C´est la vie, c´est la fin - Frederica Hartmann - E-Book

C´est la vie, c´est la fin E-Book

Frederica Hartmann

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Beschreibung

Sophie ist gefangen in einem Teufelskreis aus Drogen, Alkohol und Selbstzerstörung. Vor sechs Jahren hat sie eine traumatische Beziehung hinter sich gelassen, doch als ihr früherer Peiniger Tom plötzlich wieder auftaucht, drohen ihre Wunden erneut aufzureißen. Zwischen den Schatten ihrer Vergangenheit und den Versuchungen der Gegenwart kämpft Sophie verzweifelt um die Kontrolle über ihr Leben. Als sie in Innsbruck auf den Psychiater Andreas trifft, scheint es einen Hoffnungsschimmer zu geben. Doch Sophies Weg zur Heilung ist von inneren Konflikten und Rückschlägen geprägt. Wird sie sich von den Fesseln der Vergangenheit befreien können, oder wird sie erneut in den Abgrund gezogen? Ein fesselnder psychologischer Roman über Selbstfindung, die Macht toxischer Beziehungen und den schwierigen Weg zur Heilung.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Frederica Hartmann

C´est la vie, c´est la fin

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Impressum

C´est la vie, c´est la fin

(TRIGGERWARNUNG für den gesamten Inhalt: Drogen-, Alkoholmissbrauch, selbstverletzendes Verhalten, sexueller und emotionaler Missbrauch, sexuelle Inhalte, Schimpfwörter …)

Kapitel 1

Sophie stolzierte in die Bar. Mit ihren blauen Augen überprüfte sie die Tische. Sie versteifte sich, als sie Tom an einem sitzen sah. Wut packte sie und durchschüttelte ihr Inneres. Tom hatte um dieses Treffen gebeten und sie hatte zugesagt. Nach verfickten sechs Jahren! Sie wusste nicht, ob sie ihn anschreien, losheulen oder direkt wieder die Bar verlassen sollte. Ihre Blicke trafen sich. Und sie stockte. Langsam strebte sie auf ihn zu und setzte sich vor ihm auf den freien Platz. Sophie saß starr und mit aufgerichtetem Oberkörper vor ihm und starrte ihn wutentbrannt an, während er sein übliches Grinsen trug und lässig in seinem Stuhl lehnte. Tom: blonde, etwas längere Haare, blaue intensive Augen und ein markantes Gesicht; gut gebaute Statur und sehr gut aussehend. Und das wusste er von sich selbst auch. Das machte die Situation nicht unbedingt besser für sie.

„Was willst du?“, zischte sie.

Tom griff in seine Jackentasche und zog eine Zigarettenschachtel heraus. Er schob sie ihr rüber. Sophie griff danach, ohne sich zu bedanken – wie selbstverständlich. Sie nahm sich eine raus, steckte die Schachtel ein und zündete sich die Zigarette mit ihrem alten, kaputten Feuerzeug an. Seine Blicke beobachteten sie dabei.

„Ich will mich entschuldigen“, sagte er dann mit seiner Baritonstimme; eine Stimme, die sie nie vergessen hatte und es auch niemals würde.

Tränen traten ihr in die Augen. Sie sah zu ihrem Wein, den er schon bestellt hatte, griff danach und schüttete sich den ganzen Inhalt die Kehle runter. Der Alkohol breitete sich sofort in ihr aus. Und das war nicht das erste Glas heute. Sie hatte schon eineinhalb Flaschen intus. Einen Puffer musste sie ja haben bei einem Treffen mit solch einem Mistkerl wie ihm. Alkohol war ihr sicherer Hafen.

Tom verzog seine Miene, kommentierte aber die Szene nicht. Sophie hob ihre Hand und winkte die Bedienung zu sich heran. „Eine Flasche Wein bitte“, sie zwinkerte dem süßen Kellner zu, der errötete und schleunigst ging.

„Eine ganze Flasche?“, kommentierte Tom nun doch.

„Ich denke, du brauchst Hilfe“, seufzte er und deutete mit seinem Kinn auf ihren vernarbten Arm.

Sie versteckte ihre Narben nicht. Warum auch? Knappes grünes Kleid und grüne High Heels – das war ihr Outfit für heute, und das gab eben ihre Narben an Armen und Beinen preis.

„Bist du mein Vater? Scher dich zum Teufel“, zischte Sophie, lehnte sich vor und lächelte zuckersüß. „Das hast du ja schon damals getan.“

Toms Augen zeigten keine Regung, keine Emotionen.

Sie lehnte sich wieder zurück.

„Ich liebe dich, he? Das war dein Trick, mich ins Bett zu locken. Und dann bist du verschwunden. Und jetzt, sechs Jahre später dackelst du wieder an?“

Tom fuhr sich durchs dichte Haar. „Ich verstehe, dass du sauer bist.“

„Ich bin mehr als das.“

Der süße Kellner kam zurück mit der Flasche Rotwein und stellte ihn auf den Tisch.

Beide schwiegen.

„Danke, Herr …?“

„Vadim Hohenstein.“

„Vadim“, flüsterte sie und nickte.

Der drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort.

„Flirtest du mit Männern in meiner Anwesenheit?“ Tom ließ die Bemerkung im Raum stehen.

„Ich habe mit dir nichts mehr zu tun“, fauchte sie und stand so hastig auf, dass der Stuhl fast kippte.

„Sophie.“

„Du hast kein Recht dazu!“, schnappte sie.

„Mich einfach so zu behandeln! … Als ob DU dich verändert hättest!“, lachte sie dann und griff sich die Flasche.

Sie ließ sie in ihre Tasche gleiten.

„Du bezahlst natürlich“, sie drückte ihre Zigarette in dem Aschenbecher vor ihm aus und lief davon.

Sophie schlängelte sich an den anderen Menschen vorbei hinaus in die warme Abendluft am Nollendorfplatz. Sie hasste Berlin – nicht den Ort an sich, sondern vielmehr die Menschen, die dort lebten.

Tränen strömten ihr über die Wangen, passte hervorragend zum heutigem Wetter: Regen fiel zunächst leicht, verstärkte sich jedoch bei jedem schwankenden Schritt, den sie nahm. Trauer und Wut formten sich in ihrem Inneren und nahmen ihr die Luft. Nach Sauerstoff schnappend hangelte sie sich von einer Hauswand zur anderen.

Die Schminke verwischt, ihr Zopf löste sich. Eiskalt! Sie wollte eiskalt werden: keine Gefühle, keine Emotionen – bloß ein Zombie, der auf hübschen langen Beinen lief.

Doch die Gefühle drängten sich ihr auf – verdeckten sie.

Sie hielt inne, zog den Wein aus der Tasche heraus und öffnete den Deckel – ihre Lippen klebten an der Öffnung. Jeder Schluck war wie ein Pflaster auf ihrer Seele – machte sie zu einem eiskalten Biest.

Was dachte Tom sich dabei, wieder aufzutauchen? Sich zu entschuldigen?

Sie war siebenundzwanzigJahre alt gewesen und noch Jungfrau – er hatte ihr alles genommen: die Unschuld, ihre Klarheit, ihre Stabilität – durch psychischen Missbrauch, Manipulation und Sex. Er hatte sie einfach dort allein sitzen lassen …

Tom … dieser Mistkerl!

Und doch regten sich wieder Gefühle für ihn, als sie ihn dort sitzen sah, mit seinen Augen, seinem ganzen Sein …

Sie hatte nicht nur sexuelle Bedürfnisse bei ihm stillen wollen; nein, auch tiefe Neigungen unterdrückt …

* * *

Wo sollte sie nun hin? Sie fischte ihr Handy heraus und rief ihre Koksfreundin Sandra an. „Heeeyyy!“, schrillte die.

„Hast du Zeit?“, fragte Sophie direkt.

Sandra, eine Wasserstoffschlampe, aber eine liebe, erklärte ihr, in welchem Club sie sich befand. Ein Glück, in der Nähe. Eine gute Mischung aus stolzierend und schwankend, kam sie endlich vor dem Club an. Sandra stand schon dort und winkte ihr zu. Sie umarmten sich.

„Ich habe Tom getroffen“, murrte Sophie, die langsam immer stärkere Kopfschmerzen bekam.

Sandra schüttelte ungläubig ihren Kopf. „Und?“

„Er hat sich entschuldigt.“

„Männer ändern sich nie!“, war deren einziger Kommentar dazu.

Beide traten in den Club ein und gingen zu dem VIP-Tisch, wo Sandra noch vor Kurzem gesessen hatte. Zwei Männer im mittleren Alter und schick angezogen saßen dort und beäugten Sophie.

„Das ist Olaf, und das ist Chris“, stellte Sandra die beiden vor.

Chris, dunkelhaarig, braune Augen und muskulös, fiel Sophie zuerst auf. Eine gute Ablenkung brauchte sie jetzt. Und das war er definitiv.

„Hey“, sagte er gedehnt.

Sie zwinkerte ihm zu. „Ich bin Sophie.“

Sie gaben sich die Hände. Chris wirkte im Gespräch wie ein anständiger Kerl; ihm gehörte auch der Club. Und eine gewisse sexuelle Anspannung baute sich während des Gesprächs an. Sophie kniff ihre Beine zusammen, als es in ihr pochte – vor allem untenrum.

„Und …“, seine Lippen kräuselten sich. Seine Hand, die auf ihrem Oberschenkel lag, verkrampfte sich. Sophie kannte alle Anzeichen bei Männern. Sie selbst wusste, dass sie eine Schlampe war – sie sprang ja mit jedem beliebigen Typen ins Bett; bereute es danach jedes Mal, da sie sich schlecht und benutzt fühlte.

Doch der Moment des Sexes war eine Euphorie, die sie nicht missen wollte.

„Hast du was für mich im Gegenzug?“, raunte Sophie ihm ins Ohr. Ihre Hand packte ihn am Oberarm und zog ihn dicht an sich heran.

„Ich habe was“, sagte er.

Sie drückte ihre Lippen auf seine und schmeckte ihn – er schmeckte nach einem Mix aus Zombie-Cocktail und Rauch. Er stand auf und zog sie hinter sich her; sie stolperten in eine Kabine im Badezimmer.

„Erst“, ermahnte ihn Sophie.

Er griff tief raunend in seine Tasche und holte ein Röhrchen raus; sie zog ihre Line und er seine; dann trafen sich ihre Lippen wieder. Er knöpfte seine Hose auf und sein Schwanz sprang in die Höhe, bereit, geritten zu werden. Sophie hatte keinen Slip an, sodass er einfach in sie eindringen konnte – Kleid hochziehen und das wars.

Sie stöhnte, während er sie wie wild vögelte; immer tiefer drang er in sie ein.

„Sophie!“, ertönte Toms Stimme.

Erschrocken riss sie ihre Augen auf – und in Sekundenschnelle wurde der halb nackte Chris zu Boden geschleudert. Tom kam zu der versteinerten Sophie und zog ihr Kleid runter.

„Komm mit“, murrte er.

„Was fällt dir ein!“, schrie Sophie über die Musik, als Tom sie über die Tanzfläche zog – doch er ignorierte sie.

Draußen in der frischen Luft – der Regen hatte aufgehört – entzog sich Sophie seinem Griff.

Tom schien erregt, aber auf eine wütende Art und Weise.

„Tom, ich bin nicht dein Eigentum!“, schrie sie.

Sie fischte sich eine Zigarette heraus und zündete sie an.

„Doch! ... Du machst dich kaputt mit alldem!“, sagte er kalt.

„ES IST MEIN LEBEN! Du kannst nicht auftauchen, dich entschuldigen und dann mich besitzen wollen“, zischte Sophie.

Tom zog seine Jacke aus und legte sie ihr über die Schulter. So sehr sie ihn hasste, so sehr sie wieder in den Club gehen wollte, blieb sie wie angewurzelt bei ihm stehen. Sie wusste nicht warum.

„Du musst dich ausruhen“, murmelte er nachdenklich.

Er strich sein weißes Hemd glatt und holte seine Autoschlüssel heraus. „Ich fahre dich zu mir.“ „Nein!“, entgegnete Sophie.

Nein, ein Wort, das er nicht allzu oft zu hören bekam. Er versteifte sich. „Ich bin nicht irgendeine, und schon gar nicht deine, Schlampe.“

„Machst aber deine Beine breit für Koks!“, konterte er.

„Ich habe damit angefangen, weil du der Auslöser warst.“

Jetzt sah sie kurz Schmerz in seinen Augen aufleuchten, der jedoch gleich wieder verschwunden war. Stattdessen begegnete ihr nun ein ausdrucksloser Gesichtsausdruck.

„Tom, lass mich allein.“

Tom starrte sie an.

„Ich meine es ernst, oder ich rufe die Bullen!“

Tom seufzte. „Ich warne dich“, sagte er dann und ging. Sophie blickte ihm hinterher.

Kapitel 2

Sie saß in ihrer Zweizimmerwohnung auf der Couch im Wohnzimmer und rauchte. In der linken Hand ihre Zigarette, die rechte spielte mit einer Rasierklinge. Sie hatte großen Druck, während ihr unaufhörlich Tränen die Wangen runterliefen. Zum Glück war sie damals schon in eine neue Wohnung gezogen, sodass er nicht mehr wissen dürfte, wo sie wohnte. Sonst stünde er auch heute, einen Tag später, vor ihr. Sie hatte es satt, immer wieder daran erinnert zu werden, dass sie klein, schwach und verletzbar war.

Bilder von Tom kamen in ihr hoch. Sie versuchte, wieder das Hier und Jetzt zu erreichen, doch es gelang ihr nur teilweise.

Die Zigarette aufgeraucht, eine Flasche Wein ausgetrunken, stand sie auf – mit der Klinge in der Faust. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es zwölf Uhr war.

Sie glitt ins Bad und blickte sich im Spiegel an – ihr abgemagertes Gesicht sah schrecklich aus, doch sie fand sich schön. Ihre Augen lagen in tiefen Höhlen.

Sie legte die Klinge auf den Schrank, wusch zuerst ihr Gesicht und trocknete sich hinterher ab, dann griff ihre Hand wieder nach der Klinge – es war mittlerweile einen Monat her, dass sie sich zum letzten Mal geschnitten hatte.

Die Tränen wollten nicht enden, und ihr Selbsthass wuchs. Sie fiel auf die Knie, als ihre Brust und Bauchgegend anfingen kräftig zu schmerzen. Die Schmerzen glichen einem tiefen, schwarzen Loch … Um es noch drastischer zu beschreiben, tausend Messerstichen in ihrer Brust.

Und dann geschah das, was sie zunächst versucht hatte, nicht zu tun: Sie zog ihr Minikleid weiter hoch, setzte die Klinge an den Oberschenkel und schnitt sich. Die tiefe, klaffende Wunde blutete höllisch. Aber sie hatte mitgedacht: Verbandzeug hatte sie vor sich liegen. Sie legte sofort einen Druckverband um; dann schloss sie ihre Augen und atmete tief ein und aus, um die elektrisierende und beruhigende Wirkung der Selbstverletzung in sich wallen zu lassen.

Sie saß noch eine Weile dort, bevor sie das Blut wegwischte und sich dann zu ihrem Zimmer bewegte. Keine Tränen mehr, keine Trauer, keine Wut. Alles war wie weggezaubert.

Sie lief zu ihrem Schrank und nahm sich einen Morgenmantel raus. Ohne die Gardinen zuzumachen, zog sie sich nackt aus und wickelte sich dann in den Morgenmantel ein. Sie wusste, dass ein Teenagerjunge von gegenüber immer spannte, doch das törnte sie nur noch mehr an.

Sie strebte aus dem Zimmer, währenddessen band sie ihre blonden Haare zu einem lockeren Dutt. Eine lockige Strähne löste sich, doch das kümmerte sie nicht.

Als sie sich wieder auf die Couch setzte, klingelte ihr Handy. Sie beugte sich vor und schaute aufs Display. Tom! Fuck … Sie drückte auf Rot und griff nach der neuen Weinflasche. Sie hatte Kopfschmerzen und ihr war übel, doch das hinderte sie nicht, weiterhin zu trinken.

Sie wollte einfach all ihre Gefühle runterspülen. Einfach nichts spüren. NADA!

Ihr Handy klingelte nochmals. Und sie schaute wieder drauf. Chris! Ja, auf den hatte sie Lust.

„Hey“, sagte sie zuckersüß.

„Hey“, kam es ihr aus dem Hörer entgegen.

„Was war da gestern los? Dein Freund?“

„Nein, er ist wie ein Stalker. Nicht mein Freund. Vergiss diesen Typen.“

„Stalker? Geh doch zur Polizei.“ „Es ist kompliziert. Warum rufst du an?“ „Hast du heute spontan Lust rauszugehen?“ „Klar.“

Chris würde sie in einer Dreiviertelstunde abholen. Sie machte sich fertig. Zog sich ein rotes Minikleid an, das eng anlag, und rote Pumps dazu. Den Verband sah man ein wenig, doch das war ihr egal. Sie stolzierte ins Badezimmer und schminkte sich. Make-up und schwarz umrandete Augen. Rote Lippen und rosa Wangen.

Dann öffnete sie den Zopf und bürstete ihr Haar. Die Locken umrandeten ihr Gesicht und sie entschied sich, die Haare offen zu lassen. Sophies Inneres pochte. Sie freute sich auf Chris. Freute sich auf die Macht, die sie bei ihm ausüben konnte. Ihre feminine Macht.

Ihre Macht und Ausstrahlung hatte sie sich hart erkämpfen müssen. Sie freute sich auf den Sex, auf die Aufmerksamkeit, die sie bekam. Von ihm! Von einem Mann, der sie bewunderte. Und sie hatte dabei die Kontrolle, wie viel Nähe sie gab und bekam. Bei Neulingen war es ganz einfach, sie sitzen und warten zu lassen. Antanzen zu lassen. Nie würde Sophie einem Mann jemals wieder so vertrauen, dass sie verletzt werden konnte. Sex – ja! Und Freundschaft. Eventuell! Eine Beziehung? Nein!

Sie setzte sich aufs Sofa und nahm die Weinflasche zur Hand. Es war noch ein Rest von nicht mehr ganz der Hälfte drin, den sie auf einmal in sich hineinkippte. Der Alkohol beruhigte sie, verbannte all ihre negativen Gefühle. Bereitete sie vor einem Date vor. Alles, was sie brauchte, war der Alkohol.

Ihr Handy vibrierte, Tom rief erneut an. Sie stöhnte und drückte den Anruf wieder weg. Sie müsste ihn mal blockieren. Toms intensiver Blick erschien vor ihrem inneren Auge. Diese verdammten heißen blauen Augen, denen sie einst so vertraut hatte. Niemandem hatte sie je so Vertrauen geschenkt wie ihm. Und das hatte er zerstört. Er hatte sie zerstört.

Es klingelte und sie sprang auf. Chris war da. Sie schwang ihre kleine Tasche über die Schulter, öffnete die Tür und lief die zwei Etagen runter. Dann die letzte Tür, und sie schmiss sich in die Arme von Chris. Sie drückte ihn, schmiegte sich eng an ihn und küsste ihn intensiv.

Er grinste und wurde etwas rot. „Bist du bereit?“, fragte er.

Sophie lächelte und nickte. Chris’ braune Augen leuchteten geheimnisvoll.

„Was machen wir?“, fragte Sophie, als beide in seinem Auto saßen und er Richtung Wannsee fuhr. „Grunewald-Spaziergang.“ Schlagartig wurde Sophies Laune mies. Sie hatte mit Sex gerechnet. Mit einem Adrenalinschub. Drogen, Alkohol, Sex. Party. Irgend so etwas. Aber nicht dieser langweilige Datescheiß!

„Mit Sex im Freien“, fügte er grinsend hinzu, als er ihren Blick wahrnahm. Sophie lachte auf. „Ertappt.“ „Ich habe auch was dabei“, flüsterte er.

* * *

Sie parkten am Waldrand mitten auf einem Parkplatz und er holte die kleine Ampulle Koks raus. Sophie beobachtete ihn, wie er vorne auf dem Auto zwei Linien machte und einen Schein rollte. Er zog seine Linie ein und übergab ihr den Schein. Ungeduldig zog auch sie ihre Line und atmete erleichtert aus, als es in ihr kickte. Sie war automatisch hellwach, high und gut gelaunt.

Chris stieg aus dem Auto aus und öffnete die Beifahrertür, sodass auch Sophie hinaustreten konnte. Sie betrachtete den Wald. High waren alle Farben viel bunter. Und ihre Gefühle viel schöner. Ertragbar und schön. Einfach wunderbar. Alles war gerade perfekt. Chris war ein wunderschöner Begleiter für diesen friedvollen Spaziergang.

Er nahm ihre Hand und sie liefen in den Wald.

„Dieser Tom, richtig?“

„Ja.“ „Was hat er dir angetan?“ „Geht dich einen Dreck an“, zischte Sophie ihn an. Chris hob seine Hände in die Luft und entschuldigte sich. Sophie starrte den Weg an und schwieg, während sie weiterliefen.

Ihre Gefühle waren durchmischt. Das Koks wirkte jetzt auch nicht mehr so, wie es sollte. Nicht weil die Wirkung nachließ, nein, weil Tom in ihre Gedanken preschte. Sie wollte Ablenkung, und zwar sofort. Sie blieb stehen, zog Chris an sich und drückte ihre Lippen an seine. Wild knutschend stolperten sie in den Wald hinein. Als sie sich enger an ihn schmiegte, merkte sie, dass er geiler wurde, dadurch dass sie seinen Steifen durch die Hose spürte. Auch sie wurde feucht.

Sie schubste ihn tiefer in den Wald hinein, weg vom Waldweg. Das Rauschen in ihren Ohren wurde stärker. Toms blaue Augen vor ihren wurden intensiver. Sie packte den Reißverschluss von Chris’ Hose, öffnete sie und ließ sie samt Boxershorts zu Boden gleiten. Sein Prachtstück sprang in die Höhe.

Seine Augen, voller Lust und Begierde, funkelten sie an, seine Hände rafften ihr rotes Minikleid nach oben und zu seiner Überraschung war sie nackt darunter. Sie drückte ihn gegen den Baum, er hob sie auf und setzte sie auf seinen Penis. Sie stöhnte auf. In einem wilden Rhythmus fickten sie. Und sie fühlte sich elektrisiert. Ihre Pussy explodierte bei der Größe seines Penis. Bei der Schnelle und Tiefe des Rhythmus. Sie genoss den Sex, jede einzelne Sekunde. Genoss, dass sie die Zügel in der Hand hatte, sie bestimmte den Takt. Sie bestimmte, wie schnell es ging. Sie bestimmte die Pausen. Sie sah ihm zu, wie er seine Augen geschlossen hatte und es genoss. Wie er in ihr kam. Doch sie wollte mehr. Sie ließ es nicht zu, dass er aufhörte. Sie zwang ihn weiterzumachen, bis auch sie zum Höhepunkt kam. Erst dann ließ sie von ihm ab, zog ihr Minikleid runter. Sie zündete sich eine Zigarette an und murmelte: „Fahr mich zurück.“

Auch der überraschte und traurige Ausdruck in seinem Gesicht konnte sie nicht erweichen. Sie drehte ihm den Rücken zu und lief aus dem dichten Wald hinaus wieder auf den Waldweg. Chris zog hastig seine Hose wieder an, deutlich verwirrt und enttäuscht.

Sophie wollte nur noch nach Hause. Tränen bildeten sich in ihren Augen, die sie jedoch runterschluckte. Sie durfte nicht weinen!

* * *

Als sie zweimal hinter sich abgeschlossen hatte, rutschte sie mit dem Rücken an der Tür runter und zog die Beine an sich heran. Heiße Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie legte ihren Kopf zwischen die Knie und schloss die Arme um die Beine. Ihr ganzer Körper bebte. Wieso machte sie das bloß …? Was war falsch mit ihr? Wieso tat sie sich das immer wieder an?! Sie fühlte sich benutzt, dreckig und wie eine Schlampe.

Sie nahm vier tiefe Atemzüge und stand dann mit wackligen Beinen auf, wischte sich die Tränen verärgert aus dem Gesicht. Sie durfte nicht weinen! Sie durfte es einfach nicht! Sie ging zum Tisch, auf dem der Alkohol sortiert stand, und nahm sich die Wodkaflasche. Öffnete den Deckel und kippte sich ordentlich was rein. Der bittere Geschmack und das Brennen waren für sie etwas Beruhigendes geworden.

Sie verzog kurz ihr Gesicht und spülte mit Rotwein nach, dann setzte sie sich mit angewinkelten Beinen auf die Couch. „Lass uns reden“, kam eine SMS von Tom. Sie schaute sie lange an, pah!, dachte sie wütend und legte das Handy weg. „Was war das heute?“, kam eine Nachricht von Chris, sie sah sie kurz an und ignorierte auch diese.

Ihr Kopf begann sich zu drehen, sie nahm die Weinflasche und trank nach. Dann zündete sie sich eine Zigarette an. Tief inhalierte sie den beruhigenden Rauch und blies ihn dann wieder aus.

Sie wollte in Urlaub gehen, da sie vom Jobcenter Geld bekam und dies nur für Alkohol und Zigaretten ausgab und gespart hatte. Essen tat sie kaum, und sie kaufte auch kaum etwas ein … Sophie hatte etwas Gespartes dabei. Sie konnte kurz nach Österreich fahren und dort in Innsbruck Zeit verbringen. Weg von alldem … weg von Tom!

Sie stand mit schwerem Kopf auf und lief in ihr Zimmer, krabbelte unters Bett, wo sie ihren Koffer hervorholte. Sie fing an, willkürlich Klamotten reinzuwerfen. Alles, was sie brauchte, einfach reingeschmissen. Als Letztes versteckte sie sorgfältig Alkohol, einen Zigarettenvorrat und Klingen darin. Dann machte sie ihn zu und setzte sich drauf. Sie nahm ihr Handy und googelte nach, wann der nächste Zug fuhr. Das wäre um sechzehn Uhr fünfzehn, in zwei Stunden.

Sie buchte das Ticket und lächelte zufrieden. Einfach weg für eine Weile. Einfach verschwunden.

Kapitel 3

Innsbruck (Österreich)

Sie saß in einer Bar allein an einem Tisch. Vor ihr ihr drittes Weinglas, in ihrer rechten Hand eine Zigarette. Sie beobachtete die Menschen, die sich hier tummelten. Sehr viele Rocker und Biker saßen hier rum und klönten. Ab und zu auch mischten sich „normale“ Menschen in die Menge, auch Geschäftsmänner verloren sich hier zeitweise, saßen in der hintersten Ecke mit ihren Akten und unterhielten sich.

---ENDE DER LESEPROBE---