3,99 €
Sag auch du: "Buenos Días, Südamerika" Dein Gefühl sagt, du solltest Südamerika besuchen? Dann mach es und stimme deinen Geist jetzt darauf ein. Lass dich von "Buenos Días Südamerika" unterhalten und inspirieren. Versprochen ist, dass ingoamericano weder sich noch andere zu ernst nimmt. Der reisende Autor liebt die Vielfältigkeit, deshalb wählt er seine Ziele zwischen Meeresinseln und Andenvulkanen. Er erkundet die Gletscherwelt des Perito Moreno, beobachtet auf dem Amazonas die Goldsucher, liegt neben den Galapagos-Echsen und erstürmt den Machu Picchu. ingoamericano will dich motivieren, deinen Reisetraum zu planen und umzusetzen. An über 50 berühmten und unbekannten Orten erwartet dich ein Vielfaches an Ausflügen und abenteuerlichen Touren. Schwerpunkt sind 7 Länder: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Ecuador, Kolumbien, Peru. Im Buch finden sich 20 Seiten zu Buenos Aires und 36 Farbseiten mit Reiselust steigernden Fotos. Mehr wunderschöne Reisebilder und Kontakt zum Autor findest du unter: www.ingoamericano.com
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2015
www.tredition.de
Südamerika langsam erfahren: An jedem Punkt der Reiseroute erlebt der gemeine Gringo tolle Abenteuer.
ingoamericano
Buenos Días, Südamerika
Wenn dich Zuckerhut und Machu Picchu rufen
www.tredition.de
© 2015 ingoamericano Umschlag und Innenseiten, Illustration: Sigrid Strasser
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-5147-3
Hardcover
978-3-7323-5148-0
e-Book
978-3-7323-7435-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Reiseroute. Komm mit nach …
Argentinien, Buenos Aires
Buenos Aires
Uruguay
Montevideo,Colonia
Argentinien
Puerto Madryn
Feuerland,Ushuaia
El Calafate,Perito Moreno,El Chaltén
Bariloche
Chile
Puerto Varas,Chiloé,Osorno,Talca
Santiago de Chile,Valparaíso,Viña del Mar
San Pedro de Atacama
Bolivien
San Pedro-Uyuni
La Paz,Tiwanaku,Death Road
Titicacasee
Peru
Cusco,Machu Picchu
Nationalpark Manú
Arequipa,Colca Canyon
Chile
Arica
Argentinien
Mendoza,Córdoba,Alta Gracia
Resistencia,Posadas,Iguazú
Paraguay
Ciudad del Este
Brasilien
Florianópolis,Curitibá
Bonito,Cuiaba
Porto Velho,Amazonas,Manaus
Venezuela
Santa Elena de Uairén
Brasilien
Boa Vista,Brasília
Salvador,Chapada Diamantina
São Paulo
Rio de Janeiro,Ilha Grande
Kolumbien
Bogotá
Salento,Valle de Cocora
Desierto de la Tatacoa
San Agustín,Popayán,Ipiales
Ecuador
Otavalo
Latacunga,Cotopaxi,Laguna Quilotoa
Baños,Chimborazo,Alausí
Cuenca
Guayaquil
Quito
Ecuador, Galapagos
Isla Isabela,Santa Cruz,San Cristóbal
Ein Junge vom alten Kontinent,
der dacht’, er hätte sein Leben verpennt.
Er sagt sich „kein Drama“,
ich küsse ein Lama,
ist schnurstracks durch die Anden getrampt.
Argentinien, Buenos Aires
Ein traumhafter Flug
Können vierhundert Leute 10 Stunden am Stück miteinander schlafen? Im Lufthansaflug Frankfurt – Buenos Aires schon. Ich nehme an, es handelt sich um ein Schlafexperiment und man hat uns etwas ins Essen gemischt. Damit die Besatzung ausreichend Ruhe für ihre Pokerrunde bekommt. Sogar das Baby vor mir, vor dessen Geschrei ich zuvor so Angst hatte, träumt durch.
Somit handelt es sich um einen wirklich erholsamen Flug und mein persönliches Highlight folgt: Ich habe an der Flughafenankunft das erste Mal ein Abholschild mit meinem aufgepinselten Namen auch gefunden und der desinteressierte Fahrer nimmt mich mit in die Stadt Buenos Aires. Es muss mein Glückstag sein: War ich doch bei ähnlichen Gelegenheiten bisher immer alleine und verlassen in der Halle stehen geblieben. Was das Aufziehen einer Brille doch so alles ausmacht. Das Appartement in Recoleta ist sauberer und besser ausgestattet als ich zu Hause. Wenn ich daran denken werde, den ungewohnten Gashahn zuzudrehen, erwarten mich nette Wochen in der argentinischen Hauptstadt. Auch der Nachbar freut sich bereits auf mich, wie mir ein Plastikskelett am Balkon mitteilt.
Was will ich eigentlich hier? Nichts Bestimmtes, außer meine Neugier befriedigen. Ich wollte schon immer mal Buenos Aires besuchen. Mein Herz hat mir das quasi befohlen. In Buenos Aires heißt es etwas Spanisch lernen, etwas eingewöhnen und umschauen, erst im Land, dann im Kontinent. So einfach ist das. Im Nachhinein, nach Vergleich verschiedener Jahreszeiten, darf ich feststellen: Im Sommer ist Buenos Aires noch mächtiger, schöner und beeindruckender als im Herbst. Fast 40 Grad im Januar, es ist richtig heiß. Solch eine große Stadt ist natürlich immer in Bewegung und im Wandel, es tut sich was. Die neue Empfangshalle im Flughafen Ezeiza haut einen aus den Latschen ob ihrer übertriebenen Eleganz. Vermutlich will man die anderen ankommenden Südamerikaner beeindrucken und fast möchte man das als Täuschungsmanöver gegenüber der Stadtarmut bezeichnen.
Problemlos: Das Appartement habe ich über eine lokale Internetbörse gebucht. Nicht das billigste, aber günstig, mit Rezeptionist. Keinerlei Probleme.
Zum Sterben schön
Ich bin so erzogen, in einer neuen Stadt geht es immer erst mal in ein Museum. Auf jeden Fall wird etwas Kulturelles unternommen. Sogar im reiferen Alter halten meine Schwestern und ich uns daran. Steckt tief in uns drinnen und wir sind geübt: Das Amsterdamer Rijksmuseum mit Rembrandts Nachtwache durchliefen wir mal in 20 Minuten. In Buenos Aires entscheide mich erst mal für die leichte Variante: Aufwartung bei Eva Perón (1919–1952) auf dem Friedhof Recoleta. Der Stadtteil, in dem ich wohne.
Beeindruckende Mausoleen der reichen und wichtigen Familien, meist aus dem 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts, gibt es zu bestaunen. Präsidenten, Nobelpreisträger, Generäle, Kaufleute, sie alle haben es sich bequem gemacht. Man möchte sich glatt dazulegen und darf das auch heute noch, wenn man eben „dazugehört“. Ich genieße die Gratisführung einer Argentinierin, die mich gleich an der Eingangspforte aus dem Verkehr gezogen hat. Was ich verstanden und dazu noch behalten habe, minimale Schnittmenge genannt, ist schnell erzählt: Früh verblichene Mädchen geistern nachts als ebenso bleiche Gespenster, also vermutlich Blondinen, durchs Gelände und feiern Partys. Als ich der Führerin am Ende 30 Pesos in die Hand drücke, schaut sie mich entsetzt an, die anderen gäben mindestens 40. Immer dieses Klischeedenken, die Deutschen seien so reich. Ein Knacks geht durch den himmlischen Friedhofsfrieden. Nichtsdestotrotz: Eine Friedhofsführung lohnt sich.
Freizeitgruftis: Ein wunderschöner Friedhof ohne Touristen, aber auch ohne Eva Perón, ist Cementerio de la Chacarita.
Marktsonntag in San Telmo
Ich begebe mich nach San Telmo, dem durchaus kommerziellen Künstlerviertel in Buenos Aires. Sonntag ist großer Markttag. Kilometer um Kilometer gibt es erfreulich wenig Nippes, stattdessen hübsches Handwerk, alle häkeln und flechten mit Hingabe, viele Antiquitäten, gekonnte Malerei und Essen.
Die Leckereien scheinen mir jedoch von Hobbyköchen zu Hause zubereitet. Sicherlich mit Liebe, aber nicht für jeden Magen geeignet. Dazwischen spielen wirklich begabte Musiker, Tangopaare und Kleinkünstler geben ihr Bestes. Besonders angenehm, wenn auch nicht wirklich geschäftstüchtig, fällt die Zurückhaltung der Verkäufer auf. Irgendwie ist San Telmo ein Touri-Markt, aber ohne Abzocke. Hat auch etwas für sich. Hinter dem Park Lezama beginnen dann die Stände einer Klamottenwelt, deren Angebot der KiK-Haute-Couture ähnelt. Plus ein Familientreffpunkt mit Kinderbelustigung. Das wahre Leben irgendwie, da heißt es schnell weg.
Mein erster Schultag
Ich möchte meiner Südamerikareise einen Hauch von Bildung zukommen lassen. Wie bereits erwähnt, ist mir die wichtig und kommt im Ranking gleich nach Saufen und Kiffen. Deshalb belege ich einen Sprachkurs. Schule hieß für mich schon immer: zu spät kommen, letzte Reihe, Raucherpause – da hat sich nicht viel geändert in den Jahren. Ich werde in Spanischkurs 2 eingestuft, das klingt gut und ist genau eine Stufe über den völlig Ahnungslosen. Lehrer und Schüler erweisen sich als sehr sympathisch. Lola, die Lehrbeauftragte, erklärt super und auch mir geht ein kleines Licht auf. Außerdem ist sie hochschwanger, ihre dünnen Beine drohen unter der Kugel wahrhaftig ständig wegzuknicken. Und sie reibt sich immer den Bauch, als ob sie genau jetzt die Geburt einleiten möchte. Ich überlege, einen Geburtshilfekurs zu absolvieren. Zumindest sollte ich in den nächsten Tagen einen Lappen und eine Schere mitnehmen, notiere ich mir. Außerordentlich geschielt hat Lola vermutlich schon vor ihrer ekstatischen Liebesnacht. Ihr Blick verwirrt mich ein wenig, soll aber keine Ausrede für meine mangelnden Lernerfolge sein.
Neben Deutschland sind, nicht untypisch, Belgien, Holland, Brasilien und die USA in der Schulklasse vertreten. Letztere in Person des US-Grandseigneurs Joseph. Wird er gefragt: „Wie lange dauerte dein Flug?“, berechnet er das mit Flug und Umsteigen minus Anzahl der Stewardessen unter Berücksichtigung der Zeitzonen, die er aber nicht kennt. Das führt zu einem fantastischen, minutenlangen Monolog, aber keinem Ergebnis. Ich sage nur: „13 horas de Frankfurto a Buenos Aires en directo“, was zugegebenermaßen in erster Linie meinem geringen Wortschatz geschuldet ist. Korrekt hieße es übrigens „Fráncfort“. Wie üblich versuche ich, Unwissenheit mit schwachen Witzen wettzumachen. Es klappt zunächst leidlich.
Kein Schiff wird kommen
Keine Dirnen, keine Leichtmatrosen und keine Spelunken – was ist nur aus den guten alten Häfen geworden? Sehr schön ist er geworden – der Puerto Madero am Río de la Plata (Silberfluss) in Buenos Aires. Früher landeten hier die Immigranten. Seit 2001 ist die Puente de la Mujer (Frauenbrücke) vom Stararchitekten Santiago Calatrava der Hingucker im Viertel. Übrigens jener Künstler, der auch in Valencia einige extravagante Gebäude entworfen hat. Im Hafen liegen zwei alte Fregatten. Aber nicht deshalb tragen alle Straßen des Viertels Frauennamen. Diese Gegebenheit ist zur Ehre der Alicia Moreau de Justo (1885-1986), Ärztin und Frauenrechtlerin. Sie würde heulen, sähe sie am Ufer den argentinischen Schulmädchenreport: Junge Dinger lassen sich von zwielichtigen Herren, vermutlich „Filmproduzenten“, aufreizend fotografieren. Hinter der Hafenskyline kommen ein Park und – in der Stadt und das finde ich bemerkenswert – ein Naturschutzgebiet. Dessen Eingang finde ich allerdings nicht. Vielleicht ist der Park so sehr geschützt? Aber warum laufen dann Menschen darin rum? Andererseits, wäre ich doch noch in der grünen Natur gelandet, hätte ich vielleicht nicht mehr rausgefunden. So gesehen ist alles in Ordnung.
Der Musterschüler
Spannung pur: In der Sprachschule steht das Spanisch-Wochenexamen an. Ich kann vermelden: Ich habe es mit Glanz und Gloria absolviert. Man braucht 75 von 100 Punkten zum Bestehen und ich erziele … 75 Punkte. Seit jeher bin ich eher der minimalistische Typ. „Das war doch geschenkt“, höre ich da jemanden sagen? Er möge schweigen, so was Unverschämtes habe ich lange nicht gehört. Mein großer schulsprachlicher Erfolg ist das Ergebnis sehr harter Arbeit und hat absolut, also rein gar nichts mit den bezahlten 400 Dollar Studiengebühren zu tun. Als ob man mit Geld einfach eine solch schwere Prüfung bestehen würde.
In meinem Abschlussexamen rehabilitiere ich mich übrigens mit fast voller Punktzahl und das macht mich sehr stolz. Zu würdigen ist, neben meiner eigenen, die Leistung von Lehrerin Lola. Die ist zum Zeitpunkt der Zeugnisvergabe nicht mehr im Schuldienst. Ihr Babybauch hatte mittlerweile sämtliche Schwerkraftgesetze ad absurdum geführt. Dennoch: Respekt vor Lola, ihr Lehrerberuf ähnelt jenem einer Ratetante. Wenn man sich vorstellt, was sie sich täglich anhören muss. Der Schultag beginnt immer mit der gleichen Frage: „Hola, was habt ihr gestern gemacht? Ingo beginnt!“
„Gestern war ich in Zoo gegangen.“
„Oh, wie schön! Was hast du gesehen?“
„Viele Tier.“
„Sehr gut! Welche Tiere hast du gesehen?“
„Da gibt Tiere mit große Köpf und kleine Köpf. Giraff und Löwe.“
„Seeeehr gut! Beschreib uns dein Lieblingstier.“
„Is dick und grau.“
„Muy bien!!! Noch etwas? Wer hilft Ingo? Ja, Florence.“
„Ist mit Bein von Elfe und vorne eine Schwanz zum Essen.“
„Seeeehr gut Florence! Beim Tier heißt Schwanz ‚cola‘. Ein Elefant! Kerstin, was hast du gestern gemacht?“
„Ich war auch in Zoo.“
„Oh, wie schön! Was hast du gesehen?“ …
Rabimmelrabammelrabumm
So, ich schreibe gerade an den Papst, der schuldet mir eine neue Kappe. Ich habe meine in der Kathedrale von Buenos Aires verloren. Dort sagt der Mausoleums-Wachmann zu mir, ich müsse die Mütze vor dem Sarg des Generals José de San Martín ausziehen. Plötzlich ist die Kappe weg, samt dem schönen „i“ vorne drauf. Ist sie in den Sarg gefallen? Keine Ahnung. Es ist ärgerlich, denn zu meinem runden Gesicht passen nur sehr ausgewählte Kopfbedeckungen. Die Kathedrale gehört übrigens Papst Francisco, zumindest grüßt sein Porträt am Eingang. Vielleicht wird er mir eine seiner Tütenmützen als Wiedergutmachung schicken?
Kurz zur Geschichte des argentinischen Unabhängigkeitskämpfers San Martín, dem in Argentinien viele Denkmäler und Straßen gewidmet sind. San Martín bildete 1812 eine Revolutionsarmee für den Unabhängigkeitskampf gegen Spanien aus und konzentrierte sich zunächst auf die Befreiung Chiles. 1817 marschierte seine Andenarmee spektakulär über das Gebirge. Er schlug die Spanier bei Chacabuco in Chile und 1820 befreite er Peru. So sicherte er auch Argentinien nachhaltig die Freiheit.
Es wimmelt im Park
Zwei Stunden im Parque tres de Febrero sind wie ein Ali-Mitgutsch-Wimmelbuch. An allen Ecken und Enden gibt es was zu entdecken. Leute liegen, stehen und rauschen an einem vorbei auf Inlinern, Fahrrädern und in Booten. Die Zuckerwatte landet samt heulendem Kind auf dem Boden, das Pärchen liegt umschlungen in der Sonne und ein dicker deutscher Tourist macht Fotos. Es ist lebhaft und gleichzeitig sehr entspannt. Der Park ist in ein riesiges Ensemble aus Plätzen, Denkmälern und Zoo eingebettet. Das mächtige Monumento a los Espanoles gab es zum 100. Jahrestag der Mairevolution von 1810. Mit dem Aufstellen hatte es dann aber noch ein wenig gedauert. Das wundert mich nach ein paar Wochen Buenos Aires eher nicht – ist Warten doch eine Grundtugend.
Während der Woche ist es im Park, in dem auch das hübsche Kunstmuseum Eduardo Sívori zu finden ist, weitaus ruhiger. Die Dornenkrone von Buenos Aires trägt der unter Blumenliebhabern bekannte Rosedal (Rosengarten). Im Sommer sind es 12 000 Rosen, aber der Garten blüht auch im argentinischen Herbst. Da pfuscht doch nicht etwa jemand an den Genen? Hätte nicht gedacht, dass es mir dort gefällt. Aber das Aufregende ist, von den Wärterinnen nicht erwischt zu werden, wenn man zum Fotografieren durch die Beete krabbelt. Merkt eine es doch, setzt es Trillerpfeifenalarm und die Rosenwächterinnen kommen angewetzt. Mit Charme meistere ich die Situation. Sie: „Du siehst aus wie Phil Collins.“
(Hallo??!!) Ich kann aber nicht so gut singen.“
„Wo kommst Du her?“
„Deutschland.“
„Ich kann nur ein Wort auf Deutsch.“
„Welches?“
„Ich liebe dich.“
„Das sind aber drei. Egal, jeder verliebt sich in dich.“
Fortan krabbele ich wieder ungestört in den Beeten. Dafür einen Rosenkranz.
Werbung zum Nachdenken
Morgens sitze ich immer unter einem Holocaust-Plakat des Holocaust-Museums (Shoah Museum) und warte auf die U-Bahn. Am Anfang komme ich mir da irgendwie etwas schäbig vor, denn das Bild tut richtig weh. Ist nun keine Werbung für das Reiseland Deutschland. Aber im Grunde appelliert das Plakat an die allgemeine und auch meine Verantwortung für ein tolerantes und wachsames Zusammenleben, was gut ist. Darf ich halt nicht so persönlich nehmen, als Deutscher wird man gerade in Südamerika immer wieder mit Nazitum konfrontiert und darauf angesprochen. Allerdings eher interessiert als anklagend. Meine Lieblingsfrage einer Mexikanerin: „Was hältst du vom Zweiten Weltkrieg?“ Was soll man da antworten?
Prima war’s?
Fand ich nicht so gut?
Fand ich eher mittelprächtig?
Zurück zur Ausstellung, deren Titel lautete ungefähr: „Vom Genozid in Deutschland zum Verkäufer von Licuados (ist ein Getränk) in Argentinien. Adolf Eichmann lebte unter uns“. Die beworbene Eichmann-Ausstellung verdeutlicht: Die Argentinier beschäftigen sich mit der Aufarbeitung ihrer nicht immer ruhmreichen Vergangenheit. Nicht gerade frühzeitig und durchgängig, aber immerhin. Dafür sorgen auch die Mahnwachen für die Opfer der Militärjunta der 70er- und 80er-Jahre. Wöchentlich versammeln sich auf der Plaza de Mayo Mütter, die ihre Kinder suchen und betrauern. Verbunden mit der Aufforderung an die Regierung, das Schicksal der verschwundenen Menschen zu klären und die lebenden Opfer nicht zu vergessen.
La Bombonera
Der Status des Fußballclubs der Boca Juniors ist in etwa, wie wenn in München 1860 die Erfolge von Bayern München hätte. Hier der Club aus dem ärmeren Viertel, dort der noble Lokalrivale, die River Plates. Das Juniors-Stadion, la Bombonera (Pralinenschachtel), sowie dessen Umgebung sind eine echte Erscheinung in gelb-blau. Maradona spielte dort in den 80ern und nach seinen europäischen Stationen wieder in den 90ern. Natürlich gibt’s auch ein Vereinsmuseum. Bei meiner Heimatnennung „Alemania“ ringt der Eingangswächter ein wenig um Fassung, das Lächeln gleicht einer Fratze. Der mehrfache WM-Stachel sitzt bei ihm tief. Nachdem ich mich im Hinterhof wieder aufgerappelt und die Zähne eingesammelt habe, setze ich den Museumsrundgang fort. Nein, es sind alle recht freundlich, aber Fußball ist unglauauaublich wichtig. Scherze sind unangebracht.
Maradona ist in La Boca überall. Sein Konterfei grüßt von Wand-Graffiti, steht als Pappfigur vor Kneipen und ziert zahllose Souvenirobjekte. Die Auftritte des Fußballgottes in der Gegenwart muten eher skurril an. Aber dass ein argentinischer Fußballer eines armen Vorstadtviertels und eines zerrütteten Landes loszog, um die Welt zu erobern – ich verstehe den Stolz der Argentinier. Ein Highlight ist es natürlich, neben Maradona zu stehen. Als Statue im Museum erscheint er noch etwas jünger, bekannt klein und besitzt noch eine erkennbare Hüfte. Ich fühle mich ihm sehr verbunden.
La Boca treibt’s bunt
Gehe ich von der Bombonera ein Stück weiter, lande ich auf der berühmten Straße El Caminito. Ob er auf dem richtigen Weg ist, merkt der erfahrene Tourist an der zunehmenden Anzahl von Kellnern und Souvenirhändlern, die an ihm rumzerren. In La Boca geht’s bunt zu. Die Blechfassaden der Häuser des alten Hafenstadtteils in Buenos Aires sind kunterbunt gestrichen, sehr fotogen. Wobei die Farbe die Armut übertüncht. Ein wenig ist es eine Mogelpackung. Wie wenn ich mich mit blonder Perücke, Bauch-weg-Gürtel und Gesichtsstraffung bei Germany’s Next Topmodel bewerben würde. O. k., nicht viel anders, als ich mich samstagabends immer zurechtmache.
Die drei Touristenstraßenzüge mit Musik, Tango, Restaurants und tollen Häuserfronten sind postkartenmäßig beeindruckend. Zweimal um die Ecke gezogen, sieht’s bereits aus wie im Spaghettiwestern: schäbig-verlassen, absolut faszinierend, aber inklusive gelangweilter Ganoven.
Ich lese die Gedanken der rumlungernden Jungs. Sie freuen sich schon über den Idioten, der da ankommt, und haben das Geld für die Kamera bereits unter sich aufgeteilt. Wobei ich selbst dabei eher das Gefühl von „Zwei glorreiche Halunken“ habe als „Spiel mir das Lied vom Tod“. Es ist also nicht so wild, dann kommt sowieso ein Polizist und rät mir zum Ortswechsel. Ab und an brauche ich halt einen Kick. Mein Kulturglanzlicht als Freund von Industriedenkmälern: der schwarze Stahlkoloss über dem Fluss, ein Transportsystem von 1914.
Verkehr für Liebhaber
Wenn die Autos um die Denkmäler in Buenos Aires kreisen, fehlt nur noch Louis de Funès als cholerisch hampelnder Polizist. Viele fahrende Automodelle sind eine Zeitreise von Dekaden. In Deutschland ein Youngtimer, in Buenos Aires ein Durchschnittsauto. Hauptsache, die Kiste rollt. Geflickt wird alles in kleinen Garagenwerkstätten. Oder auch gar nicht. Man sieht echte Liebhaberstücke: Dafür prädestiniert sind die amerikanischen Kreuzer wie alte Chevrolets und Ford Falcons. Die kleinen Fiats erfordern schon mehr Gelenkigkeit. Nostalgisch sind auch der Renault 16 und die alten Peugeots. Das weckt in mir Erinnerungen: „Oh, der 505 ging doch beim Frankreichurlaub 1981 in Dampf auf“, und: „Oh, das Modell musste ich doch im Skiurlaub’79 mit meiner Schwester den Berg hochschieben.“ Würde man die grüne Abgasplakette hier einführen, wäre Buenos Aires bedeutend leerer. Wenig Autos und wahrscheinlich auch kaum noch Fahrer. Die hätten sich alle totgelacht.
Semana Santa steigert sich zum Höhepunkt
Die Argentinier zelebrieren die österliche Semana Santa nicht so ausladend wie die Spanier, etwas Passion darf es Karfreitag schon sein. Bereits nachmittags bin ich in weihrauchgeschwängerten Gewölben unterwegs. Dabei wird fleißig gebeichtet, nicht in einem Extraabteil, man kniet offen vor dem Pfarrer. Aber meine Sünden auf Deutsch will er nicht anhören. Ist ihm wohl zu langweilig. Abends findet die Prozession am Hauptplatz, Plaza de Mayo, statt.
Zunächst ist es, wie üblich in Buenos Aires, sehr lebendig. Vorne liest ein Ministrant das Evangelium, der Pfarrer telefoniert bei offenem Mikro auf dem Handy und durch die Menge boxen sich lautstark ihre Waren anpreisende Mandel-, Zuckerwatte- und Getränkeverkäufer. Drumherum ziehen Busse ihre Kreise und die Frau vor mir holt ihre Brüste raus und stillt das Kind. Welches bereits verdächtig alt ist. Dazu singt ein Chor ausgesprochen gut. Irgendwann wird’s doch sehr besinnlich und wunderschön: Schauspieler und Lichteffekte erzählen die Osterprozession. Den Ausgang möchte ich aus Spannungsgründen nicht verraten. Anschließend geht’s in die Catedral Metropolitana, wo kräftige Christen den Jesus reintragen und abladen. Dazu schallt ein Gesang, der durch Mark und Bein geht, und als das Spektakel vorbei ist, denke ich: Bewegend war’s.
Unser „Frohes Ostern“ bürgert sich in Argentinien nach und nach ein. Zugleich versucht Milka, den Osterhasen zu etablieren. Noch mit mäßigem Erfolg. Irgendwie gibt’s hier fast nur ein Präsent und das sind eierförmige Bonbonnieren. Das Suchen wird den Kindern auch erspart. Für mich selbst habe ich mal angetrunken ein paar Eier versteckt und gehe davon aus, dass ich die am nächsten Morgen nur schwer wiederfinde. Im Zweifel hat der Nachmieter Freude dran. Wenn die Schokolade aus der Bettritze tropft. Die Feiertage gehen übrigens von Donnerstag bis Sonntag. Die meisten Geschäfte in der Innenstadt von Buenos Aires sind aber geöffnet, so streng ist man nicht.
Deutschland, Land der Schäfer
Die deutsche Botschaft in Buenos Aires liegt im recht schicken Stadtteil Belgrano. Nicht fern der Vertretungen der Türkei und Australiens. Die teutonische Vertretung hat ein schönes Anwesen, der Zaun ist mit Plakaten zur Gleich- und Unterschiedlichkeit der Länder Argentinien und Deutschland verziert. Man gibt sich sympathisch, ist Deutschland doch viertwichtigster Importpartner Argentiniens. Eine Info aus der Abteilung unnützes Wissen: Fast 10 Millionen Tonnen Honig kommen aus Argentinien nach Deutschland. Inzwischen hat Mexiko hier Argentinien als wichtigsten Importpartner Deutschlands abgelöst, Dritter ist übrigens Rumänien (Statista, Zahlen für 2013). Die Fußballidole Maradona und Beckenbauer sind ebenso vereint wie die vielfachen Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher und Juan Manuel Fangio. Mein Favorit ist das Plakat zur Berufswahl: „Gaucho – Schäfer“. Wollen wir nicht alle Schafhirte werden seit dem Erfolg des TV-Werkes „Bauer sucht Frau“?
Zimmer mit Aussicht
Ist Argentinien das südamerikanische Holland? Mit Gardinen geizt man mehr als mit Einblicken in Wohnungen. Der Ausblick von meinem Balkon in Buenos Aires ist ein bisschen wie in einen Setzkasten, in dem man Figuren bewundern kann. Manche sind bereits etwas angestaubt und wie üblich sind dies die Leute mit der geringsten Scham. Nein, ich spreche nicht von mir. Eine gegenüber wohnende Frau scheint ein Dessous-Model zu sein, also vor 40 Jahren. Sie liegt den halben Tag in Unterwäsche auf dem Bett, isst Chips und schaut fern. Manchmal krabbelt ein Typ zu ihr rein, das Licht geht aus, aber nach anderthalb Minuten ist der Spuk vorbei. Und sie sitzt wieder Chips essend auf dem Bett. Es stimmt, ich habe die Geschichte leicht aufgemotzt. Aber die Häuser stehen einander sehr eng gegenüber und ich passe mein Verhalten natürlich Land und Leuten gleich an und entsorge die Gardinen. Ich habe auch bereits Fans! Im Supermarkt unten im Haus ruft mich jemand „feo“, so eine Art männliche Feenerscheinung also.
Die argentinische Schlange
Ich hatte es schon vorher gehört und darf bestätigen: „Hinten anstellen!“ Schlange stehen, exzessiv betrieben an der Bushaltestelle, ist Hobby und Leidenschaft der Argentinier. Keine Spur der deutschen „Erster“-Mentalität, bei der Kinderwagen und Alte aus dem Weg gekickt werden, um den Platz hinter dem Fahrer zu ergattern. Am U-Bahn-Ticketschalter und im Wartezimmer des Telefonladens beim SIM-Karten-Kauf – Ausharren gehört stets zum Geschäft. So hektisch, wie sonst alle in Buenos Aires rumrennen, ist diese Disziplin ein wahres Wunder. Vielleicht ist es auch eine Art Meditation? So stellen sich Omi und Punk und einfach jeder geduldig als Perlenkette an der Haltestelle auf, auch wenn der Bus erst in 20 Minuten kommt. Ob das der Fall ist, weiß sowieso keiner. Mal kommen drei Busse derselben Linie gemeinsam, dann lange keiner oder er fährt vorbei. Falls die Wartekasteiung noch auf der Höflichkeit der ehemals anwesenden Engländer (1806/1807) basiert, erschöpft sich diese absolut im Schlangestehen. Im weiteren Alltag wird man dann wieder gnadenlos über den Haufen gerannt. Eine argentinische Freundin stellt allerdings eine andere Theorie auf. Das geduldige Warten ist eine Art von Resignation. Es fällt den Argentiniern genauso schwer wie anderen Menschen, aber schneller ging es nie voran und das wird auch nichts mehr.
Politik im Mai und mit Cristina
Auch in Argentinien gilt der 1. Mai als „Tag der Arbeit“. Die große Maidemonstration findet auf der Avenida des 9. Juli, dieser Riesenstraße, statt. Die Demonstranten, angekarrt mit unzähligen Bussen, trommeln, was das Zeugt hält, und getrunken wird auch viel. Anders als gewöhnlich in Europa wird die Regierung bei der Demo nicht attackiert, sondern gestützt. Die Gewerkschaften zeigen Stärke, werben um Mitglieder und zugleich für Frau Kirchner. Themen wie die problematische Inflation, ein Tabuwort Frau Kirchners, werden da nicht durchdiskutiert. Traditionell sind die Gewerkschaften ein Rückhalt der (peronistischen) Regierung. Beistand kann die sicher brauchen, obwohl Präsidentin Cristina Kirchner generell sehr präsent ist. Sie wird auf Wand-Graffiti zitiert und wirkt, als ob sie an jeder Baustelle selbst mitarbeite. Das ist optisch nicht weiter schlimm, ist Kirchner doch in puncto Attraktivität deutschen Politkolleginnen überlegen. Inhaltlich kann ich’s nicht beurteilen. Kirchner setzt auf jeden Fall immer und überall auf „todos“, die Gemeinschaft der Argentinier. Dabei polarisiert sie und ist nicht so beliebt, wie es im Ausland zuweilen wirkt. Gleicht ihre Vergangenheit doch nicht gerade einem Wohlfahrtkommando, so der Vorwurf.
Spannend: Wird sich die Gewerkschaftskultur nach dem Machtverlust der Peronisten verändern?
Für Wendy-Leserinnen und andere Reitfreunde
In einem Land, in dem Pferde so verehrt werden wie in Argentinien, muss ich den Tieren auch als Hufallergiker einen Besuch abstatten. Auf ins Hipódromo zum Pferderennen, dem „Großen Preis von Argentinien“. Eine prima Gelegenheit, die Reisekasse mit kleinen Wetten aufzustocken. Ich orientiere mich bei der Wahl meines Favoriten, professionell wie ich bin, am Aussehen des Gauls. Das bedeutet, am Namensschild und der Farbe seiner Kleidung. „Pussy Doll“ ist meine große Favoritin. Was kann bei diesem Namen schon schiefgehen?
