BRENNENDE SCHATTEN - Rachel Amphlett - E-Book

BRENNENDE SCHATTEN E-Book

Rachel Amphlett

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Beschreibung

In Katar explodiert eine Erdgasanlage, im Mittelmeer kentert ein Kreuzfahrtschiff, Großbritannien wird vom härtesten Winter seit Beginn der Klimaaufzeichnungen heimgesucht … und irgendjemand hat ein U-Boot entwendet. Stehen diese Zwischenfälle womöglich in einem Zusammenhang? Dan Taylor glaubt nicht an Zufälle. Vielmehr ist er davon überzeugt, es mit Terroristen zu tun zu haben, die bereits ihren nächsten Coup planen. Die Spur führt ihn und sein Team einmal um den Globus, vom Mittleren Osten über das Mittelmeer bis nach London. Es gilt, die Energiereserven Englands zu schützen, um jeden Preis – vor einem Widersacher, der sich als weitaus gefährlicher und tödlicher entpuppt, als man hätte ahnen können … "Sorgen Sie dafür, genügend Zeit mitzubringen … denn Sie werden das Buch nicht so schnell aus der Hand legen können!" - San Francisco Book Review

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Seitenzahl: 451

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BRENNENDE SCHATTEN

Rachel Amphlett

© Rachel Amphlett 2013 The copyright of this book belongs to Rachel Amphlett No reproduction without permission The names, characters and events in this book are used fictitiously. Any similarity to actual people living or dead, events or locales is entirely coincidental

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: UNDER FIRE Copyright Gesamtausgabe © 2019 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Wolfgang Schroeder Lektorat: Astrid Pfister

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2019) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-382-4

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

BRENNENDE SCHATTEN
Impressum
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Epilog
Über die Autorin

Prolog

North Kent, UK

Grant Swift nahm in der Eingangshalle des großen Bürogebäudes seine Autoschlüssel aus der Jackentasche und blickte dabei durch die Glastüren nach draußen. Seine Finger schlossen sich fest um den Griff des abgenutzten Aktenkoffers in seiner Hand, dessen schwarzes Leder sich bereits ablöste und zu einem unansehnlichen Grau verblasste.

Schneeregen prasselte auf das Dach des Verbindungsganges und das lautstarke Trommeln des Regengusses hallte durch den Empfangsbereich des Gebäudes. Grant zuckte zusammen, als ein Windstoß an den Glastüren rüttelte und Abfall über den Weg zum Parkplatz wirbelte.

»Wollen Sie da wirklich rausgehen, Mr. Swift?«

Grant drehte sich zu dem Empfangsschalter um, hinter dem ein einzelner Wachmann saß, der nun von einem halb gelösten Sudoku-Rätsel aufblickte. Grant schob seinen Schal unter den Mantelkragen und sagte: »Wenn ich dieses Jahr unser Dinner zum Hochzeitstag verpasse, kann ich mich genauso gut sofort nach einem neuen Zuhause umsehen.«

Der Wachmann lachte, beugte sich nach vorn und drehte das Radio etwas lauter. »Ich schätze mal, dann sollten Sie das Risiko wohl besser eingehen, Sir. Lieber klatschnass und durchgefroren dort auftauchen, als zu spät zu kommen.«

»Genau das denke ich mir auch.« Grant hielt den Aktenkoffer über den Kopf und stemmte sich gegen die Glastüren, während hinter ihm die Musik eines Top-40-Radiosenders durch den Empfangsbereich hallte. Das Wasser unter seinen Füßen spritzte in alle Richtungen, als er auf dem betonierten Gehweg durch die Pfützen rannte und sein Atem bildete derweil Wölkchen in der Luft.

Als er sich seinem Auto näherte, einer brandneuen silbernen Mercedes Limousine, auf deren Nummernschild ›GEN1US‹ stand, hob er seinen Arm und richtete den Schlüsselanhänger auf die Tür. Die Blinker leuchteten daraufhin einmal kurz auf. Nachdem er die Tür geöffnet hatte, warf er seine Aktentasche auf den Beifahrersitz und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Er zog die Tür zu, dann saß er erst einmal wie gelähmt da und starrte den Schneeregen an, der auf seine Windschutzscheibe prasselte.

»Jesus«, murmelte er, »dieses gottverdammte englische Wetter.«

Er schüttelte sich vor Kälte. Sein letzter Einsatz war bei einem Unternehmen im Nahen Osten gewesen. Zwei Monate später hatte er bereits den Tag bereut, an dem er den Vertrag für dieses Projekt abgeschlossen hatte, und war in das Vereinigte Königreich zurückgekehrt.

Grant fuhr sich mit der Hand durch sein klatschnasses, schwarzes Haar, erschauderte, als ihm eiskaltes Wasser den Nacken hinunterlief, und starrte wütend auf die Wasserlache, die sich bereits auf dem Beifahrersitz unter seinem Aktenkoffer ausbreitete.

Er schüttelte den Kopf, schob die Karte in den Schlitz und startete damit das Auto. Der Motor erwachte schnurrend zum Leben und die Instrumente auf dem Armaturenbrett leuchteten auf wie das Cockpit eines Kampfjets. Grant beugte sich nach vorn und stellte die Temperaturkontrolle ein. Noch während er sich anschnallte und die Scheinwerfer einschaltete, verschwand bereits der Beschlag auf der Innenseite der Windschutzscheibe.

Jetzt schaltete er die Scheibenwischer ein, legte den Rückwärtsgang ein und rollte am Gebäudekomplex vorbei vom Parkplatz herunter.

Das Hauptquartier des Unternehmens bestand aus einer Ansammlung von architektonisch interessant miteinander verwobenen Glas- und Stahlelementen und bildete den Mittelpunkt eines ganz neuen Gewerbegebietes. Die drei Stockwerke überragten die benachbarten Bürogebäude, die weitaus besser zu der umliegenden Landschaft passten. Das Hauptquartier lag zwanzig Meilen von London-Mitte entfernt, um den Software-Ingenieuren, die vor fast zwei Jahren hierhergezogen waren, eine Oase der Ruhe zu bieten.

Grant rutschte in seinem Sitz einige Male hin und her, bis er bequem saß, und lenkte das Auto dann in Richtung Stadt. Falls das Wetter noch schlechter werden würde, würde sich die Fahrzeit von eigentlich einer Stunde garantiert auf gute zwei Stunden verlängern, und dann würde er definitiv zu spät kommen.

Zwanzig Minuten später war er immer noch auf der Straße nach Westen unterwegs, und während die Fahrzeuge inzwischen Stoßstange an Stoßstange dahinrollten, versuchte er verzweifelt, sich nicht von der Nebelschlussleuchte blenden zu lassen, die der Idiot vor ihm eingeschaltet hatte.

Schließlich ging es nur noch im Schritttempo vorwärts und Grant verrenkte sich den Hals bei dem Versuch, einen Blick über die Fahrzeuge vor ihm werfen zu können. Dann entdeckte er irgendwann die rot-blauen Blinklichter von Rettungsfahrzeugen und stöhnte leise auf. Er sah kurz nach unten, als sein Handy in der Halterung zu klingeln anfing, und schaltete schnell am Lenkrad die Freisprechanlage an.

»Reich bitte nicht gleich die Scheidung ein.«

Ein kehliges Lachen war nun über die Lautsprecher zu hören. »So schlimm?«

»Ich brauche noch ungefähr vierzig Minuten, allerhöchstens«, log er.

»Das habe ich mir schon fast gedacht.« Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Ich rufe das Restaurant an und sage dort Bescheid, dass wir erst nach acht Uhr kommen können, okay?«

»Das klingt nach einem guten Plan.« Er warf einen prüfenden Blick in seinen Rückspiegel. »Ich werde die nächste Ausfahrt nehmen. Das ist zwar ein kleiner Umweg, aber wenigstens kann ich dann in Bewegung bleiben. Ich glaube nämlich nicht, dass sich der Stau hier so bald wieder auflöst.«

»Okay. Aber fahr vorsichtig.«

»So wie immer. Ich liebe dich.«

»Ich dich auch. Wir sehen uns, wenn du angekommen bist.«

Grant beendete den Anruf. Nachdem er einen weiteren Blick in den Rückspiegel geworfen hatte, blinkte er links und fing an, auf die linke Spur zu ziehen. In seinem Rückspiegel blitzten Scheinwerfer auf. Er blinzelte und drehte den Kopf zur Seite, damit sich seine Augen darauf einstellen konnten. Er schätzte, dass die Ausfahrt nicht mehr als zwei Meilen entfernt war und tatsächlich tauchte nach gut einer Minute ein grünes Schild auf, das die Abfahrt auf der linken Seite ankündigte. Er fing bereits eine halbe Meile vor der Ausfahrt an zu blinken und manövrierte sich vorsichtig aus dem stockenden Verkehr hinaus, um anschließend über die Abfahrt die doppelspurige Schnellstraße zu verlassen.

Der Van hinter ihm blieb dabei in seinem Kielwasser und folgte ihm die Abfahrt hinunter. Grant warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel und grinste. Offensichtlich hatte noch jemand anderes die Nase voll vom Stau.

Als sein Auto die Abfahrtsrampe hinunterrollte, wurde es automatisch schneller, dann verlangsamte Grant es allerdings wieder, als er am Ende der Abfahrt auf eine grüne Ampel zufuhr. Er bog nun nach rechts ab und bremste an einer T-Kreuzung.

Die Wucht des plötzlichen Aufpralls, als jemand in ihn hineinfuhr, warf ihn nach vorn und presste seinen Körper in den Sicherheitsgurt. Er blinzelte schockiert, hielt das Lenkrad fest umklammert und korrigierte schnell die Richtung des Autos, als es zur Kreuzungsmitte abdriftete. Die Lichthupe des Vans blitzte einmal kurz auf. Grant stöhnte, lenkte den Wagen über die Kreuzung und hielt dann auf der gegenüberliegenden Straßenseite an.

Die Straße war verlassen und außer den beiden Wagen waren hier keine Fahrzeuge unterwegs. Über dem Mercedes flackerte eine Straßenlaterne und warf schimmerndes Licht auf den nassen Asphalt.

Absolut fantastisch. Er schlug mit den Handflächen auf das Lenkrad, stellte den Schalthebel auf Parken und löste den Sicherheitsgurt, während sein Herz wild hämmerte.

Hoffentlich hat der Idiot eine Versicherung. Er beugte sich zum Handschuhfach hinunter, öffnete die Klappe und nahm ein kleines Notizbuch heraus. Danach griff er noch tiefer in das Fach und nahm einen Kugelschreiber, dessen Ende bereits angeknabbert war. Anschließend schloss er die Klappe wieder und legte seine Hand auf den Türgriff.

Er warf einen kurzen Blick in den Außenspiegel und erstarrte, denn eine schemenhafte Gestalt war nun aus dem anderen Fahrzeug ausgestiegen, hatte sich einen Mantel über den Kopf gezogen und rannte auf sein Auto zu. Grant drückte den Schalter, der das Fenster öffnete und blinzelte, als der Regen hineinpeitschte.

Die Gestalt blieb an der Wagentür stehen und bückte sich. Bei diesen schlechten Lichtverhältnissen konnte Grant nur ein bärtiges Kinn und eine Kapuze, die den oberen Teil des Gesichtes verdeckte, erkennen, während der Regen in Sturzbächen den Rücken der Gestalt hinunterlief. Der Mann musste gegen den Lärm des Sturms anschreien.

»Es tut mir leid! Meine Frau ist zu Hause und sie erwartet gerade unser erstes Kind. Ich hab noch versucht, anzuhalten, aber die Bremsen haben einfach nicht mehr gegriffen. Ist bei Ihnen alles okay?«

Grant hielt ihm den Notizblock und Stift entgegen. »Geben Sie mir einfach Ihre Versicherungsdaten und ich schreibe Ihnen meine auf.«

Der Mann nickte und öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, doch dann wurde plötzlich ohne Vorwarnung die Beifahrertür aufgerissen. Grant drehte sich überrascht in diese Richtung, als ein anderer Mann den Aktenkoffer auf den Boden stieß und sich auf ihn stürzte. Grant schrie und versuchte verzweifelt, die Fahrertür zu öffnen, doch dann spürte er, wie sich ein Arm eng um seinen Hals legte. Keuchend schnappte er nach Luft.

Der Mann mit der Kapuze lehnte sich nun durch das Fenster und flüsterte ihm ins Ohr: »Nicht dagegen ankämpfen … du machst es nur noch schlimmer.«

Der andere Angreifer hatte inzwischen eine Spritze hervorgeholt und hielt sie mit nach oben gerichteter Nadel in der Hand.

Grant trat mit seinen Füßen hilflos auf den Wagenboden ein und seine Schuhspitzen stießen dabei gegen das Gaspedal. Der Mann mit der Spritze grinste und sein kurz geschnittenes grau meliertes Haar schimmerte im schwachen Licht der Innenraumbeleuchtung.

Während Galle in ihm hochstieg, versuchte Grant, den Griff um seinen Hals abzuschütteln. Der grauhaarige Mann packte daraufhin sein Handgelenk, schob seinen Ärmel hoch und versenkte die Nadel in Grants Vene.

Dieser öffnete seinen Mund, um alles hinauszubrüllen … die Angst, den Schmerz und die Frustration … doch sofort presste der Kapuzenmann ihm die Hand auf den Mund, sodass nur noch ein gedämpfter Schrei zu hören war.

Der andere Mann entspannte sich jetzt, lehnte sich auf dem Beifahrersitz zurück und beobachtete Grant mit glänzenden Augen.

In dessen Kopf drehte sich plötzlich alles, sein Herzschlag, der gerade noch in seinen Ohren gedröhnt hatte, wurde allmählich langsamer, und vom Prasseln des Regens, der auf das Autodach trommelte, übertönt. Schwarze Punkte erschienen vor seinen Augen, dann ließ der Griff des Kapuzenmannes nach und Grant fiel zurück in seinen Sitz.

Eine gedämpfte Stimme erklang nun neben ihm. »In sechzig Sekunden ist er ganz weg.«

Sechzig Sekunden? Was passiert in sechzig Sekunden? Eine unfassbare Schläfrigkeit begann ihn auf einmal zu überwältigen. Grant blinzelte zweimal hektisch und versuchte sein Kinn von der Brust zu heben, weil er spürte, dass sein Kopf schlaff hinunterhing.

Der Mann mit dem graumelierten Haar griff im Fußraum des Wagens nach Grants Aktenkoffer, öffnete ihn und begann, den Inhalt zu durchsuchen, dann ließ er ihn wieder zuschnappen und blickte den anderen Angreifer kopfschüttelnd an.

»Da ist nichts drin. Wir nehmen ihn mit. Auf geht’s.«

Grants Körper sackte nun endgültig in sich zusammen, als die Autotür geöffnet wurde. Der Kapuzenmann packte ihn, schaute sich kurz über die Schulter nach unerwünschten Zeugen um und begann dann vorsichtig, Grant aus dem Fahrzeug zu ziehen.

»Nein …«, murmelte Grant. Verdammt, was hatten sie ihm da gegeben?

Bevor er das Bewusstsein komplett verlor, spürte er, wie er in den hinteren Teil des Vans gehoben und eine Decke über seinem Körper ausgebreitet wurde. Der muffige Geruch von Öl drang in seine Nasenlöcher, während sich der harte Stahlboden des Fahrzeugs in seinen Rücken bohrte.

Dann tauchte er ganz und gar in die Dunkelheit ein.

Kapitel 1

Arizona, USA

Dan Taylor lief langsam über die staubtrockene Erde. Er trug eine dunkelgrüne Jacke, die mit Kevlar gepanzert war, eine farblich passende Hose sowie schwarze Schnürstiefel und ging gerade auf ein kleines, bösartig aussehendes Objekt zu, das vor ihm auf dem Boden lag.

Über der unfruchtbaren Ebene zog Dunst auf, der den blauen wolkenlosen Himmel zu verschleiern begann. In der Ferne teilte er sich wieder und enthüllte dabei eine lang gezogene Hügelkette, die die Hitze des vergangenen Sommers braun versengt hatte. Ein paar verkümmerte Bäume unterbrachen die Monotonie der Landschaft und spendeten inmitten des verdorrten Grases und des allgegenwärtigen Staubes ein bisschen kostbaren Schatten.

Während er sich dem Gegenstand näherte, wurde Dan immer langsamer. Fast ehrfürchtig umrundete er das Objekt vorsichtig im Uhrzeigersinn, wobei er kleine Steine und Kiesel aus dem Weg kickte.

Während sich hinter ihm die Staubwolke langsam wieder senkte, hielt er inne und starrte den Apparat, der vor ihm in der Sonne glitzerte, intensiv an. Er seufzte leise und wartete darauf, dass sein Herz endlich aufhörte, wie verrückt gegen seine Rippen zu hämmern. Als sich sein Puls endlich ein bisschen beruhigt hatte, hockte er sich vorsichtig hin, ballte ein paar Mal die Fäuste, um seine Finger geschmeidig zu machen und konzentrierte seine Aufmerksamkeit dann auf die Sprengvorrichtung.

Seine Augen blinzelten heftig hinter dem Visier, das sein Gesicht schützen sollte, denn ein Schweißtropfen rann ihm über die Stirn und drohte, in seine Augen zu laufen. Doch das Visier hochzuklappen und sich über das Gesicht zu wischen, war keine Option. Er schüttelte stattdessen leicht den Kopf, knetete seine Finger und fokussierte seine Aufmerksamkeit erneut auf die Apparatur.

Dann lehnte er sich auf den Fersen ein wenig zurück, öffnete eine Tasche an der Vorderseite seiner Jacke und holte einen Satz kleiner Zangen heraus. Anschließend schloss er den Reißverschluss wieder, hielt die Zangen vor sein Gesicht und bückte sich so tief hinunter, bis seine Augen mit der Vorrichtung auf einer Höhe waren.

Am Vortag hatte er bereits einen ähnlichen Apparat untersucht, nur war dieser fest in eine Werkbank eingespannt und nicht aktiviert gewesen, als er ihn in Ruhe methodisch auseinandergenommen und sich dabei bemüht hatte, ihm seine Geheimnisse zu entlocken.

Dieses Mal war es vollkommen anders.

Er versuchte zu rekapitulieren, was er gestern herausgefunden hatte … welchen Draht er ohne Gefahr durchschneiden konnte und welchen er besser in Ruhe lassen sollte … und was für eine gewaltige Explosionskraft unter diesen Metallschichten verborgen lag.

Dan verdrängte nun alle Gedanken an das, was eventuell passieren könnte, beugte sich nach vorn und schob eine der Zangen sanft über die knochentrockene Erde auf die Sprengvorrichtung zu. Normalerweise würde jedes Bombenbeseitigungsteam der Welt einen speziell dafür entwickelten Roboter verwenden, um eine solche Bedrohung zu neutralisieren, das Problem war nur, dass einige Vorrichtungen mit Absicht an Stellen platziert wurden, an denen Roboter nicht eingesetzt werden konnten.

Zwischen der lockeren Erde und der glänzenden Oberfläche des Objektes entdeckte Dan jetzt einen etwa ein Zentimeter breiten Spalt. Ein dünner gelber Draht ragte an dieser Stelle aus dem Gerät hervor, mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar. Er zog die Zange langsam wieder zurück und blieb einige Sekunden nachdenklich in der Hocke sitzen. Anschließend legte er sich flach auf den Boden, schlängelte sich behutsam vorwärts und bewegte das Werkzeug erneut mit zur Seite geneigtem Kopf auf die Vorrichtung zu.

Vorsichtig übte er Druck auf die Zange aus und die Schneiden schlossen sich langsam um den gelben Draht. Als sie die farbige Plastikabdeckung berührten, hörte er kurz zu atmen auf.

Über ihm war das ferne Dröhnen eines Düsenjägers zu hören, der seine Kondensstreifen quer über den azurblauen Himmel ausspie. Er wartete, bis der Jet vorübergeflogen und die Stille zurückgekehrt war und das einzige Geräusch, das seines Herzschlages war, der in seinen Ohren widerhallte.

Ein weiterer Herzschlag folgte, dann durchtrennte er den Draht. Er atmete langsam wieder aus und zog die Zange vorsichtig zurück, während sein Puls anfing zu rasen.

Plötzlich drang ein schrilles Heulen aus dem Objekt.

Dan riss erschrocken die Augen auf. Mühsam sprang er auf und begann so schnell wie nur möglich von der Sprengvorrichtung wegzurennen. Sein Ziel war ein Absperrband, das zwischen zwei Zaunpfosten in der Brise flatterte.

In seinem Kopf zählte er die Sekunden … allerdings mehr aus alter Gewohnheit als aus dem Wissen heraus, wie viel Zeit ihm tatsächlich noch blieb.

Es würde verdammt knapp werden.

Als er das abgesperrte Areal endlich erreichte, ließ er sich auf die Knie fallen, glitt unter dem Absperrband hindurch und rutschte dann hastig in einen flachen Graben hinein, der erst vor wenigen Stunden ausgehoben worden war. Dort rollte er sich zu einer Kugel zusammen und legte seine Arme schützend über den Kopf.

Die Explosion ließ die gesamte Umgebung erzittern. Der Boden schien plötzlich zu kochen und wölbte sich in die Höhe. Erde, Sträucher und Steine wurden in die Luft geschleudert. Ein kleiner Schwarm Krähen stob krächzend auseinander, als Sand und Felssplitter auf Dans Körper niederregneten und ihn mit einer Staubschicht bedeckten.

Dann herrschte endlich Stille.

Dan hob langsam den Kopf und schaute über die Schulter. Eine dicke Staubwolke verbarg nun das Areal, auf dem er gerade versucht hatte, die Vorrichtung zu entschärfen. Er richtete sich vorsichtig auf und fluchte leise, als ihm kleine Erdbrocken in den Kragen fielen und den Nacken hinunterrutschten. Während er sich den Staub vom Körper abklopfte, schluckte er ein paar Mal, um das Klingeln in seinen Ohren loszuwerden, doch dann hörte er hinter sich einen Schrei und drehte sich hastig um.

Zwei große weiße Allradfahrzeuge parkten hundert Meter entfernt von ihm und bildeten dort einen Bereich willkommenen Schattens. Er hatte zwischen den beiden Wagen eine Plane gespannt, die das Licht der hellen Wintersonne abhielt. Ein breiter Streifen rotes Absperrband flatterte in der leichten Brise und markierte den äußeren Rand der temporären No-go-Area.

Dan ging langsam auf die Fahrzeuge zu, anfangs allerdings noch etwas unbeholfen, weil er seine geschundenen Gliedmaßen erst wieder in die Gänge bringen musste. Unwillkürlich fragte er sich, wie viele blaue Flecken er sich wohl dieses Mal zugezogen hatte. Als er das Absperrband erreichte, kam hinter dem Heck eines der Allradfahrzeuge ein Mann hervor. Dieser steckte sein Handy in die Gesäßtasche seiner Jeans und verschränkte wartend die Arme vor der Brust.

»Gute Arbeit«, sagte er, als die staubige Gestalt sich ihm weit genug genähert hatte.

Dan nahm das Schutzvisier ab und runzelte die Stirn, während er sich mit der Hand durch sein braunes Haar strich, das er seit dem vergangenen Sommer länger trug. Zumindest verglichen mit dem Stoppelhaarschnitt, den er während seiner Dienstzeit in der britischen Armee bevorzugt hatte. Er blieb nun stehen und drehte sich um, dann betrachtete er die zerstörte Landschaft hinter sich und den feinen Rauchfaden, der sich in den blauen Himmel hinaufschlängelte. Danach wandte er sich dem Mann zu, der jetzt genau neben ihm stand.

»Das da«, sagte er und zeigte über seine Schulter hinweg auf den rauchenden Krater im Boden, »war ein wirklich, wirklich hinterhältiger Sprengsatz, Chris.«

Der Mann neben ihm schützte seine Augen mit der rechten Hand und nickte. »Nach meinen Informationen hat man sie bei einem Kerl gefunden, der an einem israelischen Kontrollpunkt verhaftet wurde. Natürlich ein Mitglied der Hisbollah …«

»Hatten die Israelis so etwas schon zuvor gesehen?«, fragte Dan.

Chris schüttelte den Kopf. »Nein, deshalb haben sie uns ja ein paar davon zur Verfügung gestellt … und aus demselben Grund haben wir auch dich dazu geholt. Damit wir gemeinsam herausfinden können, wie zur Hölle man diese Dinger entschärfen kann und auch um ihre Sprengkraft zu testen, damit wir eine Ahnung davon bekommen, womit wir es hier überhaupt zu tun haben.«

Dan nickte. Er hatte die britische Armee verlassen, nachdem er im Irak bei der Explosion einer Sprengfalle schwer verletzt worden war. Danach hatte er es sich zum Ziel gemacht, so viel wie möglich über die neuen terroristischen Waffen zu lernen … damit das, was ihm zugestoßen war, wenigstens einen Sinn gehabt hatte, und um andere Menschen davor zu bewahren, durch die gleiche Hölle gehen zu müssen, durch die er hatte gehen müssen.

Obwohl seine Albträume allmählich verschwunden waren, genügte bereits ein entsprechender Nachrichtenbericht, um den Schalter sofort wieder umzulegen und ihm für Wochen schlaflose Nächte zu bescheren. Als Berater der britischen Armee zu arbeiten und dabei seine Fähigkeiten als Kampfmittelräumer anzuwenden, befriedigte ihn irgendwie.

In den vergangenen Monaten hatte er sich mit Chris Lewis zusammengetan, einem ehemaligen SEAL-Munitionsexperten, der nach einem Trainingsunfall, bei dem er zwei Finger der linken Hand verloren hatte, von der US-Navy in Pension geschickt worden war.

Dan drehte sich jetzt um und ging zu einem der Allradfahrzeuge. Im Schatten der Plane fing er an, die einzelnen Teile der Kevlar-Körperpanzerung auszuziehen.

Chris folgte ihm unter das provisorische Zelt und half ihm, die schwere Schutzjacke über den Kopf zu heben. Dan kam bei dieser Anstrengung fast ins Stolpern. Als Chris die Jacke auf den Boden warf, zog Dan seine Stiefel aus und schälte sich langsam aus der ebenfalls gepanzerten Hose. Darunter trug er eine blaue Jeans und ein schwarzes Poloshirt, die beide schon durch jahrelanges Tragen ausgeblichen waren. Während Chris die Kevlar-Körperpanzerung auf dem Rücksitz von Dans Pick-up verstaute, schnürte Dan seine Stiefel wieder zu, dann ging er zu einem Mini-Kühlschrank hinüber, der an einen kleinen Generator angeschlossen war, und nahm sich eine Limonade. Nachdem er den Verschluss geöffnet hatte, trank er die halbe Dose in drei Zügen aus und rülpste dann laut.

Verlegen grinsend stellte er die Dose auf dem Kühlschrank ab. Daneben lag auf einer auf dem Boden ausgebreiteten Plane eine ganze Ansammlung von ausgeschlachteten Metallteilen, Drähten und Sprengvorrichtungen. Dan zog ein Paar Handschuhe an, dann bückte er sich und nahm eine der zerlegten Vorrichtungen in die Hand. Er drehte sie zwischen seinen Fingern hin und her, während seine blauen Augen auf das Gerät starrten und versuchten, herauszufinden, wie es konstruiert worden war.

Er drehte sich um und streckte es Chris entgegen. »Es ist fast wie eine kleine Haftmine, aber mit einem ausrichtbaren Detonationsmechanismus.«

Chris hockte sich neben ihn hin. »Und wie kommt es, dass die Bombe, die wir gerade gezündet haben, so einen verdammt großen Krater in die Pferdekoppel des Generals gerissen hat?«

»Genau das würde ich auch gern wissen.«

Als der Schatten eines Mannes über sie hinwegglitt und das schwelende Loch im Boden betrachtete, blickten sie hoch.

»Vielleicht war sie defekt?«, schlug Dan vor.

Der Neuankömmling rollte die Ärmel seines Jeanshemdes hoch, hob seine Baseballmütze ein wenig an und kratzte sich am Ohr. »Zumindest war sie brandgefährlich.«

Mit Ende sechzig hatte sich General Bartholomew Bart Collins aus der US-Army zurückgezogen, sich mitten in Arizona Land gekauft und fuhr dort fort, den Terrorismus auf seine ganz eigene Art und Weise zu bekämpfen. Dabei kooperierte er sowohl mit der US-Army als auch mit der britischen Armee und Beratern wie Dan. Dies bot ihm die Möglichkeit, mit verschiedensten Experten zusammenzuarbeiten und so ihr Wissen zu bündeln.

Dan schaute den General über die Schulter hinweg an und runzelte die Stirn. »Ich habe Sie gar nicht kommen gehört. Wo ist denn Ihr Pick-up?«

Ein tiefes, grollendes Schnauben hinter einem der Fahrzeuge nahm die Antwort des Generals vorweg.

Er lächelte. »Ich habe mir doch keine Ranch gekauft, damit ich den ganzen Tag lang mit dem Auto herumfahre, Sohn. Ich war gerade auf einem Ausritt, sah die Explosion und dachte mir, ich sollte mal besser vorbeischauen, um sicherzugehen, dass ihr beide noch in einem Stück seid.«

Dan drehte sich zur Seite, streckte den Rücken durch und warf dem General, der weiterhin stirnrunzelnd den Krater betrachtete, einen Blick zu.

»Was halten Sie davon, General?«

Der ältere Mann wandte sich ihm zu. »Da draußen sind mittlerweile einige wirklich üble Bastarde unterwegs.« Er zuckte mit den Schultern, band sein Pferd vom Kuhfänger des Pick-ups los und schwang sich mit der Beweglichkeit eines zwanzig Jahre jüngeren Mannes in den Sattel.

»Das mit der Pferdekoppel tut mir leid«, sagte Dan.

Der Mann zuckte mit den Achseln. »So ist nun mal das Leben. Ich wollte sie dieses Jahr ohnehin umpflügen. Du hast mir nur die Arbeit abgenommen.« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Ihr solltet jetzt besser alles zusammenräumen und euch auf den Nachhauseweg machen, bevor Wendy das Abendessen serviert.«

Während er die Zügel zwischen seinen Fingern hindurchgleiten ließ, sah er auf Dan hinunter. »Ich erwarte euch um sechs Uhr für ein paar Drinks und einen ausführlichen Bericht in meinem Arbeitszimmer«, sagte er und trieb sein Pferd dann mit einem schnellen Schenkeldruck an.

Als das Pferd losgaloppierte, salutierte Dan locker und machte sich dann wieder ans Aufräumen. Er bückte sich und fing an, die Teile der Sprengvorrichtung, die er untersucht hatte, einzusammeln, wobei er seine dabei gemachten Notizen sorgfältig zusammenfaltete und in die Gesäßtasche steckte. Danach verpackte er jedes Teil der Vorrichtung einzeln in eine eigene Plastiktüte.

Chris beschriftete die einzelnen Beutel anschließend mit einem Permanentmarker, bevor er sie in einem Metallbehälter von der Größe eines Werkzeugkastens verstaute. Dan warf ihm den letzten Beutel zu, dann richtete er sich leise ächzend auf, zog die Handschuhe aus, knüllte sie zusammen und schleuderte sie achtlos in den Beifahrerfußraum seines Wagens.

Sie zogen nun die Plane hinunter, die ihnen den ganzen Tag über Schatten gespendet hatte, rollten sie zusammen und verstauten sie auf der Ladefläche von Dans Pick-up. Schließlich bückten sie sich und testeten das Gewicht der Metallbox.

Dan blickte zu Chris hoch und nickte. »Auf drei.«

Vorsichtig hoben sie die schwere Kiste auf die Ladefläche und schlugen anschließend die Heckklappe zu.

Dan fuhr sich mit den Fingern durch sein feuchtes Haar. Schweißtropfen liefen ihm den Rücken herunter, während er das Testgebiet noch einmal überprüfte und kontrollierte, ob sie auch wirklich alles mitgenommen hatten. »Ich fahre dir hinterher«, sagte er zu Chris, der kurz nickte und sein Fahrzeug anließ.

Nachdem er in seinen Wagen gestiegen war, warf Dan die leere Getränkedose und sein Werkzeug auf den Beifahrersitz, zog die Tür zu und startete den Motor. Er ließ ihn eine Minute lang warmlaufen und kurbelte dann sein Fenster herunter. Danach lenkte er den Pick-up auf die holprige Fahrspur und folgte der Staubwolke des vorausfahrenden Wagens.

Als er mit seinem Pick-up den schmalen Weg zum Haus des Generals hinauffuhr, warf er einen Blick auf die Winterlandschaft, die sich vor ihm ausbreitete. Im Rückspiegel bemerkte er, dass er immer noch von den letzten sechs Monaten, die er in der kargen Weite Arizonas verbracht hatte, gebräunt war.

Dann glitt sein Blick über das Städtchen, in dem man ihn trotz der abgeschiedenen Lage mehr als freundlich empfangen hatte.

Was ihm ganz recht war, denn dort befand sich die einzige Pension weit und breit.

Kapitel 2

Grant Swift öffnete seine Augen, doch Dunkelheit umgab ihn. Er versuchte die Finsternis wegzublinzeln, und fühlte, dass er auf der Seite lag. Seine Schulter schmerzte an der Stelle, an der sein Körper durch die Bewegungen des Wagens hin und her geworfen worden war. Er schüttelte den Kopf und bemühte sich, den starken Druck hinter seinen Augen zu vertreiben. Die Kapuze scheuerte über sein Gesicht und als er versuchte, die kratzige Augenbinde mit den Händen zu entfernen, bemerkte er, dass seine Handgelenke gefesselt waren. Inzwischen hatten die Fesseln die Blutzirkulation so stark abgeschnürt, dass er seine Finger kaum noch spüren konnte.

Sein Herz schlug heftig in der Brust, als er sich das Gehirn zermarterte, um herauszufinden, was geschehen war. Wie lange war er schon bewusstlos? Wo war er?

Er spitzte die Ohren. Sie waren offenbar noch immer unterwegs. Der gleichmäßige Fahrrhythmus des Wagens wurde nur gelegentlich durch ein Schlagloch unterbrochen, während sein Körper sich bei jeder Straßenkurve hin und her bewegte. Er erinnerte sich daran, dass er hinter seinem Mercedes einen Van gesehen hatte … wie lange war das her? … und dann … und dann …

Als ihm klar wurde, dass er wahrscheinlich immer noch im hinteren Teil des Vans lag, versuchte er, das Motorengeräusch auszublenden und sich ganz und gar auf die beiden Stimmen zu konzentrieren, die von den Vordersitzen aus nach hinten drangen. Sie sprachen zwar nicht viel miteinander, dafür war aber das Autoradio angeschaltet. Gerade lief ein Werbeblock, der peppige Jingle einer großen Bekleidungskette wurde durch die aufgeregte Stimme eines Sprechers aus dem Off übertönt. Direkt danach hörte er den Jingle des Radiosenders, der in einen weiteren Top-40-Song überblendete. Grant wiederholte den Jingle grübelnd in seinem Kopf. Er kannte ihn irgendwoher, konnte sich aber einfach nicht daran erinnern, wohin er damals unterwegs gewesen war, als er ihn gehört hatte.

Er zuckte zusammen, als er versuchte, sein Gewicht auf dem harten Boden des Fahrzeugs zu verlagern und sich hinzusetzen. Voller Panik trat er um sich, wobei sein Bein gegen etwas Stabiles und Metallisches stieß, das nun laut schepperte.

Vom Vordersitz übertönte auf einmal eine Stimme das Dröhnen des Motors und das Radio. »Er kommt anscheinend wieder zu sich. Wie weit ist es noch?«

Eine andere Stimme antwortete gedämpft: »Nicht mehr weit. Stell ihn wieder ruhig.«

Grants Körper spannte sich an. Er konnte durch die Kapuze, die sie ihm über den Kopf gezogen hatten, zwar nichts sehen, aber er spürte dennoch, wie sich ihm jemand näherte und roch den schmutzigen Körpergeruch des Mannes, als dieser sich über ihn beugte.

»Bitte, nicht …«, flüsterte Grant.

Urin lief zwischen seinen Beinen hervor, beschämt schloss er die Augen. Der kalte Metallboden des Fahrzeugs ließ seine Muskeln und Gelenke schmerzen. Er versuchte seine Position etwas zu verändern, um die Blutzirkulation in seinen abgeklemmten Beinen wieder in Gang zu bringen, doch eine Hand legte sich schwer auf seine Schulter. »Sei ruhig.«

Grant wimmerte, als ihm der Mann eine weitere Nadel in den Arm stach und er spürte, wie die Welt um ihn herum erneut in Dunkelheit versank.

***

Als er kurz aus der Bewusstlosigkeit aufwachte, hatte Grant das Gefühl, von zwei Leuten getragen zu werden … sein Kopf hing hinunter und er spürte, wie seine Handgelenke und Knöchel festgehalten wurden. Er versuchte den Kopf etwas anzuheben. Seine Kehle war staubtrocken und er musste dringend schlucken, doch sein Hals hing in einem so ungünstigen Winkel hinab, dass er stattdessen heftig zu husten begann. Eine Stimme fluchte daraufhin. Der Griff um seine Handgelenke verstärkte sich, und er hörte, wie jemand eine Tür auftrat, bevor er durch die entstandene Öffnung geschleppt wurde.

Er drehte den Kopf nach links und nach rechts und versuchte irgendetwas zu hören oder zu riechen, was ihm verraten könnte, wo er sich befand. Grant keuchte leise, als er auf dem Boden abgelegt wurde. Sein Hemd war aus der Hose gerutscht und hatte seinen unteren Rücken entblößt. Schmerzhaft trafen die kalten Fliesen auf seine nackte Haut. Von links vernahm er ein schlurfendes Geräusch und dann das Klirren von Schlüsseln, bevor einer ausgewählt wurde und Grant hörte, wie dieser in ein Schloss gesteckt wurde. Das Schloss öffnete sich daraufhin mit einem zarten Quietschen und anschließend bemerkte er, wie eine weitere Tür geöffnet wurde. Ein leises Klick … er vermutete, von einem Lichtschalter … dann wurde er erneut hochgehoben.

Als er spürte, dass er eine Treppe heruntergetragen wurde, stieg wieder Panik in ihm auf und er begann zu strampeln. Seine beiden Entführer fluchten daraufhin.

»Verdammte Scheiße«, rief die Stimme an seinen Füßen.

Grant fiel hin, seine Schultern und Knie schlugen mit voller Wucht auf die hölzernen Treppenstufen auf. Instinktiv zog er den Kopf und die Hände zur Brust, um sie zu schützen. Er schrie laut auf, als sein linker Knöchel umknickte und sein Hinterkopf gegen ein Geländer schlug.

Anschließend lag er auf dem Rücken und wimmerte leise, während über ihm seine Entführer kicherten.

»Das hat bestimmt so richtig wehgetan«, meinte einer lachend.

»Der Chef sagte ausdrücklich, dass er keine Verletzungen haben darf«, wies ihn der andere zurecht.

»Hey, das war verdammt noch mal seine eigene Schuld.« Die erste Stimme hatte nun einen verteidigenden Ton angenommen. »Wir haben doch gar nichts gemacht.«

Der andere Mann stieß einen Seufzer aus. »Sehen wir uns den Schaden lieber mal an.«

Grant hörte nun Schritte, die sich ihm näherten. Er zuckte zurück, wandte sich von dem Geräusch ab und rappelte sich auf Hände und Knie hoch. Er versuchte aufzustehen, aber sein verletzter Knöchel gab unter seinem Gewicht nach. Grant schrie laut auf, als er erneut zu Boden stürzte und seine Knie auf dem harten Steinboden aufschlugen. Doch wieder rappelte er sich auf und fing an, von den Stimmen wegzukriechen.

»Gottverdammte Scheiße! Halt endlich still oder dein Kopf wird mit der Wand Bekanntschaft machen!«

Eine Hand packte ihn an der Schulter und drückte ihn unsanft zu Boden. Mit einem Ruck wurde ihm der Sack vom Kopf gerissen.

Grant blinzelte im grellen Licht der Glühbirne, die über ihm an der Decke hing und leicht hin und her schwang. Er wandte den Kopf ab, um dem blendenden Licht zu entgehen, dann keuchte er leise, als er einen der Entführer sah. Das Gesicht des Mannes war jetzt allerdings hinter einer schwarzen Maske versteckt. Grant runzelte die Stirn und versuchte sich an die Gesichter der Männer zu erinnern, die ihn in seinem Wagen angegriffen hatten. Welche Droge sie ihm auch immer verabreicht hatten, sie ließ die Details des Angriffs mehr und mehr verschwimmen und hinderte ihn daran, sich zu erinnern.

»Wer zur Hölle bist du?«, krächzte er.

Ein belustigtes Schnauben drang unter der Maske hervor. Der Mann drehte sich um und rief seinem Partner, der am Ende der Treppe stehen geblieben war, zu: »Er wird es überleben. Nur ein paar Kratzer. Wahrscheinlich wird er morgen einige blaue Flecken im Gesicht haben, aber nichts Ernsthaftes.«

»Und was ist mit seinem Knöchel?«

Grant drehte seinen Kopf und starrte den anderen Mann an, der sich ihnen jetzt näherte. Er war kleiner und dünner als der erste Kidnapper.

Grant schrie laut auf, als der Mann gegen seinen Knöchel trat.

»Kannst du ihn bewegen?«

Grant drehte seinen Knöchel vorsichtig nach links und rechts. »Es tut ziemlich weh. Wahrscheinlich verstaucht, aber nicht gebrochen«, keuchte er.

»Gut.«

Der Mann bückte sich und hielt nun ein Messer vor Grants Gesicht.

»Nicht!«, flehte der Entführte.

Der dünne Mann lachte daraufhin, packte Grants Handgelenke und schnitt seine Fesseln durch, dann drehte er sich um, schob sich an seinem Partner vorbei und begann, die Treppe hinauf zu steigen.

»Warte!« Grant zog sich unsicher auf die Füße und stützte sich dabei an der Mauer ab. »Wer seid ihr? Wo bin ich?«

Der größere Mann blieb kurz stehen, drehte sich auf halber Treppenhöhe um und starrte Grant böse an. »Keine Fragen.« Dann wandte er sich wieder um und stieg die Treppe hinauf.

Er hörte, wie die Tür zugeschlagen und abgeschlossen wurde. Er blinzelte kurz, lehnte sich gegen die Wand und inspizierte den Raum, in dem er sich befand.

Eine dünne Matratze lag an der gegenüberliegenden Wand und jemand hatte nachlässig ein Kissen und eine Decke darauf geworfen. Grant humpelte langsam hinüber und hob die Decke hoch. Sie war voller Haare und roch nach Hund. Angeekelt warf er sie wieder zu Boden und blickte kurz auf das fleckige Kissen.

Zu guter Letzt starrte er den grauen Metalleimer an, der in einer Ecke des Raumes stand und entdeckte daneben eine Flasche Wasser. Vorsichtig bückte er sich, schraubte den Plastikverschluss ab und trank die halbe Flasche aus, um seinen schrecklichen Durst zu stillen.

Dann verschloss er sie wieder und warf einen Blick auf die Glühbirne, die sanft an der Decke schaukelte. Er suchte nach der Vorrichtung, mit der die Lampe eingeschaltet wurde. Grant seufzte leise und lehnte sich frustriert gegen die Wand. Ein Lichtschalter und keine Zugschnur. Die Kidnapper hatten wirklich an alles gedacht.

Ich kann mich also noch nicht einmal erhängen.

Grant ließ sich auf den Rand der Matratze sinken und begann, mit angewinkelten Knien langsam hin und her zu schaukeln, während er seine Augen schloss und zu ergründen versuchte, was zur Hölle er bloß falsch gemacht hatte.

Kapitel 3

Während er das Glas in der Hand hin und her drehte und die Eiswürfel sanft gegen das Kristallglas klirren ließ, ließ sich Dan das Aroma des Bourbons auf der Zunge zergehen.

»Cheers«, sagte der General und hob sein Glas.

»Cheers.« Dan nahm einen weiteren Schluck und genoss dabei den Geschmack, der angenehm in seiner Kehle brannte. Direkt nach seiner Rückkehr aus dem Irak war er einige Zeit alkoholabhängig gewesen und hatte nach seinem Entzug keinen einzigen Tropfen mehr angerührt. Inzwischen trank er aber gelegentlich wieder Alkohol, nun allerdings mit dem Wissen, dass es ein Vergnügen war und keine Krücke.

Er sah hoch, als sich die Tür zum Wohnbereich öffnete und Chris hereinkam.

»Komm rüber, Sohn«, lud ihn der General ein. Er stand hinter der Bar, die in eine Ecke des Wohnbereichs eingebaut worden war und füllte ein weiteres Glas mit Bourbon, das Chris mit einem freundlichen Nicken entgegennahm.

»Danke, General.«

Der General kam nun hinter der Bar hervor und ging durch den großen Wohnbereich auf einen steinernen Kamin zu, der die gegenüberliegende Wand dominierte. Er bückte sich, nahm ein paar kleinere Holzscheite und warf diese auf den Kaminrost. Prasselnd stoben die Funken den Schornstein hinauf. Während er sich aufrichtete, grinste er Dan an, der es sich in einem Sessel neben dem Kamin gemütlich gemacht hatte. »Die Winter in Arizona sind tagsüber meistens herrlich, aber nachts können sie verdammt kalt werden.«

Dan lächelte. »Ich würde sie trotzdem jederzeit einem englischen Winter vorziehen«, antwortete er. Er starrte in die Flammen, denn das flackernde Licht faszinierte und beruhigte ihn gleichermaßen. Doch er zuckte leicht zusammen, als er aus dem Augenwinkel plötzlich eine Bewegung wahrnahm, entspannte sich aber gleich wieder, als der Hund des Generals, ein Golden Retriever namens Ripley, an seinem Bein entlangstrich und zu seinem Platz auf dem Kaminvorleger trottete.

Die Stimme des Generals drang nun in seinen Tagtraum ein. »Also … was fangen wir mit diesen neuen Sprengvorrichtungen an?«

Dan schüttelte kurz den Kopf, dann runzelte er die Stirn. »Für einen Hinterhof-Bombenbauer sind sie eindeutig zu sehr Hightech«, stellte er fest. »Wenn man die Sprengvorrichtung betrachtet, die wir zerlegt haben, sind die einzelnen Teile einfach zu gut verarbeitet.«

Chris kam zu ihnen hinüber und ließ sich neben dem Kamin auf ein Sofa fallen. »Meinst du, sie stammen aus einer Massenproduktion?«

»Nicht so, wie du dir das vorstellst«, erklärte Dan, »aber ich denke, dass sie auf jeden Fall in größeren Mengen hergestellt worden sind.«

Der General stand mit dem Rücken zum Feuer und schwenkte den Bourbon in seinem Glas hin und her. »Ist das der Grund dafür, dass einige von ihnen sehr punktgenau explodieren und andere eine erheblich größere Streuwirkung haben?«

»Ich bin mir noch nicht ganz sicher«, antwortete Dan und nahm einen Schluck von seinem Drink, bevor er fortfuhr. »Uns ist aber aufgefallen, dass die Vorrichtung, die wir auseinandergenommen haben, mit einem blauen Klebeband umwickelt war. Die, die wir heute Nachmittag aktiviert haben und wieder entschärfen wollten, jedoch nicht. Ob das nun die Handschrift von zwei verschiedenen Bombenbauern ist, oder der bewusste Versuch, die Explosionskraft der einzelnen Bomben voneinander zu unterscheiden … ich denke, wir müssen das im Auge behalten.«

Er verstummte abrupt, als sich die Wohnzimmertür öffnete und eine schlanke Blondine hereinkam. Sie ging zum General hinüber und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange, bevor sie sich den anderen zuwandte.

»Hallo, Dad … hey, ihr zwei«, meinte sie grinsend. »Wir haben euch heute Nachmittag sogar bis hier draußen gehört … Mom hat Stein und Bein geschworen, dass das Küchenfenster dieses Mal wirklich fast aus dem Rahmen gefallen ist.«

»So schlimm war es nun auch wieder nicht, Anna«, antwortete Dan lächelnd.

Chris lachte. »Das sagt der Typ, der eine Nanosekunde, bevor es losging, mit dem Kopf zwischen seinen Händen den dreckigen Boden geküsst hat.«

»Wirklich?« Annas Augen weiteten sich vor Sorge. »Alles in Ordnung mit dir?«

Dan nickte. »Ist schon eine Weile her, seit es mich fast erwischt hat … aber ja, ich bin okay.«

»Wirst du jetzt wieder Albträume bekommen?«, platzte Anna heraus und wurde sofort rot, als sie ihren Fauxpas bemerkte. »Ich meine, sorry, aber …«

Dan winkte ab. »Ist schon in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Ich hoffe, dass sie nicht wieder losgehen, aber wir werden sehen. Wenn ich mich heute Nacht entspannen kann, wird es mir danach hoffentlich wieder gut gehen.«

Anna lächelte unbeholfen, aber ihre grünen Augen blickten ihn traurig an.

»Nimm dir doch etwas zu trinken, Liebling«, sagte der General, als er sie in Richtung Bar schob.

Dan beobachtete Anna, als sie geschmeidig durch den Raum schlenderte. Sie war von durchschnittlicher Größe und schlank und bewegte sich vollkommen ungezwungen, fast schwebend durch den Wohnbereich. Dabei war sie sich der Wirkung, die sie auf die Gäste ihres Vaters hatte, absolut nicht bewusst. Dan schüttelte den Kopf, als er bemerkte, dass Chris ihn angrinste, stellte aber im nächsten Augenblick fest, dass ihm der General mit dem Finger drohte.

»Vorher friert die Hölle zu«, knurrte der General verhalten. »Sie macht zuerst die Universität fertig.«

Dan hob kapitulierend seine Hand und versuchte ihn ganz unschuldig auszusehen. »General, ich habe wirklich keine Ahnung, wovon Sie sprechen.«

Er wurde nun zum Glück durch einen vertrauten Ruf, der durch das Haus schallte, gerettet. »Essen fassen!«

»Diese Frau«, sagte der General grinsend, während er seinen Kopf schüttelte, »hätte einen verdammt guten Staff Sergeant abgegeben.«

Dan leerte seinen Drink mit einem Schluck, stand auf und reckte sich. Dann bückte er sich kurz, um den Hund hinter den Ohren zu kraulen und folgte den anderen ins Speisezimmer.

***

Obwohl sein Bauch nach dem gewaltigen Abendessen immer noch mehr als voll war, öffnete Dan die Heckklappe seines Pick-ups und zog die schwere Metallbox mit den zerlegten Bombenteilen zu sich heran. Chris nahm den Griff auf der anderen Seite, und nachdem sie die Box von der Ladefläche gehoben hatten, trugen sie diese quer über den ausgedehnten Hof auf eine große Scheune zu.

Eine Seite der zweiflügeligen Tür stand halb offen. Dan und Chris schlüpften durch die Öffnung und inzwischen atmeten sie wegen des Gewichts des Metallbehälters bereits schwer. Sie gingen nun auf eine niedrige Werkbank zu, die an einer der Scheunenseiten stand und hoben die Box auf die Arbeitsfläche.

Dan streckte seinen Rücken durch und blickte sich dabei um. Die Scheune hatte früher auf der östlichen Seite Stallungen für Pferde enthalten, während auf der westlichen Seite die Sattelkammer und ein Büro untergebracht gewesen waren. Nachdem der General seine neue Aufgabe gefunden hatte, waren die Pferde sowie das Sattel- und Zaumzeug in Ställe umgezogen, die eine halbe Meile entfernt auf der anderen Seite des Haupthauses errichtet worden waren, und die Scheune hatte man anschließend in eine große, offene Werkstatt umgebaut.

An den Seitenwänden befanden sich jetzt Stahlregale und die Böden waren mit Metallteilen, Drähten und verschiedenen Kisten übersät, deren Inhalt man auf Etiketten an der Vorderseite notiert hatte. Ein Waffenständer, in dem verschiedene Gewehre hingen, war auf dem Boden festgeschraubt, während neben der Tür mehrere Werkbänke standen. Darunter auch die, die Dan und Chris benutzten, um ihre Untersuchungen an den neuen Sprengstoffvorrichtungen durchzuführen.

An einer weiteren Werkbank saßen zwei Männer, die gerade akribisch ein Sturmgewehr reinigten. Als Chris sich wieder auf den Weg zurück ins Haus machte, schlenderte Dan zu den beiden Männern hinüber, nickte und setzte sich dann ans Tischende.

»Noch mehr Spielzeug, Hatton?«, fragte er grinsend.

Der Ältere der beiden nickte kurz, wobei sein grau meliertes Haar im Schein der Deckenbeleuchtung silbrig schimmerte. »Ja.«

Dan sah sich die zusammengewürfelte Ansammlung von Pistolen auf dem Tisch an. »Wie lange warst du denn dieses Mal draußen, Steve?«

Der andere Mann schaute auf; sein jugendliches Alter wurde von den Jahren des Kampfes überschattet, was ein Blick in seine Augen sofort verriet. Sie hatten einen Ausdruck, den Dan aus eigener Erfahrung nur zu gut kannte.

»Sechs Monate. Der Einsatz wurde dieses Mal nicht verlängert«, antwortete er. »Ich bleibe jetzt erst mal für sechs Wochen hier, danach geht’s wieder los.«

»Und wo hast du das ganze Zeug gefunden?«, fragte Dan neugierig.

Hatton warf dem Mann neben sich einen schnellen Blick zu und schaute dann wieder Dan an. »Kann ich nicht sagen.«

Dan grinste. Er wusste verdammt gut, dass Marines die Tendenz hatten, von ihren Einsätzen Souvenirs mitzubringen, und die Männer vor ihm waren da keine Ausnahme. Er ging also davon aus, dass ein paar der Waffen letzten Endes in privaten Sammlungen enden würden.

Er drehte sich um, als ein Jeep schlitternd vor der Scheune zum Stillstand kam. Anna sprang heraus und rannte auf ihn zu.

Dan stand sofort auf und runzelte die Stirn. »Was gibt es denn?«

»Da ist ein dringender Anruf für dich«, sagte sie und reichte ihm ein Handy. »Er hat mir leider nicht verraten, wer er ist.«

Dan griff nach dem Telefon. »Hallo?«

»In Phoenix wartet ein Flugzeug darauf, dich nach London zurückzubringen«, sagte eine vertraute Stimme.

»Was ist denn passiert?«

»Das erkläre ich dir, wenn du hier bist. Was machst du denn gerade?«

»Ich arbeite mit General Collins.«

»Pack alles zusammen und übergib die Sachen den Leuten des Generals. Mach, was immer du machen musst. Hauptsache, du kommst so schnell wie möglich nach London zurück … du arbeitest jetzt für mich«, bellte David Ludlow ins Handy. Obwohl er inzwischen zum Leiter einer geheimen Dienststelle ernannt worden war, die man gegründet hatte, um die Sicherheit der Energiereserven des Vereinigten Königreichs zu schützen, verhielt er sich immer noch so wie damals, als er Dans Oberbefehlshaber in der britischen Armee gewesen war.

Die Verbindung wurde abrupt unterbrochen. Dan starrte das Handy in seiner Hand an, während sein Herz in der Brust hämmerte.

Zeit, zu gehen.

Kapitel 4

London, England

Als der Airbus A-380 aus der Warteschleife ausscherte, in der er die vergangenen zwanzig Minuten gesteckt hatte, und endlich seinen Anflug auf Heathrow begann, starrte Dan aus dem kleinen Fenster. Schwere graue Wolken hingen in der Luft und große Wassertropfen klebten auf der Scheibe, die zu langen Schlieren wurden, als das Flugzeug seinen Abstieg fortsetzte.

Er hatte während des Fluges überraschend gut geschlafen. Die üblichen, von Schreckensbildern erfüllten Albträume, die er aus seiner Vergangenheit als Bombenentschärfer bei der britischen Armee mitgebracht hatte, hatte er mit umsichtiger Nutzung der an Bord servierten Gratisdrinks in Schach halten können.

Die Wolkendecke riss nun auf und er beobachtete, wie die Landschaft unter ihnen hinwegzog. Das Flugzeug nahm jetzt Kurs auf die Autobahn M4 und folgte dann dem Betonband der Straße bis zu den Londoner Außenbezirken, bevor es langsam abdrehte und mit dem Landeanflug auf dem geschäftigen Flughafen begann. Als das Fahrwerk ausgefahren wurde, drang ein metallisches Schaben von der Flugzeugunterseite bis zu Dans Sitz vor.

Er schloss die Augen und ignorierte den grauen Himmel. Noch vor dreizehn Stunden hatte er in der klimatisierten Abfertigungshalle des Flughafens in Phoenix gesessen und darauf gewartet, dass sein Flug aufgerufen wurde.

Das Flugzeug erzitterte, als es ein letztes Mal durch ein Luftloch flog und die Turbulenz ließ den Airbus leicht abdriften. Der Pilot glich den Windstoß mit einer leichten Korrektur des Sinkfluges aus und setzte dann auf der Landebahn auf. Ein schwacher Stoß, ein Brüllen, als die Schubumkehr zusammen mit den Bremsklappen darum kämpfte, das Flugzeug zu verlangsamen, und dann waren sie endlich gelandet.

Dan löste den Verschluss seiner Uhr, schüttelte sie vom Handgelenk und stellte die aktuelle Zeit ein. Acht Uhr an einem bitterkalten Donnerstagmorgen in einer der am dichtesten bevölkerten Städte der Welt.

Nachdem er sich seinen Weg durch die Menschenmassen in der Ankunftshalle gebahnt hatte, nahm sich Dan seinen alten Seesack vom Gepäckband, ging durch den Zoll und direkt auf den Taxistand zu. Er sprang erschrocken zurück, als dicht neben ihm ein schwarzes Diplomatenfahrzeug am Bordstein anhielt.

Die hintere Fensterscheibe wurde nun heruntergelassen und ein vertrautes Gesicht starrte heraus. »Pack deinen Sack in den Kofferraum. Man würde mich nämlich im Morgengrauen erschießen, falls du diese Sitze hier dreckig machen solltest«, sagte David Ludlow und schloss das Fenster wieder.

Dan grinste. Er warf den Seesack in den Kofferraum, öffnete die Fondtür und ließ sich auf den Sitz neben David gleiten. Das Auto entfernte sich jetzt von der Bordsteinkante und fädelte sich in den Verkehr ein.

Dan wandte sich an seinen ehemaligen Vorgesetzten. »Stellt die Dienststelle jetzt einen kostenlosen Taxi-Service zur Verfügung?«, fragte er.

»Das hättest du wohl gerne«, antwortete David. »Ich bin gerade auf dem Weg zu einem Briefing mit dem neuen Energieminister, deshalb dachte ich mir, ich gabele dich unterwegs auf und bringe dich in der Zeit auf den neuesten Stand, damit du sofort einsatzbereit bist. Wir haben nämlich keine Minute zu verlieren.« Er nahm einen Aktenkoffer vom gegenüberliegenden Sitz und legte ihn auf den Schoß. David ließ die beiden Messing-Verschlüsse aufschnappen, öffnete den Koffer und holte zwei Aktenmappen hervor.

»Okay, was hast du?«, fragte Dan. Er unterdrückte ein Gähnen und rieb sich die Bartstoppeln, die sein Gesicht nach der langen Reise bedeckten.

»Wir haben zwei Probleme«, begann David. »Zuerst einmal müssen du und Mitch mich morgen früh zu einer Komitee-Anhörung begleiten, bei der wir dem Premierminister hinter verschlossenen Türen erklären müssen, was genau passiert ist, als wir das letzte Mal zusammengearbeitet haben.«

»Eine Anhörung vor einem Ausschuss? Das klingt aber ernst.«

»Das ist es auch. Sowohl das Büro des Premierministers als auch das Verteidigungsministerium verlangen von mir eine Bestätigung, dass ich genau weiß, was ich tue und außerdem eine Begründung dafür, warum wir sie nicht sofort alarmiert haben, dass eine Bombe zu uns unterwegs war.«

»Hätten sie uns denn geglaubt?«

David zuckte mit den Achseln. »Das ist nicht wichtig, aber wir sind nun mal für unsere Handlungen verantwortlich, und zwar unabhängig von der Tatsache, dass wir damals unglaublich schnell agieren mussten und gar nicht so lange warten konnten, bis sie sich entschieden hätten, uns zu vertrauen. Oder bis sie die diversen Schriftstücke unterschrieben hätten, die für das Kapern des Schiffes auf offener See erforderlich gewesen wären.«

»Dafür lohnt es sich doch wirklich, wieder nach Hause zu kommen.«

»Das ist mir schon klar, aber du musst mir helfen, zu erklären, warum damals ein Zivilist, der zufällig du warst, an vorderster Front beteiligt gewesen ist. Ansonsten genehmigt man mir nämlich nicht, dass du mich bei der Lösung weiterer Probleme, mit denen ich aktuell zu kämpfen habe, unterstützen darfst.«

Dan starrte aus dem Autofenster. Schneeregen prallte gegen die Glasoberfläche. Fußgänger eilten auf den nassen Bürgersteigen dahin, ihre Regenschirme wurden von dem bitterkalten Wind, der durch die Straßen der Stadt peitschte, gebeutelt. Graue Wolken hüllten die Hauptstadt ins Halbdunkel und Dan wünschte sich schlagartig, dass er wieder unter der Wintersonne Arizonas wäre. Er blinzelte und drehte den Kopf, um auf die getönte Glasscheibe starren zu können, die sie vom Fahrer trennte. »Und was ist das zweite Problem?«

David schwieg, während er ebenfalls aus dem Autofenster starrte. Gedankenverloren trommelte er mit den Fingern auf die Lederpolsterung, bevor er antwortete: »Einer der wichtigsten Berater unserer Regierung beim Ausbau der Flüssiggasanlage an der Küste von Nord-Kent ist verschwunden.«

»Seit wann?«

»Seit letzter Nacht. Der Mann ist offenbar ein Genie und nach Aussage seiner Frau selbst zu seinen besten Zeiten ziemlich vergesslich. Allerdings war sie mit ihrem Mann aufgrund ihres Hochzeitstages in einem Restaurant verabredet und hatte nur zwei Stunden vor diesem Termin mit ihm telefoniert, was sie natürlich besorgniserregend fand.«

»Hat sie es schon der Polizei gemeldet?«

David nickte. »Heute Morgen. Die Informationen wurden durch einige Regierungsbehörden gefiltert, bevor sie uns erreicht haben. Der Vorfall ist als nicht vordringlich eingestuft worden, weil man wegen seines bisherigen Verhaltens davon ausgeht, dass er bald wieder auftauchen wird. Vorsichtshalber sollten wir diese Angelegenheit allerdings im Auge behalten.«

Dan sah zu dem anderen Mann hinüber. »Aber wenn du morgen vielleicht sowieso von einem Regierungskomitee außer Gefecht gesetzt wirst, warum verfolgst du den Vorgang dann überhaupt? Willst du nicht einfach abwarten und schauen, was passiert? Denn wahrscheinlich wirst du deine Untersuchungsergebnisse ohnehin an jemand anderen übergeben müssen.«

»Das weiß ich, aber ich befürchte, je länger man der Angelegenheit nicht nachgeht, desto weiter könnte uns ein potenzieller Gegner voraus sein. Ich würde deshalb lieber weitermachen … ganz egal, was sie sagen.«

»Gibt es denn schon eine Lösegeldforderung?«

David schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Deshalb möchte ich ja auch, dass du morgen Abend eine Gala besuchst, die die britische Handelskommission veranstaltet und die sich mit der Energiekonferenz, die in dieser Woche stattfindet, überschneidet. Nur für den Fall, dass das Verschwinden des Ingenieurs irgendwie mit diesem Projekt zusammenhängt. Ich möchte, dass du dich dort umschaust, Informationen sammelst und mir eventuelle Anhaltspunkte nennst. Ich habe zwar ein Team von Analysten, die Genies sind, Finanzunterlagen, Geheimdienstberichte und den ganzen anderen Rest auszuwerten, aber ich brauche jemanden vor Ort, der Menschen durchschauen und Situationen schnell einschätzen kann. Du wirst dem Sicherheitsdienst eines Scheichs aus Katar, der aktuell Gespräche mit der britischen Regierung führt, als Berater zur Seite stehen, was dir die Möglichkeit bietet, dich direkt vor Ort in Ruhe umzusehen. Allerdings solltest du dabei keine Aufmerksamkeit erregen. Du sollst nur beobachten und zuhören und mir anschließend Bericht erstatten.«

»Worum geht es denn bei der Energiekonferenz?«

»Es ist die jährliche World Petroleum Conference. Letztes Jahr fand sie in Houston statt. Angesichts der Tatsache, dass unsere eigenen Erdgasvorkommen nahezu erschöpft sind, hielt es die Regierung für eine gute Idee, anzubieten, die Konferenz dieses Jahres in London zu veranstalten. Wir kaufen ja bereits jetzt jede Menge Gas von Anbietern wie Katar, und es ist beabsichtigt, innerhalb der nächsten zwei Wochen einen neuen Gasliefervertrag zu unterzeichnen, was uns die Gelegenheit bietet, diese Bindungen zu vertiefen.«

»Und wer ist unsere Zielperson?«