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Chris Bosh, elffacher All-Star, zweifacher NBA-Champion und olympischer Goldmedaillengewinner, musste seine Basketballkarriere in seiner Blütezeit beenden. Seine außergewöhnliche Karriere endete nicht zu einem von ihm gewählten Zeitpunkt, sondern in einer Arztpraxis. Er sah sich gezwungen, darüber nachzudenken, wie er einen Sinn für die Zukunft finden könnte, und blickte auf seinen Weg zurück: von einem Teenager in Dallas bis hin zur Spitze der NBA. Er erkannte, dass es bei den wichtigsten Lektionen, die er von Basketball-Legenden wie LeBron James, Kobe Bryant, Pat Riley und Coach K gelernt hatte, nicht so sehr um Basketball ging, sondern vielmehr um die richtige Einstellung, das Engagement, den Flow innerhalb eines Teams. Formuliert als eine Reihe von Briefen an Menschen, die mehr erreichen wollen – egal ob Profi oder Amateur, in der Schule, im Berufsleben oder privat –, ist Briefe an einen jungen Athleten ein inspirierender Wegweiser, um die innere Stimme zu zähmen und zu einem Verbündeten zu machen, und die Herausforderungen des Scheiterns ebenso wie die des Erfolgs zu meistern.
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2021
Chris Bosh
Briefe an einen jungen Athleten
CHRIS BOSH
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Originalausgabe
1. Auflage 2021
© 2021 by Finanzbuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die englische Originalausgabe erschien 2021 bei Penguin Press unter dem Titel Letters to a young Athlete. © 2021 by CB1 Enterprises, Inc. All rights reserved.
Dancing in the Dark by Bruce Springsteen. Copyright © 1984 Bruce Springsteen (Global Music Rights). Reprinted by permission. International copyright secured. All rights reserved.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Projektleitung: Fabian Neidl
Übersetzung: Mark Bergmann
Redaktion: Tillmann Court
Korrektorat: Silvia Kinkel
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer in Anlehnung an das Original von Lucia Bernard
Umschlagabbildung: Melvin Rodas
Satz: Achim Münster, Overath
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-95972-504-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-955-0
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-956-7
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www.finanzbuchverlag.de
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Ich möchte dieses Buch meiner wundervollen Frau Adrienne und unseren fünf tollen Kindern widmen. Ohne euch ist alles nichts, ich liebe euch von ganzem Herzen. Außerdem danke ich allen, die mir bislang auf meinem Weg geholfen haben: Trainer, Lehrer, Mitspieler, Betreuer und Fans: vielen Dank!
VORWORT
EINFÜHRUNG
BRIEF 1 | Wenn Du nur noch müde bist
BRIEF 2 | Finde Dein Warum (und es darf weder Ruhm noch Geld sein)
BRIEF 3 | Die Gabe des Hungers
BRIEF 4 | Kultiviere Deinen Geist
BRIEF 5 | Kommunikation ist entscheidend
BRIEF 6 | Wirf Dein Ego in die Tonne
BRIEF 7 | Anführer führen an
BRIEF 8 | Gib auf Dich acht
BRIEF 9 | Lass Dich nicht verrückt machen
BRIEF 10 | Was zählt, ist der Name auf der Brust Deines Trikots
BRIEF 11 | Gewinnen und Verlieren: Nicht zu hoch, nicht zu tief
BRIEF 12 | Es braucht, was es braucht
FAZIT
DANKSAGUNG
Lieber Chris,
es gibt entscheidende Momente im Leben, die für dich und die Menschen in deinem Umfeld alles verändern. Momente, in denen alte Wahrheiten auf einmal glasklar erscheinen. Ein solcher Moment könnte sich an jedem beliebigen Tag deines Lebens ereignen. Wir bleiben diesen Momenten auf ewig verbunden, denn sie weisen uns einen Weg zu neuen, noch besseren Erfahrungen.
In meinen Jahren als Spieler, Trainer und Funktionär der NBA habe ich viele freudige und schmerzhafte Momente erlebt. Bis heute sind sie mir ganz nah. In meinem Alltag passiert ständig etwas – ein Meeting, ein Anruf von einem Freund, ein bestimmtes Lied oder ein Bild an der Wand – und schon bin ich wieder mittendrin und erlebe diese Momente erneut, häufig mit mehr Klarheit und Einsicht.
Manche Momente wirken bis heute ganz unglaublich auf mich, noch immer denke ich mir dann: »Wie konnte das passieren?« Ein Paradebeispiel war dein – aus meiner Sicht – entscheidender Moment als Spieler bei den Miami Heat. Ein Jahr, nachdem du 2012 mit den Heat deine erste Meisterschaft gewonnen hattest (gegen Oklahoma City Thunder, die damals mit den Führungsspielern Russell Westbrook, James Harden und Kevin Durant einen starken Kader hatten), wollten wir den Titel verteidigen und lieferten uns im Finale mit den San Antonio Spurs einen echten Kampf. San Antonio war eine grandiose Mannschaft, trainiert vom großen Gregg Popovich und angeführt von Tim Duncan, Tony Parker und Manu Ginobili. Die Spurs führten mit drei zu zwei Spielen und waren kurz davor, uns vor heimischer Kulisse die entscheidende vierte Niederlage beizubringen und sich den Titel zu holen. Bislang hatten sie deutlich besser gespielt als wir, nun war Spiel 6 fast vorbei und es sah ziemlich düster für uns aus: Wir lagen 95:92 zurück und es waren noch 17 Sekunden zu spielen. Wir hatten den Ball und attackierten ihre Defense. Sie mussten eigentlich nur noch einen Angriff stoppen, einen Rebound holen und das Spiel wäre im Grunde vorbei gewesen. Wir hingegen brauchten Punkte, einen Zweier oder Dreier, um weiter im Spiel zu bleiben. Coach Spo hatte einen hohen Screen aus zwei Spielern aufstellen lassen, um LeBron freizublocken, der sich dadurch in perfekter Position für einen Dreipunktewurf befand, mit dem er das Spiel ausgleichen konnte. Die Uhr tickte runter, noch weniger als zehn Sekunden. LeBron verwarf und der Ball prallte in einem sehr hohen Bogen vom Ring zurück. In der NBA gilt: Triff oder du verlierst – und Zufälle gibt es nicht. Nun brauchten beide Teams einen Rebound. Wäre San Antonio an den Ball gekommen, hätten wir foulen müssen. Während der Ball noch in der Luft war, begannen unsere Fans – die inzwischen alle von ihren Sitzen aufgesprungen waren – das Hallenpersonal auszubuhen, das in Erwartung eines Sieges von SA am Rand des Spielfelds bereits Absperrband spannte. Es schien ewig zu dauern, bis der Ball wieder runterkam. Die Defense von SA hatte auf jeder Position durchgewechselt und du spieltest plötzlich gegen Tony Parker – gegen den du wegen deiner 25 Zentimeter Größenvorteil bei Rebounds die Nase vorn hattest. Du warst so ein cleverer, instinktiver Spieler. Du wusstest, dass du im Vorteil warst, du musstest nur aufpassen, ihn bei deiner spielentscheidenden Chance nicht zu hart anzugehen und ein Offensivfoul zu kassieren, weil du ihn mit deiner Größe bei seinem Block einfach umgestoßen hättest. Mit perfektem Timing bist du so hoch gesprungen wie du konntest und zum Ball gezogen, statt darauf zu warten, dass er zu dir kommt. Du hattest schon immer Hände wie Schraubzwingen. Mit kaum noch Zeit auf der Uhr hast du dir den Ball geschnappt und zielsicher an einen der gefährlichsten Dreipunkteschützen der NBA-Geschichte weitergegeben: Ray Allen. Für den war das Routine. Er hatte gewittert, dass du den Rebound bekommen würdest und lief blindlings rückwärts in Richtung Ecke. Nach vielen Jahren in der NBA war seine Court-Übersicht überragend. »Ball in der Luft, Füße in der Luft« war ein geflügelter Spruch, den ich häufig verwendete, um meinen Spielern beizubringen, wie sie einen Pass annehmen sollen, um beim anschließenden Wurf ihre Balance halten zu können. Ray fing den Ball und platzierte seine Füße perfekt hinter der Dreipunktelinie. Er hob ab, stieg hoch in die Luft, richtete seinen Körper zum Korb aus, die Augen lasergenau auf den Ring fokussiert und ließ den Ball fliegen. Als drei verzweifelte Spurs-Spieler zum Blocken bei ihm waren, hatte er seinen Wurf längst abgeschlossen. Ich stand direkt hinter Ray und hielt die Luft an: Wir hatten eine Top-Wurfposition von Le-Bron, einen rettenden Offensiv-Rebound plus einen anschließenden, punktgenauen Assist von dir – den perfekten Pass, genau in die sicheren Hände unseres besten Clutch Shooters, Ray Allen. Nach mehr hätte man in dieser dunklen Stunde nicht verlangen können. Triff oder du verlierst! Die Zuschauer waren wie gelähmt – die Augen geschlossen, die Münder weit geöffnet – und beteten zum lieben Gott für ein Wunder. Mit 5,3 Sekunden auf der Uhr ging der Ball rein, wir glichen aus auf 95:95 und die Halle brach in frenetischen, lautstarken Jubel aus. Wahnsinn! Wir spürten plötzlich, wie uns das Adrenalin in die Adern schoss. Der Umschwung, der in diesem Moment in den Köpfen der Spieler geschah, lässt sich nur schwer beschreiben. Diese Chance würde sich unsere Mannschaft nicht mehr nehmen lassen.
Am Ende der Overtime lagen wir mit einem Zähler vorn und konnten den Sack zumachen. Die Spurs hatten ihren Angriff auf Danny Green zugeschnitten, praktisch der Ray Allen der Gegenseite. Ihr Spielzug war komplex, mit jeder Menge Spielerbewegung, vielen Richtungswechseln und Screens. Sie passten den Ball zur Weak Side, also der ballfernen Seite, wo Green bereitstand, um ihn anzunehmen. Du allerdings hast den späten Switch erkannt und bist sofort auf Green zugestürmt. Als der zum Sprungwurf ansetzte, hast du ihn mit perfektem Timing und ohne zu foulen geblockt und damit unseren Sieg gerettet. Die voreilig gespannten Absperrbänder wurden wieder entfernt, in dieser Nacht würde es keine SA-Siegesfeier in Miami geben. Mit deinem Rebound, dem Pass an Ray und dem geblockten Wurf von Green hast du jedem gezeigt, was für ein vielseitiger, großartiger Spieler du bist. Du besitzt das Herz und den Willen, die kleinen Dinge zu erledigen, die am Ende Spiele gewinnen. Zwei Nächte darauf gewannen wir daheim in Miami Spiel 7 und feierten die zweite Meisterschaft in Folge. LeBron wurde – zu Recht – zum Most Valuable Player (MVP) der Finals gewählt, und alle Spieler, die in dieser Serie auf dem Court standen, hatten ihre Momente. Aber für jeden, der etwas davon versteht, wie man Spiele gewinnt und enge Kisten nochmal dreht, wirst du in die Geschichte der Miami Heat eingehen als der Spieler, der mit seinen wichtigen Spielzügen sein Team zur Meisterschaft geführt hat. Es gibt keine Zufälle. Chris Bosh für immer!
Zwei Jahre zuvor hast du noch fassungslos und niedergeschlagen auf die Punktetafel gestarrt und tief seufzend mit ansehen müssen, wie die Dallas Mavericks den Gewinn der NBA-Meisterschaft 2011 feierten. Ausgerechnet in unserer Halle, was das Ganze umso schmerzhafter machte. Mit hängendem Kopf und Schultern hast du dir langsam deinen Weg gebahnt durch die Menschenmassen auf dem Spielfeld und die Championship Alley der American Airlines Arena hinab. Damals konnte ich spüren, wie schmerzhaft es für dich war, deine Titelträume in einem Trommelfeuer aus Dirk Nowitzkis Sprungwürfen und Jason Kidds cleveren Spielzügen zerplatzen zu sehen. Dies war das schlimmste Erlebnis deiner Karriere. Du bist auf die Knie gefallen und hast bitterlich geweint. Deine Teamkollegen nahmen dich in den Arm und versuchten, dich so gut es ging zu trösten, halfen dir auf und begleiteten dich Arm in Arm in den Kabinentrakt. Wie Brüder, die denselben Schmerz fühlten wie du.
In Situationen wie den NBA Finals, in denen es nur einen strahlenden Sieger geben kann, reagieren manche Spieler stoisch, manche depressiv und andere wütend auf Niederlagen. Einige scheinen ganz nüchtern damit umzugehen, so als handele es sich um einen ganz normalen Misserfolg, andere brechen unter Tränen vollkommen zusammen. Es ist schwer zu beschreiben, welch emotionale Achterbahn ein Spieler in solchen Momenten erlebt, besonders wenn ihm wirklich etwas am Spiel liegt. Auf alle Fälle folgt auf diese Niederlage ein richtig mieser Sommer. Viele Spieler verkriechen sich erstmal und lassen sich wochenlang nicht mehr blicken. Eine solche Pleite bekommt man nicht mehr aus dem Kopf, bis im Herbst endlich die neue Saison beginnt.
Als ich euch in diesen traurigen Augenblicken so beobachtete, quälte mich der Gedanke, euch für einen Sieg nicht gut genug vorbereitet zu haben. So schlecht hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt, auch wenn ich solche niederschmetternden Momente zuvor schon viele Male erlebt hatte. Am liebsten hätte ich mich in meiner Verzweiflung unter einer Decke verkrochen und darauf gewartet, dass dieser Alptraum endlich vorbei ist. Doch hier half keine Decke, keine heiße Dusche hätte diesen Schmerz wegspülen können. So etwas kann nur die Zeit. Irgendwann kamst du zurück und zogst dich selbst an den eigenen Haaren aus diesem Loch, denn so verhalten sich echte Profis nun mal. Und du warst ein Profi, wie er im Buche steht.
Nur ein Jahr zuvor, am 9. Juli 2010, fand in derselben Halle eine riesige Feier anlässlich der Ankunft der »Big Three« in Miami statt. LeBron James, unser Dwayne Wade und du hatten sich dazu entschieden, als »Superteam« einen Vertrag bei den Miami Heat zu unterschreiben. Als ihm auf der Bühne die Liebe und Freude Tausender Heat-Fans auf den Rängen entgegenschlug, prognostizierte LeBron überschwänglich, dass dieses Team nicht eine, nicht zwei, nicht nur drei oder vier, sondern viele Meisterschaften gewinnen könne. Man konnte ihm nicht verübeln, dass er sich damals von diesem Moment mitreißen ließ. Einige Leute taten es dennoch, als wir ein Jahr später von Dallas in unserer eigenen Arena gedemütigt wurden. Der Schmerz saß tief und LeBron bekam damals von den Kritikern am meisten auf den Deckel, weil er mit seinem Spiel weder ihre noch seine Erwartungen erfüllt hatte. Die Big Three galten als erledigt, bevor sie richtig angefangen hatten.
Dallas hatte uns wirklich eine gehörige Abreibung verpasst. Das Medienecho war grausam. Es war genau das eingetreten, was fast alle hatten sehen wollen: Die Big Three hatten verloren, und zwar sang- und klanglos. Wie sollten wir also damit umgehen? Was mussten wir in der kommenden Saison anders machen? Die Auswirkungen dieser Niederlagen würden uns zu Veränderungen zwingen. Der Sport kennt zwei emotionale Zustände: Sieg und Leid. Dazwischen gibt es nichts. Diese Wunden würden heilen und du würdest maßgeblich daran beteiligt sein, die dafür nötige Wund- und Heilsalbe aufzutragen.
Du bist verdammt clever und ein äußerst vernünftiger, pragmatischer Mensch. Du verfügst darüber hinaus über einen ganz bemerkenswerten Charakterzug, eine ungewöhnliche Mischung aus Mitgefühl und mentaler Härte. Diese Kombination half uns dabei, eine echte Spitzenmannschaft zu formen.
Es begann mit großen individuellen Opfern, sowohl auf dem Spielfeld wie auch abseits desselben. Auf dem Court hast du am meisten geopfert, indem du Würfe, Punkte, Bälle – dein gesamtes Spiel – Dwayne und LeBron überlassen hast. Dwayne opferte sein eigenes Spiel, um dem besten Spieler des Teams – LeBron – mehr Chancen zu ermöglichen. Der blühte in dieser Nummer-eins-Rolle auf, und so entstand eine neue Hackordnung in der Mannschaft, ganz ohne irgendwelche Egoprobleme, die häufig mit derartigen Veränderungen einhergehen. Du, LeBron und Dwayne, ihr habt euch gemeinsam die Einstellung echter Gewinner zu eigen gemacht und den Fokus weggelenkt von der Frage »Wessen Team ist das?« und somit die Ecken, Kanten und persönlichen Befindlichkeiten ausgeblendet, die großartige Mannschaften kaputtmachen können. Wir haben uns völlig neu erfunden: Auf einmal hatten wir nicht mehr nur Superstars im Team, sondern intelligente Spieler, die Meisterschaften gewinnen wollten und nicht nur Scoringtitel. Von Beginn an war da dieser Sportsgeist: Unsere Spieler waren großartige Sportler und harmonierten auch menschlich miteinander. Doch nachdem du den Dallas-Spielern die Hände geschüttelt, Fist-Bumps und Umarmungen verteilt, den Court verlassen und dich auf den Weg in die Katakomben gemacht hattest, da wusstest du tief in deinem Herzen, dass du für eine sehr lange Zeit kein Licht am Ende des Tunnels sehen würdest. Es würde harsche Kritik hageln. Wir konnten nichts tun, als sie einfach über uns ergehen zu lassen, bis die Nadelstiche der Medien eines Tages aufhören würden, unsere Psyche zu pieksen. Dann erst konntest du dich wieder aufrappeln, die Sachlage akzeptieren und die Veränderung einleiten.
Die Big Three hatten sich freiwillig verändert, jeder seine neue Rolle akzeptiert. Wir waren auf dem aufsteigenden Ast und ahnten, dass es eine weitere Chance für uns geben würde. Wenn man sich ändern und besser werden will, dann bringt man dafür jedes Opfer. Jeder Spieler mag den Ruhm, das Geld und die Aufmerksamkeit, die der sportliche Erfolg mit sich bringt, wenn man in einem NBA-Team auf diesem Niveau spielt. Doch nicht jeder ist bereit, die dafür nötigen Opfer zu erbringen. Deine Miami Heat haben es getan und konnten das tiefe Gefühl des Schmerzes abschütteln. Opferbereitschaft und Vertrauen waren ihre Heilmittel.
Nach der verlorenen Finalserie herrschte nun Klarheit darüber, wie sich die Rollen von LeBron, Dwayne und dir entwickeln mussten, um zu vermeiden, dass sich so etwas wie 2011 wiederholte. Du warst der Spieler, der am meisten geopfert hat. Schon in Toronto warst du immer der talentierteste Spieler und hast in deinem Team jede bedeutende Statistik angeführt. Doch die Raptors konnten damals mit deinen Zielen nicht mithalten, nämlich um Meisterschaften zu spielen. Nun aber warst du ganz bewusst bereit, deine eigenen Statistiken für das Wohl des Teams zu opfern. Meiner Meinung nach wurdest du die zentrale Figur, wegen der diese Big-Three-Idee funktionierte. Durch dein Temperament, deine Intelligenz und deine Vielseitigkeit wurden wir eine echte Macht. Nicht jeder Superstar würde freiwillig die dritte oder manchmal sogar vierte Geige spielen. Du hast das bereitwillig getan, weshalb wir schließlich auch Titel gewinnen konnten. In diesem Sommer voller Gedankenspiele und schwieriger Diskussionen über die Rollen im Kader änderten sich die Dinge zum Besseren. Es gab weniger Ungewissheit über die Funktionsweise des Teams im darauffolgenden Jahr. An ihrer Niederlage gegen Dallas sind die Heat extrem gewachsen und diese neuen Heat erwiesen sich als unschlagbar. Nach einer Niederlage in Spiel 1 der Finalserie gegen OKC gewannen wir die nächsten vier Spiele in Folge und feierten damit den ersten Heimtitel der Big Three. Die Mission Meisterschaft war erfüllt. Nach fünf Spielen hatten wir es geschafft. Das Hochgefühl zu wissen, was für ein Team wir da zusammengestellt hatten, war berauschend. Wir waren von Titelkandidaten zu Champions geworden, unsere Mannschaft hatte Potenzial. Wenn wir zusammenblieben, könnten wir immer und immer wieder in den Finals stehen. Diesmal gab es keine Tränen der Trauer auf dem Weg zurück in die Kabine, sondern euphorische Schreie, Umarmungen und verspritzten Champagner, der dir vom Kopf in die Augen floss und ganz andere, viel schönere Tränen erzeugte: Tränen der Freude. Was für einen Unterschied ein Jahr ausmachen konnte.
Du warst erst 35 Jahre alt und hattest seit der Saison 2015/16 kein NBA-Spiel mehr bestritten. Am 26. März 2019 ließen die Miami Heat feierlich ein Trikot mit deinem Namen und deiner Rückennummer zum Hallendach der American Airlines Arena aufsteigen, wo du während deiner Zeit im Team so großartige Spiele abgeliefert hast. Niemals wieder wird ein Spieler wie du auf diesem Parkett spielen – du warst ein einzigartiger Mensch und Sportler. Etwas ganz Besonderes. Du warst von 2010 bis 2014 Teil einer Ausnahmemannschaft: Vier Finalteilnahmen in Folge und zwei Meisterschaften stellen bis heute die stärkste Phase in der Geschichte der Franchise dar. Eine Zeit voller großartigem Basketball, tollem Spirit und Wahnsinns-Support von Fans und Medien. Es war die reinste Freude, möglich gemacht durch einen großen Zusammenhalt. Du hättest 20 Jahre an der Spitze spielen können, wenn gesundheitliche Probleme deiner Karriere kein verfrühtes Ende bereitet hätten. Im Sommer 2014 verloren wir LeBron, der sich entschieden hatte, in seine Heimat Cleveland zurückzugehen. Wir waren geschockt und verletzt von dieser Entscheidung – um es milde auszudrücken. Denn nach vier Finals und zwei Meistertiteln hatten wir geglaubt, die Big Three stünden erst am Anfang einer monumentalen Ära. Doch trotz LeBrons Abgang hielten wir die Heat weiterhin für ein starkes Team, mit Dwayne und dir als Spielmacher, die gemeinsam noch viele erfolgreiche Jahre mit All-Star-Potenzial vor sich hatten. Wir mussten euch nur mit starken Mitspielern umgeben, mit denen wir im Titelrennen mithalten konnten. Vom Beginn der Off-Season, als LeBron uns verlassen hatte, bis zur Trading-Deadline im Februar verbissen wir uns in das Bestreben, die Mannschaft zu verstärken. Am 19. Februar 2015 (und zwar um 18 Uhr, um genau zu sein) verpflichteten wir Goran Dragić von den Phoenix Suns – im festen Glauben, er könne unser Team wieder ins Titelrennen zurückbringen. Dragić war ein aggressiver Allrounder, mental stark und ein furchtloses Talent. Er sollte neben Dwayne im Backcourt unterwegs sein. Doch nur zehn Minuten nachdem der Trade abgeschlossen war, traf uns ein massiver Donnerschlag. Unser Mannschaftsarzt rief mich an und erklärte mir, dass du den Rest der Saison wegen einer Reihe von Blutgerinnseln ausfallen würdest. Ich war fassungslos und extrem besorgt, um dich und deine Gesundheit. Wir hatten ein unersetzbares Talent verloren, dessen Bilanz unerreichbar war und mussten auf einen großartigen Führungsspieler verzichten, doch all diese Dinge spielten keine Rolle. Unsere einzige Sorge war, dass du wieder vollkommen gesund wirst. Dies war ein niederschmetternder Schlag für dich und die Mannschaft. Zu Beginn nahmen wir noch an, die Blutgerinnsel ließen sich zeitnah behandeln, sodass du in der kommenden Saison wieder auf dem Parkett stehen könntest. Doch während du an der Seitenlinie sitzen musstest, brach unser Team völlig zusammen. Bis Anfang April waren wir noch Playoff-Anwärter, legten dann aber ein schwaches Ende der Regular Season hin und verpassten zum ersten Mal seit 2008 die Playoffs. Dein Ausfall war der Hauptgrund dafür. Es fehlte einfach an Talent und Führungsstärke.
In diesem Moment nicht zu wissen, wie deine Zukunft aussehen würde, war wahrhaft einer der Tiefpunkte in meinen 53 Jahren in der NBA. Es gab zahlreiche medizinische Diagnosen zu deiner Verfassung, die von erschreckend bis hin zu entsetzlich reichten. In unserer Branche müssen laufend Basketball-Entscheidungen getroffen werden, doch es gibt einen Punkt, an dem Basketball nur noch eine nachgeordnete Rolle einnimmt und die Gesundheit des Spielers im Vordergrund steht. In den folgenden Jahren konntest du nicht mehr spielen, sondern hast gemeinsam mit der Liga unermüdlich versucht, Therapien und Heilmittel zu finden, die dir eine Rückkehr aufs Spielfeld ermöglichen könnten. Es gab Zeiten, in denen du ein persönliches Match gegen deinen Körper zu führen hattest. Ich fühlte mit dir, Adrienne und deiner ganzen Familie. Dir mitteilen zu müssen, dass deine Karriere aufgrund gesundheitlicher Probleme vorüber ist, war für mich nicht zu fassen. Doch selbst in Zeiten größter Widrigkeiten gibt es stets auch Lichtblicke. Ich glaube, für dich waren dies deine Familie und Freunde sowie die Erkenntnis, dass es noch so viele andere Dinge gab, die du mit deinem Leben anstellen konntest.
An diesem Märztag, als wir deine Rückennummer 1 zum Hallendach der AAA hinaufzogen, war ich ergriffen davon, wie viele Menschen dir und deiner Familie Liebe und Respekt bezeugten und wie du, nach einem derart unglaublichen Rückschlag, in der Lage warst zu sagen: »Es ist in Ordnung, ich habe damit abgeschlossen.« Deine Familie, deine Freunde, ich und jeder aus der großen Heat-Gemeinschaft hatten Tränen in den Augen, als du uns das gabst, was wir alle hören wollten: »Ich habe es geliebt, ein Heat zu sein«, sagtest du uns. »Ich liebte die Saisons als Meister. Ich liebte euch Fans.« Du warst an diesem Abend ein Leuchtturm, voller Kraft und Dankbarkeit für all die schönen Dinge, die dir in deinem Leben widerfahren waren. Am Ende deiner ergreifenden Rede, als dein Trikot bereits unter dem Hallendach schwebte, nahmst du das Mikrofon aus dem Ständer, gingst zum vorderen Rand der Bühne, ganz nahe zu den Fans und brülltest so laut du konntest, als hättest du mit einem großartigen Play nochmal ein Spiel gedreht. Voller Enthusiasmus, mit deiner kräftigen Stimme und deiner markanten Hulk-Pose, fordertest du jeden auf den Rängen auf, ein letztes Mal mit dir zusammen zu feiern: COME ON, LET’S GO! ... COME ON, LET’S GO! ... COME ON, LET’S GO! Und das taten wir. Das war dein Mic-Drop-Moment. Chris, für immer und ewig wirst du ein »Heat Lifer« sein.
In Liebe, Pat
Vermutlich das Letzte, was du hören möchtest, ist eine weitere Stimme, die dir in den Ohren liegt. Kann ich verstehen.
Dein Leben ist aktuell ziemlich turbulent. Egal ob du ein Jahrhunderttalent bist, das gerade den Schritt ins Profigeschäft wagt, oder ein ganz normaler Jugendlicher, der nach Schulschluss in einer Amateurliga spielt, ob du Basketball oder Lacrosse magst, Kugelstoßen oder Football – oder ob du versuchst, einen guten Schulabschluss zu machen, um anschließend einen tollen Job zu bekommen – viele Leuten wollen was von dir.
Trainer.
Dein aktueller Schwarm.
Mitspieler.
Lehrer.
Eltern.
Freunde.
Die Zuschauer.
Hinzu kommen vielleicht Scouts, Journalisten, Hater und viele andere mehr. Und dann ist da noch die strengste Stimme von allen: die in deinem eigenen Kopf. Nichts kann furchteinflößender sein als diese Stimme. Nichts kann dich so täuschen, beschämen, hochjubeln, fehlleiten oder runtermachen wie der ständige Monolog, der zwischen deinen Ohren stattfindet.
Doch wo immer sie auch herkommen, diese Stimmen haben eines gemeinsam: Jede von ihnen glaubt, sie wüsste es besser. Sie alle wollen dir etwas sagen, wollen ein paar Minuten deiner Zeit stehlen, um in deinen Kopf zu gelangen. Vielleicht fordern sie das auch direkt ein: Setz dich auf den Hosenboden, Junge, und hör mir gut zu!
Und nun komme ich, eine weitere Stimme, die dir in den Ohren liegt. Warum sollte ich anders sein?
Weil ich es tatsächlich besser weiß und nicht nur glaube, es wäre so. Denn ich habe all das selbst erlebt.
Und was bedeutet »all das«? All die Stationen des Lebens, die du vielleicht gerade selbst durchmachst – Schule, Uni, Rookie – und jene, die du noch erreichen willst. Ich war dieser Junge, der in seiner Einfahrt Buzzer Beater geübt hat, die entscheidenden Punktwürfe in den letzten Spielsekunden, und später war ich auch der Kerl, der sie vor ausverkaufter Hütte tatsächlich erzielt hat. Und beides ist noch gar nicht so lange her.
Ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, dieses Spiel lieben zu lernen. Einen anderen Jungen mit einem Crossover alt aussehen zu lassen oder einen weiten Wurf zu versenken und dabei zu merken, dass ich vielleicht anders bin als der Rest. Dass ich vielleicht eine besondere Gabe besitze. Ich erinnere mich daran, wie ich dieses Talent in den Augen meiner Trainer und Mitspieler ablesen konnte und plötzlich verstand, dass Basketball meine Zukunft sein würde. Ich erinnere mich an meinen Drang, es aus meiner Heimatstadt hinauszuschaffen und es zu packen. Ich erinnere mich, von denselben Leuten mit Weisheiten bombardiert worden zu sein, die auch dich mit Weisheiten bombardieren – zu Hausaufgaben, Plänen für die Zukunft, Sportsgeist, was es heißt, ein Führungsspieler zu sein, nicht mit den falschen Leuten rumzuhängen, immer sein Bestes zu geben, wie man sich anziehen und welche Musik man hören sollte, kurzum: zu all den Dingen, mit denen junge Sportler schon immer belästig wurden.
Ich habe früh angefangen, Baseball und Basketball zu spielen, weil ich schon immer sehr groß war. Ab der vierten Klasse war Basketball praktisch mein Lebensinhalt. Ich wurde Highschool-Spieler des Jahres in Texas und ein All-American – gehörte also zur Auswahl der besten Spieler des Landes – und erhielt schließlich Anfragen mehrerer Universitäten.
Ich habe alles erlebt. Dinge, die du vermutlich auch noch erleben möchtest, selbst wenn sie dir im Moment noch so unwahrscheinlich wie eine ferne Fantasie erscheinen mögen. Ich habe gehört, wie Tausende Menschen gleichzeitig meinen Namen riefen. Ich wurde in fremden Ländern auf der Straße von Fans belagert. Ich trat aus den Katakomben aufs Spielfeld zu Spiel 7 der NBA-Finals. Ich habe solche siebten Spiele schon gewonnen, stand im Konfettiregen, der vom Hallendach fiel und habe lange genug gespielt, um zu sehen, wie mein eigenes Trikot dort raufgezogen wurde, wo es bis in alle Ewigkeit hängen wird.
Ich habe den Ärger gemieden, in den viele Sportler geraten, habe viel gelernt über das Spiel und über das Leben. Auch Kummer und Schmerzen sind mir nicht fremd. Ich schaffte es zu den Profis. Mein ganzes Leben lang hatte ich dafür gearbeitet, es bis an die Spitze dieses Sports zu bringen … nur um plötzlich alles wieder zu verlieren, weil mich mein Körper – der mich an die Spitze gebracht hatte – im Stich ließ. 2016 wurde bei mir überraschend ein Blutgerinnsel entdeckt, das dafür sorgte, dass ich nie wieder meine Sneaker schnüren und NBA-Basketball spielen sollte.
Ich befand mich nun in einer Liga mit Bo Jackson, der von einer Hüftverletzung ausgebremst wurde. Mit Dajuan Wagner, der seine Karriere wegen Morbus Crohn beenden musste. Mit Jay Williams, der noch vor seinem Rookie-Jahr in der NBA bei einem Motorradunfall schwerste Verletzungen erlitt. Ich war der Leidensgenosse einer Million anderer Sportler, von denen du noch nie etwas gehört hast, weil ihre Karrieren zu Ende waren, bevor sie richtig begonnen hatten. Ich war einer dieser Sportler, deren Karrieren nicht im Champagnerbad endeten, mit einer Titelfeier oder wenigstens unter Tränen auf dem Spielfeld. Meine endete stattdessen an einem stinknormalen Nachmittag in einer Arztpraxis. Meine aktive Zeit als Spieler ging ruhmlos zu Ende, mit einem bitteren Cocktail aus langsam eintröpfelnden Testergebnissen, mit einer Armada von Ärzten und Anwälten, die per E-Mail über Klauseln in meinem Vertrag diskutierten.
Während ich dies schreibe, wünscht sich ein Teil von mir, immer noch im Geschäft zu sein, auf der Jagd nach Meisterschaftsringen. Doch mein Vater pflegte zu sagen: »Wenn Gott eine Tür schließt, dann öffnet er irgendwo ein Fenster.« Unsere Konversation hier ist solch ein Fenster für mich. Ein Fenster, von dem aus ich mein geliebtes Spiel neu entdecken kann, nur aus einer anderen Perspektive. Dies ist meine Möglichkeit, diesem Spiel, das mir so viel gegeben hat, etwas zurückzugeben.
Glaub mir, ich weiß, dass du im Moment vermutlich keine Lust hast, noch einem weiteren Menschen zuzuhören. Aber wenn in deinem Kopf noch Platz für eine weitere Stimme ist – für meine Stimme –, dann glaube ich, dass ich dir dabei behilflich sein kann, dein Ziel zu erreichen.
Ich hatte viele Trainer in meinem Leben und das Glück, für einige der besten gespielt zu haben: Erik Spoelstra, Coach K, Pat Riley, Mike D’Antoni. Ich hatte Trainer, die mich beiseite nahmen und mir genau das ins Ohr flüsterten, was ich in entscheidenden Momenten in einem Spiel und in meinem Leben hören musste. Ich hatte auch einige lausige Trainer. Solche, die keine Motivationstechniken kannten, außer sich aufzuregen und noch lauter herumzubrüllen. Ich wurde in meinem Leben von vielen Leuten angebrüllt. Neulich habe ich versucht, das mal auszurechnen: Die Zuschauerzahl eines NBA-Spiels beträgt im Schnitt 18 000 und ich habe in meiner NBA-Karriere 982 Spiele bestritten. Zählt man alle Zuschauer zusammen, kommt man auf 17 Millionen Fans, die mich live vor Ort angebrüllt haben – die Millionen, die mich durch ihren Fernseher angeschrien haben, nicht mitgezählt.
Was ich damit sagen will: Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man angebrüllt wird. Deshalb werde ich das mit dir nicht tun.
Dafür steht hier zu viel auf dem Spiel.
Du stehst gerade an einem Scheideweg in deinem Leben. Vor dir liegen zwei unterschiedliche Pfade, und du musst dich für einen entscheiden. Ich möchte dir dabei helfen, den richtigen zu wählen. Den, mit dem du das meiste aus dir machst, dein Potenzial bestmöglich ausschöpfst und dieses Spiel beherrschst – welches auch immer das für dich ist. Egal ob du noch Stunden nach dem Training in der Sporthalle bleibst, um an deinem Wurf zu arbeiten oder wie besessen für eine Prüfung büffelst, ich kann dir helfen, das Beste rauszuholen.
Was mir rückblickend wirklich Sorgen bereitet, sind die Gedanken an jene Momente, in denen ich ganz leicht auf einen falschen Rat hätte hören können. Mit 15, 16 oder 17 und selbst mit 27 noch hätte ich mir durch eine falsche Entscheidung die gesamte Karriere für immer verbaut. Hätte ich dem Teufelchen auf meiner Schulter nur einmal seinen Willen gelassen, wären mein Leben und meine Karriere wahrscheinlich anders verlaufen. Meine ganze Zukunft – die Jahre als Profi, die olympische Goldmedaille, die beiden Meisterschaftsringe – wäre mit einem Mal ausgelöscht worden. Und schlimmer noch: Wie so vielen talentierten Kids da draußen wäre mir vermutlich gar nicht bewusst gewesen, was ich dadurch alles verpasst hätte. Hätte ich meine Kinder bekommen? Hätte ich meine Kreativität entdeckt? Wäre ich heute überhaupt hier, wäre ich noch am Leben? In dieser Hinsicht habe ich Glück gehabt. Und ich möchte, dass auch du dieses Glück haben wirst.
Einer der Glücksfälle in meinem Leben war eine Unterhaltung, an die ich mich heute noch erinnere, als hätte sie gestern stattgefunden. Ich befand mich in der Schule, genauer gesagt in der Sporthalle – wo ich eigentlich immer war, denn ich liebte es dort – und mein Coach Thomas Hill stellte mir eine dieser Fragen, die die meisten jungen Menschen nie so recht kapieren, aber alle einmal hören sollten.
Er erklärte mir gerade eine Übung. Vielleicht eine Low-Post-Übung, mit der ich die Beinarbeit für den Hakenwurf erlernen sollte, einen der simpelsten und doch effektivsten Würfe mit dem Rücken zum Korb. Es heißt, man spiele immer so, wie man trainiert – und damit ein Low-Post-Move wie der Hakenwurf funktioniert, musst du dich wirklich reinhängen, deine Position muss stimmen, du musst die Beinarbeit korrekt beherrschen und deinen Arm maximal ausstrecken, um hoffentlich einfache zwei Punkte einzustreichen. Oder vielleicht haben wir Einwürfe geübt und Coach Hill stand direkt vor mir und versuchte, mich mit Druck aus der Ruhe zu bringen. Was es auch war, ich musste eine ziemlich gute Figur gemacht haben, denn auf einmal brach er alles ab, blickte mir in die Augen und fragte: »Was willst du hiermit mal anfangen?«
Was ich hiermit mal anfangen will? Alter, ich dachte, ich fange längst was damit an. Siehst du nicht, wie ich spiele?
Ich zögerte und druckste ein wenig herum, weil ich dachte, er meinte diese bestimmte Übung oder vielleicht meine Ziele im Basketball. Ich erklärte ihm, dass ich hoffte, vielleicht eine Staatsmeisterschaft zu gewinnen oder ein College-Stipendium zu bekommen, weil ich dachte, dass es das ist, was jeder Trainer hören möchte. Doch er meinte etwas viel Bedeutenderes, etwas, das weit über den Sport hinausging. »Nein«, sagte er, »das meine ich nicht.« Er wollte, dass ich begann, in einem größeren Rahmen zu denken. Was wollte ich mit meinem Leben anfangen? Wer wollte ich sein? Wie konnte Basketball mir dabei helfen? Was könnte ich mit meinem Talent erreichen? Wie weit könnte ich es bringen, wenn ich meinen Zielen alles andere unterordnen würde?
Egal mit wie viel Talent du gesegnet bist, du musst dir auf jeden Fall dieselbe Frage stellen: Was willst du damit anfangen? Wo willst du mal hin und wie kannst du das, was dir geschenkt wurde, einsetzen, um dort anzukommen?
Diese Unterhaltung veränderte mein Leben und ich schreibe dieses Buch zu einem großen Teil deshalb, weil ich dir ebendiese Frage stellen möchte. Wie du sie auch beantwortest, beantworte sie aufrichtig – und ich werde dir einige aufrichtige Ratschläge geben, wie ich glaube, dass du dort ankommst, wo du hinwillst. Dies soll mehr sein als eine weitere Stimme, die dir in den Ohren liegt. Ich möchte, dass dies eine der Stimmen ist, die eine Bedeutung für dich haben. Dieses Buch soll für dich wie die Unterhaltungen sein, die mir halfen, mein Talent zu nutzen und es mir ermöglichten, mit dem vorzeitigen Ende meiner Karriere meinen Frieden zu schließen. Ich möchte, dass dieses Buch sich anfühlt wie die Unterhaltungen zwischen Trainern und jungen Spielern in Kabinen und Sporthallen, in Bussen auf Auswärtsfahrten und auf der Bank im vierten Viertel. Der große Coach John Wooden sagte einst: »Was für ein Mensch du bist, ist viel wichtiger, als was für ein Basketballspieler du bist.« Ich hatte das Glück, von unzähligen Coaches, Mentoren und Mitspielern umgeben gewesen zu sein, die nach diesem Leitsatz lebten.
Dieses Buch trägt nicht umsonst den Namen Briefe an einen jungen Athleten, denn ich verfasse es als eine Art Brief an dich. Ich habe es nach dem Vorbild zweier meiner Lieblingsbücher gestaltet, Briefe an einen jungen Dichter von Rainer Maria Rilke und To a Young Jazz Musician von Wynton Marsalis. Beide Bücher mögen nicht wie die typische Lektüre für einen Basketballspieler klingen, doch ich liebe es einfach zu lernen – von jedem, der mir etwas beibringen kann. Ich hoffe, etwas von der Liebe und ein wenig des zeitlosen Wissens mit dir teilen zu können, das ich in meinen Jahren erworben habe. Eines der Dinge, die Rilke mich gelehrt hat, war, dass zum Weisesein auch gehört, akzeptieren zu können, im Moment nicht alle Antworten zu haben – und das ist in Ordnung. Es ist in Ordnung, viele Fragen zu haben. Man sollte versuchen, »die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind«, rät er in Briefe an einen jungen Dichter. »Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.«
Du musst jetzt noch nicht wissen, was du mit deinem dir gegebenen Talent anfangen möchtest, wo du später mal landen oder woraus du die Kraft ziehen wirst, die du auf deinem Weg brauchst. Lebe einfach, bewahre dir deine Liebe für das Spiel und du wirst dich in die Antworten hineinleben können.
Es gibt für dein Leben keine Straßenkarte, die dich an dein Ziel bringt. Doch Rilkes Rat, den ich mir zu Herzen zu nehmen versucht habe, lautet, dass du alles gelebt haben musst. Für mich als Sportler bedeutet dies, dass dein Spiel – welches auch immer es ist – mehr als bloßes Mittel zum Zweck sein muss. Natürlich übst du Spielzüge im Training, weil du Spiele gewinnen willst, und du willst Spiele gewinnen, um all die schönen Dinge zu genießen, die damit einhergehen: Pokale, Stolz, Geld, was auch immer. Doch wenn du niemals innehältst, um zu leben, was du tust – wenn du dir nicht den Raum lässt, Freude am Spiel zu erleben, dann wirst du etwas verpassen – und zwar das Wichtigste überhaupt.
Und weißt du, was das wirklich Besondere ist? Du musst kein Profi sein, um solche Momente zu erleben. Es gibt unzählige Profis, die ganz mechanisch und freudlos spielen, während irgendwo in einer lokalen Jugendmannschaft ein Junge seine Körbe wirft, der uns allen, was die Freude am Spiel angeht, noch etwas beibringen könnte. Welches Spiel wir auch spielen, mit welchem Talent wir gesegnet sind, wo unser Talent uns hinführen mag, in einer Sache sind wir alle gleich: Wir alle besitzen die Fähigkeit, innezuhalten und Freude zu empfinden bei dem, was wir tun. Dies ist es, was mich durch viele harte Zeiten gebracht hat, wie du in den folgenden Briefen sehen wirst. Ich hoffe, du wirst eines Tages dasselbe sagen können, wenn du auf deine aktive Zeit zurückblickst.
Du bist also erschöpft, ja?
Willkommen im Club.
Manchmal kommt es einem so vor, als sei das vorherrschende Gefühl eines Athleten nicht der Triumph des Sieges, die Leidenschaft für den Sport oder der erstaunliche Flow-Zustand, in dem einem alles gelingt, sondern Erschöpfung. Du bist einfach nur platt. Ständig. Völlig im Eimer.
Erschöpft vom Training. Erschöpft von den Spielen. Erschöpft von der Videoanalyse. Erschöpft von Schule oder Arbeit. Du hast genug zu tun und es steht Dir bis hier.
Vielleicht bist Du schon erschöpft und hast nicht mal das verdammte zweite Viertel geschafft – vom Spiel, von Deiner Karriere, von Deinem Leben. Die Erschöpfung schert sich nicht darum, wie viel Zeit noch auf der Uhr ist. Sobald sie erst mal in Gang gekommen ist und Fahrt aufgenommen hat, wird sie schneller bei Dir sein als Marshawn Lynch durch das AGap. Weil aber immer noch Zeit auf der Uhr ist, musst Du – irgendwie, von irgendwoher – dieses zusätzliche Fünkchen Entschlossenheit nehmen, diese letzte Energiereserve finden, um dem Angriff standzuhalten und es irgendwie bis zum Ende zu schaffen.
Wie oft hat Dich ein Trainer schon aufgefordert, »110 Prozent« auf dem Court, dem Spielfeld oder im Kraftraum zu geben? Nun, 110 Prozent sind eine mathematische Unmöglichkeit. Und genauso unmöglich scheint es manchmal, diese Extrapower zu finden. Und dennoch schaffst Du es, irgendwie.
