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Es ist das Jahr 1975. Britta will unbedingt Abitur machen. Doch die Mutter ist dagegen, der Vater flieht vor der häuslichen Enge nach Gran Canaria. Britta verbringt viel Zeit mit den Freunden Lissi, Hacke und Datschkapp im Jugendzentrum, dann steht «versetzungsgefährdet» im Zwischenzeugnis. Für die Lehrerin ist höhere Bildung beim «bildungsfernen» Familiennachwuchs ein politisches Hirngespinst. Für sie und Brittas Mutter ist klar: das Experiment Gymnasium ist gescheitert. Britta will kämpfen und beschließt, den Vater für die Unterschrift zu suchen. Beim Rucksack packen findet sie ein Foto. Es zeigt zwei Verliebte, ihren Vater und eine unbekannte Frau. Was ist da los in ihrer Familie? Warum ist Mutter nicht unterschriftsberechtigt? Warum war Vater ein Jahr vor ihrer Geburt verliebt in eine fremde Frau? Britta will es wissen.
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Seitenzahl: 339
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Buchbeschreibung
In «Brittas Sommer der Wahrheit» lotet die Hauptfigur im Jahr 1975 ihr Erwachsenwerden aus. Zwischen ihren Freunden im Jugendzentrum, dem Besuch des Gymnasiums und Gran Canaria, wo ihr Vater ein neues Leben beginnt, sucht sie ihren Weg. Dabei lüftet sie ein gut gehütetes Familiengeheimnis. Erst als sie die Wahrheit über ihre Herkunft erfährt, fühlt sie sich eins mit sich selbst und frei.
Über die Autorin
Helga Dorn-Hoffmann, geboren 1957 in Schorndorf, studierte Germanistik, Hispanistik und Psychologie. Sie arbeitete als Portalmanagerin von Websites in einem Energieunternehmen, hat ihr Arbeitsleben beendet und lebt mit ihrer Familie in Hockenheim.
2022 veröffentlichte sie als BoD Mama, die Strumpfhose kratzt, das von Erlebnissen ihrer Kindheit in Schorndorf erzählt. Brittas Sommer der Wahrheitist ihr erster Roman.
Für meine Freundinnen Christl und Heide, mit denen ich 1976 in Barcelona und auf Gran Canaria unterwegs war.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Britta knallte die Haustür zu. Sie brauchte dringend Bewegung und atmete tief die eisig-frische Luft ein. Drinnen im Haus verpestete ihre Mutter mit ihrer bloßen Anwesenheit jeden Winkel. Undenkbar, mit ihr in der Küche zu sein und für die Schule zu lernen.
Ein schneidender Wind wirbelte in der Abenddämmerung die Locken um ihr Gesicht. Sie schob die Mütze tiefer in die Stirn und folgte Wuschel, der Richtung Wiese zog. An der Kastanienallee, die Friedhof und Stadt miteinander verband, nahm sie die Leine ab, hob einen Stock auf und schleuderte ihn über die Wiese. Schneereste leuchteten im letzten Licht des Tages. Wuschel legte einen Spurt hin, stoppte abrupt, überschlug sich fast, nahm das Stöckchen, fegte zurück und legte es ihr vor die Füße. Dabei wedelte er wild mit dem Schwanz und hüpfte hin und her.
«Braves Kerlchen!» Sie streichelte sein feuchtes Fell. Mit ihm in der Kälte zu spielen, beruhigte ihre Nerven. Sie brauchte dringend mehr Freiraum zu Hause. Ihr Zimmer unter dem Dach war nicht zu heizen. Es musste eine andere Lösung geben.
Am Ende der Baumreihe steuerte sie stadteinwärts zum Jugendzentrum. Gegenüber der katholischen Kirche überquerte sie den alten Schulhof, stapfte die drei Steintreppen hinauf und drückte gegen die schwere Holztür. Im Flur nahmen ihr der süßliche Geruch nach Dope und Zigarettenqualm den Atem. Stimmen und Musik drangen durch die leicht geöffnete Tür des ehemaligen Klassenzimmers zu ihr durch. Ihre Brille beschlug und für einen Moment stand sie blind im Raum.
«Hey Britta, altes Haus!» Das war Hackes Stimme. Sie machte Wuschel los, der sofort losstürmte, und warf Umhängetasche und Mütze auf eine Matratze an der Seite. Mit dem großen Bundeswehrtaschentuch, das sie immer in der Tasche hatte, putzte sie ihre Brille.
Die Bude war voll. Leute lümmelten sich auf den Matratzen, die an der Wand entlang aufgestapelt waren. Britta ging quer durch den Raum, umschiffte umgedrehte Weinkisten. Kerzen, die in bauchigen Weinflaschen steckten, warfen ihr Licht über zerfledderte Comics. Auf dem Boden standen Lambruscoflaschen. Sie setzte sich in die Lücke zwischen Hacke und Datschkapp.
«Wie du?», grüßte sie Datschkapp mit einem leichten Schlag auf seinen Arm.
«Hi», brummte er. Wuschel lag neben ihm zusammengerollt auf der Matratze. Sein Fell schimmerte wie Anthrazitkohle im Lichtkegel einer Glühbirne, die von der Decke hing.
«Hallo Hacke, alles klar?»
«Fast.» Hackes Standardantwort. Er verbreitete wie immer eine Wolke von Patschuli. Eines Tages würde sie deshalb über ihn herfallen.
Britta stupste ihn mit dem Ellenbogen an. «Hab einen neuen Spruch», flüsterte sie ihm ins Ohr.
«Lass hören». Er lächelte, zog zwei Blättchen aus dem Zigarettenpierpäckchen und klebte sie zusammen.
«Ich war in einer Meditationsstunde im katholischen Jugendheim, weil ich sehen wollte, wie das ist, und am Ende durften wir aus einer Dose einen Spruch ziehen.» Sie faltete das kleine Papier auseinander, das aussah wie die Geheimbotschaften, die in der Grundschule durch die Klasse gewandert waren.
«Wie war das? Meditieren.»
«Bisschen komisch. Man glotzt in eine Kerze und soll an nichts denken. Aber ich dachte immer an etwas. Hör zu:
Manchmal
Solltest du dich einfach
Umdrehen und gehen.
Einfach gehen.
Lass Menschen alleine,
die dich nicht schätzen,
die dich verletzten.»
Eine steile Falte legte sich zwischen Hackes Brauen, während er die Fläche der Zigarettenblättchen ständig vergrößerte. Dabei fiel sein blondes Haar nach vorne, das er mit einer kräftigen Kopfbewegung wieder nach hinten warf.
«Das klingt weise, aber ist viel schwerer umzusetzen, als es im ersten Moment klingt. Findest du nicht?» Er bröselte Tabak in die Mitte, wärmte mit dem Feuerzeug das Dope an und krümelte es über den Tabak. «Vor allem, wenn man von ihnen abhängig ist», fügte er hinzu.
«Das meinst du nicht im Ernst, oder?»
«Willst du ausziehen?», fragte er, während sie ihm das zusammengefaltete Papier in die Brusttasche seines Hemdes steckte.
«Sobald als möglich, am besten in eine WG.»
«Tolle Idee. Vielleicht komme ich mit.»
«Ich dachte, du hättest keinen Stress daheim.»
«Hab ich auch nicht. Was hältst du von einem Proberaum im Keller?»
«Hier im Schulhaus?»
«Ich habe mich da unten umgeschaut. Da gibt es eine Art Werkraum. Der ist trocken und hat Strom.» Er rollte und verklebte den Joint sorgfältig. «Im Frühjahr suche ich mir jemand, der Gitarre und Bass spielt, vielleicht noch einen Keyboarder und dann gehts los. Du bist mit deinem Saxofon natürlich auch dabei.»
«Mich brauchst du nicht einplanen, ich hab keine Zeit für Musik. Sonst kann ich mein Abi gleich knicken.»
«Für ein bisschen Proben wirst du doch Zeit haben. Überlegs dir. Bis zum Frühjahr sind noch ein paar Monaten hin.»
Britta fröstelte. «Ganz schön frisch hier», sagte sie und beobachte Hacke von der Seite. Keine Reaktion. Er hatte wohl keine Lust mehr auf das Gespräch.
Sie schaute sich um. Im Herbst hatte die Gemeinde den Raum im alten Schulhaus den Jugendlichen in Eigenverantwortung überlassen. Einige knutschende Paare verteilten sich unter den Fenstern zur Straße hin. Auf der Seite gegenüber zockten drei Jungs Skat. «Achtzehn», «ja», «zwanzig», «ja», «2», «weg», riefen sie.
Corporal Meyer, ein ausgedienter Fremdenlegionär auf Durchreise, lag in der Ecke und schlief. Er tingelte mit seinem klapprigen Fahrrad durch die Gegend und tauchte von Zeit zu Zeit in der Stadt auf. Manchmal erzählte er abenteuerliche Geschichten. In diesen kalten Tagen übernachtete er hier, was von der Stadtverwaltung niemand erfahren durfte.
Obwohl sie sich kaum kannten, hatten sie gemeinsam in dem geschützten Innenhof in der warmen Oktobersonne gesessen und ihr neues Jugendzentrum gefeiert. Hacke hatte seine Bongos mitgebracht, ein anderer klampfte «If you are going to San Franciso, be shure to wear some flowers in your hair» und zwei Mädchen spielten mit ihren Kazoos die Melodie. Joints und Lambruscoflaschen kreisten. Kein Erwachsener quatschte ihnen hier rein.
Die Kälte zog ihr die Hosenbeine hoch. Der Ofen! Es musste Holz nachgelegt werden. Sie stand auf, zog ihren Mantel über und ging zum Ofen, der seitlich von der Tafel stand. Ein langes Ofenrohr führte zum Kamin unter der Decke. Sie zog die Wollhandschuhe über, die jemand neben der Bananenkiste deponiert hatte, nachdem sie sich letztes Mal die Finger am Griff des verrosteten Kanonenofens verbrannt hatte. Sie hob das letzte Scheit hoch, öffnete vorsichtig das Türchen und drückte es in die mickrige Öffnung. Es blieb stecken. Ist das so schwer, das Holz in die richtige Größe zu hacken? Sie ruckelte das Scheit hin und her, und das silberne Ofenrohr wackelte beängstigend. Endlich fiel das Holzscheit in die Glut. Mit Schwung schloss sie die Tür und schmiss die Handschuhe auf den Boden.
Sie drehte sich um und hielt die Hände hinter ihrem Rücken in die abstrahlende Hitze. Dieser Ofen war viel zu klein für das große Klassenzimmer. Doch außer ihr schien niemand die Kälte zu bemerken. Sie trat mit den Füßen auf der Stelle und bewegte die Zehen, um ihre Füße zu wärmen.
Ihr Blick fiel auf die Lichterketten an den Wänden. Als erste gemeinsame Aktion hatten sie den Raum aufgepeppt. Die kleinen orange- und lilafarbenen Plastiklampions schafften ein bisschen Partyatmosphäre. Britta hatte Poster aus alten Bravo-Heften mitgebracht und mit Tesa an die Wand geklebt. Jetzt lächelten die Bee Gees, Alice Cooper, Joan Baez und die Rolling Stones von der Wand. Es hatte nervende Diskussionen gegeben, ob die Bee Gees zur progressiven Musik gehörten oder ob sie zu verachten wären. Denn in einem waren sie sich einig: Disco- Geplärre und Schnulzen hatten im Jugendzentrum nichts verloren. Aber kahle Wände waren keine Alternative, und so blieben die Bee Gees hängen.
Einer musste Holzhacken gehen, sonst würde es bald richtig kalt, aber keiner fühlte sich zuständig. Sollte das Selbstverwaltung sein? Am Ende musste man doch alles selbst erledigen. Britta war das von zu Hause gewohnt, wie die anderen Mädchen auch, denn meistens waren sie es, die für Ordnung sorgten und von denen das auch erwartet wurde. Sie hasste das.
Ihre Zehen fühlten sich an wie abgefroren. Sie warf den Schal ein zweites Mal um den Hals, stopfte die Jeans in ihre Boots und vergrub die Hände in den Manteltaschen. Hinter ihr verglühte das letzte Stück Holz.
In einen Schuppen im Hof hatten die Mitarbeiter vom Bauhof große Holzstücke hineingeworfen, einen Hackklotz aufgestellt und ein Beil hineingerammt. Das war die Basisausstattung. Jetzt mussten sie sehen, wie sie damit über den Winter kamen.
Der Kassettenrekorder, der in der Ecke unterhalb der Steckdose lag, leierte Child in Time, eines ihrer Lieblingslieder. Der Klangmatsch aus Gitarre und Orgel, der da aus dem Kasten kam, schmerzte in ihren Ohren.
«Hey Hacke, die Musik ist eine Katastrophe, hast du kein besseres Band?», rief sie.
«Ich kann grad nicht», brummte Hacke.
«Ich schmeiß den Kasten vor die Tür.»
«Mann, mach nicht so einen Aufstand.» Das war Datschkapps Stimme.
Das Keyboard von Deep Purple klang wie ein verstimmter Leierkasten. Nicht auszuhalten! Sie machte einen Satz zur Tür, zog den Stecker und ging zurück zum Ofen. Ruhe!
«Wir können ja Weihnachtslieder singen.» Hacke klang genervt. Er stemmte sich aus den Matratzen in die Höhe und lief auf Britta zu. Die blonden Locken tanzten auf seiner Schulter, der Parka wehte zu den Seiten und zeigte seinen schwarzen Rollkragenpullover.
«Prinzessin, pass auf, dass dein Flokati nicht anbrennt.»
Seine Hand streifte ihren Arm. Unwillkürlich schaute Britta nach hinten, um den Abstand zum Ofen zu kontrollieren. «Das ist afghanisches Fell, Mann.»
Wenigstens hatte er sich aufgerafft. Auf dem Parkett neben dem Kassettenrekorder lag seine bunt gewebte Umhängetasche. Er wühlte darin und zog ein Verlängerungskabel heraus, schloss es an und trug die Musik zwei Meter in Richtung Wärme. Der Klang war unverändert.
«Die Kassetten klingen scheiße, ich weiß. Vielleicht wird der Ton so besser. Zu nah am Ofen ist aber auch nix.»
«Kannst du mal Holzhacken?», fragte sie Hacke, der sich wieder auf dem Wegzu den Matratzen machte.
«Hey, ich bin doch nicht dein Diener, den du scheuchen kannst.»
«Wie bitte?»
«Wir rauchen jetzt erstmal gepflegt einen Joint. Also, ganz cool bleiben.»
«Cool bleiben, ja klar, hier wird man super-cool, richtig tiefgefroren.»
«Bin ich der Einzige? Geh doch schon mal vor. Wir kommen gleich nach.»
Sie wusste, wie das lief. Wenn sie fertig war, würde einer angeschlappt kommen und mit Unschuldsmiene fragen: «Was, du bist schon fertig?» Sie hatte es satt, den Kümmerer zu machen. Was dachten die sich eigentlich? Sie wandte sich zu den anderen und kreischte:
«Bald glitzern hier die Wände. Das letzte Holzscheit ist am Verglühen.»
«Du nervst, zieh Leine!», rief einer zurück, der mit Hacke in einer Rauchwolke hockte.
Britta zog die Handschuhe über, schnappte die Holzkiste und schlug lautstark die Tür hinter sich zu.
«Arschlöcher! Alle miteinander», schrie sie in die eisige Nacht, kämpfte gegen eine Wand aus dichten Schneeflocken und überquerte den Schulhof. Eine Straßenlaterne bildete einen funzeligen Lichtkegel.
Britta zog den Riegel zurück und riss die Schuppentür auf, die an der Wand abprallte.
«Was ist das alles für eine Scheiße», schrie sie, während die Tür ihr wieder entgegenkam. Zuhause Ärger, hier Ärger. Nichts als Generve!
Sie warf die Holzkiste in den Schuppen und fummelte nach dem Lichtschalter. Als sie die runde Dose spürte, drehte sie den schmalen Schalter nach rechts. Es klackerte an der Decke, erst flackerte ein gelber Lichtschein, dann sprang die Neonröhre an.
Sie kickte die Kiste in Richtung Hackklotz, der in der Mitte des kleinen Raumes stand. Es roch nach gesägtem Holz, nach Wald und Frühjahr. Sie schloss die Augen. Was musste sie sich immer so aufregen. Sie atmete tief ein, blies die Luft hörbar hinaus, öffnete die Augen und fühlte sich ruhiger.
Entlang der gegenüberliegenden Wand lagen die Holzscheiben wild durcheinander auf einem Haufen, fast bis unter die Decke. Sie kletterte nach oben, warf drei dicke Holzstücke den Berg hinunter, balancierte mit ausgestreckten Armen über das Holz und machte dann einen Sprung nach unten. Sie genoss diesen Moment der Leichtigkeit beim Fliegen. Er erinnerte sie an das Turnen auf dem Schwebebalken, das sie so geliebt hatte.
Mit einem Ruck zog sie die Axt aus dem Klotz und legte sie auf den Boden aus festgestampfter schwarzer Erde. Mit beiden Händen hievte sie ein Holzstück auf den Klotz und nahm die Axt. Mit kritischem Blick begutachtete sie die Oberfläche. Plötzlich sprang ihr von hinten ein Fellknäuel in die Kniekehle.
«Mensch, Wuschel, erschreck mich nicht so», rief Britta und lachte. Schwanzwedelnd und fiepend begrüßte der Hund sie, während sie auf die Knie fiel und mit beiden Händen in seinem Fell herumwühlte.
«Wuschel, mein Bester, hab ganz vergessen, dich mitzunehmen.» Ihre kalten Nasen berührten sich.
«Hast du dich wieder eingekriegt?»
Eine tiefe, volle Stimme kam von der Tür. Britta schaute nach oben. Eine bärenhafte Gestalt stand im Türrahmen. Dunkle Locken quollen unter einer ledernen Leninmütze hervor. Datschkapp.
«Welch seltener Gast in dieser Hütte? Willst du mit mir über die Befreiung der unterdrückten Holzhacker diskutieren?»
«Ich wollte Holz holen. Es wird langsam kalt in der Bude.»
«Ach, echt, und da dachtest du, es könnte schon ein Korb mit gehacktem Holz bereitstehen?»
«Ja, ich würde ihn dann hineintragen und dafür sorgen, dass das Feuer nicht ausgeht.»
«Ich krieg einen Anfall!», schrie sie. «Glaubst du, ich bin hier das Dienstmädchen und arbeite im Akkord?»
«Ich dachte, du musst das nur einsammeln.»
«Datschkapp, das hier ist richtige Maloche, verstehst du. Wie bei deinen Proletariern, die jeden Tag in der Fabrik arbeiten.»
Britta fuchtelte mit der Axt unter seiner Nase herum, dass er erschrocken zurückwich.
«Hör mal, zur Befreiung des Proletariats arbeiten wir auch manchmal in den Fabriken.»
«In der Fabrik? Du? Du verkaufst die Zeitung, und zwar vor dem Fabriktor, weil die dich da gar nicht reinlassen. Du hast doch noch keine Fabrik von innen gesehen, weil du es nicht nötig hast.»
«Hey, suchst du Streit?»
Britta atmete tief ein und aus.
«Natürlich nicht. Also gut. Wie oft hast du schon Holz gehackt?»
«Wir haben zu Hause Gasheizung.»
«Na super. Also, was siehst du hier? Ein Holzstück. Und? So passt das Teil nicht in den Ofen.»
Britta zeigte auf das Holz und hielt ihm die Axt hin.
«Ist das nicht gefährlich?»
Datschkapp zog die Augenbrauen hoch und starrte Britta an. «Gibt es keine Kohlen? Meine Oma hat auch einen Holzofen. Sie nimmt das Holz zum Anzünden und dann kommt eine Schütte Kohle rein und fertig.»
«Tolle Idee, leider haben die Leute vom Bauhof hier keine Kohlen abgeladen, oder siehst du welche?»
«Okay. Ich sammle die Stücke ein.» Er stellte sich neben die Holzkiste.
«Geh ein Stück zur Seite, falls das Holz wegspringt.»
Britta hielt die Luft an und schwang die Axt mit aller Kraft. Krachend sprang das Holzstück in zwei Stücke.
«Wow, Popeye hat viel Spinat gegessen.»
Datschkapp sah beeindruckt aus. Britta hob eine Hälfte auf und legte sie zurück auf den Klotz. Zügig flogen die Scheite auf den Boden. Datschkapp füllte die Kiste.
Britta drückte ihm die Axt in die Hand. «Los geht’s. Zuerst musst du das Holz begutachten. Fahr mal drüber. Spürst du es? Du haust mit der Axt genau auf den Spalt. Dann geht es einfacher.»
Er nickte, stellte sich breitbeinig hin und hieb mit einer Wucht in das Holz, dass zwei Stücke zur Seite schossen und die Axt im Klotz steckenblieb.
«Nicht schlecht für den Anfang. Weiter.»
Nachdem er den Dreh raushatte, legte sich ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht. Britta warf weitere Stücke den Berg hinunter und sammelte die Scheite ein. In der Ecke fand sie eine zweite Kiste, die bald voll war. Wenn es für morgen noch reichte, umso besser.
«Du könntest öfter kommen und Holz hacken.»
«Du weißt, dass es einige gibt, die mich hier nicht gerne sehen. Es ist schwierig, für die Revolution zu kämpfen und seine alten Freunde behalten zu wollen.»
«Die wollen sich doch nur die Birne vollkiffen. Mach dir nichts draus.»
«Meine Kaderleute sehen es nicht gern, wenn ich bei den Kiffern bin.»
«Ich finde es klasse, dass du mir geholfen hast. Lass uns schnell reingehen, sonst ist das Feuer aus.»
Gemeinsam liefen sie zur Tür, während Wuschel zwischen ihren Füßen herumtänzelte. Datschkapp trug die schwere Kiste. Gerade als Britta am Lichtschalter drehen wollte, kam Hacke um die Schuppenecke.
«Kann ich helfen?» Es war nicht zu überhören, dass es bei einem Joint nicht geblieben war.
«Unglaublich», brummte Britta. «Nimm die zweite Kiste dort.»
Hacke folgte Datschkapp, während Britta das Licht ausdrehte und die Tür verriegelte. Jetzt konnten sie ordentlich einheizen.
Mit einem dumpfen Schlag stellte Britta den Teller auf den Küchentisch. Um für gute Stimmung zu sorgen, hatte sie sich bereit erklärt, den Weihnachtstisch zu decken. Mutter würde es als Erfolg ihrer guten Erziehung werten, nachdem sie den ganzen Morgen mies gelaunt in der Küche gewerkelt hatte. Nun war sie im Bad verschwunden, um sich für die Mittagsmesse fertig zu machen. Das hatte sich der junge Kaplan ausgedacht. Ob er den Hausfrauen einen Moment der Ruhe von den anstrengenden Vorbereitungen des Weihnachtsessens verschaffen und ihnen eine göttliche Beruhigung zuteilwerden lassen wollte? Hoffentlich wirkte es.
Sie öffnete das Fenster, um dem durchdringenden Geruch nach Gänsefett zu entkommen, und sog die kalte Luft tief in sich hinein. Es roch, als würde es bald schneien. Wenn sie mit Tischdecken fertig war, würde sie mit Vater sprechen. Sie brauchte unbedingt eine Ecke für sich, in der sie ungestört lernen konnte. Ein feuchter Wind blies ihr ins Gesicht und wehte das Geläut der katholischen Kirche herüber. Ob schon jemand im Jugendzentrum war? Sie wollten sich nach dem Pflichttermin am heimischen Küchentisch im JUZ treffen, um ohne die Alten abzuhängen.
Sie legte die Ringe um die weißen Stoffservietten, platzierte sie über die Teller und holte die Kristallgläser aus dem obersten Fach des Küchenschranks, die dort eigens für dieses Essen ein Jahr lang verstaubten. Sie nahm das Geschirrtuch – und hielt einen Moment inne. «Soll sie ihre blöden Gläser doch selbst polieren.» Sie warf das Geschirrtuch in die Spüle und stellte Wassergläser neben die Weingläser.
Als sie ein Holzscheit aus dem Korb nahm und in den Ofen steckte, fiel ihr Blick auf das Fenster des Backofens, in dem die Gans brutzelte. Sie mochte keine Gans. Aber dieses Vieh gehörte für Mutter zu Weihnachten wie die Kristallgläser.
Gestern am Heiligen Abend hatte es Würstchen und Kartoffelsalat gegeben. Das war eher nach Brittas Geschmack. Die kurze Weihnachtsfeier danach hatte nichts mehr von den heimeligen Feiern in ihrer Kindheit gehabt. Sie hatte Vater ihre selbstgestrickten Socken und den Schal und Mutter eine Flasche Kölnisch Wasser geschenkt. Es roch schrecklich, doch Mutter gefiel es. Britta bekam ein Kuvert von ihrem Vater überreicht. Erledigt. Abgehakt. Sie war mit Wuschel ins JUZ gegangen, wo sich ein paar Jugendliche auf den Matratzen verteilten. Immerhin hatte sie Hacke getroffen und so konnte sie ihm ihre kleine Überraschung geben: ein Mini-Fläschchen Patschouli-Öl. Vor lauter Freude hatte er sie in den Arm genommen und auf die Wange geküsst. Ein Moment der Glückseligkeit.
Sie legte Messer und Gabeln neben die Teller. Zur Gans musste es das Silber sein. Frisch poliert. Rechts die Gabel, links das Messer. Ein bisschen Unordnung konnte nicht schaden. Was für ein großbürgerliches Gehabe in diesem kleingeistigen Mief. «Schaut euch um», sprach sie mit einem imaginären Publikum und streckte die Arme aus. «In jeder Ecke stecken die Fünfzigerjahre, alles trist und grau.» Sie wollte es bunt haben, frisch und frech, modern und hell. Dieses eine Mal würde sie das Spiel noch mitspielen. Und nächstes Weihnachten? Mit einem Nebenjob würde sie sich ein kleines Zimmer in einer WG leisten können, und dann war sie endlich hier weg. Ach, wäre Lissi doch noch in ihrer Nähe. Mit ihr könnte sie gut zusammenwohnen. Aber sie musste in den Sommerferien mit ihren Eltern in den Norden Deutschlands ziehen und war überhaupt nicht begeistert gewesen. Der Brief! Den hatte sie vorhin zufällig unter der Garderobe gefunden. Mutter musste ihn dort abgelegt haben, dabei wusste sie genau, wie sehr sich Britta nach Post von Lissi sehnte. Sie zog den Brief aus der Hosentasche und las «Lüchow postlagernd». Was für ein komischer Absender. Lebte Lissi nicht mehr in Hannover? Britta riss den Brief auf und hielt karierte Blätter, beschrieben mit pinkfarbener Tinte, in der Hand.
«Meine liebe Britta!
Ich vermisse Dich sehr in diesen kalten Tagen an der Zonengrenze. Es fühlt sich an, als sende der Todesstreifen zusätzliche Kälte in die Umgebung. Du wunderst Dich? Ich bin fort von zu Hause und all den bürgerlichen Anforderungen. Die Schule hat sich mit Themen beschäftigt, deren Sinnhaftigkeit sich mir nicht mehr erschlossen haben. Ich wollte etwas mit den Händen tun, gemeinsam mit anderen Leuten, etwas Produktives. Dann habe ich Jürgen kennengelernt, mit dem ich nächtelang Gespräche geführt habe, über Yoga, makrobiotisches Essen, Meditation und all sowas. Wir sind nun zusammen zu Jürgens Freunden in eine Landkommune gezogen. Hier in Wurfweite zur Grenze wollten die alten Bauersleute ihr Anwesen loswerden und haben es verkauft.»
Lissi war auf einem Bauernhof? Ausgerechnet Lissi, die immer über die primitive Holzheizung in Brittas Elternhaus gelästert hatte. Lissi, die mit Zentralheizung, fließendem Warmwasser und eigenem Badezimmer aufgewachsen war? Lissi hatte die Schule geschmissen und lebte nun in einer Kommune? Britta schüttelte den Kopf. Und was, wenn dieser Jürgen genug von ihr hatte oder die Kommune ihr auf die Nerven ging? Dann würde sie mit leeren Händen dastehen. Nein, nein, das war nichts für Britta. Sie wollte das Abitur schaffen. Unbedingt. Es war ihr egal, dass Arbeiterkinder angeblich nicht aufs Gymnasium gehörten.
Mutter stürmte in die Küche. Britta faltete schnell den Brief zusammen und stopfte ihn in die Tasche. Nach dem Essen würde sie weiterlesen. In ihrem dunkelblauen Kostüm mit dem Bleistiftrock und den Pumps sah Mutter aus wie eine Gouvernante. Der Geruch von Haarspray mischte sich unter das Gänsefett.
«Schaust du mal nach der Gans? Alles muss man selber machen.» Vorsichtig, um die Rocknähte nicht zu sprengen, kniete sie sich nieder, öffnete die Backofentür und begoss das Tier mit Bratensaft.
«Bisher ist sie nicht fortgeflogen.» Britta betrachtete Mutters hässlichen Haarturm von hinten. Da wackelte nichts, alles hielt bombenfest.
«Red nicht so einen Mist», schimpfte Mutter. «Bist du mit dem Tisch noch nicht fertig, alte Trödelliese?»
«Lass mich in Ruhe oder du kannst du es alleine machen.»
«Ich gehe jetzt zur Messe. Wenn ich wiederkomme, wird gegessen.» Sie rauschte hinaus. Ein Hauch Kölnisch Wasser hing in der Luft.
Britta steckte die Nase in den Topf mit Rotkohl und genoss den säuerlichen Geruch. Dazu Kartoffelbrei. Mutter würde beleidigt sein, weil sie nichts von dem Vogel aß, aber das war ihr egal.
Sie ging hinüber zum Wohnzimmer, aus dem lautstarker Dixieland drang, klopfte an die Wohnzimmertür und spitzelte hinein. Vater lag auf dem Sofa und las in einem dicken Wälzer. «Die Kinder von Torremolinos» konnte sie auf dem Umschlag lesen. Er hatte ihr davon vorgeschwärmt, aber Britta hatte zurzeit wenig Nerven fürs Lesen. Sie setzte sich in den Sessel gegenüber und betrachtete die Socken ihres Vaters, eine in braun, die andere in schwarz. Waren die verschiedenen Sockenfarben Zerstreutheit oder sein Stil? Sie wusste es nicht. Ihre Mutter flippte regelmäßig aus, wenn sie es bemerkte. Seine dunklen Locken standen ungebändigt vom Kopf ab. Britta gefiel das. Die dunkelbraune Cordhose mit den speckigen Oberschenkeln, das über der Hose hängende Flanellhemd mit den roten und schwarzen Quadraten. Astrein.
Einen Baum hatte Vater in diesem Jahr nicht organisiert. Einzig die alte Krippe vom Dachboden stand auf dem Musikschrank. Ob sie von ihrem Großvater stammte? Vater hatte mit den Schultern gezuckt, als Britta ihn danach gefragt hatte. Die geschnitzten Figuren mit den nachgedunkelten Stellen schienen wie eine Botschaft aus einer längst vergangenen Zeit, von Menschen, die Britta nicht mehr fragen konnte, wie es ihnen an ihrem Weihnachtsfest damals ergangen war. Ob sie genug zu essen hatten? Ob alle mit ihren Lieben beieinander sein konnten? Ob Männer im Krieg oder vermisst waren? Wie viele Menschen um den Tisch saßen und was es zu essen gab? Britta wusste nichts von ihren Vorfahren, und ihre Eltern erzählten nicht davon. Ihre Fragen zur Vergangenheit blieben unbeantwortet. Es gab auch kein Fotoalbum mit Gesichtern, die in die Kamera starrten, sepiafarbige Hochzeitspaare, die lächelten und Kleinkinder, die unsichere Schritte machten. Britta kannte nur das Album mit dem grellorangenen Plastikeinband, das am ersten Schultag begann und mit der Konfirmation endete. Dazwischen klebten lauter nichtssagende Fotos.
Vater legte das Buch auf seinen Oberschenkel. «Wann bist du denn hereingeschlichen?»
«Ich habe deiner fetzigen Musik zugehört und die friedliche Stimmung genossen.»
Britta ging zum Ofen, der in der Ecke neben der tannengrünen Couch stand. Er war lauwarm. Sie legte zwei Holzscheite in die Glut und setzte sich auf den Ofen, ihr Lieblingsplatz im Wohnzimmer, wenn geheizt wurde. Unter der Woche wurde nur eingeheizt, wenn Vater zu Hause war, und das geschah immer seltener. Er ging Mutter aus dem Weg. Britta war sich sicher, dass manche Überstunde im Büro nur stattfand, damit er nicht nach Hause musste. Oder er flüchtete in die Kneipe zum Billardspielen.
Britta ging zum Fenster. «Was hältst du von einem Schreibtisch hier?»
Vater setzte sich auf, legte das aufgeschlagene Buch mit den Seiten nach unten auf das Tischchen vor ihm. «Der Ausblick zum Friedhof mit den alten Bäumen ist schön. Tote sind friedlich.»
«Dann muss ich vor allem nicht die scheußliche Blümchentapete anschauen. Hier wäre sogar noch Platz für ein Regal und meine Bücher. Was meinst du?»
«Wie kommst du denn jetzt darauf?»
«Ich kann in der Küche nicht arbeiten. Ich brauche einen ungestörten Platz zum Lernen. Mutter geht mir auf die Nerven.»
«Mir auch.»
Britta ging zurück zum Sessel. So offen sprach er sonst nie mit ihr.
Vater stand auf und drehte die Musik leiser. Er rückte den anderen Sessel nah an Brittas und legte den Arm auf die Lehne. Sie hätte sich gerne an ihn gekuschelt, aber mit fast achtzehn war ihr das zu kindisch.
«Es ist schwierig mit Mutter.» Er neigte seinen Kopf noch ein Stückchen näher an ihr Ohr. «Ich war wenig zu Hause in der letzten Zeit. Mir war nicht klar, wie sehr sie dich drangsaliert. Sie ist kaum auszuhalten.»
Britta schaute ihn an. Er wuschelte sich im Haar und strich die Locken zurück, eine steile Falte über der Nase ließ sein Gesicht streng aussehen.
«Wenn ich jemand wüsste, der ein Zimmer für mich hätte, ich würde ausziehen», rutschte es Britta heraus.
«Mutter ist nie aus ihrem Dasein als höhere Bürgerstochter herausgekommen.» Er schien sie nicht gehört zu haben. «Ihre Vorstellungen über Ehe und Kindererziehung sind vollkommen überholt. Und ich? Ich bin in ihren Augen ein Versager, weil ich ihr keinen angemessenen Lebensstil bieten kann. Und auch nicht will.» Nachdenklich starrte er vor sich hin. «Für dich wünscht sie sich eine gute Partie, damit du es besser hast als sie.»
«Wirklich? Eine gute Partie? Hat sie noch alle Tassen im Schrank? Die tickt doch nicht richtig. In welchem Zeitalter lebt sie denn?» Wut stieg in ihr hoch.
«Mag sein, aber das ist ihr zu Hause eingetrichtert worden.»
«Soll sie abhauen und sich einen Prinzen suchen. Ich werde sie nicht vermissen.»
«Britta! Bis dass der Tod euch scheidet, das ist einer ihrer Glaubenssätze. Und eine gläubige Seele will keinesfalls in die Hölle und ins Fegefeuer. Also gilt es: Leiden wie Jesus am Kreuz.»
«Und anderen das Leben zur Hölle machen. Ich werde Abi machen, egal was Mutter mir einreden will. Verstehst du das?»
«Du bekommst deinen Arbeitsplatz amWohnzimmerfenster. Beim Mittagessen werde ich es Mutter mitteilen.»
«Danke Paps.» Britta drückte ihm einen Schmatz auf die Wange. Was für ein Weihnachtsgeschenk. Ein eigenes Eck. Weg aus dem direkten Dunstkreis ihrer Mutter.
«Wäre es machbar, rein theoretisch, mein Zimmer oben zu heizen?», fragte sie ihren Vater, der sie verdutzt anschaute.
«Willst du das Haus umbauen?»
«Nein, sag doch: gibt es da einen Kamin?»
«Keine Ahnung. Du weißt, ich bin kein talentierter Handwerker. Oberhalb der Küche und des Bads müsste es einen Kamin geben.»
«Mein Zimmer ist aber auf der anderen Seite des Hauses.»
«Jetzt organisieren wir dir erst einmal einen Arbeitsplatz vor dem Fenster und dann wird eifrig gelernt.»
Vater legte sich wieder aufs Sofa und vertiefte sich in seinen Schmöker. Britta hörte die Haustür zuschlagen.
Der göttliche Segen schien gewirkt zu haben. Bester Laune war Mutter zurückgekehrt und rief alle zum Essen.
Als sie den gedeckten Tisch sah, war ihre gute Laune schlagartig verflogen. «Wie liegt denn das Besteck da? Bist du zu blöd, um einen Tisch zu decken?» Sie hob ein Kristallglas gegen das Licht und knallte es auf den Tisch.
«Du sabotierst mich. Polier die Gläser», schrie sie und machte sich mit hektischen Bewegungen daran, den Vogel zu zerteilen.
«Ich esse keine Gans, für mich bitte nur Rotkohl und Kartoffelbrei.» Britta begann, die Gläser zu polieren. Sie wusste, es hatte keinen Zweck, mit Mutter zu diskutieren.
«Ich stehe für euch den ganzen Tag in der Küche und du willst keine Gans?»
«Schmeckt mir nicht. Hat mir nie geschmeckt.» Britta schwor sich, ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen.
«Christian, sag doch auch mal was. An einem Festessen wie diesem kann deine Tochter doch nicht einfach nur Beilagen essen.» Ihr Vater saß wie immer an der Stirnseite des Tisches und schwieg.
«Soll ich dir helfen?» Britta stellte sich neben Mutter, die weiter an dem Vogel hantierte.
«Stell den Rotkohl und den Kartoffelbrei auf den Tisch», blaffte sie. Dann drehte sie sich herum und platzierte die Platte mit dem Fleisch in der Mitte des Tisches, warf die Kittelschürze auf die Eckbank und setzte sich an die Längsseite des Tisches. Brittas Platz war Papa gegenüber auf der Eckbank. Die Platzverteilung hatte sich seit Jahren nicht verändert.
«Christian, du hättest aber auch schon Getränke in die Gläser gießen können! Und eine saubere Hose wäre angebracht gewesen.» Vater stand auf und holte die Getränke aus dem Kühlschrank. Ihm und Britta goss er Cola ein, Mutter eine Apfelsaftschorle.
Britta hoffte, dass er sein Versprechen hielt, trotz Mutters Laune. Es herrschte eisige Stille. Alle kauten. Britta konzentrierte sich auf das Rotkraut, das sehr gut schmeckte. Mutter war eine hervorragende Köchin, da gab es nichts zu meckern. Das hatte man den höheren Töchtern auf der Haushaltsschule beigebracht.
«Britta bekommt einen Schreibtisch, an dem sie ungestört arbeiten kann», durchbrach Vater das Schweigen.
«Arbeiten! Dass ich nicht lache. Sie soll in die Fabrik gehen und Geld verdienen. Dort wird gearbeitet.» Ihre Mutter ließ wie immer kein gutes Haar an der Schule.
«Den stellen wir im Wohnzimmer unter das Fenster», sagte Vater unbeeindruckt, während Mutter mit hektischen Bewegungen im Essen stocherte.
«Im Wohnzimmer? Das ist ein Wohnraum. Keine Rumpelkammer. Ich will das nicht.»
«Schule ist Arbeit! Und ein Schreibtisch gibt dem Wohnzimmer eine neue Atmosphäre.» Vater blickte streng in Richtung Mutter, doch sie starrte unnachgiebig auf ihren Teller. «Und eines sage ich dir, Erna. Wenn du dich nicht sofort in deinem Ton mäßigst und zuhörst, dann nehme ich Britta, und wir essen in der Bahnhofskneipe.» Seine Stimme war immer leiser, aber nicht weniger eindringlich geworden. Papa meinte es ernst.
Mutter öffnete erschrocken den Mund, antwortete aber nicht.
«Ich kann in der Küche nicht arbeiten, wenn du hier werkelst. Das stört mich.»
«Ha, jetzt liegt es an mir.» Mutter schluckte hinunter, was ihr noch auf der Zunge lag, und kaute stattdessen auf der Gans herum.
«Ich brauche einen Ort, an dem ich meine Schulsachen liegen lassen kann. Ein Eck für mich.» Britta suchte den Blick ihres Vaters.
«Ich finde, die Idee hat eine Chance verdient. Unter dem Fenster im Wohnzimmer ist ein guter Platz. Ich weiß, der Wechsel aufs Gymnasium ist schwer. Mit der zweiten Fremdsprache bei null anfangen, das ist Stress. Es bedeutet viel Arbeit. Und du, Britta, drückst dich gerne ein bisschen vor den Herausforderungen.» Ihr Vater deutete warnend mit dem Zeigefinger in Richtung Mutter, der es sichtlich schwerfiel, nichts zu sagen.
«Ich schaffe das Abi. Verlasst euch drauf. Ich brauche nur etwas Zeit, um auf dem Gyme klarzukommen.» Morgen würde sie sich an die Aufgabenblätter in Mathe, Englisch und Französisch machen, die ihre Lehrerin vor den Ferien ausgegeben hatte. «Wieso willst du jetzt viel Geld für einen Schreibtisch ausgeben?» Mutter konnte sich nicht mehr zurückhalten. «Christian, deine Tochter wird das Schuljahr sowieso nicht schaffen.»
«Wieso sollte sie es nicht schaffen? Sie ist ein kluges Mädchen, das ein ehrgeiziges Ziel hat. Darin müssen wir sie doch unterstützen.»
«In dieses faule Ding zu investieren, ist reine Geldverschwendung. Statt zu lernen, hockt sie ewig bei den Gammlern und Langhaarigen.» Britta schluckte. Ihre Mutter war eine bösartige alte Schachtel.
«Jetzt ist aber gut, Erna», schrie Vater. «Ich investiere jeden Monat in dich, und was kommt dabei heraus? Eine zänkische Hausfrau. Meinst du wirklich, dass mein Geld so besser angelegt ist?»
«Die paar Kröten, die du verdienst. Darauf brauchst du dir nichts einzubilden. Britta wird bald heiraten und einen Mann haben, der sie gut versorgt. Wozu braucht sie da Abitur?»
«Ich will keinen Mann und keine Kinder.» Britta warf die Serviette auf die Fleischplatte und stand auf. «Friss doch deinen Rotkohl alleine.»
«Setz dich», rief Vater. «Und du, Erna, bist jetzt ruhig, ich sage es zum letzten Mal.» Britta setzte sich widerstrebend. Sie wollte weg von diesem Tisch, frische Luft atmen. Aber sie wollte Vater nicht alleine lassen.
«Da Britta, wie du, Erna, ständig betonst, meine Tochter ist, gebe ich für sie eben jetzt mein Weihnachtsgeld aus. Basta. Keine Diskussionen mehr.» Mutter schnaubte.
«Britta, ich habe zwischen den Jahren frei. Wir fahren am 27. Dezember zu Mann Mobilia nach Karlsruhe und da bekommst du Schreibtisch und Regal. Und du, Erna, spar dir jeglichen Kommentar.»
«Ich brauche einen Schnaps.» Mutter holte den Obstler aus dem Küchenschrank.
Britta stand auf und pfiff nach dem Hund. «Wuschel, komm.»
Die Kronen der alten Bäume hinter der Friedhofsmauer schwankten im Januarwind, als wollten sie die Wolken darüber wegwischen. Krähen flogen laut krächzend zwischen den Ästen hin und her. Ein Ausblick, der Britta beflügelte, wenn sie, wie jetzt, am neuen Schreibtisch im Wohnzimmer arbeitete. Sie blätterte in Vaters Gedichtband auf der Suche nach Gedichten. Ihre Ferienaufgabe in Deutsch lautete: Stelle fünf Gedichte vor und begründe deine Auswahl. Sie liebte solche Aufgaben. Ein Gedicht hatte sie sich bereits ausgesucht. «Prometheus» vom ollen Goethe. Prometheus hatte aufbegehrt gegen die Götter, wollte die Menschen beschützen und brachte ihnen das Feuer zurück. Dafür wurde er hart bestraft. Britta fand das ungerecht, denn er hatte Gutes getan. Angekettet an die Felswand blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Wut in die Welt hinauszuschreien. Sie fühlte mit ihm, spürte dem Rhythmus von Goethes Worten nach und sah seine erhobene Faust, während er fluchte und schrie:
«Ich kenne nichts ärmers
Unter der Sonn‘ als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.»
Wer hätte das gedacht. Prometheus war aus seiner Rolle ausgebrochen, wie Britta. Abi und Studium statt Ehemann und Kinder.
Das Teelicht im Stövchen flackerte unter der Tonkanne. Britta füllte erneut das Teetässchen und nahm es wie ein heißes Ei zwischen die Hände. Der zarte Duft nach Jasmin stieg ihr in die Nase und mischte sich mit der Zitrone aus der Duftlampe.
Durch das Fenster beobachtete sie, wie ältere Frauen auf ihren Fahrrädern vorbeifuhren. Aus den Fahrradkörben ragten blühende Christrosen und Handhacken, am Lenker hingen ihre schwarzen Handtaschen. Dunkel gekleidete Gestalten auf dem Weg zu den Gräbern ihrer Lieben. Brittas Blick wanderte zum nachgedruckten Woodstock-Poster, das sie rechts neben dem Fenster an die Wand gepinnt hatte. Manchmal glaubte sie, die Taube auf dem Gitarrenhals würde ihr zuzwinkern und gurren: «Geh, deinen Weg. Wir haben damals auch Verrücktes gemacht und an uns geglaubt.»
Als ihre Mutter das Plakat bemerkte, hatte sie einen Anfall bekommen.
«Häng das sofort wieder ab», hatte sie geschrien. «So ein scheußliches Bild hat in meinem Wohnzimmer nichts zu suchen.»
«Ich wohne jetzt auch hier.» Britta hatte sie einfach ignoriert. Seit Vater ihr den Rücken stärkte, stemmte sie sich noch mutiger gegen ihre Mutter und fühlte sich weniger verletzbar.
Auf der linken Seite des Fensters ragte seitlich neben dem Schreibtisch das Regal in den Raum. Dort hatte sie ihre Schulbücher und den grünen Karton mit den drei ungelesenen Bänden von Tolkiens Herr der Ringe aufgestellt. Daneben standen Wells‘ Zeitmaschine und das Kommunistische Manifest, das ihr Datschkapp zu Weihnachten geschenkt hatte. Im Vergleich zu Lissis Bücherregal war ihres bescheiden bestückt, meistens lieh sie sich Bücher in der Stadtbücherei aus.
Um sich vom restlichen Wohnzimmer abzuschirmen, hatte sie die Idee, eine Art Paravent aufzustellen. Sie hatte gehofft, auf dem Speicher etwas Brauchbares zu finden. Wann war sie das letzte Mal da oben gewesen, hatte sie sich gefragt, als sie mit dem Haken die Dachluke öffnete und die Treppe herunterzog. Sie konnte sich nicht daran erinnern. Im Dach spürte sie den Winterwind, der durch die Ritzen zog. Sie fröstelte. Staubiges Gerümpel stand herum, alte Kisten und Koffer, die Krippe und ein Kleiderschrank mit alten Klamotten. Hinten an die Wand angelehnt fand sie ein klappriges Gestell aus Holzlatten. Daraus konnte sie etwas basteln. Sie besserte den Rahmen mit Latten aus, die sie im Schuppen fand, schmirgelte ihn ab und strich ihn mit weißer Farbe.
Im Stoffladen besorgte sie sich Batist und ein Tütchen Batikfarbe. Sie band mit Schnüren einige Stellen ab und färbte den geschnürten Stoff in einem Eimer. Als der Stoff ausgewaschen und gebügelt war, schnitt sie ihn zurecht, säumte ihn auf Mutters Nähmaschine und bespannte das Gestell. Nun brachte die lindgrüne Fläche mit einigen leuchtenden weißen Ringen ein bisschen Farbe und Frühling in das triste Wohnzimmer. Als ihre Mutter vom Frauenkreis zurückgekommen war, hätte sie den Wandschirm am liebsten sofort zerstört, aber Britta hatte sich durchgesetzt.
Auf der Suche nach weiteren Gedichten entdeckte sie im Schallplattenfundus ihres Vaters LPs mit Chansons von Hildegard Knef, Marlene Dietrich, Zarah Leander und anderen. Bei manchen standen die Texte auf der Innenseite des Schallplattencovers. Erstaunt stellte Britta fest, dass die Sängerinnen auch Texte von Tucholsky, Brecht und Kästner vertont und gesungen hatten. Sie ging zum Musikschrankund legte eine Platte auf.
«Ich brauch Tapetenwechsel, sprach die Birke und macht sich in der Dämmerung auf den Weg», sang Hildegard Knef. Das Wort «Tapetenwechsel» hatte sie sofort angesprochen. Tapetenwechsel war genau das, was sie in ihrem Eck mit ihren bescheidenen Mittel geschaffen hatte. Sie hätte gerne im ganzen Raum eine neue Tapete mit poppigem Muster in orange oder grün angebracht. Die Gruftimöbel gingen ihr auf den Keks, die waren sogar für den Sperrmüll zu schade. Doch Vater war zu keiner weiteren Aktion zu überreden, und Mutter war schon Brittas Eck ein Dorn im Auge. Mit weiteren Ideen brauchte sie ihr nicht zu kommen.
Über den Schluss des Liedes staunte sie:
«Des Försters Beil traf sie im Morgenschimmer Gleich an der Schranke, als der D-Zug kam Und als Kommode dachte sie noch immer Wie schön es doch im Birkenhaine war.»
Britta würde ihren Aufbruch besser gestalten, das hatte sie sich geschworen. Niemals würde sie am Ende halb verhungert an Mutters Tür um Aufnahme betteln. Egal was passierte, sie würde niemals als gefällte Birke daliegen, niemals eine abhängige Hausfrau sein oder als Kommode im Haus herumstehen.
Das nächste Lied auf der Platte war Alexandras Lied vom Baum:
«Ich wollt dich längst schon wieder seh’n, mein alter Freund aus Kindertagen», erklang ihre samtige, tiefe Stimme.
Das war eines von Lissis Lieblingsliedern. Schlagartig überkam sie die Sehnsucht nach der Freundin aus Kindertagen.
«Ich hatte manches dir zu sagen und wusste, du wirst mich versteh’n». Britta bekam Gänsehaut.
Wie es Lissi wohl erging, da oben im Niemandsland? In ihrem Brief hatte sie geschrieben, dass das alte Bauernhaus immer eiskalt war, vom unbefestigten Hof ständig Schlamm und Matsch direkt in die Küche getragen wurde und sich das Geschirr auf dem Spülstein stapelte. Das störte Lissi zwar, aber diese Kommune schien ihr etwas zu geben, das alles aufwog. Sie hatte angedeutet, dass nicht alles nur Friede, Freude, Eierkuchen war. Mit Jürgen wäre es ein bisschen schwierig, weil Lissi sich mit ihm ein winziges Zimmerchen teilte, er Platz und Freiraum für seine Meditationssitzungen brauchte und sie keinen Rückzugsort für sich hatte.
