Burnout, Gicht und Syphilis - Jochen Oppermann - E-Book

Burnout, Gicht und Syphilis E-Book

Jochen Oppermann

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Beschreibung

Jochen Oppermann beschäftigt sich auf mit der Frage, wie sich Krankheiten auf weltgeschichtliche Ereignisse ausgewirkt haben: Wie konnten Himmlers Bauchschmerzen Tausenden KZ-Häftlingen das Leben retten? Was hatte die Migräne Harun ar-Raschids, des Sultans aus »Tausendundeiner Nacht«, mit der Renaissance, und was die Nierensteine eines »heiligen« römischen Kaisers mit der Reformation zu tun? Und warum verschob sich der Siegeszug des Monotheismus aufgrund einer Erbkrankheit um über tausend Jahre? In kurzweiligen Kapiteln stellt er berühmte Kranke der Geschichte und ihr Leiden vor und zeigt, dass schon eine kleine Diagnose große Auswirkungen haben kann.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titelseite

Jochen Oppermann

Burnout, Gicht und Syphilis

Kranke, die Geschichte machten –von Tutenchamun bis Himmler

Impressum

 wbg Theiss ist ein Imprint der Verlag Herder GmbH.

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2025Hermann-Herder-Straße 4, 79104 FreiburgAlle Rechte vorbehalten.www.herder.de

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich an [email protected].

Umschlaggestaltung: Michaela Kneißl, geviert Umschlagmotive: © akg-images/Science Source; © Aurelija Diliute/shutterstock, © Channarong Pherngjanda/shutterstock, © Michael Hinkle/shutterstockLektorat: Bettina Bergmann

E-Book-Konvertierung: Daniel Förster

ISBN Print 978-3-534-61078-5ISBN E-Book (EPUB) 978-3-534-61143-0ISBN E-Book (PDF) 978-3-534-61144-7

»Ich habe viel in der Krankheit gelernt,das ich nirgends in meinem Leben hätte lernen können.«

Johann Wolfgang von Goethe, Brief vom 30. Dezember 1768 an Anna Katharina Schönkopf.

Inhalt

Anamnese

Die aseptische Knochennekrose des Tutenchamunoder Warum ein Gott nicht genug ist

Die Attische Seuche des Thukydidesoder Wie Pandemien Epochen beenden I

Die Spastiken des Claudiusoder Wie regiert man eigentlich ein Weltreich?

Die Pest des Justinian I.oder Wie Pandemien Epochen beenden II

Der Burnout des Kaisers Herakleiosoder Warum eine Energie für ein Imperium zu wenig ist

Die Migräne Harun ar-Rashidsoder Wieso die Weisheit ein Krankenhaus braucht

Die Koliken Kaiser Heinrichs II.oder Warum man ein Wunder für eine Kirchenreform benötigt

Die Lepra Balduins IV.oder Wie man einen Eroberer zum Erobern bringt

Der Schwarze Tod des Boccacciooder Wie Pandemien Epochen beenden III

Die Syphilis des Christoph Kolumbusoder Wie ein neuer Kontinent die Sexualmoral verändert

Die Gicht Friedrichs des Großenoder Wie man mit ’nem Zipperlein zur Großmacht wird

Die Zahnschmerzen Ludwigs II.oder Was kostet eigentlich ein Kaiserreich?

Das Larynxkarzinom Kaiser Friedrichs III.oder Wenn das Patientenwohl lange, dunkle Schatten wirft

Die Erb-Duchenne-Lähmung Wilhelms II.oder Warum man einen Weltkrieg nicht mit links gewinnt

Heinrich Himmlers Bauchschmerzenoder Wie ein windiger Therapeut mit Massagen Menschenleben rettet

Diagnose

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Über den Autor

Anamnese

»Gott weiß, ich wolte so gerne gesundt sein, um ein-mal aus der Kranckheit zu Komen!-»

– Fredersdorf an den König Friedrich II., 29. April 1754 –

 

Am 16. November 1632 irrte die große militärische Hoffnung des Protestantismus über ein Feld bei dem sächsischen Ort Lützen. Der Dreißigjährige Krieg ging da schon 14 Jahre hin und her, ohne dass ein Sieger absehbar war. Nun schien das Kriegsglück auf Seiten der protestantischen Sache zu sein. Von Pommern bis nach Bayern trieb der schwedische König Gustav Adolf II. (1594–1632) seine Truppen von Sieg zu Sieg. »Der Leu aus Mitternacht«, wie man ihn bald nannte, wurde zum militärischen Albtraum der Katholiken, allen voran ihrem bis dahin erfolgreichsten Feldherrn Albrecht von Wallenstein (1583– 1634). Doch was in der Geschichte unaufhaltsam erscheint, nahezu vorherbestimmt, kann oftmals eine unverhoffte Wendung nehmen. Mal spielt das Wetter eine entscheidende Rolle, mal die geografischen Begebenheiten und natürlich oftmals der Mensch selbst. Er unterliegt der unumstößlichen Tatsache, dass sein Leib weder physisch noch psychisch fehlerfrei ist oder bleiben kann – wenn er es denn für eine kurze Zeit überhaupt einmal gewesen sein sollte. Große oder kleine Behinderungen beschränken die Handlungsfähigkeit auf Dauer. Hinzu kommen Krankheiten, die ebenfalls unterschiedliche Ausmaße annehmen können, mal schneller, mal langsamer wieder vergehen – oder eben nie.

Doch was hat dies nun mit unserem »Löwen aus dem Norden« auf dem Schlachtfeld des Dreißigjährigen Krieges zu tun? Die Antwort hierauf erscheint recht banal und ist es im gewissen Sinne auch. König Gustav Adolf II. war ein Mensch wie Sie und ich: fehlbar hin und wieder krank und mit einer dauerhaften Beeinträchtigung. Um elf Uhr morgens griff er an besagtem Tag bei Lützen Wallensteins Truppen an. Dabei warf er sich im Gegensatz zu vielen anderen gekrönten Feldherren persönlich in die Schlacht. Es herrschte Nebel, der die Sicht einschränkte. Außerdem litt der Schwedenkönig seit jungen Jahren an Kurzsichtigkeit. Dies wäre nicht des Schreibens wert – außer in Fachbüchern der Ophthalmologie, der Augenheilkunde. Jetzt kommen aber andere Faktoren hinzu, die für uns interessant werden. Das Momentum einer welthistorisch wichtigen Schlacht trifft nun auf einen mit einer körperlichen Beeinträchtigung versehenen hohen Entscheidungsträger. Nicht immer beeinflusst der einzelne Körper das weitere Schicksal der vielen anderen, immerhin starben an jenem Tag unzählige Menschen, ohne dass ihr Tod irgendetwas bewirkt hätte. Am Mittag des 16. Novembers 1632 war es jedoch so. Gustav Adolf II. verirrte sich wegen des Nebels und Pulverdampfs, kombiniert mit seiner Kurzsichtigkeit, auf dem Schlachtfeld von Lützen. Dabei stieß er auf eine Gruppe feindlicher Reiterei. Diese, da sie nicht an Kurzsichtigkeit litten, erkannten den Schwedenkönig. Ein Schuss traf Gustav Adolf in den linken Arm, sodass er sein Pferd nicht mehr führen konnte. Einer der feindlichen Kürassiere war dem König sogar persönlich bekannt. Moritz von Falkenberg schoss mit einer Muskete auf ihn. Er traf ihn unter seinem rechten Schulterblatt in den Rücken. Dies war der tödliche Schuss. Weitere Kugeln folgten, dazu kamen Säbelhiebe und Stiche. Dann wurde der Leichnam geplündert und liegen gelassen, bis er am Abend von schwedischen Soldaten geborgen wurde. Eigentlich hatten die Schweden die Schlacht gewonnen. Aber es fühlte sich nicht so an. Der Krieg, der mit der Schlacht bei Lützen durchaus eine Entscheidung hätte finden können, ging noch lange 16 Jahre weiter – forderte unzählige Tote und brachte unbeschreibliche Gräuel.

»Der Tod Gustav II. Adolfs auf dem Schlachtfeld von Lützen«, Gemälde von Carl Wahlbom, 1855.

Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre dies mit einem lebendigen Gustav Adolf anders gekommen. Auch wäre eine schwedische Herrschaft über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, wie auch immer sie ausgesehen haben mag, nicht die schlechteste Alternative gewesen. So versank Mitteleuropa in jahrzehntelangem Chaos.

Das Was-wäre-wenn-Szenario ist zugegebenermaßen immer ein verführerisches. Vor allem ist es eine Disziplin, an der sich schon einige Historiker versucht haben. Doch in diesem Buch sollen die Fakten zur Sprache kommen. Wo haben Krankheiten und Behinderungen von Entscheidungsträgern den Gang der Geschichte wirklich beeinflusst? Nicht nur – wie ich es nennen mag – im Negativen, indem ein Herrscher oder hoher Politiker starb und eine gewisse erwartbare Entwicklung ausblieb – wie bei Gustav Adolf –, sondern auch im Positiven. Das heißt, eine kranke oder behinderte Persönlichkeit trifft welthistorische Entscheidungen, die zu einem nicht unerheblichen Teil der Krankheit oder Behinderung geschuldet sind, mit weitreichenden Folgen. Oder sie traf sie eben nicht aus demselben Grund. Manch eine Person ist gar auf gewisse Weise schuldig, dass eine Krankheit die Welt veränderte.

In diesem Buch werden Ihnen viele historische Patienten begegnen, die in ihren Krankheiten so vielfältig sind wie in ihrer Bedeutung für den Gang der Weltgeschichte. Wir werden sie auf ihre Krankheiten, Lebensumstände und ihren Einfluss auf die Geschichte hin befragen. Eine genaue Diagnose zu stellen, wird je nach Person recht schwierig sein. Doch: »Wer sich des Fragens schämt, der schämt sich des Lernens.«

Die aseptische Knochennekrose des Tutenchamunoder Warum ein Gott nicht genug ist

Achetaton (heutiges Amarna, Mittelägypten), 1330 v. Chr.

Es ist die Stadt seines Vaters. Überall stapeln sich die Kisten. Geschäftige Diener und Sklaven huschen durch die Gänge, tragen Kostbarkeiten oder Lebensmittel. Der Weg bis Memphis ist weit und es müssen viele hungrige und durstige Menschen versorgt werden. Unten am Nil stauen sich die Lastkähne. Mittendrin die Barke des Pharaos, die goldummantelt in der heißen Sonne glänzt.

Ein letztes Mal hinkt Tutenchaton mit seinem Stock durch die königlichen Räume. Sein berühmter Vater Echnaton und seine nicht minder berühmte Stiefmutter Nofretete haben die Ausschmückung des Palastes persönlich überwacht. Nun sind sie tot und er mit zehn Jahren bereits Pharao. Sobald er in Memphis ist, wird er sich Tutenchamun nennen. Sein Bein beginnt zu schmerzen und das Gehen mit dem Stock strengt ihn zu sehr an. Er lässt sich hinunter an den Nil tragen.

Bald schon wird der Wüstensand die Paläste seines Vaters bedecken. Und mit ihnen den Glauben an den einen Gott …

* * *

Tal der Könige, 5 Kilometer nordwestlich von Luxor, 4. November 1922.

Einen kurzen Moment, der ihnen ewig schien, mussten sie warten, bis der Staub den Blick freigab. Was sie sahen, verschlug ihnen den Atem. Eine Tür. Nicht irgendeine, sondern eine, vor der seit über dreitausend Jahren niemand mehr gestanden hatte. Eine Sensation! Der britische Archäologe Howard Carter (1874–1939) konnte sein Glück kaum fassen. Er hatte mit vielem gerechnet, vor allem mit dem gewohnten Anblick eines zerstörten und ausgeplünderten Grabes. Doch diese Tür zeigte keinerlei Anzeichen von Gewalteinwirkung. Das Siegel war intakt und es trug das königliche Zeichen. Hier musste eine wichtige Person begraben liegen. Doch welche?

Die Beantwortung dieser Frage musste noch warten. Er durfte das Grab nicht ohne denjenigen öffnen, der für die Ausgrabung zahlte. Deswegen schickte er sofort ein Telegramm an Lord Carnavon (1866–1923):

»Habe endlich wunderbare Entdeckung im ›Tal‹ gemacht. Ein Grab mit unbeschädigten Siegeln. Bis zu Ihrer Ankunft alles wieder zugedeckt. Gratuliere!«

Nach drei endlosen Tagen kam die Antwort. Dann musste er wieder warten. Endlich kam am 23. November Lord Carnavon bei Carter in Ägypten an. Das Grab, das zum Schutz vor Grabräubern zwei Wochen zuvor wieder verschüttet worden war, wurde wieder ausgegraben. Arbeiter öffneten am 25. November die erste Tür zur Grabkammer. Unter die freudige Aufgeregtheit mischte sich eine angespannte Nervosität. Es war zu befürchten, dass es sich trotz des intakten Siegels wieder nur um ein geplündertes Grab handelte. Der erste Anblick verhieß nichts Gutes. Hinter der ersten Tür lagen nur zerbrochene Gefäße. Ernüchterung machte sich breit. Einen weiteren Tag später arbeiteten sie sich zu einer zweiten Tür vor. Auch diese war intakt und das Siegel kündete von einem Pharao namens Tutenchamun.

Nur den kundigsten Ägyptologen war dieser Herrscher ein Begriff. Und auch bei ihnen stellte er nur eine Randnotiz zwischen der Regierungszeit Amenophis IV. und der Ramessidenzeit (ca. 1290–1070 v. Chr.) dar. Dieser Pharao war der letzte Herrscher der Königslinie der Thutmosiden. Ein unbedeutender Abschluss einer großen Blutlinie. Doch Tutenchamun (ca. 1343–1323 v. Chr.) sollte 3245 Jahre nach seinem Tod an einem 26. November 1922 zum berühmtesten Pharao Ägyptens aufsteigen.

Ihm wurden Flüche nachgesagt, die seine Entdecker dahinraffen sollten, wovon Hollywood bis heute zehrt. Doch der junge Pharao hatte zu Lebzeiten mehr zu bieten, als diese unheimlichen Gerüchte erahnen lassen. Er hatte im Verbund mit seinem engsten Berater und hohen Hofbeamten Eje (?–ca. 1319 v. Chr.) die religionspolitische Entwicklung seines Vaters hin zu einem Monotheismus aufgehalten und rückgängig gemacht. Und er war der erste Herrscher der Weltgeschichte, der mit einem Gebrechen dargestellt wurde. Beides kann man in einem unmittelbaren Zusammenhang sehen – oder muss es womöglich?

Geboren wurde er als Tutenchaton um das Jahr 1343 v. Chr. Sein Name lautet übersetzt »dem Aton wohlgefällig« oder »lebendiges Abbild des Aton«. Sein Vater Echnaton regierte von ca. 1351 bis 1334 v. Chr. und war der Revolutionär der alten ägyptischen Geschichte. Dies spiegelte sich am offensichtlichsten in seinem Namen wider, denn geboren wurde er zunächst als Amenophis IV. – der Name bedeutet: »Amun ist zufrieden«. Echnaton hatte von seinem Vater Amenophis III. (reg. ca. 1388–1351) ungeachtet des Namens eine starke religiöse Hinwendung zum Gott Aton übernommen. Dieser wurde mit der Sonnenscheibe gleichgesetzt und Amenophis’ III. Bestreben ging nun dahin, ihn als alle anderen Götter überragenden Sonnengott zu verehren. Der Sohn Amenophis IV. benannte sich bald nicht nur nach Aton, sondern versuchte auch, die anderen Gottheiten völlig zu verdrängen; allen voran Amun-Re, den König der Götter, der von einer mächtigen und einflussreichen Priesterkaste vertreten wurde. Diese hatte sich über die Jahrhunderte dank mannigfaltiger Aufgaben und komplexer Kultverrichtungen zu einem vererbbaren Berufsstand entwickelt. So erwuchs dem Amun-Re-Kult ein natürliches Gegengewicht durch den Aton-Kult, der friedlich eine religiöse Erneuerung hätte darstellen können. Dies war in der langen ägyptischen Geschichte nichts Ungewöhnliches. Osiris musste vor vielen Jahrhunderten menschliche Züge annehmen und sogar sterben, damit Amun-Re aus seiner einstigen Rolle als Totenrichter aufsteigen konnte. Doch nun trat der Pharao als Verkünder einer alleinigen Gottheit auf, die keine Götter mehr neben sich duldete. Als Pharao nannte er sich nun Ach-en-Aten (»der dem Aton nützlich ist«), woraus das heute geläufige Echnaton wurde. Die bildliche Darstellung des Aton änderte sich ebenfalls radikal. Anstelle der bisherigen Menschengestalt mit Falkenkopf trat die Sonnenscheibe. Diese schickte Sonnenstrahlen zu den Menschen, an deren Nasen nun das Wort »Leben« prangte. Der Atem und das Leben gingen ihre existenzielle Symbiose ein. Es wollte nur nicht jeder gleich akzeptieren.

Um den neuen Kult durchzusetzen, gab sich die pharaonische Propaganda einige Mühen. Der »Aton-Hymnus« (oder auch der »Große Sonnengesang«) gilt als bedeutendste vorhomerische Dichtung und bringt die Begeisterung für den neuen Kult zum Ausdruck.

»Wie zahlreich sind deine Werke,die dem Angesicht verborgen sind,du einziger Gott, dessengleichen nicht ist!«

Und wer sich dabei an Stellen aus dem Alten Testament erinnert fühlt, liegt gar nicht so falsch, weil diese Dichtung auf die späteren jüdischen Psalmenschreiber einen immensen Einfluss hatte.

Auch in der Bemalung und Ausgestaltung der Königspaläste und Tempel findet jene Begeisterung ihren Ausdruck. Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese religiöse Revolution auf den krummen Rücken der einfachen Arbeiter aufbaute, die nur mäßig Verständnis für sie gehabt haben dürften. Wenn sie mit der neuesten Pracht des Atonkults in Berührung kamen, dann als schwer schuftende Arbeiter. »Schön bist du, groß und strahlend, hoch über allem Land.« Dafür hatten die Kinder der Arbeiterfamilien wenig Muße, wenn sie infolge Mangelernährung an Fehlbildungen litten, die ihnen eine maximale Lebenserwartung von durchschnittlich 35 bis 40 Jahren bescherte.

Die Revolution von oben war derart radikal, dass sie nicht ohne Widerstände abgelaufen sein konnte. Es mussten Tempelanlagen geschlossen, Priester an der Verrichtung ihrer heiligen Kulte gehindert und Menschen von der Richtigkeit des Atonkults überzeugt werden. Vielleicht war die große Unruhe der Hauptgrund dafür, dass die alte Hauptstadt aufgegeben wurde. Stattdessen ließ Echnaton eine gänzlich neue Stadt bauen, die den Namen seines einzigen Gottes tragen sollte: Achetaton, »Horizont des Aton«. Die heutige arabische Benennung der Stadt, Tell el-Amarna, gibt dieser kurzen und stürmischen Epoche den Namen: die »Amarna-Zeit«.

In diese spannungsreiche Zeit wurde nun Tutenchaton geboren. Doch nicht nur diese sollte er zum Erben erhalten, sondern auch einige Krankheiten. Schuld daran war eine zu nahe Verwandtschaft zwischen Vater und Mutter. Dies begünstigte – wie man heute weiß – bestimmte Erbkrankheiten. Mittlerweile ist man dank DNA-Analyse sehr sicher, dass Echnaton der leibliche Vater Tutenchamuns (so nennen wir ihn fortan der Einfachheit halber) ist. Mit der Mutter ist es jedoch weitaus schwieriger. Zwar hat man eine weibliche Mumie als Mutter identifiziert, jedoch ist diese namenlos. Die unbekannte Frau ist laut DNA-Analyse auch die Schwester Echnatons. Für das Alte Ägypten waren geschwisterliche Ehen innerhalb der Pharaonenfamilie nichts Außergewöhnliches. Auch Tutenchamun sollte seine Halbschwester heiraten. Sie war Tochter des Echnatons und der Nofretete. Bei ihr finden wir ebenfalls den religiös bedingten Namenswechsel von zunächst Anchesenpaaton zu Anchesenamun. Tutenchamun hatte mindestens zwei Töchter mit ihr. Beide starben jedoch kurz nach oder während der Geburt und wurden mit ihrem Vater bestattet. Auch die Mumie einer Frau befand sich im Grab. Die umfangreichen DNA-Tests ergaben jedoch, dass diese nicht die Tochter Echnatons war, somit nicht die Hauptfrau Anchesenamun. Ihre Identität gibt bis heute Rätsel auf. Klar ist aber, dass der frühe Tod der Töchter Tutenchamuns nicht im Zusammenhang mit einer zu nahen Verwandtschaft des Pharaos zu seiner Frau stand. Aber vielleicht hing es ja an seiner Krankheit?

Tutenchamun bekam von seinen Eltern die Sichelzellenanämie vererbt. Bei dieser ist die Bildung des Hämoglobins, des roten Blutfarbstoffs, gestört, sodass unter dem Mikroskop einige der Blutkörperchen wie eine Sichel geformt sind. Diese Mutation wird durch die Eltern vererbt, wobei dies entweder heterozygot (ein Chromosom ist gesund, das andere defekt) oder homozygot (beide sind defekt) auftreten kann. Wenn beide Gene für die Hämoglobin-Bildung defekt sind, kann es zu schweren gesundheitlichen Problemen kommen. Die roten Blutkörperchen können sich bei Sauerstoffmangel derart verformen, dass kleinere Blutgefäße verstopft werden. Je nach Grad der folgenden Durchblutungsstörungen wird die Situation lebensbedrohlich. Auch Tutenchamun war von solch einer Durchblutungsstörung betroffen, die eine aseptische Knochennekrose im linken Fuß verursacht haben könnte. Dabei stirbt die Knochenstruktur ohne vorherige Infektion ab, die Knochen werden schwach, die Bewegung wird eingeschränkt. Die umgebenden Knochen schmerzen, die betroffene Stelle eher nicht. Bei der Untersuchung der Mumie des Pharaos im Computertomografen stellte man fest, dass zwei Mittelfußknochen stark verkürzt waren. Eine Fehlbelastung war die Folge, die auch andere Knochen und Gelenke in Mitleidenschaft zog. Der ganze Bewegungsapparat muss davon betroffen gewesen sein. Doch selbst ohne moderne Hilfsmittel zur Diagnostik haben wir zwei Hinweise darauf, dass der junge Pharao Zeit seines Lebens Schwierigkeiten mit dem Gehen hatte. Als Howard Carter die unzähligen Artefakte in der Grabkammer untersuchte, stellte er mit Erstaunen fest, dass sich darunter zahlreiche Gehstöcke befanden.

»Der Spaziergang im Garten«, um 1335 v. Chr. Das Steinrelief stellt wahrscheinlich Tutenchamun und seine Ehefrau Anchesenamun dar.

Viele wiesen eindeutige Gebrauchsspuren auf. Dies war ungewöhnlich für einen knapp Zwanzigjährigen. Schriftliche Zeugnisse für eine Gehbehinderung des jungen Pharaos haben wir keine. Dafür haben wir aber ein bildliches.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erwarb das Ägyptische Museum in Berlin ein Kalksteinrelief. Es hatte wohl als Vorlage für einen Bildhauer gedient und wurde »Spaziergang im Garten« getauft, da es eine männliche und eine weibliche Person in recht ungezwungener Atmosphäre zeigt. Die Frau hat Blumen gepflückt und hält dem Mann einen Strauß hin. Der Mann bewegt sich auf die Frau mithilfe eines Stockes zu, den er in der rechten Hand hält. Das Relief trägt keine Inschrift, mit der wir die abgebildeten Personen identifizieren können. Weil die Abbildung aus der Amarna-Zeit stammt, ist der Kreis der prinzipiell Dargestellten eingeschränkt. Als Pharaonenpaar kommen nur Echnaton und Nofretete, Semenchkare und Meritaton oder eben Tutenchamun und Anchesenamun infrage.

Nach dem Fund der Stöcke und der erfolgten Untersuchung mit den entsprechenden Befunden besteht an der Identität des dargestellten Pharaonenpaars so gut wie kein Zweifel mehr. Die Gehhilfe des Mannes kann als Achselstützkrücke gedeutet werden. Diese wird unter die rechte Schulter geklemmt, wenn sich die Verletzung links befindet, und umgekehrt. Somit passt also die Abbildung einer rechtsseitig benutzten Gehhilfe zu dem Befund einer aseptischen Knochennekrose im linken Fuß. Ein weiteres Indiz dafür, dass hier Tutenchamun mit seiner Frau dargestellt ist.

Welchen Einfluss hatte nun aber die Gehbehinderung des Pharaos auf die Geschichte? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst einen kleinen Umweg über die Kunstgeschichte machen. Denn die Amarna-Zeit, in der das Relief entstand, hebt sich im Kunststil deutlich von den Vorgängern ab. Neben der Verwischung des Unterschieds zwischen weiblichen und männlichen Attributen haben wir viele private Darstellungen der Königsfamilie. Auf einem Altarrelief beispielsweise wird Echnaton mit seiner Frau und drei Töchtern beim idyllischen Zusammensein gezeigt. Über der Szenerie schwebt die allmächtige Sonnenscheibe Aton. Sie macht den Menschen zum Menschen – auch den Pharao. Und wenn der Pharao Mensch ist, dann hat er menschliche Gebrechen und muss diese nicht mehr verstecken. In diesem Sinne gibt es die Abbildung einer Jagdszene mit Tutenchamun auf einer Truhe aus seinem Grab. Bei dieser sitzt der junge Pharao auf einem gepolsterten Stuhl und schießt einen Pfeil auf Vögel und Fische ab. Tutenchamun ist also nicht nur der bisher erste Pharao, der mit einer Gehhilfe dargestellt, sondern auch der erste, der beim Jagen sitzend dargestellt wurde. Beidem liegt womöglich die gleiche Ursache zugrunde: die Fehlbildung des linken Fußes infolge einer aseptischen Knochennekrose, die es ihm schwer machte, lange ohne Hilfsmittel zu gehen oder zu stehen.

Doch damit der Diagnosen nicht genug. Ihm wurde auch eine Verkrümmung der Wirbelsäule, eine Skoliose, vererbt. Bereits seine Vorfahren litten darunter. Hinzu kam ein Wechselfieber, das durch eine Malariaresistenz hervorgerufen wurde. Dies war ebenfalls Folge der Sichelzellenanämie. In der Mumie selbst konnte man Malaria-Parasiten nachweisen und dem Pharao wurden fiebersenkende Pflanzen auf seinem Weg ins Jenseits mitgegeben. Tutenchamun war also ein sehr kranker junger Mann und man stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie konnte man ihm zu seinen Lebzeiten helfen?

Der Wissensstand der ägyptischen Medizin und seines Personals befanden sich auf einem für die Antike recht hohem Niveau und spätere griechische Ärzte zollten diesen Respekt. Von den Ägyptern selbst haben wir wenig Informationen über ihre Heilkunst. Nur zwei Papyri, die Papyri »Ebers« und »Edwin« (benannt nach ihren Entdeckern), geben Auskunft. Hinzu kommen einige Abbildungen und natürlich die Mumien selbst, die Rückschlüsse auf die Medizin zulassen. Vor allem die einbalsamierten Körper geben uns einen guten Einblick in die Krankheiten und Heilmöglichkeiten jener Zeit. Dabei kann man zunächst die üblichen Gebrechen feststellen, die wir in der Antike finden, wie Vitaminmangel, Abnutzung der Gelenke, Parasitenbefall und schmerzhafte Zahnprobleme. Auch soziale Unterschiede in der jeweiligen Behandlung sind erkennbar. So konnten die oberen Gesellschaftsschichten auf die Dienste von Fachleuten vertrauen und standen deshalb gesundheitlich besser da als die unteren Schichten. Skelett- und Mumienfunde von Bauern oder Arbeitern zeigen eindeutige Spuren verschiedenster Leiden bereits in jungem Alter.

Vor allem die inneren Krankheiten wurden auf das Wirken von Dämonen zurückgeführt. Dies mutet seltsam an, denn durch die weit fortgeschrittene Technik der Einbalsamierung könnte man annehmen, dass die Ärzte mit den Vorgängen im Körperinneren vertraut gewesen seien. Das waren sie jedoch nicht. Stattdessen vermuteten sie, dass der Mensch von Kanälen durchzogen sei, in denen schädliche Schleim- und Schadstoffe oftmals die Durchgänge blockierten. Ein Blick auf die Bewässerungskanäle im fruchtbaren Niltal zeigt uns die mögliche Herkunft dieser Gedanken.

Das »Papyrus Ebers«, das um 1550 v. Chr. entstand, benennt drei an der medizinischen Versorgung beteiligte Personen: Den Heiler (sinuw), den Sachmet-Priester (wab-Sachmet) und den Amulettmann (saw). Diese waren von den Mumifizierern und Einbalsamierern streng getrennt. Es gab keine Unterscheidung in magische Rituale und ärztliche Behandlung. Die Verabreichung von pflanzlichen Mitteln geht einher mit Formeln der Beschwörung einer bestimmten Gottheit. Hierbei wurde jedes Körperteil einer bestimmten Gottheit zugeordnet:

»Es gibt kein Glied an ihm, das leer wäre von einem Gott, der sein Siegel auf das, was er vorgefunden hat, aufdrückt [...].«

Wenn also eine entsprechende Krankheit oder Behinderung eines Körperteils geheilt werden möchte, muss der Gott beschworen werden, der für jenes Körperteil zuständig ist. Durch die Anzahl der götterbesetzten Körperglieder war ein gut gefülltes Pantheon vonnöten.

»Der Phallus ist Baba.

Seine Hoden sind der Samen der Mandragora.

Seine Schenkel sind Isis und Nephthys.

Seine Füße sind die Sohlen von Schu, wenn er den See überquert,

wenn er das Meer befährt.«

Doch es gab eine Gottheit, die über alle medizinisch-magischen Rituale wachte: Sachmet. In dieser zeigte sich auch die Verbindung von Alkohol und Heilkunst, wenn auch in besonderer Weise. Denn vom Sonnengott Re geschickt, um die bösen Menschen zu töten, begann sie einen Vernichtungsfeldzug gegen die gesamte Menschheit. Glücklicherweise hatte Re, der für die Verwandlung der Sachmet verantwortlich war, Mitleid mit den Menschen. Doch wie sollte er ihr Einhalt gebieten? Im Verbund mit Thot, dem Gott der Weisheit und der Wissenschaft, fiel ihm schließlich etwas ein. Sie füllten tausend Krüge mit Bier, das zuvor rot gefärbt wurde. Die gierige Göttin verwechselte diese mit Menschenblut und trank einen ganzen See davon. Seitdem ist Sachmet betrunken und kann den Menschen nichts mehr antun. Damit dies so bleibt, muss ihr stets ein entsprechend großes Trankopfer dargebracht werden. Die Ägypter wollten keinesfalls, dass sie wieder nüchtern wird. Mit drei Tagen feuchtfröhlichem Feiern gedachten sie der überstandenen Gefahr. Für die Tage danach dürften die Mediziner und Magier aufgrund des vermehrten Kopfwehs Zulauf erhalten haben. Aber auch hier konnte man laut dem »Papyrus Ebers« mit verschiedenen Mitteln wie Myrrhenharz und Lotusblüte Abhilfe schaffen.

Die Rolle der Ärzte war zu Zeiten Tutenchamuns damit eine zweifache. Neben ihrer medizinischen Aufgabe waren sie auch Priester und Magier. Damit aber der menschliche Arzt-Magier nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte, wenn die erhoffte Wirkung ausblieb, wurde klargestellt, dass er als Stellvertreter eines Gottes agierte. Er war nicht mehr der Mensch, der sein menschliches Werk vollführte, er war beispielsweise Isis:

»Nicht ich bin / war es, der das gesagt hat.

Nicht ich bin, war es, der das wiederholt hat:

Das war Isis, die das gesagt hat.

Das war Isis, die das wiederholt hat.«

Heute unterschreibt der Patient im Voraus eine Erklärung, dass er den Chirurgen bei Misserfolg juristisch nicht belangen kann. Bei den Ägyptern sicherte sich der Arzt nach seiner Beschwörungsformel mit den eben genannten Worten ab. Einem Gott zürnt man nicht, und verklagen kann man sie schon mal gar nicht.

Das, was wir als »Zauberei« oder »Magie« zu bezeichnen pflegen, war dem Ägypter eine von den Göttern verliehene Potenz. Er nannte dies hekaw. Mit Hilfe dieser konnte er mit den Göttern kommunizieren. Der Heiler benutzte hekaw, um dem kranken Körperteil die entsprechende Gottheit zu empfehlen. Tutenchamun musste sich bei seinen Leiden und den wohl erfolglosen Versuchen der Linderung vorgekommen sein, als sei ihm das göttliche Wohlwollen entzogen worden. Nicht nur seine durch keinen ägyptischen Arzt medizinisch erklärbare Gehbehinderung, sondern auch die Fieberschübe machten ein Eingreifen der Priestermagier notwendig. Diese uralten Rituale mussten sich ja bewährt haben, sonst hätten sie nicht viele Jahrhunderte überdauert. Doch standen sie dem jungen Pharao überhaupt zu? Immerhin hatte sein Vater Echnaton die Götter verjagt. Damit wurde ihm der Schutz von Isis und Sachmet und Thot – und den vielen anderen auch – verwehrt.

Wir können also vermuten, dass Tutenchamun aufgrund seiner Krankheiten und Behinderungen ins Grübeln kam. Ihre unbestimmte Herkunft implizierte dem damaligen Verständnis nach, dass sie göttlichen Ursprungs waren. Von Erbkrankheiten und veränderten Blutzellen wusste der ägyptische Heiler nichts. Es dürfte ein Leichtes gewesen sein, dem jungen Pharao den Zusammenhang zwischen dem von seinem Vater verursachten Zorn der Götter und seiner Behinderung klarzumachen. Vielleicht spielte der hohe Hofbeamte Eje dabei die Hauptrolle? Immerhin folgte dieser Tutenchamun auf den Thron, nachdem er im Verbund mit dem jungen Pharao vor dessen Tod die alten Götterkulte reaktiviert hatte. Tutenchamun selbst hatte dies nicht mehr geholfen, auch wenn er zu seinen Lebzeiten die Hoffnung gehabt haben musste. Dafür lässt sich als Indiz anführen, dass er recht rasch nach seiner Thronbesteigung seinen Namen wechselte – von »lebendiges Bild des Aton«, Tutenchaton, zu »lebendiges Bild des Amun«, Tutenchamun. Den größten Ausdruck einer persönlichen Betroffenheit, die man in Verbindung mit dem Leiden des jungen Pharaos sehen kann – vielleicht sogar muss? – ist das Dekret, das er an die alte Hauptstadt Theben schickte, in dem mit dem Atonkult hart ins Gericht gegangen wird: »Wenn man einen Gott anflehte, um von ihm etwas zu erbitten, so kam er nicht.«

Bereits zu Tutenchamuns Lebzeiten wurden die alten Tempel restauriert, die Priester wieder eingesetzt und neue Kultbilder mit den alten Göttern geweiht. Schließlich gab man den Hof in Achetaton auf und zog nach Memphis.

Wenn wir die Diagnosen des jungen Mannes betrachten und in Verbindung mit der zeitgenössischen Medizin setzen, ist es nicht verwunderlich, dass Tutenchamun an der Religionspolitik seines Vaters zu zweifeln begann, oder vielleicht zweifeln musste! Dazu passt schließlich auch die mutmaßliche Todesursache des knapp Zwanzigjährigen. Viele Forscher sind sich mittlerweile einig, dass Malaria und die Sichelzellenanämie nicht die Todesursache waren. Ebenso wird ein Mord, der lange als Erklärung diente, vom Großteil der Fachwelt abgelehnt. Ein Knochensplitter im Schädel wurde lange Zeit als Indiz für einen Schlag auf den Kopf gewertet. Nach derzeitigem Stand geht man davon aus, dass dieser sich erst nach dem Tod des Pharaos ablöste. Jüngst fand man jedoch bei einer Untersuchung des Leichnams im Computertomographen eine Verletzung, nämlich Brüche an beiden Beinen. Der linke Oberschenkel sowie der Unterschenkel waren gebrochen, ebenso die rechte Kniescheibe und der rechte Unterschenkel. Ferner weisen Rippen und Hüften schwere Beschädigungen auf, wobei diese auch nach seinem Tod durch unsachgemäße Behandlung entstanden sein können.

So erscheint ein Unfall mit einem Streitwagen als wahrscheinlichste Todesursache. Ob der Pharao selbst fuhr oder von einem Wagen erfasst wurde, muss dabei Spekulation bleiben. Interessant ist dabei dann auch die Frage, inwiefern seine Gehbehinderung eine Rolle spielte. Stürzte er infolge einer ungeschickten Bewegung? Konnte er nicht schnell genug zur Seite springen? Außerdem gibt es noch die These, dass die Malaria-Infektion für seinen Tod hauptursächlich gewesen sein könnte. Letztlich ist es vielleicht nicht entscheidend, was genau ihn sterben ließ. Es muss jedenfalls ein furchtbarer Tod gewesen sein, der wie ein weiterer Beweis auf seine Umgebung wirken musste, dass die Götter ihm ihre Gunst verwehrt hatten. Es konnte wie eine göttliche Aufforderung und Mahnung an die nachfolgenden Herrscher verstanden werden, von der Religionspolitik Echnatons abzurücken. Somit blieb der Atonkult als der erste bekannte Versuch, eine monotheistische Religion zu etablieren, eine kurze Episode. Der rasche Zusammenbruch der Religionsstiftung des Sonnenkults bedeutete ein Weiterbestehen bzw. Wiederaufleben des Polytheismus für viele Jahrhunderte.

Doch im Schatten der Reste des Atonkults begann ein monotheistisches Pflänzchen zu sprießen. Nicht allzu lange nach Tutenchamun soll ein gewisser Moses mit seinem Volk aus Ägypten gezogen sein. Im Gepäck hatten sie den Glauben an den einen Gott. Doch da war der junge Tutenchamun bereits in Vergessenheit geraten, bis ein britischer Ägyptologe an einer vermauerten Türöffnung im Tal der Könige auf ein intaktes Siegel stieß.

Die Attische Seuche des Thukydidesoder Wie Pandemien Epochen beenden I

Athen, September 429 v. Chr.

Ein scharfer Geruch liegt bleiern im Raum. Es geht kein Wind, der für etwas Frische sorgen könnte. Die Vorhänge hängen unbewegt vor den Fenstern. Manch einer räuspert sich besorgt. Keiner möchte länger an diesem Ort bleiben als nötig. Doch sie müssen ihrem großen Politiker die letzte Ehre erweisen. Die Großen Athens stehen um sein Bett herum. Sie sind alle gekommen, allen voran Thukydides, der sich seit Monaten Aufzeichnungen zu diesen Tagen macht. Alle sehen sie, dass sich der Brustkorb nur noch selten hebt und senkt.

Plötzlich stößt er ein letztes Röcheln aus. Seine Augen öffnen sich noch einmal für den Augenblick einer Sekunde, sein Blick scheint irgendwo im Raum etwas zu fixieren. Er sieht ganz deutlich seine Söhne Xanthippos und Paralos vor sich. Sie deuten ihm mit einer Handbewegung, dass er zu ihnen kommen solle. Ja, er wird kommen! Es wird ihm alles so leicht, so leicht wie noch nie. Er ist glücklich, wieder bei seiner Familie zu sein …

* * *

»Tod des Perikles« von Alonzo Chappel, ca. Mitte des 19. Jahrhunderts.

Sybota-Inseln bei Korfu, September 433 v. Chr.

Unzählige Krieger waren schon ins Meer gestürzt. Die schweren Rüstungen zogen sie unbarmherzig hinab in das Dunkle. Schwere Rammsporne bohrten sich tief in ihre Schiffe und brachten sie zum Kentern. Wo die Erschütterung die an Deck stehenden griechischen Soldaten nicht von Bord warf, würde das sinkende Schiff bald ihr Schicksal besiegeln. Doch sie gaben nicht auf. Die Verteidiger Korfus kämpften mit dem Mut der Verzweiflung gegen die korinthische Übermacht. Korinth wollte die störrische Kolonie zur Räson bringen. Koste es, was es wolle.

Seit dem Jahr 436 v. Chr. tobte in der Stadt, die an der Landenge zwischen dem Peloponnes und dem griechischen Festland liegt, ein Kampf um die Vorherrschaft. In der Polis standen sich die Adelspartei und die demokratische Partei unbarmherzig gegenüber. Auf die Seite der Demokraten hatte sich unlängst Korkyra, das heutige Korfu, geschlagen, das sich dadurch Freiheit von Korinth versprach. Es ging jedoch auch um die Vorherrschaft im Ionischen Meer und manch ein Politiker und Krieger Korkyras träumte gar von der Kontrolle der ganzen Adria. Für die korinthischen Adligen war dies natürlich völlig inakzeptabel und so setzten sie alles daran, diesen Traum platzen zu lassen. Doch Korfu und die umliegenden Gewässer waren nur der Nebenschauplatz eines Konflikts, der ganz Griechenland erschüttern sollte und das Ende einer kurzen und überaus folgenreichen Blütezeit der großen Stadtstaaten einläutete.

Sie begann unmittelbar nach den Perserkriegen, als 478 / 477 v. Chr. der »Delisch-Attische Seebund« gegründet wurde. Dieser war ein freiwilliger Zusammenschluss vieler Poleis, um die Perser künftig von der Ägäis fernzuhalten. Ihr Ziel als Symmachie (altgriech. συμμαχία, Kampfgemeinschaft) war damit definiert. Als Zentrum dieser Symmachie und damit Ort der Bundesversammlung fungierte 25 Jahre lang die Kykladeninsel Delos. Hier tagte diese einmal jährlich und im Apollon-Tempel wurde die Bundeskasse verwahrt. Es herrschte nominell Gleichberechtigung und strittige Fragen wurden gemeinschaftlich geklärt. Soweit die Theorie. In der Praxis aber wurde bald deutlich, dass Athen als der Sieger der Seeschlacht von Salamis 480 v. Chr. als Hegemon (altgriech. ἡγεμονία, Oberbefehl) auftrat. Dies fand nicht bei allen Poleis Gefallen, sodass die Versuche der Städte zunahmen, sich vom »Delisch-Attischen Seebund« loszusagen. Athen begegnete all diesen Versuchen mit rigiden Strafmaßnahmen und richtete den Bund immer weiter auf sich aus. Dazu wurde unter anderem die Bundeskasse im Jahr 454 v. Chr. nach Athen gebracht. Damit wuchs die militärische Macht Athens weiter.

Aber auch kulturell war Athen im 5. Jahrhundert auf dem Höhepunkt, wie noch Jahrhunderte später der römische Schriftsteller Plutarch (ca. 45–ca. 125) neidlos anerkennen musste: »Was aber Athen am meisten zum Schmuck und zur Zierde gereichte, was den andern Völkern die größte Bewunderung abnötigte und heute allein noch dafür Zeugnis ablegt, daß Griechenlands einstiges Glück, daß der Ruhm seiner früheren Größe nicht leeres Gerede sei, das waren seine prachtvollen Tempel und öffentlichen Bauten.«