Brief an Demetriusz - Juliane Zöllner - E-Book

Brief an Demetriusz E-Book

Juliane Zöllner

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Beschreibung

Um Leben und Arbeit geht es, wie Tätigkeiten sich in und zur Zeit verhalten, um Gegenwart besonders, um Sauberkeit und Ordnung, und ums Schreiben. Und diese Aufzählung ist zugleich auch falsch, weil Juliane Zöllners Essay eben gerade nicht ein oder mehrere Themen hat, die nun einfach durchdacht werden. Das möglicherweise halbfiktionale Ich des Textes durchstreift die Wirklichkeit von einer erzählerischen Grundlage herkommend. Ausgehend von der Arbeit als Reinigungskraft taucht das Ich immer wieder in unterschiedliche Reflexionen ein, deren loser und abstrakter Zusammenhang auf eher – ja – ahnende Weise erfahrbar wird. Was aber gerade kein Mangel ist, sondern zu einer größeren Weite im Begreifen beiträgt, den Text deshalb so reich macht. Mit einer genauen Sprache das alles, eine Sprache, in der das Ich immer spürbar ganz anwesend ist, fühlend und denkend. Ein komplexer und klarer Text zugleich. (Wolfram Lotz für die Jury des EDIT Essay-Preises 2017)

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Seitenzahl: 23

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Juliane Zöllner

Brief an Demetriusz

Lieber Demetriusz,

du würdest mich nie fragen, was für Ziele ich habe, weil du weißt, dass es mir die Luft nehmen würde. Ich kann dazu nichts sagen, außer, dass es für ein menschliches Wesen unmöglich ist, keine Ziele zu haben. Man nehme sich vor, kein Ziel zu haben: Geht nicht. Das Problem ist der Mangel; ein Ziel ist ja immer nur der Singvogel eines stummen Mangels. Zum Beispiel bin ich selbst eine einzige Demetriusz-Mangelerscheinung und ich weiß, du kannst mir nicht helfen. − Oder Zigaretten. Ich habe ja eigentlich permanent das Bedürfnis, etwas wie eine Zigarette festhalten zu müssen, sogar dann noch, wenn ich tatsächlich längst eine Zigarette in der Hand habe. Und deshalb vermute ich, dass es mir an einem Zustand mangelt, der insgesamt einfach Zigarette ist. Wenigstens glaube ich, dass es mir nicht an einem Ziel mangelt. Menschen können Ziele haben, wann immer und so viele sie möchten. Sie müssen nur die Augen schließen, sich einen Zustand vorstellen, sich fest vornehmen, den Zustand zu erreichen und die Augen wieder öffnen. Dann haben sie jedenfalls ein Ziel vor Augen. Das Problem ist, dass ich denke, dass das nichts wesentlich Anderes ist, als ein Brett vor dem Kopf zu haben.

Meine Ziele habe ich früher oft als unmöglich empfunden, was mich nichtsdestotrotz befeuert hat, sie anzustreben. Ganz zu schweigen von den pflichtgemäßen oder den sogenannten realistischen Zielen oder den vielen Gesundheits- und Sparsamkeitszielen, die ich täglich verfolgte. Jedes Kopfnicken war durchblutet von der spirituellen Hochmut meiner Ziele – meiner Zwischenziele muss man sagen, denn ich war geistesgegenwärtig genug, meine eigentlichen Ziele nicht direkt anzustreben. Das hatte nur den Nachteil, dass die Anzahl der Ziele unübersichtlich wurde, denn jede Lebenssituation bot Gelegenheiten zu weiteren Zwischenzielen. Ich wollte, wenn auch zwar keine reiche und schöne, aber doch eine bewundernswerte Frau ohne Geldsorgen sein, während ich tatsächlich immer exaltierter und nervöser wurde und sich das Ausmaß – wenn man es überhaupt hätte messen können – alles triebhaft zu Erledigenden und Erreichenden beständig multiplizierte.