KALTE GIER - Rachel Amphlett - E-Book
Beschreibung

Die Uhr tickt. Eine Bombe droht in London zu explodieren. Doch der einzige Mann, der die Katastrophe aufhalten kann, ist von den Dämonen seiner eigenen Vergangenheit gezeichnet. KALTE GIER ist der erste Band der actionreichen Dan-Taylor-Thriller, den amerikanische Leser in einem Atemzug mit Vince Flynn, Robert Ludlum und Lee Childs Jack-Reacher-Serie nennen. Dan Taylor arbeitete als Bombenentschärfungsspezialist bei der Britischen Armee, bis ein Sprengsatz drei Männer seines Teams tötete. Von den Albträumen dieses Ereignisses gequält, lebt Taylor ein Leben am Rande der Selbstaufgabe – bis zu jenem Tag, an dem er von einem alten Freund eine Sprachnachricht erhält, wenige Minuten, bevor dieser kaltblütig hingerichtet wird. Das Attentat bringt ihn auf die Spur einer internationalen Verschwörung, bei der es um erneuerbare Energien und eine Geheimorganisation geht, die vor nichts zurückschreckt. Auch nicht davor, eine Bombe ungeahnten Ausmaßes in der Londoner Innenstadt zu zünden. In einer Hetzjagd um den Globus muss Dan Taylor den Hinweisen seines Freundes auf die Spur kommen, bevor es zu spät ist. Denn die Uhr tickt … "Der Stil dieses Buches erinnert an die Thriller von Robert Ludlum … ein atemlos spannendes Buch." - Goodreads "Es gibt mittlerweile eine Menge Thriller auf dem Markt, aber hin und wieder stoßen wir auf einen Roman, dass aus der Masse heraussticht. KALTE GIER ist so ein Buch." [Readers Favourites]

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:426

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit

Sammlungen



KALTE GIER

Rachel Amphlett

© Rachel Amphlett 2011 The copyright of this book belongs to Rachel Amphlett No reproduction without permission

The names, characters and events in this book are used fictitiously. Any similarity to actual people living or dead, events or locales is entirely coincidental

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: WHITE GOLD Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Wolfgang Schroeder Lektorat: Maximilian Tandi

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2018) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-319-0

Du liest gern spannende Bücher? Dann folge dem LUZIFER Verlag aufFacebook | Twitter | Pinterest

Sollte es trotz sorgfältiger Erstellung bei diesem E-Book ein technisches Problem auf deinem Lesegerät geben, so freuen wir uns, wenn du uns dies per Mail an info@luzifer.press meldest und das Problem kurz schilderst. Wir kümmern uns selbstverständlich umgehend um dein Anliegen und senden dir kostenlos einen korrigierten Titel.

Der LUZIFER Verlag verzichtet auf hartes DRM. Wir arbeiten mit einer modernen Wasserzeichen-Markierung in unseren digitalen Produkten, welche dir keine technischen Hürden aufbürdet und ein bestmögliches Leseerlebnis erlaubt. Das illegale Kopieren dieses E-Books ist nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen werden mithilfe der digitalen Signatur strafrechtlich verfolgt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Inhaltsverzeichnis

KALTE GIER
Impressum
JANUAR 2009
JANUAR 2012
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
FEBRUAR 2012
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
MÄRZ 2012
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Danksagung
Über die Autorin

JANUAR 2009

Irgendwo im Irak

Dan Taylor zog an der kugelsicheren Weste, fasste darunter und öffnete einen weiteren Knopf an seinem Hemd.

Schweiß strömte über sein Gesicht, als das gepanzerte Fahrzeug über die mit Schlaglöchern übersäte Straße holperte und hin und her schwankte. Er wandte sich an den Mann, der neben ihm saß. Dan musste schreien, um das Dröhnen des Motors zu übertönen: »Wer hat uns angefordert, Terry?«

Der andere zuckte mit den Achseln. »Irgendeine Frau hat einer der Patrouillen gemeldet, ihr Junge hätte beobachtet, wie ein paar Kerle vom Haus auf der anderen Straßenseite weggelaufen sind. Es sah wohl so aus, als hätten sie etwas auf der Straße eingebuddelt.«

Dan nickte, senkte den Blick auf seine Füße und saß wie in Trance, wartend darauf, dass das Fahrzeug sein Ziel erreichen würde. Er bewegte vorsichtig die Beine und versuchte, seine verkrampften Muskeln in dem knappen, begrenzten Raum ein wenig zu lockern. Der Mann auf der anderen Fahrzeugseite trat ihm gegen den Fuß. Dan blickte auf und nahm den angebotenen Kaugummi mit einem dankbaren Grunzen entgegen.

»Danke, H.«

Nicht, dass Magenbeschwerden im Moment meine größte Sorge wären, dachte er, während er den Kinnriemen, der seinen Helm fixierte, lockerte. Dan spürte, dass eine Kopfschmerzattacke im Anmarsch war, weil der Helm in der Hitze seinen Schädel quetschte.

Das gepanzerte Fahrzeug donnerte weiter die unbefestigte Straße zwischen verfallenen Häusern entlang. Die meisten davon zeigten Narben des Krieges – Einschusslöcher, fehlende Dachziegel. An einigen Stellen waren Trümmerhaufen und verdrehtes Metall die einzigen Hinweise darauf, dass dort jemals Gebäude gestanden hatten.

Dan schloss die Augen und ließ seinen Körper bei jeder Kurve und Rotation, die das Fahrzeug vollzog, mitpendeln. Die Müdigkeit und Erschöpfung zehrten ihn aus. Nach einem ohnehin verlängerten Einsatz in der Wüste kämpfte das Team inzwischen seit weiteren drei Monaten darum, nicht den Verstand zu verlieren. Tag für Tag jagte die Einheit mehr Sprengsätze in die Luft. Doch immer dann, wenn sie gerade eine Bombe sicher beseitigt hatten, wurden zwei weitere entdeckt, die auf sie warteten.

Dan öffnete die Augen wieder und warf einen Blick auf seine Uhr. Sie hatten das Lager vor über sechs Stunden verlassen und waren seitdem von einem Notfall zum nächsten gejagt. Um seine Nackenmuskulatur ein wenig zu dehnen, lehnte er den Kopf zurück.

Ein Schrei vom Vordersitz ließ ihn zusammenzucken. »Aufpassen!«

Das Fahrzeug driftete durch eine scharfe Linksabbiegung und augenblicklich wurde die Fahrbahn weiter. Staub wehte über die Straße, während kleine Steine unter den Rädern des Fahrzeugs hervor spritzten. Sie hatten die Vororte der von Raketen zerschossenen Stadt hinter sich gelassen. Während das Fahrzeug dazu übergegangen war, Spuren eines Versorgungskonvois vom Vortag zu folgen, standen entlang der Straße nur noch wenige Häuser, die wie Wächter wirkten. Die Hauptroute, die in die Stadt hinein und wieder hinausführte, war ein beliebtes Ziel für Terroristen. Der gepanzerte Wagen beschleunigte und pendelte dabei hin und her, um den größeren Kratern und Schlaglöchern auszuweichen.

Die Männer auf den hinteren Sitzen hielten sich an Riemen fest, die von der Decke des Fahrzeugs herabhingen, schwenkten aber immer noch mit jeder Bewegung mit.

»Dicko, kann dein Fahrstil eigentlich noch schlechter sein?«, schrie H.

Dan hörte die Antwort nicht, aber das Grinsen auf H’s Gesicht zeigte ihm, dass sie bestimmt nicht höflich gewesen war. Dicko hatte ihm einmal erzählt, dass er vor seiner Verpflichtung bei der Armee als Kurierfahrer in London gearbeitet hatte. Dan fragte sich häufig, wie kurz diese Karriere wohl gewesen wäre, wenn sich Dicko nicht plötzlich für einen Richtungswechsel entschieden hätte. Er spürte, wie das Fahrzeug auf Schrittgeschwindigkeit abbremste. Schließlich schlug Dicko das Lenkrad ein und stoppte.

Eine Stimme rief vom Beifahrersitz aus nach hinten. »Alle raus!« David Ludlow, ein junger ehrgeiziger Captain, schrie über seine Schulter: »Dan, Mitch … ihr bedient den Roboter.«

Dan wartete, während sich H reckte und die Tür im Heck des Wagens öffnete. Das Team wund sich nach draußen in die Gluthitze. Staubteufel peitschten kleine Wolken aus Dreck und Sand auf. Dan streckte seinen stämmigen Körper und ging dann zur Beifahrertür. Er lehnte sich gegen das Fahrzeug, während David per Funk ihre Position anhand der GPS-Koordinaten durchgab.

Nach ein paar Einsatzmonaten sah die Szenerie überall gleich aus. Staub, Sand, Staub und noch mehr Staub. Einer Salve statischen Rauschens folgte eine kaum verständliche Bestätigung ihrer Basis.

David hakte das Funkgerät wieder ein und wandte sich an Dan. »Na dann mal los.«

Dan ging zum Heck des Fahrzeugs. Ein sanfter Lufthauch, der von der Wüste herwehte, trocknete den Schweiß in seinem Gesicht. Er hob die Hand, um seine blauen Augen vor der gleißenden Sonne zu schützen und begutachtete die Fahrbahn vor sich. Vor dem Nachmittagshorizont hing ein dichter Dunstschleier. Ein Stück die Straße hinunter waren auf der linken Seite zwei ausgebrannte Autos aus dem Weg geräumt worden, um den Versorgungskonvoi vom Vortag nicht zu behindern. Dan blinzelte und schob seine Sonnenbrille die Nase hoch. Er wandte sich um, um Mitch zu helfen, der schon dabei war, den Bombenbeseitigungsroboter aus dem Wagen zu heben.

Bei dem Roboter handelte es sich um eine kleine Maschine mit Kettenantrieb, zwei Greifern an der Vorderseite und einer Kamera, die auf der Oberseite montiert war. Er machte dem Team möglich, sich einer vermuteten Sprengfalle zu nähern, ohne das eigene Leben aufs Spiel setzen zu müssen.

Während der andere Mann das Gelände untersuchte, griff Dan in den Laderaum des Wagens und zog einen metallbeschlagenen Aktenkoffer heraus. Er öffnete ihn und klappte dann einen kleinen Laptop mit angeschlossenem Joystick auf. Dan schaltete den Computer ein und sandte bereits kurz danach Befehle an den Roboter auf dem Boden.

Dieser begann sofort auf seinen Ketten hin und her zu ruckeln. Das Kabel, das an der Rückseite der Kamera angebracht war, spulte sich ab, als der Roboter sich rollend entfernte und dabei Livebilder an den Computer übermittelte.

Dan warf einen kurzen Blick hoch und sah Mitch auf sich zukommen. »Ist die Luft rein?«

Mitch nickte. »Terry schaut sich das Haus dort drüben etwas näher an, um sicherzugehen, dass niemand den Kopf herausstreckt, während wir mitten bei der Arbeit sind. Zum Glück stehen hier kaum noch Gebäude. H meint, es gibt nicht genug Deckung für Scharfschützen.«

Dan blickte in die Richtung, in die Mitch zeigte. Das Haus stand auf der linken Seite der Straße und war aus Lehm und Ziegeln gebaut. Eine niedrige Steinmauer zog sich um das Gebäude, in der eine Ziege und einige Hühner eingepfercht waren. Ein altes Ehepaar starrte sie von der Haustür aus an. Er beobachtete Terry dabei, wie er sich dem Haus näherte, der alten Frau in der Tür etwas zurief und ihr Zeichen gab, dass sie sich entfernen sollten.

Dan wandte sich um, als David Anweisungen gab. »Dicko, H … stellt sicher, dass dieser Bereich innerhalb eines Radius von fünfzig Metern sauber ist. Vergesst nicht, die Dünen da am Rand im Blick zu behalten. Haltet einfach die Augen offen.«

Dan verfolgte mit seinem Blick, wie die beiden Männer den Schatten des Fahrzeugs verließen und in den hellen Sonnenschein hinaustraten, wobei sie ihre Köpfe schnell hin und her drehten, um die Umgebung auf Bedrohungen für das Team zu scannen. David hielt vom Heck des Wagens aus Wache. Sein Blick wanderte zu der kleinen Menschenmenge, die sie vom entgegengesetzten Ende der Straße aus anstarrte.

Vor Schreck sprang Dan auf, als ihm Mitch auf den Rücken schlug.

»Komm schon, du Snob, hör auf zu träumen. Lass uns mit einer Bombe spielen.«

Dan schüttelte den Kopf und grinste. Obwohl sie bereits seit zwei Jahren zusammenarbeiteten, machte sich Mitch immer noch über seinen Oxfordshire-Akzent lustig. »Oder noch besser, schick endlich den Roboter los. Es ist heute zu heiß für den Anzug.«

Er schaute die Straße hinunter und unterbrach sich selbst. »Verdammt … wo kommt der denn her?«

Dan blickte zu der Stelle, auf die Mitch zeigte.

Ungefähr fünfzig Meter von ihnen entfernt war auf der rechten Seite ein Junge zwischen den Häusern aufgetaucht. Das Kind radelte glücklich mit seinem kleinen, verbeulten grünen Dreirad mitten auf die Straße. Er lächelte und winkte Dicko und H zu, die sich ihm hastig näherten. Sich der Gefahr, in der er schwebte nicht bewusst, fing der Junge an, ihnen laut zuzurufen, während er immer schneller mitten auf die Straße fuhr.

Ihre eigene Sicherheit außer Acht lassend rannten die Soldaten auf ihn zu, wobei sie ihm mit den Händen Zeichen gaben, stehen zu bleiben.

Dan fühlte sein Herz in der Brust hämmern, während er H dabei beobachtete, wie der sich zu dem Jungen hinunterbeugte, um mit ihm zu sprechen. Er konnte nicht mehr als drei Jahre alt sein. Mit trockener Kehle beobachtete Dan, wie das Kind in dieselbe Richtung zurückrannte, aus der es angeradelt kam.

Als der Junge ein Haus erreichte, riss ihn eine Frau in ihre Arme und schimpfte ihn aus. Ein Mann hielt zum Dank seine Hand hoch. Dicko und H winkten zurück und gaben der Familie zu verstehen, im Inneren des Gebäudes Schutz zu suchen, bevor sie ihre Patrouille fortsetzen würden, vorbei am fallengelassenen Dreirad in Richtung der Dünen.

Dan schluckte trocken und wischte sich den Schweiß aus den Augen. Er atmete langsam aus und versuchte, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. »Haben sie auch gemeldet, wo die Sprengfalle versteckt sein soll?«

Mitch, der neben Dan stand, deutete auf die Straße. Dass seine Hand dabei zitterte, ignorierte Dan. Sie beide hatten Angst um das Kind gehabt. »Siehst du den Reifen auf der linken Seite der Fahrbahn, ungefähr achtzig Meter von hier? Hast du ihn?«

Dan nickte zustimmend.

»Gut … jetzt schau rechts davon. Da ist die Oberfläche aufgegraben und wieder zugeschüttet worden. Sieht aus wie ein Haufen Dreck mit etwas Schutt drum herum … okay?«

»Ja, okay … ich sehe es.«

Dan rückte näher an den Laptop heran und nahm den kleinen Joystick zwischen Zeigefinger und Daumen. Er blickte auf den Bildschirm, überprüfte, ob die Kamera ordnungsgemäß funktionierte, und ließ dann den Roboter die Straße hinunter auf sein Ziel zurollen.

Als der Roboter über den unebenen Straßenbelag holperte, bewegte Dan die Kamera abwechselnd nach links und rechts, um den Kamerawinkel zu überprüfen und sicherzustellen, dass das Bild auf dem Laptop gut war. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein unzuverlässiges Signal – vor allem, wenn er den Roboter dafür verwenden wollte, um die Drähte des Zeitzünders durchzuschneiden.

Er warf Mitch einen Blick zu, der an der Seite des gepanzerten Fahrzeugs stand und den Roboter dabei beobachtete, wie er über das unebene Gelände rumpelte.

»Wie läuft’s bei denen?«

Mitchs Blick wanderte etwas, konzentrierte sich dann auf die Straße sowie auf H und Dicko, die gerade auf die Dünen zugingen. »Sieht gut aus. Solange sie in diesem Bereich bleiben, müsste eigentlich alles in Ordnung gehen.« Er drückte die Sprechtaste an seinem Funkgerät. »Wie läuft’s bei euch?«

Dan hörte einen Ausbruch rauschender Geräusche über Mitchs Hörer und richtete seinen Blick wieder auf den Computer-Bildschirm.

Mitch lachte plötzlich laut. »Dicko meint, er hätte doch tatsächlich eine Sanddüne gefunden, die noch schmutziger ist als die zu Hause in Pembrokeshire. Faszinierend.«

Dan lächelte. »Sag ihnen, sie sollen einfach nur aufpassen, wo sie hintreten. Hier ist es garantiert keine Hundescheiße, die sie in Schwierigkeiten bringen könnte.«

Mitch grinste und gab die Nachricht weiter.

Dan drosselte die Geschwindigkeit des Roboters, als der sich dem Schutthaufen in der Mitte der Straße näherte. Er nahm seine Hand vom Joystick und wandte sich an David. »Bereit, wenn du es bist«, rief er.

David nickte und drückte die Sprechtaste seines Funkgerätes. »In Ordnung. Es geht los. Haltet eure Augen und Ohren offen.«

Dan spähte am Heck des Fahrzeugs vorbei und entdeckte Dicko und H, die in einiger Entfernung auf der Sanddüne in Verteidigungsstellung gegangen waren und ihre Gewehre hin und her schwingen ließen, während sie die Umgebung überprüften. David gab ihm währenddessen Rückendeckung und starrte jeden wütend an, der auch nur den Anschein erweckte, als würde er sich dem Fahrzeug nähern wollen. Ab und zu schrie er, um sicherzustellen, dass die kleine Traube an Menschen, die sich gerade anfing zu bilden, ja nicht zu nahe kam.

Dan griff erneut nach dem Joystick und begann, den Roboter in seine endgültige Position zu bringen. Er stoppte die Maschine direkt neben dem Schutthaufen und steuerte eine Klaue, um vorsichtig ein Stück weggeworfenen blauen Stoffs anzuheben. Dann gab er auf dem Laptop eine Reihe von Tastenkombinationen ein und die Kamera zoomte in den Bereich unter dem Tuch. Er zog den Atem scharf ein. Unter dem Tuchfetzen waren die verräterischen Umrisse einer Sprengfalle eindeutig zu erkennen.

Mitch spähte über seine Schulter. »Bastarde!«

Dan nickte. »Gibt hier bestimmt eine Menge davon.«

»Kannst du den Stofffetzen aus dem Weg schaffen?«

»Ich versuche es. Sieht nicht so aus, als würde er direkt auf der Vorrichtung liegen.«

Dan berührte den Joystick und drückte ihn sanft nach vorn. Die Klaue des Roboters begann, das Material behutsam von der Bombe abzuheben.

»Ganz gerade nach oben«, flüsterte Mitch. »Du willst doch nicht, dass er drüber schleift, an der Sprengfalle hängen bleibt und sie auslöst, oder?«

Dan blinzelte den Schweiß weg, der über sein Gesicht rann. Er hielt kurz inne, rieb sich die brennenden Augen und versuchte, die feuchten Hände an der Hose trocken zu reiben. Dann griff er wieder nach dem Joystick und der Roboter fuhr rückwärts, zusammen mit dem Stück Tuch. Er ließ sich Zeit, bis sich die Maschine ein paar Meter von der Bombe entfernt hatte, bevor er eine weitere Folge von Befehlen eintippte. Die Klaue des Roboters öffnete sich und der Stoff fiel zu Boden.

»Puh, das hätten wir, jetzt lass ihn zurückfahren und nachschauen, womit wir es hier überhaupt zu tun haben«, sagte Mitch, während er sich gegen die Hecktür des Fahrzeugs lehnte, um einen Blick auf den Laptop-Bildschirm zu werfen.

Dan steuerte den Roboter zur Bombe zurück. Der Roboter schwenkte die Kamera von links nach rechts und zeichnete dabei alles auf. Schließlich ließ Dan ihn stoppen. »Hier.« Er deutete auf den Monitor. »Sieh dir das an, die Drähte liegen an der Stelle etwas frei.«

Mitch beugte sich vor und begutachtete das empfangene Bild. »Kommst du an die ran?«

Dan nickte. »Ich schätze schon. Standardkonfiguration?«

Mitch grunzte. »Ja, sieht so aus. Schaffst du es, mit dem Seitenschneider drunter zu kommen?«

Dan gab mehrere Befehle ein und die Klaue des Roboters bewegte sich in den Blickwinkel der Kamera. Die Zange schnappte testweise zweimal zusammen und näherte sich vorsichtig der kleinen Öffnung, aus der drei Drähten hervorlugten. Er senkte die Klaue so weit, bis ihre untere Hälfte die Straße berührte. Dann stoppte er ein weiteres Mal, ließ den Joystick los und wischte sich die Hand an der gepolsterten Weste ab. Anschließend rieb er Zeigefinger und Daumen aneinander, versuchte den Fettfilm darauf zu entfernen und griff schließlich wieder nach dem Joystick.

»Wäre schön, wenn es noch heute klappen würde«, murmelte Mitch angespannt.

»Halts Maul.«

Trotz seiner Reaktion hatte Dan einen Heidenrespekt vor seinem Kameraden. Nach intensivem Training in den Vauxhall Barracks in Oxfordshire war Dan für seinen ersten Einsatz im Mittleren Osten neu zum Team gestoßen und Mitch gab sich alle Mühe, seine Ausbildung nicht enden zu lassen.

Dan ließ den Roboter wieder ein kleines Stück vorwärts rollen. Die Klaue kratzte über den Schotter, während er die untere Backe vorsichtig unter die Bombendrähte manövrierte. Nach einem kurzen Befehl zoomte das Bild auf dem Bildschirm heran.

»Kinderspiel«, stellte Mitch fest.

Dan warf ihm von der Seite aus einen Blick zu. »Musst du nicht irgendwo hin?«

Mitch kicherte. »Nein.«

Dan verdrehte die Augen und konzentrierte sich wieder auf das Bild vor ihm. Obwohl er ihn nervte, lag Mitch mit seiner Bemerkung richtig. Der Aufbau der Sprengfalle wirkte trügerisch einfach. Tödlich, aber einfach. Drei Drähte verbanden den Sprengstoff mit einem Auslöseschalter.

»Keine Spur eines Fernzünders«, stellte er fest.

Mitch gab ihm einen Klaps auf den Rücken. »Gut, dann nimm dir das Ding vor.« Er drehte sich um und gab die Nachricht an David weiter. Der nickte nur kurz und wandte seine Aufmerksamkeit anschließend wieder der kleinen Gruppe von Einheimischen zu.

Dan hob die Klaue des Roboters leicht an und begann, die Drähte vorsichtig auseinanderzuziehen. Nach einer weiteren Befehlsfolge auf der Tastatur glitt ein Teleskoprohr aus der Unterseite des Roboters heraus, an dessen Ende mehrere Drahtzangen und Seitenschneider befestigt waren.

Er atmete langsam aus und versuchte, seinen Puls zu beruhigen. Dan schloss die Augen, spielte in seinem Kopf durch, was er zu tun hatte, dann öffnete er sie wieder, war konzentriert und bereit.

Mit seiner letzten Befehlsfolge zog der Greifarm des Roboters vorsichtig einen blauen Draht von den anderen beiden weg. Als der sich in Reichweite des Seitenschneiders befand, reichte ein einziger Tastendruck aus und die Schneiden durchtrennten den Draht.

Stille.

Dan atmete langsam aus und wandte sich an Mitch. »Erledigt.«

Mitch nickte, rief nach David und machte das Daumen-hoch-Zeichen.

Per Funk gab David die Meldung an die anderen weiter. »Wir sind hier fertig.«

Der Pulk an Schaulustigen verlor das Interesse und begann sich entlang der Straße zu zerstreuen. Dan konnte endlich aufsehen und bemerkte das alte Paar neben ihrem Haus. Sie schienen sich zu streiten, die Frau gestikulierte wild in Richtung ihres Mannes, bevor sie ins Gebäude stürmte und die Tür hinter sich zuschlug.

David ging an ihm vorbei und zeigte ein »Daumen hoch«. »Gute Arbeit, Taylor. Sieh zu, dass der Roboter möglichst schnell wieder eingepackt wird, denn sonst haben ihn die Kinder in seine Einzelteile zerlegt, bevor wir es merken.«

»Bin schon dabei.«

Dan bewegte den Joystick nach hinten und der Roboter begann langsam zum gepanzerten Fahrzeug zurückzurollen, wobei das Bild auf dem Monitor hin und her hüpfte, weil seine Kamera auf der rauen Oberfläche durchgeschüttelt wurde.

David gab Mitch ein Zeichen. »Steh hier nicht rum … schnapp dir den Rest der Sprengfalle. Wir wollen doch nicht, dass sie das Zeug für die nächste benutzen, die sie für uns einpflanzen.«

Mitch nickte wortlos und trottete zur entschärften Bombe. Dan ließ seinen Blick um das Heck des Fahrzeugs herumwandern und beobachtete Mitch dabei, wie er die übrigen Teile der Bombe aufsammelte. Inzwischen kamen auch Dicko und H von den Dünen am Straßenrand zurückgeschlendert. Ihr Lachen wurde von einem leichten Wind herübergetragen.

David folgte Dans Blick und seufzte. »Da muss doch jeder denken, dass die beiden im verdammten Urlaub sind«, sagte er und schüttelte den Kopf, bevor er zur Beifahrerseite ging, um die Bombenentschärfung zu melden.

Dan blickte auf, als sich Mitch dem Fahrzeug näherte, während er diverse Drähte, Uhren und Metallteile vorsichtig in den Händen hielt. Er lud sie auf die Ladefläche des Transporters und die beiden begonnen, das Material auf Seriennummern oder besondere Kennzeichen zu untersuchen. Eben nach allem, was ihnen dabei helfen konnte, herauszufinden, wer die Bauteile geliefert hatte.

David tauchte plötzlich mit nachdenklicher Miene an der Seite des gepanzerten Fahrzeugs auf. »Habt ihr Terry gesehen?«

Dan und Mitch schüttelten den Kopf.

»Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, hat er mit dem Paar vor dem Haus da drüben gesprochen.« Dan deutete über die Straße.

David folgte dem Zeigen des Fingers. »Kann sein, dass sein Funkgerät mal wieder streikt. Ich versuche es weiter. Wenn ihr ihn seht, winkt ihn ran. Ich will ins Lager zurück und eine Pause einlegen, bevor wir alle noch vor Erschöpfung umfallen.«

Während er um die Rückseite des Jeeps herumging, sprach er bereits wieder in sein Funkgerät.

Dan rollte ein Stück des blauen Drahtes zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her, während er die Rückkehr des Roboters auf dem Laptop verfolgte.

»Eigenartig«, meinte Mitch.

»Was denn?«

»Das ergibt überhaupt keinen Sinn.« Mitch hielt einige Teile hoch und zeigte auf ein einzelnes Kabel, das nach oben gebogen war. »Das Ding hier ist mit nichts verbunden. Hast du es versehentlich durchgeschnitten?«

Dan schüttelte beunruhigt den Kopf. »Nein.«

Er bemerkte, wie Mitch vom Fahrzeug zurücktrat, um zu überprüfen, ob Dicko und H zurückkamen. Terry verabschiedete sich mittlerweile auch winkend von dem alten Ehepaar und stiefelte auf sie zu.

Mitch wandte sich wieder an Dan, sein Gesicht war kreidebleich geworden. »Das ist gar nicht die richtige … das ist eine Attrappe.«

Dan schaute Mitch an. »Was? Was?«

Auf die Straße starrend, fuhr sich Mitch mit den Fingern zitternd durchs Haar und warf den Kopf schnell hin und her, um panisch die Szenerie zu überprüfen. Sein Blick fiel auf das verlassene grüne Dreirad, das mitten auf der Fahrbahn stand. Das musste die echte Bombe sein.

»Das war nicht die richtige Bombe, Dan … wir haben die falsche entschärft!«

Im nächsten Moment brüllte H auf, sein Schrei wurde von einer Explosion fortgetragen, bevor Dan die Warnung überhaupt verstehen konnte. Der Roboter kippte durch die Druckwelle zur Seite, die Kamera blinkte einmal kurz, ehe die Aufnahme erneut einsetzte. Das rote Aufnahmelämpchen leuchtete stumm. Dann, als sich der Staub zu legen begann, fing das Schreien an.

JANUAR 2012

Kapitel 1

»Gold wird seit langem in alten Kulturen auf der ganzen Welt geschätzt. Man muss sich allerdings die Frage stellen, was genau das Besondere an Gold gewesen ist, dass die Menschen deswegen weit entfernt von ihren Heimatländern jahrelang Krieg gegeneinander geführt haben. Vielleicht, nur vielleicht, ging es gar nicht um das Gold an sich, sondern mehr um die Macht, die es verlieh …

Ich werde Ihnen im Folgenden darlegen, dass man durch eine spezielle Art der Goldverarbeitung eine Kraft erzeugen kann, die wie Sie feststellen werden, zweifelsohne eine sauberere und stabilere Alternative zu Kernbrennstoffen darstellt. Und selbst die prognostizierten Erträge aus Sonnen- und Windenergie bei weitem übertreffen wird. Wie üblich beeinflussen die umweltverschmutzenden Öl und Kohle fördernden Unternehmen die Regierungen auf der ganzen Welt und blockieren damit weiterhin umfangreiche Forschungen und Untersuchungen, die zur Massenherstellung dieses potenziellen Wunder-Brennstoffs führen könnten …«

Auszug aus der Vortragsreihe von Doktor Peter Edgewater, Berlin, Deutschland

Oxford, England

Dan Taylor wachte schweißüberströmt auf. Der gleiche Albtraum, der ihn Nacht für Nacht heimsuchte, hatte seinen Schlaf unterbrochen … Staub, Sand, Schreie und Blut. Dan rieb sich die Augen. Wieder hatte er im Schlaf geweint. Die Seelenklempner der Armee hatten ihm gegenüber behauptet, die Erinnerungen würden im Laufe der Zeit verblassen, aber das kaufte er ihnen nicht ab. Er hatte sich mit genug Leuten unterhalten, die für den Kampf eingesetzt wurden, um zu wissen, dass die Träume niemals verschwinden würden. Das Klingeln der Explosion tönte schließlich immer noch in seinen Ohren.

Dan versuchte sich zur Seite zu rollen und bemerkte, dass das nicht funktionierte. Langsam öffnete er die Augen. Er war auf dem Sofa eingeschlafen. Wieder einmal. Er stütze sich auf seinen Ellbogen und drehte den Kopf, um das Ausmaß des Schadens zu begutachten, wobei er angeekelt von den abgestandenen Gerüchen im Zimmer die Nase kraus zog.

Die Überreste eines chinesischen Take-away-Essens verteilten sich auf dem kleinen Couchtisch vor ihm. Dan blinzelte überrascht. Er konnte sich nicht mal mehr daran erinnern, letzte Nacht etwas gegessen zu haben. Suchend griff er nach unten und tastete um sich, bis seine Finger auf eine vertraute Glasoberfläche stießen. Vorsichtig umklammerte er den Flaschenhals und hob die Whiskyflasche vor sein Gesicht. Er warf einen Blick darauf und zuckte zusammen. Leer. Er stellte sie auf dem Couchtisch ab.

Dan sah auf und bemerkte, dass der Fernseher in der Ecke des Raumes noch flimmerte. Irgendeine dämliche Talkshow. Er griff zwischen die Sofakissen unter sich, zog die Fernbedienung heraus und schaltete die nervende Sendung aus.

Dann schloss er die Augen. Er erinnerte sich daran, dass er nur einen Drink nehmen wollte, der ihm beim Einschlafen helfen und seine Albträume abwehren sollte. Er sah die Flasche vorwurfsvoll an. Sie hatte ihn im Stich gelassen. Es funktionierte nicht mehr. Er öffnete die Augen wieder und blinzelte, versuchte sich zu konzentrieren, um die Tränen zurückzuhalten.

Endlich schwang er seine Beine vom Sofa und setzte sich auf. Dabei hielt er den Kopf so lange zwischen den Händen, bis er sicher sein konnte, aufstehen zu können, ohne gleich wieder umzufallen. Langsam streckte er sich und stöhnte.

Kaffee.

Dan schnappte sich die leere Whiskyflasche sowie die Take-away-Kartons und stolperte in Richtung Küche. Er fluchte heftig, als er mit seinem Zeh gegen eine der Taschen stieß, die im Flur verstreut standen. Ein mit Stahlkappe gefütterter Stiefel fiel vor ihm auf den Boden und er starrte ihn anklagend an. Er war bereits vor zwei Tagen nach Oxford zurückgekommen, hatte sich aber bisher nicht mit der deprimierenden Aufgabe des Auspackens beschäftigen wollen. Er sehnte sich danach, wieder zu reisen, selbst wenn das nur bedeutete, zu seiner alten Karriere als Geologe für irgendein weiteres Bergbauunternehmen zurückzukehren. Der Job würde ihn wenigstens davon abhalten, zu viel über die Vergangenheit zu grübeln. Oder die Gegenwart. Oder die Zukunft.

Dan schüttelte den Kopf und schlurfte in die Küche. Dort öffnete er die Hintertür, warf den Müll beifällig in die Abfalltonne und blinzelte im strahlenden Sonnenschein. Er rülpste laut auf und beobachtete mit leichter Belustigung, wie sich die heiße Luft in der morgendlichen Kälte in Dampf verwandelte.

Nachdem er in die Küche zurücktrat und die Tür offen ließ, um das Haus zu lüften, schaltete er den Wasserkocher an. Als er sich umdrehte, um im Schrank über der Arbeitsplatte nach einer Kaffeetasse zu suchen, bemerkte er das Blinken seines Handys.

Eine neue Sprachnachricht.

Dan schnaufte, griff sich das Telefon und steckte es in die Gesäßtasche seiner Jeans. Schließlich fand er eine saubere Kaffeetasse und nachdem er sich den ersten morgendlichen Koffeinschub verschaffte, schlurfte er zufriedener zurück ins Wohnzimmer.

Er verzog das Gesicht. Im Raum hing wirklich ein widerwärtiger Gestank.

Naserümpfend schob er die Vorhänge auseinander und öffnete die Fenster. Kalte Luft drang herein und ließ ihn sofort etwas frösteln. Zumindest würde sich dadurch der Gestank verziehen. Er setzte sich in einen Sessel und sank zusammen. Tastend griff er hinter sich und zog das Handy aus der Tasche. Dann starrte er es kurz an, wählte die Nummer seiner Mailbox und hielt sich das Telefon ans Ohr.

Dan trank einen Schluck Kaffee, während er seine Nachrichten abhörte. Der Mailbox-Stimme zufolge war der letzte Anruf in der vergangenen Nacht eingegangen. Er nippte wieder an seinem Kaffee und ließ die Nachricht abspielen.

»Dan, hallo … hier ist Peter Edgewater. Hör mal, ich bin ein wenig in Eile, aber du bist der Einzige, der das wirklich zu schätzen weiß … ich habe es geschafft! Ich habe herausgefunden, wer in der Lage ist, Weißes Gold auf kommerzieller Basis zu produzieren! Pass auf, momentan muss ich noch eine Vortragsreise in Europa beenden, aber in einigen Tagen bin ich wieder zu Hause. Dann veranstalte ich einen kleinen Umtrunk mit ein paar Leuten, die ich seit einer Weile nicht mehr gesehen habe und bei der Gelegenheit kann ich dir alles erzählen … du kommst doch, oder? Ruf mich einfach an und ich werde …«

Wütend drückte Dan die Sprachnachricht weg und warf das Handy auf den Couchtisch. Er fragte sich, warum er sich überhaupt damit herumquälte. Er hatte wirklich kein Interesse, alte Freunde wiederzutreffen, nur damit sie ihm ihren Erfolg unter die Nase reiben konnten. Und ihm damit aufzogen, wie tief er doch gesunken war.

Einen Augenblick später beugte sich über den Tisch und griff wieder nach dem Handy, dieses Mal, um die Nachricht zu löschen. Im Anschluss schaute er auf seine Armbanduhr und grunzte zufrieden. Nur noch eine knappe Stunde, dann würde der Pub wieder aufmachen.

Berlin, Deutschland

Peter eilte auf dem Bürgersteig in Richtung seines Hotels, sein Atem dampfte dabei in der kalten Luft. Er zog den Rucksack auf seiner Schulter weiter nach oben und schob die behandschuhten Hände auf der Suche nach der letzten Körperwärme tiefer in die Jackentaschen. »Notiz an mich«, murmelte er, »das nächste Mal die Vortragsreise auf den Sommer legen.«

Der Mann war von athletischer Gestalt, breitschultrig, hoch gewachsen und kräftig. Trotzdem zitterte er in der bitterkalten Nacht und wünschte sich, doch ein paar wärmende Fettschichten zu besitzen, um besser mit diesem kalten deutschen Winter klarzukommen.

Das vertraute Weiß und Rot eines Stella-Artois-Werbeschildes an einem Gebäude auf der linken Seite erregte seine Aufmerksamkeit. Peter wurde deutlich langsamer, spurtete die beiden ungleichmäßigen, schmalen Stufen zu einer verzierten Holztür hinauf und stieß diese auf.

Als ihn die erlösende Wärme der Hotellobby umhüllte, war die Kälte der Nacht sofort vergessen.

Ein kleines, aber wirkungsvolles Feuer, das den gesamten Raum erwärmte, brannte in einem kunstvollen Kamin auf der rechten Seite des Lokals. Zu seiner Linken führte eine schmale Türöffnung zur Hotelbar, die von leisem Gläserklirren und dem Gelächter von Gästen erfüllt war, die versuchten, sich von den Strapazen des Tages zu entspannen. Peter schaute kurz zur Bar, dann ging er zur Rezeption an der Rückseite des Foyers und ließ den Rucksack in einer Bewegung von der Schulter zu Boden gleiten.

Während die Empfangsdame, deren Uniform aus einem marineblauen Anzug und einer weißen Bluse bestand, telefonisch eine Buchung entgegennahm, suchte sie seinen Blick und gab ihm ein Zeichen, dass er warten sollte. Schließlich beendete sie das Telefonat und lächelte ihn an.

»Irgendwelche Nachrichten?«, fragte Peter, während er seine Handschuhe über die Finger streifte.

»Einen Augenblick bitte.«

Die Empfangsdame wandte sich zum Computer um und tippte einen Befehl ein. Gedankenverloren schob sie ihre Brille den Nasenrücken hoch, als der Bildschirm eine Meldung ausgab.

»Vor Kurzem hat hier ein Mann nach Ihnen gefragt, Sir«, las sie vom Monitor ab. »Er sagte der diensthabenden Empfangsdame, dass er sich noch einmal telefonisch bei Ihnen melden würde. Einen Namen hat er nicht hinterlassen.«

Peter runzelte die Stirn. Auch wenn der Anruf unerwartet kam, so war ihm klar, dass er in den vergangenen Wochen viele Leute getroffen haben musste, die sich etwas intensiver mit ihm über seine Theorien unterhalten wollten. Vor zwei Tagen waren ihm seine Visitenkarten ausgegangen und er hatte damit begonnen, seinen Namen und die Telefonnummer auf Servietten und Bierdeckel zu kritzeln, um der Nachfrage von Journalisten, Forschern und – hier musste er lächeln – auch vereinzelten Spinnern nachzukommen.

Er dankte der Empfangsdame, während er seinen elektronischen Zimmerschlüssel herausholte und den Rucksack erneut schulterte, bevor er quer durch das Foyer zum Aufzug ging.

In der fünften Etage angekommen, schlenderte Peter über den Flur bis zu seinem Hotelzimmer und zog die Zugangskarte durch das Lesegerät an der Tür. Dann wartete er auf das grüne Licht und das weiche Klicken des Schlosses und öffnete die Tür. Im Dunkeln suchte seine Hand automatisch nach dem Lichtschalter, er gähnte, zog die Tür hinter sich zu und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

Die Luft im Zimmer war stickig, das Reinigungspersonal hatte offenbar die Heizung voll aufgedreht. Er ließ den Rucksack auf den Boden fallen, seine Schulter durchfuhr vor Erleichterung ein leichter Schmerz, als sie vom Gewicht des Laptops und der Dokumente erlöst wurde. Er schloss die Tür ab, legte seine Zugangskarte auf die Anrichte und schleuderte die Schuhe weit von sich. Dann warf er seine Jacke auf das Bett, öffnete die Balkontür ein wenig und ließ die kühle, frische Luft über sich hinwegstreichen. Langsam drehte er sich um und holte ein kaltes Bier aus der Minibar, die in der Ecke des Raumes stand.

»Cheers«, prostete er dem leeren Zimmer zu, bevor er seine Krawatte losband.

Als er sich bückte, um seinen Rucksack zu öffnen, bemerkte er, dass der Anrufbeantworter blinkte. Er tippte den Zugangscode ein und klemmte sich den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter, während er seine Notizen zusammensuchte. Die Nachricht wurde abgespielt, zuerst war im Hintergrund nur eine belebte Straße zu hören, bevor eine Stimme mit starkem Akzent durch den Straßenlärm schnitt.

»Doktor Edgewater, Sie wissen, wen ich vertrete. Wenn Sie damit fortfahren, der Organisation meines Arbeitgebers zu unterstellen, dass sie in irgendeiner Weise an Angelegenheiten beteiligt ist, die Weißes Gold oder supraleitende Edelmetalle betreffen, dann werden wir leider nicht in der Lage sein, Ihre Sicherheit auf dieser Vortragsreise zu gewährleisten. Sollten Sie weiterhin auf diesen Unterstellungen beharren, dann werden wir Ihnen und Ihrer Familie Schaden zufügen.«

Die Nachricht endete abrupt.

Peter knallte den Hörer empört und fassungslos zurück auf die Ladestation zurück. Er rechnete zwar damit, auf der Vortragsreise an ein paar Idioten zu geraten, aber Drohungen hatte er nicht erwartet … zumindest noch nicht. Denn schließlich hatte er bisher auf die wirklich brisanten Behauptungen verzichtet, weil er sich immer noch nicht im Klaren darüber war, ob sie den Ärger tatsächlich wert waren, den er sich dafür einhandeln konnte. Und nun das: Jemand beobachtete ihn und seine Forschung offensichtlich ein wenig zu intensiv.

Er zitterte. Zum Glück würde er morgen aus Berlin abreisen. Sein nächstes Ziel war Paris, was um einiges näher an seinem Zuhause lag. Für ihn hatte das Leben aus dem Koffer seinen Reiz bereits nach ein paar Wochen verloren.

Peter durchquerte den Raum, schob die Balkontür zu und schloss die Vorhänge, aber nicht, ohne vorher nervös auf die Fenster des gegenüberliegenden Gebäudes gestarrt zu haben. Wie lange wurde er schon beobachtet? Hatte er bereits früher mit der Person gesprochen, die ihn angerufen hatte? Wurde heute nach dem Vortrag Kontakt zu ihm aufgenommen, ohne, dass er bemerkt hatte, mit wem er sprach?

Peter erkannte, dass er nicht mehr wusste, wem er noch vertrauen konnte.

Die Universität hatte letzten Monat damit gedroht, ihm seine Fördergelder zu streichen – die Vortragsreise war von Peter ohne ihre Zustimmung konzipiert worden. Seine Vorträge sollten ein Bewusstsein für das bisher verborgene Interesse an supraleitenden Edelmetallen schaffen, insbesondere Weißem Gold, sodass die Forschung zu diesem Thema nicht länger ignoriert werden konnte. Er war sich sicher, dass die Universität von der britischen Regierung unter Druck gesetzt worden war, um ihn zu stoppen, bevor er irgendetwas publik machen konnte, an dem sie gerade experimentierten.

Er ging zum Bett zurück, setzte sich darauf und legte die Beine hoch, griff nach der Fernbedienung des Fernsehers und schaltete zu den Nachrichten auf N24. Sein Flug nach Paris sollte vormittags starten, wobei sein Vortrag erst am Abend stattfinden würde. Während er beiläufig den Ton stumm stellte, griff er nach seinen Notizen.

Peter nahm einen tiefen Schluck aus der Bierflasche und betrachtete gedankenverloren das Etikett. Er würde bald wieder zu Hause sein, und vielleicht war es ja jetzt an der Zeit, bei den Vorträgen einen Gang hochzuschalten. Einfach nur, um zu sehen, wen er damit aus der Reserve locken würde, dachte er, bevor er auf die nächste Notiz-Seite blätterte.

Trotz der Warnung konnte er nicht aufhören, nicht jetzt … dafür war er zu nahe dran. Dafür stand zu viel auf dem Spiel.

Kapitel 2

»Der steigende Ölpreis ist erst der Anfang. Berücksichtigen Sie bitte, dass, wenn die Ölpreise ansteigen, dasselbe mit den Preisen von Gold und Platin geschieht. Viele Gründe sind dafür verantwortlich – der schwache Dollar, die globale Inflation … speziell die Ölpreise schwanken je nachdem, was gerade in der Welt los ist. Der Goldpreis jedoch ist stetig gestiegen und zeigt auch keine Anzeichen dafür, dass das jemals aufhören könnte …«

Auszug aus der Vortragsreihe von Doktor Peter Edgewater, Paris, Frankreich

Paris, Frankreich

Nach einer weiteren erfolgreichen Präsentation stand Peter aufgeregt und voller Adrenalin in der Tür, die aus dem Vorlesungssaal hinausführte. Das Risiko ist es wert gewesen. Das Publikum brauchte eine Weile, um den Saal zu verlassen, einige schüttelten ihm die Hand, andere hielten auf ihrem Weg nach draußen kurz an, um zu plaudern.

Peter entschuldigte sich bei seinen Zuhörern und schritt zum Podium zurück. Er nahm einen Schluck Wasser aus dem Glas und fing an, seine Notizen zusammenzupacken. Dann drückte er seinen Aktenkoffer zu, bevor er das Podium wieder verließ.

»Doktor Edgewater?«

Peter wandte sich dem Mann zu seiner Linken zu. »Ja?«

Der Mann trat näher und reichte ihm die Hand. »Ein beeindruckender Vortrag, Doktor Edgewater … ich sehe, Sie kommen offensichtlich gut an.«

Peter stellte das Glas ab und schüttelte die angebotene Hand. »Danke … ja, es scheint so. Obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, wie viele Zuhörer das Thema nur für eine weitere Verschwörungstheorie halten, anstatt es für das zu nehmen, was es tatsächlich ist.«

»Und das wäre?«, fragte der Mann. Er passte sich Peters Schrittgeschwindigkeit an, als dieser den Hörsaal verließ und durch den kunstvoll verzierten Flur ging.

Peter blieb abrupt stehen und dachte kurz über die Frage nach, bevor er antwortete. »Die organisierte Übernahme der weltweiten Edelmetallressourcen durch große Konzerne, die es hervorragend verstehen, ihre Interessen und Hintergedanken zu verbergen, wäre zum Beispiel ein guter Anfang … Entschuldigung, haben wir uns schon einmal getroffen?«

»Nein, verzeihen Sie mir bitte meine Unhöflichkeit. Mein Name ist David Ludlow … ich habe die Kritiken zu Ihrer Vortragsreihe mit Interesse verfolgt. Sie scheinen an höherer Stelle in ein Wespennest gestochen zu haben.«

»Ach, wirklich? Könnten Sie das etwas näher erläutern?«

David schaute den Flur entlang, bevor er Peters Ellenbogen packte und ihn in eine kleine Nische schob. »Hier … wo wir nicht belauscht werden können.«

Peter folgte seiner Führung verwirrt. »Haben Sie mir eigentlich schon gesagt, für wen Sie arbeiten?«

»Nein, habe ich nicht«, antwortete David ausweichend.

Peter verschränkte die Arme vor der Brust. »Und warum sollte ich Ihnen dann zuhören?«

Der andere Mann sah ihn eindringlich und taxierend an. »Weil Ihr Leben in Gefahr ist.«

»Drohen Sie mir etwa?«

»Nein, Peter, das mache ich nicht.« David warf erneut einen prüfenden Blick in den Gang, bevor er fortfuhr. »Ich arbeite für eine Agentur, die, sagen wir mal, die Regierung bei Bedrohungen der nationalen Sicherheit berät.«

Er hob seine Hand, bevor Peter ihn unterbrechen konnte.

»Bitte lassen Sie mich ausreden. Vor zwölf Monaten fingen wir damit an, eine Organisation intensiver zu beobachten, die im Verlauf von zwei bis drei Jahren Bergwerksbetriebe für den Goldabbau entweder regulär erworben oder aber gewaltsam übernommen hatte. Australien, Südafrika, Osteuropa, Südamerika … Sie verstehen. Eine ganze Zeit lang ahnten wir nicht, warum sie das taten … das waren nicht die üblichen Fusionen und Akquisitionsstrategien eines gewöhnlichen Bergbauunternehmens, aber auch keine Geldwäsche, die wir mit Drogenhandel oder Terrorismus in Verbindung bringen konnten. Trotzdem setzten wir die Organisation auf unsere Beobachtungsliste.«

Er räusperte sich leise. »Dann begannen Sie mit Ihrer Vortragsreise durch Europa. Und der Nachrichtenverkehr nahm dramatisch zu – bestimmte Ausdrücke tauchten immer häufiger auf – Weißes Gold, supraleitende Edelmetalle.«

Peter runzelte die Stirn. »Nun, ich will nicht klingen, als hätte ich ein gewaltiges Ego, aber ich kann mir als möglichen Grund vorstellen, dass ein Großteil der von mir präsentierten Fakten hochbrisant ist … insofern habe ich schon erwartet, ein paar Steine im Internet ins Rollen zu bringen.«

David schüttelte den Kopf. »Das, wovon ich hier spreche, kann man wohl kaum als ein paar Steine bezeichnen, Peter. Es ist vielmehr eine grollende Lawine unvorstellbaren Ausmaßes … ein Teil davon verborgen gehalten, doch nicht durch uns.«

»Trotzdem verstehe ich immer noch nicht, warum deswegen mein Leben in Gefahr sein sollte«, meinte Peter gereizt. »Alles, was ich mache, ist, die Menschen dafür zu sensibilisieren, was da gerade passiert … so, wie jeder Journalist auch.«

»Und wie geht es Sarah derzeit?«, fragte David.

»Was?« Peter war verdutzt. »Was meinen Sie?«

»Nun, sie ist eine Journalistin … welcher der Ruf vorauseilt, genau solche Geschichten auszugraben. Was denkt sie über Ihre Vorträge?«

»Lassen Sie Sarah gefälligst da raus! Wir sind seit achtzehn Monaten getrennt, wie Sie eigentlich wissen sollten, da Sie mich ja anscheinend ausspionieren – und sie weiß nichts über diese Forschung.« Peter trat näher an den anderen Mann heran und senkte seine Stimme. »Und wenn Sie mich oder meine Familie bedrohen wollen, dann verpissen Sie sich am besten gleich.« Peter setzte an, sich abzuwenden.

»Doktor Edgewater, es tut mir leid, dass Sie das so auffassen«, sagte David und griff erneut nach Peters Arm. »Ich wurde lediglich gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass Sie sehr vorsichtig sein sollten. Einige der Kommentare, die Sie während Ihrer Vortragstour gemacht haben, könnten von anderen als hochexplosiv aufgefasst werden.«

»Das ist ja auch die Absicht.«

»Sind Sie in den letzten Wochen bedroht worden?«

Peter entwand sich kurzerhand seinem Griff. »Sie meinen, außer gerade von Ihnen? Nein.«

David sah ihn eindringlich an. »Ich hoffe, Sie erzählen mir die Wahrheit, Peter. Ich bin keine Bedrohung, allerdings mag ich es nicht, wenn man mich belügt … meine Vorgesetzten sind derzeit sehr um Ihre Sicherheit besorgt. Falls Sie sich selbst in Schwierigkeiten bringen, bevor wir bereit sind, etwas gegen diese Organisation zu unternehmen, dann geschieht das auf eigene Faust … ich kann in diesem Fall nicht für Ihre Sicherheit bürgen. Wir würden viel lieber mit Ihnen zusammenarbeiten als gegen Sie.«

»Danken Sie Ihren Vorgesetzten dafür, David. Aber wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich bin noch verabredet.« Peter hastete an dem anderen Mann vorbei und stolperte beinahe die ausstaffierten Stufen zur Tür hinunter, während sein Herz raste.

Wuchtig stieß er die Tür auf und trat auf die belebte Straße hinaus. Er spähte nach links und rechts und zwang sich, nicht in Panik zu verfallen. Die Vorlesungsunterlagen und die Forschungsergebnisse befanden sich in einem Umschlag in seinem Aktenkoffer.

Vielleicht war es ja Instinkt, aber er hatte bereits zu Beginn seiner Vortragsreise durch Europa entschieden, dass er einen Notfallplan brauchte. Er hatte zwar damit gerechnet, dass die Konzerne und Organisationen, die die Forschung bisher verhinderten, aufwachen und von ihm Notiz nehmen würden, aber die Geschichte wurde plötzlich wesentlich extremer, als er erwartet hatte.

Als er die Straße entlang hastete, hob er seinen Schirm und drängte sich an Fußgängern vorbei, die in der Mittagspause unterwegs waren. An einer Kreuzung wandte er sich nach links, vorsichtig bemüht, nicht auf dem nassen Pflaster auszurutschen. Sein Blick fiel auf eine Postfiliale auf der anderen Straßenseite, und während er darauf wartete, dass die Fußgängerampel auf Grün schaltete, wippte er nervös mit dem Fuß. Er machte einen ausweichenden Schritt zurück, als vor ihm ein Bus durch eine Pfütze fuhr. Er konnte es sich nicht verkneifen, einen kurzen Blick über die Schulter zu werfen.

Peter war davon überzeugt, dass ihn David Ludlow zusammen mit einer Frau aus der Ferne beobachtete, doch die lebhafte Menschenmenge um ihn sorgte dafür, dass er sie aus den Augen verlor. Das elektronischeGeräusch, mit dem die Fußgängerampel auf Grün schaltete, lenkte ihn von den beiden ab und er überquerte schnell die Fahrbahn. Danach eilte er die Straße bis zur Post hinunter und öffnete die Tür, wobei er den Regenschirm senkte und fast in eine junge Mutter mit Kind hineinlief. »P-Pardon, Madame«, stotterte er, während er die Tür für sie offen hielt. Frau und Kind starrten ihn mit dem gleichen Gesichtsausdruck an. Peter schloss die Tür und wandte sich zur Theke um. Er atmete erleichtert auf … der mittägliche Andrang hatte noch nicht begonnen.

Er öffnete die Aktentasche auf seinem Oberschenkel, holte einen Briefumschlag heraus und überprüfte, ob er zugeklebt war. Danach nahm er einen Stift aus seiner Jackentasche und kritzelte eine Adresse auf den Umschlag.

Während er das Briefporto bezahlte, wandte sich Peter um und beobachtete durch das Fenster, wie vor dem Postgebäude eine Frau vorbeiging. Er war sich sicher, dass es die gleiche Person war, die er zusammen mit David Ludlow gesehen hatte.

Er schluckte und fühlte einen Schweißtropfen seitlich an seinem Gesicht entlanglaufen. Das war real. Das passierte tatsächlich. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf … Ich hatte recht! Diese Erkenntnis beruhigte ihn jedoch keinesfalls. Wenn ihm diese Leute wirklich folgten, bedeutete das, dass er mit seiner Forschung richtig lag und er sich schützen musste.

Peter zog sich in eine Ecke des Raumes zurück, weg von der wachsenden Kundenschlange, und nahm sein Handy heraus. Während er durch die Kontaktliste scrollte, schaute er erneut aus dem Fenster. Niemand zu sehen. Er fand den Namen, den er gesucht hatte, drückte auf das Anrufsymbol und wartete auf die Verbindung.

Verdammt! Er war direkt bei der Mailbox gelandet.

»Dan, hier ist Peter. Ich befürchte, ich bin in Schwierigkeiten. Und ich habe keine Ahnung, wen ich sonst anrufen könnte. Im Moment bin ich noch in Paris. Aber heute Nachmittag fahre ich mit dem Zug nach Ashford und dann weiter nach Oxford, wo ich morgen den letzten Vortrag halte. Danach rufe ich dich wieder an. Ich weiß nicht, wo du steckst, aber ich habe Sarah ein paar Unterlagen geschickt … die erklären alles. Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich dazu noch in der Lage sein werde. Falls ich es nicht schaffen sollte, geh bitte zu ihr … und sei vorsichtig, wem du die Informationen gibst oder wem du davon erzählst. Ich habe zwar schon so einige Drohungen erhalten, die ich bisher nicht für voll genommen habe, aber seit heute befürchte ich, dass mein Leben wirklich in Gefahr sein könnte. Sobald ich kann, rufe ich dich wieder an.«

Peter beendete das Telefonat und bemerkte dabei, dass seine Hände zitterten.

Kapitel 3

»Die Vorfälle zeigen weiterhin, dass die lebhafte Nachfrage nach Edelmetallen real ist. Die Menschen setzen zwar ihren Kampf dagegen fort, dass multinationale Konzerne ihre Goldminen übernehmen, doch insgeheim geht die Kontrolle über diese Ressourcen immer mehr an ausländische Organisationen verloren. Trotz der Größe der beteiligten Organisationen wurden diese Übernahmen kaum publik gemacht. Viel wichtiger ist jedoch, dass es scheinbar die Kohle-, Öl- und Gasunternehmen sind, die den Markt für Edelmetalle kontrollieren wollen.«

Auszug aus der Vortragsreihe von Doktor Peter Edgewater, Paris, Frankreich

Brisbane, Australien

Morris Delaney stand reglos mit hinter dem Rücken gefalteten Händen und schaute aus dem Rauchglasfenster seines Büros. Er beobachtete, wie die Menschen unten auf der Straße an einer belebten Kreuzung hin und her liefen. Ameisen, dachte er, nein … Kakerlaken.

Delaney war großgewachsen und breitschultrig. Zudem verriet ein leichtes Hinken seine lange zurückliegende Karriere als Rugbyspieler. Er fuhr sich mit der Hand durch sein weißes Haar, das nach all den Jahren immer noch dicht wuchs und um einiges länger war als bei seinen Altersgenossen. Dann legte er seinen Kopf weit nach hinten und hörte bei der Dehnung ein zufriedenstellendes Knacken. Delaney verzog das Gesicht. Er musste zugeben, dass er in den letzten paar Jahren zu viel Zeit in einem Büro verbracht hatte, anstatt sich draußen die Hände schmutzig zu machen.

Er schaute auf den Nachbau eines Schaufelraddampfers hinab, der den Fluss hinauftuckerte. In der Nachmittagssonne glitt sein Schatten die Uferbegrenzung entlang, während er mit einem Deck voller Touristen vorbeifuhr, die schon ihre Mäuler nach einem Drei-Gänge-Menü leckten. Delaney schnaubte vor Belustigung.

Sein Blick glitt über den Platz unter ihm, auf dem eine kleine Gruppe von Demonstranten stand, die den Eingang des Gebäudes umringten. Ihre traurigen Plakate flatterten in der Brise, die vom Fluss herüberwehte. Nieder mit Delaney. Wind statt Kohle. Kohle ignoriert die globale Erwärmung. Anscheinend zog das hiesige Büro den gleichen armseligen Haufen von desinformierten Mitgliedern der örtlichen Bevölkerung an.

Delaney hatte nichts gegen Demonstranten … jede Form von Publicity war ihm recht, solange sie ihn betraf. Demonstrationen boten ihm die Möglichkeit, vor die Medien zu treten und den Massen zu erklären, warum die Umweltschützer so verdammt falsch lagen und ihnen danach seine neuesten Bergbauprojekte vorzustellen. Er warf einen Blick auf die Zeitung auf seinem Schreibtisch und grinste. Die Mail zitierte ihn ständig unkorrekt. Er warf das Blatt in den Papierkorb. Wenigstens er wusste, was los war, auch wenn die Journalisten anscheinend keine Ahnung davon hatten.

Vor drei Jahren war die englische Regierung von einem ihrer wichtigsten wissenschaftlichen Berater darüber informiert worden, dass das Land mit massiven Stromausfällen innerhalb der nächsten fünf Jahre zu rechnen hatte, falls die alten kohlenbetriebenen Elektrizitätswerke vom Netz genommen werden würden. Man würde die Wind- und Solarkraftwerke nicht rechtzeitig fertigstellen können und Gas war zu teuer. Delaney schüttelte verwundert den Kopf. Die Öffentlichkeit verlangte immer wieder nach erneuerbaren Energien, aber nur, solange die Windkraftanlagen und die Solarzellenfelder nicht in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft errichtet wurden. Das machte es für Organisationen wie seine weiterhin so leicht, Kohle als den Energieträger der ersten Wahl anzupreisen. Schmutzig, okay, aber was soll’s? Kohle war immer noch billig, sie war sicher … und es gab noch jede Menge davon, ganz zu schweigen von den Exportmöglichkeiten.

Er bemerkte die Reflexion in der Bürotürscheibe, als seine Sekretärin klopfte und das Büro betrat, wobei ihre High Heels vom dicken Teppich gedämpft wurden.

»Was gibt es?«

»Ein neuer Bericht aus der Mine, er ist gerade hereingekommen.« Sie hielt einen Umschlag hoch und blieb erwartungsvoll in der Nähe der Bürotür stehen. Er nickte nur beiläufig in Richtung seines Schreibtisches.

»Legen Sie ihn da hin. Ich kümmere mich in einer Minute darum. Irgendwelche Überraschungen?«

»Ich … ich habe ihn nicht gelesen.«

»Gut«, brummte er. Er wusste, wie Sekretärinnen in Großunternehmen miteinander vernetzt waren und tratschten. Es war strikte Firmenpolitik, dass die Post und Emails von Mitgliedern der Führungsetage niemals den Verwaltungsmitarbeitern zugänglich gemacht werden sollten. Trotzdem schadete es nicht, das gelegentlich zu überprüfen und sie regelmäßig auf Zack zu halten.

»Einfach hinlegen und dann dürfen Sie wieder gehen.«

Die Sekretärin legte den Briefumschlag ab, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und verließ das Büro so schnell wie möglich, wobei sie leise die Tür hinter sich schloss.

Delaney schritt zu seinem Schreibtisch, riss den Umschlag auf und überflog die Seiten des Berichts.

Die Entwicklung der Ausrüstung ging offensichtlich gut voran. Nachdem inzwischen die Abbautechnik perfektioniert worden war und die Ertragszahlen anstiegen, schien alles in Butter zu sein. Das ganze Projekt direkt neben einer bereits existierenden Kohlemine aufzubauen, hatte gewährleistet, dass der Vorgang keinen Verdacht erregte.

Unter einem der Berichte ragte ein Notizzettel hervor. Nachdem er einen Füller aus seiner Jackentasche genommen hatte, zog Delaney den Zettel vorsichtig mit der Feder ein Stück heraus.

Er beschäftigte ein Team von Sicherheitsspezialisten, die alle Meldungen zu seiner Firma überprüften. Sie waren wesentlich sorgfältiger als normale Presseagenten und überwachten zusätzlich Konferenzen, Vorträge sowie staatliche Aktionen. Falls irgendetwas die Reputation oder den Erfolg seiner Organisation gefährden sollte, würde er darüber informiert werden.