Broiler, Wimpel, Westpaket - Torsten Harmsen - E-Book

Broiler, Wimpel, Westpaket E-Book

Torsten Harmsen

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Beschreibung

Der Mensch wächst mit den Dingen, die ihn umgeben. Sie verändern sich, sie verschwinden, neue kommen hinzu. Torsten Harmsen – Jahrgang 1961 – spürt in diesem Buch den Gegenständen aus der Zeit seiner Kindheit und Jugend nach: vom Kassettenrekorder und der Teppichklopfstange über Rechenschieber und Setzkasten bis hin zu Jeans, Schallplatten und der ersten Zigarette. Einiges davon gibt es heute nicht mehr, anderes hat sich in Form und Bedeutung verändert. Harmsens humorvolle Beobachtungen zeigen, wie sehr uns Dinge prägen können – und sie regen an, über die Wandelbarkeit der Welt nachzudenken.

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Broiler, Wimpel, Westpaket

Torsten Harmsen

BROILER, WIMPEL, WESTPAKET

Ein (ost)deutschesLeben in 55 Dingen

BeBra Verlag

Inhalt

Vorwort: Die ersten Dinge

Stullentasche

Kuscheltier

Spritze

Kindersitz

Nagel

Motor

Angel

Eis

Porzellanfigur

Eier-Durchleuchter

Wurmmittel

Schulmappe

Bohnerwachs

Taschentuch

Klopfstange

Unterhose

Wimpel

Schulmilch

Kachelofen

Foto

Bakelit

Schwimmhilfe

Krankenhausbett

Altstoff

Füller

Westpaket

Kaugummi

Roller

Holzbrett

Wasserhahn

Streichholz

Trommel

Schulterstücke

Erbsengewehr

Akte

Kreide

Radio

Wandzeitung

Kassettenrekorder

Kirchenglocke

Hantel

Zeigestock

Hosenträger

Broiler

Rechenschieber

Setzkasten

Jeans

Zigarette

Matratze

Bohrer

Sonnencreme

Mütze

Uniform

Schallplatte

Fackel

Epilog

Anhang

Vorwort: Die ersten Dinge

Der Mensch wächst mit den Dingen. Sie verändern sich, sie verschwinden, andere kommen hinzu. Das hört nie auf. Und wenn alte Leute jammern, dass die Welt „früher ganz anders“ gewesen sei, dann beklagen sie zum großen Teil den Verlust von Dingen. Und sie schütteln ihre Köpfe über die Vielzahl des Neuen, mit dem sie nichts mehr anfangen können.

Auch ich – 1961 im Osten Deutschlands geboren – beginne langsam, verschwundene Dinge zu betrauern. Oder besser: Ich bemühe mich, es nicht zu tun, sondern den Wandel lediglich zu konstatieren. Viele Kumpels allerdings seufzen: Hach ja, früher gab es noch Röhrenradios, Kassettenrekorder, Schreibmaschinen, Diaprojektoren, Super-8-Filme, Kachelöfen, Rechenschieber, Pferdefuhrwerke, Teppichklopfer, Telefonzellen und vieles mehr. Also ganz einfache, handfeste Dinge. Nicht den ganzen Schnickschnack von heute.

Manche lamentieren sogar: Es gab Wimpel, Pioniertücher und fröhlich flackernde Fackeln! Dabei handelt es sich um Nostalgie, die eher mit dem Verschwinden der eigenen Jugend zu tun hat. Wirklich wiederhaben will man kaum etwas davon. Andere wiederum trauern den Westpaketen hinterher. Diese Wehmut gilt aber vor allem dem Gefühl, mit dem Paket etwas Besonderes, Geheimnisvolles zu bekommen. Etwas, das man normalerweise nicht kriegt. Aber dieses Gefühl ist verloren, seitdem man alles selber kaufen kann. Und sogar muss.

Über Neues wird auch gern gelästert. Wenn mein innerer Berliner – der Typ, der mich ständig begleitet – zum Beispiel sieht, wie erwachsene Touristen in Berlin-Mitte auf Elektrorollern herumkurven, dann ätzt er: „Dit letzte Mal, als ick Rolla jefahrn bin, war ick zehn Jahre alt!“ Und wenn er sieht, dass ein hipper Kaffeeladen „lauter Schnulli“ anbietet, zum Beispiel „Nitro Coffee“ (kalt aufgegossenen, mit Stickstoff versetzt), dann meckert er: „Wenn ick ’ne Kaffeebude hätte, hätten die Leute nur eene Wahl: Kaffe oder keen Kaffe. Und für die Kinda Muckefuck.“

Man müsste mal eine Umfrage unter den Leuten machen: Was war das erste Ding deines Lebens? Das zu beantworten, ist gar nicht so einfach, denn das Meiste verschwindet im Unbewussten. So auch bei mir. Ich wurde 1961 im Südosten Berlins geboren, als Siebenmonatskind. Man steckte mich sofort in eine Frühchen-Station – sechs Wochen, in denen mich meine Mutter nicht besuchen durfte. Mein Schluck- und Saugreflex war noch nicht entwickelt. Das ist schon peinlich für einen, dessen Hauptberuf Säugling ist! Das ist genauso, als könnte ein Bäcker nicht backen, ein Rennpferd nicht rennen, eine Fliege nicht fliegen. Zu den allerersten Dingen, die mir begegneten, gehörte eine Sonde, mit der man mich durch die Nase ernährte. Aber ich erinnere mich nicht daran. Vielleicht tut es mein Unterbewusstsein.

Plötzlich aber scheint eine erste deutliche Szene auf, aus der Kinderkrippe, der Kita für die ganz Kleinen. In der Szene belagere ich mit anderen Kindern einen Tisch. Der ist so hoch, dass ich meine Ärmchen ausstrecken muss, um an die Tischplatte zu kommen. Oben steht ein Teller mit Marmeladenbroten. Wir alle schieben und drängeln, um die wenigen Weißbrotstullen zu ergattern, die zwischen den Mischbrotstullen liegen.

Ich hoffe ganz stark, dass die in weiße Kittel gekleideten Erzieherinnen – auch Tanten genannt – dafür sorgten, dass es am Ende nicht den Kindern allein überlassen blieb, wer die begehrten Weißbrotscheiben essen durfte. Wenn nicht, hätte ich als schwächliches Frühchen gegenüber so manchem Kraftbolzen sicher den Kürzeren gezogen. Wie die Szene damals ausging, weiß ich nicht. Aber zumindest bin ich nicht verhungert seitdem, auch nicht verfettet.

Zu den allerersten Dingen, die sich mir einprägten, gehören auch: unser weißer Milchkrug mit den blauen Punkten; der große tickende Wecker der Oma, die bei uns wohnte; ihr brummendes Röhrenradio; der Löffel, mit dem mich meine Mutter fütterte, als ich krank war; der Stirnspiegel des Ohrenarztes, zu dem ich öfter musste; die Rotlichtlampe, vor die man mich setzte. Um nur einiges zu nennen.

In diesem Buch soll es darum gehen, wie wir den Dingen begegnen, wie sie uns prägen. Die handelnden Figuren sind etwas verfremdet, ihre Namen auch. Ein Wiedererkennen ist Zufall. Aber ansonsten ist alles voll aus dem Leben gegriffen, so weit man das nach vielen Jahrzehnten überhaupt noch kann. Erinnerungen vollziehen ja viele Wandlungen, können sich am Ende in Details unterscheiden. Hier geht es um ein Leben im Osten Deutschlands, um aufregende Kindheitsgeschichten. Menschen aus dem Westen, aus verschiedenen Kulturen und Generationen haben sicher andere Erfahrungen. Dieses Buch soll ein Anstoß sein, sich darüber auszutauschen. Ganz unbefangen, voller Neugier auf andere. Und vielleicht kann es auch dazu anregen, über den Wert von Dingen nachzudenken und über die Veränderlichkeit dessen, was uns umgibt.

Stullentasche

Im Leben sind mir unzählige Taschen begegnet: Aktentaschen, Kartentaschen, Fahrrad-Satteltaschen, Beuteltaschen, Handgelenktaschen, Taschen über Taschen. Doch die erste, die mich täglich begleitete, war meine Stullentasche. Sie baumelte mir um den Hals, wenn ich an der Hand meiner Mutter zum Kindergarten ging. Alle Stullentaschen sahen in etwa gleich aus. Sie waren aus Leder und besaßen einen metallenen Drehverschluss, den man durch einen Schlitz im Deckel schieben musste. In der Tasche lagen eingepackte Stullen mit Salami („harter Wurst“) oder Teewurst, ein paar Apfelstückchen und vielleicht noch eine Süßigkeit.

Heutzutage gibt es keine Stullentaschen mehr. Das Kind bekommt eine Brotbüchse in den Rucksack gestopft. Sorry, die Dinger heißen natürlich Lunchbox, Yumbox und Twin-Box. Sie sind meist bunt, mit Bildchen versehen und besitzen innen Fächer, in die so allerhand hineinpasst. Es gibt wahre Wettkämpfe unter Müttern darum, wer die tollsten Pausenbrot-Kreationen fabriziert. Ich bin dankbar dafür, dass ich als Kind von so etwas verschont wurde.

Das heißt nicht, dass man mit einer Stullentasche nicht auch peinliche Erlebnisse haben konnte. Zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Mittagsschlaf im Kindergarten. Das klingt seltsam, aber genauso war es bei mir. Ich hasste nämlich den Mittagsschlaf. Er war eine dumme Erfindung. Völlig unlogisch. Man tobte doch gerade so schön umher. Der Hausmeister ließ bereits Wasser ins große Planschbecken, weil bald gebadet werden sollte. Plötzlich klatschte eine der Erzieherinnen in die Hände, und rief: „Alle Kinder (klatsch, klatsch) zum Mittagessen fertigmachen.“ Und nach dem Essen folgte sofort der Mittagsschlaf. Alle gingen brav noch mal pullern und legten sich dann im Gruppenraum auf die ausgeklappten Liegen, wie Brote nebeneinander, und schlummerten bald weg. Ich dagegen konnte nicht schlafen. Ich drehte mich hin und her, sang Liedchen. Die Tanten verdrehten ihre Augen – so ein nervöser Zappelphilipp! – und versuchten mich zu separieren.

Beim ersten Mal steckten sie mich in den Verschlag, der normalerweise die Liegen beherbergte, Bettenschrank genannt. Der war ja nun leer. Dort lag ich hellwach und popelte aus Langeweile die gelbe Ölfarbe von der Wand. Hinterher gab’s ein großes Geschrei. Aber die Erzieherinnen waren ja selbst schuld. Sie hatten nicht nach mir geschaut.

Beim zweiten Mal verfrachteten sie mich auf die Liege, die im Krankenzimmer stand. Dort vertrieb ich mir aus Nervosität die Zeit damit, kleine Stückchen aus dem weißen Bettbezug zu beißen. Am Ende sah der Boden aus, als hätte es geschneit. Meine Mutter wurde sofort informiert. Sie wunderte sich sehr. Aber nicht über mich, sondern über die Erzieherinnen. Meine Mutter war Lehrerin einer nahen Schule und hätte ihre Kinder nie links liegen lassen, irgendwo in einem Verschlag oder einem leeren Zimmer.

Beim dritten Mal hatten die Tanten die schlaue Idee, meine Liege in den Vorraum zu stellen. Dort hingen an Garderobenhaken die Sachen aller Kinder. Ich lag auf dem Rücken, presste die Augen zu und versuchte mit aller Macht zu schlafen. Doch es klappte beim besten Willen nicht. Gelangweilt und frustriert blickte ich auf die Stullentasche, die ganz in meiner Nähe hing. Es war nicht meine. Aber plötzlich dachte ich: Man könnte ja mal reingucken. Aus Neugier öffnete ich sie. Drinnen lag eine Kerze aus Marzipan. Mmh, dachte ich, man könnte ja mal ein Stückchen kosten. Nur ein Krümelchen! Niemand würde es merken. Also kostete ich. Nach einer Weile des Herumliegens wurde ich wieder unruhig. Ich öffnete die Tasche erneut, nahm wieder nur ein kleines Krümelchen, verschloss die Tasche und legte mich wieder hin. So ging das die nächste halbe Stunde: Stullentasche öffnen – Krümelchen kosten – Stullentasche schließen – Stullentasche öffnen – Krümelchen kosten – Stullentasche schließen.

Hinterher kam die große Abrechnung. Denn ich hatte die ganze Marzipankerze aufgefressen. Ein Junge namens Stefan heulte. Er war der Besitzer der Stullentasche. Und ich war natürlich „ein böser, gemeiner Dieb“, wie die Kinder riefen. Wieder ärgerte sich meine Mutter tüchtig, als sie mich abends abholte. Man konnte es deutlich an der tiefen Falte über ihrer Nasenwurzel sehen. Und es muss wohl ein ernsthaftes Gespräch im Kindergarten gegeben haben. Beim nächsten Mittagsschlaf setzte sich eine der älteren Erzieherinnen zu mir an die Liege. Sie legte ihre große warme Hand auf mein Händchen, und immer, wenn ich blinzelte, sagte sie: „Pssst, nicht gucken. Äuglein zu!“ So ging es ein Weilchen. Ich wurde müder und müder – und irgendwann war ich eingeschlafen.

Schade, mag jetzt mancher zu mir sagen. Vielleicht wärst du mit ein bisschen mehr Ausdauer als der große Anti-Mittagsschlaf-Rebell des Kindergartens in die Geschichte eingegangen. Vielleicht hättest du das System verändert. Dafür bestand – ehrlich gesagt – keine Chance. Ich aber hatte die ersten wichtigen Lektionen des Lebens gelernt. Erstens: Der Schlaf ist ein scheuer Vogel, der sich nur auf den setzt, der nicht auf ihn lauert. Zweitens: Was immer nur ein ganz kleines bisschen weniger wird, ist irgendwann ganz weg! Das hat schon Hegelsche Dimensionen: Es ist ein winziger Schritt von „noch da“ hin zu „für immer weg“! Dies lernte ich am Beispiel einer kleinen Marzipankerze in einer Stullentasche.

Kuscheltier

Manchmal habe ich heute den Eindruck, dass die ganze Welt aus lauter kitschigen Plüschtieren besteht. „Da kriegste richtich Angst“, sagt mein innerer Berliner, „vor allem bei den Glubschi-Viechern mit den riesijen Kulleroogn, die de überall in de Koofhäuser siehst. Die solln wohl Mitleid errejen. Weltweit krepeln die Arten ab, aber Tausende Stofftiere, die werden jeknuddelt und jeliebt wie sonstwat.“ Ich kenne eine Familie, von deren Sofa ein paar Dutzend Kuscheltiere glotzen. Wenn man zwischen ihnen Platz nimmt, ist man verschwunden. Wächst die Sehnsucht nach plüschiger Gemütlichkeit proportional zur sozialen Kälte und zu den Krisen der Welt?

Als Kind besaß ich nur wenige Stofftiere. Dazu gehörten ein großer Teddy und ein kleines Reh mit samtigem Fell, das ich sehr liebte. Leider musste ich mich schon früh von ihm trennen. Und das kam so: Es war Sommer. Wir Kindergartenkinder standen alle nackt am Planschbecken und warteten darauf, reingehen zu dürfen. Neben mir stand ein Mädchen, Rita. Wir wussten bereits, dass wir „untenrum“ unterschiedlich aussahen. Aber beim Anstehen in der Gruppe hatten wir endlich mal Ruhe, uns genauer zu betrachten. Ich streckte sogar den Finger aus, um das „da unten“ mal anzufassen. Mein Gott, ich war fünf Jahre alt!

Plötzlich brach ein Donnerwetter los. Wir lebten in ziemlich prüden Zeiten. Eine Erzieherin stürzte auf mich zu und zog mich aus der Reihe. „Wat machst’n da? Finger weg! Pfui!“, rief sie. „Das is ja unjezogen! Ab auf den Stuhl hier! Heute jibts kein Baden für dich.“ Ich wusste nicht, wofür ich bestraft werden sollte. Doch die Kinder, die wieder aus dem Wasser kamen, hatten durchaus eine Meinung. Das ist bei den Kleinen wie bei den Großen. Man hat überhaupt nichts mitgekriegt, weiß aber sofort Bescheid: Der sitzt in der Ecke, durfte nicht mit baden. Der hat also etwas verbrochen!

Ein Mädchen – es hieß Regine – baute sich sogar vor mir auf und schimpfte auf mich ein. Ganz die künftige Pädagogin. „Immer nur du!“, sagte sie. „Du bist ein richtiger Störenfried!“ Dieses Wort kannten wir Kinder von einer Schallplatte. Im Märchen von der Prinzessin mit dem goldenen Stern nervte der „König Störenfried“ seine Nachbarn ohne Ende. Ein fieser Kriegstreiber. Und so etwas sollte ich sein? Wie ungerecht! Doch Regine hörte nicht auf zu sticheln: „Doofer Störenfried! Du Störenfried, du!“

Ich wurde wütend, verlor die Fassung, ging auf sie zu und biss ihr in den Oberarm. Regine schrie. Die Erzieherinnen flitzten herbei. Ich wurde gepackt und in die Ecke verfrachtet, während eine Tante das heulende Mädchen auf den Schoß nahm und sich den Schaden besah. „Du bist wie ein tollwütiger Hund“, beschimpfte sie mich. Ich saß da wie gelähmt. Gleich würde die Polizei kommen und mich ins Kinderheim bringen.

Die anderen Kinder mampften ihre Weißbrotstullen mit Marmelade und tranken Muckefuck. Die gebissene Regine saß schluchzend auf dem Schoß der Erzieherin, die seltsame Dinge erzählte. „Also, jetzt ist es rot“, sagte sie, die Zahnreihen auf Regines Arm inspizierend. „Dann wird es blau, dann grün, dann gelb.“ Eine medizinische Farbenlehre! Ach ja: Jod hatte man vorher auch noch auf die Wunde gekippt. Man kippte ja auf alles Jod damals.

Meine Mutter fiel wieder mal aus allen Wolken, als man ihr von meinem Verbrechen erzählte. Zu Hause fragte sie mich, warum ich das getan hatte. Ich konnte es ihr nicht erklären. Sie schlug mir vor, Regine um Verzeihung zu bitten. Um es besonders glaubwürdig zu machen, sollte ich mich von dem liebsten Kuscheltier trennen, das ich hatte. Und dies war nun mal mein weiches Stoff-Reh. Ich sträubte mich, schluchzte und weinte. Doch es half nichts. Es sollte mir ja wehtun. Also ging ich am nächsten Tag zu Regine, streckte ihr das Reh entgegen und sagte: „Da!“ Sie begriff nichts. Ich sagte: „Weil ich dich gebissen habe.“ Sie nahm das Reh und guckte es doof an. Sie verstand nicht, was das sollte. Mir war es peinlich, ihr auch. Regine und ich mieden uns fortan.

Was hatte ich daraus gelernt? Zumindest war ich danach nicht mehr so bissig. Und ich vergaß den Moment nie, in dem ich mein Stoff-Reh verschenken musste, von dem ich sicher heute nichts mehr wüsste, wäre dies nicht geschehen. Später operierte ich – wie andere auch – meinen Teddy, entfernte die Zellwoll-Füllung und stopfte sie wieder rein. Ich weiß nicht, wo er abgeblieben ist. Heute sitzt in unserer Wohnung kein einziges Plüschtier mehr. Neulich habe ich mal ins Internet geschaut, um zu sehen, was es da inzwischen so alles gibt. Die Vielfalt ist enorm. Man findet nahezu alle sattsam bekannten Tierarten, bis hin zu Fliegen, Skorpionen, Kakerlaken und Spinnen. Man findet kuschelweiche „Riesenmikroben“: Bärtierchen, Bierhefe, Kolibakterien, Noroviren und Antikörper. Ja, man findet nahezu alle Dinge dieser Welt, und zwar aufgeplüscht: Zitronen, Kaffeebecher, Kuchen, Spiegeleier, Topfpflanzen, Brokkoli, Kürbisse, Geister, Autos, Raketen, Comicfiguren, Monster und lachende Kackhaufen. Da weiß man gar nicht mehr, wovon man sich zuerst trennen soll, wenn man mal jemanden gebissen hat.

Spritze

Neulich entdeckte ich im Internet ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Keene Angst, ick tu Sie nüscht!“ Vielleicht kommt auch mancher Arzt auf die Idee, sich solch ein T-Shirt zu besorgen und in der Praxis anzuziehen. Es würde zumindest für kleine Momente der Heiterkeit sorgen. Arztpraxen sehen ja heutzutage auch nicht mehr so streng und kühl aus wie zu meiner Kinderzeit. Oft denkt man: Huch, alles so schön bunt hier! Bilder hängen an den Wänden. Die medizinische Einrichtung wirkt wie Playmobil-Spielzeug, nur „in groß“. Sanfte Musik plätschert. Und wenn wirklich mal etwas Unangenehmes ansteht, wird das dazu Benötigte aus irgendwelchen geheimen Schubladen hervorgeholt.

Vor Jahrzehnten dagegen schien es noch das Prinzip gewesen zu sein, jedem gleich beim Eintritt „die Instrumente zu zeigen“, wie man einst in der Inquisition gesagt hatte, als es noch „Territion“ („Schreckung“) bedeutete. Aus dem nüchternen Warteraum mit dem knackenden Lautsprecher über der Tür trat man ins Reich der weißen Kittel. Der erste Blick fiel auf Glasschränke voller Instrumente, die teilweise auf Metallschalen drapiert waren. Damals hätten die Ärzte mit den witzigsten T-Shirts, Clowns-Latschen und roten Nasen herumlaufen können – mich hätte das höchstens angeregt, der Erfinder eines Horrorfilm-Genres mit Ärzte-Clowns zu werden.

Nach und nach lernte ich so einige Dinge näher kennen, denn ich war als Kind recht oft krank. Der Ohrenarzt mit dem blinkenden Stirnspiegel musste mir regelmäßig mit dem Pusteballon die Ohren freiblasen. Heute weiß ich, dass das Ding „Politzerball mit Olive“ heißt. „Sag mal ,Weiße Kreide‘!“, forderte der Doktor mich auf, während er mir das Ding in ein Nasenloch drückte und das andere zuhielt. Ich sagte „Weiße Kr…“ – pffff, schon schoss mir die Luft durch die Gänge.

Besonders unheimlich waren für mich die Spritzen. Kein Vergleich zu den heutigen kleinen Einweg-Plastikdingern. Es waren Monstren aus Glas und Metall, präsentiert auf blanken Schalen. Daneben die Nadeln. Die waren so lang, dass sogar ein Pferd vor ihnen weggelaufen wäre. Obwohl, ein Pferd rennt ja vor allem weg. Also sagen wir mal: ein kleiner Elefant.

Schon als Dreijähriger sagte ich: „Onke Dokta macht die Arme piek!“ Und jeder, der um meine Angst wusste, versuchte mich aufzumuntern. Meine Mutter, indem sie mit mir kuschelte. Mein Vater, indem er sagte: „Krümel, es ist nicht schlimm, nur unangenehm.“ Und mein Opa mit dem Spruch: „Mut, meen Kleena. Von so ’nem Piks stirbt man nich.“ Opa, 1904 geboren, kannte viele Begriffe für Angst: „Schiss“, „Bammel“, „Muffensausen“ und „Pupenjang“. Und Sprüche wie: „Angst hatta nich, aber jut rennen kanna.“

Ich rannte dann auch wirklich. Eines Tages erschien nämlich im Kindergarten eine Frau Doktor, klein, ernst, mit einer großen Tasche. Das einzig Heitere an ihr waren zwei kleine blinkende Ohrringe. Sie wurde begleitet von einer Krankenschwester. Beide schlugen ihr Lager im Arztzimmer auf. Den Begriff staatliches Impfprogramm kannte ich noch nicht. Aber mir schwante durchaus, was jetzt kommen würde. Irgendwann wurden alle Kinder nacheinander aufgerufen. Als ich „an der Reihe“ war und bebend in den Raum ging, sah ich die Spritze, die gerade von der Schwester vorbereitet wurde. Ich machte kehrt und flitzte davon, sauste durchs ganze Haus, durch die Terrassentür in den Garten und – husch – hinter den Geräteschuppen. Dort kauerte ich mit meinem dünnen Pullover in der Kälte und machte mich winzig klein. Mein Herz pochte. Ich wollte hier hocken bleiben, bis alle weg waren. Schließlich entdeckte mich der Hausmeister. Und er schaffte es tatsächlich, mich mit seiner robust-freundlichen Art ins Krankenzimmer zu bugsieren. „Komm, Großer, wir bringen det jetz’ beide hinter uns. Wär doch jelacht.“ Mit viel Zureden, Ablenken und sanftem Festhalten erreichte er es, dass ich mir doch die Spritze geben ließ. Hinterher war ich stolz. Ich hatte es geschafft!

Wenn ich heute in meinem alten Impfausweis blättere, sehe ich, um welche Impfung es sich damals gehandelt haben muss. Und zwar um die gegen Diphterie, Keuchhusten und Wundstarrkrampf, wie man Tetanus nannte. Sie wurde mehrmals wiederholt. Daneben gab es noch Impfungen gegen Pocken und Kinderlähmung (Polio). Letztere machte sogar Spaß. Man erhielt einen getränkten Zuckerwürfel. Aber das geschah erst viel später, in der Schule. Im Westen hieß der Slogan dazu: „Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß.“

Ich habe mal nachgeschaut, seit wann es Spritzen überhaupt gibt. Klistierspritzen mit Kolben kannte man in Europa seit dem Ende des Mittelalters. Vorformen davon – mit Gummibällen aus Kautschuk zum Drücken – nutzten bereits die indigenen Völker am Amazonas. Die erste Injektionsspritze mit Nadel wiederum soll um 1850 vom französischen Orthopäden Charles-Gabriel Pravaz entwickelt worden sein, ein noch recht kompliziertes Modell. Nach und nach wurde die Spritze dann weiterentwickelt.

Mein einstiger Fluchtreflex vor Spritzen hat übrigens nicht dazu geführt, dass ich Impfgegner geworden bin. Ich weiß durchaus, was die Alternative gewesen wäre, wenn es die Impfungen nicht gegeben und ich damals Pech gehabt hätte.

Kindersitz

„Komm Krümel, wir woll’n zu Opa fahren!“, sagte mein Vater eines Tages. Er holte das Fahrrad aus dem Keller, setzte mich auf den Kindersitz, wie er damals typisch war: ein Mini-Sattel, festgeschraubt an der Fahrradstange. Ich saß vor meinem Vater, die Hände in der Mitte des Lenkers. Meine Sandalen-Füßchen standen auf ausgeklappten Fußrasten, angebracht an der Gabel des Vorderrads. Eigentlich konnte nichts passieren. Es war auch nichts Ungewöhnliches, so zu fahren. Alle fuhren so.

Wir sausten die Straßen unseres Viertels entlang zum Bahnhof, dann weiter auf der Bahnhofstraße in Richtung Altstadt, wo mein Opa und meine Oma wohnten. Doch wir kamen nie dort an, was nicht an der Länge der Strecke lag. Denn diese war eigentlich ideal für eine kleine Radtour. Die Altstadtinsel lag etwa zwei Kilometer vom Bahnhof entfernt. Leider holperte es gewaltig, denn die Bahnhofstraße bestand aus Kopfsteinpflastern, noch von 1876. Einen extra Fahrradweg gab es nicht, und damals fuhr man nicht so einfach auf dem Gehweg irren Slalom, wie es nicht wenige heute tun.

Plötzlich rutschte das Fahrrad auf den Huckelsteinen weg. Ich verlor den Halt auf meinem kleinen Sattel und geriet – schrrrrrr! – mit dem rechten Fuß an die Speichen! Mein Vater griff mich, hob mich hoch. Das Rad kippte zur Seite und blieb einfach am Straßenrand liegen. Er rannte mit mir zum Kinderarzt, der zufällig in der Nähe seine Praxis hatte.

Zu meinem Entsetzen schnitt mir der Arzt den Strumpf vom Fuß (zumindest erinnere ich mich so) und entfernte die weggeschrammten blutigen Hautfetzen am Knöchel. Ich war wie gelähmt wegen der bösen Wendung, die dieser Tag genommen hatte. Eben noch hatte ich mich auf Oma und Opa gefreut, und plötzlich saß ich beim Arzt und bekam das unvermeidliche Jod auf die Wunde gekippt, eine stinkende braune Tinktur, die höllisch brannte. Dann kam ein Verband um den Fuß.

Meinem Vater saß der Schreck ebenfalls in den Gliedern. Er machte sich riesige Vorwürfe. Er hatte Tränen in den Augen, als er abends meiner Mutter von dem Ereignis erzählte. Heute kann ich das nachfühlen mit meinen Erfahrungen als Papa und Opa. Aber mein Vertrauen in ihn war keineswegs erschüttert. Hätte man einen Helden für einen Abenteuerfilm gesucht – mein Vater wäre die ideale Besetzung dafür gewesen. Er konnte schwimmen, rennen, mit dem Kopf voran ins tiefe Wasser springen und auch noch lustig mit der Kopfhaut wackeln. Und wenn er zu mir sagte: „Krümel, stell dich hin, mach dich steif und lass dich nach vorn fallen!“, dann tat ich das. Denn er fing mich auf. Von Beruf war er Lehrer, wie meine Mutter.

Noch heute kann man an meinem Fuß eine leichte Narbe sehen, an der Stelle, wo das Rad damals die Haut weggeschrammt hatte. Die Bahnhofstraße hat sich seitdem mehrfach verändert. Sie wurde asphaltiert, die Holpersteine sind längst weg. Es gibt rotgepflasterte Turbo-Fahrradwege. Und wenn es mal eng wird, sausen die Radfahrer einfach auf dem Gehweg weiter und rasieren den Fußgängern die Hacken ab.

Der Fahrradunfall war eines der ersten Ereignisse, die mir zeigten, dass Dinge versagen konnten, die Erwachsene sich ausgedacht hatten. Gerade im Transportwesen gab es ja so einiges, das nicht gerade sicher wirkte. Autos hatten keine Gurte, Radfahrer trugen keine Helme, auch im dichtesten Verkehr nicht. Man hätte über so etwas auch gelacht. Ich frage mich, wie überhaupt ein paar von uns jene 1960er-Jahre überleben konnten. Später, in den 90ern, als meine eigenen Kinder klein waren, transportierten wir sie schon in einem roten Plastik-Schalensitz, der direkt an die Fahrradstange montiert wurde. Natürlich war unser Nachwuchs auch gegurtet und behelmt, wenn es über Straßen ging.

Seitdem hat die unermüdlich tüftelnde Industrie verschiedenste Kindertransport-Technologien entwickelt: kabinenartige Fahrradanhänger, Lastenräder mit einer Art Kiste, Eltern-Kind-Dreiräder, E-Räder mit Beifahrersitz, Tandems mit Kind in der Mitte, um nur einige zu nennen. Die Fahrrad-Kindersitze für vorne und hinten sind wahre Sicherheitsungetüme geworden. Sie erinnern an Sessel für Testpiloten. Es fehlt nur noch die Rakete zum Wegschießen bei Gefahr. Das Kind saust durch die Luft und schwebt irgendwo mit dem Fallschirm nieder, weitab und in Sicherheit. Auf einer fernen, schönen Blumenwiese. Die Propellereltern fliegen hinterher und sammeln es auf.

Nagel

Wie man mit Kleinigkeiten umgeht, sagt viel über einen selbst aus. So ist es auch mit Gesellschaften. Die Wegwerfgesellschaft führt in den Untergang, durch Überproduktion, Müllberge, Ressourcenverschleiß. Das wusste auch schon mein Opa. Noch heute sehe ich ihn vor mir, in seinem Garten, im Mundwinkel einen Zigarettenstummel. Er hat das linke Bein auf ein altes Brett gestellt und zieht mit einer Zange einen Nagel aus dem trockenen, harten Holz, dann den nächsten – quietsch, quietsch –, einen nach dem anderen. Die Nägel wandern in eine Dose, damit sie nicht verlorengehen. Nägel sind sehr wichtig. Er würde sie später noch gerade klopfen und dann aufheben. Im Grunde konnte man „allet noch mal jebrauchen“.

Mein Opa wohnte in einem Haus am Ufer des Köpenicker Beckens, mit Blick auf die Altstadtsilhouette mit ihren beiden Türmen. Der Garten hinterm Haus besaß einen Rasen und einen Weg, der hinunter zum Anlegesteg führte. Eine Weide beugte sich über das Bollwerk und ließ ihre Zweige bis aufs Wasser hängen. Am Weg standen Rosen – gelb, weiß und rot. Mein Opa hatte sie gepflanzt, beschnitten, gepflegt.

Meist trug er nur eine Arbeitshose und ein Unterhemd. Gern lief er auch mit freiem Oberkörper herum. Viele Jahre später erst habe ich Fotos von ihm gefunden. Sie stammten aus dem Krieg. Er, der Straßenbahnschaffner aus Köpenick, hatte 1941 – mit siebenunddreißig Jahren – noch an die Ostfront „nach Russland“ gemusst. Er diente als Soldat auf Flughäfen und bestückte Flugzeuge mit Bomben. Später wurde er Kurier auf der Krim. Auf den Bildern sieht man ihn vor einer Baracke, in einer Soldatenstube, bei einer Überfahrt mit dem Schiff. Und man erkennt ihn sofort: Er ist meist der einzige mit nacktem Oberkörper. Wo es sich nur einrichten ließ, warf er Jacke und Unterhemd fort. Er liebte das Gefühl von Freiheit. Was dies betrifft, hatte er sich allerdings eine schwierige Zeit ausgesucht.

Am Zaun seines Gartens, in dem ich oft war, stand ein Schuppen, vollgestopft mit Holz aller Art – Brettern, Bohlen, Böcken. Opa hatte ihn gebaut. Mein Opa war ein Bastler vor dem Herrn. Er werkelte ständig und neigte dabei auch zu gewissem Leichtsinn. Einmal strich er auf dem Boden unterm heißen Hausdach einen Schrank mit Pur-Lack. Danach lief er wie besoffen umher, erbrach sich und lag zwei Tage im Bett, wegen der giftigen Dämpfe. Wenn er draußen im Garten Feuerholz hackte, hielt er das Stück auf dem Hackklotz mit der Hand fest, und – zack, zack, zack – flogen neben dem Daumen die Scheite zur Seite. Ich guckte zu und dachte: Gleich passiert’s! Doch es ging alles gut. Gelernt war gelernt.

Ich fand es aufregend, ihm beim Werkeln zuzugucken. „Kleena, loof mal in’ Stall und hol den Hammer“, sagte er, und ich lief los. Der „Stall“ lag hinter einer eisernen Tür. Er enthielt neben Klappstühlen, einem Tisch und Sonnenschirmen „allet, wat man noch mal jebrauchen“ konnte. Wohl sortiert in den Schubladen einer Werkbank, in Schachteln und Dosen. Der Hammer fand sich schnell. Ich griff ihn und rannte zurück. „Fein, Kleena“, sagte mein Opa. Zum Nägelklopfen genügte ein Stein als Unterlage. Ein paar Hammerschläge – und der Nagel war so gut wie neu. Wozu soll man neue kaufen?, fragte sich mein Opa. Oft gab es die Nägel gar nicht, die man gerade brauchte.

Ich frage mich auch manchmal, was mein Opa sagen würde, wenn er heute in einen großen Baumarkt käme. Er würde wohl mit seinen kurzen, schnellen Schritten durch die Gänge laufen und den Mund nicht mehr zukriegen. „Ach du meene Fresse, det is ja’n Palast! Hier jibt et ja allet!“, würde er sagen. Er würde an den Ständen und Regalen vorbeigehen, an Stapeln von Brettern und Bohlen, an der endlosen Vielfalt von Belägen, Beschlägen, Türen, Fliesen, Farben, Kettensägen, Lampen, Tapeten, Heizgeräten, Schrauben, Dübeln und Nägeln. Er würde an seine mühselige Rennerei denken: zum Eisenwarenladen an der Brücke, zum Heimwerkerladen, zu irgendwelchen Holzplätzen. Oft war er mit leeren Händen zurückgekehrt. Und nun? Nun hätte er die Qual der Wahl. Aber ich glaube, er würde sich hinstellen und fragen: „Wozu der janze Kram? Wenn de allet schon fertich koofen kannst, macht det Basteln doch jar keen Spaß mehr. Nee, ick hau ab!“

Eines Tages erlebte ich eine Überraschung. Mitten im Garten meines Opas stand ein alter Kahn. Mein Opa hatte sich ein ausgedientes Polizeiboot besorgt, ein halbes Wrack. Doch er motzte den Kahn wieder auf, den halben Sommer über. Er zimmerte Planken, baute passende Sitzbänke – zum großen Teil aus gebrauchtem Material. Am Ende stand im Garten ein schnittiger weißer Binnenkreuzer. Er wurde „Ali“ getauft, denn mein Opa hieß Alfred.

Motor

Motoren haben mich nie so richtig interessiert. Wir besaßen kein Auto. Als ich größer wurde, fuhr ich auch kein Moped wie andere Jungen, die ewig an ihrer „Karre“ herumfummelten. Die Dinger hießen Simson S 50. Mancher nannte die „S fuffzich“ auch gerne „Es bummst mich“. Meist knatterten die Jungs mit ihrem Moped ums Karree, standen dann an irgendeiner Ecke herum und fuhren wieder ums Karree. Ich war nicht dabei. Ich wurde später auch nicht zum unermüdlichen Bastler am Trabi-Motor. Immerhin konnte man dort, anders als bei heutigen Autos, so einiges selbst machen. Zum Beispiel den gerissenen Keilriemen durch eine Damenstrumpfhose ersetzen. Das habe ich mal gehört. Aber da ist auch schon Schluss. Tiefere Kenntnisse erlangte ich nie.

Der einzige Motor meiner Kindheit war der sogenannte Außenbordmotor, mit dem unser Boot „Ali“ über die Gewässer propellerte. Wir waren an vielen Wochenenden mit ihm unterwegs. Wir tuckerten von unserer Altstadt aus bis zu einer Badestelle am Langen See, an der wir für einen Tag unser Lager aufschlugen. Abends schipperten wir wieder zurück, während die untergehende Sonne ihren Glitzerteppich auf dem Wasser ausbreitete.

Auf den Gewässern ging es damals noch ganz anders zu als heute. Freizeitkapitän zu sein, das war eine ernsthafte Angelegenheit. Man musste einen Bootsführerschein erwerben und lauter Regeln einhalte