) Ihres Kindes tun oder nicht tun, großen Einfluss darauf haben, wie es sich als Erwachsener verhalten wird. Das wissen wir, weil eine Gruppe von Forschern die Geduld aufgebracht hat, 123 Vorschüler aus sozial benachteiligten Familien vier Jahrzehnte lang – bis zu ihrem 40. Geburtstag – zu begleiten. Willkommen zur High/Scope-Perry-Vorschulstudie, einer der außergewöhnlichsten Langzeitstudien auf dem Gebiet der Bildungs- und Präventionsforschung.

Im Jahr 1962 wollten Forscher die Auswirkungen eines qualitativ hochwertigen Vorschulbildungsprogramms testen, das sie selbst entworfen hatten. Kinder aus Ypsilanti im US-Bundesstaat Michigan wurden per Zufallsverfahren in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe nahm an dem Vorschulprogramm teil (das später |23|zum Vorbild für andere Vorschulprogramme in den USA und in anderen Ländern wurde), während die Kontrollgruppe nicht in ein solches Programm eingegliedert wurde. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen belegen eindrucksvoll, wie wichtig die frühen Jahre für die Entwicklung von Kindern sind.

Die Kinder, die an dem Programm teilnahmen, schnitten in allen messbaren Leistungsbereichen besser ab als die Kinder der Kontrollgruppe, von IQ- und Sprachtests in jungen Jahren bis hin zu standardisierten Leistungstests und Tests zur Lese- und Schreibfertigkeit in den späteren Jahren. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Beim California Achievement Test (1970) schnitten die Programmteilnehmer viel besser ab als die Mitglieder der Kontrollgruppe: beeindruckende 49 Prozent gegenüber 15 Prozent. Und unter den Mädchen (jedoch nicht unter den Jungen) machten deutlich mehr Programmteilnehmerinnen den High-School-Abschluss (84 Prozent gegenüber 32 Prozent).

Als Erwachsene wurden die Programmteilnehmer seltener straffällig und hatten häufiger eine feste Anstellung. Sie verdienten vergleichsweise mehr Geld, hatten häufiger ein Sparkonto und besaßen öfter ein Eigenheim. Wirtschaftlichen Berechnungen zufolge floss von den ursprünglichen Investitionen in das Programm ein Ertrag von 7 bis 10 Prozent an die Gesellschaft zurück, das heißt, der gesellschaftliche Gewinn war höher als das, was man seinerzeit am Aktienmarkt verdiente. Nach heutigen Standards würden für jeden Steuerdollar, der in die frühkindliche Bildung investiert wurde, 7 bis 12 Dollar an die Gesellschaft zurückfließen, wie ein Experte berechnet hat.

Saat und Boden

Die High/Scope-Studie ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wichtig die Umwelt für heranwachsende Kinder ist. Aber die Natur spielt eine ebenso große Rolle. Häufig sind Natur (also die biologisch determinierten Gene, Hormone, Gehirnstrukturen etc.) und Umwelt (Erziehung, Sozialisation, gesellschaftliche und kulturelle Faktoren etc.) jedoch schwer voneinander zu trennen, worauf dieser alte Witz anspielt: Ein Drittklässler kommt von der Schule nach Hause und überreicht seinem Vater das Zeugnis. Der schaut es sich an und sagt: „Wie kommt es, dass du so viele Vierer und Fünfer hast?“ Der Junge sieht ihn an und erwidert: „Sag du’s mir: Veranlagung oder Umwelt?“

Einmal besuchte ich zusammen mit meinem Sohn (der damals ebenfalls in die dritte Klasse ging) eine lebhafte, geräuschvolle Schulveranstaltung, bei der die Schüler ihre Projekte in den naturwissenschaftlichen Fächern vorstellten. Ich er|24|innere mich noch gut an ein Experiment, bei dem es um Saat, Boden und Wachstumskurven ging. Ein kleines Mädchen gab sich große Mühe, uns zu erklären, dass das Saatgut, mit dem sie experimentierte, eine identische DNA hatte. Den einen Samen pflanzte sie in eine nährstoffreiche Erde und bewässerte ihn sorgfältig. Den anderen pflanzte sie in eine nährstoffarme Erde und goss ihn ebenfalls regelmäßig. Die Zeit verging. Aus dem Samen in der guten Erde wurde eine tolle Pflanze, die sie mir voller Stolz zur Begutachtung reichte. Der andere Samen war zu einer bedauernswert mickrigen Pflanze geworden, die sie mir ebenfalls reichte. Worauf das Mädchen hinauswollte, war, dass das Saatgut exakt die gleichen Wachstumsvoraussetzungen für beide Pflanzen mitbrachte, dass gleiche Voraussetzungen jedoch nicht alles waren. „Man braucht eben beides, Saat und Boden“, erklärte sie mir, also Anlage und Umwelt (Nature – Nurture), um das gewünschte Ergebnis zu erzielen.

Natürlich hatte das Mädchen vollkommen recht. Ich verwende die Saat-und-Boden-Metapher in diesem Buch, um zwei verschiedene Forschungsstränge zu unterscheiden. Beide untersuchen, wie man kluge und glückliche Kinder heranzieht, aber der eine befasst sich mit der Saat, der andere mit dem Boden. Es gibt Faktoren, die Eltern nicht kontrollieren können, und andere, die sie kontrollieren können. Alles Hegen und Pflegen dieser Welt ändert nichts an der Tatsache, dass 50 Prozent des Potenzials Ihres Sprösslings genetisch bedingt sind. Das Gute daran ist: Als Eltern können Sie nur Ihr Bestes geben. Gleichwohl bin ich selbst in meiner Eigenschaft als Genetiker davon überzeugt, dass wir das Verhalten unserer Kinder viel stärker beeinflussen können, als gemeinhin angenommen wird. Es ist eine sehr, sehr große Aufgabe, die viel Arbeit erfordert. Der Grund dafür ist tief in der Evolution verwurzelt.

Wozu brauchen wir überhaupt Erziehung?

Diese Frage beschäftigt viele Evolutionswissenschaftler: Wieso dauert es so lange, ein Menschenkind aufzuziehen? Abgesehen von ein paar Walen haben wir die längste Kindheit auf diesem Planeten. Woher kommt diese lange Erziehungszeit, und warum müssen andere Eltern im Tierreich das nicht über sich ergehen lassen? Nur ein paar entzückende Beispiele für das, was Menscheneltern alles durchmachen:

Ich bin total erledigt. JJ hat, gleich nachdem ich ihn vom Töpfchen genommen habe, in seine Windel gekackt; er hat auf den Teppich gekotzt, das Töpfchen umgeschmis|25|sen und das Pipi auf dem Teppich verteilt; dann hat er noch mal auf den Teppich gepinkelt, als es Zeit für sein Bad war. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich denke, dass ich diesen Mami-Job nicht machen kann; und dann fällt mir ein, dass ich ihn ja schon längst mache …

Mein Mann und ich haben beide einen recht „bunten“ Wortschatz. In Gegenwart unserer Tochter verwenden wir aber nie Schimpfwörter und versuchen, unsere Ausdrucksweise zu kontrollieren. Aber offenbar haben wir jämmerlich versagt. Meine Mutter hat sie kürzlich gefragt, wie denn ihre Puppe heißt, und sie hat geantwortet: „Arschloch“. Ups.

Ja, man muss Kindern wirklich alles beibringen – sogar, wie sie ihre Körperflüssigkeiten unter Kontrolle halten. Und sie sind derart lernfreudig und gut im Nachahmen, dass Ihnen das, was Sie tun und sagen, rasch zum Verhängnis werden kann – mit dem Ergebnis, dass Sie sich ständig im Zaum halten müssen. All das kostet furchtbar viel Energie. Evolutionsbiologen fragen sich daher: Wieso sollte jemand freiwillig einen solchen Job auf sich nehmen?

Das Vorstellungsgespräch für diesen Job, der Geschlechtsakt, macht ja zweifellos Spaß. Aber dann bekommt man die Stelle und wird dazu verdonnert, ein Kind großzuziehen. Es gibt wunderbare Momente, aber die Quintessenz des Arbeitsvertrags lautet: Das Kind nimmt – Sie geben. Dafür bekommen Sie nie ein Gehalt, nur Rechnungen, und am besten bereiten Sie sich schon mal auf einen Kostenschock vor. Bis Ihr Kind volljährig wird, werden Sie nämlich mehr als 220 000 Dollar los – das Darlehen für die Universität nicht mitgerechnet.1 Krankschreibung und Urlaub können Sie in diesem Job vergessen; dafür sind Sie permanent in Rufbereitschaft, auch nachts und an den Wochenenden. Die erfolgreiche Ausübung dieser Tätigkeit macht aus Ihnen wahrscheinlich einen lebenslangen Schwarzseher. Und doch sagen tausende von Menschen jeden Tag „Ja“ zu dieser Aufgabe. Dafür muss es überzeugende Gründe geben.

Vor allen Dingen: Überleben

Natürlich gibt es diese Gründe. Zunächst einmal besteht die Hauptaufgabe eines jeden Gehirns darin, dem Körper zu helfen, einen weiteren Tag zu überleben. Der Drang zum Überleben ist so alt wie Darwin und so jung wie das Sexting: Nur so |26|können wir unsere Gene an die nächste Generation weitergeben. Stellen Menschen also freiwillig ihren Egoismus zurück, nur um das Überleben ihrer Gene zu sichern? Offenbar ja. Zumindest macht das eine ausreichend große Zahl an Menschen seit hunderttausenden von Jahren. Auf diese Weise haben wir erst die Serengeti und dann die ganze Welt erobert. Für ein Baby zu sorgen, ist im Grunde genommen eine komplexe Methode, um für sich selbst zu sorgen.

Aber warum kostet das so viel Zeit und Mühe?

Schuld daran ist unser dickes, fettes, goldwertes, unvergleichliches Gehirn. Im Laufe der Evolution hat sich unser Gehirn vergrößert und unser IQ erhöht, mit dem Erfolg, dass wir innerhalb kürzester Zeit – in läppischen zehn Millionen Jahren – vom Leopardenfutter zum Herrn der Schöpfung aufgestiegen sind. Dieses Gehirn verdanken wir dem Umstand, dass wir auf zwei statt auf vier Beinen gehen und dadurch viel Energie sparen. Aber um das Gleichgewicht herzustellen, das wir für den aufrechten Gang benötigen, musste der Beckenkanal beim Homo sapiens enger werden. Für Frauen bedeutete das vor allem eines: qualvoll schmerzhafte und häufig tödliche Geburten. Evolutionsbiologen vermuten, dass daraufhin eine Art Wettrüsten einsetzte – zwischen der Breite des Geburtskanals und der Größe des Gehirns. Wäre der Kopf des Babys zu klein, würde es sterben (ohne sofortige medizinische Maßnahmen überleben Frühgeborene keine fünf Minuten). Wäre der Kopf des Babys zu groß, würde die Mutter sterben. Die Lösung? Das Baby zur Welt bringen, bevor sein Schädel so groß ist, dass er Mama tötet. Die Folge? Kinder werden geboren, bevor ihr Gehirn voll entwickelt ist. Das Ergebnis? Eine lange Erziehungszeit.

Da das Brötchen gezwungenermaßen aus dem Ofen muss, noch bevor es gar ist, sind Kinder viele Jahre lang auf die Unterweisung durch erfahrene Gehirne angewiesen. Dafür sind in erster Linie die Eltern zuständig, denn sie haben den Nachwuchs in die Welt gesetzt.

Man muss also nicht allzu lange im Darwin,schen Drehbuch blättern, um eine plausible Erklärung für die Notwendigkeit von Erziehung zu finden.

Das ist nicht das ganze Geheimnis der Erziehung, aber es erklärt zumindest, warum sie so wichtig ist und so lange dauert. Wir haben überlebt, weil eine ausreichend große Zahl von uns Eltern geworden ist und diesen Job so gut gemacht hat, dass es die kackenden, pinkelnden, Schimpfwörter gebrauchenden und ungemein verletzlichen Sprösslinge bis ins Erwachsenenalter geschafft haben. Wir haben da kein Mitspracherecht: Das Gehirn eines Babys ist schlichtweg nicht reif genug, um sein Überleben zu sichern.

Die Kindheit ist also eine Zeit, in der der Mensch noch sehr schutzbedürftig ist. Mehr als ein Jahrzehnt liegt zwischen der Geburt eines Kindes und dem Zeit|27|punkt, da es sich fortpflanzen kann – eine Ewigkeit, verglichen mit anderen Spezies. Dieses lange Intervall macht nicht nur deutlich, wie wenig entwickelt das Gehirn eines Babys noch ist; es unterstreicht auch die Notwendigkeit einer entschlossenen und fürsorglichen Erziehung. Erwachsene, die im Laufe unserer Entwicklungsgeschichte schützende Gemeinschaften mit der nächsten Generation bildeten und ihr Wissen an sie weitergaben, hatten einen deutlichen Vorteil gegenüber jenen, die sich nicht fortpflanzen konnten oder wollten. Tatsächlich gehen manche Evolutionstheoretiker davon aus, dass die Sprachentwicklung in all ihrer Vielfalt vor allem dazu diente, die Verständigung zwischen Eltern und Kindern zu vertiefen und wirksamer zu machen. Die Beziehungen unter Erwachsenen waren für unser Überleben ebenfalls wichtig – und sind es trotz allem noch heute.

Wir sind gesellige Wesen

Die moderne Gesellschaft tut alles, um tiefe soziale Verbindungen aufzuweichen. Wir ziehen ständig um. Unsere Verwandtschaft ist oft über hunderte oder sogar tausende Kilometer verstreut. Freundschaften werden heutzutage auf elektronischem Weg geschlossen und aufrechterhalten. Viele frischgebackene Eltern klagen darüber, dass sie sich isoliert fühlen. Ihren Verwandten ist das Baby oft völlig fremd, und für ihre Freunde ist ihr Baby lediglich ein Wort mit vier Buchstaben. So war das eigentlich nicht vorgesehen.

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und markieren Sie im folgenden Bericht sämtliche Begriffe, die sich auf Freunde und Familie beziehen:

Ich zog wieder zu meinen Großeltern, um das Geld für die Uni zu sparen. Ich bin hier aufgewachsen und tief mit diesem Ort verwurzelt. Einer unserer lieben Nachbarn starb, und seine Familie räumte das Haus aus, um es zu verkaufen. Am Abend versammelten sich einige von uns in der Garage, darunter auch der Sohn des Verstorbenen. Wir tranken Wein und sprachen über all die Nachbarn und Familien, die nicht mehr unter uns weilten. Es gab Gelächter und Tränen, aber da war dieses wunderbare Gefühl, dass all jene, die sich bereits verabschiedet hatten, bei uns waren und ebenfalls lachten. Es war umwerfend!

Wir sind überaus gesellige Wesen. Dieser Umstand ist grundlegend für das Verständnis des Gehirns und vieler Themen in diesem Buch, von der Empathie über die Sprache bis hin zu den Auswirkungen sozialer Isolation. Da das Gehirn ein biologisches Organ ist, sind die Gründe evolutionärer Natur. Die meisten Wissen|28|schaftler glauben, dass unsere Spezies deshalb überlebt hat, weil wir kooperative soziale Gruppen gebildet haben. Auf diese Weise haben wir viel Zeit in Beziehungen verbracht, die Beweggründe und das Innenleben der anderen kennengelernt und Systeme der Belohnung und Bestrafung entwickelt.

Das Leben in Gruppen brachte zwei entscheidende Vorteile mit sich: Zum einen die Fähigkeit, als Team zusammenzuarbeiten, was sehr nützlich für die Jagd war und dafür, Schutz zu finden und sich gegen wilde Tiere zu verteidigen; zum anderen die gegenseitige Hilfe beim Aufziehen der Kinder. Das Missverhältnis zwischen der Größe des Geburtskanals und der des Babyschädels hatte zur Folge, dass Frauen nach der Geburt Zeit brauchten, um sich davon zu erholen. Jemand musste sich um die Kinder kümmern. Oder sie ernähren, falls die Mutter starb. Diese Aufgabe fiel hauptsächlich den Frauen zu (Männer können schließlich nicht stillen); allerdings sind viele Wissenschaftler der Überzeugung, dass die erfolgreichsten Gruppen diejenigen waren, in denen die Männer die Frauen aktiv unterstützten. Der Zusammenhalt von Männern und Frauen in der Gruppe war so stark und so entscheidend für unser Überleben, dass Wissenschaftler diesem Phänomen einen eigenen Namen gegeben haben: Alloparenting – das gemeinschaftliche Aufziehen der Kinder und die Unterstützung der Eltern durch andere Gruppenmitglieder. Wenn Sie als Elternteil das Gefühl haben, der Aufgabe allein nicht gewachsen zu sein, liegt das daran, dass ein solcher Alleingang aus evolutionsgeschichtlicher Sicht überhaupt nicht vorgesehen ist.

Obgleich wir natürlich nicht aus erster Hand wissen, wie unsere Jäger-und-Sammler-Vorfahren ihre Kinder großzogen, gibt es reichlich Belege für diesen Hang zur Gruppe. Wir wissen, dass Babys von Geburt an darauf gepolt sind, mit anderen Menschen in Beziehung zu treten – zunächst mit ihren natürlichen Bezugspersonen, den Eltern, und dann mit Personen außerhalb ihrer Familie. Eine Mutter berichtete, wie sie zusammen mit ihrem zweijährigen Sohn eine Talentshow im Fernsehen anschaute. Eine der Kandidatinnen war in Tränen aufgelöst, weil sie es nicht in die nächste Runde geschafft hatte. Da sprang der kleine Junge plötzlich auf, tätschelte den Fernsehbildschirm und sagte: „Nein, nicht weinen!“ Diese tröstende Geste setzt tief verwurzelte Beziehungsfertigkeiten voraus und veranschaulicht einen wichtigen biologischen Prozess. Wir alle besitzen die angeborene Fähigkeit, mit anderen eine Beziehung herzustellen.

Wenn Sie im Hinterkopf behalten, dass das Gehirn in erster Linie auf das Überleben ausgerichtet ist und ein tiefes Bedürfnis nach Beziehungen hat, werden Ihnen die Informationen in diesem Buch – die Dinge, die das Gehirn Ihres Babys am besten entwickeln – einleuchten.

|29|Ein paar Anmerkungen, bevor es losgeht

Familie definieren: Vielleicht haben Sie diese Softdrink-Werbung schon einmal gesehen: Die Kamera folgt einem adretten jungen Mann auf einer Party durch ein großes Haus. Es ist Weihnachten, und der junge Mann hat alle Hände voll zu tun, uns seine diversen Freunde und Familienmitglieder vorzustellen, Softdrinks auszuteilen und nebenbei auch noch zu singen. Da sind seine Mom, sein Bruder, sein Schwesterherz, seine „total coole Stiefmutter“ und die beiden Kinder, die die Stiefmutter mit in die Ehe mit seinem Dad gebracht hat, ferner Tanten, Cousinen, Kollegen, sein bester Freund, sein Judotrainer, sein Allergologe und sogar seine Twitter-Fans. Dieser Werbespot ist eines der deutlichsten Beispiele dafür, dass sich die Definition der „Amerikanischen Familie“ verändert, und zwar rasant.

Allzu beständig ist diese Definition ohnehin nie gewesen. Das Konzept der Kernfamilie – ein Mann, eine Frau und 2,8 Kinder – gibt es überhaupt erst seit dem 19. Jahrhundert. Angesichts einer Scheidungsrate von 40 bis 50 Prozent, die seit mehr als drei Jahrzehnten wie ein Geier über den amerikanischen Ehen kreist, und häufiger Wiederheiraten ist die „Patchwork“-Familie heutzutage das typischere Familienmodell. Dasselbe gilt für den Singlehaushalt. Mehr als 40 Prozent aller Geburten in Amerika gehen auf das Konto unverheirateter Mütter. Mehr als 4,5 Millionen Kinder werden überhaupt nicht von ihren biologischen Eltern aufgezogen, sondern von ihren biologischen Großeltern. Und heutzutage zieht jedes fünfte homosexuelle Paar Kinder auf.

Viele dieser gesellschaftlichen Veränderungen haben sich so rasch vollzogen, dass die Wissenschaft noch gar keine Gelegenheit hatte, sie gründlich zu untersuchen. Zum Beispiel gibt es noch keine Langzeitstudie über Kindererziehung in gleichgeschlechtlichen Ehen, weil diese Form der Partnerschaft erst seit kurzem und nur in wenigen US-Bundesstaaten legal ist. Die wichtigsten Daten, die uns heute über Erziehung vorliegen, stammen fast ausschließlich aus den traditionellen, heterosexuellen Ehen des 20. Jahrhunderts. Solange Wissenschaftler die Dynamik der neuen Familienmodelle nicht erforscht haben, wissen wir nicht, ob die Erkenntnisse, die hier beschrieben werden, auch auf andere Konstellationen zutreffen. Daher verwende ich bewusst Begriffe wie „Ehe“ und „Ehepartner“ anstelle von „Partner“.

Woher die Geschichten stammen: Viele der Berichte in diesem Buch habe ich der Webseite von TruuConfessions.com entnommen, einem Forum, in dem Eltern anonym posten können, um sich etwas von der Seele zu schreiben, um Rat|30|schläge einzuholen oder um mit anderen Eltern Erziehungserfahrungen auszutauschen.

Manche Geschichten geben auch Erfahrungen wieder, die meine Frau und ich mit unseren beiden Söhnen, Josh und Noah, gesammelt haben, die mittlerweile Jugendliche sind. Wir haben in den Jahren ihres Heranwachsens Tagebuch geführt und darin einzelne Beobachtungen, Urlaubserinnerungen und viele wunderbare Dinge festgehalten, die unsere Kinder uns gelehrt haben. Ich habe sie um Erlaubnis gebeten, die ein oder andere Begebenheit in dieses Buch aufzunehmen; daraufhin sind beide Jungs die Geschichten, in denen sie vorkommen, durchgegangen, und nur diejenigen, gegen die sie nichts einzuwenden hatten, werden hier veröffentlicht. Ein dickes Lob für ihren Mut und ihren Sinn für Humor, mit dem sie ihrem lieben alten Dad erlaubt haben, Episoden aus ihren frühen Lebensjahren weiterzugeben.

Die Datenquellen: An manchen Stellen in diesem Buch gibt es zu fast jedem Satz eine Quellenangabe. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit werden diese Quellen jedoch nicht in den Text integriert, sondern in einem Extrateil am Ende des Buches gesondert aufgeführt. Dieser Literaturteil stammt von der Webseite www.brain​rules.net, auf der interessierte Leser eine Fülle von weiterem Material finden, darunter auch zahlreiche Videos. Manche Themen lasse ich hier ganz aus, damit das Buch nicht zu dick wird, oder weil sie einfach nicht ausreichend dokumentiert sind.

Die Küche meiner Frau: Wir können gleich loslegen. Angesichts der Unmengen an Informationen in diesem Buch habe ich nach einer geeigneten Metapher gesucht, um sie zu organisieren. Fündig geworden bin ich in der Küche meiner Frau Kari, die – neben zahlreichen weiteren Talenten – eine begnadete Köchin ist. Unsere Küche ist pickepackevoll mit allen möglichen Dingen, von so banalen Lebensmitteln wie Haferflocken (ja, in unserer Familie wird Haferbrei gegessen) bis hin zu exotischen Weinen. Kari steht auf Hausmannskost, daher finden sich in der Küche Zutaten für Rinderschmorbraten ebenso wie Gewürzmischungen für Hühnchen. Die Küchentür führt direkt in einen Garten mit frischem Obst und Gemüse, und Kari verwendet allerlei natürliche Düngemittel, um den Boden anzureichern. Als unsere Kinder noch „kürzer“ waren, benutzten sie einen dreibeinigen Hocker, damit sie alle Schränke erreichen und beim Kochen mithelfen konnten. Diese Utensilien werden hier immer wieder auftauchen, einschließlich des Saatguts und des Bodens des Gartens. Ich hoffe, dass meine Beschreibung von Küche und Garten Ihnen auf sympathische Weise den Zugang zu den vielen Ideen eröffnet, die hier vorgestellt werden.

|31|Sind Sie bereit, ein schlaues und glückliches Baby aufzuziehen? Dann nehmen Sie Platz. Dieses Buch wird Sie in eine wahrhaft magische Welt entführen. Der wichtigste Job, den Sie je übernommen haben, könnte auch die spannendste Aufgabe Ihres Lebens werden.

1

Anm. d. Übers.: In Deutschland werden bis zum 18. Lebensjahr etwa 150 000 Euro veranschlagt (Quelle: Statistisches Bundesamt, 2018).

|33|Schwangerschaft

Brain Rule: Gesunde Mutter, gesundes Baby

Einmal hielt ich vor einer Gruppe werdender Eltern einen Vortrag. Im Anschluss daran kam ein Ehepaar auf mich zu. Die beiden sahen besorgt aus. „Mein Vater ist Amateurfunker“, sagte die Frau. „Er meint, mein Mann solle auf meinen Bauch klopfen. Ist das gut für das Baby?“ Sie war ratlos. Ich auch. „Warum klopfen?“, fragte ich. Der Mann antwortete, „Nicht irgendein Klopfen. Er will, dass ich das Morse-Alphabet lerne. Ich soll dem Kind Botschaften morsen, damit der Kleine einmal gescheit wird. Vielleicht können wir ihm beibringen zurückzuklopfen!“ Die Frau warf ein: „Ob es dadurch intelligenter wird? Mein Bauch ist sehr empfindlich, und ich mag das Klopfen nicht.“

Das war ein komischer Moment, und wir fingen alle drei an zu lachen. Aber im Grunde genommen meinten es die beiden ernst. Das konnte ich an ihrem fragenden Blick erkennen.

Jedes Mal, wenn ich über die vielfach unterschätzte mentale Aktivität des heranwachsenden Fötus referiere, spüre ich, wie eine Welle der Panik durch den Raum rollt. Die Eltern im Publikum werden ernst und fangen an, sich wie wild Notizen zu machen oder aufgeregt mit ihren Nachbarn zu flüstern. Eltern, deren Kinder schon groß sind, wirken manchmal zufrieden, manchmal bekümmert; ein paar sehen sogar so aus, als hätten sie Schuldgefühle. Skepsis, Erstaunen und viele Fragen tun sich auf. Kann ein Fötus im späten Stadium der Schwangerschaft wirklich das Morse-Alphabet lernen? Und wenn ja, würde er in irgendeiner Form davon profitieren?

Wissenschaftler haben in den vergangenen Jahren viele neue Erkenntnisse über die mentale Aktivität des Ungeborenen gewonnen. In diesem Kapitel werden wir uns mit dem wundersamen Mysterium befassen, wie aus ein paar winzigen Zellen ein Gehirn entsteht. Wir werden herausfinden, was das im Hinblick auf das Morse-Alphabet bedeutet, und ausführlich auf die Dinge eingehen, die die Gehirnentwicklung im Mutterleib erwiesenermaßen fördern. Übrigens gibt es davon nur vier. Und wir werden zwischendurch mit ein paar Mythen aufräumen. So viel vorweg: Ihre Mozart-CDs können Sie schon mal wegpacken.

|36|Ruhe bitte: Baby in Arbeit

Wenn ich für die erste Schwangerschaftshälfte einen Rat geben sollte, der in einen einzigen Satz passt, würde er folgendermaßen lauten: Das Baby will in Ruhe gelassen werden.

Zumindest am Anfang. Aus der Sicht des Babys ist das Beste am Leben im Mutterleib der relative Mangel an Stimulation. Die Gebärmutter ist dunkel, feucht, warm und so sicher wie ein Luftschutzbunker; außerdem ist es dort viel ruhiger als in der Welt da draußen. Und das muss auch so sein. Sobald die Entwicklung in Gang kommt, pumpt das kleine Vorhirn Ihres Embryos 500 000 Nervenzellen pro Minute hervor; das sind mehr als 8000 pro Sekunde, und dieses atemberaubende Tempo erhält es wochenlang aufrecht. Das lässt sich schon drei Wochen nach der Empfängnis gut beobachten und setzt sich etwa bis zur Schwangerschaftsmitte fort. Das Kleine muss also innerhalb sehr kurzer Zeit sehr viel bewerkstelligen, und je weniger ihm seine ungeübten Eltern dazwischenfunken, umso besser.

Tatsächlich sind manche Evolutionsbiologen der Ansicht, dass dieses Ruhebedürfnis des Babys der Grund ist, warum die meisten Schwangeren unter Morgenübelkeit leiden. Diese unangenehme Begleiterscheinung, die den ganzen Tag über anhalten kann (bei manchen Frauen sogar die gesamte Schwangerschaft über), sorgt dafür, dass die werdende Mutter nur fade, langweilige Nahrung zu sich nimmt – wenn sie überhaupt viel isst. Diese Vermeidungsstrategie hat unsere weiblichen Vorfahren vor den natürlichen Giften in exotischen oder verdorbenen Nahrungsmitteln bewahrt, die auf dem abenteuerlichen Speiseplan der Steinzeit standen. Die Abgeschlagenheit, die mit dem Unwohlsein einherging, hielt die Frauen auch davon ab, sich körperlich zu verausgaben und das Ungeborene zu gefährden. Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass das Baby dadurch auch klüger wird.

Eine Studie, die allerdings noch repliziert werden muss, untersuchte Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft unter schwerer Übelkeit und Erbrechen gelitten hatten. Als die Kinder das Schulalter erreichten, ergab ein standardisierter IQ-Test bei 21 Prozent der jungen Probanden Werte von 130 oder höher, das heißt, jedes fünfte Kind war hochbegabt. Von den Kindern, deren Mütter keine Morgenübelkeit hatten, erreichten nur sieben Prozent so hohe Werte. Die Forscher haben eine Theorie (die noch bewiesen werden muss), warum das so ist: Zwei Hormone, die den Brechreiz auslösen, wirken zugleich als Dünger für die Nervenzellen im Gehirn. Je mehr Erbrechen, desto mehr Dünger, desto größer die Auswirkung auf den IQ. Warum auch immer – das Baby scheint alles zu tun, damit Sie es in Ruhe lassen.

|37|Aber wie gut sind wir darin, das Baby im Bauch in Ruhe zu lassen – in der frühen Phase der Schwangerschaft und danach? Nicht besonders gut, fürchte ich. Die meisten Eltern haben das nagende Bedürfnis, etwas zu tun, um das Baby zu unterstützen, vor allem, wenn es um sein Gehirn geht. Dieser Drang wird von einem riesigen Sektor der Spielzeugindustrie angeheizt, der meines Erachtens nichts anderes tut, als die Ängste wohlmeinender Eltern zu schüren. Passen Sie gut auf, denn der folgende Teil kann Ihnen eine Menge Geld sparen.

Pregaphon und Wunderkinder

Als ich vor ein paar Jahren in einem Spielzeugladen einkaufte, fiel mir eine DVD mit dem vielversprechenden Titel „Wunderbaby“ in die Hände, die für Säuglinge und Kleinkinder gedacht war. Auf dem dazugehörigen Werbeflyer stand: „Wussten Sie schon, dass Sie aktiv dazu beitragen können, die Gehirnentwicklung Ihres Babys zu fördern? In den ersten 30 Monaten durchläuft das Gehirn Ihres Kindes die wichtigsten Entwicklungsstadien. (…) Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass Ihr Kind das nächste Wunderbaby wird!“ Das machte mich so wütend, dass ich den Flyer zerknüllte und in den nächsten Abfalleimer warf.

Diese haarsträubenden Behauptungen haben eine lange Geschichte. In den späten 1970er Jahren wurde die erste „Prenatal University“, eine Universität für Ungeborene, ins Leben gerufen. Auf dem nicht ganz billigen Lehrplan standen Maßnahmen, die den Wortschatz des Kindes, seine Aufmerksamkeitsspanne und seine kognitive Leistungsfähigkeit steigern sollten – und das alles schon vor der Geburt. Die kleinen Absolventen bekamen ein richtiges Diplom, das sie als haushoch überlegene Babys auswies. Zehn Jahre später kam dann das Pregaphon auf den Markt, ein hochgepriesenes Gerät, mit dem Schwangere ihren Bauch beschallen sollten: von der Stimme der Mutter bis hin zu klassischer Musik und anderen Geräuschen, die angeblich den IQ des Kindes erhöhten. Bald folgten weitere Produkte, die mit den tollsten Versprechungen warben: „Bringen Sie Ihrem Kind noch im Mutterleib das Buchstabieren bei!“ „So lernt Ihr Kind noch vor der Geburt eine zweite Sprache!“ „Machen Sie aus Ihrem Kind ein Mathematikgenie, indem Sie ihm klassische Musik vorspielen!“ Mozart war der Renner, weswegen die vermeintliche Steigerung der frühkindlichen Gehirnentwicklung dank seiner Musik auch als Mozart-Effekt bezeichnet wird. Die Bücher, die in den 1990er Jahren in die Buchhandlungen kamen, versprachen, dass Paare den IQ ihres Ungeborenen um 27 bis 30 Punkte und die Aufmerksamkeitsspanne um 10 bis 45 Minuten steigern konnten, wenn sie jeden Tag spezielle Übungen durchführten.

|38|Wenn Sie heute einen beliebigen Spielzeugladen betreten, finden Sie unweigerlich Produkte, die solche Versprechungen machen. Dabei wurde keine einzige davon je durch firmeneigene Tests belegt, geschweige denn durch fundierte Studien, die von unabhängigen Experten begutachtet wurden.

Ob Sie es glauben oder nicht: Bei keinem kommerziellen Produkt konnte je auf wissenschaftlich verantwortungsvolle Weise (und nicht einmal auf unverantwortlich unwissenschaftliche Weise) nachgewiesen werden, dass es in irgendeiner Form dazu beiträgt, die Gehirnleistung eines Fötus zu steigern. Es gibt keine doppelblinden, randomisierten Experimente, deren unabhängige Variable die An- oder Abwesenheit des Produkts war. Keine streng wissenschaftliche Studie hat je gezeigt, dass vorgeburtlicher Unterricht später einen schulischen Nutzen brachte. Es gibt keine Zwillingsstudien, die untersucht haben, in welchem Maße Veranlagung und Umwelt die Wirkung eines solchen Produkts beeinflussen. Das gilt für die „vorgeburtliche Universität“ ebenso wie für die Beschallung mit Mozart.

Es ist traurig – aber wo Fakten nur spärlich gesät sind, wachsen Mythen wie Unkraut. Viele arglose Eltern lassen sich auch heute noch von solchen Produkten ködern und werfen ihr hart verdientes Geld zum Fenster raus.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das lukrative Geschäft mit unwirksamen Produkten geradezu fahrlässig. Diese Produkte ziehen so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass die wirklich wichtigen Erkenntnisse daneben völlig untergehen. Tatsächlich gibt es Dinge, die werdende Eltern tun können, um die kognitive Entwicklung des Ungeborenen zu unterstützen. Diese Maßnahmen wurden getestet und evaluiert, und die Ergebnisse wurden in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur unter die Lupe genommen. Um den Wert dieser Erkenntnisse ermessen zu können, müssen Sie ein paar Fakten über die frühkindliche Gehirnentwicklung kennen. Wenn Sie erst einmal eine Vorstellung davon haben, was da wirklich passiert, werden Sie gleich sehen, warum so viele kommerzielle Produkte nichts weiter sind als Werbe-Hypes.

Und los geht’s

Die Protagonisten des Stücks „Wir machen ein Baby“, erster Akt, sind eine Eizelle, eine Samenzelle und ein schmalziger Marvin-Gaye-Song. Sobald die beiden Zellen vereint sind, fangen sie an, auf engstem Raum viele neue Zellen zu |39|produzieren. Der Embryo sieht bald aus wie eine winzige Maulbeere. (Tatsächlich wird dieses frühe Entwicklungsstadium Morula genannt, die lateinische Bezeichnung für Maulbeere). Die erste Entscheidung, die Ihre kleine Maulbeere trifft, ist praktischer Natur: Sie muss entscheiden, welche Zellen Babys Körper und welche Babys Unterschlupf werden sollen. Das geschieht blitzschnell. Bestimmte Zellen werden mit dem Hausbau beauftragt: Sie bilden die Plazenta und den Wasserballon, in dem der Embryo schwimmen wird – die Fruchtblase. Die anderen Zellen werden mit dem Bau des Embryos betraut: Sie bilden eine Ansammlung von Gewebe, die „innere Zellmasse“ oder „Embryoblast“ genannt wird.

An dieser Stelle müssen wir kurz innehalten und über etwas nachdenken: Die innere Zellmasse enthält in diesem Stadium eine einzelne Zelle, aus der das gesamte menschliche Gehirn hervorgehen wird. Das komplexeste informationsverarbeitende Gerät, das je gebaut wurde, ist in Arbeit. Und am Anfang ist es nur so groß wie ein Bruchteil des Punkts am Ende dieses Satzes.

Ich befasse mich seit mehr als 20 Jahren mit diesen Dingen und finde sie immer noch faszinierend. Wie der Wissenschaftler Lewis Thomas in seinem Buch Das Leben überlebt: Geheimnis der Zellen (1985) schreibt: „Die schiere Existenz einer solchen Zelle sollte die Menschen mehr als alles andere auf dieser Welt in Erstaunen versetzen. Sie sollten den ganzen Tag, ihre gesamte Wachzeit, in endloser Verwunderung zubringen und über nichts anderes reden als über diese Zelle.“ Nur zu, reden Sie mit Ihrem Nachbarn darüber. Ich warte.

Das Wunder geht weiter. Wenn Sie diesen Embryo in Aktion sehen könnten, wie er da im Wasser schwimmt, würden Sie bemerken, dass um die innere Zellmasse ein einziges Gewimmel von Zellen herrscht; sie wuseln um den Embryo herum wie geschäftige Köche in einem Schnellrestaurant. Die Zellen gruppieren sich zu drei lebenden Schichten, die an einen Cheeseburger erinnern. Die untere Schicht, das Brötchen, wird Entoderm oder „inneres Keimblatt“ genannt; aus ihm geht ein Großteil der Zellsysteme hervor, die die Organe und die Blutgefäße Ihres Babys bilden. Das mittlere Keimblatt, der Burger, heißt Mesoderm; aus ihm entwickeln sich unter anderem die Muskeln, das Bindegewebe und das Skelett. Die obere Schicht unseres Cheeseburgers wird Ektoderm genannt. Haut, Haare, Nägel und Nervensystem Ihres Babys gehen aus diesem Keimblatt hervor. Hier befindet sich auch jene wundersame kleine Vorgehirnzelle.

Wenn man ganz genau hinsieht, kann man einen winzigen Zellstrang erkennen, der oberhalb des mittleren Keimblatts entsteht. Darunter beginnt sich eine zylindrische Struktur zu bilden, die in die Länge wächst und sich dabei an dem Zellstrang orientiert. Dieser Zylinder ist das Neuralrohr, der Vorläufer von Gehirn |40|und Rückenmark. Das hintere Ende des Rohrs wird der Po Ihres Babys, das vordere Ende sein Gehirn.

Wenn etwas schiefläuft

Es ist lebensnotwendig, dass sich das Neuralrohr richtig entwickelt. Wenn nicht, kann es zu einer Spaltbildung kommen, bei der Teile des Rückenmarks hervortreten. Dieser Neuralrohrdefekt wird Spina bifida genannt. Oder Teile des Schädels und des Gehirns bilden sich nicht vollständig aus, was als Anenzephalie bezeichnet wird.

Aus diesem Grund wird Schwangeren dringend empfohlen, Folsäure einzunehmen, ein Vitamin der B-Gruppe, das dazu beiträgt, dass sich das Neuralrohr – sowohl das obere als auch das untere Ende – richtig ausbildet. Bei Frauen, die vor der Empfängnis und während der ersten Schwangerschaftswochen Folsäure einnehmen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fötus einen Neuralrohrdefekt entwickelt, um 76 Prozent geringer als bei Frauen, die keine Folsäure einnehmen. Das ist also das Erste, was Sie tun können, um die Gehirnentwicklung Ihres Babys zu unterstützen.

Im Laufe der Geschichte haben sich werdende Eltern immer Sorgen darüber gemacht, ob sich Ihr Ungeborenes richtig entwickelt. Im Jahr 1573 erstellte der französische Chirurg Ambroise Paré eine Liste mit Dingen, die werdende Eltern beachten sollten, um Geburtsfehler zu vermeiden. „Es gibt mehrere Dinge, die Monster hervorbringen“, schrieb er in Des monstres e prodiges. „Das erste ist der Ruhm Gottes. Das zweite sein Zorn. Das dritte eine zu große Menge an Samen. Das vierte eine zu geringe Menge an Samen.“ Paré stellte die These auf, dass Missbildungen durch eine „unschickliche“ oder ungesunde Körperhaltung der Frau (etwa durch zu langes Sitzen mit übereinandergeschlagenen Beinen) verursacht werden können. Oder durch eine zu enge Gebärmutter; durch Teufel und Dämonen; oder durch das frevelhafte Spucken von Bettlern.

Vielleicht können wir Nachsicht walten lassen, was Parés vorwissenschaftliches Fehlverständnis von der Gehirnentwicklung im Mutterleib angeht. Schließlich ist dieser Vorgang selbst für den modernen Menschen beängstigend, hoffnungslos komplex und weitgehend rätselhaft.

Für fast zwei Drittel aller Geburtsfehler haben Wissenschaftler auch heute noch keine Erklärung. Nur ein Viertel aller bekannten Geburtsfehler lässt sich auf ein bestimmbares DNA-Problem zurückführen. Einer der Gründe, warum wir so wenig darüber wissen, ist, dass der Körper der Mutter offenbar über einen „Fail-Safe“-Mechanismus verfügt: Wenn bei der Entwicklung etwas schiefläuft, wittert |41|der Körper Probleme und löst gezielt eine Fehlgeburt aus. Etwa 20 Prozent aller Schwangerschaften enden schon früh mit einem Spontanabort. Bekannte Umweltgifte und all jene Dinge, die man überwachen kann, machen nur 10 Prozent der Geburtsfehler aus.

Ein feines Netz von Zellen, das vor Elektrizität nur so knistert

Glücklicherweise verläuft die Gehirnentwicklung bei den meisten Babys reibungslos. Das Gehirnende des Neuralrohrs setzt sein Bauvorhaben fort, indem es Zellwülste ausbildet, die wie komplexe Korallenformationen aussehen. Aus ihnen gehen allmählich die großen Strukturen des Gehirns hervor. Noch vor Ablauf des ersten Schwangerschaftsmonats ist aus der winzigen Vorhirnzelle eine stolze Heerschar von Millionen von Zellen geworden.

Natürlich entwickelt sich das Gehirn nicht allein und unabhängig. In der vierten Woche sind beim Embryo vorübergehend Kiemenbögen zu erkennen, die zum Beispiel denen von Fischen ähneln. Diese Bögen verwandeln sich rasch in Gesichtsmuskeln und Halsstrukturen, die Ihrem Baby später das Sprechen ermöglichen. Als Nächstes bekommt der Embryo ein „Stummelschwänzchen“, das sich aber rasch wieder zurückbildet. Unsere Entwicklung ist stark evolutionär verwurzelt, und wir teilen dieses Wunder mit allen anderen Säugetieren auf dem Planeten. Nur etwas ist anders.

Jene Wülste am Ende des Neuralrohrs werden zu einem riesigen, dicken, fetten, superklugen Gehirn, dessen Masse im Verhältnis zum Körper enorm groß ist. Diese massive Struktur besteht aus einem feinen Netz von Zellen, das vor winzigen elektrischen Ladungen nur so knistert. Zwei Arten von Zellen sind hier besonders wichtig: die Gliazellen, die etwa 90 Prozent der Gehirnzellen ausmachen, dem Gehirn seine Struktur geben und dafür sorgen, dass Informationen korrekt weitergeleitet werden; und die Neuronen bzw. Nervenzellen, die zwar für das Denken enorm wichtig sind, aber nur etwa zehn Prozent der Gehirnzellen ausmachen. Daher stammt wahrscheinlich der Mythos, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns nutzen.

Eine Nervenzelle, 15 000 Verknüpfungen

Wie also wird aus einer einfachen Zelle ein Gehirn? Dazu ist einen Prozess namens Neurogenese erforderlich, bei dem bestimmte Vorläuferzellen in Nervenzellen umgewandelt werden. Dieser Prozess ist der Grund, warum das Baby in der ersten Schwangerschaftshälfte in Ruhe gelassen werden will. In der zweiten |42|Schwangerschaftshälfte wandern die Zellen dann zu ihrem Funktionsort, wo sie sich häuslich niederlassen und sich untereinander verknüpfen bzw. Synapsen bilden. Dieser Vorgang wird daher Synaptogenese genannt.

Die Zellmigration erinnert mich an Spürhunde, die von der Leine gelassen werden, um die Spur des Verbrechers aufzunehmen. Nervenzellen stürmen aus ihren ektodermalen Käfigen, klettern übereinander hinweg, erschnüffeln molekulare Hinweisreize, halten inne, probieren verschiedene Wege aus und rotieren holterdiepolter durch das sich entwickelnde Gehirn. Sie schauen sich um und versuchen, Verbindungen zu ihren Nachbarn herzustellen. Wenn es ihnen gelingt, entstehen winzige, aber lebhafte Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen – sogenannte Synapsen. Elektrische Signale springen hin und her und ermöglichen so die Kommunikation zwischen den Zellen. Dies ist der letzte und entscheidende Schritt in der Gehirnentwicklung.

Die Synaptogenese ist ein langwieriger Prozess, aus dem einfachen Grund, weil sie unglaublich komplex ist. Eine einzelne Nervenzelle muss 15 000 Verbindungen zu anderen Zellen herstellen, bevor ihr Vernetzungsjob abgeschlossen ist. Das bedeutet, dass das Gehirn Ihres Babys Millionen von neuen Verknüpfungen pro Sekunde erstellen muss, damit es vollständig wird. Viele Nervenzellen bringen diesen Prozess nie zu Ende. Wie Lachse nach der Paarung sterben sie einfach ab.

Trotz dieser atemberaubenden Geschwindigkeit kann das Gehirn des Babys die Frist bis zur Geburt unmöglich einhalten. Tatsächlich erfolgen 83 Prozent der Synaptogenese nach der Geburt. Wenn Ihr Baby ein Mädchen ist, wird es seine Vernetzung erst mit Anfang 20 abschließen; Jungen brauchen dafür sogar noch länger. Beim Menschen ist das Gehirn das letzte Organ, das seine Entwicklung abschließt.

Ab wann kann Ihr Baby Sie hören und riechen?

Der Grund für diese rasend schnelle (und doch frustrierend langsame) Entwicklung ist, dass am Ende ein funktionierendes Gehirn dabei herauskommen soll, eines, das Input erhalten und darauf reagieren kann. Die Frage, die neugierigen Eltern unter den Nägeln brennt, lautet daher: Was weiß ein Fötus? Ab wann ist Ihr Baby in der Lage, beispielsweise Klopfzeichen über die Bauchdecke wahrzunehmen?

Merken Sie sich folgende Regel: Das Gehirn Ihres Babys verbringt die erste Hälfte der Schwangerschaft damit, sein neuroanatomisches Gerüst aufzubauen, und ignoriert dabei geflissentlich den größten Teil des elterlichen Engagements. |43|