Briefe vom Everest - George Lowe - E-Book

Briefe vom Everest E-Book

George Lowe

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Beschreibung

29. Mai 1953: Edmund Hillary und Tenzing Norgay bezwingen den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest. Ihren erfolgreichen Gipfelsturm verdanken sie nicht zuletzt der aufopferungsvollen Vorarbeit ihrer Expeditionskameraden – darunter George Lowe. Täglich schrieb der neuseeländische Bergsteiger-Pionier für seine Freunde und Verwandten Briefe über die Vorbereitungen der Himalaya-Expedition und den dramatischen Verlauf der historischen Besteigung. Seine Berichte katapultieren den Leser zurück in diese Zeit und nehmen ihn Schritt für Schritt mit hinauf auf den majestätischen Achttausender. Lebendig, ehrlich und packend – ein einzigartiges Dokument des Bergsports und der unglaubliche Insiderbericht der wohl ruhmreichsten Leistung in der Geschichte des Bergsteigens.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2016

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George Lowe

Briefe vom Everest

Tagebuch der Erstbesteigung 1953

Herausgegeben von Huw Lewis-Jones

Vorwort von Jan Morris

Nachwort von Peter Hillary

Aus dem Englischen von Ursula Bischoff

Mit 32 Abbildungen

Herbig

Das Original erschien 2013 unter dem Titel »Letters from Everest« bei Silverbear – ein Imprint von Polarworld Ltd., www.polarworld.co.uk

Alle Abbildungen aus dem Archiv von George Lowe außer Bild im Kapitel »Geschichte(n) vom Mount Everest«: © shutterstock

www.herbig-verlag.de

© 2013 George Lowe

© für die deutsche Ausgabe und das eBook:

2013 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München,

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel

Umschlagmotiv: Archiv George Lowe

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-7766-8173-4

Der Stein altert.

Die Ewigkeit ist nicht der Steine Los.

Doch werde ich hinabsteigen aus dieser luftigen Höhe,

dem beflügelten weißen Frieden, dem glühenden

Hochgefühl.

Auf dass sich die Zeit um mich schließen, meine Seele

in den Kreis des täglichen Gleichmaßes eingehen möge.

Gleichwohl, darum wissend, wird mich das Leben nicht

mehr so stürmisch bedrängen,

Und ich werde immerzu spüren, wie sich die Zeit

rings um mich verschleißt.

Denn einst blickte ich ins Antlitz der weißen,

windumtosten Ewigkeit.

Eunice Tietjens, 1917

Alle Menschen träumen: jedoch nicht alle gleich. Diejenigen, deren Träume des Nachts in den staubigen Schlupfwinkeln des Geistes entstehen, erwachen und stellen im Laufe des Tages fest, dass sie nichtig waren; doch die Tagträumer sind gefährlich, denn sie könnten geneigt sein, ihren Traum offenen Auges auszuleben, um ihn zu verwirklichen.

Thomas Edward Lawrence, 1922

VORWORT

Die Briefe vom Everest sind nicht nur ein erinnerungswürdiges Zeitdokument, sondern kommen von Herzen, in doppelter Hinsicht. Sie wurden von einem 29-jährigen Neuseeländer mit »Herzblut« an seine Lieben in der fernen Heimat geschrieben. Und sie wurden während eines Zeitraums verfasst, der das Herzstück eines spannenden, weltbekannten Abenteuers ausmachte.

Diese beiden Herzen waren in gewisser Weise füreinander geschaffen. George Lowe war ein Bergsteiger von klassischem Format, geradlinig, unermüdlich, selbstlos, wie geschaffen für Unterfangen, die Ausdauer angesichts weiter Wege und scheinbar unüberwindlicher Hindernisse erfordern. Das Abenteuer war die britische Mount-Everest-Expedition von 1953, der es als erster gelang, den höchsten Berg der Welt zu bezwingen, und ihre Vorgehensweise war gleichermaßen von Beharrlichkeit, Achtung und Einfühlsamkeit geprägt, wie es der Tradition entsprach.

In den 60 Jahren, die seither vergangen sind, wurden unzählige Bücher und Artikel über diese Expedition geschrieben, doch niemand beschreibt die Gefühle, die mit dieser Erfahrung verbunden waren, eingehender als George Lowe in seinen stets lebendigen und oft berührenden Briefen vom Everest. Sie wurden vor Ort verfasst, inmitten des Geschehens, und an seine Schwester Betty in Neuseeland geschickt, welche die Aufgabe hatte, sie an die restlichen Familienmitglieder weiterzuleiten. Lowe schildert banale und bedeutungsschwere, erheiternde und verstörende, leichtlebige und schicksalhafte Situationen, berichtet unverblümt und mit erfrischender Klarheit von Experimenten zur künstlichen Sauerstoffzufuhr, von Dosenerbsen, Freundschaften und verhängnisvollen Gletscherspalten. Dadurch stutzt er atemberaubende Erfahrungen auf ein Maß zurecht, das gewöhnliche Sterbliche nachvollziehen können.

***

Die Welt ist mit Namen wie Edmund Hillary und Tenzing Norgay vertraut, die den Gipfel erreichten, oder mit dem von John Hunt, der die Expedition leitete. George Lowe hielt sich stets im Hintergrund, doch er war von zentraler Bedeutung für den Verlauf und Erfolg des Vorhabens. Er spielte in jeder Phase der Expedition eine entscheidende Rolle, harrte lange in extremer Höhe aus, bereit, bei jeder Aufgabe Hand anzulegen, sich in jede Notsituation einzubringen und Probleme während der anspruchsvollsten Etappen der Route in Angriff zu nehmen.

Hillary, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, erklärte später, wäre Lowe Teil des Gipfelteams gewesen, hätte er das Ziel mit Sicherheit erreicht, und jeder, der die Briefe vom Everest liest, wird ihm beipflichten. Ihre Aussagekraft wird weder durch ein Gefühl der Enttäuschung noch Ironie beeinträchtigt. George genoss das Abenteuer Everest in vollen Zügen, und was er seiner Schwester Betty darüber berichtete, klingt rundum aufrichtig, zufrieden und authentisch.

Seine Einstellung spiegelt den Geist dieser Expedition wider, die heute noch genauso bewundernswert ist wie 1953. Einige kleinliche Unstimmigkeiten trübten eine Zeit lang den Ruf, den sie genoss – Wer war als Erster auf dem Gipfel? Warum wurde Tenzing nicht genau wie Hillary geadelt? –, doch das wagemutige Unternehmen hat Tausende Männer und Frauen bewogen, den Everest zu besteigen. In meinen Augen zeichneten John Hunts Expedition gleichwohl ein zutiefst achtungsvoller Umgang mit der Natur und ein beinahe achtloser Umgang mit dem Triumph aus. Beides trug dazu bei, sie bis zum heutigen Tag in respektvoller Erinnerung zu bewahren.

Auch die Geschichte hat ihren Teil dazu beigetragen. In der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts näherte sich die britische Nation dem Ende ihres Status als legendäre Weltmacht – sie dankte ab, obwohl das Volk dies nicht immer bemerkte nach den spektakulären Siegen, unfassbaren Tragödien und herausragenden Errungenschaften. Zufälligerweise trat in jenem Jahr 1953 die junge englische Königin die Thronfolge an, und Visionäre hofften, dass dieses Ereignis eine Art Wiedergeburt einleiten möge, den Beginn eines neuen Elisabethanischen Zeitalters.

Am 2. Juni 1953 fanden die Krönungsfeierlichkeiten in Westminster statt, und an diesem Morgen traf in London die Nachricht ein, dass der Everest bezwungen war. Nicht nur die ganze Nation, sondern Menschen in allen Teilen der Welt jubelten über die schicksalhafte Fügung. Für das britische Imperium erwies sie sich jedoch nicht als der erhoffte Neubeginn, sondern als Abgesang. Doch der Erfolg der Everest-Besteigung überdauerte den Niedergang. Diese Briefe legen nicht nur Zeugnis vom Charakter eines historischen Ereignisses, sondern auch von dem Charakter eines Mannes ab, der seinen Platz in der Geschichte redlich verdient.

EINFÜHRUNG

Die Erstbesteigung des Everest im Sommer 1953 zählt zu den spektakulärsten Siegen des 20. Jahrhunderts, das als Zeitalter der Entdeckungen gilt. Vielleicht mehr noch als ihr praktischer Nutzen hatte ihr Symbolgehalt als menschliche Errungenschaft zur Folge, dass sich die Zeitzeugen immer gerne und oft mit Stolz an die Erfolgsnachricht erinnern, die um die Welt ging.

Für die nachfolgenden Generationen und für alle, die heute mehr über diese Expedition erfahren möchten, mag sie einer längst vergangenen Epoche angehören. Sie zeugt von Heldentum und Wagemut aller großen Entdecker der Geschichte, doch ist sie in einer kostbaren Zeit verwurzelt, in der die Menschheit noch nicht danach strebte, sich im Gewirr von Raketen und blinkenden Radarschirmen in den Weltraum zu katapultieren. Aus dieser Perspektive scheint sie ein Höchstmaß an menschlichem Einfallsreichtum, Unternehmergeist, Mut und harter Arbeit zu verkörpern. Diese Eigenschaften führten zu jenem erhabenen Moment, als ein Mensch erstmals seinen Fuß auf den höchsten Punkt der Erde setzte.

Als einer der beiden Neuseeländer, die an der Everest-Expedition teilnahmen, war George Lowes Beitrag von essenzieller Bedeutung für das ehrgeizige Unternehmen. Er war im wahrsten Sinne des Wortes einer der »Wegbereiter« der Mannschaft – er erschloss die Aufstiegsroute zur Lhotse-Flanke des Everest ohne künstlichen Sauerstoff und legte später für seine Teamkameraden die Stufen an, die zum Gipfelgrat führten. »Seine Leistung«, so schrieb der Expeditionsleiter John Hunt, »wird in die Annalen des Alpinismus eingehen als ein monumentaler Erfolg, errungen durch Zähigkeit und Geschick.«

George war einfach nur glücklich, Teil einer Bergsteigermannschaft zu sein, die ein unglaubliches Ziel vor Augen hatte; er tat, woran sein Herz hing. Lowe war von jeher ein bescheidener Mensch, der sein Leben lang nie das Rampenlicht suchte. Von seinem Freund und Kletterpartner Ed Hillary wurde er zum »Trauzeugen« erwählt, als dieser nach dem Erfolg auf dem Everest heiratete. Fast 90-jährig verstarb Lowe im März 2013. Seinen Verdiensten gebührt mehr Anerkennung.

Ein Historiker bekommt nur selten die Gelegenheit, den eigenen Helden persönlich zu begegnen, geschweige denn hat er die Ehre, mit ihnen arbeiten zu dürfen. Obwohl Georges Gesundheitszustand bereits stark angegriffen war, lud er mich zu sich ein.

Während der gemeinsamen Arbeit an seinen Everest-Erinnerungen und dem Sammeln von Informationsmaterial über sein ebenso facettenreiches wie abenteuerliches Leben stieß ich in seinem Haus auf ein kleines Bündel Briefe, das fein säuberlich in der untersten Schublade eines Eichenschreibtisches lag. Kurze Zeit später tauchte, in einem großen Stapel vergilbter Tageszeitungen verborgen, ein zweites kleines Bündel verstaubter Briefumschläge auf, deren deutlich erkennbare rotblaue Umrandungen ins Auge fielen. Beim gemächlichen Sortieren alter Dias entdeckte ich noch eine Handvoll Briefe. Georges Frau Mary war darüber hoch erfreut und holte nach längerem Stöbern einen Aktenordner ganz oben aus einem Regal. Darin befanden sich weitere Briefe, einschließlich der vielen, die George sammelte, als sich der Rummel um die Everest-Bezwinger gelegt hatte und er nach Neuseeland zurückkehrte. Im Lauf der Zeit hatten offensichtlich noch andere Mitglieder seiner Familie beschlossen, ihre Erinnerungen zu teilen, und nach und nach war diese Sammlung seiner persönlichen Korrespondenz entstanden.

Obwohl vermutlich noch weitere Schriftstücke auftauchen werden, liegt nun ein vollständiger Bericht über George Lowes Zeit auf dem Everest vor. Das Buch enthält eine erstmalige Zusammenfassung seiner unveröffentlichten Briefe, die uns einen Einblick in den Alltag der historischen Expedition bieten.

Sie legen ein beredtes Zeugnis von sehr persönlichen Hoffnungen und weltweit bekannten Leistungen ab.

Diese Briefe beschreiben in allen Einzelheiten die Erfahrungen, die George Lowe mit seinen Familienangehörigen zu teilen und eines Tages vielleicht zu veröffentlichen gedachte, bevor ihn sein ereignisreiches Leben kreuz und quer über den Globus führte und die Briefe in der Versenkung verschwanden. Die Zeit verging, und sie gerieten in Vergessenheit. Nun soll ihnen die gebührende Aufmerksamkeit zuteilwerden.

Während seiner Reisen schrieb George so oft wie möglich an seine Familie. Diese hielt wiederum Freunde auf dem Laufenden, die so oft noch vor den lokalen Tageszeitungen einen umfassenden Bericht von seinen Klettertouren erhielten. Die Briefe waren indes mehr als Neuigkeiten von vorderster Front – sie waren ein Vermächtnis, geschrieben für den Fall, dass George und sein Freund Ed nicht zurückkehren sollten, um ihre Geschichte persönlich zu erzählen.

***

George Lowe wurde 1924 als siebtes Kind von Archibald und Teenie Lowe in Hastings geboren, einer Kleinstadt auf der Nordinsel Neuseelands. Sein Vater bewirtschaftete eine Obstplantage, die wegen ihrer hervorragenden Nektarinen und Birnen, rund 27 verschiedenen Apfelsorten und der großen Schar lebhafter Lowe-Sprösslinge bekannt war. Die älteste Tochter Betty, zehn Jahre älter als George, half zeitlebens bei der Versorgung der Familie mit, in der sich alle sehr nahe standen. Nach George kam noch ein Bruder zur Welt, sodass sich die Anzahl der Lowe-Kinder auf acht erhöhte.

Die meisten Briefe, die George vom Everest schrieb, waren an seine schwer geprüfte Schwester Betty gerichtet, die sich dann der Mammutaufgabe gegenübersah, sie von Hand für den Rest der Familie zu kopieren.

Die regelmäßige Korrespondenz mit einem wachsenden Kreis von Bewunderern war für den unbekümmerten George offenbar eine grauenvolle Aussicht. Kurz nach der Abreise aus Australien tüftelte er auf hoher See eine Lösung des Problems aus, sich bei den Absendern der zahlreichen Briefe zu bedanken, die ihm Glück für die Expedition wünschten. »Ich hätte da eine Idee, die jedoch Arbeit für dich bedeutet«, schrieb er Betty im Frühjahr 1953. »Aber es wäre eine gute Sache.« Er erläuterte seinen Plan. Er würde bei jeder Gelegenheit, die sich bot, seine Gedanken zu Papier bringen und ihr den Brief zusenden, der dann vervielfältigt und an Freunde, Brüder und Schwestern weitergeleitet werden konnte.

Betty fiel die Aufgabe zu, jeden Brief zweimal von Hand abzuschreiben, für den Fall, dass ein Original verloren ging, und weitere Kopien von einer Frau vor Ort auf der Schreibmaschine anfertigen zu lassen. Auszüge daraus konnten dann, mit großem Stolz, in Georges Wanderverein vorgelesen werden. Außerdem hatte Betty eine Liste mit den Namen der Personen (die auf 20 Adressen anwuchs), die Kopien auf dem Postweg erhalten sollten. Zu ihnen gehörten auch Georges langjährige Bergsteigerfreunde und ein paar langjährige Freundinnen; den Rest durfte sie nach Belieben verschicken, solange das Porto nicht »zu arg« war.

»Das erspart mir zahlreiche Wiederholungen, sodass ich Dir längere und ausführlichere Nachrichten zukommen lassen kann«, erklärte er entschuldigend, bevor er hinzufügte: »Aber achte bitte darauf, dass die Kopien nicht in die Hände der Presse gelangen.«

Während des langen Fußmarsches ab Kathmandu verfasste er detaillierte Berichte, teils in der Morgensonne während der Rast an einem Fluss, teils im Schein einer Sturm- oder Taschenlampe bis spät in die Nacht hinein, weil er vor Aufregung keinen Schlaf fand. Während des Aufstiegs gestaltete sich das Schreiben schwieriger, aber er hielt an seiner Aufgabe fest. Am 8. Mai schrieb er aus dem Lager III: »Ich musste gerade das Tintenfass über dem Primuskocher auftauen, damit ich meinen Füllfederhalter nachfüllen kann – ich hatte es in meinem Stiefel verstaut, weil ich dachte, auf diese Weise würde es der Kälte entgehen; die Temperaturen sinken hier nachts auf minus 34 Grad Celsius.«

Als ihm beim Besteigen der Lhotse-Flanke auf halber Höhe die Tinte ausging, setzte er über Funk die unteren Lager davon in Kenntnis, woraufhin ihm einer seiner Klettergefährten seinen heiß begehrten Biro-Kugelschreiber (im Austausch gegen einige zusätzliche Dosen Tomatensaft) lieh. Der Biro schrieb am besten, wenn er sanft im Schlafsack angewärmt wurde, und angesichts der harten Lebensbedingungen, die während des Aufstiegs herrschten, bot er einen unverhofften Luxus.

Die Ereignisse entwickelten sich dabei so rasant, dass es George oft schwerfiel, einen ruhigen Moment zum Schreiben zu finden, aber er machte das Versäumte wett, indem er kurze, dynamische Berichte verfasste, sobald er eine oder zwei Stunden erübrigen konnte. Am Abend, in der Sicherheit und Geborgenheit seines Zeltes, schrieb er so lange, bis er zu müde war, um den Stift zu halten, und den wohlverdienten Schlaf fand. Nach der Rückkehr ins Basislager und wieder im Besitz seines Tintenvorrats schilderte er das Erlebte dann in allen Einzelheiten.

Zum Glück. Denn diese einzigartigen Briefe vom Everest bieten uns heute die Möglichkeit, die Zeit zurückzudrehen und ihn und seine Gefährten auf jedem Schritt ihres Weges zu begleiten. Die Berichte zeugen vom Geschehen hinter den Kulissen einer Besteigung, die in die Geschichte eingehen sollte. In ihrer klaren, flüssigen Prosa bekunden sie eine menschliche Leistung der Superlative.

***

George Lowe und Ed Hillary an der Malte-Brun-Hütte 1951 unweit des Tasmanischen Gletschers. Sie wurden gute Freunde beim Bergsteigen in Neuseeland, bevor George und Hillary an der Everest-Expedition teilnahmen.

George wurde bisweilen als der »vergessene Mann« des Everest bezeichnet, eine Art namenloser Held. Manche behaupten, seine Leistungen wurden übersehen, weil sich alle Blicke auf den Gipfelsieg konzentrierten oder auf die Katastrophen und Kontroversen, die sich in neuerer Zeit um den Berg ranken. Vielleicht liegt es auch daran, dass er ein Teamspieler war, der seiner Rolle jedoch mit Bravour gerecht wurde. Er war ein Meister seines Metiers, vor allem in Eis und Schnee, und eine zentrale Gestalt, die den Erfolg der beiden Finalisten – Ed Hillary und der Sherpa Tenzing, die an besagtem Tag im Mai den Gipfel bestiegen – erst ermöglichte.

Lowe lernte Hillary kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in den neuseeländischen Südalpen kennen, und sie wurden Freunde. Damals ahnten sie noch nichts von ihrem gemeinsamen Weg, der sie zu den extremsten Höhen und geografischen Breiten der Erde führen sollte. Ed Hillary schrieb später, der Anstoß, der sie beide zum Himalaya brachte, sei von George ausgegangen. 1951 schlossen sich die Freunde der ersten neuseeländischen Expedition an, die den Garhwal in Indien erkundete, und gehörten zu der Gruppe, die den 7242 m hohen Mukut Parbat[1] bestieg.

In den nachfolgenden Jahren wurde George dank Ed Hillary von Eric Shipton eingeladen, an der britischen Expedition teilzunehmen, die den Cho Oyu (8188 m) bestieg, den Respekt einflößenden Nachbarn des Everest und sechsthöchsten Berg der Welt. Sie fanden eine gangbare Route auf der Nordwestseite des Cho Oyu, doch da die Versorgungskette abzureißen drohte, gelangten Ed und George nur bis auf eine Höhe von ca. 6800 m, bevor sie von den gefährlichen Eisklippen zur Umkehr gezwungen wurden.

Shipton schlug den beiden vor, als erste den Zugang zur Ostseite des Cho Oyu zu erkunden, Nup La genannt. Die beiden jungen Bergsteiger stimmten ohne Zögern zu.

Im Juni 1952 überquerten sie die Grenze im Himalaya, von Nepal auf die riesigen Gletscher Tibets hinunter, um heimlich – ohne offizielle Genehmigung – die Nordseite des Everest zu erkunden. Sie brauchten sechs Tage, um gerade einmal sechs Kilometer zurückzulegen. Es war nach Georges Einschätzung die anspruchsvollste und beeindruckendste Bergtour, die sie jemals unternommen hatten. Auf dem Rongbuk-Gletscher schrieb Ed: »Der Everest zeichnete sich stolz und hoch aufragend vor dem windumtosten Himmel ab. Der Gletscher glich einem glänzenden Pfad aus Eis, der sich zum Fuß des Berges hinaufwand.«

Es gelang den beiden, mehr als die Hälfte der Zugänge rund um die Kämme an der Nordflanke des Everest zu erkunden und unentdeckt nach Nepal zurückzukehren; jedoch mussten sie ihren Streifzug noch eine Weile geheim halten.

Binnen weniger Tage brachen George und Ed zu ihrem nächsten Abenteuer mit Shipton und Charles Evans auf, nur mit der Kleidung, die sie gerade am Leib trugen, plus Schlafsack, Luftmatratze, Daunenjacke und ein paar Aufnahmen, die sich noch in ihren Kameras befanden. Laut George war die Ausrüstung spärlicher als das, was er für ein Wanderwochenende in Neuseeland mitgenommen hätte. Ihr Ziel war der Barun-Gletscher, ein unerforschter Eisstrom zwischen Everest und Makalu (8485 m) und fünfthöchster Gletscher der Welt. Der Makalu war noch unbestiegen, und mit dem höchsten Punkt des Barun, der einen Ausblick auf Tibet bot, würde sich der Kreis rund um den Everest über die höchsten Pässe schließen.

Nachdem sie viele bisher unberührte Täler erforscht hatten, traten sie schließlich den Rückzug an, wateten knietief durch Neuschnee, fielen bis zu den Schultern in verdeckte Gletscherspalten und wurden generell auf eine harte Probe gestellt. Da der Monsun bevorstand, brachen sie das Unternehmen ab und stiegen bis auf Grashöhe ab. Sie kamen nur etappenweise voran, weil »wir versuchten, dem Barun-Gletscher und -Fluss bis zu der Stelle zu folgen, an der er in den Arun-Fluss mündet. Wir bewältigten die beinahe 20 Meilen durch Schluchten in Hülle und Fülle und einen Respekt einflößenden Dschungel«, erinnert sich George. Doch solche Grenzerfahrungen waren für Shipton die reinste Wonne, der fand, dass »die Erforschung bis zum Ende ein Vergnügen allererster Güte« gewesen sei.

Im darauffolgenden Jahr war George bekanntlich Mitglied der erfolgreichen Everest-Expedition: Er übernahm die Führung bei der Erschließung der Route zur Lhotse-Flanke in Richtung South Col.[2] Gemeinsam mit Alf Gregory und dem Sherpa Ang Nima unterstützte er Ed Hillary und Tenzing bei der Errichtung des letzten Hochlagers knapp 300 m unterhalb des Gipfels.

Weitere Expeditionen folgten: 1954 eine Erkundungstour des Makalu, abermals mit Ed Hillary, obwohl der Berg selbst nicht bestiegen wurde. Nachdem sie den britischen Geologen und Polarforscher Sir Vivian Ernest Fuchs kennengelernt hatten, wurden sie eingeladen, sich der britischen Commonwealth Trans-Antarctic Expedition anzuschließen. George, vielseitig wie immer, erhielt die Aufgabe, die erste Durchquerung der Antarktis über den Südpol zu filmen. Seine Standbilder und sein Filmmaterial legen ein nachhaltiges Zeugnis von seinen Fähigkeiten und seinem Mut als Forscher mit einer breit gefächerten Palette von Talenten ab. »Er war ein famoser Kerl. Sanftmütig, brillant, bescheiden. Einfach erstklassig«, beschrieb ihn Ed Hillary. Ein beachtliches Lob von einem Bergsteiger, der selbst höchste Anerkennung genoss.

George hielt in einem seiner Briefe fest, dass er der Erste war, der Ed und Tenzing an jenem erinnerungswürdigen Tag im Mai 1953 beim Abstieg vom Gipfel des Everest in Empfang nahm. Er hatte ihre Fortschritte hoch droben auf dem Südsattel verfolgt und war ihnen beim Abstieg ein Stück entgegengegangen. Er hatte eine Thermoskanne mit heißer Tomatensuppe mitgebracht. Ed löste seine Sauerstoffmaske, begrüßte ihn mit einem freudestrahlenden, wenngleich erschöpften Lächeln und setzte sich dann auf das Eis, um sich einen Moment auszuruhen. Dann sah er seinen Freund an und verkündete beiläufig die frohe Botschaft: »Well, George, we knocked the bastard off!« (Wir haben den Bastard erledigt!)

***

Der Mount Everest, der höchste Berg der Welt, übt eine beispiellose Anziehungskraft aus. Mit seinen Südzugängen überragt er die Khumbu-Region von Nepal, weit im Nordosten von Kathmandu. Im Jahre 1856 als »Peak XV« trigonometrisch vermessen, wurde er später nach Sir George Everest benannt, einem ehemaligen Surveyor of India[3], obwohl der Berg natürlich schon seit Jahrhunderten bekannt war. Von den Nepalesen Sagarmatha und von den Tibetern Chomolungma genannt – Muttergöttin der Erde und Juwel des Himalaya –, erstreckt sich die Gebirgskette über eine Länge von ca. 2400 km von Kaschmir bis Assam. Einer allgemeinen Übereinkunft zufolge weist der Hauptgipfel eine Höhe von 8848 m auf, die mit jedem Jahr zunimmt – einige Wissenschaftler sprechen von etwa 5 mm –, da sich der Himalaya auf der indischen Kontinentalplatte befindet, die sich im Norden in die eurasische Platte hineinschiebt und den Himalaya dabei auffaltet.

1849 erstmals von einem Nicht-Einheimischen gesichtet, erfolgte der erste Besteigungsversuch des Everest mehr als 70 Jahre später. Die erfolgreiche Expedition von 1953 war der neunte Versuch, wenn man von drei gescheiterten Solotouren und einem abgebrochenen, ungenehmigten russischen Unterfangen absieht. Bis Ende 2011 hatten nach vorsichtiger Schätzung rund 3450 einzelne Bergsteiger 5640-mal den Gipfel erreicht. Anfang 1953 war das noch niemandem gelungen.

Obwohl wir nun zu Recht den 60. Jahrestag der Erstbesteigung durch Hillary und Tenzing am 29. Mai 1953 feiern, nimmt das Jahr 2013 in der Geschichte des Everest eine besondere Stellung ein. Vor 50 Jahren gelang einer amerikanischen Expedition der langwierige erste Aufstieg zum Westgrat und die erste Traverse des Berges; vor 25 Jahren wurde die Route zum Südpfeiler an der Kangshu-Ostwand erschlossen, und vor 35 Jahren erfolgte der erste Aufstieg ohne zusätzlichen Sauerstoff.

Bergsteiger aus aller Welt blicken auch heute noch mit Ehrfurcht auf den Gipfel des Everest. Wenn man sich ihm mit Respekt nähert, stellt dieser Gigant unter den Achttausendern selbst für die fähigsten Kletterer eine Herausforderung dar, denn er bleibt unauslotbar, oftmals tödlich und feindlich gesinnt. Obwohl inzwischen 223 Menschen beim Gipfelsturm den Tod fanden sowie der Berg zunehmend kommerzialisiert wurde, scheint die Everest-Manie nicht abzuklingen.

Doch das Geheimnis des Möglichen ist verschwunden. Auch wenn die besten Alpinisten ihren Blick längst auf neue technische Herausforderungen in anderen weit entfernten Gefilden gerichtet haben, weigert sich der Everest, von der Bühne abzutreten. Warum sollte er auch? Wie kein Zweiter steht er im Rampenlicht und zieht Bergsteiger an. Er unterscheidet sich eindeutig von allen anderen Achttausendern, er stellt eine Herausforderung für menschliche Neugierde und Wagemut dar und einen Hauch kontrollierbarer Verrücktheit, der jedes wahre Abenteuer kennzeichnet. Nur Frauen und Männer, die aus einem bestimmten Holz geschnitzt sind, verspüren den Drang, ihn zu besteigen. Die Frage lautet heute nicht, kann der Everest bestiegen werden, sondern: Schaffe ich das auch?

Im Alter und zweifellos genervt vom Rummel und den immer gleichen Fragen anlässlich eines Jahrestages der Erstbesteigung, erklärte Ed Hillary bei einem Interview ungehalten: »Heute auf dem Everest zu sein ist Bockmist.« Die Frustration, die darin anklingt, ist verzeihlich. Seine Helden, und meine, haben dem Berg schon lange den Rücken gekehrt.

1953 war die Besteigung des Everest eine schlagzeilenträchtige Neuigkeit. Ohne Satelliten, Internet und andere moderne Kommunikationsinstrumente blieb die Expedition in dieser Hinsicht weitgehend sich selbst überlassen. Wie aus Georges Briefen hervorgeht, herrschte jedoch ein erbitterter Konkurrenzkampf unter den Tageszeitungen, ein fieberhafter Wettlauf um die neuesten Nachrichten. Die »Times«, als größter Sponsor darauf bedacht, ihre Rechte an den Depeschen der Expedition zu schützen, schickte sogar einen eigenen Sonderkorrespondenten auf den Berg, der für die Einhaltung der Regeln sorgen und die Aktualität der Berichterstattung gewährleisten sollte.

Falls erforderlich, machten Neuigkeiten auch damals schnell die Runde. Am 30. Mai, als die erschöpften Bergsteiger das vorgeschobene Basislager erreichten und die Nachricht vom Gipfelerfolg mitbrachten, begann der Journalist James Morris umgehend mit dem Abstieg durch den Eisbruch. Am nächsten Morgen, dem 31. Mai, händigte er in aller Frühe einem wartenden Läufer eine kurze Depesche aus, der sie in das nächste, rund 35 km entfernte Dorf brachte, in dem man eine kleine Funkstation als Außenposten eingerichtet hatte. Der indische Vizekonsul schickte die verschlüsselte Nachricht an den britischen Botschafter in Kathmandu, der wiederum einen vertraulichen, chiffrierten Bericht nach England weiterleitete, sodass die Nachricht mehr als 7000 km zurücklegte und infolge der Zeitverschiebung fünf Stunden zurück im Außenministerium in London landete. Das Außenministerium informierte die »Times« in der Fleet Street, wo die Meldung am 1. Juni ungefähr zur Teestunde einging. Die Königin wurde am Vorabend der Krönungsfeierlichkeiten davon in Kenntnis gesetzt, und am folgenden Tag stand die Neuigkeit in allen Zeitungen.