Briefe an eine junge Pianistin - Gidon Kremer - E-Book

Briefe an eine junge Pianistin E-Book

Gidon Kremer

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Beschreibung

Gidon Kremer ist einer der bedeutendsten Violinisten unserer Zeit. Ein Gespräch mit einer jungen, hochtalentierten Pianistin nach einem Konzert lässt dem Maestro keine Ruhe, und er beschließt, ihr zu schreiben. Aus einem Brief werden zehn: Briefe über die Integrität der Kunst, die Verlockungen der Karriere und die Gefahr des Verrates am eigenen Talent. In drei leidenschaftlichen, persönlichen Texten - "Briefe an eine junge Pianistin", "Albtraumsymphonie" und "Dekalog eines Interpreten" - lässt uns Gidon Kremer an seiner profunden Kenntnis des Kunstbetriebes teilhaben und gibt einen einzigartigen Einblick in seine künstlerische Weltsicht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Gidon Kremer

Briefe an eine junge Pianistin

GIDON KREMER

Briefe

an eine junge

Pianistin

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

1. Auflage 2013

© 2013 by Braumüller GmbH

Servitengasse 5, A-1090 Wien

www.braumueller.at

„Briefe an eine junge Pianistin“: © 2012, L’Arche Editeur, 86 rue Bonaparte,

75006 Paris, France. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze

„Albtraumsymphonie“: Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze

„Dekalog eines Interpreten“: Aus dem Russischen von Claudia Zecher

Lektorat: Angelika Klammer

Zeichnung auf der Titelseite: Gidon Kremer

Zeichnungen auf den Seiten 7, 67 und 77: Sandro Kancheli

ISBN der Printausgabe: 978-3-99200-089-0

ISBN E-Book: 978-3-99200-090-6

INHALT

Briefe an eine junge Pianistin

Albtraumsymphonie

Dekalog eines Interpreten

BRIEFE AN EINE JUNGE PIANISTIN

Es ist nicht schön, berühmt zu sein,nicht das verleiht uns Flügel.

Boris Pasternak

BRIEF 1

Mai 2010

Liebe Aurelia!

Seit unserem letzten Konzert lässt mir der Gedanke an Sie und Ihren Weg in der Kunst keine Ruhe. Ich bin Ihnen schuldig, dass ich nicht für mich behalte, was sich als Fortsetzung unserer Gespräche in Kronberg inzwischen angesammelt hat.

Ich sehe mich Ihnen gegenüber als künstlerischen Ratgeber. Und jeder Ratgeber möchte, dass man auf ihn hört. Auch ich möchte, dass Sie auf mich hören – wie Sie es so wunderbar tun, wenn Sie beim gemeinsamen Spiel am Klavier sitzen oder wenn wir beim Tee „Lebensstrategien“ diskutieren. Mich leitet nicht der Wunsch nach mehr Zuwendung. Er reicht mir, dass Sie mich respektieren, und wenn ich das so einfach behaupte, dann deswegen, weil Sie selbst es schon mehrfach geäußert haben. Im Übrigen respektiere ich Sie ebenfalls – und das ist eine gute Basis für unser Verhältnis.

Trotz meiner Absicht, alles sagen zu wollen, was Ihnen helfen könnte, aber nicht zwangsläufig helfen muss, möchte ich keinen Druck auf Sie ausüben. Dazu ist mir viel zu klar – und ich habe das ja schon einige Male gesagt, mit Hilfe von Zitaten und ohne –, dass jeder Mensch seinen Pfad gehen, seine Fehler machen und seine Erfolge erringen muss. Alle Ratschläge, alle „Schutzkonstruktionen“ von Eltern, Lehrern, Managern, Kollegen, Freunden und geliebten Menschen rücken in den Hintergrund, sobald jemand, ob aus Leidenschaft oder „Starrsinn“, seinen Weg sucht.

Wenn allerdings jemand über einen Teppich schreitet, den andere, wie die eben genannten Personen, ihm geknüpft haben, liegen die Dinge anders. Vorurteile, Emotionen, Eitelkeit und Verführbarkeit oder auch eine Weichheit des Charakters spielen dann eine Rolle, ohne dass er selbst das merkt. In einem solchen Kräfteverhältnis bestätigt und bestärkt man sich selbst in dem Gedanken, dass der eigene Weg etwas Besonderes sei, und versteht nicht, dass er im Grunde Imitation ist oder eine Variante, die auf Imitation hinausläuft, und damit womöglich – auf ein Scheitern.

Scheitern ist natürlich ein starker Begriff, aber ich halte solch ein Scheitern durchaus für möglich – trotz äußeren Erfolgs dank heftiger Promotion, trotz der Versicherungen der Vermittler, höhere Honorare durchzusetzen, trotz zahlreicher Komplimente und Versprechungen, man werde alle denkbaren Möglichkeiten haben, um die eigenen Projekte und Ideen zu verwirklichen.

All dieses Getue, das darauf abzielt, einen großen Namen zu kreieren, bedeutet in unserem „Geschäft“, dass die Zahl der Engagements und das Interesse von Kollegen, Orchestern, Managern und Festivals zunehmen. Bei einer Begabung wie der Ihren ist es völlig natürlich, dass sie sich mit dem Wunsch verbindet, überall begehrt zu sein.

Liebe junge Kollegin! Sie haben sehr viele Möglichkeiten und Sie müssen entscheiden, welche Sie wählen. Es gibt Leute, die wie ich oder andere Freunde von Ihnen und Ihrem Spiel hingerissen sind; es gibt Leute, die sich mit Ihnen schmücken möchten, und es gibt andere, die aus Ihnen eine Ware machen wollen, die „weggeht wie warme Semmeln“. Türen von Interkontinentalflugzeugen und Decks von Kreuzfahrtschiffen öffnen sich dann von allein, die internationalen Bühnen genauso wie die oft verlogene Welt hinter den Kulissen. Dass Sie dieser Verlockung nur schwer widerstehen können, ist verständlich. Die Versuchung, durch diese Türen zu gehen, um in den begehrten Räumen den Ihnen gebührenden Platz zu suchen, ist groß – nur sind diese Räume meist kalt und ungemütlich.

Jetzt höre ich Ihre Stimme:

„Warum sollte ich den Erfolg gering schätzen, wenn ich gefragt bin, mein Talent gesucht ist und ich Lust habe, mich in und durch die Musik auszudrücken?“

So werden Sie hineingezogen und spielen Ihre Rolle in diesem internationalen Zirkus.

Gerade fährt mein Zug in München ein. Hier hatte ich vor nahezu 45 Jahren meinen Durchbruch. Damals riskierte ich als Einsteiger, einige Stücke Anton Weberns als Zugabe zu spielen … nicht unbedingt publikumswirksam. Aber ich wollte schon damals an „meinen“ Tönen, an meinen Werten festhalten. In Weberns Schaffen entdeckte ich etwas, was mich mein Leben lang begeisterte – eine Welt, in der keine „überflüssigen“ Töne vorkamen (mein Gott! Wie viele „unnötige“ Noten – aus der romantisch-virtuosen Periode, aber auch aus der Moderne – habe ich trotzdem in meinem Leben zum Klingen gebracht!). Die Konzentration der Aussage Weberns ist dermaßen überzeugend, dass man sie vielen Komponisten (unabhängig davon, zu welcher Zeit oder „Schule“ sie gehören) nur wünschen kann. Wenig Noten – wie bei Franz Schubert, Arvo Pärt oder Gija Kantscheli – können so viel sagen! Anspruchsvolle Zugaben kommen nicht immer an. Wenn der Funke überspringt, ist es umso erfreulicher.

Wagen Sie ab und zu etwas und stellen Sie eine Ihnen wichtige Komposition vor, statt das Publikum mit den „Feux follets“1 zu Begeisterungsstürmen zu verleiten! Glauben Sie mir, es lohnt sich, etwas Unerwartetes zu spielen!

Gleich ist eine Probe angesetzt, darauf muss ich mich jetzt konzentrieren.

Herzlich

Ihr G.

1 „Feux follets“ („Irrlichter“): Étude d’exécution transcendante Nr. 5 in B-Dur von Franz Liszt.

BRIEF 2

Juni 2010

Liebe Aurelia!

Lassen Sie mich den letzten Gedanken auf folgende Weise fortsetzen: Sie sind, das sieht man auf den ersten Blick, ein ganz unverdorbener Mensch. Und so können Sie auf die Tatsache, dass Sie zu einer bekannten Künstlerin werden, nur mit Begeisterung reagieren. Vielleicht noch mit einem Stoßseufzer à la „Ich war ja so aufgeregt!“. Kein Zweifel, auf der Erfolgsleiter bewegen Sie sich aufwärts. Bei unserem letzten Zusammenspiel hat sich das wieder gezeigt. Doch wenn Sie darauf per SMS mit einem „Super!“ reagieren, dann fällt mir nur ein: „Ach, wie nett!“ – und ich zitiere Sie selbst.

Alles scheint Ihnen offenzustehen, und da Sie fähig sind, schnell zu lernen, versuchen Sie, nichts zu forcieren, und lassen die Dinge auf sich zukommen. Dabei macht die Ihnen fehlende Erfahrung Ihre Laufbahn ziemlich vorhersehbar, trotz Ihrer ungewöhnlichen Intuitionskraft. Das wundert Sie bestimmt. Und Sie werden mich fragen:

„Wieso denn das?“

Lassen Sie mich versuchen, es Ihnen zu erklären. Sie wünschen sich den Erfolg wie ein fantasievolles Kind ein neues Spielzeug. Und in diesem Habenwollen sehe ich eine gewisse Gefahr – ohne Zyniker zu sein oder Snob. Ich hoffe, Sie sehen es mir nach. Mit „vorhersehbar“ verallgemeinere ich; Grund zur Beunruhigung ist mir Ihre Entscheidung, so viele Konzerte zu spielen wie angeboten und möglich, mit namhaften Partnern auf die Bühne zu gehen oder Aufnahmen zu machen und sich um einflussreiche Agenturen zu bemühen. All das bestimmt nicht nur den Weg, sondern auch, wohin er führt.

Sie stehen also, wie im Märchen, am Scheideweg. Der Wanderer hat zwischen drei Möglichkeiten zu wählen: „Gehst du nach rechts, verlierst du dein Pferd, gehst du nach links, verwirkst du deinen Kopf, gehst du geradeaus, bleibst du unversehrt.“ In diesem Moment wäre ich Ihnen zu gerne als „Starez“ dienlich, der Ihnen zuflüstert, welcher Weg einzuschlagen sei – Sie erinnern sich an Dostojewskis „Brüder Karamasow“.2 Trotz unseres beständigen Strebens nach Selbstständigkeit brauchen wir alle einen Meister oder jemanden, der uns führt.

Das Problem ist jedoch: Möchten Sie überhaupt Ratschläge entgegennehmen, oder sind die Fragen, die Sie stellen, nur Ausdruck von Rastlosigkeit? Bestimmt ist Ihnen schon aufgefallen, dass Ihr großes

Vorbild, die Tastenkönigin Martha Argerich, die wir alle lieben, oft Fragen stellt (welches Klavier nehmen? Welches Stück spielen? Wer hat wie gespielt? Wer hat sich mit wem was ausgedacht?). In Wirklichkeit hört sie selten auf Ratschläge, vertraut ihrer Intuition und folgt ihrem eigenen Willen oder … macht das genaue Gegenteil. Vielleicht erkennen Sie bestimmte Wesenszüge? Jetzt lächeln Sie und denken:

„Aber was ist daran schlecht? Es ist doch gut, wenn man eine Kraft in sich hat, die einen unabhängig macht vom Urteil der anderen?“

Auch ich bestärke Sie ja in Ihrem Willen, unabhängig zu sein. Aber was tun, wenn Sie, oder jemand anderer (selbst unsere „Königin“), bei der eigenen Wahl eine gewisse Kurzsichtigkeit demonstriert? Kurzsichtigkeit ist ein Grund, sich den Folgen zu verschließen. Stellen Sie sich vor, Sie wollen eine Straße überqueren, auf der dichter Verkehr herrscht. Obwohl Sie eigentlich wissen, dass die notwendige Brille auf dem Küchentisch liegen blieb, vertrauen Sie Ihrer Sehkraft und nehmen die Gefahr nicht wahr. Sie verlassen sich auf Ihren „Schutzengel“, der aber vielleicht gerade noch etwas anderes zu erledigen hat … Soll da ein Ihnen nahe stehender Mensch untätig zuschauen und Sie nicht an der Hand fassen, um Sie sicher auf die andere Straßenseite zu führen?

Bitte glauben Sie mir, liebe Freundin! Wie in jedem Märchen geht es nicht nur um kleine Entscheidungen. Sie sagen:

„Ich muss das ausprobieren.“

Hinter dem Kleinen wird das Große sichtbar. Hinter dem Punktuellen das Langfristige. Sie betonen ihr gutes Recht, „Fehler zu machen“. Sei dem so, jeder muss sie machen, um zu lernen. Für jemanden, der viele Fehler gemacht hat (und ich gehöre sicher dazu), ist es nicht einfach, zuzuschauen. Eine Binsenweisheit, die vielen Eltern besonders vertraut ist. Vielleicht auch den Ihren.

Leider muss ich jetzt abbrechen und mich auf meine Arbeit besinnen. Heute beschäftigen sich meine Gedanken (und Finger) wieder einmal mit der geheimnisvollen Welt von Robert Schumanns genialem Violinkonzert, das ich so gerne spiele. Ein Beispiel dafür, dass auch Freunde sich irren können. Ich muss daran denken, wie unrecht seine Frau Clara Wieck und sein bester Freund Johannes Brahms hatten, als sie das posthume Werk als schwach bezeichneten und es für hundert Jahre vor der Welt verbargen. Ein „Freundesdienst“, der keiner war! Eher eine Art Kurzsichtigkeit, vielleicht aus Gründen, die ihnen selber nicht bewusst waren. Die eigenwillige und makellos geschriebene Partitur – eine Handschrift verrät ja auch viel, nicht wahr? – überlebte glücklicherweise.

Aus der Stille eingefangene Töne, für die nur einer ein Ohr hatte, der Komponist, verwandeln sich in Punkte und Zeichen – eine Partitur. Diesen Reichtum haben die Ausführenden weiterzutragen, um die Zuhörenden zu beschenken. Ich hoffe, er hilft auch Ihnen, stärker zu sein als Umstände, Versuchungen und … meine Ratschläge. Leben Sie wohl und geben Sie nicht auf!

Ihr G.

2 „Starez“ bezeichnet den Ältesten eines orthodoxen russischen Klosters, der gleichzeitig Ratgeber und Lehrer ist. In dem Roman „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewski spielt der Starez Sosima eine wichtige Rolle.

BRIEF 3

Juli 2010

Liebe Freundin!

Wenn die außergewöhnliche Geigerin Tatjana Grindenko wieder einmal den Satz sagt: „Also, ich übersetze“, dann gefällt mir das, dann meint sie damit das, was ich jetzt versuchen will.

Naiv, charmant, manchmal sogar richtig geschäftstüchtig versuchen Sie, alles zu berechnen. Sie kalkulieren und wollen sich nicht manipulieren lassen. Sie kommen sich frei vor, befinden sich aber tatsächlich (auch das ist eine Form von Versuchung) in völliger Abhängigkeit von Ihrem Wunsch, weiterzukommen.