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Der bedeutende Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann hat sich jahrzehntelang mit Bertolt Brecht beschäftigt. Im Zentrum seiner hier versammelten Essays steht der Theaterautor und Theaterdenker. Sie wollen immer noch virulente Vorurteile über Brecht revidieren und einen "anderen" Brecht jenseits der politischen, literarischen und theaterästhetischen Klischees sichtbarer werden lassen. Neben der Praxis und Theorie des epischen Theaters werden die sogenannten Lehrstücke, zumal ihr Potential für das Theater der Zukunft erörtert. Ausführlich wird die Lyrik einbezogen, die oft ein neues Licht auf die Theatertexte wirft. Weitere Untersuchungen gelten den Verbindungslinien des Werks zu Autoren wie Beckett, Celan, Adorno, Benjamin und Althusser, zentralen Motiven Brechts wie Tod, Vergessen und Verausgabung sowie Brecht dem Bearbeiter und der Brechtrezeption.
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Seitenzahl: 584
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Hans-Thies Lehmann – Brecht lesen
Dank
Ich danke Harald Müller für die Möglichkeit, meine verstreuten Essays hier gesammelt präsentieren zu können, und dem Verlag für das aufmerksame und geduldige Lektorat. Für die Hilfe bei der Manuskripterstellung danke ich Inka M. Paul, für Inspiration und Anregungen Helene Varopoulou, für die Hilfe bei der Redaktion Theresa Schmidt und Paula Pleuser.
Für Helene V.
Hans-Thies Lehmann Brecht lesen Recherchen 123 © 2016 by Theater der Zeit
Texte und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich im Urheberrechts-Gesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmung und die Einspeisung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
Verlag Theater der Zeit Verlagsleiter Harald Müller Winsstraße 72 | 10405 Berlin | Germany www.theaterderzeit.de
Lektorat: Erik Zielke Grafik: Sibyll Wahrig Umschlagabbildung: Typoskript und Handschrift des Gedichts „Vom armen B. B.“ von Bertolt Brecht, aus: Akademie der Künste, Berlin: Bertolt-Brecht-Archiv, 04/25. © Bertolt-Brecht-Erben / Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-95749-079-7
eISBN 978-3-95749-090-2
Hans-Thies Lehmann
Theater der Zeit
Recherchen123
Es gehört keine besondere Prophetengabe dazu, ein erneuertes Interesse an Brecht in den kommenden Jahren vorherzusagen. Zum einen rückt der 70. Todestag des Dichters näher, sodass vom 1. Januar 2027 an Brecht „frei“ sein wird. Auch wenn die Zulassungspolitik der Erben schon etwas nachgiebiger geworden ist, lässt sich vorhersehen, dass ein unvoreingenommener Blick auf Brecht jenseits der orthodoxen Rezeption auf dem Wege ist.
Zum anderen ist gesellschaftlich und politisch viel in Bewegung geraten. Die politische Mentalität hat sich verändert. Neue politische Fronten sind aufgetaucht, eine verschärfte Kritik und Selbstkritik der (westlichen) Demokratien verbindet sich mit dem Gefühl, dass die eigene Verantwortung Europas und des Westens für die Katastrophen im Süden der Welt verleugnet wird. In dieser veränderten Lage tritt immer deutlicher hervor, dass längst vergessene Kategorien wie Kapital und Geldzirkulation, Bankenmacht und Ausbeutung wieder aktuell klingen. Das verbliebene Restvertrauen in die sogenannten Eliten ist mehr oder minder ruiniert. Immer weniger akzeptieren die Menschen die Tatsache des obszönen Reichtums einer kleinen Gruppe, der für diese eine unfasslich große Macht bedeutet, die keinerlei Kontrolle oder Legitimität unterliegt. Weltweit ist zu beobachten, dass die Formen der Repräsentation in die Krise geraten sind. Immer öfter geben große Menschenmassen auf den Straßen ihren Forderungen Ausdruck. Nicht undenkbar, dass die Empörung über einzelne Auswüchse umschlagen könnte in politische Empörung über das System. Zugleich ist zu beobachten, dass diese Empörung ebenso leicht in dumpfe Reaktionen wie in aufgeklärte Kritik münden kann. Was aber das Brechtsche Theater auszeichnet, ist gerade, dass es bei ihm nie um Auswüchse oder skandalöse Erscheinungen des Kapitalismus geht, sondern um den Kapitalismus selbst, die Art und Weise des menschlichen Zusammenlebens in einer Gesellschaft, in der sich die Menschen immer nur wesentlich als Konkurrenten begegnen, nicht – um einen seiner Schlüsselbegriffe zu nennen – als Helfer.
Wie Brecht und wie auch Heiner Müller, so wird der Beobachter deswegen auch heute nicht zu politischem Optimismus neigen. Der kluge Paul Valéry sagte, Optimisten schreiben schlecht; Heiner Müller spitzte zu, Optimismus ist Mangel an Information. Gleichwohl gibt es bei Brecht nicht nur das durchgreifende Bewusstsein von der Macht der Verhältnisse über den Einzelnen, sondern auch den Gedanken an ein Subjekt, das in jedem Moment in der Lage ist, das vollkommen Unerwartete, das Unkalkulierbare zu tun. Und wenn es eine basale, poetische und gedankliche Intuition Brechts gibt, eine idée fixe gewissermaßen, so war es das Wasser, das fließt, die permanente Veränderung, der Wechsel der Dinge. Sie steht im krassen Gegensatz zu Heiner Müllers zentraler Vorstellung, die das Steinerne war. Der Kontrast beider Dichter lässt sich zusammenfassen in der Variation, die Heiner Müller erdachte, zu jenem Satz Brechts am Ende der Mutter: „So, wie es ist, bleibt es nicht.“ Müllers Antwort lautete: „So, wie es bleibt, ist es nicht.“
Sammlung
Der Leser findet in diesem Buch Essays versammelt, die die jahrzehntelange, man kann sagen: lebensbegleitende Auseinandersetzung des Autors mit dem Werk Bertolt Brechts dokumentieren. Die Studien in ihrer Gesamtheit sollen dazu beitragen, immer noch virulente Vorurteile über Brecht zu revidieren und einen „anderen“ Brecht jenseits der politischen, literarischen und theaterästhetischen Klischees sichtbarer werden zu lassen.1
Im Zentrum steht naturgemäß Brecht der Theaterautor und Theaterdenker. Aufsätze zum Verhältnis von Fabel und Gestus und zu Leben des Galilei sowie zum Brechttheater in seiner Nachfolge anhand von Arturo Ui, einer der berühmten Inszenierungen des Berliner Ensembles, diskutieren Theorie und Praxis des epischen Theaters, um die Idee des Lehrens darin kritisch zu beleuchten. Die Dreigroschenoper und Mahagonny werden unter den Gesichtspunkten des Brechtschen Lebensthemas des Asozialen und des Surrealismus sowie der Idee der Verausgabung im Sinne Georges Batailles erörtert. Mehrere Aufsätze gelten den sogenannten Lehrstücken. Sie stellen heraus, dass es eher das Modell des – wie man eigentlich sagen muss – Lernstücks als die Techniken des epischen Theaters sein dürfte, was das Potential eines Theaters der Zukunft birgt, mit dem vielleicht die Zukunft des Theaters steht und fällt.2
Außerdem werden zentrale Aspekte des Werks wie das Vergessen, die Sexualität und der Tod thematisiert sowie die Beziehungen erörtert, die Brechts Werk zu markanten Positionen der zeitgenössischen Philosophie aufweist.
Viel Raum beansprucht der Lyriker Brecht. Das mag in einer Buchreihe, die sich der Theorie des Theaters widmet, überraschen. Doch ist zu zeigen, dass nicht nur entscheidende Motive von Brechts Theatertexten sich mit denen der Gedichte decken, sondern darüber hinaus die Theatertexte ihre ganze abgründige Komplexität erst zu erkennen geben, wenn man sie mit den lyrischen Texten zusammenliest.
Erinnerung
Angefangen hat alles mit einem Satz. Als Schüler erblickte ich eines Tages Anfang der 1960er Jahre auf dem Buchrücken eines jener blassgelben schmalen Einzelausgaben von Stücken Brechts, die uns – vor dem Erscheinen der zwanzigbändigen hellgrauen Suhrkamp-Ausgabe – mit Brecht bekannt machten, im Fenster einer Bibliothek oder Buchhandlung der Bremer Innenstadt diesen Satz und war elektrisiert:
Daß da gehören soll,
was da ist,
denen,
die für es gut sind.
Elektrisiert vom Inhalt, der den jugendlichen Sinn für Gerechtigkeit ansprach; aber ebenso sehr formal durch das wundervolle kleine Stolpern in Syntax und Klang, „die für es gut sind“. Ein so schlagend einfacher Dreh, den der Deutschlehrer vermutlich moniert hätte. Meine Begeisterung war naiv. Noch wusste ich nicht zu würdigen, dass der Satz das (nicht nur) moralische Problem des Guten und des Gutseins nicht vom Individuum her aufwarf, sondern von der Frage des Eigentums her. Dass der Einzelne nicht intrinsisch thematisiert wurde, sondern von dem her, was er für „es“ bedeutet. Dass dementsprechend durchaus absichtsvoll Mensch, Technik und Natur in der Fortsetzung des Textes auf eine Ebene gestellt wurden, in dem es weiter heißt: „[…] also / Die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen / Die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird / Und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.“ Humanität ist hier nicht in einem „Humanismus“ verankert, sondern Brecht denkt so, wie Marx seine Methode charakterisiert hat, als er formulierte: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen.“ Und: „[…], daß meine analytische Methode nicht von dem Menschen ausgeht, sondern von der ökonomisch gegebenen Gesellschaft.“3 Was wusste ich aber damals von „theoretischem Antihumanismus“! Erst viel später sollte ich bemerken, dass Brecht als Lyriker eine andere Vorstellung als die geläufige vom menschlichen Subjekt zu artikulieren längst schon fähig war, bevor er Marx studierte. Und dass sogar in diesem einem Stück, das vielleicht am meisten von allen dem Vorwurf rosarotgefärbter Didaxe für einen Märchensozialismus Nahrung gibt, eine verborgene Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus vorliegt.
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