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Aufbruch in ein gutes Leben
Ständig abgehetzt, zutiefst erschöpft und unter einem nicht mehr nachlassenden Druck? Dieses Gefühl kennen viele Menschen nur zu gut. Und schon beginnt das Fragenkarussell: Bin ich nur überarbeitet, kann ich mir noch selbst helfen oder brauche ich professionelle Hilfe? Und welche wirksamen therapeutischen Wege passen zu mir, was hilft mir wirklich weiter?
Drei Experten zeigen Ihnen anhand von Fallbeispielen, wie Sie erste Anzeichen von Burnout und Depression erkennen und was Sie selbst gezielt tun können, um diese zu vermeiden. Ändern Sie Ihre Verhaltensmuster, überdenken Sie Ihr Selbstbild und gelangen Sie so zurück zu einem freudvollen, aktiven Leben.
Die Schön Klinik Roseneck: FOCUS Klinikliste Platz 2 bei Zwängen und Depressionen.
Das Autorenteam arbeitet in der Klinik Roseneck am Chiemsee, wo Prof. Dr. Ulrich Voderholzer Ärztlicher Direktor, Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Hillert Chefarzt und Dr. med. Gabriele Hiller Oberärztin sind. Dr. Voderholzer und Dr. Hiller sind zudem Mitglied der "Task Force Burnout" der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde
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Seitenzahl: 341
Veröffentlichungsjahr: 2018
Burnout und Depression
Das Hilfebuch in der Lebenskrise
Ulrich Voderholzer, Andreas Hillert, Gabriele Hiller
1. Auflage 2018
Nach der Zahl der Medienberichte zu urteilen, hat sich Burnout zu einer Epidemie des 21. Jahrhunderts entwickelt. Von der Illustrierten bis hin zu wissenschaftlichen Fachzeitschriften: Das Thema wird allerorten aufgegriffen. Gibt man das Suchwort »Burnout« bei Google ein, bekommt man mehr als 100 Millionen Treffer. Die Suchergebnisse reichen von allgemeinen Informationen über Möglichkeiten des selbstständigen Testens und Einschätzens der eigenen Burnout-Gefährdung bis zu – seriösen und unseriösen – Therapievorschlägen. Und auch der schier unüberschaubare Markt der Ratgeberbücher, der unterschiedlichen Therapien und auch Pseudotherapien zeigt die Popularität dieses Themas in der heutigen Zeit.
Nicht ohne Grund wird immer wieder von der »Burnout-Gesellschaft« gesprochen: Die vom Einzelnen erlebten und erlittenen Symptome von Erschöpfung und Ausgebranntsein spiegeln Probleme, mit denen die heutige Gesellschaft über alle Schichten hinweg zu kämpfen hat: immer weniger tragfähige soziale Netzwerke, im Rahmen eines angeblich zwingend nötigen immer weiteren, möglichst schnellen Wachstums steigender Leistungsdruck und, quasi als Kompensation dieser Aspekte, immer höherer individueller Konsum und höhere Ansprüche. Unter Burnout zu leiden ist dann ein Zeichen dafür, nicht mehr mit diesen von der Gesellschaft geforderten Anforderungen umgehen zu können, nachdem man – zumindest dem eigenen Erleben nach – viele Jahre versucht hat, alles zu geben und sich zu verausgaben.
Doch wenn es bereits so viele Informationen und Ratgeber zum Burnout gibt: Wozu noch ein Buch zu diesem Thema?
Menschen, die sich von Burnout bedroht fühlen oder manifest darunter leiden, ist durchaus bewusst, dass sie in ihrem Leben etwas verändern müssten, um dem drohenden Zusammenbruch zu entgehen oder, falls er sich bereits ereignet hat, wieder herauszukommen. Wer sich als überlastet erlebt, kennt meist die vielen guten Ratschläge: Er müsse sich weniger Stress machen, nicht so perfektionistisch sein, bestimmte Probleme weniger ernst nehmen, mal was für sich tun und so weiter.
Unser primäres Ziel ist es daher nicht, Ihnen weitere Ratschläge zu geben. Wenn sie helfen würden, dann hätten Sie dieses Buch ja nie in die Hand genommen. Zudem: Ratschläge sind auch Schläge. Sie zeigen den Betroffenen, dass sie etwas falsch machen. Niemand hört gerne, dass er etwas falsch gemacht hat, schon deshalb sind Ratschläge für viele Menschen wenig hilfreich. Um diese annehmen zu können, müssen die Voraussetzungen stimmen:
Wir müssen unseren persönlichen Stolz überwinden und uns eingestehen, dass wir Hilfe benötigen. Wir müssen Selbstdisziplin haben und die als hilfreicher erkannten Strategien auch konsequent umsetzen. Wir müssen motiviert sein, an unserem Leben etwas ändern zu wollen. Dieses Buch soll daher weniger ein Ratgeber sein, sondern ein Buch, das Sie über ebensolche Zusammenhänge informiert und damit vielleicht den Einstieg in tragfähige Veränderungsprozesse erleichtert.
Wir arbeiten seit Jahrzehnten tagtäglich mit Menschen, die sich als ausgebrannt erleben, bzw. mit Menschen, die an Depressionen erkrankt sind. Viele von ihnen hatten diverse Ratgeber-Bücher gelesen, oftmals solche, die irgendwelche Patentrezepte anbieten, die dann der viel komplexeren Realität nicht standhalten konnten. Soweit diese Bücher tatsächlich mit der Hoffnung gelesen wurden, sie würden sichere Wege aus dem Burnout etc. weisen, war das Ergebnis schlicht Enttäuschung und Desillusionierung. Von diesen Erfahrungen ausgehend wollen wir Sie über den derzeitigen wissenschaftlichen Stand zum Thema Burnout und Depression informieren; das heißt, Meinungen und Wissen sowie Erfahrungen werden klar und differenziert dargestellt. Unsere Idee war, ein Ratgeber-Buch zu schreiben, dessen Attraktivität darin liegt, die in der Wissenschaft offenen Fragen einschließlich der Möglichkeiten, aber eben auch der Grenzen der verschiedenen Konzepte und therapeutischen Strategien als solche kritisch aufzuzeigen.
Wir gehen davon aus, dass Sie letztlich nur selbst für Ihr Leben entscheiden können, ob Sie Ratschläge benötigen und ob Sie aus den Informationen Konsequenzen für sich ziehen wollen. Die Autoren würden sich sehr freuen, wenn die in diesem Buch vorgelegten Informationen für Sie nützlich sind.
Wir danken dem Verlag, insbesondere Sibylle Duelli, sowie der Lektorin Anne Bleick dafür, sich auf dieses Buch eingelassen zu haben. Wir drei Autoren sind an der Schön Klinik Roseneck tätig. Das ist die derzeit größte Fachklinik Deutschlands für psychische und psychosomatische Erkrankungen Erwachsener und Jugendlicher. Ohne unsere Kollegen und insbesondere unsere Patienten wäre das Buch nicht zu dem geworden, was es ist. Für alle Anregungen und jede Unterstützung danken wir herzlich.
Schön Klinik Roseneck, Frühjahr 2018
Ulrich Voderholzer, Gabriele Hiller, Andreas Hillert
Zu diesem Buch
Teil I Burnout: Was ist das?
1 Fragen zu Burnout und Depression
1.1 Sind Burnout und Depression das Gleiche?
1.2 Kann Burnout jeden treffen?
1.2.1 Gibt es einen Burnout-Typus?
1.2.2 Welche beruflichen Stressfaktoren begünstigen Burnout-Erleben?
1.3 Was ist noch normal und wo fängt Krankheit an?
1.3.1 Die Dauer und der subjektive Leidensdruck spielen eine Rolle
1.4 Haben Depressionen zugenommen?
1.4.1 Woran könnte dieser Anstieg liegen?
1.4.2 Gesellschaftlicher Wandel
1.4.3 Zunahme kritischer Lebensereignisse
1.4.4 Vermehrte Krankschreibungen und Frühberentungen
1.4.5 Welche Verfahren sind am besten geprüft und bewährt?
1.4.6 Wie hoch ist die Rückfallgefahr?
1.5 Hat Psychotherapie eine nachhaltige Wirkung?
1.5.1 Unter welchen Voraussetzungen wirkt Psychotherapie?
2 Vom globalen Stress zum Burnout-Erleben
2.1 Exzessive Beschleunigung
2.2 Konkurrenzdruck in allen Bereichen
2.3 Individuelles Stresserleben
2.4 Wie erleben sich Burnout-Betroffene?
2.5 Maria: »absolut ausgebrannt«
2.5.1 Kindheit in geordneten Verhältnissen
2.5.2 Harmoniebedürftigkeit
2.5.3 Veränderungen am Arbeitsplatz
2.5.4 Gewinnmaximierung und Personalreduktion
2.5.5 Druck und Manipulation durch die Vorgesetzte
2.5.6 Trennung vom Partner
2.5.7 Erschöpfung, Wut und Unkonzentriertheit
2.5.8 »Ihre Situation ist schwierig, doch Sie sind nicht krank!«
2.6 Monika war »alles zu viel«
2.6.1 In der Kindheit wurde sie nur bei guten Leistungen beachtet
2.6.2 Sandwich-Position: Kritik vom Chef und von den Mitarbeitern
2.6.3 Monika suchte erst nach einem Zusammenbruch Hilfe
2.6.4 Wie die Therapie verlief
2.6.5 Eigene Bedürfnisse wahrnehmen, Stressauslöser erkennen
2.6.6 »Schwierig, aber sehr hilfreich für mich war die Achtsamkeit«
2.7 Werner wurde gesagt, er leide unter Burnout
2.7.1 Mit dem jungen Chef wehte ein neuer Wind
2.7.2 Die Soll-Vorgaben steigen unablässig
2.7.3 Werner arbeitete immer länger und hatte Schlafstörungen
2.7.4 Auch privat geriet Werner zunehmend unter Druck
2.7.5 »Herzinfarkt« bei der Autofahrt zur Arbeit
2.8 Gisela litt unter einer Depression
2.8.1 Gisela fiel der Alltag immer schwerer
2.8.2 Gisela fühlte sich ständig unter Druck und gehetzt
2.8.3 Sorge um die demenzkranke Schwiegermutter
2.8.4 Oft war sie zu erschöpft, um noch aus dem Haus zu gehen
2.9 Claudia – alles oder nichts
2.9.1 Ehrgeiz, Erfolg und Anerkennung waren ihr Ansporn
2.9.2 Der Beruf stand an erster Stelle
2.9.3 Es war extrem anstrengend, den hohen Anforderungen zu genügen
2.9.4 Claudia wurde gekündigt
2.9.5 Leistung und tadelloses Aussehen waren den Eltern wichtig
2.9.6 Claudia erkannte, dass ihr Wunsch nach Anerkennung zu extrem war
2.9.7 Ausruhen und Rückzug verstärkten die Erschöpfung nur
2.9.8 Äußerlich faszinierend, innerlich leer
2.9.9 Achtsamkeit üben
3 Burnout: eine »Erfolgsgeschichte«
3.1 Burnout wird entdeckt
3.2 Welche Symptome werden bei Burnout genannt?
3.2.1 Mehr als 130 Symptome wabern um den Begriff »Burnout«
3.2.2 Erschöpfung wird oft genannt
3.3 Es gibt keine Burnout-Diagnosekriterien
3.4 Burnout wurde von einem Betroffenen »entdeckt«
3.5 Über Burnout lässt sich problemlos sprechen
3.6 Neurasthenie: die Modediagnose des 19. Jahrhunderts
3.6.1 Nach dem ersten Weltkrieg geriet die Neurasthenie in Vergessenheit
3.7 Uneinigkeit über Begriffe und Diagnosen
3.8 Die »Burnout-Gesellschaft«
3.9 »Burnout« klingt nach Verausgabung
3.10 Fazit zum Burnout-Phänomen
Teil II Den Ursachen auf der Spur
4 Krankheiten, die hinter Burnout-Erleben stehen können
4.1 Depressive Störungen (und ihre unterschiedlichen Formen)
4.2 Typische Symptome einer Depression
4.3 Wie wird eine Depression diagnostiziert?
4.3.1 Häufige Diagnosen und Bezeichnungen
4.3.2 Abklärungen anderer möglicher Ursachen
4.3.3 Suchen Sie fachkundige Hilfe, damit Ihnen kompetent geholfen wird!
4.4 Spezielle Formen der Depression
4.4.1 Chronische Depression
4.4.2 Winterdepression – saisonal abhängige Depression
4.4.3 Wochenbett-Depression
4.4.4 Prämenstruelle Beschwerden
4.5 Angststörungen
4.5.1 Körperliche Angstsymptome sind sehr unangenehm!
4.5.2 Vermeidungsverhalten führt in eine Sackgasse
4.5.3 Generalisierte Angststörung
4.6 Somatoforme Störungen
4.7 Suchtprobleme
4.7.1 Übermäßiger Alkoholkonsum
4.7.2 Alarmzeichen
4.7.3 Beruhigungsmittel, Aufputschmittel
4.8 Zwangsstörungen
4.9 Essstörungen
4.9.1 Magersucht (Anorexie)
4.9.2 Essenfälle mit/ohne Erbrechen (Bulimie/Binge-Eating-Störung)
4.10 Schlafstörungen
4.11 Persönlichkeitsstörungen
4.12 ADHS
4.12.1 ADHS bei Kindern und Jugendlichen
4.12.2 ADHS bei Erwachsenen
4.12.3 Depressive und ängstliche Stimmungen sind häufig
4.13 Burnout-Erleben im Rahmen anderer psychischer Störungen
4.14 Ursachen von Depressionen
4.14.1 Veraltete Vorstellung: »endogene« und »reaktive Depression«
4.14.2 Bio-psycho-soziales Modell
5 Biologische Ursachen
5.1 Erbliche Faktoren bei Depression
5.2 Veränderungen im Gehirn
5.2.1 Mangel an bestimmten Botenstoffen
5.2.2 Veränderungen im »Gefühlszentrum«, dem limbischen System
5.3 Krankheiten mit »Burnout-Symptomen«
5.4 Erschöpfung aufgrund von Eisenmangel
5.5 Wie sich Schilddrüsenerkrankungen auswirken
5.6 Parkinson-Krankheit: Schwäche und Erschöpfung
5.7 »Ausgebrannt« als Schlaganfallfolge
5.8 Erschöpfung als Medikamentennebenwirkung
5.9 Schlafstörungen
5.9.1 Nicht organische Schlafstörungen
5.9.2 Organisch bedingte Schlafstörungen
5.9.3 Die häufigsten Ursachen von Schlafstörungen sind
5.9.4 Ungünstige Lebensgewohnheiten
6 Psychologische Ursachen
6.1 Die Wurzeln liegen in der Kindheit
6.1.1 In Giselas Kindheit wurden nur Gehorsam und Ordentlichkeit gelobt
6.1.2 Wie sich Kindheitserfahrungen auswirken
6.1.3 Verlässliche Bezugspersonen
6.2 Persönlichkeit, Temperament, Charakter
6.3 Das Temperament ist uns angeboren
6.4 Temperament und Umgebung
6.5 Vom Temperament zum Persönlichkeitsstil
6.6 Die Theorie der vier Temperamente von Hippokrates
6.7 Burnout- oder Depressionsanfälligkeit verschiedener Typen
6.8 Der gewissenhafte Typ definiert sich über die Arbeit
6.8.1 Stress: Wenn die eigenen Ansprüche unerfüllbar werden
6.8.2 Wenn Gewissenhaftigkeit zur Falle wird
6.9 Großer Auftritt! – der selbstbewusste Typ
6.9.1 Kritik anzunehmen fällt selbstbewussten Menschen oft schwer
6.9.2 Narzisstische Persönlichkeitsstörung – nur scheinbar selbstbewusst
6.10 Der anhängliche Typ sucht Orientierung und Halt
6.10.1 Mangelndes Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen
6.10.2 Dependente Persönlichkeitsstörung: Schwäche und Hilflosigkeit
6.11 Persönlichkeitsstile anderer Art
6.11.1 Der aufopfernde Typ: Ich tue alles für andere!
6.11.2 Dramatischer Persönlichkeitsstil
6.11.3 Wachsamer Typ
6.12 Persönlichkeitsstile: ihre Stärken und Schwachpunkte
7 Soziale Ursachen
7.1 Soziale Stressoren im Erwachsenenalter
7.2 Was macht einen guten, gesunden Arbeitsplatz aus?
7.3 Die meisten Arbeitsunfähigkeiten haben psychische Gründe
7.4 Was wird als besonders belastend erlebt?
7.5 Gesunde Mitarbeiterführung
7.5.1 Nach wie vor wird oft Druck ausgeübt
7.5.2 Entlassungen aus »strategischen Gründen«
7.5.3 Lobende Chefs
7.6 Mobbing: Oft steckt gescheiterte Kommunikation dahinter
7.7 Stresserleben ist immer individuell
7.8 Das Gratifikationsgleichgewicht
7.8.1 Stimmt die Bilanz zwischen Leistung und Belohnung?
7.9 Warum man sich auch selbst belohnen sollte
7.10 Wie stabilisieren Sie Ihr Gratifikationsgleichgewicht?
7.11 Gratifikationskrise und Burnout-Erleben
7.12 Veränderungsprojekte
Teil III Was kann ich selbst tun?
8 Umgang mit Stress
8.1 Der akute »Stress« unserer Vorfahren
8.2 Der Dauerstress der Gegenwart
8.3 Oft nehmen wir den Stress gar nicht mehr wahr
8.4 Wie reagieren Sie bei Stress?
8.5 Die körperlichen Stressreaktionen
8.6 Wie reagiert Ihr Körper auf »Stress«?
8.7 Wie verhalten Sie sich bei Stress?
8.8 Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf?
8.9 Welche Gefühle stellen sich bei Stress ein?
8.10 Emotionale Kompetenz macht handlungsfähig
8.11 Energie für Arbeit und Privatleben
8.12 Werners Motto: »Sei beliebt und anerkannt«
8.12.1 Konfliktfähigkeit hat Werner bisher nie »gebraucht«
8.13 Wir bleiben gern in bewährten Mustern
8.14 Werners »Burnout-Falle«: Konflikte unbedingt vermeiden
8.15 Warnzeichen wahrnehmen und gegensteuern
8.15.1 Stressmindernde Aktivitäten
8.15.2 Das soziale Netz pflegen und nutzen
8.15.3 Selbstverstärkung
8.16 Grübeln und negative Gedanken
8.16.1 Wie viel Zeit verbringen Sie mit Grübeln?
8.17 Der Trick mit dem Grübelstuhl
8.18 Wie Sie der Grübelgedanken Herr werden
8.19 Die grübelfreie Zeit gestalten: positive Aktivitäten
9 Schlafhygiene: wieder erholsam schlafen
9.1 Wie Sie Ihre Sorgen aus Ihrem Bett heraushalten
9.1.1 Feste Zeiten für sorgenvolle Gedanken oder belastende Gefühle
9.2 Im Bett: Ihr Cool-down-Programm fürs Gehirn
9.2.1 Das Gehirn will beschäftigt werden
9.2.2 Ruhebild: gedanklich durch eine schöne Landschaft spazieren
9.3 Fernsehen, PC, Laptop & Co.
9.4 Alkohol und schweres Essen
9.5 Nicht zur Ruhe kommen
9.6 Schlafkiller: zu hell, zu warm, zu laut
9.7 Schlafkiller: negative Erwartungen
9.8 Schlafkiller: Uhrzeit kontrollieren
9.9 Depression: Zu viel schlafen ist auch nicht gut
9.10 Schlaf- und Beruhigungsmittel
9.10.1 Chronische Schlafstörungen
9.11 Welche Schlafmittel gibt es?
9.11.1 Benzodiazepine
9.11.2 Z-Substanzen (Zolpidem, Zopiclon, Zaleplon)
9.11.3 Antidepressiva
9.11.4 Neuroleptika (Antipsychotika)
9.11.5 Pflanzliche Medikamente
9.11.6 Biologische Schlafmittel
9.11.7 Antihistaminika
10 Entspannungsmethoden
10.1 Entspannung lässt sich erlernen
10.2 Regelmäßig üben
10.3 Progressive Muskelrelaxation (PMR)
10.4 So funktioniert PMR
10.5 Übung: PMR-Kurzform
10.5.1 Arme
10.5.2 Gesicht
10.5.3 Nacken
10.5.4 Bauch
10.5.5 Schultern
10.5.6 Beine
10.6 Was Sie bei der PMR beachten sollten
10.7 Autogenes Training (AT)
10.8 So funktioniert das autogene Training
10.8.1 Schwere- und Muskelübung
10.8.2 Wärmeübung
10.8.3 Herzübung
10.8.4 Atemübung
10.8.5 Bauch- und Sonnengeflechtsübung
10.8.6 Stirnkühle-Übung
10.9 Übung: Autogenes Training anwenden
10.10 Was Sie beim Autogenen Training beachten sollten
10.11 Meditation und Yoga
10.12 Biofeedback
10.12.1 Biofeedback-Therapie
10.13 Und wenn es nicht klappt mit der Entspannung?
10.13.1 Üben Sie zu selten?
10.13.2 Machen Sie sich nicht zu viel Druck!
10.13.3 Erwarten Sie zu viel?
10.13.4 Sorgen Sie für sich selbst!
11 Achtsamkeit und Akzeptanz
11.1 Gedanken laufen oft vollautomatisch ab
11.2 In der Gegenwart ankommen
11.3 Aus dem Autopilot-Modus aussteigen
11.4 Achtsamkeit bei Depression, Angst und Stress (ADAS)
11.5 Achtsamkeitsübungen für zu Hause
11.6 Übung: Atemraum
11.6.1 Gewahrsein
11.6.2 Sammlung
11.6.3 Ausdehnen
11.7 Übung: Hörmeditation
11.8 Alle Sinne nutzen
11.9 Übung: die Rosinenübung
11.9.1 Fangen Sie mit dem Sehen an
11.9.2 Gehen Sie weiter zum Tastsinn
11.9.3 Kommen Sie nun zum Hören
11.9.4 Widmen Sie sich dem Riechen
11.9.5 Widmen Sie sich dem Geschmackssinn
11.9.6 Der erste Bissen
11.9.7 Die zweite und dritte Rosine
11.9.8 Über die Rosine reflektieren
11.10 Wahrnehmung ist nie objektiv!
11.10.1 Wir vermischen Bezeichnung und Wirklichkeit
11.11 Übung: »Milch«
11.12 Achtsamkeit der Gedanken
11.13 Übung: Gedanken sind keine Realität
11.14 Achtsamkeit im Alltag
12 Unser Beziehungsnetz
12.1 Der Mensch: ein soziales Wesen
12.2 Freundschaften pflegen
12.3 Bilanz und Perspektiven: Mein soziales Netzwerk
12.3.1 Auswertung
12.3.2 Wie stabil ist Ihr soziales Netz?
12.4 Persönliche Kontakte als Stress-Prophylaxe
12.5 Soziale Beziehungen aufbauen und aufrechterhalten
12.5.1 Gewohnheiten verändern: eine Herausforderung!
12.5.2 Probieren Sie es dennoch aus!
12.5.3 Bestehende Kontakt verbessern
12.5.4 Veränderungen ankündigen
12.6 Wie Kommunikation gelingen kann
13 Was noch hilft
13.1 Bewegen Sie sich
13.1.1 Trainieren Sie Ihre Ausdauer
13.1.2 So bleiben Sie am Ball
13.1.3 Den richtigen Sport finden
13.2 Selbstfürsorge: Ich bin für mich verantwortlich
13.2.1 Das kleine Einmaleins der Selbstfürsorge
13.2.2 Die Strategie der kleinen Schritte
13.2.3 Zwischenziele setzen
13.2.4 Loben und belohnen Sie sich
13.3 Was, wenn es nicht funktioniert?
13.3.1 Bleiben Sie dran
13.4 Abschalten und regelmäßig Pausen einlegen
13.4.1 Pausen als Schutzfaktor
13.4.2 Zeitmanagement
13.4.3 Pausen sinnvoll gestalten
13.4.4 Wochenende und Urlaub
Teil IV Professionelle Hilfe nutzen
14 Psychotherapie
14.1 Wer kann mir jetzt helfen?
14.1.1 Woran erkennt man einen »qualifizierten« Psychotherapeuten?
14.2 Wie funktioniert Psychotherapie?
14.3 Welche Psychotherapie ist geeignet?
14.3.1 Probatorische Sitzungen
14.4 Kostenübernahme für einen Klinikaufenthalt
14.4.1 Psychosomatische Rehakliniken
14.5 Liegt eine behandlungsbedürftige Krankheit vor?
14.6 Ausgebrannt, aber gesund? Wie geht das?
14.7 Kosten und Motivation
14.8 Ambulante Psychotherapie: Probesitzungen nutzen
14.9 Das erste therapeutische Gespräch
14.9.1 Allgemeine Informationen zur Psychotherapie
14.9.2 Problembeschreibung: Was führt Sie her?
14.9.3 Weitere Fragestellungen und Anamnese
14.10 Tiefenpsychologische bzw. psychodynamische Psychotherapie
14.11 Kognitive Verhaltenstherapie
14.12 Fehlende Belohnung als aufrechterhaltender Faktor
14.12.1 Werner: ausbleibende Anerkennung seiner Frau
14.13 Eine Sackgasse der besonderen Art: »erlernte Hilflosigkeit«
14.13.1 Gisela: ausgeliefert sein in der Kindheit
14.14 Eigenen Denkschemata auf die Schliche kommen
14.15 Warum positive Aktivitäten so wichtig sind
14.16 Kleine Freuden und Erfolge im Tagebuch notieren
14.17 Sich selbst loben und belohnen
14.18 Eigene Wünsche und Bedürfnisse äußern
14.18.1 Gisela äußert der Tochter gegenüber eigene Wünsche
14.19 Automatische Gedanken erkennen
14.19.1 Gisela macht mit ihrem Therapeuten zusammen eine Verhaltensanalyse
14.19.2 Grundannahmen aus der Kindheit auf die Spur kommen
14.20 Angst bewältigen
15 Was Sie noch wissen sollten
15.1 Welche Wirkungen entfalten Antidepressiva?
15.1.1 Antidepressiva wirken nicht sofort
15.1.2 Erhaltungsdosis
15.1.3 Ausgleich gestörter Botenstoffe
15.2 Unterschiedliche Wirkklassen
15.2.1 Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI)
15.2.2 Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer
15.2.3 Noradrenerge und spezifisch serotonerge Antidepressiva (NaSSA)
15.2.4 Monoaminoxidase-Hemmer (MAO-Hemmer)
15.2.5 Tri- und tetrazyklische Antidepressiva
15.3 Antidepressiva werden breit eingesetzt
15.4 Antidepressiva: kritische Perspektive
15.5 Psychotherapie oder Medikamente – oder beides?
15.6 Ambulante oder stationäre Behandlung?
15.7 Ambulante Psychotherapie
15.7.1 Vorteile
15.7.2 Nachteile
15.8 Stationäre Psychotherapie
15.8.1 Setting
15.8.2 Vorteile
15.8.3 Nachteile
15.9 Tagesklinik: teilstationäre Psychotherapie
15.10 Entscheidungshilfe
15.11 Lichttherapie bei saisonaler Depression
15.12 Wachtherapie – therapeutischer Schlafentzug
15.12.1 Was passiert beim Schlafentzug?
15.13 Internetgestützte Therapien
15.13.1 Therapieprogramme ohne individuellen Therapeuten
15.13.2 Schreibtherapie via E-Mail
15.13.3 Internettherapie mit Videokonferenzsitzung
16 Was können Angehörige tun?
16.1 Soziale Unterstützung
16.2 Wenn Passivität zur Strategie wird
16.3 Angehörige sind keine Therapeuten!
16.4 Oft brauchen auch Angehörige Hilfe
16.5 Don’ts: Was Angehörige besser lassen sollten
16.6 Dos: So helfen Sie dem depressiv Erkrankten
17 Botschaften des Buches
18 Schlusswort
19 Service
19.1 Kontakt
19.2 Literatur
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
1 Fragen zu Burnout und Depression
2 Vom globalen Stress zum Burnout-Erleben
3 Burnout: eine »Erfolgsgeschichte«
Alle sprechen über »Burnout«. Jeder verbindet damit bestimmte Vorstellungen. Wissenschaftlich gesehen ist es hingegen ein schwer greifbares Phänomen.
Die folgenden Fragen werden uns von Betroffenen im klinischen Alltag immer wieder gestellt. Weil die Antworten grundlegend sind, wollen wir damit beginnen.
Burnout, was ist das eigentlich? Kann Burnout jeden treffen oder haben bestimmte Menschen ein höheres Risiko? Brennen nur die rund um die Uhr aktiven Manager sowie Krankenschwestern und Lehrer, die sich für andere aufopfern, aus? Wann ist man wirklich krank? Denn erschöpft und überlastet fühlt sich fast jeder einmal. Oder ist es vielleicht gar kein Burnout, sondern eine Depression?
Zunächst einmal: »Burnout« bzw. »ausgebrannt sein« wird als solches erlebt; es ist also primär ein subjektives Phänomen. Ein Mensch fühlt sich so, wie man sich beispielsweise, im Sinne einer Analogie, ein ausgebranntes Haus vorstellt: ausgebrannt, leer, leblos, lustlos, perspektivlos, hilflos. Depression hingegen ist eine psychische Erkrankung, die anhand definierter Kriterien von Ärzten und Psychotherapeuten diagnostiziert und von anderen seelischen Erkrankungen unterschieden werden kann. Dabei werden drei Schweregrade unterschieden: leicht, mittelgradig und schwer. Wenn man sich ausgebrannt fühlt, dann fühlt man sich so; wobei neben dem betreffenden Grundgefühl eine Wertung vorgenommen wird. Man ist in ebendiesem Zustand, weil man davon ausgeht, zumal in der Arbeit, zu viel Energie investiert zu haben bzw. weil Arbeitsbedingungen als schlecht, überfordernd und/oder kränkend erlebt werden. Entscheidend sind dafür letztlich nur die eigenen Kriterien des Betroffenen. Die meisten Menschen, die sich ausgebrannt fühlen, erfüllen nicht die Kriterien einer Depression.
Burnout und Depression sind also nicht gleichzusetzen: Burnout ist die Sicht bzw. das Erleben von Betroffenen, Depression ist eine von Fachleuten wie Psychiatern oder Psychologen gestellte Diagnose, für die es allgemein anerkannte Kriterien gibt. Die Schnittmenge von Burnout und Depression ist groß. Noch größer ist jedoch die Gruppe von Menschen, die sich ausgebrannt fühlen und (zumindest gegenwärtig) klinisch gesund sind. Aber es gibt auch Menschen, die nach klinischen Kriterien unter einer Depression leiden und sich nicht ausgebrannt fühlen, beispielsweise weil sie ihren Zustand nicht auf (berufliche) Überlastung zurückführen.
Also: Depression und Burnout sind nicht das Gleiche! Burnout ist ein subjektives Erleben und, weil es sich letztlich weder anhand der – unspezifischen – Symptome noch anhand einer spezifischen Entstehung klar diagnostizieren lässt, keine anerkannte Krankheitsdiagnose. Eine Depression dagegen kann anhand bestimmter Kriterien festgestellt werden. Nur ein Teil der Menschen, die sich als ausgebrannt erleben, leidet an einer Depression.
Grundsätzlich ja, schließlich ist niemand immun gegenüber Überforderungskonstellationen, anhaltender Erschöpfung und seelischem Leid. Jeder Mensch kann in seinem Leben Situationen ausgesetzt sein, die mit seinen Ressourcen nicht oder nur schwer zu bewältigen sind. Entsprechend haben nicht alle Menschen das gleiche Burnout-Risiko. Die Ursachen für Burnout-Erleben sind vielfältig und lassen sich am besten anhand eines »bio-psycho-sozialen Entstehungsmodells« beschreiben. Damit ist gemeint, dass sowohl körperliche (biologische), psychologische und soziale, das heißt die Lebenssituation betreffende Ursachen an der Entwicklung eines Burnout-Erlebens bzw. einer Depression beteiligt sind. Es ist selten nur eine einzige Ursache für die Entstehung verantwortlich, meist spielen unterschiedliche Faktoren zusammen.
Gibt es Menschen, die mehr als andere dazu neigen, in beruflichen oder anderen Belastungskonstellationen »auszubrennen« bzw. sich entsprechend zu erleben? Entgegen der verbreiteten Ansicht sind es eher nicht die Menschen, die sich besonders für ihren Beruf engagieren sondern solche, die sich ihrer Aufgabe nicht gewachsen fühlen, diese in Ermangelung von Alternativen quasi notgedrungen ausüben und/oder sich von den Vorgesetzten und Kollegen nicht hinreichend in ihrer Tätigkeit anerkannt bzw. gekränkt fühlen. Menschen haben ansonsten meist recht stabile Muster, mit Belastungen umzugehen. Eine Kombination aus hohen Ansprüchen (an sich und/oder an andere), dem zwingenden Wunsch, von allen gemocht und anerkannt zu werden und Schwierigkeiten darin, unvermeidliche Konflikte auszutragen hat sich als eine besonders Burnout-trächtige Kombination persönlicher Eigenschaften erwiesen. Entsprechend haben Studien gezeigt, dass auch Menschen mit einer eher geringen Identifikation mit dem Beruf und einer von vorneherein eher geringen Bereitschaft, sich zu verausgaben, stärker zum Burnout-Erleben neigen.
Oft ist es eine Kombination aus hohen beruflichen Anforderungen, einem geringen Handlungsspielraum (z. B. keine Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen), dem Erleben geringer Wertschätzung und sozialer Anerkennung und Unterstützung. Dass solche Konstellationen heute häufig geworden sind, ist letztlich ein Ergebnis des rasanten Wandels in Gesellschaft und Arbeitswelt. Für immer mehr Menschen wird die Arbeit zum zentralen, sinnstiftenden Lebensinhalt, schon deshalb, weil viele traditionelle Werte, von der Religion über Vereine bis zu den Familien, zunehmend als relativ wahrgenommen werden. Gleichzeitig sind langjährig stabile Beschäftigungen selten geworden. Die Anforderungen in der Arbeitswelt steigen immer weiter, niemand kann sich auf seinen Erfolgen und seinem Wissen ausruhen. Alles ist im Wandel. Entsprechend erleben viele Menschen auf mehreren Ebenen einen Verlust an Sicherheit. Wer nicht ständig aktiv bemüht ist, den Anschluss nicht zu verlieren und sich sozial wie finanziell abzusichern, für den steigt das Risiko des Scheiterns und des Abstiegs.
Auf diese Frage gibt es schon bei körperlichen Erkrankungen meist keine klare Antwort: So bezeichnen sich die einen schon bei mehrmaligem Husten als krank, andere sehen sich dagegen noch mit Fieber als gesund an. Bei psychischen Krankheiten ist die Einteilung in »gesund« und »krank« noch viel schwieriger. Ein Gefühl der Erschöpfung ist keinem Menschen fremd. Wo die Grenze zwischen »normal« und »nicht normal« verläuft, hängt vom Schweregrad der Beeinträchtigung und den Folgen für den beruflichen und privaten Alltag ab. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Symptomen. Ist es bereits eine Krankheit, wenn ich drei Nächte hintereinander nicht gut schlafen konnte? Oder wenn ich mich eine Woche lang niedergeschlagen fühle und mich schon kleinste alltägliche Aufgaben erschöpfen? Bezogen auf Durchschnittswerte in der Normalbevölkerung stellen beide Beispiele noch keine krankheitswertigen Symptome dar.
Eine Depression wird, im Sinne der Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation, erst dann diagnostiziert, wenn die Symptome mindestens über einen Zeitraum von 14 Tagen zu der meisten Zeit des Tages vorliegen und mit einer subjektiven Beeinträchtigung verbunden sind. Bei Schlafstörungen sind es sogar vier Wochen! Daraus folgt also: Nur wenn die Symptome über einen längeren Zeitraum und kontinuierlich vorliegen und wenn man selbst unter den Symptomen leidet, ist es nicht mehr als gesund anzusehen. Entscheidend sind also immer auch der subjektive Leidensdruck und die Folgen, die daraus entstehen. Und damit ist es nur bedingt möglich, von außen eine eindeutige Entscheidung zu treffen, ob jemand krank ist oder nicht. Die Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation können angesichts dessen ihrerseits nur Annäherungen an das komplexe Phänomen seelische Gesundheit bzw. Krankheit sein. Sie wurden in Konsens-Verfahren von Wissenschaftlern formuliert und sind abhängig von den jeweiligen sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen. Parallel zu deren Wandel und neuen wissenschaftlichen Befunden werden diese sukzessive aktualisiert. Zumal in Grenzbereichen ist und bleibt die Frage, ab welchen und wie vielen Symptomen ein Zustand als »seelisch krank« zu bewerten ist, eine Definitionsfrage, die von Experten und Betroffenen nicht selten unterschiedlich beantwortet wird. Das erklärt, warum immerhin die Hälfte der – wenn man die Diagnosekriterien anwendet – Betroffenen trotz Beschwerden nie einen Arzt aufsuchen: Viele erleben sich de facto nicht als krank, andere haben Angst davor, mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen zu werden oder keine Hoffnung, dass ihnen geholfen werden könnte. Auch Schamgefühle und der persönliche Stolz, von anderen keine Hilfe annehmen zu wollen, können eine Rolle spielen.
Wenn Sie nun sich selbst überwiegend als ausgebrannt oder erschöpft erleben und vor der Frage stehen, ob Sie krank oder noch gesund sind, so ist es immer zu empfehlen, einen Arzt, am besten einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, oder einen Psychotherapeuten aufzusuchen, um gemeinsam dieser Frage auf den Grund zu gehen.
Fassen wir zusammen: Bei psychischen Erkrankungen spielen bei der Einschätzung, ob jemand krank oder gesund ist, neben den vorherrschenden Symptomen die Dauer der Erkrankung, die Auswirkungen auf das berufliche und soziale Leben und der subjektive Leidensdruck eine große Rolle. Zur Abklärung einer psychischen Erkrankung und des nötigen Behandlungsbedarfs sollte ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder ein Psychotherapeut aufgesucht werden.
Depressionen zählen weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Immerhin 25 % der Frauen und 12,3 % der Männer leiden in ihrem Leben mindestens einmal an einer depressiven Episode. Viele erleben zwei oder mehr Episoden. Immer häufiger werden in den letzten Jahrzehnten Depressionen diagnostiziert und behandelt. Den Gesundheitsberichten der Krankenkassen zufolge wurde als Grund für eine Arbeitsunfähigkeit in den letzten Jahren immer häufiger eine depressive Erkrankung aufgeführt und auch die Anzahl an notwendigen Therapien weist einen enormen Anstieg auf.
Zum einen sind die Hausärzte in Bezug auf psychische und psychosomatische Erkrankungen heute besser ausgebildet als früher und diagnostizieren daher häufiger Depressionen. Hausärzte sind meist die ersten Ansprechpartner, die bei Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen oder Erschöpfungsgefühlen aufgesucht werden. Daneben erkennen auch Betroffene selbst ihre Erkrankung heute oft früher als solche und suchen schneller Hilfe auf. Dazu trägt auch die abnehmende Stigmatisierung seelischer Erkrankungen im Allgemeinen positiv bei.
Epidemiologisch, wenn für die Gesamtbevölkerung repräsentative Gruppen ansonsten zufällig ausgewählter Menschen untersucht werden, ließ sich die Vermutung, wonach die Zahl unter Depressionen leidender erwachsener Menschen – anders als bei Jugendlichen – in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen sei, nicht bestätigen. Angesichts dessen liegt die Vermutung nahe, dass neben den oben genannten Aspekten die veränderten Lebensbedingungen, etwa zunehmender Druck in der Arbeitswelt, dazu geführt haben, dass Menschen, die früher trotz depressiver Symptome noch irgendwie über die Runden gekommen sind, sich nun krankschreiben lassen müssen.
Was hat sich in unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten geändert: Es gibt eine Beschleunigung in vielen Lebensbereichen, der Leistungsdruck ist in der Schule und in vielen Berufen gestiegen, es gibt mehr Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt. Mobilität wird für den Beruf gefordert und hat oft zur Folge, dass einerseits praktische Unterstützung durch Verwandte und gute Freunde wegen der Entfernung gar nicht möglich ist, anderseits weite Fahrten an Wochenenden nötig sind, um z. B. kranken oder gebrechlichen Eltern beizustehen. Gleichzeitig haben sich die familiären Strukturen verändert. Es gibt weniger Großfamilien, viel mehr kleine Familien, Patchwork-Familien und Alleinstehende, sodass auch in dieser Hinsicht für viele Menschen weniger Sicherheit vorhanden ist.
Kritische Lebensereignisse sind nachweislich einer der Hauptrisikofaktoren für die Entwicklung einer Depression. Als kritisch gelten Lebensereignisse dann, wenn sie von den Betroffenen eine Anpassungsleistung verlangen. Sie gehen oft mit einer Veränderung der Lebenssituation einher. Häufige kritische Lebensereignisse sind Scheidungen, Trennungen, schwere körperliche Krankheiten, Todesfälle, Arbeitsplatzverlust und Umzüge, aber auch Hochzeiten und Geburten. Die Scheidungsrate sinkt zwar, liegt aber weiterhin viel höher als in früheren Jahrzehnten. Mehr als jede dritte Ehe wird geschieden. Bei etwa der Hälfte der geschiedenen Ehen sind minderjährige Kinder betroffen. Scheidungen erhöhen sowohl bei den betroffenen Paaren als auch bei deren Kindern das Risiko einer Depression deutlich. Zudem sind die Familien- und Freundschaftsbeziehungen oft instabil oder fehlen, sodass es auch hier an sozialer Unterstützung mangelt, was das Depressionsrisiko steigert. Auch die wirtschaftliche Lage hat einen Einfluss auf die Entstehung depressiver Erkrankungen: Der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Sorgen darüber stellen einen hohen Risikofaktor dar.
Fakt ist, dass die Krankschreibungen und Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen, insbesondere aufgrund von Depression, in den vergangenen Jahrzehnten massiv zugenommen haben.
Die Eingangsfrage, ob Depressionen zugenommen haben, mussten wir somit relativieren: Auch wenn es keine Belege dafür gibt, dass die Zahl depressiv-erkrankter unter den Erwachsenen zugenommen hat, ist die Relevanz der Problematik offenkundig gestiegen. Dafür werden zwei mögliche Erklärungen herangezogen: Zum einen werden depressive Erkrankungen heute eher erkannt und Betroffene suchen schneller Hilfe auf. Zum anderen nimmt das Risiko für Überlastungs-, Frustrations- und Kränkungskonstellationen im sozialen und beruflichen Kontext zu, was dazu führt, dass unter Depressionen leidenden Menschen die Bewältigung ihres Alltags immer schwerer fällt und oft nicht mehr gelingt.
Sind Depressionen heilbar?
Depressionen können mit den heute bekannten Methoden und Verfahren wirksam behandelt werden und haben in den allermeisten Fällen eine gute Prognose. Gleichwohl lässt sich die Frage, ob Depressionen heilbar sind, bislang nur mit Einschränkungen bejahen. Das liegt zum einen daran, dass es in seltenen Fällen vorkommt, dass auch verschiedene Behandlungsversuche bei einem Patienten nicht im gewünschten Ausmaß zum Erfolg führen. Zum anderen haben depressive Erkrankungen eine hohe Rückfallgefahr. Sollten Sie an einer Depression leiden und der Arzt oder Psychotherapeut vermittelt Ihnen immer wieder Hoffnung, dass sich die Depression bessern wird, dann vertrauen Sie ihm!
Zur psychotherapeutischen Behandlung von Depressionen ist die ▶ kognitive Verhaltenstherapie geeignet. Diese setzt einerseits am Verhalten und andererseits an den in der Depression typischerweise negativen Gedanken an. Auf der Verhaltensebene gilt in der Therapie besonders der Grundsatz: Aufbau positiver Aktivitäten! Depressive Menschen ziehen sich häufig zurück, haben nur noch selten Freude an verschiedenen Freizeitaktivitäten und halten zudem immer weniger die Kontakte zu Freunden und Familie aufrecht, was in der Folge die niedergeschlagene Stimmung weiter senkt. Und je niedergeschlagener wir uns fühlen, desto weniger Lust haben wir, etwas zu unternehmen. Dieser Kreislauf ist de facto ein Teufelskreis, aus dem man nur schwer wieder herauskommt. Der Aufbau positiver Aktivitäten kann einen Ausstieg aus diesem Kreislauf ermöglichen. Dazu kann das gezielte und geplante Wiederaufnehmen von Hobbys und Bekanntschaften gehören, aber auch das Erledigen aufgeschobener Aufgaben. Durch die zusätzliche Beschäftigung mit depressionsfördernden automatischen Gedanken kann dieser Prozess unterstützt werden.
Ziel der therapeutischen Arbeit ist es, negative und irrationale Gedanken, die eine Depression aufrechterhalten, zu hinterfragen und im besten Fall zu verändern. Es geht dabei nicht um das »Schönreden« einer problematischen Situation, sondern um eine neue und realistische Sicht auf ein Problem.
Neben kognitiven und tiefenpsychologischen Verfahren, bei denen es – ausgehend von den Ideen von Sigmund Freud – darum geht, in der Biographie erlebte Defizite im Kontakt mit dem Therapeuten (»Übertragung und Gegenübertragung«) zu bewältigen und auf dieser Grundlage reifer mit den aktuellen Anforderungen umgehen zu können, ist auch die Interpersonelle Therapie eine wirksame Möglichkeit, Depressionen zu behandeln. Hier stehen vor allem die sozialen Beziehungen im Mittelpunkt der Therapie. Der Nachteil dieser Behandlungsmöglichkeit liegt darin, dass die Kosten der Therapie nicht von den Krankenkassen übernommen werden, da es sich nicht um ein in Deutschland anerkanntes Therapieverfahren handelt.
Viele Betroffene erleben nicht nur einmal im Leben eine depressive Episode, sondern zwei oder auch mehrere. Grund hierfür sind die vielen unterschiedlichen Risikofaktoren, die zu einer Depression führen bzw. das Auftreten einer depressiven Symptomatik begünstigen können. Entsprechend gilt es in einer Therapie, die individuellen Risikofaktoren so weit wie möglich zu reduzieren, um einem Rückfall vorzubeugen. In diesem Kontext kann es u. a. wichtig sein, Strategien zu erlernen, um mit schwierigen zukünftigen (Stress-)Situationen angemessen umgehen zu können. Auch neue Therapieverfahren, die Meditationstechniken wie Achtsamkeit mit einbeziehen, können diesbezüglich hilfreich sein und das Rückfallrisiko reduzieren. Wenn wiederholt Episoden einer Depression aufgetreten sind, kann zudem die langfristige Einnahme von Medikamenten die Rückfallgefahr senken.
Wir können festhalten: Depressionen lassen sich psychotherapeutisch, z. B. mit der kognitiven Verhaltenstherapie oder der interpersonellen Therapie, wirksam behandeln. Es besteht eine Rückfallgefahr, sodass die Therapie über einen längeren Zeitraum erfolgen sollte. Darüber hinaus können u. a. achtsamkeitsbasierte Therapieverfahren das Rückfallrisiko senken.
Psychotherapie bei Depressionen hat erwiesenermaßen eine nachhaltigere Wirkung als Medikamente (Antidepressiva), auch wenn die ersten Erfolge erst nach einigen Wochen, manchmal auch erst nach Monaten auftreten. Das heißt: Psychotherapie braucht länger als Medikamente, um zu wirken, hat aber dafür einen nachhaltigeren Effekt. Sie erfordert mehr Mühe und Anstrengung als die Einnahme von Medikamenten. Schließlich geht es darum, Verhaltensmuster, also beispielsweise die Art und Weise, wie man bisher mit Problemen umgegangen ist, zu verändern. Aber wenn derartige Veränderungen einmal erarbeitet und erreicht sind, dann können sie nach Beendigung einer Therapie leichter aufrechterhalten werden. Das Ziel ist somit, in der Therapie zu lernen, sich selbst zu helfen und mit Stimmungsschwankungen angemessen umzugehen. Damit dies erreicht werden kann, müssen in einer Therapie bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.
Als Erstes ist eine gute Beziehung zum Therapeuten wichtig, damit Psychotherapie nachhaltig und erfolgreich sein kann. Es geht darum, sich verstanden und angenommen zu fühlen. Nur dann kann man ausreichend Vertrauen fassen, um alle Gedanken und Anliegen frei zu äußern. Die Chemie zwischen dem Hilfesuchenden und dem Psychotherapeuten muss zumindest grundsätzlich stimmen! In der ambulanten Therapie haben Patient und Therapeut in den ersten fünf Sitzungen Zeit, sich gegenseitig kennenzulernen und zu sehen, ob sie gut miteinander arbeiten können.
Als Zweites müssen die zentralen, die Symptomatik aufrecht erhaltenden Probleme in der Therapie zur Sprache kommen, damit sie gelöst werden können. Immer wieder kommt es vor, dass in einer Therapie ausführlich über Themen gesprochen wird, die bereits geklärt oder nebensächlich sind. Gemeinsam mit dem Therapeuten gilt es herauszuarbeiten, welche Themen tatsächlich vordringlich sind und sich zudem zielführend bearbeiten lassen. Oftmals leiden Betroffene sehr unter dem Verhalten von Vorgesetzten und Angehörigen. Dafür als Therapeut Verständnis aufzubringen, ist wichtig. Gleichzeitig muss es aber darum gehen, im Laufe der Therapie die Punkte herauszufinden, an denen der Betroffene etwas verändern kann. Das heißt, welche eigenen Erwartungen hat er, und welche Strategien, mit den Belastungen umzugehen, stehen ihm zu Verfügung?
Dabei liegt es nahe, die individuellen Stärken, die jeder Mensch hat, zu aktivieren, um die aktuellen Probleme möglichst gut zu bewältigen.
Eine weitere wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche und nachhaltige Psychotherapie ist es, gemeinsam mit dem Therapeuten ein besseres Verständnis des eigenen problematischen Verhaltens und Erlebens zu bekommen. Damit gemeint sind neben den möglichen Auslösern und Ursachen einer Erkrankung auch die aufrechterhaltenden Faktoren und die möglichen Folgen. Manchmal führt eine Therapie zu einem inneren »Aha-Erlebnis«, das sich dann auf das weitere Leben und die Lebensführung positiv auswirken kann.
Behalten wir also Folgendes im Hinterkopf: Eine Psychotherapie kann vor allem dann nachhaltige Wirkung entfalten, wenn sie als Hilfe zur Selbsthilfe angelegt ist. Dazu ist eine vertrauensvolle Beziehung zum Therapeuten nötig. Je mehr man in der Therapie über sich selbst und seine Krankheit erfährt, desto besser. Es geht darum, Strategien zu erlernen, die man im Alltag anwenden kann. Bereitschaft mitzuarbeiten, Verantwortungsübernahme und Offenheit sind maßgeblich für den Therapieerfolg: Je mehr ein Patient sich öffnet und auf die Therapie einlässt, desto besser sind seine Chancen, von dieser Behandlung zu profitieren.
Wie erleben Menschen »Burnout«? Bevor dies anhand von Fallbeispielen aufgezeigt wird, stellt sich die Frage, warum das Phänomen überhaupt aufkommen konnte.
Dass Burnout die (individuelle) Folge von »zu viel Stress« ist und Stress wiederum daraus resultiert, dass alles immer schneller, globaler und unsicherer wird, pfeifen die Spatzen von den Dächern. In den westlichen Industrienationen erleben sich derzeit viele Menschen als Stress-belastet bzw. überlastet, ausgebrannt und/oder von Burnout betroffen. Laut dem aktuellen Stressreport der Bundesregierung bekundet annähernd die Hälfte aller Befragten, unter Stress zu leiden. Bis zu 30 % identifizieren sich zumindest teilweise mit dem Begriff »ausgebrannt«. Parallel dazu erlebt die Bevölkerungsmehrheit eine zunehmende Beschleunigung in vielen bis praktisch allen Lebensbereichen. Die faktischen Hintergründe dieses Erlebens, sowohl was die Beschleunigung als auch was die daraus resultierende Belastung anbelangt, sind – auch wissenschaftlich – evident.
Dass der technische Fortschritt unaufhaltsam ist und sich in diesem Kontext insbesondere Transport und Kommunikation exzessiv beschleunigt haben, wird auf den Flughäfen der Welt und angesichts des Internets unübersehbar. Halt! Führt schneller Transport und schnelle Kommunikation nicht zunächst einmal dazu, dass wir Zeit gewinnen bzw. Zeit sparen? Mit dem Flugzeug sind wir heute in sechs Stunden in New York; früher brauchte man mit dem Schiff mindestens eine Woche. Eigentlich müsste Stress für uns ein Fremdwort sein. Die durch technische Beschleunigung gewonnene Zeit – und zudem das, was früher »Muße« genannt wurde – geht offenkundig auf anderen Ebenen unmittelbar wieder verloren.
Für das subjektive Erleben von Beschleunigung vielleicht am wichtigsten ist, dass die Halbwertszeit unseres Wissens erheblich kürzer geworden ist. Konnte man früher mit dem in der Ausbildung Erlernten bis zum Rentenalter arbeiten, müssen aktuell beispielsweise alle Jahre wieder neue, weiterentwickelte Computerprogramme erlernt und angewendet werden. Um mit weit entfernt lebenden Kindern und Enkeln in Kontakt zu bleiben, müssen ältere Menschen mit Computer und Smartphone umgehen und die jeweils neuesten Apps – gestern E-Mail und Facebook, heute WhatsApp und Instagram – benutzen können. Wer das nicht schafft, der verliert den Anschluss.
Gleichzeitig ist im sozialen Kontext und im beruflichen Bereich vieles unsicherer geworden. Bei gleichzeitig exponentiell ansteigenden Möglichkeiten, insbesondere auch was die eigene Weiterbildung anbelangt, steht letztlich jeder, der nicht bereits in Rente oder anderweitig abgesichert ist, ständig vor der Herausforderung, aus der Vielzahl der Möglichkeiten die für ihn potenziell richtigen herauszufinden und zu nutzen. Da man nie sicher sein kann, ob etwa ein Sprachkurs, das Erlernen eines neuen Computerprogramms oder auch die Investition in soziale Netzwerke langfristig zur eigenen Sicherheit, sozial wie finanziell, hinreichend beiträgt, macht man am besten möglichst viel von alledem. Weshalb dann niemand mehr Zeit hat, obwohl sich doch dank technischer Fortschritte so viel Zeit sparen ließe.
Dass globale Konkurrenz einerseits die Entwicklung anheizt und andererseits, zumal in den Ländern der westlichen Industrienationen – in denen das Lohnniveau im weltweiten Vergleich sehr hoch ist – zahlreiche Arbeitsplätze bedroht, ist unübersehbar. Konkurrenz belebt das Geschäft und eskaliert die Dynamik. Sein Engagement zumal in der Arbeit immer weiter zu erhöhen, nach jedem erfolgreichen Quartal noch mehr zu erwirtschaften, bei entsprechend »von oben« vorgegebenen »innovativen« Zielvorgaben, ist längst selbstverständlich. Die Konkurrenzsituation betrifft ihrerseits viele Lebensbereiche: fitter, attraktiver, effektiver, mit einer größeren Zahl virtueller »Freunde« … Die Schnelllebigkeit, im Wechselspiel aus Konkurrenz und Sicherheitsbedürfnissen, nimmt unterdessen weiter zu. Wobei letztlich nicht mehr viel Neues, essenziell Relevantes kommen kann und dennoch alles immer noch besser, effizienter, schneller werden muss. Diese unsere Gesellschaft in hohem Maße dominierende Dynamik wurde von Experten prägnant als »Laufen auf abrutschenden Berghängen« beschrieben. Man muss immer schneller laufen. Nicht, weil man glaubt, vorankommen zu können, sondern nur, um möglichst den Absturz zu verhindern. Angesichts all dessen zeigt sich das »Stress«-Erleben vieler Menschen als fast zwangsläufige Nebenwirkung globaler Entwicklungen.
Was kann diese Entwicklung »entschleunigen«? Am ehesten noch die Überhitzung der Systeme und die Blockaden, die sich daraus ergeben. Staus auf überfüllten Straßen und die Hilflosigkeit angesichts eines abstürzenden Computers verweisen auf die Risiken, Grenzen und potenziellen Abgründe des technischen Fortschrittes. Politische Institutionen, die dem Beschleunigungsphänomen Einhalt gebieten könnten, sind hingegen nicht mehr vorstellbar. Wenn sich eine Regierung bzw. ein Land entscheiden sollte, aus dem globalen Wettbewerb auszusteigen, werden die Einwohner eben dieses Landes langfristig absehbar die Verlierer sein.
Die Auswirkungen dieser Beschleunigungs-Dynamik auf den einzelnen Menschen können sehr unterschiedlich sein. Es gibt Menschen, die quasi auf der Beschleunigungswelle surfen, von Erfolg zu Erfolg, und ein erfülltes Leben führen. Und es gibt solche, die sich selbst in vergleichsweise windstillen Nischen der Entwicklung überfordert, gekränkt und ausgebrannt fühlen. Wo man sich selbst in diesem Spektrum verortet bzw. positionieren kann, hängt neben den jeweiligen Rahmenbedingungen von vielem ab, insbesondere von den individuellen Fähigkeiten und Strategien, mit Belastungen und Veränderungen umzugehen. Um diese individuellen Fähigkeiten, Möglichkeiten und Strategien kreisen letztlich alle Kapitel dieses Buches. Gesamtgesellschaftliche, in unserer globalisierten Welt ablaufende problematische Entwicklungen abwenden oder aufhalten zu wollen, ist ehrenwert – aber selbst für mitgliederstarke politische Parteien und Institutionen anderer Art bestenfalls in umschriebenen Bereichen möglich.
Dem Individuum, Ihnen und uns, bleibt nur, sich im Rahmen der skizzierten Entwicklungen günstig zu positionieren und die Art und Weise des Umgangs mit den verschiedenen, vielfach unabwendbaren Gegebenheiten und Entwicklungen so weit zu optimieren, dass Lebensqualität und Gesundheit möglichst stabil bleiben. Unsere bisherige Biografie und unsere Erbanlagen können wir nicht verändern, nur mehr oder weniger günstig damit umgehen. Seelische Gesundheit hängt angesichts dessen sicher nicht nur, aber eben auch vom individuellen Stress-Management ab, einschließlich der Fähigkeit, eigene Perspektiven und Ziele zu definieren, Sinn-Dimensionen zu erschließen und achtsam und selbstverantwortlich zu handeln.
Die im Folgenden vorgestellten Menschen, die sich subjektiv alle als »Burnout-Betroffene« erleben, sollen das weite Spektrum der hinter diesem Phänomen stehenden Konstellationen aufzeigen. Möglicherweise finden Sie sich in einige Passagen wieder. Hat Ihre persönliche Situation Ähnlichkeiten mit einer oder mehreren der geschilderten Schicksale? Alle Fallbeispiele gehen von realen Menschen aus, die den Autoren entweder im Bereich der Präventionsarbeit in Schulen und Betrieben oder aber in der Schön Klinik Roseneck als Patienten begegnet sind. Die jeweiligen Beispiele wurden so weit verändert, dass die dahinterstehenden realen Personen nicht mehr identifiziert werden können. Die dem Burnout-Erleben zugrunde liegenden Dynamiken wurden hingegen so authentisch wie möglich wiedergeben.
Maria, 32 Jahre, liebt jetzt ihren Beruf als Krankenschwester wieder. Vor etwa einem Jahr konnte sie es sich nicht mehr vorstellen, in ihrem Beruf zu arbeiten. Sie fühlte sich »absolut ausgebrannt« und überlegte, den Beruf zu wechseln oder erst einmal ganz auszusteigen.
