Brandung - Maylis de Kerangal - E-Book

Brandung E-Book

Maylis de Kerangal

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Beschreibung

Am Hafen von Le Havre wird ein Mann tot aufgefunden. In der Jackentasche ein Kinoticket und auf dessen Rückseite ihre Telefonnummer. Sie erhält einen Anruf des ermittelnden Polizisten. Nur: Was soll sie – Synchronsprecherin in Paris, Mutter und Ehefrau – mit diesem ermordeten Mann in der 200 Kilometer entfernten Stadt zu tun haben?
Sie reist sofort nach Le Havre. Verlangt, die Leiche zu sehen. Angelangt in der Stadt ihrer Kindheit, begegnet sie unwillkürlich den Bildern ihrer Vergangenheit. Der Hafenkai, das Lichtspielhaus, jeder Ort trägt Spuren vergessener Episoden. Und immer mehr drängt sich ihr die Erinnerung an ihre erste verlorene Liebe auf. Was, wenn der Tote diese Jugendliebe ist, die damals von heute auf morgen wie vom Erdboden verschwunden war?

Ein mysteriöser Tod, eine Spurensuche an den Orten der Jugend und eine Hafenstadt, in der Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschwimmen. In ihrem literarischen psychologischen Thriller Brandung verwandelt Maylis de Kerangal einen Kriminalfall in einen Schauplatz innerlichen Aufruhrs und biografischer Erkundungen.

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EPUB
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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Cover

Titel

Maylis de Kerangal

Brandung

Roman

Aus dem Französischen von Andrea Spingler

Suhrkamp

Impressum

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Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Jour de ressac bei Éditions Verticales, Paris.Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Berlin.

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2026

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2026.

Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag GmbH, Berlin, 2026© Éditions Gallimard, Paris, 2024

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Umschlaggestaltung: Kosmos Design, Münster

Umschlagfoto: Jean Gaumy, Among the Waves, © Magnum Photos/OSTKREUZ

eISBN 978-3-518-78614-7

www.suhrkamp.de

Motto

»Aber

nur ein Mann — wie eine Stadt.«

William Carlos Williams, Paterson

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Cover

Titel

Impressum

Motto

die Stadt am Boden

die Gesänge der Sirenen

die Schwalbe

Informationen zum Buch

Brandung

Der Anruf kam um zwei, ich war gerade nach Hause zurückgekehrt, hatte noch den Mantel an und meine Tasche über der Schulter, schwer wie Stein, ich kramte darin, ohne mein Handy zu finden, leerte schließlich alles auf den Tisch in der Diele, der uns als Ablage dient, aber nichts, ich hielt inne, die Wohnung war verlassen, die Vibration des Telefons deutlich zu hören, aber die Quelle schien fern zu sein, unsituierbar, ich tastete meine Manteltaschen ab, die tief waren und weit unten, voller zerknitterter Zettel, Krümel, Späne, ich spürte es durch den Stoff unter meinen Fingern pulsieren, und als ich es endlich hervorgezogen hatte, zeigte das Display eine Festnetznummer, Vorwahl 02, Westen, ich hob ab, ein Mann meldete sich mit »Kriminalpolizei« und verlangte mich zu sprechen, ich sagte, das bin ich, während ich wie ein Automat auf den nächsten Stuhl zusteuerte, denn es zog mir schon jetzt den Boden unter den Füßen weg, und als ich dann saß, hörte ich zu, wie mich der Beamte mit der neutralen, sachlichen Ausdrucksweise derjenigen, die Verfahren durchführen, aufforderte, im Kommissariat von Le Havre zu erscheinen: Wir möchten Sie im Rahmen einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft.

Ich stammelte: Was? Welche Angelegenheit? Der Polizist erklärte mir, dass vor zwei Tagen in Le Havre im öffentlichen Raum die Leiche eines Mannes gefunden worden sei, ein unidentifiziertes Individuum, dass man annehme, ich könne Informationen liefern, dass ich kommen müsse. Vor mir krümmte sich der Flur wie eine Bobbahn. Mich überkam ein solches Gefühl von Geschwindigkeit, dass ich einen festen Punkt suchte, um mich mit den Augen daran festzuhalten – das Nike-Logo eines mit Zeitungspapier ausgestopften Turnschuhs, der unter dem Heizkörper trocknete, ein Türgriff aus Bakelit, eine Raute auf dem Teppich. Der Polizist bat mich, am nächsten Tag um neun ins Kommissariat von Le Havre zu kommen, er wollte mich befragen, ich antwortete okay, wir legten auf, und an meinem Ohr zerbrach die Zeit, knacks, in zwei Teile, Vormittag und Nachmittag, nunmehr unversöhnlich und so gegensätzlich, auseinanderdividiert, einander fremd, dass sie nicht mehr imstande waren, zusammen einen Tag zu bilden, obwohl ich doch diesen Tag gerade erlebte.

Danach wurde die Stille im Raum hart wie Gips an der Luft, und ich saß da, reglos, kraftlos, unfähig, die Flut der Fragen zu drosseln, die in mir aufkamen, Fragen, die ich logischerweise dem Polizisten hätte stellen müssen, wäre ich nicht von seiner schieren Autorität auf Distanz gehalten worden, verwirrt und im angestrengten Bemühen, die in seinem Satz enthaltenen Angaben zu sortieren: Leiche eines Mannes, im öffentlichen Raum, Le Havre. Dieser Name, Le Havre, den ich wie ein Körnchen in meinem Ohr isoliert habe, machte übrigens den Kipppunkt des Anrufs aus, verlieh ihm seine dumpfe Schlagkraft, denn – aber wusste das der Polizist? – ich habe in dieser Stadt gelebt, bin dort gewachsen wie Unkraut, bis ich meine Erwachsenengröße erreicht hatte, ebenso wie die Zähne, die Füße, das Herz und die Lunge, die dazugehören. Was mich mit dem Mann, den man gefunden hatte, mindestens verband, das war Le Havre.

Die Küche vor mir war kalt, alles war stehen und liegen gelassen worden wie in Pompeji, es sah aus, als wäre im Haus Alarm ausgelöst worden und man hätte sich Hals über Kopf in Sicherheit bringen müssen – der Kaffee bildete einen schwarzen Bodensatz in den Tassen, die Getreideflocken waren in den Schälchen getrocknet, und die Brösel knirschten unter meinen Sohlen. Weder Blaise noch Maïa hatten sich die Mühe gemacht, das Frühstück abzuräumen, es hätte mich nerven müssen, aber ich ignorierte die Unordnung, den Dreck, ich war wie benommen, eine Angelegenheit, die Sie betrifft, und während ich mein Gesicht unters kalte Wasser hielt, die Arme gegen die Spüle gestemmt, den Kopf zwischen den Schultern nach vorn gekippt, dachte ich, dass jedenfalls kein Mann aus meinem Umfeld als fehlend gemeldet, keiner verschwunden war in den letzten Tagen, sonst hätte ich es erfahren, ja, ich hätte eine Nachricht bekommen, man hätte mich angerufen, ganz bestimmt, auch wenn ich wusste, dass bei der Weitergabe einer schlechten Nachricht immer ein gewisses Netz von Beziehungen aktiviert wurde, eine Kartografie von Verbindungen, Positionen, manchmal unvermuteten Kontakten innerhalb einer Gruppe entstand, und dass mir dieses System nicht besonders günstig war – gekränkt, von einem Tod erst nach mehreren Tagen, von einer Geburt nach mehreren Wochen zu erfahren, hatte ich sogar manchmal den Eindruck, dass meine Nummer auf der offiziellen Benachrichtigungsliste unter die allerletzten abgesunken war.

Ich legte mich aufs Wohnzimmersofa, die Füße erhöht, kurzatmig, immer noch im Mantel. Ein Gefühl, als hätte sich ein fünfjähriges Kind auf meine Brust gesetzt. Die Leiche eines Mannes. Das Novemberlicht – transparent, perlend, eine Glasur – fiel schräg in den Raum, brachte die unsichtbare Materie der Luft zum Vorschein, all den schwebenden Staub. Ich scrollte auf meinem Handy durch die SMS der letzten Woche, die WhatsApp-Nachrichten, ich schaute in den Mails nach, im Spam, ich suchte mit zusammengekniffenen Augen auf dem Touchscreen, kalt wie ein Spiegel, nach einem Anzeichen. Eine Angelegenheit, die Sie betrifft. Einer meiner Angehörigen hätte sehr wohl sterben können, ohne dass irgendjemand davon erfährt, auf sein Fehlen hinweist, dachte ich, während mein Blick über die dicken Typografiebücher an der Wand schweifte, das war möglich, anders als das Verschwinden von Kindern ist das von Erwachsenen nicht zwangsläufig alarmierend, es kommt häufig vor, dass auch sie ausreißen, hungrig nach Einsamkeit, wie ich es manchmal selber bin, dass sie sich mit dem Auto davonmachen, in einen Bus oder Zug steigen, aus dem Spiel für eine Zeit, die oft drei Tage überschreitet, und dabei absichtlich ihre Papiere vergessen, um zu vergessen, wer sie sind. Die Leiche eines Mannes. Plötzlich dachte ich an Louis Kahn, in einer Märznacht 1974, als er aus Bangladesch zurückkam, im Untergeschoss der Penn Station niedergestreckt von einem Herzinfarkt: Drei Tage hatte es gebraucht, um in der Rechtsmedizin von New York diesen Architekten von Weltruf zu identifizieren, der Universitäten, Bibliotheken, Parlamente und Museen entworfen hatte und dessen Adresse im Pass bis zur Unleserlichkeit zerkratzt war wie die Spur eines Geheimnisses; ich erinnerte mich, dass dieser kleine Mann mit Sichtbeton und Licht gearbeitet hat, mit Monumentalität und Rätselhaftigkeit, was mich natürlich wieder auf Le Havre brachte.

Wie lange blieb ich so liegen, den Blick an die Decke gerichtet, meine Gedanken in einer um den Anruf des Polizisten kreisenden Spirale gefangen, und entwarf Szenarien, die so schwach waren, dass sie in wenigen Sekunden in sich zusammenfielen? Ich fühlte in meiner Manteltasche das Buch, das mir Herminée Kartzavodiou nach dem Mittagessen vor der Tür der Pizzeria angedreht hatte, indem sie mir mit ihrem starken griechischen Akzent erklärte, dass sie jemanden suche, um diesen bemerkenswerten Text, diesen heutigen Text aufzunehmen – sie redete ganz nah an meinem Gesicht, und ihre gelbliche Haut, ihr rabenschwarz gefärbtes Haar, ihre von einem Glaukom getrübte linke Iris, all das verlieh ihr das Aussehen einer alten Pythia. Ich hatte einen Blick auf den Umschlag geworfen: Deutscher Herbst, Stig Dagerman, das sagte mir diffus etwas, lies es schnell, hatte sie hinzugefügt und mich in einer Shalimar-Wolke umarmt, die ihre Marlboro-Light-Fahne nicht übertönen konnte, und ich hatte ihr nachgeschaut, wie sie sich entfernte Richtung Metrostation Bonne-Nouvelle, eine kleine birnenförmige Gestalt mit entschlossenem Schritt.

Presslufthammergeratter ließ die Fensterscheiben vibrieren, unten auf dem Boulevard wurde der Asphalt aufgerissen, um einen Radweg anzulegen. Im öffentlichen Raum. Draußen war der Himmel grau, im Haus gegenüber waren einige Fenster erleuchtet, man hatte gerade auf Winterzeit umgestellt, es war vielleicht vier, ich hatte keine Ahnung. Der Gedanke, mein Adressbuch zu öffnen und die Männer meines Umfelds anzurufen, einen nach dem anderen, auf die Gefahr hin, dass der Rest des Tages damit verginge, die Geliebten zu kontaktieren, die einsamen Charmeure, die entfernten Cousins, wobei der Kreis meiner Gefühle sich allmählich auf Freunde, Kollegen, Bekannte, und in Richtung Le Havre ausdehnen würde, das sie auf tausend Arten kennengelernt haben konnten, die Möglichkeit, sie alle anzurufen, nur um mich zu versichern, dass sie lebten, dieser Gedanke kam mir in dem Moment, als ich den Schlüssel in der Tür hörte und Blaise an seinem Schritt erkannte, der kaum merklich arhythmisch ist – er hat ein kürzeres Bein – und so leicht, dass das Parkett nicht muckste.

Im nächsten Augenblick stand er vor mir, zerknitterte Regenjacke, gelockerte Krawatte, schwere graue Strähne im Gesicht, nicht sehr frisch. Er trat näher, umweht von einem Geruch nach durchwachter Nacht und Graphit, die Stimme kratzig von den Zigarillos, und legte mir eine Hand auf die Stirn, erstaunt, mich mitten am Nachmittag im Wohnzimmer liegend anzutreffen: Was ist los? Hast du heute nicht gearbeitet? Bist du krank? Durch seine bloße Anwesenheit gestärkt, stand ich auf und erinnerte ihn, während ich den Gürtel meines Mantels aufknotete, lakonisch daran, dass meine Aufnahme letzte Woche fertig geworden war, er schlug sich an die Stirn: ach ja! Er kam aus den Vogesen zurück, wohin er am Vortag gefahren war, um Hersteller von hochwertigem Papier zu treffen – er hatte den »Firmenwagen« genommen, wie er ihn zum Spaß nennt, einen Volvo Kombi von 1993 mit 300000 km auf dem Tacho, der den Vorteil hat, dass er sich zum Nutzfahrzeug umfunktionieren lässt und Kartons und Material für die Druckerei transportieren kann, allerdings über keine Federung mehr verfügt, was Blaise den Rücken ruiniert.

Die Fabrik in den Vogesen war eine historische Mühle mit begehrter Produktion. Blaise hatte versucht, noch einmal über die Preise zu verhandeln, die in die Höhe schossen, aber vor allem, die verschiedenen für seine Zwecke geeigneten Papiere vorzubestellen, die ihm als kleinem handwerklichem Drucker, der keine Bücher herstellte, sondern Visitenkarten, Speisekarten, Einladungs- und sonstige Mitteilungskarten, kurz »Akzidenzen«, in diesen Zeiten des Mangels keineswegs sicher waren. Na, hat es geklappt, hast du dein Papier gekriegt? Ich legte ihm eine Hand auf die Wange, er küsste ihre Innenfläche, dann strich er sich die Haare zurück, wodurch er lange Geheimratsecken zum Vorschein brachte: Ja, das Papier geht klar. Er untertrieb seine Befriedigung, das spürte ich, er zog sich die auberginenfarbene Krawatte über den Kopf, und schließlich gestand er mir, er habe auf der Rückfahrt einen Umweg gemacht, um sich in einem Lagerschuppen bei Charleroi eine gebrauchte Druckpresse anzuschauen, eine OFMI Heidelberg, wenn du die sehen würdest. Er hatte sie am Ende gekauft, er war froh über sein Geschäft und so ausgelaugt, dass ich zögerte, ihm von dem Anruf des Polizisten zu erzählen. Als er sich entfernte in Richtung Schlafzimmer, hielt ich ihn zurück: Blaise, warte, ich muss dir was sagen, etwas Seltsames. Bei diesen Worten drehte er sich um, langsam, wie ein Frachter, der den Kurs ändert. Ich versuchte, nüchtern, bündig zu sein, ich vermied Abschweifungen und überspielte mein Unbehagen, aber als ich »Le Havre« sagte, spürte ich, dass auch er plötzlich begriff, seine großen grauen Augen blickten mich an. Die Leiche eines Mannes, im öffentlichen Raum.

Ich folgte ihm nicht, als er sich stumm verzog, die Hände im Kreuz, den Bauch vorgestreckt, den Kopf hin und her drehend, als wollte er schmerzende Wirbel knacken lassen, sondern aus irgendeinem archaischen Impuls heraus fing ich an, in dieser Wohnung, in der wir seit fast zwanzig Jahren lebten, herumzuwirbeln, ich vergaß, dass ich mir gelobt hatte, das nicht mehr zu tun, wegräumen, putzen, aufsammeln, dass ich feierliche Erklärungen diesbezüglich abgegeben hatte, Klebezettel an der Kühlschranktür, Mitteilungen für diejenigen, die hier lebten und offenbar glaubten, sie seien im Hotel, nämlich Blaise, der eine historische Ausnahmeregelung genoss, die ich immer mal beenden wollte, ohne je zur Tat zu schreiten, und Maïa, unsere wunderbare und vom häuslichen Leben wenig betroffene Tochter, da ich also diese Vorsätze vergessen hatte, tauchte ich meine Arme in Spülbecken, in Schränke, in die Tiefe der Mülleimer und Waschmaschinen, ich schwang den Staubsauger und stieß damit gegen die Fußleisten, die Leiche eines Mannes, so hektisch, so laut, dass ich Blaise nicht zurückkommen hörte, er hatte nachgedacht, kratzte sich im Nacken, den Ellbogen in der Luft, sehr Inspektor Columbo in diesem Moment, dieselbe nachlässige Erscheinung, dasselbe Spiel mit der Geschwindigkeit – äußerlich langsam, innerlich schnell: Dürfte man erfahren, inwiefern diese Geschichte dich betrifft? Ich brachte den Staubsauger mit einem Tritt zum Schweigen, dann blickte ich, auf den Griff gestützt, Blaise in die Augen und wiederholte ihm Wort für Wort, mit Betonung jeder Silbe und übertriebener Genauigkeit, was mir der Polizist gesagt hatte, und fügte hinzu, ich führe am nächsten Morgen mit dem ersten Zug nach Le Havre, eine Anhörung, ich würde im Kommissariat erwartet, man werde schon sehen. Er lauschte so aufmerksam, dass ich dachte, er würde endlich sprechen, er habe an etwas Bestimmtes gedacht, an etwas, das ihm wieder eingefallen sei, er habe eine dieser verzögerten Intuitionen gehabt, für die er bekannt war und die ebenso auf sein Genie hindeuteten wie auf eine Art, ständig zur Unzeit zu agieren; stattdessen verschränkte er die Arme vor der Brust, Hände unter den Achseln, Blick unverwandt, löste sich dann schließlich vom Türrahmen, murmelte: Ich lege mich hin, muss ein bisschen schlafen. Und da der Tag, ruiniert, unaushaltbar geworden war, begleitete ich ihn in unser Zimmer, wo die Vorhänge zugezogen waren; er legte sich aufs Bett, ich schmiegte mich hinter ihn, mein Mund in seinem Nacken, meine Knie in seinen Kniekehlen, unsere Fußknöchel sich sanft berührend, mein Arm über seine Hüfte gestreckt und meine Hand flach auf seinem der Matratze entgegensinkenden Bauch, an seinen Rücken geklebt, als wollte ich durch Berührung in den Schlaf finden, der ihn übermannt hatte, sich mir aber verweigerte. Eine Angelegenheit, die Sie betrifft.

die Stadt am Boden

In Le Havre wurde es Tag. Ein feiner Regen fiel schräg auf die Stadt. Eine SMS von Maïa erschien in dem Moment auf meinem Handy, als ich die Tür des Terminus aufstieß, des Cafés gegenüber dem Bahnhof: Wo bist du? Ich wandte mich der Deko in Rot und Schwarz zu, den grauen Fliesen, den großen Spiegeln, in denen ein paar auf Spielbretter und Schnapsgläser starrende Gäste zu sehen waren und dazwischen ich, zerknautscht, meine Tasche auf der Hüfte.

Hinter dem Tresen setzte die Kellnerin mit der unverhältnismäßigen Energie, die aus der Not und aus der Wut kommt, die Kaffeemaschine in Gang, ihr Haar wurde grau und ihre Haut war faltig geworden, aber ich erkannte sie, eingekeilt im Ausschank, die Schultern spitz, der Oberkörper schmal unter der verschlissenen Servicebluse, der Bizeps am mageren Arm tätowiert, die Nägel abgebrochen, sie ist schon immer da, sie war immer da, ich versuchte, Blickkontakt aufzunehmen, als sie meine Tasse auf die Theke knallte, ich dachte, sie würde mich vielleicht erkennen, ich war ja ziemlich oft hier im Terminus gewesen, aber nein, sie machte wortlos weiter und fing wieder an zu arbeiten, mit dem Rücken zum Lokal, auch ohne einen Blick für die Gymnasiasten auf der Bank, die hier herumhängen und aufeinanderhocken, seit es Bänke und Jugendliche gibt, und so sehr diese hier über ihr Handy gebeugt waren und scrollten, followten, zurückfollowten, Storys likten, es war immer dieselbe Szene, genau dieselbe Szene – und ich unter ihnen, in dem roten Dufflecoat von damals, als ich fünfzehn war –, es waren dieselben Körper, zu einem Schwarm zusammengeklumpt und wie Schmetterlinge gestylt, auch wenn sie Plateausneaker, falsche Gucci-Basecaps und Piercings an den Brauenbogen trugen. Einer von ihnen hatte sein Handy auf Lautsprecher gestellt, wie es neuerdings üblich und wahrhaftig lästig war, eine Telefonstimme mischte sich unter die anderen, starfullah, ich hab Corona, tönte sie, so dass der alte Punk, der am Nebentisch Paris-Normandie las, sofort aufstand, um sich an die Bar zu stellen.

Draußen nahm der Wind zu, Regenböen peitschten die Scheiben, aber niemand im Raum reagierte auf die lärmenden Schwankungen des Wetters und keiner riskierte einen Blick auf die ultraschnellen Panzer, die durch schmutzigbraune Landschaften pflügten, und auf die in Kellern und zerstörten Häusern zusammengedrängten Menschen, die abwechselnd den großen Flachbildschirm an der Wand einnahmen, stumme Bilder, unter denen unterschiedslos ein von Harry und Meghan beherrschter Nachrichtenticker lief. Ich kaufte Zigaretten. Ich überlegte, was ich Maïa antworten sollte, die hartnäckig fragte: Wo bist du? Was machst du? Ich tippte »Termin Arbeit/heute Abend zurück« und steckte das Handy in die Tasche – ich weiß nicht, warum ich sie belüge.

Sie schliefen noch im Haus, als ich mich hinausschlich, eine Geruhsamkeit von Heizungswärme und menschlichen Atemzügen, es war noch nicht sechs, ich hatte geräuschlos die Tür hinter mir geschlossen und gedacht, dass Maïa und Blaise bald aufstehen würden, um ihrerseits aufzubrechen, nach Bobigny, Étampes oder Villacoublay – es ist immer Blaise, der sie zu den Fechtwettkämpfen begleitet, die Ei-Thunfisch-Mayo-Sandwichs belegt und die Wasserflaschen füllt, während Maïa sich über ihre Ausrüstung beugt wie ein Diamantschleifer über seine Steine und Stück für Stück die Schuhe, Socken, Hose, Unterziehweste, Jacke, Metallweste, Handschuhe, Körperkabel, Maske in ihre große Sporttasche packt, einschließlich Florett, beide gehen methodisch vor, still, man hört kaum das Rascheln der Kleider, das Surren der Reißverschlüsse, das Zischen der Kaffeemaschine, und dann ist es Zeit, Maïa tippt ihre ersten SMS, sie sammeln zwei oder drei andere Florettfechterinnen an der Gare du Nord, am Châtelet ein und los. Ich dachte, ich hätte niemanden geweckt, aber als ich auf der Treppe nach oben schaute, sah ich Blaise auf dem Absatz, zerzaust, den Pyjama aufgeknöpft, den Bauch an der Luft, und viel massiger, als ich geglaubt hätte, so aus der Froschperspektive, mach dir keine Sorgen, ruf mich danach an, murmelte er, den dicken Kopf übers Geländer gebeugt, die geschwollenen Lider wie Nussschalen. Ich antwortete, ich würde mich melden, wenn ich den Polizisten getroffen hätte, und rannte die Stockwerke hinunter. Ich hatte es eilig, hinauszukommen in die harte, schneidende Kälte, zermürbt vom mehrmaligen Aufwachen, bei dem mir jedes Mal sofort der Satz des Polizisten eingefallen war, wellenförmig, rekursiv, wie eine Basslinie, die Leiche eines Mannes im öffentlichen Raum, Le Havre. Aber ich machte mir keine Sorgen: Es war eher das Staunen, das mir die Augen offen hielt, die Gewissheit, dass mein Leben am Tag zuvor, gegen vierzehn Uhr, abgedriftet war, ein ganz leichter Stoß, eine nur von mir bemerkte Abweichung, wie ein winziger Rechenfehler in der orbitalen Parametrisierung eines Raumschiffs, aber eine Abweichung, die, ich wusste es, auf Dauer spürbar werden würde.

Ich ging mit zügigem Schritt zur Metrostation, letzte Nachtschwärmer bestellten Pommes in den kabylischen Bars der Rue du Faubourg-du-Temple, und auf dem Platz, um das Denkmal der Republik herum, hingen sie schon wieder ab. Später, als ich in der Fensterscheibe der Metro mein Spiegelbild sah, das Gesicht modelliert unter den Neonröhren, blass in dem großen dunklen Mantel, den Riemen der Tasche quer über der Brust, hatte ich ein unbestimmtes, nebulöses Gefühl, nämlich das, Geheimagent meiner eigenen Existenz zu sein: Niemand hätte sich vorstellen können, was ich in Le Havre tun würde, ich hatte selbst keine klare Vorstellung von dem, was mich erwartete – würde ich einen Toten erkennen müssen, den man auf einer Trage aus der Tiefe einer Kühlzelle zöge und von dem nur der Kopf unter einem weißen Laken hervorragen würde wie in Los Angeles District? –, ich ließ mir nichts anmerken, die Metro raste in die schwarze Röhre, ich betrachtete nacheinander die Menschen um mich herum, manche stehend und durchgeschüttelt, das Gesicht unbewegt vor ihrem Handybildschirm, andere sitzend, die Augen geschlossen, gleichgültig gegenüber dem Kreischen der Achsen, das ihnen doch die Trommelfelle zerreißen musste, einige trugen noch die blauen und weißen Masken der Pandemie, bewegten sich, ohne in ihrer Wachsamkeit nachzulassen, jeder in seinem unergründlichen Leben, jeder in seiner kleinen Geheimmission, das war es vielleicht, was man die Anonymität der Großstädte nannte, und ich erinnerte mich, dass der tot aufgefundene Mann in Le Havre noch keinen Namen hatte, als der Polizist mich am Vortag anrief. Ein nicht identifiziertes Individuum. Im Bahnhof Saint-Lazare ging ich unter dem Glasdach, ohne nachzudenken, nach rechts, zu den Gleisen auf der Seite der Rue d’Amsterdam, der Zug war schon da, Gleis 20, eine Strecke, die stets dieselben Bahnhöfe rhythmisierten, Rouen, Yvetot, Bréauté-Beuzeville und dann Le Havre, Endstation, alle steigen aus, eine Endstation, die zu Unrecht so heißt: Nichts endet in dieser Stadt, du denkst, es ist Schluss, man ist hier am Ende des Kontinents, aber du steigst aus dem Zug, und sofort ist da das Meer, und es geht weiter. Es sei denn, man stirbt im öffentlichen Raum, dachte ich und spähte hinaus, ob der Regen nachließ.

Ich ging den Boulevard de Strasbourg hinunter, im Schutz der Fassaden. Es verändert sich hier, es wandelt sich, so leben die Städte, dachte ich, selbst verwandelt, zwangsläufig verändert nach all den Jahren. Hinter dem Bahnhof erstreckte sich jetzt ein Universitätscampus, am Ufer des Bassin Vauban standen Luxushotels, die Docks waren zu Ladengalerien geworden, man hatte einen Jachthafen gebaut, die Straßenbahn wiederbelebt, Bäume gepflanzt: Le Havre hatte noch jugendliche Wachstumsschübe. Doch die Stadt, deren Kind ich bin, blieb alldem gegenüber gleichgültig. Sie ignorierte diese Manipulationen und pfiff auf diese Machenschaften, sie blieb unter der sichtbaren Oberfläche der begrünten Plätze, auf der Rückseite der Nutzungszonen und Stadtentwicklungspläne, hinter den Filialen der Fast Fashion und der Industriebäcker, diesseits von Denkmalpflege und brandneuen Einrichtungen. Sie widersetzte sich ihrer eigenen Urbanisierung. Sie lebte anderswo, unter den Wolken und im Wind. Mich interessierten nur die in meinem Gedächtnis gespeicherten Daten, die eingegrabenen Linien und die alten Ansichten, die Bezugspunkte von jeher – der etwas hellere Himmel im Westen, die Windgassen, die Form der Rauchschwaden. Was ich in meinem Herzen einer Sterblichen empfand, flüchtig, aber scharf, während ich auf dem rutschigen Laubbelag des Gehwegs auf die Nase zu fallen vermied, hatte daher wenig zu tun mit dem Gefühl von Verlust, der melancholischen Gestimmtheit, dem Kummer, den man verspürt, wenn etwas vergeht, sich verändert, unkenntlich wird; es war vielmehr eine andere, genauso schmerzliche Regung, das Gefühl, das man im Gegenteil vor dem empfindet, was ausdauernd ist und sich gleich bleibt, vor dem, was überlebt hatte und was ich wiedererkennen konnte. So lange bin ich nicht in Le Havre gewesen.

Das Blau und das Rot der Nationalflagge drangen in der Ferne durch das Grau: Das letzte Mal, als ich den Fuß in ein Kommissariat gesetzt hatte, vor drei Jahren, wollte ich den Diebstahl meines Passes anzeigen, der mir in einem Kino unten am Boulevard Richard-Lenoir aus der Jackentasche geklaut worden war, während ich in der Warteschlange stand. Es ist kein Ort, an den man furchtbar gern geht, aber heute könnte man fast meinen, ich hätte es eilig.

Am Empfang hantierte ein Polizist in Uniform an der Telefonanlage, wobei er gleichzeitig auf jede Person, die die Sicherheitsschleuse passierte, ein scharfes Auge warf. Viel Lärm hier. Ich ging zum Schalter, und als ich den Namen desjenigen nannte, der mich auf neun Uhr vorgeladen hatte, zeigte der Diensthabende mit ausgestrecktem Arm in die Halle: Da hinten, er ist gerade gekommen. Ich drehte mich um; tatsächlich, ein paar Meter entfernt stand ein Typ am Fuß einer Treppe, das Handy am Ohr, eine Hand in der Bauchtasche seiner Cabanjacke, die Mütze bis zu den Brauen gezogen. Er drehte den Kopf, unsere Blicke trafen sich, ich hörte, wie er seinen Anruf beendete, während er auf mich zuging, und ich erkannte sofort seine Stimme wieder, als er sich vorstellte: Oberkommissar Zambra. Kurz darauf drang ich hinter ihm in die Tiefen des Gebäudes vor, wo von den Schwellen der Büros und den Treppen am Ende der Flure sein Name ertönte, yo Zambra, wie geht’s, Alter?, hey Zambra, wie geht’s, mein Kleiner? Wir liefen lange durch die Stockwerke, ich hatte manchmal den Eindruck, dass wir mehrmals durch denselben Flur kamen, er ging schnell und drückte sein Tempo auf, beladen mit einem wasserdichten Wanderrucksack, in dem man einen PC ahnte, und ich fragte mich schließlich, ob diese Art, mich in dem Labyrinth herumrennen zu lassen, womöglich ein Test war, ob das Verhör nicht bereits angefangen hatte.

Ein langgestreckter Raum, zwei Schreibtische – zwei mit Papieren bedeckte Flächen –, in ausreichendem Abstand, dass ein Besucher gegenüber sitzen kann, zwei Metallschränke, eine große Pinnwand aus Kork voller Rundschreiben mit dem Briefkopf des Innenministeriums und, an der himmelblau gestrichenen Wand, eine Uhr und ein Stadtplan von Le Havre. Zambra nahm seine Mütze ab, und das Licht ließ sein rotblondes Haar aufleuchten, kurz geschnitten und so dick, so dicht, dass man sofort an das Fell eines Fuchses dachte. Er packte seinen PC aus, kroch auf allen Vieren unter den Schreibtisch, um ihn mit Hilfe eines dicken schwarzen Kabels ans Netz anzuschließen, zwischen Pulli und Unterhosenbund kam ein Streifen sehr weißer Haut zum Vorschein, dann sprang er wieder auf die Füße, nicht sehr groß, aber geschmeidig, der Oberkörper kräftig unter dem Seemannspullover, die Gelenke robust, etwa dreißig, er schaltete sein Gerät an, wies auf den Stuhl, setzen Sie sich, legte sein Telefon in Reichweite, nahm ein Notizbuch, etwas zum Schreiben, und dann ließ er mich nicht mehr aus den Augen.

Es wird festgestellt, dass die/der Vorgeladene, Frau/Herr X, vor uns erscheint und zu ihrer/seiner Identität erklärt …

Von den ersten Worten an begriff ich, dass ich hier als Touristin aufgekreuzt war, dass ich die Bedeutung dieses Termins, seinen formellen Rahmen unterschätzt hatte, eine Anhörung war in meiner Vorstellung ein nicht genau umrissenes Gespräch – tatsächlich war ich mehr darauf gefasst, zuzuhören als zu reden. Vorschriftsgemäß wurde begonnen, meine persönlichen Daten in die digitale Dokumentvorlage des Protokolls einzugeben, die Fragen waren seltsamerweise in der ersten Person formuliert – ich heiße …, ich bin geboren am …, in …, … Staatsangehörigkeit, von Beruf … Zambra las laut vor, hielt mitten im Satz inne, und ich füllte die Lücken aus, als würde ich mich den Kategorien der Verwaltung ganz natürlich unterordnen, als würde ich sie mir zu eigen machen, als wären sie eine Selbstverständlichkeit und ergäben schrittweise die einzigartige Kombination meiner Identität. Doch je weiter wir in dem Fragebogen kamen, desto klarer wurde mir, dass außer meinem Geburtsdatum und meinem Geburtsort keine einzige dieser Angaben unveränderlich war, alle konnten sich wandeln, meine Worte waren schwankend, von mir losgelöst, zunehmend abstrakt, einer Willkür entsprungen, die in keinem Zusammenhang mit meiner Person stand. Durchs Fenster konnte ich das Bassin Vauban sehen, in dem milchteefarbenes Wasser schwappte.

Der junge Polizist verschränkte die Hände über dem Computer. Eine starke körperliche Spannung ging von ihm aus, etwas Schroffes und Knappes, was abschreckend wirkte und Distanz herstellte – er war nicht der Typ, an dem man sich in der Schlange bei McDonald’s vorbeidrängelt oder auf dessen Kosten man sich amüsiert. Er war da, ein Block. Ich versuchte herauszufinden, ob er meine Angaben mit den Daten abgeglichen hatte, die mein Telefonanbieter ihm zwangsläufig übermittelt hatte. Eine Sache, die Sie betrifft.

Plötzlich warf er einen Blick auf die Uhr, und als wäre der Startschuss gefallen, fragte er mich rundheraus, ob ich oft nach Le Havre käme. Ich richtete mich auf: Nein. Er fragte weiter – jede Silbe deutlich artikuliert, die Dentallaute betont, die Liaisonen gut vernehmbar, die Vokale geschlossen, dunkel: Aber das letzte Mal, wann war das? Die Bürotür war angelehnt geblieben, man hörte Geräusche auf dem Flur, Schritte, Stimmen, Klingeltöne. Ich weiß nicht, vor über zwanzig Jahren. Und seither waren Sie nicht mehr da? Ich wiederholte: Nein, ich hatte keinen besonderen Grund herzukommen. Er stand auf und ging an das vom Regen besprenkelte Fenster, stützte sich auf den Sims, aber ich spürte, dass er mich selbst von hinten beobachtete, dass er nur an mich dachte. Er drehte sich um. Was haben Sie am 15. November gemacht? Am 15. November? Ich fühlte, wie mein Herzrhythmus sich veränderte, mein Speichel sauer wurde. Ja, letzten Dienstag, wo waren Sie da, was haben Sie gemacht? Er sprach mit einem starken Akzent, in dem sich Le Havre und der Staat verbanden, der lokale Akzent war neutralisiert vom Standardtonfall der Polizei, bezwungen, kontrolliert, gleichsam klandestin geworden im Kiefer, der sich verrenkte und mahlte, als würde er einen Kaugummi kauen. Eine Hitzewelle stieg mir in den Kopf. Ich erinnere mich nicht. Hektische Gedanken wimmelten um eine winzige Leerstelle in meinem Gehirn. Sie erinnern sich nicht?, fragte Zambra, das ist ja nicht so lang her, das war vor drei Tagen, also bemühen Sie sich ein bisschen. Ich nahm mein Handy, sicher, gespeicherte Nachrichten oder Fotos vom 15. November zu finden. Aber als ich den Code tippte, fiel es mir ein, und zwischen den blaugestrichenen Wänden hallte das Echo meiner Stimme wider: Am 15. war ich in London zu einem Synchrontermin, wie gesagt, ich bin Synchronsprecherin beim Film, ich bin spätabends heimgekommen.

Er machte Platz auf seinem Schreibtisch, die Papierberge in den Ecken wurden höher, dann öffnete er eine Sammelmappe, aus der er Fotos gleichen Formats nahm und nacheinander vor mir auf die Melaminplatte schnalzen ließ, ein wenig so, als finge er eine Streitpatience an – lange, zarte weiße Hände mit sauberen Nägeln, Hände, die nicht zu seinem gedrungenen Körper passten, die wirkten wie an die Gelenke angeklemmt. Er deckte also seine Karten auf, dann trat er zurück, nahm vor der Wand eine wartende Haltung ein. Irre rotes Haar. Schwarze Augen, glatte Lider, zugleich schmal und geschwollen, Augen wie Kaffeebohnen. Allem Anschein nach handelt es sich um ein Tötungsdelikt.