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Ein preußischer General, der beim Balletttanzen vor seinem Kaiser im rosa Tutu stirbt; ein Tragödiendichter, der von einer Schildkröte erschlagen wird; ein Gründervater der USA, der sich einen Walknochen in die Harnröhre schiebt; und eine zutiefst grausame Methode, Ehebrecher mit einem Rettich zu bestrafen – das sind einige der Phänomene, die uns im neuen Buch von Jochen Oppermann begegnen. Darin untersucht der Historiker die skurrilsten Sterbefälle der Weltgeschichte und beurteilt ihren Wahrheitsgehalt. Dabei stellt sich heraus, dass viele dieser Ereignisse und Erzählungen kulturhistorisch, manche gar weltpolitisch bedeutende Folgen hatten. Dass manche Episoden auch zum Schmunzeln einladen, versteht sich von selbst. Das Buch zeigt, dass es mit den absurden und kuriosen Todesfällen viel mehr auf sich hat, als es der erste Eindruck vermittelt. Entstehung und Rezeption dieser Geschichten treiben ein aufschlussreiches Wechselspiel. Damit grenzt sich der Band von Büchern ab, die den auf skurrile Art Verstorbenen »Dummheit« attestieren oder gar einen »Darwin-Award« zuerkennen möchten.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Jochen Oppermann
Von der Antike bis heute
»Das Leben ist ein Zusammenspiel von Funktionen, die dem Tod widerstehen.«
Xavier Bichat, frz. Chirurg (1771–1802)
»Der Tod ist schön. Er befreit uns davon, an den Tod zu denken.«
Jules Renard, Tagebucheintrag 1898
Mors certa, causa incerta
Blutrache, Gesetze und ein Theaterbesuch
Warum nicht alles Gute von oben kommt
Verhüllungen, Gegensätzlichkeiten und eine Wassersucht
Göttlichkeit, vier Elemente und ein Akt der Freiheit
Wein, Weib und Tragödie
Ein sterbender Asket und wieder Dionysos am Ende der Welt
Warum Lachen nicht immer gesund ist I.
Stress, freche Barbaren und hoher Blutdruck
Ein Dichter, ein Boot und ganz viel Stutensauger
Die Wikinger, eine Hinterlist und ein scharfer Hasenzahn
Drei Gelehrte, drei Religionen und jeweils ein Bücherregal
Ein tüchtiger Engländer, vier Päpste und der Beelzebub
Einige hohe Adlige, ein Hoftag und ein Abort
Ein feister Markgraf, ein mäßig begabter Chirurg und ein Kreuzzug
Ein Kaisersohn, eine junge Frau und eine Brustwarze
Ein König von Jerusalem, ein kleingewachsener Hofnarr und ein Fenster zum Hof
Feuchte Tücher, allerlei Giftmischerei und ein böser König
Eine Hofdame, ein Polterabend und ganz viel Karneval im Kopf
Eine Frau namens Troffea, der heilige Veit und der Urahn des Flashmobs
Eine katholische Majestät, ein Präsident und schwindende Manneskraft
Warum Lachen nicht immer gesund ist II.
Drei Franzosen, zwei Bälle und eine zerbrochene Lanze
Ein Däne in Prag, Astronomie und zu viele Getränke
Empirismus, ein Bestechungsskandal und die Erfindung des Gefrierschrankes
Lachen, Drama und Hypochondrie
Karriere, schöne Musik und fässerweise Whisky
Ein dichtender Kirchenmann, eine Herrenrunde und viel zu viel Tabak
Schwedischer Nachtisch, Alpenkäse und ungesunde Neunaugen
Ein Holzbein, ein wenig Humor und das Streben nach Glück
Männer, die nicht sterben wollten, und Männer, die unbedingt sterben wollten
Logik, Regenschauer und noch mehr Feuchtigkeit
Ein depressiver Kaiser, Bredouillen und zünftige Männerunterhaltung
Die Angst vorm Tod, heftiges Gewitter und eine Kastanie
Blitze, eine defekte Glühbirne und ein fehlendes Bein
Ein Plastikdeckel, eine Olive an einem Zahnstocher und verblassender Ruhm
Fesseln, Starallüren und der verfluchte Onan
Postmortem
Literatur
Quellen
Sekundärliteratur
Internet
Quidre mali fuerat nobis non esse creatis?
»Oder wär’ Unglück für uns,nicht geschaffen zu sein, es gewesen?«
Lukrez, liber V, 174
Media vita in morte sumus – »Mitten im Leben sind wir im Tod«. Diese bekannte Sentenz aus einem frühmittelalterlichen gregorianischen Choral (White, S. 177) führt uns mehr als deutlich vor Augen: Der Tod geht uns alle an. Der Grund, warum sich niemand dieser scheinbaren Plattitüde entziehen kann, besteht darin, dass wir geboren wurden. Die Bewertung, ob dies nun ein Segen oder ein Unglück sei, überlassen wir den Philosophen oder denen, die sich dafür halten. Stattdessen betrachten wir hier, wie es mit dem Leben zu Ende gehen kann. Dass es dabei mitunter nicht so verläuft, wie wir es uns wünschen, dürfte klar sein. Wenn das Leben kein Wunschkonzert ist, dann ist es der Tod erst recht nicht. Dies gilt natürlich auch für historische Persönlichkeiten.
Oftmals wird in der einschlägigen Literatur das Schicksal des Hans Staininger (ca. 1508 – 1567) als besonders außergewöhnliches und belangloses Ende herangezogen. Der Stadthauptmann von Braunau am Inn besaß einen sehr langen Bart, der allseits gerühmt wurde. Dieser Bart, der rund zwei Meter lang war, wurde auch zu seinem Verhängnis. Er stolperte über diesen und brach sich das Genick. Dass ein späterer Diktator aus Braunau am Inn aus diesem Grund einen erheblich kürzeren Bart trug, ist höchst unwahrscheinlich, jedoch nicht ausgeschlossen. Jedenfalls ist das Ableben des Stadthauptmannes kurios. Sonst nichts. Es steckt weder ein höherer Sinn dahinter, der irgendwie in der Geschichte wirkmächtig geworden wäre, noch obliegt dem Tod eine tragische kulturelle Komponente, die es zu untersuchen lohnt. Auch dass sein Bart noch heute im Bezirksmuseum von Braunau zu besichtigen ist, macht den Tod Stainingers für uns nicht interessanter. Und damit sind wir gewissermaßen bei dem angelangt, um was es in diesem Buch nicht gehen soll: sich über die Ungeschicktheit, mithin »Dummheit« der Verstorbenen lustig zu machen.
Stattdessen soll aufgezeigt werden, was hinter den teils sehr makabren und kuriosen Todesfällen steckt und auch welche geschichtlichen Folgen diese hatten. Wenn sie denn wahr sind. Ferner nehmen wir zunächst als Prämisse an, dass keine der in diesem Buch auftauchenden Persönlichkeiten freiwillig jenen Tod sterben wollte, der sie letztlich heimsuchte. Da Ausnahmen die Regel bestätigen, wurden auch solche Persönlichkeiten in das folgende Panoptikum aufgenommen – aber dazu später mehr. Dennoch nähern wir uns unvoreingenommen der Frage: Was führte zu jenen (scheinbaren) Todesfällen, die uns noch ein Schmunzeln, ein ungläubiges Kopfschütteln oder sogar ein, wenn auch verschämtes, Lachen abringen werden? So viel vorneweg: Wir werden sehen, dass es mit den absurden und kuriosen Fällen viel mehr auf sich hat, als es der erste Eindruck vermittelt. Oder denken Sie, ein preußischer General der Infanterie stirbt ohne triftigen Grund in einem rosa Tutu? Oder ein großer Philosoph legt sich nur spaßeshalber unter einen Misthaufen?
Dass in dieser Ansammlung von historischen Persönlichkeiten die Frauen deutlich zu kurz kommen, darf durchaus als Kompliment verstanden werden. Tatsächlich scheint es bis auf wenige Ausnahmen eine nahezu reine Männerdomäne zu sein, auf außergewöhnliche Art aus dem Leben zu scheiden. Wie genau man das interpretieren möchte, bleibt jedem selbst überlassen.
Kommen wir zu unserem Eingangszitat zurück, so gibt es uns nicht nur einen Hinweis darauf, dass der Tod uns jederzeit ereilen kann, sondern dass er sich dabei auch wenig um die Ästhetik der Umstände schert. So musste der französische Schriftsteller Jules Renard (1864–1910) bei dem Gedanken an die vielen seltsamen Todesfälle in seiner Familie feststellen: »Der Tod ist kein Künstler«, – ob er das auch nach der Lektüre der folgenden Kapitel geschrieben hätte? Auf jeden Fall ist »der Tod gewiss, seine Ursache (aber) ungewiss.« (mors certa, causa incerta)
Nur wenige Menschen in der Geschichte haben es geschafft, dass ihr Name sprichwörtlich wurde. Und von diesen Wenigen kamen noch weniger zu der Ehre, dass sich ihr Name zu einem gebräuchlichen Adjektiv entwickelte. Meist bezeichnet man mit solchen nach bestimmten Herrschern benannte Epochen, die in der historischen Diskussion von gewissem Interesse sind, wie beispielsweise »viktorianisch« oder »wilhelminisch« usw. In die Alltagssprache auch der historisch Uninteressiertesten schafften es wiederum nur die wenigsten. Dieses Kunststück gelang dem griechischen Politiker und Gesetzesreformer Drakon (ca. 650 – ca. 600 v. Chr.). Bis heute bezeichnet man Strafen, die besonders unnachsichtig oder zu hart sind, als »drakonisch«. Drakon selbst war jedoch nicht so »schlimm«, wie man anhand seines Rufes vermuten könnte. Bei vielen seiner Mitbürger war er nämlich äußerst beliebt, ja so beliebt, dass es ihn das Leben kostete.
Wann Drakon geboren wurde, ist ungewiss. Da er 624 v. Chr. das erste Mal historisch greifbar in Erscheinung trat (Figueira, S. 298 f.), kann man von einem Geburtsjahr um 650 v. Chr. ausgehen. Im Erwachsenenalter finden wir ihn in der zweiten Hälfte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen. Dies war eine Zeit, die das antike Griechenland langsam aus dem »Dunklen Zeitalter« herausführte, der Zeit also, die zwischen dem Untergang der ersten Hochkulturen der Minoer und Mykener um 1200 v. Chr. und der beginnenden klassischen Zeit ab 500 v. Chr. liegt (Vollkommer, S. 20 f.). Drakon lebte in der von Historikern als »archaischer Zeit« bezeichneten Epoche der griechischen Geschichte, in der auch die ersten griechischen Literaturwerke wie Homers Ilias und Hesiods Dichtungen entstanden. Es war die Periode, in der sich die staatlichen Strukturen erst herausbildeten, die wir heute aus der klassischen griechischen Antike kennen (ebd.). Und Drakon hatte daran maßgeblichen Anteil.
Kurz bevor unser Protagonist aus der Dunkelheit der Geschichte auf die Weltbühne trat, begegnet uns eine andere Person, die nicht minder nebulös, jedoch weniger im Menschheitsgedächtnis haften blieb als Drakon. Es war der Olympiasieger im Doppellauf des Jahres 640 v. Chr., der einen großen Beitrag zu Drakons Jahrtausende überdauernder Popularität leisten sollte, obwohl dies nicht in seiner Absicht lag. Dieser attische Adlige namens Kylon wollte knapp zehn Jahre nach seinem Triumph seine Popularität ausnutzen und die alleinige Macht in Athen an sich reißen (Meier, S. 44). »Nachdem er eine Schar von Altersgenossen für sich gewonnen hatte, versuchte er sich der Akropolis zu bemächtigen. Aber der Versuch mißlang, und er setzte sich schutzflehend unter das Standbild der Göttin« (Herodot, Historien, V, 69). Doch den göttlichen Schutz missachteten seine Gegner unter der Führung des Megakles, sodass viele seiner Anhänger in der heiligen Halle gesteinigt wurden. Ein Sakrileg zweifelsohne, das keine Ruhe in Athen einkehren ließ und als »Kylonischer Frevel« in die frühe Geschichte des klassischen Athens einging (Bengtson, S. 95). Die Folge war eine Zunahme der Fälle von Blutrache, einer nach heutigem Empfinden zutiefst archaischen Vorgehensweise zur Wiedergutmachung. Diese gestattete die Sühne einer schweren Straftat wie einem Tötungsdelikt durch die Verwandten der Opfer oder andere nahestehende Personen, die auch aus der Phratrie (»Bruderschaft«) stammen konnten, also einer Verbindung mit anderen Familien. Grundsätzlich musste man nicht auf der Tötung des Täters bestehen, man konnte auch die Entrichtung einer Buße akzeptieren oder eine sonstige Einigung zur Aussöhnung (vgl. Meyer, S. 528 ff.). Jedoch barg die grundsätzliche Möglichkeit, die Rache selbst in die Hand zu nehmen, die Gefahr einer Kettenreaktion, die unter Umständen viele Todesopfer forderte. Um nicht völlig in chaotische Verhältnisse abzudriften, versuchten kühlere Köpfe, die Rachegelüste in der konkreten Situation in vernünftigere Bahnen zu lenken und Regeln festzuschreiben, die für jeden ersichtlich und nachvollziehbar waren. Damit beauftragt waren die führenden Politiker Athens, zu denen Drakon gehörte.
Um das Jahr 620 v. Chr. hatte er wohl das Amt eines Archonten inne (Vollkommer, S. 30). Der Archon (»der Erste«) war ein hoher Staatsbeamter, der sich um einen bestimmten Bereich der Administration kümmerte. So gab es einen Archon für religiöse Belange, für militärische und eben auch für juristische. Der Archon eponymos war zur Zeit Drakons der oberste Funktionsträger und vielleicht hatte jener dieses Amt inne, denn er war der oberste Gerichtsherr und kümmerte sich unter anderem um das Familienrecht (Meier, S. 208).
Damit jeder die Gesetze kannte, es also Rechtssicherheit gab, wurden diese auf der Agora, dem Marktplatz Athens, wo das öffentliche Leben stattfand, jedermann zugänglich gemacht. Die Gesetze wurden auf nummerierte Axones geschrieben. Dabei handelte es sich wohl um vierseitige Holzbalken, die an den Enden quer aufgehängt worden waren, sodass man sie drehen konnte. Später meißelte man sie in Steinsäulen. Ein Fragment, das 200 Jahre nach Drakon entstanden ist, blieb erhalten. Auf diesen Überresten werden auch die Person Drakon und die Existenz der aufgezeichneten Gesetze das erste Mal überhaupt historisch fassbar (Figueira, S. 292). Zu Beginn der Inschrift wird die Entstehungszeit wiedergegeben, indem die zu diesem Zeitpunkt regierenden hohen Amtsträger genannt werden. In diesem Fall das Jahr 409/408 v. Chr. Dann folgt die Angabe, dass es sich um das Gesetz des Drakon das Delikt der Tötung betreffend handelt. Hierbei wird geregelt, wie man bei einer Tötung »ohne Vorbedacht« vorgehen soll (Busolt, S. 793). Ein mehrstufiges Verfahren sieht vor, dass zunächst eine öffentliche Anklage in Verbindung mit der Aufforderung erfolgt, der vermeintliche Täter habe die Heiligtümer und die Agora zu meiden. In Erinnerung an den »kylonischen Frevel« sollte offensichtlich vermieden werden, dass es wieder zu einem solchen Sakrileg kommen konnte. Die Empörung darüber und die daraus resultierenden Unruhen in Athen waren wohl noch präsent. Allem Anschein nach konnte Drakon die Lage mit seinen Gesetzen aber beruhigen, sodass man diese noch 200 Jahre später wortwörtlich in Stein meißelte. Der Prozess fand vor 51 Richtern statt, die zu Drakons Lebzeiten ephetai hießen und auch über die angenommene Willensrichtung des Täters entschieden. Das Urteil fällten schließlich die basileis, »Könige« genannte hohe Beamte (Busolt, S. 1092). Dies konnte im Schuldfall bedeuten, dass der wegen unvorsätzlicher Tötung Verurteilte ins Exil gehen musste, wo er Schutz vor der Rache der Angehörigen des Opfers genoss. Ihm konnte auch verziehen werden, was ein per Eid bekräftigter Vertrag bestätigen musste (Meyer, S. 530).
Drakons Gesetze führen das erste Mal die Unterscheidung zwischen einer vorsätzlichen und einer unvorsätzlichen Tötung ein (Bengtson, S. 85). Da die Stele nur die unvorsätzliche Tötung thematisiert bzw. nur dieser Teil überdauerte, wissen wir nicht, wie mit einer vorsätzlichen Tötung (dem »Mord« im eigentlichen, heutigen Sinn) verfahren werden sollte. Hier können wir nur per Analogie aus dem schließen, was uns durch spätere Überlieferung bekannt ist. So berichtet der antike Historiker Plutarch (ca. 45 – 125 n. Chr.) Folgendes vom athenischen Staatsmann Solon (ca. 640 – ca. 560 v. Chr.), der eine Generation nach Drakon lebte: »Zuerst hob er also die Gesetze des Drako insgesammt auf, mit Ausnahme derjenigen über Mord. Er that dies wegen ihrer Strenge und der Größe der angesetzten Bußen. Denn beinahe für sämmtliche Verbrecher war nur eine einzige Strafe festgesetzt, – der Tod. Ein Mensch, der bloß wegen Müßiggangs schuldig gefunden wurde, mußte eben sterben; wer ein Gartengemüse oder Obst gestohlen hatte, verfiel ganz der nämlichen Strafe, wie ein Tempelräuber und Mörder« (Plutarch, Solon, 17, 1–4).
Somit waren allem Anschein nach die Bestimmungen der Blutrache für vorsätzliche Tötung, »ein Leben für ein anderes«, noch in Kraft. Es scheint auch, als sei hier der Ursprung der erwähnten sprichwörtlichen »drakonischen Strafe« zu finden, denn der Geschichtsschreiber fährt mit folgender Anekdote fort: Auf die Frage, warum er für die meisten Vergehen den Tod als Strafe ansetzte, antwortete Drakon, die kleinen Vergehen hätten diesen verdient, jedoch wisse er für die schlimmeren keine größere Bestrafung (Figueira, S. 290).
Doch auch ein anderer Ursprung könnte angenommen werden. Wenn man sich die Fragmente der Stele anschaut, welche am ehesten als historisch »wahr« zu bezeichnen sind, kann man Drakons Gesetz wie folgt interpretieren: Dem Mörder eines Diebes oder eines Ehebrechers, was als unvorsätzliche Tötung charakterisiert wird, gilt das Exil als Strafe oder eben die Versöhnung mit der Opferfamilie. Daraus machten antike Autoren den Umstand, dass Drakon den Tod als Strafe für Diebe und Ehebrecher akzeptierte. Gewissermaßen eine »drakonische« Interpretation des Gesetzes. Nicht nur das Rechtswesen bediente sich seines Namens, auch die Rhetorik benutzte Drakon bereits früh als Topos in Reden oder philosophischen Abhandlungen, die übertriebene Strafen zum Thema hatten. Der Philosoph Aristoteles (384–322 v. Chr.) spricht beispielweise von »drakontischer Verfassung« (zit. n.: Bengtson, S. 95) und meint damit eine strenge Gerichtsbarkeit.
Drakon selbst ist und bleibt eine historisch nicht greifbare Figur. Aus seiner vermeintlichen Lebenszeit haben wir keine Belege seiner Existenz, sodass manche Historiker diese gar vollständig abstreiten. Er soll nichts weiter als eine spätere Legendenbildung darstellen, eine Art Metapher, eine fleischgewordene Überlieferung des archaischen Rechts (ebd., S. 84). Genauso legendär sollte sein Tod werden, dessen früheste Überlieferung aus dem 10. Jahrhundert stammt. Ein byzantinisches Lexikon, die Suda, enthält viele Artikel über antike Personen (Mazal, S. 13). Einen guten Leumund hat sie jedoch nicht, da bereits ihr Verfasser, ein gewisser Suidas, mindestens genauso legendenumwoben ist wie die Personen, über die er schreibt.
Wenn an der Historizität der folgenden Schilderung begründete Zweifel angemeldet werden dürfen, so aber nicht an deren Symbolträchtig- und Doppeldeutigkeit. Drakon soll durch seine strengen Gesetze im athenischen Volk bald sehr unbeliebt geworden sein. Bei der Entziehung der Bürgerrechte (Atimie) als Strafe für Müßiggang, die er durchsetzte, verwundert dies nicht wirklich (Busolt, S. 815). Jedenfalls habe er sich dem Volkszorn entzogen, indem er auf die Ägäisinsel Ägina geflohen sei (Figueira, S. 287). Hier im Saronischen Golf erfreute er sich offensichtlich großer Beliebtheit. Eines Tages, als er ins örtliche Theater kam, jubelte ihm das Volk zu. Es war Sitte, dass man den Verehrten mit Kleidungsstücken bewarf. Es flogen also unzählige Gewänder auf den mittlerweile gealterten Drakon, sodass dieser bald unter der Last zusammenbrach und erstickte. Nachdem die jubelnde Menge ihn schließlich von den Kleidungsstücken befreit hatte, konnte man nur noch seinen Tod feststellen. Er soll sogleich im Theater begraben worden sein (ebd.). Soweit die Legende.
Gehen wir einmal nicht davon aus, dass es ein Mordkomplott gegen Drakon gab, was einer vorsätzlichen Tötung entsprochen hätte, sondern dass es ein Unfall war. Somit wäre der jubelnden Menge eine jener drakonischen Strafen erspart geblieben, die bald nach diesem skurrilen Tod im Theater vom Politiker Solon abgeschafft werden sollten.
Wie so oft ist die Nachwelt auch mit Drakon hart ins Gericht gegangen, wenn es um unbeliebte Maßnahmen ging. Die harte Gesetzgebung scheint in einer unsicheren Zeit eine gewisse Rechtssicherheit festgelegt und die bestehenden Anordnungen normiert zu haben. Zusätzlich wurde unter Drakon das Recht in Athen zum ersten Mal schriftlich fixiert und die bis heute gültige Unterscheidung zwischen einer vorsätzlichen und einer nicht vorsätzlichen Tötung getroffen. Jedoch zeigen seine Anordnungen auch, dass gegen die einfachen Menschen besonders hart durchgegriffen werden sollte, während man beim Adel, der hauptsächlich von der Blutrache betroffen war, nur einschränkend wirkte (Meier, S. 69). So schlecht, wie sich der posthume Ruf seiner Gesetze entwickelte, empfanden die Zeitgenossen diese wahrscheinlich gar nicht.
Die Überlieferung, nach der Drakon unter Mänteln erstickt sei, können wir ins Reich der Fantasie verbannen. Jedoch steckt hinter dieser Erzählung die Absicht, das (vermeintliche) Werk Drakons und damit seine Person als populär darzustellen. Gerade die Überlieferung im 10. Jahrhundert n. Chr. gibt einen Hinweis auf diese Absicht. Während dieser Zeit ging mit dem frühen Mittelalter wieder eine archaische Epoche zu Ende, die auf den Untergang des Weströmischen Reiches folgte. Eine Phase relativ stabiler Staatsgebilde begann. Damit diese ohne Institutionen wie dem Faustrecht und der Blutrache funktionierte, brauchte es abschreckende Gesetze.
Die Erzählung sagt aber Folgendes: Drakon hatte in seiner Gesetzgebung das Delikt nicht berücksichtigt, dass man aus lauter Verehrung versehentlich tötet. Vielleicht wollte man ihm dieses Versäumnis »drakonisch« zur Last legen?
Der Anblick und die damit verbundene ästhetische Bewertung kahlköpfiger Männer war und ist oftmals Geschmacksache. Einerseits assoziiert man mit dem fehlenden Haupthaar eine gewisse Reife und Erfahrenheit, was durchaus attraktiv wirken kann, andererseits kann es ebenso Ausdruck einer schlimmen Krankheit sein; man denke dabei an Krebs. Dass aber jenes fehlende Haupthaar auch auf die Tierwelt ihre Reize ausübt, ist dann doch eher außergewöhnlich. Zumal die Folgen verheerend sein können, wie beim Tragödiendichter Aischylos (ca. 525 – 456 v. Chr.). Dieser gilt nicht nur als der älteste bekannte Tragödiendichter, sondern war in seinen späteren Lebensjahren auch kahlköpfig. Was nun aber seine unsterblichen Werke mit seiner Glatze zu tun hatten, lässt sich nur herausfinden, wenn wir uns in die Gedankenwelt der Alten Griechen begeben und herausfinden, wer Aischylos überhaupt war.
Geboren wurde er um das Jahr 525 v. Chr. in Eleusis, einem Ort rund 30 Kilometer nördlich von Athen. Von seinem Grabmal wissen wir, dass sein Vater Euphorion hieß. Bereits mit 25 Jahren nahm er an den Dionysien teil (Nickel, S. 10). Dies waren im alten Athen Festspiele zu Ehren des äußerst beliebten Gottes Dionysos, dem Gott des Rausches, des Weines und der Fruchtbarkeit. Im Zuge dieses Festes wurden Wettbewerbe durchgeführt, bei denen Dichter ihre Tragödien oder Komödien aufführten. Die ersten Teilnahmen waren für Aischylos noch nicht von Erfolg gekrönt. Erst im Jahr 484 v. Chr. finden wir ihn auf der Siegerliste (Föllinger, S. 21). Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein Mann im besten Alter und in die Weltgeschichte hineingezogen worden. Denn das epische Ringen zwischen den Griechen und den Persern machte auch nicht vor großen Dichtern halt. Ganz im Gegensatz zu unserer heutigen Vorstellung vom weltfremden, im stillen Kämmerlein vor sich hinschreibenden Autor und Philosophen, waren die alten griechischen Denker meist aktiv Handelnde und eben, wenn es nötig wurde, auch Kämpfende. So kämpfte beispielsweise Sokrates (469–399 v. Chr.) als Hoplit im Krieg Athens gegen Korinth (Weithmann, S. 51).
Aischylos war Soldat bei den berühmtesten Schlachten der Perserkriege. Er nahm sowohl an der Schlacht von Marathon (490 v. Chr.), bei Salamis (480 v. Chr.) als auch bei Plataiai (479 v. Chr.) teil (Föllinger, S. 21). Bis zu seinem Lebensende war es ihm wichtig, als tapferer Kämpfer angesehen zu werden, obwohl er da schon einer der größten lebenden Dichter seiner Heimat geworden war. Auf seinen Grabstein ließ er den Satz meißeln: »Von seiner Tapferkeit könnte das ruhmreiche Gefilde von Marathon reden und jeder langmähnige Meder, der ihn kennt« (zit. n.: Nickel, S. 10).
Wenn er dem antiken Schriftsteller Athenaios nach auf seinem Grab seine dichterischen Leistungen zugunsten seiner kriegerischen verschweigt, so sind beide dennoch nicht getrennt voneinander zu sehen. Denn sein berühmtestes Stück und auch die älteste (bekannte) Tragödie der Weltliteratur trägt den Titel Die Perser und wurde 472 v. Chr. uraufgeführt (Föllinger, S. 53). In diesem stellt er aus der Sicht der besiegten Perser die Niederlage des Großkönigs Xerxes (ca. 519 – 465 v. Chr.) dar. Die Handlung spielt am Hof des persischen Herrschers und gibt die Stimmung der auf Nachricht Wartenden und letztlich den Schock beim Eintreffen der Botschaft von der verheerenden Niederlage bei Salamis wieder. Darin zeigt sich nicht nur die exakte Kenntnis des an der Schlacht Beteiligten, sondern auch das Studium der persischen Kultur und Geschichte. Aischylos möchte jedoch keine billige Siegesfeier aufführen, er will mit dem Stück auch vor dem Hochmut des Siegers warnen. Bezeichnenderweise lässt er Dareios (549–486 v. Chr.), den Vater des Großkönigs, seinem Sohn Xerxes mitteilen: »Denn wenn Überheblichkeit aufgeblüht ist, lässt sie die Frucht der Verblendung reifen, aus der ein tränenreicher Herbst die Ernte einbringt« (zit. n.: Nickel, S. 13).
Ihn den Erfinder des »Geschichtsdramas« zu nennen, ginge wohl zu weit, weil kurz vor ihm auch der athenische Dichter Phrynichos († ca. 470 v. Chr.) neben dem üblicherweise verwendeten mythischen Stoff zeitgenössischen benutzt hatte. Doch Aischylos entwickelte diese Gattung weiter, indem er vor allem Spannung einbaute (Meier, S. 317 f.). Neben dem unterhaltenden Charakter stand somit auch die Vermittlung von Wissen im Vordergrund. Dem heutigen Leser mag es ungewohnt erscheinen, doch waren zur Zeit des Aischylos die verschiedenen Gattungen nicht voneinander getrennt. So treten mythische Figuren mit historischen in Kontakt, werden die zeitgenössischen Ereignisse fantasievoll verändert und stärker als bei seinen Vorgängern betont (Föllinger, S. 25). Vielleicht kann man als Vergleich, wenn dieser überhaupt sinnvoll ist, am ehesten noch einen heutigen historischen Roman heranziehen. Denn für den Griechen war die mythische Vergangenheit ebenso real wie die historische. Beispielhaft dafür stehen die Ilias und die Odyssee des Homer.
Im Jahr 458 v. Chr. führte Aischylos zum ersten Mal die Orestie auf. Sie ist die älteste bekannte Trilogie der Tragödiendichtung und gewann bei den Dionysien auf Anhieb den Siegespreis (ebd., S. 121). In den drei Teilen »Agamemnos«, »Choephoren« und »Eumeniden« wird die Ermordung des mythischen Königs Agamemnon im Anschluss an dessen Eroberung Trojas thematisiert. Der König opfert nämlich seine Tochter Iphigenie, um den Zorn der Göttin Artemis zu besänftigen. Seine Frau und Iphigenies Mutter Klytaimnestra tötet daraufhin ihren Gatten. In »Choephoren« rächt der Sohn des Agamemnon, Orest, die Ermordung seines Vaters. Seiner Ansicht nach wurde durch den Gatten- und Königsmord gegen die Weltordnung verstoßen. Orest möchte deswegen seine Mutter Klytaimnestra und deren Liebhaber Aigisthos umbringen, wofür er die Hilfe der Götter erfleht. Diese wird ihm zuteil, sodass er seinen Plan in die Tat umsetzen kann. In den »Eumeniden« geht es im Großen und Ganzen um eine Art Gerichtsprozess und die Frage nach der Schuld des Orest. Letztlich wird er freigesprochen, und die Erinyen, die Rachegöttinnen, verwandeln sich in die wohlwollenden Eumeniden. Die Versöhnung ist geglückt (Nickel, S. 18).
In der gesamten Trilogie geht es um die Frage, welcher Forderung man nachgehen sollte: Einerseits gibt es die moralische Verpflichtung, andererseits die politische. Der Held befindet sich im Dilemma und muss gegen eine Verpflichtung verstoßen und ist damit dem Urteil der Götter ausgeliefert. Am Beispiel Agamemnons wird dies besonders deutlich, wenn er seine eigene Tochter zum Wohle des Reiches töten lässt (Meier, S. 369 ff.).
Leider sind nur wenige Werke des Aischylos erhalten geblieben. Über die Jahre hinweg wurden seine Stücke immer wieder aufgeführt und dadurch auch verändert. Der Athener Lykurg (ca. 390 – 324 v. Chr.) ließ um 330 v. Chr. eine verbindliche Sammlung der Werke des Dichters anfertigen (Föllinger, S. 46). Von Athen aus gelangte diese in die berühmte Bibliothek von Alexandria. Dort waren sie aber nicht vor Verlust sicher, da die Römerzeit und das frühe Mittelalter viele Werke verloren gehen ließ. Namentlich ist uns eine ganze Menge an Stücken bekannt, doch vollständig erhalten sind nur sieben (Nickel, S. 19). Diese genügen aber, um Aischylos einen Platz in der Literaturgeschichte zu sichern.
Seine besondere Leistung wurde bereits in der Antike honoriert. So schreibt Philostratos im zweiten nachchristlichen Jahrhundert über Aischylos, dass man die Tragödie vor ihm noch »schmucklos und unausgebildet« vorgefunden hätte. »Daher zog er die langen Chorgesänge zusammen, führte den Dialog der Schauspieler ein, beschränkte das Maß der Einzelgesänge und ließ die Personen nicht vor den Augen der Zuschauer, sondern hinter der Bühne sterben. […] Er aber strebte danach, die Sprachen der Tragödien würdiger zu gestalten, und überlegte sich genau, dass sich die Kunst mehr dem Erhabenen als dem Niedrigen und Gemeinen anschließt« (Philostratos, VI, 11).
Am Ende der Geschichte waltet niemals der Zufall. Stets siegt Recht und Gerechtigkeit. Dies wird von der göttlichen Macht garantiert. Vor allem der Göttervater Zeus wacht über die Sinnhaftigkeit des Laufes der Geschichte. Dies war die Überzeugung des Aischylos und sein eigenes Ende sollte diese Theorie stützen.
Aischylos befand sich mindestens zweimal auf Einladung Hierons I. von Syrakus († ca. 466 v. Chr.) auf Sizilien. Um das Jahr 456 v. Chr. war er im südsizilianischen Gela, wo er sich für einige Zeit aus dem Trubel der Stadt zurückzog. Was dann geschah, erzählt uns der römische Schriftsteller Valerius Maximus in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts n. Chr.:
»Er hatte auf Sizilien die Mauern der Stadt, in der er sich gerade aufhielt, verlassen und saß an einem sonnigen Platz. Ein Adler, der mit einer Schildkröte in den Klauen über ihn hinwegflog, ließ sich vom Glanz seines Kopfes – er war nämlich kahl – täuschen; um die Schildkröte aufzubrechen und an ihr Fleisch heranzukommen, ließ er sie auf seinen Kopf fallen, weil er ihn für einen Stein hielt. Durch diesen Schlag wurde der Erfinder und Urheber der hohen Tragödie getötet« (Valerius Maximus, 1998, IX, 12, Ext. 2).
Auch der römische Schriftsteller Plinius der Ältere (ca. 23 – 79 n. Chr.) beschreibt seinen Tod auf diese Weise, erwähnt aber noch eine mysteriöse Prophezeiung, wonach er sich vor herabfallenden Dingen hüten solle (Nat. Hist., 10,3). Bei Plinius sucht er aus der unübersichtlichen Stadt kommend Zuflucht in der scheinbaren Sicherheit eines Feldes. Natürlich wird bei antiken Geschichtsschreibern die Wahrheit gerne etwas ausgeschmückt, doch kann am Tod des Aischylos in der überlieferten Weise tatsächlich etwas dran sein?
Es gibt in der Tierwelt genügend Beispiele für die Verhaltensweise des Adlers. Bergadler verfahren ähnlich, wenn sie ihre Beutetiere (z. B. kleine Steinböcke) aus großer Höhe hinabfallen lassen, um sie zu töten. Der Mönchsgeier oder auch der Bartgeier, der früher auf Sizilien vorkam, lässt Landschildkröten aus großer Höhe fallen, um ihren Panzer aufzuknacken (Ferguson/Christie, S. 417). Es ist also durchaus möglich, dass Aischylos tatsächlich von einer Schildkröte erschlagen wurde, es dem Geschichtsschreiber jedoch entweder aus Unkenntnis oder aufgrund der hohen mythischen und symbolischen Bedeutung besser erschien, diese aus den Klauen eines Adlers anstelle eines Geiers fallen zu lassen. Passend wäre es allemal.
Die erhaltenen Tragödien zeigen nämlich das Bestreben des Aischylos, die Welt und deren Ordnung als gottgewollt darzustellen. Solange der Mensch seine Grenzen akzeptiert und nicht übertritt, ist ihm ein angenehmes Leben beschieden. Missachtet er aber die Ordnung und überschreitet die Grenze, lässt die Gottheit ihn leiden, damit er sich demütig seiner beschränkten Existenz vergewissert. Grundsätzlich ist damit der Konflikt zwischen Notwendigkeit und Freiheit aufgezeigt, den Friedrich Schiller (1759–1805) viel später als Grundstruktur seiner Dramen bezeichnet.
Vielleicht können wir den überlieferten Tod des großen Dichters deuten, indem wir annehmen, dass er mit seinen Tragödien die Grenzen des ihm von den Göttern zugestandenen Sagbaren überschritten hatte? Um weitere Übertritte zu verhindern, griff Zeus in die Geschichte höchst dramatisch ein. Denn jenem Zeus, der über das Schicksal der Menschen argwöhnisch wacht, schreibt die Mythologie neben den berühmten Blitzen auch den Adler als Attribut zu (vgl. Waser, S. 704 f.). Sollte am Ende der Göttervater höchstselbst die Theorie von den gottgesetzten Grenzen für den Menschen des alten Aischylos bestätigt haben, indem er den Greifvogel schickte? Immerhin galt der Adler schon im Mythos des Prometheus als »das Kampfmittel des Zeus gegen den Widersacher seiner Herrschaft«. (Blumenberg, S. 349)
Über den »wahren« Tod des Aischylos wissen wir also nichts. Aber für die Alten Griechen spielte es ohnehin keine Rolle, ob die Geschichte »echt« oder mythisiert war. Also nehmen wir seinen Tod so hin, wie er überliefert wurde. Und vor allem sollten wir uns hüten, die Götter zu erzürnen. Besonders, wenn wir glatzköpfig sind.
»Der Dunkle«, ho skoteinos, hat man ihn schon in der Antike genannt und damit bereits das Grundproblem für all diejenigen aufgezeigt, die gerne mit exakten Fakten zu tun haben. Denn diese sind bei Heraklit von Ephesos (ca. 520 – ca. 460 v. Chr.) äußerst spärlich. Von ihm selbst wurde uns kein einziges Wort direkt überliefert. Nur einige Sätze in den Büchern der antiken Philosophen und Geschichtsschreiber geben uns einen Hinweis auf seine Gedankenwelt, die – das sahen auch die antiken Historiker so – äußerst schwierig zu verstehen war. Nur ein Werk soll er tatsächlich verfasst und im Tempel der Artemis hinterlegt haben, das von Paradoxien und Wortspielen nur so strotzte, wie uns aus zweiter Hand überliefert wurde (Rapp, S. 58). Welchem Schicksal das Original anheimfiel, ist unbekannt. Ein dunkler Philosoph also in jeder Hinsicht, und auch sein Tod sollte nicht hell strahlen, sondern mit allerlei Anspielungen und Hinweisen auf sein Denken äußerst düster daherkommen. Gesetzt den Fall, es hat sich wirklich so zugetragen, wie wir es uns im Folgenden anhand der Überlieferungen zusammenreimen.
Geboren wurde Heraklit um das Jahr 520 v. Chr. im ionischen Ephesos in der heutigen Westtürkei, das zur Zeit seiner Geburt unter persischer Herrschaft stand. Er war wohl adliger Herkunft und lud bereits zu Lebzeiten dank seines Verhaltens zur Legendenbildung ein. Schon früh soll er sich von seinen Mitbürgern distanziert haben, indem er gesellschaftliche Verpflichtungen mied – dies philosophentypisch mit einem provozierenden Spruch. Einer Episode zufolge soll er gesagt haben, er ziehe es vor, mit Kindern im Artemis-Tempel zu spielen, nachdem er aufgefordert wurde, sich an der Gesetzgebung in Ephesos zu beteiligen. (ebd., S. 57). Dabei galt er nicht als unpolitisch, wie eine andere Anekdote zeigt, die bereits in der Antike erzählt wurde, laut der er mit dem persischen König Dareios einen Briefwechsel geführt habe. Bei allerlei Geschichten aus der Antike ist man noch geneigt, einen gewissen Funken an Wahrheit zu unterstellen oder zumindest eine allegorische »Wahrheit« zu deuten. Bei einer angeblichen Korrespondenz des größten Herrschers seiner Zeit im tausende Kilometer weit entfernten Persepolis mit einem nur den engsten Vertrauten bekannten Philosophen und Querkopf am Rande des Reiches dürfte allerdings jeder noch so gedehnte Wahrheitsbegriff nicht mehr greifen. Nichtsdestotrotz gibt der Inhalt wohl eine zeitgenössische Auffassung der Lehren des Heraklit wieder, wenn der Großkönig Persiens in diesem Brief über die Theorien des Philosophen schreibt: »Indes bei dem meisten kommt man zu keinem sicheren Urteil, so daß auch die größten Schriftgelehrten in Zweifel bleiben über die richtige Auslegung deiner Ausführungen« (Diogenes Laertius, 9, 13). Die Aufforderung des mächtigsten Herrschers der damaligen Zeit, an seinen Hof zu reisen, lehnte Heraklit philosophengemäß mit dem Hinweis ab, dass er da, wo er bescheiden wohne, zufrieden sei (ebd., 9, 14). Keine Erklärung der Lehren für die Zeitgenossen also, seien es Großkönige, einfache Leute oder gar andere namhafte Philosophen. Und so können wir höchstens feststellen, dass der »Dunkle«, um dessen Gedanken zu verstehen man nach Sokrates einen delischen Taucher bemühen müsse, die Fantasie seiner Zeitgenossen und unmittelbar Folgenden überstrapazierte (ebd., 9, 12).
Aber wieviel kennen wir eigentlich von den Lehren dieses Heraklit? Eben jene bereits erwähnten Fragmente, die gerade wegen ihres unvollständig erscheinenden Charakters die Geistesgeschichte bis heute in ihren Bann ziehen, wiewohl das wenig Erhaltene von einem besonderen Tiefsinn zeugt. Immerhin dürfen wir attestieren, dass Heraklit das erste Mal überhaupt »das Erstaunen des Geistes über sich selbst zum Ausdruck« kommen lässt (Weischedel, S. 26). Und damit gibt er einer Innerlichkeit die ersten Worte der Geistesgeschichte, wenn er sagt: »Den Menschen allen wird zuteil, sich selbst zu erkennen und verständig zu denken« (zit. n.: Meier, S. 160). Doch auch wenn mit ihm die Erforschung der Innerlichkeit, die man nicht mit der psychologischen Eigenschau verwechseln sollte, in der Philosophiegeschichte Einzug hält, so war immer noch die Natur, die den Menschen umgibt, das große Thema. Denn die physis hat die Angewohnheit, das in ihr waltende Wesen zu verbergen. Nur mithilfe der Philosophie gelingt es, dieses offenzulegen, da es in der Wirklichkeit zwar verhüllt, aber dennoch gleichzeitig erkennbar ist (Rapp, S. 62 f.). Damit ist das widersprüchliche Programm seiner Philosophie der physis vorgegeben, indem er nunmehr die Gegensätzlichkeiten aller Dinge aufzeigt.
Eine seiner Theorien besagt, dass die Welt in einem ständigen Austausch gegensätzlicher Dinge ist und nichts ohne seinen Gegensatz vorstellbar sei (Russell, S. 66). Also kann die Nacht nicht ohne Tag gedacht werden; oder heiß ohne kalt. Und aus diesem Spannungsverhältnis leite sich nach Heraklit alles Geschehen ab, was er mit dem Spruch auf den Punkt bringt: »Der Krieg ist der Vater aller Dinge« (zit. n.: ebd., S. 63). Krieg ist hier auch mit »Streit« oder »Auseinandersetzung« zu übersetzen, womit die Sentenz einiges von ihrem martialischen Duktus verliert und alles eben als ein stetes Werden und Vergehen beschreibt. »Alles fließt und nichts bleibt« (zit. n.: ebd., S. 66). Der Fluss wird das Symbol der Gegensätzlichkeit, während aus dem Feuer alles entsteht, vor allem das All und die Erde. Wie eine Art Ewige Wiederkehr vollzieht sich dieser Prozess immer wieder aufs Neue. Dementsprechend erklärt Heraklit beispielsweise die Tag- und Nachtzeiten mit aufsteigender Feuchtigkeit, die hell und dunkel sein kann. Die hellen Ausdünstungen sammeln sich am Himmel und entzünden sich zu den Sternen, die wir nachts beobachten können. Es verwundert auch nicht, dass er die Jahreszeiten ähnlich erklärt (Rapp, S. 79 f.).
Alles läuft in seiner Lehre also recht harmonisch und nachvollziehbar ab, was ihn allem Anschein nach aber nicht zu einem ausgeglichenen Wesen und einem freundlichen Umgang mit seinen Zeitgenossen inspiriert hatte. Mit den Bewohnern seiner Heimatstadt ging er hart ins Gericht, als sie seinen Freund Hermodoros verbannten. Sie sollten sich Mann für Mann aufhängen, nachdem sie den wackersten Mann verjagt hätten (Diogenes Laertius, 9, 2). Wenn wir ihm das positiv auslegen, so können wir die tiefe Verbundenheit zu jenem Hermodoros herauslesen. Jedoch zeigte Heraklit bereits in jungen Jahren ein Verhalten, das ihn zum Außenseiter werden lassen musste. Er soll niemals bei jemandem in die Lehre gegangen sein, erklärte dagegen als junger Mann nichts und meinte als reifer Mann alles zu wissen (Horn, S. 14). Charakterlich scheint er also eher schwierig gewesen zu sein und hatte auch keinerlei Respekt vor großen Namen. Mit Kritik an berühmten Griechen sparte er nicht. »Vielwisserei lehrt nicht, Verstand zu haben: Sonst hätte sie es Hesiod gelehrt und Pythagoras, und auch Xenophanes und Hekataios. Denn eines sei weise: die Einsicht zu kennen, die alles durch alles hindurchsteuert. Von Homer aber sagte er, er verdiene es, aus den Wettbewerben mit Stockhieben verjagt zu werden, und ebenso Archilochos« (Diogenes Laertius, 9, 1). Es scheint nur einen zu geben, den er von Kritik und Spott aussparte, einen Mann namens Teutamus. Warum dieser sich diese zweifelhafte Ehre erworben hatte, wird klar, wenn man herausfindet, dass er gesagt haben soll: »Die meisten Menschen sind schlecht« (zit. n.: Russell, S. 63). Kein Wunder, dass der Autor von Sätzen wie »Jedes Tier wird mit Schlägen zur Weide getrieben« (zit. n.: ebd.) an diesem Teutamus Gefallen gefunden hatte.
Doch auch jener konnte letztlich nicht verhindern, dass sich Heraklit von den Menschen angewidert in eine Einsamkeit zurückzog, die er sich in den Bergen rund um Ephesos mit vegetarischer Ernährung möglichst unkonventionell und wunderlich gestaltete. Resultat dieses Lebensstils war letztlich eine Wassersucht, die ihn gezwungenermaßen den Rat der lokalen Ärzte aufsuchen ließ. Wer aber ein exzentrischer Philosoph sein will, der geht nicht brav zu den Ärzten und schildert ihnen sein Leid, sondern »fragte die Ärzte in rätselartigen Worten, ob sie aus Überschwemmung Dürre machen könnten« (Diogenes Laertius, 9, 3). Diesen war wohl die philosophische Lehre des Patienten, mit der dieser die Welt erklären wollte, wenn überhaupt nur in Bruchstücken bekannt. Heraklit hatte seine bereits erwähnte Auffassung aller Gegensätzlichkeiten derart weiterentwickelt, indem er diese aufeinander bezog, dass sie sich gegenseitig bedingen. So ist für ihn die gesamte Welt eine Art Kreislauf, deren Antriebskraft eben jene gegensätzlichen Kräfte sind (Russell, S. 68). Diese werden gesteuert vom »Logos«, der als eine Art Weltgesetz den Wandel vollzieht und in dem sich alles vereint (Rapp, S. 60 f.). Vor allem im 19. Jahrhundert sollten die Philosophen auf Heraklit zurückkommen, insbesondere Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) und Friedrich Nietzsche (1844–1900) (vgl. u. a. Safranski, S. 61).
Nunmehr wäre es von Vorteil gewesen, wenn Heraklit wie andere Philosophen eine Schule gegründet hätte und seine Lehre damit einem größeren Publikum bekannt geworden wäre. Die Ärzte in Ephesos konnten mit diesem seltsamen alten Mann, den sie natürlich als eine Art Unikum ihrer Heimatstadt kannten, nicht viel anfangen. Auch der Philosoph selbst kehrte diesen Quacksalbern bald den Rücken. Doch Heraklit wäre nicht Heraklit, wenn er nicht Rat wüsste. Hatte er denn nicht geschrieben: »Das Kalte erwärmt sich, Warmes kühlt sich ab; Feuchtes trocknet sich, Dürres feuchtet sich« (zit. n.: Weischedel, S. 27)? So beschloss er, das Übermaß an Feuchtigkeit in seinem Körper auszutrocknen, wie es der Logik seiner Lehre entsprach. Besonders viel Wärme, ohne dass man dabei Gefahr läuft zu verbrennen, geben Tiere ab. Vor allem das, was Tiere hinterlassen. Also legte Heraklit sich in die Sonne und befahl einigen Knaben, »sie sollten ihn mit Rindermist bedecken; so sich abquälend sei er am zweiten Tag gestorben und auf dem Markte beerdigt worden. Neanthes von Kyzikos dagegen behauptet, er sei, weil er den Mist nicht hätte entfernen können, liegen geblieben und durch die Veränderung unkenntlich gemacht, von den Hunden verzehrt worden« (Diogenes Laertius, 9,3).
Wie dem auch gewesen sein mag. Eine Wassersucht kurieren zu wollen, indem man sich unter einen Misthaufen legt, kann man nur als abenteuerlich und olfaktorisch höchst fragwürdig charakterisieren. Allerdings war dieses Vorgehen innerhalb der Lehren des Heraklit folgerichtig (vgl. Rapp, S. 72 f.). Von daher können wir guten Gewissens nicht ausschließen, dass sich Heraklit auf diese Art kurieren wollte. Ob angedichtet oder nicht – passen würde jene Todesart zu diesem Philosophen allemal.
Wer von sich denkt und es auch noch ausspricht, dass er göttlich sei oder göttliche Attribute habe, ist in unserer säkularen Welt von heute entweder ein Fall für die Psychopathologie oder benutzt dies als eine sprachliche Metapher wie beispielsweise bei den »Halbgöttern in Weiß« oder dem »Fußballgott«. Für fromme Menschen stellt es gar ein ungeheures Sakrileg dar, sofern sie es mit dieser Selbstzuschreibung ernst meinen. Jedoch gab es eine Zeit bei den Alten Griechen, in der nicht so ganz klar schien, wann und ob man ein Gott war. Die Götter wandelten wie selbstverständlich unter den Menschen und mischten in den irdischen Dingen kräftig mit. Und nicht nur das. Sie benahmen sich wie diese, verliebten sich, hassten und begingen Fehler. In den großen Tragödien bekommen wir einen guten Einblick in die griechische Mythologie. In einer solchen Welt war es also für den Griechen nicht verwunderlich, wenn unter ihnen eine Gottheit wohnen sollte. Wenn diese unglaubliche Wunder vollbringt, wie Tote zum Leben erwecken, dann dürfte der Fall doch klar sein. So eine Person kann dann ja wohl unbeschadet in einen Vulkan springen. Dies sollte die leichteste Übung sein. Oder doch nicht? Ein überliefertes Gedicht gibt uns diesbezüglich einen ersten Hinweis: »Der Feuerkopf Empedokles, berühmt durch Wundertaten, / Sprang in des Ätna Schlund hinab und wurde ganz gebraten.« (Zit. n.: Russell, S. 75)
Wer war dieser Kerl, der anscheinend in den sizilianischen Vulkan gesprungen ist? Empedokles (ca. 495 – ca. 435 v. Chr.) wurde in Akragas, dem heutigen Agrigent auf Sizilien geboren (Horn, S. 23). Wie bei kaum einem anderen griechischen Denker vermischen sich Legenden und wenige stichhaltige Hinweise mit seiner Lebensgeschichte. Sogar Diogenes Laertius, unser fleißiger Anekdoten- und Faktensammler aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., weiß wenig Gesichertes über seine Herkunft zu berichten. Empedokles soll demnach in eine recht wohlhabende Familie hineingeboren worden sein, da sein Großvater mit einem Rennstall Geld gemacht habe und sogar Sieger bei den Olympischen Spielen des Jahres 496 v. Chr. gewesen sei (Diogenes Laertius, 8, 51). Zumindest könnte seine Ausbildung auf einen gewissen Wohlstand hindeuten, da der junge Empedokles nicht nur Medizin studierte, sondern auch bei den großen Philosophen seiner Zeit Vorlesungen besuchte. Die Annahme, er habe bei Pythagoras persönlich gelernt, wird zwar durch die Nähe beider Gedankenwelten gestützt, ist jedoch chronologisch nicht haltbar, da Pythagoras (ca. 570 – 510 v. Chr.) vor oder kurz nach der Geburt des Empedokles gestorben war. Jedoch könnte er der Schüler des Parmenides (ca. 520 – ca. 460 v. Chr.) gewesen sein, der in Süditalien lehrte, weil er wie dieser in Versen schrieb (Russell, S. 75). Auch in der Politik machte er sich einen Namen, wobei man feststellen muss, dass das beginnende 5. Jahrhundert im griechischen Sizilien und Süditalien eine recht unruhige Zeit war, in der sich demokratische Kräfte und zeitweilige Tyrannen in den Stadtstaaten bekämpften. Doch nicht sein Wirken als Politiker soll hier im Fokus stehen, sondern die Wirkung, welche er als Philosoph entfalten sollte, und vor allem, was dies mit einem Sprung in den Vulkan zu tun hat. Dazu müssen wir uns seine wenigen überlieferten Werke anschauen.
Zwei Gedichte in Hexametern sind von ihm bekannt, die bei anderen Autoren zitiert werden. Von den wohl ursprünglichen 5000 Zeilen sind auf diese Weise knapp 500 auf uns gekommen (Horn, S. 23). In diesen Texten knüpft er an Parmenides an, für den die Sinneseindrücke zwar recht unzuverlässig sind, um »Wahrheiten« zu erkennen, jedoch unsere einzige Möglichkeit. Man müsse daher sorgfältig prüfen.
Die große Leistung des Empedokles ist die Einführung der Idee von den vier Elementen und ihrer Verbindungen. Diese seien die Wurzel von allem und aus »ihnen entsprießt alles, was war, und alles, was ist und in Zukunft sein wird, Bäume, Männer und Frauen, Tiere, Vögel und sich vom Wasser ernährende Fische, ferner auch Götter, langlebige, im höchsten Rang der Ehre stehend« (zit. n.: Freely, 2012, S. 28). Auch hier sehen wir wieder, dass die Götter, obzwar ranghöher, doch dem Menschen recht ähnlich sind. Empedokles nannte die grundlegenden Stoffe noch nicht »Elemente« und ihre Wechselwirkung konnte er auch nur mithilfe von Metaphern ausdrücken, jedoch sollte vieles von späteren Denkern fruchtbar weiterentwickelt werden. So ging er von Feuer, Wasser, Erde und Luft als den Grundstoffen aus, die von Liebe zusammengeführt und von Hass getrennt werden (Rapp, S. 161 ff.). In seinen Texten sind diese durch jeweilige Gottheiten symbolisiert, beispielsweise das Feuer durch Zeus. Mit dem Konzept der Kräfte als Wirkungsprinzip ging er über die zeitgenössische Fokussierung auf die Materie hinaus (Freely, 2012, S. 28). Dies hat bis heute Bestand, genauso wie die Zuordnung zumindest dreier seiner Elemente, Erde, Wasser und Luft, zu den drei Aggregatzuständen: fest, flüssig und gasförmig.
Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass Empedokles die Luft als Stoff ansah. Indem er eine Klepsydra (eine Wasseruhr) mit der Öffnung nach unten unter Wasser drückte und feststellte, dass das Wasser nicht in das Gefäß eindringen konnte, musste er folgern, dass in diesem nicht Nichts enthalten war, sondern doch etwas Stoffliches (ebd., S. 29). Ohnehin ahnten die alten griechischen Philosophen vieles, was durch die moderne Forschung bestätigt wurde. Oder was sollte die zusammenhaltende »Liebe« denn anderes sein als die Kraft, die die Atomkerne zusammenhält? Oder der trennende »Hass«, den man als Wechselwirkung identifizieren kann, der die Atomkerne wieder zerfallen lässt (Horn, S. 23). So gesehen hatte Empedokles den höchst fruchtbaren und zutiefst modernen Gedanken in die Welt gebracht, dass es Elemente gibt, bei ihm vier an der Zahl, zwischen denen Kräfte wirken. Im Prinzip ist das das Grundsatzprogramm der heutigen Physik. Auch das Licht sah er als sich mit großer Geschwindigkeit im Raum bewegend an (Freely, 2012, S. 29).
Empedokles hatte damit zwar nichts mehr zu tun, jedoch bereitete er den Boden für die später durch Galen von Pergamon (ca. 129 – ca. 200 n. Chr.) entwickelte Grundlage medizinischer Behandlungen bis ins 19. Jahrhundert. Ihr zufolge herrschte im kranken Körper ein Ungleichgewicht der Elemente bzw. Säfte vor. Dieses musste in Einklang gebracht werden, damit der Mensch wieder gesund wurde. Empedokles war also nicht ganz unschuldig daran, dass man bis ins 19. Jahrhundert so dachte.
Er selbst soll wahre Wunder vollbracht haben, indem er die Elemente bändigen konnte. Missernten durch zu starke Winde wusste er zu verhindern, sodass er »den Namen Kolysanemas (Windebändiger)« erhielt (Diogenes Laertius, 8, 60). Von dem Beherrschen der Winde zum Heilen einer scheinbar Toten war es da nicht weit, und auch dies konnte der Magier Empedokles (ebd., 8, 61). Ob er sich nun selbst als göttlichen Heiler sah oder ob man ihm die Worte in den Mund legte, wird wohl niemals zu klären sein. Jedenfalls ist überliefert, dass er gesagt haben soll: »Was mich angeht, als ein unsterblicher Gott reise ich umher, nicht mehr sterblich, bei allen, wie es sich gehört, geehrt, mit Binden und frischen Kränzen umflochten« (zit. n.: Freely, 2012, S. 29). Als ein solcher Gott ziemt es sich natürlich nicht, einfach zu sterben. Es muss schon eine Apotheose sein, d. h. ein Aufsteigen als und zur Gottheit. Immerhin war in der Antike der Gedanke verbreitet, dass sich eine Gottheit besonders um das Wohlergehen einer menschlichen Gemeinschaft kümmerte. Von daher ist die Vergöttlichung des Empedokles die Folge einer ganz besonderen Tat, falls die Wiedererweckung einer Toten noch nicht gereicht haben sollte. Nachdem er eine Seuche durch das Umleiten eines nahen Flusses beendet hatte, was man heutzutage durch das Wegschwemmen des Unrats und des verunreinigten Wassers gut erklären kann, stieg die Dankbarkeit ins Unermessliche, und die Bevölkerung habe »zu ihm gebetet wie zu einer Gottheit« (Diogenes Laertius, 8, 70). Dies soll dem Philosophen-Arzt so sehr gefallen haben, dass er die Leute gerne in ihrer Annahme, er sei ein Gott, bestätigen wollte. Deswegen sei er in den Ätna gesprungen (Russell, S. 75). Auch der spätere römische Dichter Horaz (65–8 v. Chr.) gibt diese Episode wieder, wenngleich etwas süffisant: »Er möchte für einen Gott gehalten werden, für den der Tod unbedeutend ist; kaltblütig sprang er in den brennenden Ätna« (Horaz, Epistola ad Pisones, 464 f.; Übers. d. Autors). Horaz, der Empedokles nicht als Philosophen betrachtete, sondern als Dichter, nahm seinen Tod noch als Akt der Freiheit zur Kenntnis. Ihn davon abzuhalten, wäre ein Sakrileg gewesen. »Einen Dichter zu retten, bedeutet ihn zu ermorden« (ebd.).
Diese dem Empedokles angedichtete letzte Freiheit des selbstgewählten Todes wurde fast genauso fruchtbar wie seine Vier-Elemente-Lehre. Besonders im 19. Jahrhundert sollte die (scheinbare) Todesart des Empedokles die Geister beschäftigen. Friedrich Hölderlin (1770–1843) arbeitete mehrere Jahre an drei Fassungen eines unvollendet gebliebenen Trauerspiels »Der Tod des Empedokles«, in dem der Konflikt zwischen der Lehre des Empedokles und den Anforderungen der Gesellschaft beschrieben wird. In dem Fragment gebliebenen Stück wird auch die Entfremdung der Menschen untereinander und von der Natur thematisiert. Hölderlin, der den Stoff nicht als Mythos ansah, sondern als Wahrheit auffasste, sieht den Opfertod des Empedokles als Beginn einer besseren Zeit. Darin kann man, wenn man dies möchte, einen Bezug zu Hölderlin selbst herstellen. In diesem Fall entspricht die Empedokles’sche Kritik an der Priesterschaft bei Hölderlin einer Kritik an den aktuellen politischen Verhältnissen (Stephan, S. 222). Die Agrigenter möchten Empedokles als König, doch der Philosoph kann und will nicht in der Art eines Politikers führen. Der Verbannung entzieht er sich mit dem größtmöglichen Protest, indem er sich in den Ätna stürzt (Michel, S. 254). Hölderlin sollte sich ebenfalls selbst für die Kunst opfern, indem er fast 40 Jahre seines Lebens im berühmten Hölderlin-Turm zu Tübingen verbrachte. Doch das hatte mit dem alten Griechen nichts mehr zu tun.
Auch bei Friedrich Nietzsche stand Empedokles’ Sprung Pate für einen bestimmten Gedankengang. Bei ihm avancierte Empedokles zum tragischen Denker par excellence. In seinen ersten Jahren als junger Professor in Basel plante Nietzsche, eine Tragödie über den Griechen zu verfassen, und beschäftigte sich auch intensiv mit Heraklit (Safranski, S. 43). Dieses Projekt kam aber über Entwürfe nicht hinaus. Schließlich befasste sich noch Sigmund Freud (1856–1939) mit Empedokles und sah in dessen Lehre gar einen Vorläufer seiner Psychoanalyse. Hier wurde dessen scheinbarer Tod im Ätna als höchster Ausdruck des Todestriebes, der nach Auflösung trachtet, gesehen – im Gegensatz zu Freuds Lebenstrieb, der nach Vereinigung strebt –, dargelegt in seiner Schrift Abriss der Psychoanalyse von 1939.
Mit großer Wahrscheinlichkeit war das Ende des Empedokles weitaus unspektakulärer. Da aus seinen überlieferten Zeilen ein gewisser Hang zur Selbstinszenierung bis hin zu einem übertriebenen Selbstbewusstsein herauszulesen ist, kommt die Wahrheit vielleicht der Überlieferung am nächsten, wonach er ins Exil gehen
