Mama, die Strumpfhose kratzt! - Helga Dorn-Hoffmann - E-Book

Mama, die Strumpfhose kratzt! E-Book

Helga Dorn-Hoffmann

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Beschreibung

Warum fährt Papa mit dem Babywagen in den Wald? Liegt das Schlummerle Weihnachten unter dem Leintuch? Ist ihr Großvater wirklich explodiert? Und was bedeutet eigentlich Nothing is real auf der Beatles-Platte? Die kleine Claudia, die in einem Bäckerhaushalt in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufwächst, sucht selbstbewusst nach Antworten auf ihre vielen Fragen. Ihr Revier ist die mittelalterliche Fachwerkstadt Schorndorf: der Bahnhof mit den Dampfzügen, die Schorndorfer Weiber am Rathaus und das Geburtshaus von Gottlieb Daimler. Einfühlsam und lebhaft nimmt uns Claudia mit in die Schule, an den Ziegeleisee im Sommer oder auf Fahrt mit Onkels Isetta. Zusammen mit Claudia tauchen wir ein in die alltäglichen Herausforderungen ihrer Familie, das Schicksal ihrer Verwandten, ihrer Freundinnen und die zarten Annäherungsversuche der Heranwachsenden. Bis sie eines Tages neue Wege gehen muss.

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buchbeschreibung

Die sechsjährige Claudia nimmt uns mit in ihre Kindheit in der schwäbischen Kleinstadt Schorndorf zwischen 1964 und 1970. Sie erzählt von kratzenden Strumpfhosen, der furchtlosen Barbara Künkelin, duftendem Schnitzbrot, dem Bananenmax und ihrem ersten Stehblues.

Über die Autorin

Helga Dorn-Hoffmann, 1957 geboren in Schorndorf, studierte Germanistik, Hispanistik und Psychologie. Sie arbeitete in der sprach-psychologischen Forschung, als PR-Beraterin und Portalmanagerin von Websites in einem großen Energieunternehmen. Sie hat ihr Arbeitsleben beendet und lebt mit ihrer Familie in Hockenheim.

Die Kindheitsgeschichten „Mama, die Strumpfhose kratzt!“ sind ihr erster Erzählband.

für Karl-Heinz

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Vorwort

Lange habe ich überlegt, die Erzählungen in Ich-Form als Erinnerungen zu verfassen. Das fühlte sich aber für mich nicht richtig an. Ich brauchte den Abstand durch meine kleine Heldin Claudia, die aus ihrer Sicht erzählt. Sie sollte nah und erlebbar sein. Eine Distanz durch einen, aus heutiger Sicht erzählenden, altklugen Kommentator wollte ich nicht. Die Erzählungen beginnen 1963, als ich sechs Jahre alt war, und enden 1970 mit dem Wegzug aus Schorndorf, dem Hauptschauplatz der Geschichten.

An viele der Ereignisse, die ich Claudia erleben lasse, erinnere ich mich sehr gut. Diese Erinnerungen sind episodenhaft und geprägt von Fotos, Briefen, Tagebucheinträgen und dem, was mein Gedächtnis an Lückenhaftem und Unzuverlässigem zur Verfügung stellt. Die nachfolgenden Erzählungen sind tiefe Gravuren im Buch meines Lebens und Teil meines heutigen Selbst, verschmerzt und vergeben. Offene Rechnungen sind mir fremd.

Um Claudias Erlebnisse spannend und glaubhaft erzählen zu können, brauchte es über die Erinnerungen hinausgehende Details, sinnliche Wahrnehmungen und knackige Dialoge, die meiner Fantasie entstammen. Nur so konnten lebendige und lesenswerte Erzählungen entstehen.

Menschen, die mich ein Stück des Wegs begleitet haben, noch leben und nicht zum familiären Umfeld gehören, haben geänderte Namen. Die Geschichten, in denen sie vorkommen, haben in der erzählten Form nicht stattgefunden.

Steig nun ein, liebe Leserin, lieber Leser und genieße die Fahrt im Dampfzug durch das Geschichtenland meiner Kindheit.

1

Mittagsruhe. An jedem frühen Nachmittag schaltete Papa in der Backstube den Ofen aus und kam nach oben in die Wohnung. Claudia beobachtete wie er sich das Mehl aus den Kleidern klopfte, sich in der Küche am Spülstein wusch und geräuschvoll die Nase schnäuzte.

„Ich will keinen Ton hören“ drohte er ihr und ihren kleineren Geschwistern Sabine und Hannes oft, ehe er im Schlafzimmer verschwand.

„Der Papa ist müde, weil er und die anderen Bäcker bereits im Dunkeln in der Backstube werkeln“, hatte die Mama den Kindern erklärt.

Claudia hatte es kapiert, als Papa einmal wie der Teufel aus dem Schlafzimmer gestürmt kam und geschrien hatte: „Ist jetzt endlich Ruhe!“ Mit einem rums hatte er die Schlafzimmertür wieder zugeworfen. Claudia und Sabina waren ihr Lachen im Hals stecken geblieben. Seither verwandelten sich beide in der Mittagsruhe in geräuschlose Geister.

Heute hatte Claudia bei Mama so lange gebettelt, bis sie nachgab und ihr für die Mittagsruhe im Esszimmer ein Dunkelhaus baute. Dort lag sie mit ihrer schwarzen Puppe Nelly im Arm und starrte auf die Unterseite des Esstisches, der von Decken verhüllt war. Ein Spalt zwischen Tischbein und Tischplatte zeichnete einen Lichtstreif auf die hölzerne Unterseite und beleuchtete Zeichen, die Claudia nicht verstand. Sie streckte ihre Beine nach oben und versuchte, mit den Zehenspitzen die schwarze Schrift zu erreichen. Erst als sie den Po anhob, schaffte sie es. Bald würde sie groß genug sein, um die Platte mit den Füßen zu berühren. Das Dunkelhaus war ihr Lieblingsort für die Mittagsruhe, vor allem, wenn sie es für sich allein hatte. Hier konnte sie träumen und fühlte sich geborgen.

„Eine Stunde ist Ruhe, dann gibt es eine Überraschung“, hatte Papa vorhin gesagt, ehe er sich hinlegte. Was mochte das für eine Überraschung sein? Manchmal machte er nachmittags mit den Kindern einen Spaziergang. Oder sie spielten Mensch-ärgeredich-nicht!

Sanft nahm Claudia Nelly hoch und hielt ihren Mund an das Ohr der Puppe.

„Was wird Papa heute mit uns machen, hast du eine Idee? Eine Überraschung ist doch etwas Besonderes. Meinst du nicht auch?“ Sie flüsterte, doch überschlugen sich ihre Worte beinahe vor Aufregung. Nach dem Mittagsschlaf würde nicht viel Zeit für eine Überraschung bleiben, denn am frühen Abend musste Papa den Teig für das Grahambrot und die Brezeln vorbereiten.

Claudia drückte Nelly an sich, dann hielt sie die Puppe mit beiden Händen in die Luft, sodass sie unter der Tischplatte schwebte. Im Lichtspalt erkannte sie das weiße Hemdchen und das gelbgrün gemusterte Röckchen, das Mama aus Stoffresten genäht hatte. Den Rest von Nelly verschluckte die Finsternis. Ob man nackte Schwarze im Dunklen sehen konnte? Claudia fragte sich, ob die Sonne in Afrika so stark schien, dass sie die Haut der Menschen verbrannte und sie deshalb dunkel wurde.

Seit ihrer Begegnung mit Bassu faszinierten Claudia schwarze Menschen. Vor einiger Zeit hatten ihre Eltern Besuch von Bassu, gehabt, einem Afrikaner, der in der Kirchengemeinde eine Ausbildung zum Missionar machte. Sie mochte Bassu sehr gern, durfte auf seinen Knien reiten und fand ihn wunderschön mit seinem glatten dunklen Gesicht. Er hatte große weiße Zähne und lachte mit einer tiefen Stimme, die Claudia beruhigte. Im Dunkeln sah sie seine lachenden Zähne und das helle Leuchten der Augen, aber nicht seine Gesichtszüge. Bassu hatte große Hände, oben schwarz, innen rosafarben und zart. Warum die Innenflächen der Hände nicht schwarz waren, konnte ihr niemand erklären. Nellys Händchen waren innen schwarz, aber sie war auch nur eine Puppe. Wenn sie groß war, da war sich Claudia sicher, würde sie ein schwarzes Baby haben.

Claudias Augen wollten heute nicht zufallen. Sie lauschte in das Dämmerlicht. Auf dem Kopfsteinpflaster unten in der Höllgasse rumpelten die eisenbeschlagenen Holzräder eines Wagens, dazu klackerten vier Pferdefüße. Bestimmt fuhr da der Opa-Bauer aus der Nachbarschaft, der Gras von seinem Güetle geholt hatte, an ihrem Haus vorbei.

Die Nachbarsbuben spielten offensichtlich auch auf der Gasse, riefen etwas, das Claudia nicht verstehen konnte und pfiffen auf den Fingern. Ihre Eltern betrieben eine Elektrohandlung im Haus gegenüber. Claudia mochte sie nicht, denn die Jungs zielten mit Krampen aus bunten Drahtteilen auf alles, was sich bewegte. Claudia hatte schon eine Sammlung dieser U-förmigen Geschosse und einige blaue Flecken von Treffern. Richtige Lausekerle waren das. Eines Tages hatte Claudia sich bei Mama beschwert, aber sie hatte nur mit den Schultern gezuckt.

„Mit Nachbarn zu streiten, bringt nichts.“, hatte sie gesagt.

„Die Eltern haben keine Zeit für die Buben. Beide arbeiten den ganzen Tag im Geschäft. Sei froh, dass der Papa nur angestellt ist und uns die Bäckerei nicht gehört. Sonst hätte er nicht so viel Zeit für euch Kinder.“

„Aber die haben dafür viel Geld. Zwei Autos stehen unten in der Gass.“

„Ich weiß, und wir haben kein Auto. Aber für uns ist das nicht so wichtig wie für viele andere Menschen heutzutage. Die Autos zeigen, dass es den Menschen wieder besser geht. Weißt du, vor zwanzig Jahren im Krieg, als ich so klein war wie du, mussten viele Menschen hungern.“

„Aber Mama, du bist doch groß und stark geworden.“ Mama lachte.

„Aber ein bisschen mehr Geld zu haben wäre schon gut.“

Den letzten Satz hatte Mama nur vor sich hingemurmelt, aber Claudia hatte ihn genau verstanden. Sie redete gern mit Mama, die stets versuchte, ihr alles zu erklären, und Antworten suchte auf die zahllosen Fragen, die Claudia durch den Kopf gingen. Manchmal war auch Mama ratlos. Dann sagte sie: „Wenn ich dazu einmal etwas in der Zeitung oder in einem Buch lese, erkläre ich es dir.“

Claudia hielt den Kopf schräg und konzentrierte sich. Leise paffte die Dampflokomotive. Vermutlich stand sie gerade im Bahnhof und tankte auf einem Nebengleis Wasser, und der Heizer schippte die Kohlen in den Ofen. Das hatte Claudia schon öfter beobachtet. Ab und zu war der Pfeifton gedämpft zu hören, mit dem der Wasserdampf in die Luft zischte. Der Bahnhof von Schorndorf lag gegenüber des Miethauses, in dem Claudia wohnte. Hier endete die elektrifizierte Bahnstrecke. Von da aus zogen die alten, schwarzen Ungetüme mit den mächtigen Rädern, die Züge in Richtung Aalen.

Claudia drehte sich auf die Seite. Sie streichelte Nelly über die seidigen Wuschelhaare und schloss die Augen. Sie stellte sich vor, Papa würde ihr und ihren Geschwistern, wie abends vor dem Schlafengehen, aus der Kinderbibel vorlesen. Doch jetzt wollte sie lieber an das Katzenbuch von der edlen Katzendame und ihrem hohen Besuch denken: Meister Bockowitsch und seine Gattin, Baron von Huhn und Baronin Henne sowie Tante Schwein weilten zu Tee und Kuchen bei der Katzendame und ihrem Diener. Zwei hungernde Katzenkinder klopften immer wieder an die Tür und bettelten um Brot. Der Diener schickte sie jedes Mal unwirsch weg, während die Katzendame die Gäste mit Köstlichkeiten bediente. Claudia litt mit den armen Katzenkindern und war wütend über die böse Katzendame. Eines Tages brannte das Haus der hohen Dame ab. Katzendame und Diener zogen von einer hohen Herrschaft zur anderen, doch keiner wollte sie aufnehmen. Aus Mitleid beherbergten die guten Katzenkinder die beiden in ihrer armseligen, fast zerfallenen Hütte. Jetzt erst merkte die Dame, wie schlecht sie sich benommen hatte. Alle vier schlossen sich zu einer Familie zusammen, hatten sich am Ende lieb und bauten gemeinsam ein neues Haus.

„Aufwachen, Claudia.“

Die Decke wurde zurückgeschlagen und ein Kopf mit rotbraunen, feuchten und nach hinten gekämmten Haaren strahlte sie an. Papa roch nach Seife. Neben seinem Kopf stand mit neugierigem Blick Sabine, und vor ihr kniete Klein-Hannes.

„Kinder, die Sonne scheint. Wir machen einen Ausflug und nehmen beide Kinderwagen mit.“ Papa lächelte verschmitzt.

„Aber ich brauche keinen Kinderwagen mehr“, protestierte Sabine.

Blitzschnell stand Claudia neben dem Tisch und sagte:

„Papa, Hannes fährt doch schon im Sportwagen und nicht mehr im Babywagen.“ Was wollte Papa bloß mit dem Babywagen?

Mama kam ins Zimmer, faltete die Decken, die über dem Tisch gelegen hatten, sorgfältig zusammen und stapelte sie auf den türrahmenhohen Schrank. Von dort holte sie die Nähutensilien, das Burda-Heft mit den Schnittmustern und das durchscheinende Schnittmusterpapier. Sie balancierte alles auf den Tisch.

„Mama, kommst du denn nicht mit?“, fragte Claudia.

„Nein, Kind, ich will den Stoff zurechtschneiden für eure Sommerkleider.“

Mama hatte Sabine und Claudia gestern im Burda-Magazin ein Kinderdirndel gezeigt mit Puffärmeln und Schürzchen, deren Ränder mit weißer Spitze eingefasst waren. Zweimal wollte sie die Dirndl nähen, genau gleich, nur verschieden groß, eines für Sabine und eines für Claudia. Sabine klatschte in die Hände, tanzte wild umher und verfiel in einen Singsang: „Wir bekommen tolle Sommerkleider, wir bekommen neue Sommerkleider, la-la-la-la“.

Claudia gefiel das Foto mit dem kleinen Mädchen sehr, denn es trug zu dem bunten Kleid ein weißes Schürzchen, während Mama beides aus buntem Stoff nähen wollte. Vielleicht hatte Mama keinen weißen Stoff, und Claudia wollte nicht undankbar sein. Mama zauberte immer wunderschöne Kleider, Röcke, Blusen oder Mäntelchen an der alten Nähmaschine, oft aus getragenen, von den Nachbarn geschenkten Kleidungsstücken.

„Aber Mama, wer schiebt den zweiten Kinderwagen, wenn du nicht mitgehst?“

Sie verstand nicht, was Papa vorhatte. Was war das für eine komische Überraschung? Spazierengehen mit zwei Kinderwagen?

„Claudia, du schiebst den Babywagen, und ich nehme den Sportwagen mit Hannes“, mischte sich Papa ein.

„Wo gehen wir denn hin?“, wollte Sabine wissen.

„Lasst euch überraschen. Los geht’s!“

Papa zwinkerte ihr lächelnd zu, ehe er sich umdrehte und losging. Er trug zuerst beide Kinderwagen durch das Treppenhaus zwei Stockwerke nach unten, nahm dann Hannes auf den Arm und stieg die Treppen hinunter. Claudia und Sabine folgten ihm.

Der Babywagen glich einem länglichen Korb aus geflochtenem, beigefarbenem Kunststoff mit einem runden Dach über dem Kopfende und hatte vier kleine Räder. Er war leer und leicht zu schieben. Claudia fühlte sich als die Große, während sie mit dem Kinderwagen neben Papa marschierte. Hannes hockte im Sportwagen und sein Köpfchen schaute über die Seitenteile hinweg. Es sah aus, als säße er in einer offenen Kiste auf Gummirädchen. Selbst die Räder von Claudias Roller waren größer.

Sie liefen auf der langen Straße Richtung Stadtausgang. Die Lederfabrik verbreitete den strengen Geruch nach gegerbter Tierhaut. In der Getränkeabfüllanlage ruckelten die Cola-Flaschen das Band entlang. An anderen Tagen beobachtete Claudia gern wie die leeren Cola- und Bluna-Flaschen von der Reinigungsanlage auf der einen Seite in die Abfüllanlage auf der anderen Seite klirrten und tanzten. Die vielen Flaschen mussten im Inneren einen Höllenlärm machen, denn das Klappern und Scheppern war auf der Straße deutlich zu hören. Heute warf Claudia einen kurzen Blick durch die große Glasfront und schob weiter. Auf der Brücke über der Rems schaute Claudia nach unten auf ein flaches Bächlein, das langsam dem Neckar entgegenfloss. Sie überquerten die Bundesstraße und steuerten Richtung Grafenberg. Claudia kannte diesen Weg. An vielen Sonntagen nach Kirche und Kindergottesdienst, Mittagessen und Mittagsschlaf ging es hinaus in die frische Luft, wie Papa das nannte.

„Papa, wo gehen wir denn mit dem Babywagen hin? Da hinten beginnt der Wald. Da wohnt doch keiner mehr. Da gibt es keine Babys.“

Claudia wunderte sich sehr, denn sie hatte gedacht, dass sie den Babywagen einer anderen Familie aus der Gemeinde bringen würden.

„Geduld, Kinder. Wir bringen den Wagen in den Wald.“

In den Wald? Was wollte Papa mit dem Babywagen im Wald? gern hätte sie genauer gefragt, aber Papa hatte Spaß an Überraschungen und konnte bei zu vielen Fragen sehr ungeduldig werden. Was war das heute für eine komische Überraschung? Wenn er die Kinder mit einem Eis überrascht hätte oder einer Portion Pommes, hätte das Claudia gefallen. Kinderwagen in den Wald schieben, war eine blöde Überraschung. Sie hatte keine Lust mehr auf so ein doofes Spiel.

Verärgert bruddelte sie vor sich hin und schob den Wagen auf dem asphaltierten Weg den Berg hinauf. Links ging es in die Weinberge, rechts wuchsen junge Tannenbäumchen. Claudias Arme wurden schwer. Der Schweiß rann ihr den Rücken hinunter. Mit jedem Schritt kam ihr der Anstieg steiler vor, und die verhasste Strumpfhose kratzte überall. Sabine hatte sich einfach zu Hannes in den Sportwagen gesetzt. Aber Claudia musste weiterschieben.

„Papa, ich kann nicht mehr“, beschwerte sie sich. „Wie weit ist es noch?“

„Halte durch. Wir biegen da vorne rechts ab in den Waldweg und gehen bis zum Ende des Weges, dorthin, wo die Sonne zwischen den Bäumen hindurchscheint.“

Papa war schon ein ganzes Stück weiter vorne, als sie abbog. In der Mitte des Wegs wuchs ein Streifen Gras, rechts und links hatten Reifen tiefe Spuren gegraben. Die Federung ließ den Babywagen tanzen. Plötzlich sprang der Haltebügel an ihr Kinn. Sie biss sich auf die Zunge. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schmeckte Blut. Am liebsten hätte sie sich ins Gras geworfen. Aber sie war die Große, die die Tränen hinunterschlucken sollte. Wütend nahm sie alle Kraft zusammen und schob den schaukelnden Wagen weiter, den Kopf gesenkt. Ein Schritt rechts, ein Schritt links, rechts, links. Plötzlich stand Papa neben ihr.

„Ich übernehme den letzten Teil, der Weg ist sehr schlecht. Sabine und Hannes warten vorne an der Lichtung.“

Mit schnellen Schritten ging er den Weg zurück, der Wagen sprang von einer zur anderen Seite. Von hinten sah es lustig aus. Erleichtert schluchzte sie auf, wischte sich mit dem Ärmel die Tränen weg. Sie schlich Papa hinterher und konnte sich ein leises Kichern über den hopsenden Wagen nicht verkneifen. Eigentlich liebte sie den Wald, aber heute interessierte sie sich nicht für die hohen Bäume und das Farbenspiel in den leuchtenden, hellgrünen Blättern. Ein Specht klopfte, als wolle er sie ermuntern, die letzten Meter noch zu schaffen.

Sie schnupperte. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft, der Wald strömte nicht wie üblich modrige Feuchte aus. Ob es hier gebrannt hatte? Doch Holzfeuer roch anders. Mit jedem Schritt nahm der Gestank zu. Vor ihr öffnete sich ein flaches Stück Wiese, das in einen Abhang überging. Braune verrostete Fässer und Steine, an denen Tapetenreste hingen, alte Dosen, ein Koffer und vieles mehr lagen herum. Aus einem Stück Beton ragte eine Metallstange empor, an der eine Kapuzenjacke hing und wie eine Vogelscheuche aussah. Eine Müllkippe. Vor dem Müllberg standen Papa mit Hannes auf dem Arm und Sabine neben dem Babywagen. Hannes hob sein dickes Ärmchen und winkte. Er gluckste vergnügt vor sich hin. Claudia schnaufte kurz entnervt und verdrehte ihre Augen, ehe Papa es sehen konnte und stapfte auf die anderen zu.

„So, Kinderchen, hier geben wir unserem Kinderwagen das letzte Geleit. Das ist seine Ruhestätte“, sagte Papa.

Claudia fand den Geruch ekelhaft und klemmte sich die Nase zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Verabschiedet euch von ihm. Ihr habt eure erste Lebenszeit darin verbracht, nun hat er ausgedient.“

Papa montierte die Räder ab und legte sie in die Seifenkiste von Hannes. Mit einem freudestrahlenden Lächeln, als würde er den Gestank gar nicht wahrnehmen, zog er den Fotoapparat aus seiner Jackentasche. Er wies Claudia und Sabine an, sich neben den Babywagen zu stellen, hieß sie zu winken, während er einige Schritte entfernt auf den Auslöser drückte.

„Jetzt ist der Film voll“, sagte er.

Müde und missmutig trottete Claudia hinter Papa und den Geschwistern im Sportwagen den Grafenberg hinunter. Ihre Zunge schmerzte, und sie war durstig. Außerdem war sie sauer auf Papa. Was für eine doofe Überraschung: Gestank und Schwerstarbeit. Dabei hatte sie sich so darauf gefreut.

„Mach nicht so ein Gesicht, du Sauertopf.“

Papa hatte sich umgedreht und lachte Claudia an.

„Du hast dich gut geschlagen mit dem großen Babywagen. Du hast dir ein Eis verdient, was meinst du?“

„Ich will auch ein Eis“, rief Sabine.

„Hey, Claudia, wie wäre es mit einem Zitroneneis? Das isst du doch so gern. Und jetzt lach mal wieder.“

„O ja, Zitroneneis!“ Sabines Augen glitzerten.

Immer musste sie sich vordrängen. Immer Erster sein. Zitroneneis. Das wäre doch eine richtige Überraschung. Claudia lächelte.

Zu Hause angekommen, durften Claudia und Sabine, wie oft am Abend, mit hinunter in die Mehlkammer und die Backstube, wenn Papa den Teig für den nächsten Tag vorbereitete. In der Mehlkammer, einem weiß gestrichenen Gewölbekeller, stapelten sich die Mehlsäcke bis unter die Decke. Claudia kletterte die hohen Säcke hinauf und schaute nach, ob Mäuse Löcher hinein geknabbert hatten. Sie kontrollierte das immer in Papas Auftrag, damit er, falls nötig, Fallen aufstellen konnte. Sabine war noch zu klein, um auf die Säcke zu klettern. Sie musste brav neben Papa auf einem Schemelchen sitzen. Sabine hatte manchmal Einfälle, die Papa für gefährlich hielt, weshalb er sie im Blick haben wollte, wie er zu sagen pflegte. Papa hob einen schweren Mehlsack auf die Schulter, öffnete ihn und schüttete das Mehl in das große Sieb. Sofort verschwand er in einer Wolke aus Staub. Es sah aus wie bei Meister Müller im letzten Streich von Max und Moritz. Aber böse Buben würde Papa niemals in die Nähe des Siebs lassen.

„Ich gehe mal in die Backstube und schaue nach dem Rechten“, ahmte Claudia den Chef-Ton ihres Vaters nach. Sie hoppelte an den beiden vorbei zur Tür hinaus und stapfte die schwarzen, steilen Steintreppen hinauf. Bis zum Bauchnabel musste sie die Knie hochziehen, um die nächste Stufe zu erreichen. Oben drückte sie mit aller Kraft die dicke, hölzerne Kellertür auf und schob die breite Schiebetür beiseite, die in den langen Gang zwischen Backstube und Laden führte. Aufgeregt rannte sie den Gang entlang und warf ihren kleinen Körper gegen die Backstubentür, um sie zu öffnen.

Hinter der Tür ragte die Sprechmuschel an einem Metallrohr aus der Wand heraus, die Mehlkammer und Backstube miteinander verband. Claudia zog die silberne Schüssel von der großen Waage herunter, die auf dem Boden stand. Dort würde Papa nachher das Mehl abwiegen. Zwei Rohre, die auf geheimnisvolle Weise mit der Mehlkammer verbunden waren, ragten aus der Wand. Deren Verschlüsse würde er später öffnen, und das Mehl würde aus ihnen heraus stauben und sich in der Schüssel sammeln. Das eine Rohr lieferte Weizen-, das andere Roggenmehl, das hatte Papa erklärt. Claudia drehte die Schüssel um und stellte sich mit den Zehenspitzen darauf.

„Was macht das Roggenmehl?“, fragte sie mit tiefer Stimme. Sie legte das Ohr an die Muschel, hörte das quietschende Schieben von Holzfüßen und gleich darauf Sabines piepsende Stimme, die ebenfalls versuchte, Papas zu imitieren.

„Ist gleich fertig.“

„Dann noch zwei Sack Weizen!“

„In Ordnung, Chef!“ Aus dem Rohr kam ein helles Kichern.

„Bleib oben, wir sind hier unten fertig!“ Das war Papas kräftige Stimme.

Abends war es in der quadratischen Backstube ruhig und friedlich. Sie strahlte sauber, roch nach Schmierseife und säuerlich nach der Lauge, in die Papa die Brezeln vor dem Backen eintauchte. Das letzte Tageslicht fiel durch die hohen Fenster und tauchte die Backstube in ein rötliches, fast märchenhaftes Licht. Der Backofen mit seinen acht breiten Backfächern reichte fast bis an die Decke. Sie kam Claudia so hoch vor wie die Kastanienbäume auf dem Schulhof der Mädchenschule. Rechts neben dem Backofenturm führte eine Treppe auf den Backofen hinauf. Einmal war sie hochgestiegen und hatte in die schwarze Höhle unter der Decke gestarrt, wurde aber von Papa sofort zurückgepfiffen.

„Da oben hast du nichts verloren.“ Sein scharfer Ton fühlte sich an wie eine Ohrfeige. Darauf folgte vor den Teigmaschinen mit ihren starken Rührarmen, die doppelt so dick wie Papas kräftige Oberarme waren, eine Lehrstunde zum Benehmen in der Backstube.

„Bleibt weg von den Maschinen. Hier wirken Kräfte, die matschen kleine Mädchen zu Apfelmus.“

Sein strenger Blick und der drohende Zeigefinger jagten Claudia Angst ein. Seither träumte sie manchmal von dunkelrotem Apfelmus, gespickt mit aufgerissenen Augen und abstehenden Ohren. Von da an lief sie in einem großen Bogen um die Teigmaschinen herum, obwohl der Geruch nach feuchtem Mehl, Salz, Hefe und Sauerteig eine magische Anziehungskraft auf sie besaß.

Die Tür öffnete sich. Papas Haare sahen aus wie die von Oma aus Erlangen und sein Gesicht war weiß gepudert. Sabine lief in die Ecke hinter der großen Steinspüle und rollte den Hula-Hoop-Reifen heran. Er gehörte der Tochter des Chefs, die einige Jahre älter war als Claudia und den Reifen um die Hüften schwingen konnte. Während Papa den Teig vorbereitete, schoben Sabine und Claudia den schlingernden Reifen zwischen sich hin und her.

„Kommt mal her, ihr beiden“, rief Papa. Die Maschine war ausgeschaltet. Claudia konnte gerade so mit den Augen über den Rand der Teigschüssel schauen und sog den herrlich säuerlichen Duft des Grahamteiges ein. Papa schaufelte den Teig in riesige Schüsseln und deckte sie mit Tüchern zu.

„Der Teig muss jetzt über Nacht schlafen“, sagte er.

„Darf ich probieren?“ Claudia mochte den Geschmack des Teiges. Papa gab ihr den Teigschaber mit Teigresten, und sie schleckte ihn ab, schmeckte Hefe und Sauerteig auf der Zunge und spürte, wie sie auf der Wunde vom Nachmittag brannten.

Sabine mochte den Teig nicht. So blieb mehr für Claudia.

Sie räumten den Reifen wieder an den Platz und gingen nach oben.

Einige Wochen später saß Claudia mit Papa am Tisch im Esszimmer. Sie hatte die Unterarme übereinandergeschlagen und auf die Tischplatte gelegt, ihr Kinn lag auf den Armen. Aufmerksam beobachtete sie, wie Papa die Fotos des letzten Films in das Album einklebte. Teilweise schnitt er sie zurecht, wobei seine Zunge die Bewegung der Schere nachahmte.

„Erinnerst du dich noch?“ Er hielt ihr ein Foto unter die Nase.

„Das war die letzte Aufnahme des Farbfilms, den ich ausnahmsweise zu Ostern gekauft habe. Die Farbfilme sind sehr teuer. Schau sie dir an, diese hübschen, kleinen Mädchen mit den blonden Pferdeschwänzen.“

„Papa, ich bin fast sechs und nicht mehr klein.“

„Weiß ich doch. Aber ich finde euch hübsch, in den roten Strumpfhosen, in Rock und Pullover und mit den gleichen weiß und rosa gemusterten Kittelschürzen, die Mama genäht hat.“

Mit einem Lächeln im Gesicht bestrich er die Rückseite des Fotos mit Kleber.

„Soll ich einen Text neben das Foto schreiben?“, fragte er, während er es festdrückte.

Claudia nickte heftig. Sie erinnerte sich vor allem an den Gestank der Müllkippe und schmeckte das Blut in ihrem Mund, aber sie genoss diese Minuten, wenn Papa mit Ruhe etwas machte. Wenn sie spürte, wie gern er es tat.

„Schreib ein Gedicht.“, sagte sie und sah in seine braunen Augen.

„Ein Gedicht?“

Er legte die Stirn in Falten, in die eine rote Strähne gefallen war, und kaute auf dem Füllfederhalter. Dann schrieb er und sprach laut mit:

„Ade, du lieber Kinderwagen hast uns lang genug getragen.

Jetzt wirst du ohne Räder stehn.

Wir werden dich nicht wiedersehn. (Mai 1963)“

Claudia überlegte, ob jetzt der passende Moment war, ihn etwas zu fragen. Obwohl Mama ihre Fragen immer beantwortete, hatte sie diesmal nur gesagt: „Frag Papa. Zu mir sagte er nur: Kommt nicht in Frage.“

Claudia räusperte sich.

„Papa, neulich sind wir doch an der katholischen Kirche vorbeigelaufen. Gegenüber ist der Kindergarten, in dem wir zur Schluckimpfung waren, erinnerst du dich?“

„Mmm. Wieso?“ Er starrte sie mit weiten Augen an. Was er wohl dachte?

„Hast du gesehen, wie schön die Fenster geschmückt waren?“ Er runzelte erneut die Stirn.

„Im Kindergarten wird immer gebastelt. Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„Ich will auch in den Kindergarten.“

„Aber Mädle, du kommst doch nächstes Jahr in die Schule.“

„Bleibt viel Zeit für den Kindergarten. Die Else aus der Gemeinde geht auch hin. Das hat sie mir in der Kinderstunde erzählt.“

„Claudia, deine Mama ist den ganzen Tag zuhause. Ich habe am Nachmittag Zeit, mit euch etwas zu unternehmen. Am Abend kommt ihr mit in die Backstube. Wir basteln, singen und hören Geschichten unseres Heilands in der Kinderstunde in der Kirche. Vor dem Zubettgehen lese ich euch eine Geschichte vor und wir singen das Abendlied. Du brauchst keinen Kindergarten.“

„Aber Else sagt, es ist schön, mit vielen anderen Kindern zu spielen.“

„Du hast doch deine Geschwister.“

„Aber die sind noch so klein.“

„In der Höllgasse wohnen genug Kinder zum Spielen. Außerdem können wir uns das nicht leisten. Du gehst nicht in den Kindergarten. Ende der Fragerei. Und sei bloß kein Plagegeist!“

Claudia stiegen Tränen in die Augen. Sie schluchzte auf. Sein strenger Blick traf sie. Sie kannte den Satz: Hör auf zu weinen, sonst gebe ich dir einen Grund. Den wollte sie nicht hören. Sie stand auf und ging zur Toilette.

2

Mit Schwung warf Claudia ihren braunen Lederranzen über die Schulter und ruckelte die Halteriemen zurecht. Schreibzeug, Lesebuch, Heimatkundeheft und die Vesper, mehr brauchte sie nicht, denn heute war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien. Sie hüpfte die Stufen des breiten Treppenhauses hinunter. Im Lichthof des großen Mietshauses leuchtete eine Mondsichel am schwarzblauen Himmel. Es roch herrlich nach Schnitzbrot, Springerle und Weihnachtsplätzle. Claudia lief das Wasser im Mund zusammen. Bald durfte sie Gebäck und Lebkuchen naschen. Sie schaute die drei Stockwerke hinauf und lauschte. Keine Schritte zu hören. Geübt kletterte sie auf das hölzerne Geländer und rutschte auf dem Bauch das letzte Stück hinunter. Mit einem Satz landete sie vor den Briefkästen im Hausflur.

Sie zog die Haustür auf und trat hinaus in die Dunkelheit. Feucht und kalt lag der Winter auf der Stadt. Der Rauch aus Holz- und Kohlefeuer mischte sich mit den Abgasen der Autos und Kleinlaster. Die zum Bahnhof eilenden Menschen stießen Atemwölkchen aus und trugen die Kragen ihrer Mäntel hochgeschlagen. Schwarzer Schneematsch lag im Rinnstein. Claudia schlenderte an den Geschäften entlang und blieb vor dem erleuchteten Schaufenster des Schuhgeschäfts stehen. Zwischen hohen Damenstiefeln saßen auf Wattebergen goldene Engel mit durchscheinenden Flügelchen. Sie wirkten, als wollten sie gleich wegfliegen. Neben halbhohen Schnürstiefeln und Hausschlappen zogen dicke Weihnachtsmänner mit roten Wangen Schlitten, auf denen pralle Säckchen thronten. Claudia liebte das Leuchten und Glitzern zur Adventszeit.

In der letzten Woche hatte Claudia mit Papa, Sabine und Hannes Weihnachtsplätzchen gebacken. Mit Spaß und Eifer stach sie in der Backstube Tannenbäumchen und Weihnachtsmänner aus, während Sabine und Hannes die Sterne und Monde übernahmen. Die schwierigen Plätzchen wie Hildabrötchen mit Erdbeermarmelade, Schwarz-Weiße und Nussmakronen erstellte Papa. Morgen wollte er die Lebkuchen backen. Der Teig ruhte seit Bus- und Bettag auf dem Schlafzimmerschrank.

Bald war Weihnachten. Claudia freute sich schon sehr darauf. Papa würde wieder das Puppenhaus und den Kaufladen vom Speicher holen und wie jedes Jahr mit echtem Geld einkaufen. Am Weihnachtsabend versteckte Mama die Geschenke unter einem Leintuch, das unter dem Christbaum lag. Diesen schmückten die Eltern am Nachmittag des Heilig Abend mit glitzerndem Lametta, glänzenden bunten Kugeln und roten Wachskerzen. Auf der Spitze des Baumes saß ein goldener Engel, und die Wohnung duftete nach Bienenwachs. Welche Geschenke wohl unter dem Tuch liegen würden?

Claudia ging weiter, am Friseur vorbei, wo Mama ihre Dauerwelle legen ließ und Claudia gern ihre Zöpfe und die Schmerzen beim Kämmen losgeworden wäre. Sie warf einen kurzen Blick durch ein Schaufenster auf Wintermäntel und festlichen Kleider, zwischen denen goldenen Sterne funkelten. Wie hübsch die Verkäuferinnen alles geschmückt hatten. Bei „Spielwaren Wunderle“ hielt sie erneut an. Puppenwagen füllten die Auslage. Auf hohen Rädern standen sie da, dekoriert mit Spitzendeckchen, auf denen winterlich gekleidete, steife Puppen thronten. Zwischendrin, in einem kleinen Sportwagen, saß neben einer anderen dunklen Nelly, die Puppe, die Claudia sich wünschte. Angezogen mit einem rosafarbenen Nachthemd und einer Haube, beweglich und anschmiegsam: Das Schlummerle. Claudia seufzte.

Sie hatte das Schlummerle auf den Wunschzettel geschrieben. Aber im Gegensatz zu Sabine hatte Claudia eine liebe, aber mittellose und kranke Patentante, von der es keine üppigen Geschenke gab. Mit aller Kraft dachte Claudia an ihren Wunsch, an das Schlummerle. Jeden Abend betete sie zum lieben Gott, er möge die Puppe unter den Baum zaubern. Bestimmt würde sie unter dem Leintuch auf Claudia warten.

Die Turmuhr der Stadtkirche schlug dreimal und riss Claudia aus ihren Gedanken. Dreiviertel Acht, du liebe Zeit, nur noch fünf Minuten. Claudia rannte los. Der Ranzen hoppelte auf ihrem Rücken. Sie sauste über die Johann-Philip-Palm-Straße hinweg und den Weg Zum Brünnele entlang. Außer Atem überquerte sie den Schulhof der Mädchenschule, stemmte sich gegen die schwere, hohe Schulhaustür und stolperte die breiten Treppen hinauf in den zweiten Stock. Geschafft. Gerade noch rechtzeitig.

Auf dem Lehrerpult brannten die vier roten Kerzen des mit roten Bändern geschmückten Adventskranzes. Aus einem grünen Holzmännchen mit langer Pfeife räucherte es Tannenbaumduft. Gespannt hängte Claudia den Ranzen an den Haken auf der Seite und huschte in die Bank. Was sich die Pölchine wohl für den letzten Schultag ausgedacht hatte? Claudia saß in der ersten Reihe, schaute zurück und blickte in viele erwartungsvolle Gesichter.

Pölchine, wie die Kinder Frau Pölskau nannten, stand vor ihrem Schreibtisch und wartete geduldig, bis alle achtunddreißig Mädchen ordentlich in ihren Bänken saßen. Sie war eine große, schlanke Frau mit rotblonden Haaren, die sie im Nacken zu einem dicken Knoten zusammengefasst hatte. Wie meist trug sie ein graues Wollkostüm, darunter eine hochgeschlossene, weiße Bluse mit Spitzenkrägelchen. Um den Hals glitzerte ein kurzes goldenes Kettchen mit einem roten Steinchen in einem runden Anhänger. Für Claudia stellte Pölchine mit ihren Seidenstrümpfen und den schwarzen Pumps die eleganteste Frau dar, die sie kannte. Wenn sie durch die Reihen ging, roch es nach Rosenblüten.

Sie hatte einen fremden Akzent. Claudias Oma in Erlangen sprach Fränkisch, der Opa Kölsch. Papas Verwandtschaft plauderten kurpfälzisch und hessisch, hier in Schorndorf schwäbelte man überall. Doch Pölchine klang ungewohnt anders. Den Kindern hatte sie erzählt, dass sie aus den ehemaligen Ostgebieten stammte, von sehr weit östlich, aus Königsberg in Russland. Das war nicht dort, wo „die Brüder und Schwestern im Osten“ wohnten, für die Claudias Mutter jetzt in der Adventszeit die Kerzen ins Fenster stellte. Claudia konnte sich nicht vorstellen, wo Russland lag. Doch sie spürte, dass Pölchine einen weiten und anstrengenden Weg zu bewältigen hatte, als sie nach dem Krieg aus ihrer Heimat fliehen musste.

Claudia mochte ihre Pölchine sehr gern, weshalb sie mit viel Spaß in der Schule lernte. Sie war liebevoll und begegnete ihr und ihren kichernden Mitschülerinnen mit viel Verständnis. Nie gab es Schläge, wie das in Papas Schule üblich gewesen war, einen Stock besaß sie nicht.

Die Lehrerin hob die Hand und alle verstummten.

„Guten Morgen, Kinder.“

Alle sprangen aus ihren Bänken.

„Guten Morgen, Frau Pölskau.“

„Setzt euch. Heute erzähle ich euch eine Weihnachtsgeschichte, die sich am 17. Dezember, also heute vor 276 Jahren, in unserer Stadt ereignete.“

276? Unvorstellbar. Claudias rätselte: Oma zählte 64, ihr Papa 35, die Mama 28 Jahre, und Claudia hatte im September ihren 7. Geburtstag. Nur Jesus wurde vor 2000 Jahren geboren, vor ganz langer Zeit.

„Stellt euch vor, wir befinden uns im Dezember des Jahres 1688. Kommt mal alle nach vorne und schaut euch dieses Bild an.“

Es gab ein Geschubse und Gedrängel, bis alle Mädchen das gedruckte Gemälde sehen konnten, das Plöchine in der Hand hielt. Es war so groß wie zwei hochkant nebeneinanderliegende Schiefertafeln, auf denen sie bis vor kurzem Buchstaben und Zahlen geübt hatten.

In der Mitte des Gemäldes befand sich eine Frau mit einem dunkelblauen Kleid, das aus einem enganliegenden Oberteil mit langen Puffärmeln und einem faltenreichen, bodenlangen Rock bestand. Sie streckte den rechten Arm in die Luft, in der Hand hielt sie ein Schwert und drohte einigen Männern, die um einen Tisch herumsaßen. Hinter ihr versammelt, stand eine Gruppe von Frauen in wallenden Kleidern, mit Heu- und Mistgabeln bewaffnet.

„Die Frau mit dem Schwert ist Barbara Walch, später hieß sie Künkelin. Weihnachten 1688 rettete sie Schorndorf vor der Zerstörung durch die Franzosen. Sie führte die Frauen der Stadt ins Rathaus und zwang die Männer im Magistrat und den Bürgermeister, die Stadt nicht an die Feinde zu übergeben. Geht wieder auf eure Plätze, dann erzähle ich euch die Geschichte von Anfang an.“

Claudia war beeindruckt. Eine Frau mit einem Schwert. Das hatte sie noch nie gesehen. Sie kannte Sankt Martin, der den Mantel mit dem Schwert teilte. Von Rittern, die Rüstung und Schwert trugen, hatte sie schon gehört.

„Kinder, aufgepasst!“, unterbrach Pölchine ihre Gedanken. Sie klopfte mit dem Zeigestock an die Tafel.

„Wenn ihr Fragen habt, meldet euch bitte, dann beantworte ich sie euch zwischendurch.

Also: 1688 gab es einen französischen König, der hieß Ludwig und wurde der Sonnenkönig genannt. Er lebte in Frankreich, in der Nähe von Paris, im prächtigen Schloss von Versailles. Er wohnte dort nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Frau, seinem Bruder und der Frau des Bruders. Sie hieß Liselotte und kam aus der Pfalz, aus Heidelberg.“

Claudia meldete sich und durfte etwas sagen. Sie stand auf:

„Mein Vater stammt aus der Nähe von Heidelberg, aus Hockenheim, wo meine Oma wohnt. Mit meiner Tante war ich in Heidelberg. Dort gibt es auch ein Schloss, das ist aber nur noch eine Ruine.“

Sie setzte sich.

„Claudia, in diesem Schloss in Heidelberg wurde Liselotte von der Pfalz geboren, bevor sie nach Frankreich verheiratet wurde. Der Schwager von Liselotte, also König Ludwig, wollte nicht nur das Heidelberger Schloss besitzen, sondern verfügte, dass alles, was Liselotte gehörte, nun ihm, dem französischen König, gehören sollte. Also schickte er seine Generäle und viele Soldaten und verwüstete große Teile von Liselottes Heimatland. Dabei zerstörte er auch das Schloss in Heidelberg. Liselotte weinte sehr und war todunglücklich.“

Elke, Claudias Freundin, streckte den Finger hoch. Pölchine nickte. Elke rutschte aus der Bank, stand auf und fragte:

„War Herr Mélac vom Mélac Stübchen in der Schulstraße Soldat von König Ludwig, – hat er dort gewohnt?“

Elke setzte sich.

„Nein, Elke. Der Wirt vom Mélac Stübchen hat seine Wirtschaft nur nach dem französischen General benannt.“