Canan und Franziska - Claudia Maria Korte - E-Book

Canan und Franziska E-Book

Claudia Maria Korte

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Beschreibung

Die sechzehnjährige Franziska bekommt im Deutschland der Achtziger Jahre eine neue Mitschülerin - Canan, ein Mädchen mit türkischen Wurzeln. Diese bereichert ihr Leben und bringt es im positiven Sinn auch ganz schön durcheinander. Die beiden erleben ein Stück deutscher Migrationsgeschichte am eigenen Leib und festigen ihre Freundschaft - über viele Jahre.

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Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Canan und Franziska

Titel Seite

Claudia Maria Korte

Canan und Franziska

Für alle meine geliebten Freundinnen und Freunde,
für meine geliebten Eltern
und für alle, denen grenzenlose Freundschaft wichtig ist.
Ein bisschen Vorwort
Ein bisschen Autobiographie,
ein bisschen Phantasie,
ein bisschen İstanbul, Türkei und Kultur,
ein bisschen deutsche Migrationsgeschichte,
ein bisschen Jugendbuch und ein bisschen Erwachsenenbuch -
und ganz viel Freundschaft!
Dieses Manuskript schlummerte fast 30 Jahre unvollendet in meinen Unterlagen und ist nun teilweise zu einem Zeitdokument geworden, mit dem man in ein Deutschland und eine Türkei in den Achtziger und Neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zurückreist – sowohl im migrationsbedingten Denken als auch in den Medien. Es soll ein Lächeln der Erinnerung auf die Lippen bei denen zaubern, die in diesen Zeiten gelebt und kommuniziert haben und einen Erkenntnisgewinn bei den Jüngeren bringen.
Der Zauber der Freundschaft ist hingegen zeitlos.

I

1983 - 1984 

„Frank Hermes?“ - „Ja.“

„Anja Hochmann?“ - „Hier.“

„Franziska Kögler?“ - „Ja, hier.“

„Stefan Maurer?“ - „...“ - „Der ist krank.“

„Ka...Ka...“ Die Französischlehrerin stockte. „Den Namen kann ich nicht aussprechen.“ Sie nahm einen zweiten Anlauf. „Ka...Kanan Ötzkan. Ist jemand, der diesen Namen hat, hier?“ - Alle schauten sich um. Keiner meldete sich.

Franziska grinste in sich hinein. So schwer schien doch der Name gar nicht zu sein. Auf jeden Fall verbarg sich ein türkischer Junge oder ein türkisches Mädchen dahinter, das hörte man dem Namen irgendwie an. Oder? Sie beugte sich zu Simone.

„Weißt du was über die oder den?“ „Ja, ich glaub', die ist bei Helmut in der Klasse. Herr Kriese hat gesagt, die kommt später, weil sie noch in der Türkei ist. Und er hat gleich die Jungen gewarnt, sich mit ihr näher zu unterhalten, es könnten ja ein Vater oder ein Bruder mit einem Messer auftauchen!“, flüsterte Simone.

Franziska tippte sich mit dem Finger an die Stirn. „Das ist doch wieder typisch Kriese! Der hat wirklich einen Totalschaden.“

Simone zuckte mit den Schultern. „Was weiß ich, wie die türkischen Männer sind?“, sagte sie.

„Ach Simone“, fauchte Franziska. „Ich kenne auch keine persönlich, aber wenn die schon zum Gymnasium gehen darf, werden ihre männlichen Verwandten wohl nicht gleich auf alle Jungen hier einstechen!“ Franziska zog es vor, das Gespräch mit Simone zu beenden, bevor sie sich noch mehr aufregte. Simone war manchmal so ungeheuer hausbacken und hinterwäldlerisch, dass sie mit ihren noch so guten Argumentationen nichts ausrichten konnte. Zudem war die Französischlehrerin inzwischen schon bei der ersten Lektion angelangt, und es war vielleicht besser, wieder aufzupassen. Schließlich war der erste Eindruck, den man bei den Lehrkräften hinterließ, der bleibende. Außerdem war Franziska froh, endlich in der elften Jahrgangsstufe Französisch zu bekommen.

Dennoch ging ihr diese Kanan, oder wie sie hieß, in den nächsten Minuten noch im Kopf herum. Eine Türkin auf dem Gymnasium. Das war noch nie da - sie erinnerte sich nur an Ali, der im letzten Jahr sein Abitur gemacht hatte. Seine Eltern waren vor ein paar Jahren in die Türkei zurückgekehrt, und er hatte sich geweigert. Eine deutsche alte Frau hatte ihn bei sich aufgenommen. Jetzt hatte er sein Abitur und studierte irgendetwas mit Chemie - in Deutschland natürlich.

„Warum er wohl hier bleiben wollte?“ fragte Franziska sich.

Vielleicht waren seine Eltern in ein Dorf zurückgekehrt. Ali konnte sich bestimmt nicht denken, in einem Dorf in der Türkei zu leben. Vielleicht hatte er auch sein Türkisch verlernt und traute sich nicht, für immer zurückzugehen, weil er Angst hatte, dass die anderen ihn auslachen würden, weil er seine Muttersprache nicht mehr sprechen konnte.

Schade. Sie hätte sich mal mit Ali unterhalten sollen. Jetzt war es zu spät. Es mussten schon wichtige Gründe sein, die ihn in dieser langweiligen Provinzstadt hielten. Auf jeden Fall machte er auf dem Schulhof einen sehr ausgeglichenen, zufriedenen Eindruck, viel mehr noch als seine Mitschüler. Das mochte daher kommen, dass er sich in seinem Leben bereits bewusst für etwas sehr Wichtiges entschieden hatte, über das die anderen nie nachgedacht hatten, weil sie nie in der Situation waren.

„Nee, Barbara, ich hab' keine Karten dabei, tut mir leid, wir können nicht Skat spielen.“, sagte Franziska gerade, als ihr Blick nach hinten in den Klassenraum schweifte.

Da stand sie. Es waren schon zwei Wochen seit der ersten Französischstunde vergangen, und Franziska hatte in der Zeit so viele andere Dinge im Kopf gehabt, dass sie die Türkin völlig vergessen hatte.

Sie stand einfach da, und Franziska konnte sie nur anschauen.

Sie hätte alles erwartet, aber so ein Mädchen nicht. Über ein Mädchen mit Kopftuch hätte sie sich zwar aufgeregt, aber es hätte noch eher in ihr Schema „türkisches Mädchen“ gepasst als dieses Mädchen. Sie hatte pechschwarze, schulterlange Haare und war bekleidet mit einer schicken, dunkelblauen Lederjacke, einer weißen Bluse und - einem Minirock! Der und die dunkelblauen, halbhohen Pumps waren für Franziska das Auffallendste. Auf dem Gymnasium lief keine mit Pumps herum. Aber ihr stand das, sie sah wirklich hundertprozentig aus mit ihren Büchern, die sie wie einen Schutzschild vor die Brust hielt. Wahrscheinlich hätte sie auch hundertprozentig ausgesehen in einem Müllsack, denn sie sah sehr gut aus. Franziska konnte gar nicht den Blick von ihr wenden. Sie wirkte so selbstbewusst und souverän, wie sie es von keiner ihrer Klassenkameradinnen und Freundinnen kannte. Aus ihren braunen großen Augen ließ sie einen kühlen, fast herablassenden Blick über den Französischkurs los und setzte sich schließlich ganz nach hinten auf den freien Platz, ausgerechnet neben Frank, diesen Penner. Franziska beschloss sofort im Stillen, dass sie neben dem nicht sitzen bleiben durfte. Gleichzeitig beschloss sie, dass sie dieses Mädchen kennen lernen müsse.

Auch die anderen hatten sie inzwischen entdeckt und warfen Blicke, flüsterten. Falls „das Mädchen“ (Franziska hatte natürlich ihren Namen vergessen...) überhaupt etwas von den Blicken und den Worten, die ihr galten, registrierte, merkte man ihr das jedenfalls nicht an - sie schaute ins Leere, was auch nicht lange dauerte, da die Französischlehrerin den Raum betrat.

Franziska mochte Frau Hein sehr gerne; sie entsprach ihrer Vorstellung, wie eine Lehrerin zu sein hatte: nicht streng und gerade dadurch eine Autorität. Außerdem war sie sehr freundlich und lieb. Sie gab sich viel Mühe mit ihren Schülern, die fast ständig über die französische Aussprache stolperten. Inmitten des Chaos von herumstehenden, redenden und sich langsam zum Platz begebenden Schülern entdeckte Frau Hein ihre neue Schülerin erst, als sie sich ihren Weg nach vorne gebahnt hatte.

„Oh“, sagte sie und lächelte. „Jetzt sind Sie also doch noch gekommen. Herzlich willkommen! Können Sie mir bitte noch mal Ihren Namen sagen, ich hatte schon auf der Liste Schwierigkeiten, ihn zu lesen.“

„Ja klar.“, sagte das Mädchen. „Ich heiße Canan Özcan, und ich war noch mit meiner Familie in der Türkei, deswegen bin ich so spät gekommen.“

Also nicht Kanan Ötzkan, sondern Dschanan Ösdschan, dachte Franziska. Das 'c' wird anscheinend weich gesprochen im Türkischen. Dschanan hört sich auch viel besser an als Kanan. Das ist viel zu hart. Mit Dschanan kann man so richtig spielen. Der Name rollt im Mund hin und her wie eine weiche Kugel, über die man sich freut, weil sie so rund und weich ist. Canan, Caaanaaan. Den Namen würde sie bestimmt nicht mehr vergessen.

„Sie haben noch nicht viel verpasst.“, sagte Frau Hein gerade. „Fangen Sie ganz neu mit Französisch an?“ „Nein, ich habe schon auf der Realschule Französisch gehabt.“, antwortete Canan.

„Na, dann werden Sie sich in den ersten Monaten bestimmt langweilen.“, lächelte Frau Hein. „Och, das macht nichts, ich kann ja alles noch mal auffrischen.“, sagte Canan und lächelte auch.

Na phantastisch, dachte Franziska. Wenn die nicht wie geschaffen ist für mich. Sie langweilte sich nämlich auch schon, weil sie einige Brocken Französisch durch den Urlaub konnte und auch die Aussprache, die für die anderen das größte Hindernis zu sein schien, bereitete ihr keine Schwierigkeiten. Frau Hein würde bestimmt nicht schimpfen, wenn Canan und sie in Zukunft nicht ganz aufmerksam sein würden.

Simone flüsterte: „Die scheint ja ganz nett zu sein!“ Franziska nickte und fragte gleich darauf Barbara, die auf der anderen Seite saß: „Hast du was dagegen, einen Platz aufzurücken, damit Canan hier sitzen kann? Wir können sie doch nicht neben Frank sitzen lassen, da geht sie ja ein!“ „Klar, ich rücke auf.“, sagte Barbara. „Ab nächster Stunde!“

Franziska war etwas nervös. Canan war ihr am Ende der letzten Stunde entwischt; sie war ganz schnell aus dem Raum geflitzt, bevor Franziska sich überhaupt erheben konnte. Wahrscheinlich hatte es ihr nicht so sonderlich gefallen oder sie wollte in Ruhe den nächsten Raum suchen. Als Neuling konnte man sich an dieser Schule erstklassig verlaufen. Canan schien auch nicht der Typ zu sein, um jemanden zu fragen. Sie schien sich lieber selbst durchboxen zu wollen.

Gerade deshalb war Franziska jetzt kribbelig. Sie spürte geradezu schon, wie Canan sie mit ihren arroganten Blicken durchbohren würde. Aber vielleicht täuschte der erste Eindruck ja auch?

Ach egal, einfach los!

„Hallo, ich bin Franziska!“ Franziska lächelte und streckte Canan ihre Hand hin. Die ergriff sie und lächelte auch.

„Also, diese Schule kann einen ganz schön nerven, wenn man neu ist, hab' ich recht? Hast du nicht Lust, dich zu uns nach vorne zu setzen? Hier so alleine neben Frank ist es doch tödlich langweilig. Wir haben vorne immer Spaß. Kommst du gleich mit? Barbara ist schon einen Platz weitergerückt. Du sitzt dann zwischen uns.“

Uff, es war heraus. Franziska war mal wieder ihrer Gewohnheit verfallen, in aufregenden Situationen wie ein Wasserfall zu reden, ohne dem Gegenüber auch nur die Spur einer Chance zu lassen, zu antworten. Sie schaute Canan freundlich, aber etwas verlegen in die Augen. Die war schon dabei, ihre Sachen zusammenzupacken.

„Ja gerne, dankeschön!“, sagte sie.

In der Stunde konnte sich Franziska überhaupt nicht auf Französisch konzentrieren. Sie kramte einen Zettel hervor, schrieb„Wo wohnst du?“ und schob ihn zu Canan. „In Hensheim“ lautete die Antwort. Franziska stutzte. Hensheim war 20 Kilometer von Warthaus entfernt und in der näheren Umgebung von Hensheim gab es drei Gymnasien. „Warum gehst du denn in Warthaus zur Schule?“, schrieb sie. „Ich weiß auch nicht genau. Alle anderen gingen zu den anderen Gymnasien, ich hatte Lust, eine Ausnahme zu sein.“, antwortete Canan.

Franziska grinste. Musste ein verrücktes Huhn sein, diese Canan. Zehn Kilometer mehr Wegstrecke, um eine Ausnahme zu sein. Allein das machte sie schon zu einer Ausnahme. Sie selbst wäre auf so eine Idee nie gekommen, dazu war sie in Sachen Schule viel zu faul.

„Und wo wohnt ihr in der Türkei?“, schrieb sie weiter. „In İstanbul“ kam als Antwort. Franziska schaute Canan an, sperrte die Augen auf und nickte anerkennend mit dem Kopf. „İstanbul ist bestimmt toll, nicht?“, fragte sie. „Für mich ist es die schönste Stadt der Welt!“, flüsterte Canan zurück.

Der Unterricht floss an den beiden vorbei wie ein langweiliger Film. Ab und zu beteiligten sie sich, ansonsten kommunizierten sie mündlich oder schriftlich oder hingen ihren Gedanken nach. Franziska konnte ihre Neugier kaum bezähmen und fragte Canan geradezu systematisch aus, die auch bereitwillig Auskunft gab.

Am Ende der Stunde hatte sie herausgefunden, dass Canan seit dreizehn Jahren in Deutschland lebte, zusammen mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder. Zuhause sprächen sie ausschließlich Türkisch, ihre Eltern könnten nur gebrochen Deutsch. Sie arbeiteten beide in Fabriken. Ihr Bruder Gökmen war in Deutschland geboren und ging in die dritte Klasse. Sie selbst war auf der Realschule gewesen, und weil sie die Beste in der Klasse war (das passt zu ihr, dachte Franziska) empfahlen ihr die Lehrer, das Gymnasium zu besuchen.

Franziska war begeistert von Canan. Sie war etwas so völlig Neues in dieser öden Schullandschaft, dass die Französischstunden wie im Fluge vergehen würden.

Wenn sie etwas erzählte, war sie auf einmal ganz anders. Ihre Augen fingen an zu sprechen, sie erzählte, gestikulierte, lachte und schien sich ganz auf Franziska zu konzentrieren. Die arrogante, abweisende Canan gab es in solchen Momenten nicht mehr. Schade, dass sie nur Französisch zusammen hatten. Franziska hätte sich gerne auch die anderen Schulstunden hindurch mit Canan unterhalten. Auf dem Schulhof war sie immer mit der strebsamen Antje aus ihrer Klasse zusammen. Die mochte Franziska nun gar nicht. Aber sie traute sich auch nicht, Canan nach ihrer Beziehung zu Antje zu fragen, denn Freundschaft war für sie etwas, nach dem man nicht fragen muss. Außerdem hatte sie mit ihren Freundinnen in der Pause auch genug zu tun.

„Ich komme mit Englisch überhaupt nicht klar.“, sagte Canan zu Franziska. Sie standen auf dem leeren Schulhof, hatten sich nach Französisch verquatscht.

„Kriese ist einfach widerlich. Er denkt immer nur an das eine: an Sex. Er guckt mich und einige andere Mädchen mit einem Blick an, den kann ich dir gar nicht beschreiben. Ständig lässt er irgendwelche komischen Nebenbemerkungen auf mich los, als ob ich ein exotisches Tier wäre. Wenn wenigstens mein Englisch besser wäre. Dann könnte ich mich mit meinem Wissen wehren. So sind meine Lücken immer noch mehr Anlass für ihn, mich für seine blöden Scherzchen aus der Masse rauszupicken.“

Franziska kochte während Canans Worten innerlich. Kriese war nicht nur als schlechter Lehrer, sondern auch als einer, der gutaussehende Mädchen mit Spagettiträgern bevorzugt, bekannt. Es war völlig klar, warum er Canan im Visier hatte. Aber was sie noch mehr als seine Verklemmtheit (denn was war es schon anderes?) aufregte, war die Tatsache, dass er sich anscheinend an der Türkin Canan hochzog. Was hatte der Mann nur für eine Vorstellung von einem türkischen Mädchen? Seine Äußerung, bevor Canan kam, bewies, dass er sie jetzt provozieren wollte, vielleicht ausprobieren, wie weit er mit seinen „Scherzchen“ bei einer Türkin gehen konnte.

„Weißt du, was Kriese den Jungen gesagt hat, als du noch nicht da warst?“, fragte sie Canan.

„Das haben mir die anderen schon nach ein paar Tagen gesagt. Wir haben uns zusammen kaputtgelacht. Der Mann hat wirklich einen Schaden. Die Frage ist nur, wie ich mit diesem Schaden umgehe, wenn ich kein Englisch kann? Antje ist mir da auch überhaupt keine Hilfe. Sie kann Englisch, aber glaub' ja nicht, dass sie mir auch nur einmal hilft, vorsagt oder etwas kontrolliert. Sie ist nur auf ihrem eigenen Vorteil im Unterricht bedacht. Ich bin für sie bloß eine Hilfe in den Pausen, weil sie sonst keine Freundin hat. Aber selbst mal etwas zu geben, daran denkt sie nicht.“

Franziska reagierte sofort. „Hör mal, das ist doch keine Schwierigkeit! Ich bin in Englisch gut und will auch Leistungskurs nehmen. Wir haben doch beide am Dienstag in der fünften Stunde eine Freistunde. Wenn du willst, können wir da richtig systematisch üben, Grammatik wiederholen und so. Und wenn du zwischendurch Fragen hast, kannst du jederzeit zu mir kommen. Kriese und Antje werden sich noch umgucken!“

Canan schaute Franziska an: „Würdest du das wirklich machen?“

„Klar! Und es würde mir sogar riesigen Spaß machen. Außerdem lerne ich doch auch was bei der Sache.“, versicherte Franziska.

„Aber dann nicht ohne Bezahlung! Meine Eltern wollen dir bestimmt Geld dafür geben.“

Franziska war entsetzt. „Kommt überhaupt nicht in Frage. Wenn du mir Geld gibst, rühre ich keinen Finger.“

„Wenn du das Geld nicht annimmst, nehme ich keine Nachhilfestunden!“ erwiderte Canan prompt mit einer Stimme, die keinen, aber auch absolut keinen Widerspruch duldete.

Franziska fühlte, wie sie ihre Wut bezähmen musste. Sie war selten genug bereit, etwas ohne Bezahlung zu tun, aber in dem Fall war es für sie keine Frage. Sie wollte Canan helfen und zwar aus sich heraus. Das Geldangebot war für sie fast eine Beleidigung. Sie wollte ihr helfen, wie man einer Freundin hilft.

Einer Freundin? Passte dieser Begriff auf Canan?

Darüber konnte sie jetzt nicht reflektieren, sie musste reagieren und nannte einen einfach lächerlichen Preis. „Ok. Aber wenn du mir mehr als drei Mark pro Stunde bezahlst, kannst du die Sache vergessen!“

Canan grinste, etwas gezwungen zwar, aber sagte: „Na gut. Wir könnten eigentlich gleich morgen anfangen, weil wir übermorgen eine Englischarbeit schreiben, und ich hab' so viele Fragen!“

Das ist ja fast nicht zu schaffen, dachte Franziska, meine Güte, wie soll ich ihr denn einen Tag vor der Arbeit noch -zig Sachen beantworten und erklären. Und das noch in einer Stunde - halt, morgen war ja Donnerstag, sie hatten gar keine Freistunde. Also gab es nur eine Möglichkeit: „So direkt vor der Arbeit ist es besser, einen ganzen Nachmittag zu üben. Weißt du was, du kommst einfach morgen zu uns nach Hause, isst bei uns zu Mittag und danach üben wir. Du kannst dann am Abend nach Hensheim fahren. Ich glaube, das ist das Beste.“

Canan schaute sie etwas zweifelnd an. „Zu euch nach Hause?“, fragte sie.

Franziska nickte heftig und lächelte. „Warum nicht?“, fragte sie.

„Da muss ich erst mal meine Eltern fragen. Ich sag's dir morgen in der Schule, wir haben kein Telefon. Ach, und übrigens, es ist mir etwas peinlich, aber ich esse kein Schweinefleisch...“, sagte Canan etwas zögernd.

Franziska lachte: „Das ist überhaupt kein Problem. Wir auch nur ganz selten. Ich sage meiner Mutter, dass du morgen bei uns isst, und sie kocht garantiert etwas ohne Schweinefleisch, und wenn du nicht kommen solltest, macht das auch nichts. Übrigens weiß ich, dass Moslems kein Schweinefleisch essen, du hättest also so oder so keins bekommen bei uns.“

Sichtlich erleichtert sagte Canan: „Dann ist es ja gut. Viele Deutsche, mit denen ich zu tun hatte, wissen das nicht oder vergessen es. Bei meiner Freundin habe ich auch nie gegessen, die Mutter hat es immer vergessen. Aber mal was Anderes: Glaubst du, dass ich das deinen Eltern zumuten kann?“

Franziska war irritiert. „Wie? Was zumuten? Dass du morgen zum Essen mitkommst oder was? Das ist doch etwas völlig Normales! Ein Teller mehr auf dem Tisch. Meine Eltern freuen sich bestimmt, dich kennen zu lernen. Sie sind total unkompliziert. Zumuten... also nee...“. Sie war direkt empört.

„Ja...naja...“. Canan war etwas verlegen. „Türken sind da manchmal etwas kompliziert und ich besonders. Aber wenn du das so sagst - ich glaube schon, dass ich morgen komme.“

„Toll!“, sagte Franziska spontan. „Ich würde mich jedenfalls riesig freuen.“

Franziska kannte sich selbst kaum wieder. Sie freute sich tatsächlich unbändig darauf, dass Canan morgen ihr Zuhause sehen würde.

Was war Canan eigentlich für sie?

Den ganzen Nachmittag, während sie ihr Zimmer auf Hochglanz polierte, dachte sie darüber nach. War sie eine Mitschülerin? Oder schon eine Freundin? Wenn sie überlegte, wie viel Zeit sie mit ihren Freundinnen verbrachte und wie viel mit Canan, war die Frage eigentlich leicht zu beantworten. Schließlich sahen sie sich eigentlich nur zweimal in der Woche in den Französischstunden. Von Canans Leben kannte sie nur wenig - eigentlich gar nichts. Und doch war an Canan vieles, das sie bei keiner ihrer Freundinnen fand. Mit dem wenigen, was Canan sagte, fühlte Franziska sich völlig verbunden. Canan war ihr so vertraut; manchmal schien es ihr, als ob sie in einen „Seelenspiegel“ schauen würde. Antworten, die Canan gab und Vorlieben, die sie hatte - es hätten Franziskas Antworten und Vorlieben sein können. Auch Canan schien es so zu gehen. Manchmal waren sie völlig erstaunt über ihre Parallelen und Übereinstimmungen. Wie oft hatte sie schon einen verblüfften Blick von Canan aufgefangen, die dazu „Genau das wollte ich auch gerade sagen“ oder „Das gleiche Buch finde ich auch toll“ oder Ähnliches sagte.

Manchmal wurde es Franziska direkt unheimlich. Konnte es derartig viele Übereinstimmungen geben? Wer war Canan nur? Sie war auf jeden Fall etwas ganz Besonderes für Franziska. Dass sie Türkin war, spielte dabei überhaupt keine Rolle, es machte die ganze Sache eher noch unheimlicher.

Schön unheimlich oder unheimlich schön?

Eigentlich eher das zweite. Je länger Franziska in ihrem Zimmer herumwühlte, umso mehr freute sie sich auf Canans Besuch. Die Englischnachhilfe war ein bisschen Mittel zum Zweck, musste sie sich eingestehen. Sie wollte Canan einfach näher kennenlernen und mehr Zeit mit ihr verbringen als nur zwei Französischstunden und ab und zu ein Minütchen auf dem Schulhof. Ob sie nun Englisch machten oder irgendetwas anderes war im Prinzip egal. Wichtig war nur die Zeit, die sie zusammen waren.

Canan kam in der großen Pause auf Franziska zu. „Ich komme heute.“, sagte sie. Obwohl sie das schon geahnt hatte, freute sich Franziska riesig und teilte dies auch Canan mit.