Canadierpaddeln - Axel D. Kühn - E-Book

Canadierpaddeln E-Book

Axel D. Kühn

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Beschreibung

Canadierpaddeln - dabei denken viele an gemütliches Wanderpaddeln. Dafür ist ein Canadier auch ideal geeignet. Mit Canadiern kann aber auch im Wildwasser gepaddelt werden. Wie beides geht beschreibt das Buch von Axel Kühn. Weiterhin wird einiges über die Herkunft der Canadier, ihre vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten, die Materialvarianten und zu geeignetem Zubehör gesagt. Das Buch gibt auf 112 Textseiten und mit über 50 Fotografien und farbigen Abbildungen einen Überblick über grundlegende Paddeltechniken, einen kleinen Einblick in die Canadierszene und es benennt weiterführende Literatur. Wie jedes Buch über eine Sportart und deren Kultur ersetzt es natürlich nicht die eigene Betätigung und Erfahrung mit dem Boot. Aber das Buch erleichtert den Zugang zum Paddeln im Canadier und vermittelt Hintergrundkenntisse, die für die Beschäftigung mit dieser Bootsgattung von Nutzen sind. Der Autor paddelt seit Ende der neunziger Jahre Canadier. Er ist im Ausbildungsteam des Baden-Württembergischen Kanuverbands für die Trainerausbildung zuständig.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Canadierpaddeln

Canadierpaddeln

Axel D. Kühn

© 2012 Axel D. Kühn

Umschlaggestaltung, Illustration: Axel Kühn unter Verwendung eigener Fotografien und je eines Bildes von Wolfgang Hölbling und Klemens Domogalla Lektorat, Korrektorat: Gerhard Loch, Michael Böhme und Ruth Doersing

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

Dankeschön

Mein Dank richtet sich zunächst an all die, die mit mir paddeln waren – ob sie nun Stech- oder Doppelpaddel benutzt haben. Denn bei jeder Paddeltour kann man etwas hinzulernen und ich habe bestimmt von ihnen allen profitiert. So sehr, dass ich mir nun anmaße meine Kenntnisse einigermaßen strukturiert in diesem Text weiterzugeben.

Ein besonderer Dank richtet sich an die, die mir das Canadierpaddeln nahegebracht haben bzw. mir Kniffe gezeigt und mich auf Fehler aufmerksam gemacht haben.

Chronologisch geordnet waren das insbesondere: Michael Hampel, Rainer Wagelaar, Jörg Wagner, Armin Burzlauer, Heinz Götze, Claudius Loth, Klemens Domogalla, …

Denjenigen, denen ich meine Paddelkenntnisse vermitteln durfte bin ich ebenfalls sehr dankbar. Denn durch sie ist mir klarer geworden, worauf bei der Beschreibung von Techniken und Strategien zu achten ist damit diese erfasst und in das jeweilige Handlungsrepertoire übertragen werden können.

In Bezug auf diesen Text danke ich unter all meinen Mitpaddlerinnen und Mitpaddlern besonders denjenigen, aus deren Bildern ich einige für diese Publikation auswählen und verwenden durfte. Für ihre unverzichtbare Hilfe bei der Korrektur des Textes und für viele hilfreiche Anregungen bedanke ich mich bei Gerhard Loch, Michael Böhme und Ruth Doersing.

Tübingen im September 2012 Axel Kühn

Zu Bildern und Skizzen und zur Sprache

Die Bilder und Skizzen im Text stammen, wenn nicht anders gekennzeichnet, von mir. Von den Bildern auf dem Titel stammen eins von Wolfgang Hölbling und zwei von Klemens Domogalla.

Versuche, den Text geschlechtsneutral zu formulieren, sind kläglich gescheitert. Dort, wo die generisch männliche Form verwendet wird, sind natürlich auch Frauen gemeint.

Inhalt

Cover
Titel
Impressum
Danksagung
Canadierpaddeln lernen
1 Der Canadier
1.1 Etymologisches, Typologie, Nutzung und Risiken
1.1.1 Canadier – warum eigentlich mit „C“?
1.1.2 Was ist ein Canadier und was wird damit gemacht?
1.1.3 Paddelgewässer
1.1.4 Tatsächliche und vermeintliche Risiken des Canadierpaddelns
1.2 Unterschiedliche Bootstypen
1.2.1 Die Form
1.2.2 Das Material
1.3 Solo oder Tandem?
1.4 Der Kauf eines Bootes
1.5 Die Ausstattung eines Canadiers
1.5.1 Süllrand und Endkappen
1.5.2 „Duchten“
1.5.3 Sitze
1.5.4 Sicherheitsausstattung
1.6 Die Ausrüstung
1.6.1 Stechpaddel
1.6.2 Schwimmweste
1.6.3 Wurfsack
1.6.4 Helm
1.6.5 Kennzeichnung der Ausrüstung
1.6.6 Kleidung
1.6.7 Transportbehältnisse
2 Paddeltechniken
2.1 Grundlagen des Paddelns im Tandem-Canadier
2.1.1 Paddeltechniken im Bug
2.1.2 Paddeltechniken im Heck
2.1.3 Paddeltechniken in Bug und Heck
2.2 Solopaddeln im Canadier
2.3 Strategien in strömendem Wasser
2.3.1 Die Kehrwassereinfahrt
2.3.2 Die Kehrwasserausfahrt
2.3.3 Traversieren (Seilfähre)
3 Es geht auch ohne Paddel
3.1 Segeln
3.2 Poling und Snubbing
3.3 Treideln
3.4 Eisige Bedingungen und der Eispickel
4 Lagerung und Transport von Canadiern
4.1 Lagerung
4.2 Autotransport
4.3 Tragetechniken
4.4 Bootswagen
5 Umweltschutzaspekte
6 Campingreisen mit dem Canadier
7 Literatur
7.1 Canadierliteratur auf deutsch
7.2 Canadierliteratur in Originalsprache
Über den Autor:
Anmerkungen

Canadierpaddeln lernen

In diesem Buch geht es um Canadier und den Umgang mit diesen Booten. Das Buch richtet sich vordringlich an Menschen, die bislang ohne theoretischen Ballast einfach nur gepaddelt sind oder sich dieser Bootsgattung erst annähern wollen. Deshalb behandelt es die Grundlagen und erklärt so manches, was erfahrene und „geschulte“ Paddler zum Gähnen langweilig finden.

Ich bezeichne mich gerne als „langjähriger Anfänger“ im Paddeln und versuche damit eine Grundhaltung zu vermitteln die beinhaltet, dass jeder, der Boote paddelt, sich nie einbilden sollte, dass er ausgelernt hat. Der Umgang mit Canadiern und dem fließenden Wasser ist ein nicht enden wollender Lernprozess. Obwohl das Paddeln keine Geheimwissenschaft ist – man kommt eigentlich von Anfang an ohne große Einweisung damit zurecht – birgt die Beschäftigung mit dem Stechpaddeln immer wieder Aha-Erlebnisse und Möglichkeiten zur Fortentwicklung, die auch für erfahrene Paddler recht überraschend sein können.

Bei jeder Paddeltour kann man etwas dazulernen. Neues kann und muss manchmal ausprobiert werden und neue Anforderungen erfordern neue Handlungsabläufe, die – wenn sie gelingen – in das Repertoire des Paddlers einfließen. Und wer erst einmal herausforderndere Gewässer bewältigt, dem wird schnell bewusst, dass es noch spannendere und anspruchsvollere gibt, die noch nicht bewältigt wurden – vorausgesetzt, die Herausforderung wird angenommen. Es ist völlig legitim sie nicht anzunehmen und sich zeitweilig auf gewohnten Gewässern herumzutreiben und wohlzufühlen. Da Canadier aber auf Wasser unterwegs sind, sind sie nicht nur sinnbildlich einem gewissen „Sog“ ausgesetzt. Das gilt auch für die paddeltechnischen Herausforderungen, die sich den Paddlern stellen. Dieser Sog sorgt fast zwangsläufig dafür, dass gewohnte Gewässer und Schwierigkeitsgrade verlassen werden und unbekannte, womöglich schwierigere Abschnitte erreicht werden. Mit ihnen zurechtzukommen erfordert die Bereitschaft sich auf einen Lernprozess einzulassen.

Bild: Jochen Kühn

Paddelkurse beschleunigen den Lernprozess.

Wer sich mehr Zeit lassen will oder auf seine Begabung vertraut, kommt auch ohne Kurs zurecht.

Wer diesen Lernprozess etwas beschleunigen will, hat die Möglichkeit einen strukturierten Kurs zu belegen. Natürlich kann man sich völlig unbedarft in ein Boot setzen und jede Menge Spaß haben. Man kann die hier und anderswo beschriebenen Techniken ausprobieren und mit etwas Geschick richtig anspruchsvolle Manöver bewältigen. Die Anleitung eines erfahrenen Trainers, der im Moment des Paddelns korrigierend oder ergänzend eingreifen kann, beschleunigt jedoch spürbar den Lernprozess.

Im Kurs lassen sich die Anforderungen schrittweise steigern. Völlig selbstgesteuert sind diese Abstufungen nicht so fein dosierbar. Das, was man in einem Kurs lernt, erweitert den Handlungsspielraum zusätzlich und damit langfristig auch den Spaß am Paddeln.

Allerdings muss einschränkend angeführt werden, dass es brillante Paddler gibt, die nie im Leben einen Kurs besucht haben, sondern stets in Gruppen mit kompetenten Mitpaddlern unterwegs waren. Und es gibt auch solche, die völlig frustriert aus einem Kurs kamen, in dem konstant auf ihre Schwächen hingewiesen wurde.

Noch nachhaltiger als das Belegen von Kursen kann für den Lernfortschritt die aktive Mitgliedschaft in einem Paddelverein sein. Dort werden vereinsinterne Kurse angeboten und es werden Ausfahrten veranstaltet, in deren Rahmen manch hilfreicher Ratschlag und anschauliche Beispiele zur Weiterentwicklung der Paddeltechnik zu bekommen sind, und in denen das im Kurs erworbene Wissen angeleitet verfestigt wird.

Kanuklubs begünstigen bei uns häufig Kajaks. Eine Mitgliedschaft hat für Canadierpaddler trotzdem Vorteile und im Idealfall kann man dort mehr und besser als in gewerblichen Kursen lernen.

Dieser Aspekt des Übens, des Umsetzen des Erlernten und das wieder kehrende Feedback von erfahrenen Paddlern sind die unbestreitbaren Vorteile, die eine Vereinsmitgliedschaft mit sich bringt.

Die häufig geäußerte Ablehnung gegen Kanuklubs kann ich deshalb nicht nachvollziehen. Vielleicht habe ich mit meinem Klub einfach nur Glück gehabt. Eine Ursache der Ablehnung von Vereinen in der Canadierszene mag in der Konzentration der meisten Paddelvereine aufs Kajakpaddeln zu suchen sein. Eine andere könnte aber auch im Image des menschenscheuen Einzelgängers liegen, in das sich nicht wenige Canadierpaddler hineinsteigern.

1 Der Canadier

1.1 Etymologisches, Typologie, Nutzung und Risiken

In diesem Abschnitt soll erst einmal grundlegend geklärt werden, was dafür spricht diese Bootsgattung mit „C“ zu schreiben und welche Bandbreite von Canadiern es für welche Einsatzzwecke gibt. Schließlich werden die tatsächlichen und vermeintlichen Risiken des Paddelns im Canadier angesprochen.

1.1.1 Canadier – warum eigentlich mit „C“?

Es gibt viele Namen: Paddelboot, Canadier, Kanu, Kanadier...

Oft sind zunächst die gleichen Boote gemeint, die sich dann jedoch bei genauerem Hinsehen sehr unterscheiden.

Wenn von Canadiern mit „C“ die Rede ist, sind Boote gemeint. In der deutschen Sprache bezeichnet das Wort Kanadier mit „K“ Personen, die aus diesem nordamerikanischen Land kommen, aus dem nicht ganz zufällig die Bootsgattung, um die es hier geht, ebenfalls stammt. Im deutschsprachigen Raum hat sich der Begriff Kanu (abgleitet vom englischen Canoe) als Oberbegriff für Canadier und Kajaks eingebürgert. Die englischsprachigen Länder verwenden Canoe für Canadier und Kayak für Kajaks. Deshalb stehen die internationalen Kürzel C1 oder C2 für geschlossene Solo- und Tandemcanadier (mit kleiner Sitzluke) und OC1 und OC2 für die offenen Varianten (mit umlaufendem Süllrand), während K1 und K2 die Kürzel für Solo- und Tandemkajaks sind.

Etwas widerstrebend verwende ich deshalb stets das leicht verschrobene Kunstwort „Canadier“, weil „Kanadier“ falsch wäre und „Canoe“ mir doch ein wenig zu englischtümelnd vorkommt.

1.1.2 Was ist ein Canadier und was wird damit gemacht?

Bei Canadiern handelt es sich um über den größten Teil ihrer Länge hin offene Boote, die mit Stechpaddeln vorangetrieben werden. Damit unterscheiden sie sich von Kajaks 1 und Ruderskiffs 2. Aber die Übergänge sind fließend: Selbstverständlich kann man sich in ein Kajak setzen und es mit einem Stechpaddel durchs Wasser schieben, aber dadurch wird es nicht zum Canadier. Wäre ein Sattelsitz eingebaut, so dass es im Knien gepaddelt wird, würde es aber schon zum C1, also zum geschlossenen Canadier. Fast jeder Canadier ist mit etwas handwerklichem Geschick zu einem Ruderboot umzubauen. In ganz kleinen Solocanadiern, sogenannten Pack-Canoes, ist es üblich sich auf dem Bootsboden sitzend mit einem Doppelpaddel fortzubewegen.

Große Transportcanadier oder Canadier für Angler haben ein Spiegelheck, an das ein Außenbordmotor montiert werden kann. Aber es gibt auch seitliche Halterungen für Motoren (die bei unsachgemäßer Montage und Handhabung gerne mal zu Kenterungen führen). Diese Vielfalt zeigt schon, dass eine exakte Definition schwierig und wohl auch unnötig ist. Im Wesentlichen sollte trotzdem klar geworden sein, um welche Boote es hier geht. Offene Boote, die außer relativ kleinen Endkappen keine geschlossenen Decks besitzen und die – das mag manchen schon überraschen - in der Regel kniend (aber auch sitzend) vorwiegend mit Stechpaddeln fortbewegt werden.

Klassische Canadier üben auf viele Menschen schon deshalb eine große Faszination aus weil sie in der Literatur und in Filmen als Fortbewegungsmittel der nordamerikanischen Urbevölkerung ein wenig idyllisch verklärt dargestellt werden.

Tatsächlich waren die Flüsse in den unwegsamen Urwäldern Nordamerikas lange Zeit die einzigen Verbindungswege bevor der Raubbau an Wäldern und Rohstoffen einsetzte. Die leichten Boote, die auch mal über Landabschnitte übertragen werden mussten (Portagen), wurden von den eindringenden Pelzhändlern und auch von Siedlern übernommen. Sie wurden hauptsächlich für den Handel mit den Naturschätzen des nordamerikanischen Kontinents und damit einhergehend zu dessen Erschließung genutzt.

Als Freizeitboote dienen Canadier heute der Entspannung und der sportlichen Betätigung. Bezüglich der sportlichen Komponente dieser Freizeitbeschäftigung muss mit Bedauern festgestellt werden, dass der Kanusport hierzulande in gewisser Weise mit allerhand Motorsport verknüpft ist: in aufwändigen logistischen Manövern werden Autos versetzt, damit bei Flussfahrten am flussab gelegenen Ziel ein Vehikel für den Rücktransport bereitsteht. Im besten Fall werden noch Fahrräder am Paddelziel platziert oder eine der in Flusstälern häufig bestehenden Bahnstrecken genutzt.

Abschnitt des Neckars, der aufwärts befahren wurde: Paddelabschnitte, Poling- und Treidelpassagen sowie Umtragestrecken wurden unterschiedlich eingefärbt (erkennbar ist auch die Bahnstrecke im Flusstal).

Canadier waren ursprünglich unverzichtbare Fortbewegungs­mittel für die Befahrung von Seen und Flüssen – mit der Strömung und auch flussaufwärts!

In Zeiten, in denen mit Canadiern noch monatelange kontinentale Handelsreisen unternommen wurden, war es selbstverständlich, dass Flüsse mit diesen Booten in beide Richtungen befahren wurden. Dafür wurden Canadier schließlich konstruiert: ihre schlanke Form soll das Paddeln gegen die Strömung erleichtern und ihr geringes Gewicht soll das Umtragen (Portagieren) von Hindernissen oder stark strömenden Abschnitten (Stromschnellen, Wasserfälle) ermöglichen. Es ist offensichtlich, dass das Flussaufreisen erheblich langsamer und mühsamer vonstatten geht als die flotte Fahrt mit der Strömung. Aber gerade die Auseinandersetzung mit dem entgegenkommenden Wasser beinhaltet einen vielfach vernachlässigten Reiz und eine sportliche Herausforderung, der sich Canadierpaddler von Anfang an stellen sollten.

Gerade die olympische Bootsklasse „Canadier“ hat besonders wenig Ähnlichkeit zu ursprünglichen Canadiern.

Auf der vermeintlich „reinen“ Sportseite gibt es die olympische Bootsklasse Renncanadier, die allerdings wenig Ähnlichkeit mit klassischen Canadiern hat. Als tendenziell eher traditionell orientierter Canadierpaddler hätte ich keinerlei Skrupel, sie als extreme Abart aus dem Repertoire unterschiedlicher Canadierarten auszusortieren. Marathoncanadier ähneln schon deutlich mehr alltagstauglichen Reisebooten. Sie bilden als lange, schmale und flache Langstreckenboote das genaue Gegenteil zu den kurzen, rundlichen, aber immer noch offenen Wildwasserbooten. Die Wildwassercanadier finden ihre extremste Ausformung in den kajakartigen, flachen, geschlossenen Wildwassercanadiern, die ebenfalls bei den Olympischen Spielen zum Einsatz kommen. Merke: Reine Sportcanadier – insbesondere die der olympischen Klassifikation – haben nur noch wenig bis gar nichts mit ursprünglichen Canadiern gemein. Dabei sind es ausgerechnet diese extremen Varianten, die als Wettbewerbsboote in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit finden und denen von Seiten der Verbände im Rahmen der Sportförderung ein großer finanzieller Aufwand zuteil wird.

„Freestyle“-Paddeln ist die hohe Kunst der Bootsbeherrschung in „stehenden Wellen“ – oder auf „stehenden Gewässern“.

Eine Sonderform des Canadierpaddelns bildet das „ Freestyle -Paddeln“. Es gibt die Wildwasser-Stechpaddler, die -ähnlich wie Freestyle-Kajaker - rasante Manöver in heftigen Wellen und Walzen paddeln. Dann gibt es aber auch Flachwasser-Freestyle, das aus den USA kommt und sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Dabei werden - häufig zu Musik, quasi als „Kanu-Ballett“ - auf flachem Wasser standardisierte oder auch kreativ entwickelte Manöver und Figuren gefahren, die ein hohes Maß an Bootsbeherrschung und elaborierte Paddeltechnik voraussetzen. Ähnlich, aber doch anders, ist Canadian-Style. Diese Formen des Kanuballetts sind nett anzusehen und ihr verfallen immer mehr Paddler. Mich hat dieser Virus nie recht ergriffen – vielleicht weil ich nicht an einem See, sondern an einem Fluss wohne und Paddeln zu Musik leichtgradig dekadent finde. Aber auch (oder gerade) ohne die akustische Untermalung sind diese Freestyle-Manöver großartig anzusehen und ich ertappe mich gelegentlich dabei, wie ich versuche, das eine oder andere auf ruhigeren Flussabschnitten „nachzuturnen“.

1.1.3 Paddelgewässer

Obwohl unsere Fließgewässer fast ausnahmslos von industrieller Nutzung geprägt und die wenigen natürlichen Abschnitte zunehmend stärkeren Einschränkungen unterworfen sind (hierzu mehr in Kapitel 5), lassen sich gerade vom Canadier aus ganz eigene und sehr eindrückliche Naturerfahrungen machen. Die Perspektive von der Wasseroberfläche aus schränkt auf Flüssen zwar zunächst den Horizont ein, fokussiert damit aber die Wahrnehmung auf nahe, sonst leicht zu übersehende Phänomene am Ufer oder unter der Wasseroberfläche.

Die spirituelle Dimension des Canadierpaddelns soll jeder selbst entdecken.

Im Boot durch das Wasser gleiten (die Tatsache ignorierend, dass Canadier eigentlich zu den „Verdrängern“ zählen) vermittelt eine Erfahrung, deren spirituelle Dimension zu schildern ich dem geneigten Leser lieber ersparen will, weil ich Gefahr liefe, blubbernd in esoterischen Untiefen abzutauchen. Für mich und manchen anderen gibt es sie (auch wenn sie sich nicht recht in Worte fassen lässt). Besonders bemerkbar macht sie sich, wenn das Boot bestiegen und damit förmlich der Alltag verlassen wird. Wildwasserfahrten haben diesbezüglich eine ganz eigene Qualität: Die Bewegungen des Wassers zu nutzen, sich ihnen anzupassen und ihnen – mit der richtigen Technik – in angemessener Weise da, wo das nötig ist, etwas entgegenzusetzen, beinhaltet vielfältige überwiegend erfreuliche Lernerfahrungen. Manchmal muss man aber auch lernen, ein gewisses Maß an Frustration zu verkraften. Wenn es nicht gelingt, mit Strömungsverhältnissen zurechtzukommen, die andere Paddler scheinbar spielend bewältigen. Dann wird einem bewusst, dass man immer noch etwas hinzulernen kann und manchmal muss man sich auch die Erkenntnis vergegenwärtigen, dass es Talente gibt, die nicht jeder haben kann.