Beschreibung

Maja Winter lebt mit ihrer Tochter in Überlingen am Bodensee. Sie ist mit dem Erben eines großen Weingutes liiert und beruflich erfolgreich. Alles läuft in geordneten Bahnen, doch wirklich glücklich ist sie nicht. Eines Tages entdeckt sie ein malerisches Haus am See und träumt davon, dort ein kleines Café zu eröffnen. Ihre neue Freundin, die alte und lebenskluge Nachbarin Frieda, ermuntert sie, ihren Traum zu verwirklichen. Als Maja schließlich ihren Job verliert und sich in den Gärtner des Hauses verliebt, wird ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt und sie steht vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens …

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Christine Rath

Butterblumenträume

Roman

Impressum

Ausgewählt von

Claudia Senghaas

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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www.gmeiner-verlag.de

© 2012 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Christoph Neubert

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © bynicola – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-3874-5

Widmung

Für meine Mutter Rosemarie, die mit 70 Jahren den Mut hatte, ihrem Herzen und der Liebe zu folgen, und in ein fernes Land aufbrach.

Und mir damit zeigte, dass man an seine Träume glauben muss, damit sie wahr werden können.

Kapitel 1: Der Frühling kommt nicht recht in Schwung

Schon immer ist der Frühling meine liebste Jahreszeit am Bodensee gewesen. Ich liebe es, wenn die vielen Obstbäume anfangen zu blühen und Tausende kleine weiße und rosa Blüten die Apfel- und Kirschbäume schmücken. Dann setze ich mich auf mein Rad und fahre einfach am See entlang. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, die ersten weißen Segelboote treiben auf dem spiegelglatten See. Gerade überlege ich, in welchem der kleinen Straßencafés in Überlingen ich meinen Cappuccino trinken soll, als mich eine laute Stimme unsanft aus meinen Träumen reißt. Sie gehört Karl Aschenbrenner, meinem Chef, denn in Wahrheit sitze ich nicht auf meinem Rad, mit dem Wind in den Haaren, sondern am Schreibtisch und versuche, ein paar langweilige Anschreiben und Exposés fertigzustellen.

»Frau Winter, wo bleibt das Exposé für die beiden Schweizer?«, brüllt er aus seinem Büro und reißt mich augenblicklich in die raue Arbeitswelt. Ich, Maja Winter, 38, bin die persönliche Assistentin und Leibeigene von Herrn Karl Aschenbrenner, Inhaber der ›Aschenbrenner Immobilien am Bodensee Agentur‹. Ich seufze und schnappe mir ein paar Briefe, die er noch unterschreiben muss, und bevor ich sein Büro betrete, gehe ich rasch an der Kaffeemaschine vorbei, um seine Stimmung mit etwas Koffein aufzubessern. Allerdings ist das heute wieder einmal zwecklos, denn so wie das Wetter ist auch seine Stimmung. Leider herrscht draußen überhaupt kein schönes Frühlingswetter, auch wenn ich mir das noch so sehr wünsche und es bereits Anfang Mai ist. Stattdessen ist es kalt, grau und neblig. So schön der Bodensee im Frühling, Sommer und Herbst auch ist, die Winter mit dem vielen Nebel können schon ein wenig deprimierend sein. Und in diesem Jahr ist auch das Frühjahr sehr durchwachsen. Seufzend stoße ich die Tür zu Herrn Aschenbrenners Büro auf und höre, was er sich wieder für eine kleine Nebenaufgabe für mich ausgedacht hat. Obwohl mein Schreibtisch mit so vielen unerledigten Dingen auf mich wartet und ich auch heute nie im Leben pünktlich Feierabend machen kann, lässt er sich immer wieder einige kleine Extras für mich einfallen. Ja, natürlich bin ich froh, in der angesagten Immobilien-Agentur am See einen so interessanten Job zu haben und dies schon seit über zehn Jahren, was mich quasi zu einer Art Inventar in diesem Laden macht. Das kann außer mir niemand von sich behaupten. Cholerisch, wie mein lieber Chef nun einmal ist, neigt er dazu, seine Mitarbeiter ruck, zuck auszutauschen, wenn ihm irgendetwas nicht passt. Und das ist sehr häufig der Fall. Natürlich bei Weitem nicht so oft, wie er seine Freundinnen wechselt. Im Laufe der Zeit habe ich mehr neue Partnerinnen von ihm kennengelernt als Autos, und das will etwas heißen, denn er fährt andauernd ein neues Modell. Inzwischen merke ich mir nicht einmal mehr die Namen der Damen und nenne sie, genau wie er, alle schlicht ›Püppi‹. Im Grunde tun sie mir leid, austauschbar, wie sie sind. So gesehen, kann ich mich wirklich glücklich schätzen, dass ich immer noch hier bin, aber wahrscheinlich bin ich die Einzige, die dieses Chaos hier überblickt, und er hat Angst vor dem Tag, an dem er selbst oder eine seiner Püppis sämtliche Unterlagen heraussuchen muss. Außer mir gibt es derzeit nur eine Angestellte, Irma, sie ist so eine Art Praktikantin, die neben Kaffee kochen, Kuchen holen, zur Post gehen usw. auch für die Ablage verantwortlich ist. Leider hat Herr Aschenbrenner Irma nicht wegen ihrer Qualifikationen, sondern hauptsächlich wegen ihres bezaubernden Lächelns und der nicht zu übersehenden Oberweite eingestellt. Ich habe den Verdacht, dass auch Irma eine Püppi werden wird, wenn sie es nicht schon ist, wer weiß. Tatsächlich ist sie eine witzige und intelligente, wenn auch leicht chaotische junge Frau, und wir beide lachen viel zusammen. Sie lebt nach Marilyn Monroes Grundsatz ›Ich kann schlau sein, wenn es nötig ist, aber die meisten Männer mögen das nicht‹, und ihre unerschütterliche Naivität hat ihr sicher schon so manchen Kummer erspart. Hin und wieder erfreut sie mich mit kuriosen Geschichten aus ihrem Privatleben, die stets sehr unterhaltsam sind. Unser Büro – es handelt sich um mehrere schöne, große und hohe Räume in einem ebenso schönen Altbau – befindet sich in der malerischen Stadt Überlingen am Bodensee. Vom Büro meines Chefs hat man natürlich einen traumhaften Blick auf den See und das gegenüberliegende Ufer, was schon so manchen potenziellen Käufer in seiner Entscheidung beeinflusst hat. Wer möchte nicht auch in einer derart schönen Gegend wohnen? Der Ehrlichkeit halber sollte ich vielleicht erwähnen, dass mein Chef sich nicht gegenüber jedermann als Ekel gibt, sondern, ganz im Gegenteil, bei vielen Leuten vor Charme geradezu sprüht, was ebenso wie sein unerhörtes Verkaufstalent hauptsächlich zum Erfolg der Agentur beiträgt, und ich persönlich bin davon überzeugt, dass er sogar in der Lage wäre, jeden noch so heruntergekommenen Schuppen derart schönzufärben, dass er dafür einen Käufer findet (was er, nebenbei gesagt, auch schon getan hat).

Für einen schönheitsliebenden Menschen wie mich ist es nicht ganz unwichtig, dass ich in einem edlen Ambiente arbeiten darf, und auch mein kurzer Arbeitsweg ist nicht unbedingt ein Nachteil. Im Sommer kann ich mit dem Rad fahren, es sei denn, ich habe einen engen Rock an, dann kutschiere ich meinen alten, klapprigen, aber heiß geliebten Mini, ebenso im Winter. Dieser Job sichert mir und meiner Tochter Naimi, genannt Nini, den Lebensunterhalt, und darum ertrage ich stillschweigend Herrn Aschenbrenners Launen und denke mir einfach mein Teil.

Nini und ich sind ein tolles Team. Sie ist süße 17, und wir kommen super miteinander aus. Einen Vater von Nini hat es nie gegeben, ich meine, natürlich gab es einmal einen Erzeuger, aber er wurde bereits in der Schwangerschaft wegen Unzuverlässigkeit abgeschrieben. Ich weiß nicht, ob Nini je etwas vermisst hat, aber so strahlend und fröhlich, wie sie ist, kann ich mir das eigentlich nicht vorstellen. Wir beide sind eher Freundinnen als Mutter und Tochter und leben in einer gemütlichen kleinen Wohnung in der Altstadt von Überlingen. Gut, Überlingen ist eine Kleinstadt, aber im Sommer, wenn die Touristen die Stadt bevölkern, ist ganz schön was los. Auf der mit Palmen gesäumten Uferpromenade reiht sich ein Café und Lokal an das andere, und ich liebe es, an einem lauen Sommerabend dort zu sitzen und die Menschen zu beobachten, die vor mir auf und ab flanieren. Steht man vor dem Haus, in dem wir wohnen, kommt es einem ein wenig windschief vor, aber das kann auch täuschen, besonders, wenn man an der Uferpromenade ein Gläschen Wein zu viel getrunken hat. Die Eingangstür ist blau wie die Tür aus dem Film ›Notting Hill‹, und nicht nur deswegen lieben wir unser Zuhause. Der Weg in unsere Dachwohnung führt über eine ausgetretene alte Holztreppe. Wir haben ein gemütliches kleines Wohnzimmer mit einem riesigen lilafarbenen Sofa, das mit unzähligen Kissen übersät ist, und einem tollen, mit Rosenstoff bezogenen Ohrensessel, davor ein kleiner, meist mit Modezeitschriften bedeckter Tisch, und an der einzigen nicht schrägen Wand steht ein großes Bücherregal. In einem Erker befindet sich mein Schreibtisch, der ähnlich überfüllt ist wie der in meinem Büro. Auf der gegenüberliegenden Seite nehmen wir unsere Mahlzeiten am Esstisch vor dem Fenster ein, und es gibt sogar einen winzig kleinen Balkon, der gerade Platz genug für zwei bequeme Korbstühle, einen Sonnenschirm sowie ein Tischchen bietet, wo wir im Sommer gerne frühstücken oder die Abendsonne genießen. Zwischen den Häusern kann man sogar ein Stückchen See sehen, natürlich nicht so spektakulär wie aus dem Fenster im Büro von Herrn Aschenbrenner, aber immerhin.

Hier haben wir zwischen ein paar von Nini selbst bemalten Blumentöpfen mit Geranien schon so manch lustige Stunde verbracht, aber auch das eine oder andere Problem diskutiert.

Außerdem gibt es in unserer Wohnung noch eine hübsche weiße Küche, ein rosa gestrichenes Bad mit einer altmodischen Wanne und für jede von uns ein Schlafzimmer. Ninis Zimmer ist zartgelb gestrichen und meines hellblau. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass Blau eine beruhigende Wirkung auf die Psyche hat, und ich dachte, im Schlafzimmer könne das nicht schaden. Leider sehe ich von der Farbe meistens nicht viel, denn wenn ich ins Bett falle, bin ich so müde, dass ich sofort einschlafe. Deshalb liegen die Romane auf dem Nachttisch nur herum, denn gelesen werden sie auf dem erwähnten Sofa oder in meiner Mittagspause auf irgendeiner Parkbank am See. Mein Kleiderschrank ist viel zu klein, aber ich habe schon den größten ausgewählt, der in dem kleinen Zimmer Platz hat. Deshalb hängt immer ein Teil meiner Kleider entweder am Schrank oder liegt quer auf der Holzkommode, über der ein großer Spiegel angebracht ist und die zudem mit Modeschmuck und Parfumflaschen vollgestellt ist. Ninis Zimmer hat diverse Entwicklungsphasen von ihr durchlebt, angefangen vom rosaroten und leicht kitschigen Mädchentraum über die Indienphase mit lauter bunt bestickten Kissen bis zu ihrer aktuellen sonnengelben Deko. Glücklicherweise sind ihre Möbel weiß lackiert und können je nach Laune farblich variiert werden. Unsere Wohnung ist alles andere als ein Designertraum, aber sie ist unser stiller Rückzugsort von allen alltäglichen Widrigkeiten, ein richtiges Zuhause eben. Ich bin überzeugt, Nini sieht das genauso, auch wenn die meisten ihrer Freundinnen in schicken Einfamilienhäusern am Bodenseeufer leben. Interessant ist, dass eben diese Freundinnen sich ebenfalls häufig und gern bei uns aufhalten und nach der Schule zusammen Spaghetti kochen oder einen frischen Salat zubereiten, von dem ich, wenn ich Glück habe, auch etwas abbekomme. Ich habe den Verdacht, dass sie in ihren Designerküchen nichts dreckig machen dürfen, während unsere Küchenzeile schon so einiges ausgehalten hat.

Nini hat mein rundes Gesicht geerbt, allerdings hat sie blaue und ich grüne Augen, und zurzeit sind ihre Haare blond und glatt, meine braun und lockig. Sie kann natürlich so viel Schokolade essen, wie sie will, während ich diese nur anzusehen brauche, um zuzunehmen. Obwohl ich ständig mit dem Rad unterwegs bin, während ihr einziger Sport daraus besteht, von einer Boutique zur anderen zu laufen, ist sie selbstverständlich um einiges schlanker als ich. Was sie jedoch nicht davon abhält, sich immer wieder Sachen aus meinem Schrank auszuleihen, während ich das nur mit ihren Schuhen und Taschen machen kann. Da sie davon allerdings reichlich besitzt und wir dieselbe Schuhgröße haben, profitiere ich also auch ein wenig.

Nun zurück zu dem grauen Nebeltag und zu meinem mies gelaunten Chef.

»Frau Winter, ich dachte, ich hätte Sie schon gestern an das Exposé für die Schweizer erinnert. Was ist denn jetzt damit? Ist das endlich raus?«

Ich lächle ihn freundlich an und stelle ihm erst mal seine Kaffeetasse hin, um ihn positiv zu stimmen.

»So gut wie«, fabuliere ich, obwohl es noch nicht einmal geschrieben, geschweige denn ausgedruckt ist. Um genau zu sein, weiß ich nicht einmal mehr, für welche der Wohnungen diese Schweizer sich interessiert haben. Aber irgendwo auf meinem Schreibtisch befindet sich die Notiz, da bin ich mir ganz sicher. An das Ehepaar Rütli kann ich mich sehr gut erinnern, besonders an sie. Es sind ältere Leute, die ihr Haus in Zürich verkaufen und sich eine schicke Eigentumswohnung am Bodensee kaufen wollen, um den Ruhestand hier inmitten ihrer Lieblings-Golfplätze zu verbringen. Natürlich haben wir einige sehr exklusive Immobilien im Angebot, die dem anspruchsvollen Geschmack der beiden gerecht werden könnten. Ich weiß nur nicht, ob Herr Aschenbrenner die Wohnanlage ›Immengarten‹ in Ludwigshafen mit Seeblick oder die ›Kirschblüte‹ in Salem inmitten der herrlichen Obstbäume angeboten hat. Daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, sondern nur an den arroganten Auftritt von Frau Rütli bei uns im Büro mit ihrer Hermes-Tasche und den Louboutin-Pumps und wie sie mir im Vorübergehen: ›Zwei Kaffee Crème ohne Zucker!‹ hingeworfen hat und dass ich mich fragte, ob ihr Gesicht nun geliftet oder Botox gespritzt ist. Ich meine, es gibt keine Frau über 60, die eine derart faltenfreie Stirn hat. Jedenfalls ließ Herr Aschenbrenner seinen Charme spielen und machte ihr Komplimente, wie ihr glockenhelles Lachen aus seinem Büro bewies. Ihm ist natürlich bewusst, wie wichtig die Ehefrau bei der Entscheidung über eine Immobilie ist, daher gibt er sein Bestes. Als alter Hase weiß er aber auch, dass er es nicht übertreiben darf, denn sonst ist der Ehemann verärgert, und dann wird es nichts mit dem Verkauf. Doch findet er jedes Mal das richtige Maß, und wegen dieses Gespürs beneide nicht nur ich ihn, sondern auch seine zahlreichen Mitbewerber hier am See. Welche Immobilie war es nur? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als den Schreibtisch zu durchwühlen. Das werde ich gleich als Nächstes tun, so viel steht fest. Bevor ich allerdings meinen Schreibtisch ansteuern kann, hält er mich noch einmal zurück: »Ach ja, Frau Winter, und bitte denken Sie dran, einen Friseurtermin für mich zu vereinbaren, am besten gegen 17.30 Uhr, und reservieren Sie mir einen schönen Tisch im ›Rosmarin‹ für zwei Personen auf 19.30 Uhr, ja? Und fahren Sie bitte nachher noch in der Seestraße in Nußdorf vorbei und fotografieren das Objekt 415. Wenn es geht, bevor es dunkel ist und von allen Seiten, auch den Garten – das werden Sie wohl hinbekommen?«

»Klar, Herr Aschenbrenner, das mache ich gerne auf dem Heimweg.«

Was für ein Glück, dass ich nicht nur meine Kamera, sondern auch den Mini dabei habe und bei diesem Nebel nicht den ganzen Weg nach Nußdorf hinaus radeln muss.

»Vergessen Sie nicht, das Exposé für die Rütlis zur Post zu bringen«, bellt er mir noch hinterher. Aber da habe ich die Bürotür bereits hinter mir geschlossen und atme tief durch. Wie ich mich auf meinen Feierabend freue. Ein Gläschen Rotwein und eine Tafel Schokolade auf dem lila Sofa, eine Jogginghose und eine Entspannungsmaske – mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Ich überlege gerade, ob ich mir nach der Arbeit in Monis Bücherstube einen spannenden Krimi besorgen soll, als mein Handy in der Handtasche eine SMS vermeldet. Handys auf dem Schreibtisch sieht Herr Aschenbrenner nicht gerne, und so muss es ein Schattendasein in meiner überfüllten Handtasche fristen. Meistens gehe ich nicht ran, denn Herr Aschenbrenner mag private Telefonate während der Arbeitszeit noch weniger. Doch jetzt bücke ich mich und fummle das Handy heraus, in der Hoffnung, dass er das Büro nicht gerade jetzt betritt, weil ihm noch etwas Wichtiges einfällt. Viel wichtiger als das, was ich gerade lese, kann es gar nicht sein.

›Hallo, meine Süße, denkst du an die Modenschau heute Abend? Pünktlich um 19 Uhr hole ich dich ab, freu mich. Leon.‹

O Gott, wie konnte ich das nur vergessen! Wahrscheinlich habe ich den Gedanken daran einfach verdrängt.

Kapitel 2: Das Weingut

Eigentlich liebe ich Modenschauen, und könnte ich mit Nini gehen, wäre das sicher eine Supersache. Normalerweise freue ich mich auf einen Abend mit meinem Herzallerliebsten, aber heute kann ich das beim besten Willen nicht. Ich weiß nämlich, dass seine ganze Familie dabei sein wird, und diese Vorstellung verursacht mir eine Gänsehaut. Leon und ich sind seit drei Jahren zusammen, und noch immer haben sie nicht akzeptiert, dass ich seine Freundin bin. Leon ist 42 und quasi der Thronfolger eines der größten Weingüter hier am Bodensee. Er war ein paar Jahre mit einer ›Weinkönigin‹ verheiratet und hat seit seiner Scheidung mehr oder weniger à la carte gelebt, bevor wir beide uns – natürlich auf einem Weinfest – kennenlernten. Für seine Familie bin ich als alleinerziehende Mutter natürlich nicht standesgemäß, ganz zu schweigen davon, dass seine Exfrau Lisa die absolute Traum-Schwiegertochter für seine Mutter Katharina war.

Ich verstehe durchaus, dass sie stolz auf ihren Betrieb sind. Das alte Weingut mit einem traumhaften Seeblick liegt nämlich völlig allein inmitten von Weinbergen zwischen Hagnau und Meersburg. Die Bodenseeweine sind schon etwas Besonderes. Die große Wassermasse des Sees wirkt wie ein Wärmespeicher, der die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht und zwischen Sommer und Winter ausgleicht und für ein fast mediterranes Klima sorgt. Die Wasseroberfläche spiegelt einen Teil der Sonnenenergie in die Rebhänge und heizt dadurch den Boden auf, was den Reben guttut. Angeblich ist das Weinanbaugebiet hier das höchste in ganz Deutschland, und da es nicht allzu groß ist, gibt es natürlich nicht viel Wein, der in den Handel kommt, also ist er wegen seiner Güte sehr gefragt. Leon gerät jedes Mal ins Schwärmen, wenn er über die idealen Bedingungen für den Weinanbau spricht. Neulich erst hat er mir mit leuchtenden Augen erzählt, dass in der Eiszeit hier ein Gletscher war, der Boden also eiszeitliche Endmoräne ist, durchzogen mit sandigem Lehm. Das hält die Feuchtigkeit, und so bekommen die Reben sogar in ganz trockenen Sommern, in denen es nicht viel regnet (gibt es die überhaupt?), keine Probleme durch mangelnde Feuchtigkeit. So genau verstehe ich das aber nicht. Ich weiß nur, dass die Weine himmlisch schmecken und die Familie Römfeld bereits in der dritten Generation überaus erfolgreich Wein anbaut.

Der Opa von Leon hatte das riesengroße Glück, nach dem Krieg in dieser tollen Lage einige Grundstücke mitsamt einem imposanten Gebäude aus den Zwanzigerjahren für einen Schnäppchenpreis zu erwerben. Er war sicher ein cleverer Geschäftsmann, denn er konnte die wenigen Weinbauern in der Gegend dazu bewegen, ihm noch weitere Weinberge zu verkaufen. Heute ist das Weingut Römfeld unabhängig von den Winzergenossenschaften und Staatsweingütern am See, und die Weine sind in ganz Deutschland beliebt und begehrt, zumal die vielen Touristen, die Jahr für Jahr an den schönen Bodensee kommen und einen guten Tropfen zu ihrem leckeren Bodenseefisch genießen, den Ruf weiterverbreiten. Natürlich wissen auch wir ›Einheimischen‹ die Qualität der Bodenseeweine zu schätzen, wenn wir unseren Feierabend in irgendeiner Weinstube an der Uferpromenade oder einem der schicken Restaurants rund um den See genießen.

Leons Mutter Katharina war auch eine Weinkönigin, als sie seinen Vater kennenlernte, und darauf ist sie heute noch stolz. Nach dem allzu frühen Tod ihres Mannes, der eines Tages mitten in seinen geliebten Weinbergen mit noch nicht einmal 60 Jahren einem Herzinfarkt erlag, führte sie das Weingut mit Hilfe ihrer beiden Söhne weiter. Leon, der Betriebswirtschaft studiert hat, ist mehr für den kaufmännischen Part des Unternehmens verantwortlich, während Robert, der praktischere der beiden, sich um das Handwerk, den Weinanbau und die Weinberge kümmert. Inzwischen schmeißen die beiden Jungs den Laden alleine, während Katharina sich der Gestaltung der Räumlichkeiten auf dem Weingut und der Perfektionierung ihres Golf-Handicaps widmet. Das Haupthaus des Weingutes ist ein architektonischer Traum und besteht aus einem großen, klassischen Bau, der inzwischen zur Seeseite hin durch einen modernen Anbau aus Glas ergänzt wurde. In diesem Wintergarten befindet sich auch der Wohn- und Essbereich, der von der ganzen Familie genutzt wird, sowie eine Hightech-Küche, in der eine Köchin namens Marta die köstlichsten Speisen kreiert und serviert. Außer Katharina, Robert und Leon wohnen hier noch Susann, Roberts Frau, die mit Katharina die Liebe zum Golfspiel und den extravaganten Kleidungsstil teilt, sowie Johannes, der verwöhnte achtjährige Sohn von Robert und Susann, und Emily, 27, Schwester von Robert und Leon und das Nachzügler-Prinzesschen. Emily war noch klein, als ihr Papi starb, und wurde von der ganzen Familie entsprechend verhätschelt. Nach dem Abi verbrachte sie einige Jahre in Florenz, um Kunstgeschichte zu studieren, aber ich habe den Verdacht, dass sie sich mehr dem Dolce Vita der Toskana hingegeben hat. Im letzten Jahr kam sie Knall auf Fall – wahrscheinlich wegen einer unglücklichen Liebe (denn Geldmangel kann es wirklich nicht gewesen sein) – aus Italien zurück und verbringt seitdem ihr Leben entweder damit, sich mit anderen wohlhabenden jungen Leuten irgendwo herumzutreiben oder in miesepetriger Lethargie. Vom Arbeiten hält sie jedenfalls nicht allzu viel, warum auch? Es gibt genug andere, die das tun. Selbstverständlich haben die Römfelds außer der Köchin noch ein Dienstmädchen, eine Putzfrau und einen Gärtner, die das herrschaftliche Anwesen aufs Vortrefflichste in Schuss halten. Mir macht es immer ein wenig Angst, denn alles ist so perfekt im Gegensatz zu unserer Wohnung, die zwar gemütlich, aber manchmal auch ein klein wenig unaufgeräumt wirkt. Kein Wunder, dass ich für Katharina nicht die perfekte Frau für Leon und dieses Traumleben bin. Aber vielleicht bilde ich mir das alles nur ein. Ich glaube, Leon liebt mich wirklich, auch wenn er das manchmal nicht so zeigen kann. Er ist halt so aufgewachsen und hat schon immer so ganz anders gelebt als ich.

Als wir uns kennenlernten, war er gerade frisch geschieden, und ich denke, meine ›normale‹ Art hat ihm einfach gutgetan. Seine Exfrau Lisa muss nämlich ein ziemliches Biest gewesen sein, auch wenn Katharina das überhaupt nicht so sieht. Laut Leon gab es für sie nur Feiern, Geldausgeben und (Bei)schlafen. Als sie Letzteres eines Tages mit einem schnuckeligen (das sind meine Worte, nicht Leons) Weinlese-Arbeiter tat, noch dazu in seinen Weinbergen, war es aus. Leon spricht nie darüber, und manchmal habe ich das Gefühl, dass er die Jahre mit Lisa einfach vergessen hat. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass es ihm nicht das Geringste ausmacht. Wer weiß, vielleicht hat er sie ja gar nicht geliebt und er war nur mit ihr zusammen, weil sie seiner Mutter so gut gefiel? Ich dränge ihn nicht, darüber zu reden. Schließlich habe ich auch meine Vergangenheit, aus der sogar ein Kind entstanden ist, obwohl der Kindesvater in meinem Leben schon lange keine Rolle mehr spielt. Nicht, dass er das je getan hätte. Natürlich habe ich im Laufe der Zeit immer wieder mal einen Mann gehabt, mit dem ich gerne ausgegangen bin, aber irgendwie war nie einer dabei, der seine Zahnbürste in unser kleines Zuhause mitbringen durfte. Vielleicht bin ich zu romantisch veranlagt. Diejenigen, die mir gefielen, verzogen meist schon bei dem Satz ›Ich habe eine kleine Tochter‹ das Gesicht, weil sie dachten, wir suchten nur einen Ernährer. Dabei war das ja dank Herrn Aschenbrenner überhaupt nie der Fall, denn er zahlt mir zum Ausgleich für die Erduldung seiner Launen und die vielen Überstunden ein großzügiges Gehalt, das es uns ermöglicht, auf eigenen Füßen zu stehen. Gut, ich musste immer viel arbeiten, was manchmal nicht leicht war, zum Beispiel wenn Nini krank wurde. Zum Glück gab es aber meine Mutter Luise, die jederzeit und gerne auf die Kleine aufpasste.

Je älter Nini wurde, desto besser kamen wir allein klar und desto geringer wurde die Notwendigkeit, auf Biegen und Brechen eine neue Familie zu haben. Bis Leon kam. Er ist der erste Mann, mit dem ich mir wirklich vorstellen kann, zusammen zu leben. Ich meine, wenn wir die Nacht miteinander verbringen, dann bin ich nicht froh, wenn er morgens wieder geht, es sei denn, er läuft zum Bäcker, holt uns frische Brötchen und ich koche uns einen guten Kaffee. Er akzeptiert, dass ich viel Zeit für Nini und meine Arbeit brauche, und lässt mir meinen Freiraum. Ehrlich gesagt, für meinen Geschmack ein bisschen zu viel. Wir sind drei Jahre zusammen, da könnte man sich schon mal Gedanken über eine gemeinsame Zukunft machen, oder etwa nicht? Aber vielleicht will er sich das diesmal wirklich gut überlegen, bevor er wieder enttäuscht wird. Da bin ich mir ziemlich sicher, abgesehen davon, dass seine Zukünftige natürlich vor den Argusaugen Katharinas bestehen muss. Mir ist selbstverständlich bewusst, dass eine gemeinsame Zukunft mich unweigerlich auf das Weingut führen würde, und ich weiß, dass dies der absolute Prinzessinnentraum ist, jedenfalls für viele. Nur ich bin mir manchmal nicht so sicher. Eigentlich bin ich glücklich mit meinem Leben und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daran etwas zu ändern, jedenfalls im Moment nicht. Zum Glück stellt sich die Frage derzeit nicht, denn offensichtlich hat auch Leon keine Absichten, an dieser Situation etwas zu ändern. Wie das natürlich in einigen Jahren aussehen wird, wenn Nini ihre eigenen Wege geht, weiß ich nicht. Das dauert ja noch ein wenig. Zuerst muss ich Katharina beweisen, dass ich doch die Richtige für ihren Sohn bin. Der heutige Abend wäre mal wieder eine gute Gelegenheit dafür.

Unglücklicherweise habe ich überhaupt keine Zeit, mich angemessen auf dieses Event vorzubereiten. Wie ich die drei Damen der Familie Römfeld kenne, haben sie den Tag beim Friseur, Masseur, bei der Kosmetikerin und mit einem entspannenden Mittagsschläfchen verbracht, damit sie entsprechend ausgeruht sind. Ganz zu schweigen davon, dass die angesagtesten Outfits seit geraumer Zeit auf diesen Anlass warten. Während ich mir jetzt die Zunge aus dem Hals hetzen muss, um überhaupt pünktlich fertig zu sein, und in diesem Moment nicht die geringste Idee habe, was ich heute überhaupt anziehen soll.

Seufzend tippe ich ein kurzes ›Freu mich auch, bis später, Küsschen‹ in mein Handy und fange an, den Notizzettel für das Rütli-Exposé zu suchen. Da klingelt bereits wieder das Telefon, diesmal das auf meinem Schreibtisch.

Kapitel 3: Das alte Haus oder Liebe auf den ersten Blick

»Was ist los, Maja?«, fragt mich Irma, die auf ihren schwindelerregend hohen Absätzen graziös einen Arm voller Aktenordner aus Herrn Aschenbrenners Büro bugsiert. Mir ist völlig klar, warum sie hier das ›Mädchen für alles‹ ist. Nicht nur, dass sie einfach unglaublich toll aussieht in diesem sexy Secretary-Style, sie hat auch einen Blick für das nicht so Offensichtliche, obwohl es wahrscheinlich klar ist, dass ich in diesem Chaos gleich die Nerven verlieren werde. Irma lässt die Akten fallen und nimmt den Telefonhörer ab.

»Für dich«, lächelt sie und gibt mir den Hörer.

Es ist meine Mutter, und sicher will sie mir nur einen schönen Tag wünschen oder von dem neuen Bild erzählen, das sie gerade gemalt hat. Diesmal scheint es aber doch etwas Wichtiges zu sein.

»Maaja, Liebes«, beginnt sie aufgeregt, »du hättest nicht heute ein Stündchen Zeit für deine olle Mutter? Ich weiß, du bist sehr beschäftigt, doch ich würde dich wirklich nicht bei der Arbeit stören, wenn es nicht unglaublich wichtig wäre.«

»Weiß ich, Mama«, sage ich so dahin, während ich nebenbei weiter nach der Notiz suche. »Heute kann ich wirklich nicht, ich muss noch ganz viel arbeiten, und Leon holt mich pünktlich ab. Wir gehen doch zu der Modenschau in Schloss Salem.«

»Ach jaaaaaa, richtig, das hatte ich völlig vergessen«, flüstert sie, und ich weiß, dass sie jetzt traurig ist.

»Dann macht euch einen schönen Abend. Vielleicht meldest du dich morgen mal. Ich muss dir nämlich was Wichtiges erzählen.« Bevor ich antworten kann, hat sie bereits aufgelegt. Mist, jetzt habe ich schon wieder ein schlechtes Gewissen. Sie war immer für uns da, und ich habe so oft keine Zeit für sie. Was soll ich tun? Ich kann sie jetzt nicht noch einmal anrufen und mir anhören, was es denn so Wichtiges gibt, denn ich muss unbedingt weitermachen, sonst komme ich heute überhaupt nicht mehr aus dem Büro. Ich nehme mir aber ganz fest vor, am nächsten Tag bei ihr anzurufen und sie auf eine Tasse Kaffee einzuladen.

Dabei kann ich ihr auch gleich von der Modenschau erzählen, das wird ihr gefallen. Irma sieht wohl mein unglückliches Gesicht, denn sie fragt nach, ob sie mir irgendwas abnehmen kann. Die Gute. Ich erzähle ihr von der Rütli-Geschichte und der Modenschau, und da bietet sie mir an, nach der Notiz zu suchen und, wenn sie sie gefunden hat, das Exposé gleich fertigzumachen und sogar zur Post zu bringen. Wie nett sie doch ist. Ich umarme sie und nehme mir vor, gleich morgen bei der Parfümerie Drahtmann vorbeizugehen und eine duftende Seife als kleines Dankeschön für sie zu kaufen. Irma liebt schöne Seifen und hat schon eine ordentliche Sammlung beisammen. Schnell vereinbare ich noch einen Friseurtermin für Herrn Aschenbrenner und bestelle einen Tisch für zwei Personen im ›Rosmarin‹. Dann schnappe ich meine Tasche, ein auf Ninis Anraten bei Zara gekauftes XXL-Modell in dezentem Beige, in der ich eigentlich nie etwas finde, und eile mit einem hastigen »Tschüss« aus der Tür. Nix wie weg. Auf dem Weg zum Parkplatz atme ich tief durch und krame nebenbei in der Tasche nach der Kamera. Glücklicherweise habe ich sie dabei.

Wo war noch gleich das Objekt, das ich fotografieren soll? Objekt 415, das weiß ich noch, aber die Straße? Seestraße meine ich gelesen zu haben, aber welche Nummer? Und wo ist noch mal die Seestraße? Nußdorf, ja, das war es. Das ist zum Glück gleich der nächste Ort. Und so lang wird die Seestraße nicht sein. Was für ein Mist, dass ich kein Navi habe. Jetzt wäre es ein Gewinn. Normalerweise brauche ich das nicht, denn in Überlingen kenne ich mich durch die vielen Immobilientermine, die ich in den letzten Jahren für Herrn Aschenbrenner schon wahrnehmen musste, gut aus. Außerdem ist die Stadt überschaubar und ich kann jemanden fragen. Selbstbewusst steuere ich den Mini in Richtung Nußdorf. Ich werde das Haus schon finden. Zu blöd, dass es heute so grau und düster ist. Kaum jemand ist auf der Straße, und so muss ich mein Glück auf eigene Faust versuchen. Ich bin schon fast wieder aus Nußdorf herausgefahren, als ich endlich das Schild ›Seestraße‹ entdecke. Der Hinweis ›Durchfahrt verboten, Anlieger frei‹ kann mich nicht abhalten, schließlich habe ich ein Anliegen, oder etwa nicht? Die Häuser hier sind fast alle alt, aber wunderschön gelegen auf großen Grundstücken mit altem Baumbestand, die bis zum See reichen. Aber welches ist Objekt 415? Wer verkauft bloß ein solches Objekt?

Ich beschließe, den Mini am Straßenrand abzustellen und zu Fuß weiterzugehen. Ein Entschluss, den ich sofort bereue, denn es ist nicht nur empfindlich kalt und der Trenchcoat, den ich heute trage, ist zwar schick, aber nicht gerade warm, nein, die Straße ist auch noch reichlich uneben und mein Schuhwerk wirklich nicht geeignet für einen längeren Spaziergang. Endlich entdecke ich eine ältere Dame, die in ihrem Garten herumwerkelt. Ihr kleiner Hund tollt um sie herum.

»Guten Tag!«, rufe ich ihr munter zu, und sie schaut mich misstrauisch an. Wahrscheinlich hält sie mich für eine Avon-Beraterin. Dennoch kommt sie auf mich zu und sagt freundlich: »N’Abend.«

»Entschuldigen Sie bitte die Störung, können Sie mir vielleicht weiterhelfen? Hier soll ein Haus verkauft werden, und ich habe leider die Hausnummer vergessen.«

Sie runzelt die Stirn und betrachtet mich noch einmal unverhohlen von oben bis unten, überlegt sich vielleicht, wie ich mir das leisten kann.

»Das weiß ich leider nicht«, erwidert sie, aber als ich mich verabschieden will, fällt ihr doch noch etwas ein.

»Es könnte natürlich das Haus der alten Frau Lange sein. Die ist vor Kurzem gestorben und, soviel ich weiß, gehört das Haus jetzt einer Erbengemeinschaft. Es ist das Haus am Ende der Straße.« Mit diesen Worten dreht sie sich um, um sich wieder ihrem Rechen zu widmen. Am Ende der Straße? Ich verfluche meine Pumps, denn meine Füße sind jetzt schon eiskalt, aber wer trägt denn im Mai noch Stiefel? Ich wünschte, ich hätte jetzt welche an. Nur noch ein paar Fotos von dem alten Schuppen gemacht und dann ab nach Hause und unter die warme Dusche. Als ich die Straße so entlanglaufe, denke ich, wie schön es hier ist. Und himmlisch ruhig. Man kann förmlich hören, wie die Wellen des Sees ans Ufer plätschern.

Rechts und links stehen große Bäume, die trotz des späten Frühlings schon Blüten tragen. Hier kann man radeln, sicher bis Unteruhldingen, an den Pfahlbauten vorbei. Ich nehme mir das für den Sommer fest vor. Die wenigen Häuser hier sind alle zwar alt, aber sehr gepflegt und die Gärten wunderschön eingewachsen. Ich kann kaum den Blick vom See wenden, denn dieser hat heute eine herrliche Farbe in verschiedenen Grautönen, passend zum Himmel. Da spielt das Wetter fast keine Rolle mehr. Inzwischen bin ich am Ende der Straße angelangt und stehe vor einem alten, gelben Haus mit schmucken weißen Fensterläden. Das muss es sein. Objekt 415, was für ein schrecklicher Name. Ich würde es ›Butterblume‹ nennen, denn dieser Name schießt mir augenblicklich durch den Kopf, warum, weiß ich nicht. Ich öffne das kleine Gartentor und trete näher. Gut, der Garten ist in einem erbarmungswürdigen Zustand, aber es sieht so aus, als würde hier schon etwas getan. Ganz hinten im Garten, wo es zum See geht, ist ein Gärtner zugange. Bestimmt haben die Erben keine Zeit und deshalb jemanden beauftragt. Mit einem gepflegten Garten kann man höhere Preise erzielen. Der Gärtner stört mich nicht weiter, auch wenn sein Auto, ein alter Volvo, die Einfahrt blockiert. Mein Herz klopft und ich stehe da und staune einfach nur. Der Anblick dieses Hauses in dem verwilderten Garten mit dem grauen See im Hintergrund ist unglaublich schön. Ich habe ein ganz merkwürdiges Gefühl, so als wäre ich schon einmal hier gewesen oder wäre endlich nach Hause gekommen. Ich war noch nie hier, so viel ist sicher, also schiebe ich den Gedanken beiseite und mache mich an die Arbeit. Die Aufnahmen von der Frontseite sind schnell erledigt. Eine breite Treppe führt zur großen Holz-Eingangstür, vor der ein Buchsbaum steht. Soweit ich erkennen kann, ist das Dach intakt, obwohl es sicher schon einige stürmische Zeiten durchgestanden hat. Neben dem Gebäude ist noch ein kleineres Haus, eine Doppelgarage wahrscheinlich. Der Vorgarten ist mit herrlichen Rhododendron-Büschen bestückt, die leider noch nicht blühen, aber ab Mitte Mai sicher wunderschön aussehen werden. Außerdem gibt es weitere Büsche wie Lorbeer und sogar ein Mandelbäumchen. Ich gehe um das Haus herum und bin überrascht, wie groß es ist. Zur Seeseite öffnet sich eine große Terrasse, von der aus wenige Stufen durch einen Steingarten in den Garten führen. Der hintere Teil des Gartens ist mit einigen Birken und Weiden und sogar einem Magnolienbaum bestückt. Der Gärtner schickt sich gerade an, den Baum zu fällen.

»Halt«, rufe ich ihm zu, »aufhören!«

Erschrocken lässt er sein Gartengerät fallen und starrt mich an. Offenbar hat er mich noch gar nicht bemerkt. »Was fällt Ihnen ein, mich so zu erschrecken?«, blafft er mich an.

»Wer sind Sie überhaupt und was machen Sie hier?«

»Ist Ihnen klar, wie lange so ein Magnolienbaum braucht, um so groß und schön zu werden?«, frage ich ihn, anstatt zu antworten.

»Als Gärtner sollten Sie das eigentlich wissen.«

»Und warum interessiert es Sie, ob und warum ich hier einen Baum fälle?«, grinst er mich an, ohne auf meine Frage einzugehen. Na, das werde ich ihm gerade sagen. Ich muss zugeben, trotz seines sehr rustikalen Outfits, oder vielleicht auch gerade deswegen, sieht er sehr gut aus, auf eine männliche Art sexy. Ich kann den Blick fast nicht von seinem durchtrainierten – trotz des XXL-Wollpullovers ist das gut zu erkennen – Oberkörper wenden. Er hat ein markant geschnittenes Gesicht, und sein Lächeln ist einfach unwiderstehlich. Doch damit kann er mich nicht beeindrucken. Der Jüngste scheint er nicht mehr zu sein, denn durch sein dunkles, lockiges Haar ziehen sich bereits einige graue Strähnen, was, wie ich zugeben muss, seiner Attraktivität keinerlei Abbruch tut.

Irgendwie komme ich jetzt aber wohl nicht um eine Antwort herum.

»Das Haus soll doch verkauft werden?«, fange ich vorsichtig an.

»Ach ja, und Sie sind wohl die Käuferin oder die Interessentin?«

»Ja«, lüge ich ihn dreist an.

Das wird mir Gelegenheit geben, mich hier in Ruhe umzusehen und ein paar schöne Fotos zu machen. Herr Aschenbrenner wird stolz auf mich sein.

»Deshalb möchte ich auch nicht, dass dieser Magnolienbaum gefällt wird«, sage ich etwas schärfer, als ich es eigentlich vorhatte.

»Dann bitte ich natürlich vielmals um Entschuldigung. Ich wollte den Kaufinteressenten eigentlich zu ein bisschen mehr Seeblick verhelfen, aber wenn Sie meinen, dann lasse ich den Baum stehen. Sie haben sich wohl schon entschieden?«

»Na ja, so gut wie«, lächle ich, aber jetzt muss ich ihn irgendwie loswerden, sonst komme ich heute überhaupt nicht mehr nach Hause. Das Erstaunliche ist, dass ich immer noch das Gefühl habe, bereits zu Hause zu sein, was ich mir gar nicht erklären kann. »Das ist wirklich nett von Ihnen, vielen Dank«, sage ich, und das Lächeln will einfach nicht aus meinem Gesicht verschwinden. Damit drehe ich ihm den Rücken zu und knipse munter weiter. Bestimmt sind die Doppelfenster rechts und links neben der Terrasse in letzter Zeit einmal erneuert worden. Zusammen mit den weißen Fensterläden geben sie dem Haus beinahe ein Gesicht. Hier im Erdgeschoss befinden sich bestimmt die Wohnräume. Auch in der ersten Etage sind einige Fenster, das werden wohl die Schlafräume sein. Unter dem Dachgiebel entdecke ich ein weiteres Fenster, das ist wahrscheinlich das schönste Zimmer mit dem genialsten Blick überhaupt. Vielleicht ein Atelier? Als ich das letzte Bild schieße, kommt tatsächlich ein Sonnenstrahl zwischen den Wolken hervor und strahlt die ›Butterblume‹ bzw. das Objekt 415 an. Bei dem Abendlicht werden es sicher richtig gute Schnappschüsse. Inzwischen habe ich das Haus von allen Seiten und ebenso den herrlichen Garten fotografiert. Es gibt sogar einen eigenen kleinen Bootssteg. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die wirklich ansehnlichen Oberarme des frechen Gärtners und mache mich auf den Weg zu meinem Mini. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich hier nicht zum letzten Mal gewesen bin.

Kapitel 4: Die Modenschau

Auf der Fahrt nach Hause wandern meine Gedanken zurück zu dem alten Haus am See. Die Menschen, die dort gelebt haben, müssen sehr glücklich gewesen sein. Der Garten ist so liebevoll angelegt und das Haus strahlt so eine gepflegte Gelassenheit aus. Ich bin fest davon überzeugt, dass Häuser eine Seele haben. Man kann spüren, ob darin Glück oder Leid vorgeherrscht haben, und hier bin ich mir sicher, dass es Glück war. Aber leider habe ich keine Zeit, mir weitere Gedanken darüber zu machen. Viel wichtiger ist: Was ziehe ich heute Abend an? In Gedanken forste ich meinen Kleiderschrank und alle ›Nebenstellen‹ durch, komme aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Alle meine ›besseren‹ Kleidungsstücke sind den Damen der Familie Römfeld bereits bekannt. Warum bloß war ich in meiner Mittagspause nicht noch schnell in der Boutique ›Adina‹? Die Sachen dort sind zwar teuer, aber wenn man etwas auf die Schnelle sucht, wird man immer fündig. Und die beiden Schwestern, die den Laden betreiben, sind unheimlich nett und sogar dann noch freundlich, wenn man das Geschäft verlässt, ohne etwas zu kaufen. Wie auch immer, das löst mein Problem heute leider nicht. »Bitte, lieber Gott, mach, dass Nini zu Hause ist«, bete ich im Stillen, während ich den Mini durch den dichten Feierabendverkehr lenke. Mit ihrem tollen Modegeschmack hat sie sicher eine Idee, wie ich aus meinen vorhandenen Sachen ein schickes Outfit zaubern kann. Dank ihres Einfallsreichtums habe ich für meine Garderobe, die nun wirklich nicht aus Designerteilen besteht, schon viele Komplimente geerntet. Außerdem kann sie mit meinen Haaren noch was machen, denn um Eva anzurufen, ist es definitv zu spät. Eva ist nicht nur meine absolute Lebensretterin in Sachen Hairstyling, sondern zufälligerweise auch meine beste Freundin. Als selbstständige Friseurmeisterin betreibt sie eine Art rollenden Haarsalon, das heißt, man kann sie buchen, sie kommt ins Haus, frisiert einen und schwebt wieder davon. Die Idee dazu hatte sie vor einigen Jahren, als sie wegen ihrer kleinen Kinder nur noch zu Hause saß und sich zu Tode langweilte. Der Laden läuft eigentlich ganz gut, weil sie eine wirkliche Top-Friseurin ist und viele Damen es wie ich zu schätzen wissen, daheim gestylt zu werden und sich anschließend nur noch umziehen zu müssen. Dennoch bleibt ihr trotz ihres gut gefüllten Terminkalenders genügend Zeit für ihre großartige Familie. Sie hat einen verständnisvollen Mann, der sich liebevoll um die beiden Töchter kümmert, wenn Eva mal wieder ›auf Achse‹ ist. Aber nicht nur aufgrund ihrer fachlichen Qualitäten schätze ich sie sehr. Sie ist einfach ein fantastischer Mensch und eine supergute Freundin, die mir mit Rat und Tat zur Seite steht. Wenn es nötig ist, auch mitten in der Nacht. Leider wäre es heute nötig, aber ich will sie so kurzfristig nicht stören. Die Zeit würde ohnehin nicht reichen. Mit Ninis Hilfe und ihrem sensationellen Glätteisen muss es heute auch so gehen. Als ich die Wohnungstür aufschließe, falle ich beinahe über eine riesengroße, pinkfarbene Shopper-Tasche. Gott sei Dank, sie ist da. Doch was ist das? Direkt daneben steht ein Paar ebenfalls riesengroßer Turnschuhe, schätzungsweise Größe 47, das sicher nicht einem Mädchen gehört. Und aus ihrem Zimmer hört man leise Musik, nicht der gewohnte Technokram, sondern Jamie Cullum. O nein, hat sie etwa Herrenbesuch? Nicht, dass ich ihr das nicht gönne, aber ausgerechnet jetzt? Seufzend schleudere ich die Pumps von den Füßen und hetze unter die Dusche. Der warme Wasserstrahl und das duftende Duschgel von Chanel, das mir Nini zu Weihnachten geschenkt hat, beleben meine Sinne augenblicklich. Das schwarze Etuikleid? Zu brav. Das rote Chiffonkleid? Zu ausgeschnitten (für Katharina). Der weiße Hosenanzug? Zu sommerlich. Als ich aus der Dusche komme, steht eine grinsende Nini vor mir.

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