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Mit der Diagnose Krebs bleibt die Welt von Betroffenen und ihren Familien und Freunden auf einen Schlag stehen und dreht sich anschließend anders weiter. Plötzlich steht man vor einem unüberschaubaren Berg an Fragen, beängstigenden Arztbesuchen sowie Behandlungen und einer unsicheren Zukunft. Sarah Blumenfeld ist Cancer Coach und nimmt sich genau diesen Problemen an. Als einst selbst Betroffene weiß sie, wovon sie spricht. Nach jahrelangem Kampf gegen einen aggressiven metastasierenden Brustkrebs, der sie dreimal heimsuchte, hat sie es sich zum Ziel gemacht, dem Krebs anders zu begegnen. In ihrem Buch "Cancer Coaching" beschreibt sie nicht nur ihren erfolgreichen Kampf gegen die Krankheit, sondern teilt auch, was ihr geholfen hat, und unterstützt Betroffene in einer Zeit der Überforderung und Fremdbestimmung durch eine tödliche Krankheit, zu selbstbestimmten und stabilen Patienten zu werden.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2023
FREEFALL
CANCER COACHING: KOMMUNIKATION
GESPRÄCH MIT PROF. DR. DIRK JÄGER
CANCER COACHING: DIAGNOSTIK
GESPRÄCH MIT PROF. DR. ANDREAS SCHNEEWEISS
TIME LIMIT
CANCER COACHING: MENTALES
GESPRÄCH MIT FRAU DR. EVA GASSMANN UND HERRN DR. CHRISTOPH GASSMANN
TURNAROUND
CANCER COACHING: SPORT
GESPRÄCH MIT PROF. DR. JOACHIM WISKEMANN
NACHKLANG
DANK
ÜBER DIE AUTORIN
PERSÖNLICHE STIMMEN
Ich widme dieses Buch allen Frauen und Männern, die dem Kampf gegen den Krebs anders begegnen wollen. Die, so wünsche ich es mir, Hoffnung, Mut und Verantwortung wirklich fühlen möchten. Die an sich und ihren Körper glauben, dieses Vertrauen aufbauen und halten möchten. Die den unbändigen Willen haben, Klärung in ihrem Leben herbeizuführen und der Realität ins Gesicht sehen möchten. Die den Mut aufbringen, ehrlich sich selbst gegenüberzutreten und eventuelle Veränderungen dabei nicht als Hindernis ansehen. Vielleicht ist das der Schlüssel zu einem Heilungsweg, aber vielleicht ist es auch ein Klären mit seinem Selbst, egal, wo es endet. Es gibt nichts Schöneres, als mit sich selbst im Reinen zu sein und Authentizität zu leben.
Ich widme dieses Buch allen Frauen und Männern, die vielleicht nicht die Kraft haben, hoffnungsvoll zu sein, und wünsche mir, dass sie andere, eigene Wege finden oder entwickeln mögen, um sich selbst näherzukommen.
Ich danke allen Menschen, die in mein Leben getreten sind, sowohl den positiven als auch den negativen Begegnungen. Jede einzelne hat mich auf meinem Weg weitergebracht – manchmal habe ich es nur nicht gleich erkannt. Manches hat Jahre gedauert. So dramatisch mein Leben mit dieser Krankheit war, ich wäre heute nicht diese authentische Frau, die ich bin.
Ich bin dankbar für alles, was mich bis hierher geführt hat und mir hilft, mich weiterzuentwickeln.
Ich hoffe, dass Sie meine Geschichte ebenso berührt, wie sie mich und meine Seele noch immer berührt und mein Leben verändert hat.
Ihre Sarah Blumenfeld
Mein anderes Leben. Es beginnt an einem Donnerstagvormittag im Oktober 2004 vor dem Schreibtisch meines Gynäkologen im Brustzentrum in Aurich. Ich bin in diesem Jahr 29 geworden und habe drei Monate zuvor meinen zweiten Sohn geboren. An diesem Tag habe ich nicht die leiseste Ahnung davon, wie sich mein Leben verändern wird …
Ich erinnere mich an einen sonnigen Tag auf unserer Terrasse, einige wenige Wochen nach der Geburt meines Sohnes. Mein frischgeborenes Baby, schlafend neben mir im Kinderwagen und mein älterer, erstgeborener Sohn friedlich spielend mit Eimer, Wasser und Schaufel im Sandkasten. Ich erinnere mich an sein Lächeln, seine zufriedenen Blicke und an den friedvollen, ruhigen Schlaf meines Babys … und so entsteht ein unvergesslicher Augenblick: Glück und Stolz erfüllen mich. Niemals hätte ich zu diesem Zeitpunkt an eine bedrohliche Krankheit gedacht oder dass sich etwas an meinem Glück hätte ändern können, obwohl die Geburt meines zweiten Sohnes anstrengend und nicht unproblematisch war. Jetzt gerade ist alles vollkommen. Vielleicht sogar zum allerersten Mal in meinem Leben.
Viele Wochen später fühle ich mich immer noch sehr schwach, was ich auf den hohen Blutverlust bei der Geburt zurückführe. Ich kann meinen Sohn auch nicht problemlos stillen, es funktioniert nicht immer, und er verträgt die Milch nicht … Und so wird das Stillen mehr und mehr zur Qual für uns beide. Retrospektiv ist das mein Glück. Hätte mein Baby das Stillen angenommen und ich ihn sieben Monate lang gestillt wie mein erstes Kind, wäre für mich wohl alles zu spät gewesen. Aber so ist mein Sohn zu meinem Hero geworden.
Ich werde aufmerksam, nachdem sich meine vermuteten Milchstaus beim Stillen nicht mehr zurückgebildet haben. Nach etlichen erfolglosen Trinkversuchen meines Kindes, die von der Hebamme begleitet werden, um die Milchstaus aufzulösen, zwingt mich die Situation, das Stillen zu beenden. Eigentlich. Denn ich weigere mich noch einige Zeit lang. Schließlich soll mein zweites Kind die gleiche gute Versorgung erhalten wie sein Bruder. Meine Hebamme geht zunächst von einem eingekapselten Milchstau aus, den sie unbedingt beobachten will, und versucht, mich zu beruhigen. Als ich nach einigen Wochen jedoch Blut in meinem BH entdecke, ahne ich nichts Gutes. Die Schauer, die durch meinen Körper jagen, versuche ich zu kontrollieren. Man muss ja nicht immer gleich mit dem Schlimmsten rechnen. Ich suche meinen Gynäkologen auf und er schickt einen Abstrich des blutigen Sekrets aus meiner Muttermilch ins Labor. Natürlich rede ich mir alles irgendwie schön und gehe davon aus, dass es eine harmlose Erklärung dafür gibt. Auch wenn es sich nicht harmlos anfühlt. Irgendwie spüre ich, dass etwas Größeres dahintersteckt, aber an Krebs, nein, so weit habe ich damals nicht gedacht. Ich schiebe die bösen Gedanken weg, beruhige mich und versuche, realistisch zu bleiben. Wer denkt denn in meinem Alter schon an Krebs? Fürchterlicher Gedanke, völlig surreal. Warum male ich bloß immer den Teufel an die Wand?
Nach 14 Tagen habe ich immer noch nichts von meinen Untersuchungsergebnissen gehört. Ich rufe also in der Praxis an und frage nach. Mein Arzt befindet sich wegen einer Erkältung nicht an seinem Arbeitsplatz, deshalb will ich, dass die Laborergebnisse dem Praxiskollegen vorgelegt werden. Was auch geschieht – er bestellt mich sofort für eine Ultraschalluntersuchung ein. Der Gesichtsausdruck und das Verhalten des Arztes während der Ultraschalluntersuchung beunruhigen mich, er murmelt etwas von »unklarem Befund«. Mein Eindruck bestätigt sich, als er mich weiter zum Radiologen verweist, um eine Mammographie durchführen zu lassen: Er scheint besorgt zu sein. Ich solle gleich weiter zum Radiologen, er wird dort alles vorbereiten lassen. Ich werde immer unruhiger, versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen. Was geschieht hier gerade?! Als ich dann in der radiologischen Praxis ankomme, werde ich gleich in den Untersuchungsraum geführt. Der Radiologe ist freundlich und mitfühlend, was ich eigentlich nicht gewöhnt bin. Er erklärt mir, welche Untersuchung er jetzt bei mir durchführen wird und dass es etwas schmerzen kann, er aber vorsichtig sein wird. Oh Mann, ich kann nicht glauben, was gerade mit mir passiert. Was ist plötzlich in meinem Leben los, und warum geht das alles so schnell? Der Radiologe kommt mit einem Tablett und einer Infusion zu mir zurück. Er führt nun eine hauchdünne Nadel durch die Brustwarze der rechten Brust direkt in einen meiner Milchgänge und ja, es tut höllisch weh, aber ich darf mich nicht bewegen, habe jedoch das Gefühl, dass diese Art von Gewalt, die mein Körper gerade erfährt, nicht zu ertragen ist. Die Tränen laufen mir stumm über das Gesicht. Der Radiologe bemerkt es und meint, dass es gleich vorbei ist, die Nadel liege gut. Nun muss nur noch das Kontrastmittel einlaufen und die Mammographie gemacht werden. Dann ist es geschafft. Es wird schon alles gut werden …
Gleich danach stehe ich mit einem Nachziehen in meiner Brust und dem Radiologen vor der eben gemachten Mammographieaufnahme im Flur und blicke mit ihm auf das Mediskop, an dem die Aufnahme hängt. Rechts und links vom Gang gehen die Untersuchungsräume ab. Personal läuft an uns vorbei und in mir dreht sich alles. Er erklärt mir, dass viele Anhäufungen und punktuelle Verkalkungen in der Brust zu sehen sind, dass das Kontrastmittel sehr gut aufgesaugt wurde und dies Hinweise auf einen Tumor sein können. Er rät mir, schnellstmöglich einen Termin im Brustzentrum zu vereinbaren. Es bleibt also weiterhin bei einem unklaren Befund. Ich versuche, noch immer ruhig zu sein und rede mir ein, dass es dafür schon eine andere Erklärung gibt. Nun stehe ich da. Alleine. Hätte ich das gewusst, hätte ich mir wohl eine Begleitung mitgenommen – aber wen? Mein Mann hätte arbeiten müssen und meine Mutter hätte ich nicht beunruhigen wollen.
Ab da an war meine Rolle als junge Mutter in einen Wattebausch gelegt. Verlegt in die Zukunft, zu den hellen Tagen. Ich wende mich meinen kleinen Söhnen zu, bin aber nicht mehr frei von Sorgen. Es bleibt eine allgegenwärtige Spannung. Ich versuche, sie aus unserem Leben zu drängen und den Alltag – falls man überhaupt von Alltag sprechen kann, wenn gerade ein Baby geboren wurde – so gut es ging beizubehalten.
Im Anschluss an die Mammographie mache ich sofort einen Termin im Brustzentrum aus, das sich im Kreiskrankenhaus Aurich befindet. Dort werden schließlich meine Untersuchungsergebnisse beurteilt und man kommt zu dem Entschluss, dass weitere Untersuchungen zur Klärung durchgeführt werden müssen. Ich stimme zu und lasse eine Stanzbiopsie machen. Ebenfalls schmerzhaft. Eine schätzungsweise Kugelschreiberminen-große Nadel wird durch die Brust direkt in den auffallenden Herd, den Tumor, gestochen und ein Teil des Gewebes ausgestanzt, welcher später im Labor untersucht wird. Das Gesicht des Arztes sieht auch nicht besser aus, als das des Gynäkologen während der Ultraschalluntersuchung. Alle haben diesen sorgenvollen Blick, der mich nervös macht. Den ich nicht einschätzen kann und der in meiner Phantasie schlimme Szenen hervorruft. Ich falte meine Hände ganz fest, so, als könne ich damit Gott festhalten. Als Kind habe ich das immer so gemacht, wenn es wieder einmal schwer bei uns zu Hause wurde. Dann setzte ich mich mit Bauchweh in den Türrahmen, faltete die Hände und hielt Gott in ihnen. Fast so, als könne ich ihn damit festhalten und ihn zwingen, mir zu helfen. Das Leben rieselt mir gerade wie Sand durch die Finger. Also, lieber Gott, bitte hilf mir! Hilf mir, bitte, bitte, bitte! Ich habe so furchtbare Angst.
Wie in Zeitlupe empfinde ich das gegenwärtige Gespräch mit meinem Arzt. Je mehr ich ihm zuhöre, umso mehr verstummen die Geräusche um mich herum, seine Lippen bewegen sich jetzt geräuschlos. In meiner Welt wird gerade eine Vollbremsung eingeleitet. Ich höre ihn nicht mehr sprechen. Plötzlich fühlt sich alles an wie in einem Albtraum, aus dem ich aufwachen möchte. Sofort. Doch ich kann nicht aufwachen. Er redet und redet und redet und ich fühle, wie die Welt stehen bleibt. Alles steht still, nichts scheint mehr in Bewegung zu sein. Wie eingefroren fühlt sich alles an. Ein Gedanke kommt mir in den Sinn: Wie unendlich viele, vergangene Situationen so unglaublich nebensächlich und unwichtig waren. Ich werde wütend auf mich, weil ich mich über Kopfschmerzen beklagt habe. Ich wünsche mir diese einfach nur zurück. Bitte, lieber Gott, gib mir einfach nur Kopfschmerzen und ein ganz normales Leben! Aber das wird nicht passieren. Nichts ist wirklich selbstverständlich. Wie kostbar alles doch eigentlich ist, wird mir gerade immer klarer. Ich verstehe einfach diesen Arzt nicht. Was will er von mir? Er sagt, dass die Biopsie nicht positiv für mich ausgefallen ist, er redet von einem bösartigen Tumor, von Chemotherapie, Brustamputation und weiteren Untersuchungen, die noch Schlimmeres zeigen könnten. Er verwechselt mich. Ganz sicher tut er das. Ich frage ihn das. Ich versuche nochmals, ihm zu sagen, dass er mich verwechselt, aber er schüttelt langsam und zögerlich mit zusammengepressten Lippen seinen Kopf. Ich lasse nicht locker und versuche, mit einem Hauch von Wut ihm in den Mund zu legen, dass seine Mitarbeiter oder auch das Labor einen Fehler gemacht hätten. Nein, er bleibt bei seiner Aussage. Nein, ich will das nicht glauben. Egal, was ich sage, er bleibt fest bei seiner Meinung und ich glaube, es fällt ihm selbst schwer, mir das alles mitzuteilen.
Am Morgen, als ich in seinem Wartezimmer so lange sitzen muss und Patienten, die nach mir gekommen sind, vorgezogen werden, kann ich das nicht verstehen. Ich bin wütend, weil wir ewig warten müssen. Ich bin ungeduldig und nervös. Meine Freundin Anne ist bei mir, sie ist meine Hebamme und hat alles von Beginn an mitbekommen. Sie ist ebenso nervös. Als wir zusammen zur Klinik fuhren, beruhigte sie mich immerzu und meinte: »Ich kann mir nichts Schlimmes vorstellen. Du bist viel zu jung für schlimme Krankheiten.« Und dennoch spürte ich ihre Besorgnis. Und jetzt ist auch klar, warum wir so lange warten müssen. Mich hat man als letzten Gesprächstermin eingeschoben, um Zeit für die Übermittlung der Diagnose zu gewinnen, um mich mit diesem Gespräch und den Horrornachrichten nicht zwischen die anderen Patienten quetschen zu müssen.
Nie zuvor habe ich mich über Chemotherapie unterhalten, was ist das eigentlich? Krebs? Ich? Mit 29? Ich habe gerade meinen zweiten Sohn geboren! Weiß er das überhaupt? Ja, er weiß es, und dennoch redet er einfach weiter. Ich spüre eiskaltes Grauen in den Tiefen meines Körpers, es breitet sich in meinem Magen aus, danach wird mir heiß und dann schnürt es mir langsam den Hals zu, weil ich plötzlich verstehe, dass ich in einer lebensbedrohlichen Situation bin. Meine Arme und Hände fühlen sich wie betäubt an. Ich kann es nicht glauben, nein, ich will es nicht wahrhaben. Bitte, bitte mach, dass das aufhört! Ich spreche zu Gott und in Gedanken bete ich ein intensives Vaterunser, aber die Situation verändert sich nicht. Ich spreche zu Anne und bitte sie, mir zu helfen, weil ich nichts mehr verstehe. Die Realität ist brutal, radikal und ohne jegliches Mitgefühl. Ich bekomme Bauchschmerzen und mir wird übel, diese Angst ist schrecklich. Es dreht sich alles, und ich möchte so gerne etwas tun, aktiv werden, aber was? Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich keinen Ausweg. Sonst gab es immer irgendeinen Weg, aber jetzt?
Ich frage ihn nochmals, ob es sich wirklich um Krebs handelt, wirklich bösartig, wirklich lebensbedrohlich und wirklich Chemotherapie? Oder ob das alles ein Verdacht sei, den man vielleicht mit einer einzigen kleinen OP aus der Welt schaffen könne. Und während ich ihn frage, spüre ich große Hoffnung in mir aufkommen. Aber alle Fragen werden mit absoluter Sicherheit verneint. Ganz im Gegenteil, es gibt keinen Funken Hoffnung, der Tumor ist groß, so groß, dass die Ärzte Schlimmeres befürchten. Da ist sie wieder, diese brutale Realität. Mir tut sich ein inneres Bild auf: Wie ich aus dem 20. Stock falle und unten auf dem Asphalt aufschlage. Was? Es könnte noch schlimmer um mich stehen? Jetzt verstehe ich noch weniger von dem, was gerade gesagt wird. Aber ich begreife, dass ich an der Situation nichts mehr ändern kann. Hoffnungslos. Das ist Fakt. Ist das nun mein Ende? So kurz im Leben. So kurz, nachdem ich meine beiden Kinder bekommen habe? Ich will das so nicht. Das kann nicht mein Schicksal sein. Oh Mann, bitte nicht. Was kann ich bloß tun? So naiv und unwissend wie ich bin, frage ich ihn, ob wir heute mit der Chemotherapie beginnen können, weil ich das aus meinem Körper haben und so schnell wie möglich mein Leben weiterleben möchte. Einfach zurück in mein Leben und weitermachen.
Ich verlasse wie in einer Art Trance das Besprechungszimmer des Arztes. Gehe mit Anne hinaus vor das Krankenhaus, bevor wir weiter zum Onkologen müssen und will mir eine Zigarette anzünden. Früher habe ich manchmal geraucht, um abzunehmen. Nicht, weil ich es gebraucht hätte. Ich blicke auf die Zigarettenschachtel, die ich gerade in meiner Hand halte und frage mich, was ich da tue. Bin ich jetzt komplett verrückt geworden? Wie kann ich jetzt auch noch so ein Ding anzünden wollen? Voller Wut werfe ich die volle Schachtel in den Mülleimer. Anne blickt mich an, streicht mir über den Arm und sagt: »Ich bin bei dir, du schaffst das! Versuch, dich zu beruhigen.« Sie scheint aber selbst total schockiert zu sein und sieht traurig aus. Auch sie ist verzweifelt. Ich kenne sie, sie wird sich jetzt die Frage stellen, ob sie etwas übersehen hat, als sie mich und David betreute. Sie wird sich fragen, ob sie etwas hätte verhindern können. Ja, so ist sie, aber sie hätte es nicht aufhalten können, der Tumor ist viel zu groß. Er wuchs bereits während der Schwangerschaft in meiner Brust. Ich bin froh, dass Anne heute bei mir ist.
Plötzlich steigt Wut in mir auf. Wut auf die Ärzte. Wut auf das Leben. Weil es nicht fair ist. Ich suche einen Verantwortlichen. Mir fällt nur Gott ein. Was ist das für ein Gott, der so was einer Mutter mit zwei kleinen Kindern antut? Den Kleinen seine Mutter nimmt? Ich möchte einen Schuldigen, aber ich finde niemanden. Nur mich selbst. Ich bin wütend, weil ich mein Leben so verschenkt habe. Unter anderem mit schlechter Laune. Ich wünsche mir, einfach nach Schema F weiterleben zu können, wünsche mir einen miserablen Tag, aber einen, an dem am nächsten Morgen alles wieder gut ist. Hier wird nichts wieder gut sein am nächsten Tag! Vielleicht nie wieder. Ich werde wütend, weil ich mit meinem Körper so respektlos umgegangen bin. Habe Zigaretten geraucht, Alkohol getrunken und mich selbst schlecht behandelt. Hat mich das vielleicht krank gemacht? Aber ist es nicht auch normal, mit Freunden zu feiern? Die anderen machen das doch auch und werden nicht krank. Warum dann ich? War es der Kummer mit meinen Eltern? In diesem Zusammenhang frage ich mich, wie ich das meiner armen Mutter erklären soll. Sie wird das nicht verkraften. An meinen Vater denke ich in diesem Moment nicht, weil ich seit einigen Jahren leider keinen Kontakt mehr zu ihm habe. Ich weiß nicht, wohin mit meiner Wut und plötzlich geht sie über in eine tiefe Traurigkeit und in Panik. Übrig bleibt ein bitterliches Weinen. Ein kleines Ich. Ein Opfer. Ich bin krank und fühle mich jetzt auch so. Egal, was ich tue, es ändert nichts. Es bleibt, wie es ist, und das fühlt sich schrecklich an. Ich muss die Situation akzeptieren – es gibt keine andere für mich und auch nicht für meine Kinder. Aber ich habe sie doch gerade erst bekommen … Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Das Leben ist einfach nicht fair. Ich bin hilflos, machtlos und verzweifelt, fühle mich wie ein kleines fünfjähriges Mädchen, das hofft, von seiner Mutter gerettet zu werden. Aber auch sie könnte mir nicht helfen. Ich lerne, dass man mutterseelenallein ist, sogar dann, wenn die Mutter neben einem sitzt und die Hand hält. Ich muss all meine Angst und die Schmerzen alleine ertragen und werde auch alleine sterben. Vielleicht mit der Hand meiner Mutter in meiner … Ich zittere nun am ganzen Körper und meine Knie werden weich. Ich habe das Gefühl, Wasser fließt durch mich hindurch, reißt mich in die Tiefe …
… aber bevor das Endgültige passiert, geht es schon weiter. Keine Zeit für solche Gedanken und Ängste. In der Onkologie wartet man bereits auf mich – ich soll mich dort vorstellen. Und so nehme ich die Gefühle mit auf den Weg. »Onkologie«, dieses Wort habe ich noch nie gehört, ich weiß nicht einmal, was es bedeutet. Und wie war die Beschreibung des Weges gleich nochmal? Irgendwie kann ich mir nichts mehr merken und bin so furchtbar überfordert, so verwirrt, dass ich wieder weine wie ein kleines orientierungsloses Kind, dem seine Mutter in der Masse der Menschen verlorengegangen ist. Anne fasst meine Hand und sagt mir, dass sie alles weiß und mich in die Onkologie bringt. Ich bin so dankbar, dass sie bei mir ist. Dabei spüre ich eine unfassbare Angst vor dem Onkologen. Die Gänge im Krankenhaus, in dem sich das Brustzentrum befindet, fühlen sich wie ein Irrgarten an. Alleine hätte ich den Weg sicher nicht gefunden. Wir kommen in die onkologische Abteilung und ein seltsamer Geruch steigt mir dabei in die Nase. Im Wartezimmer sitzen stille, in sich gekehrte Menschen. Sehen alle nicht glücklich aus. Manche tragen eine Perücke. Ein surreales Bild offenbart sich mir: Ich gehöre jetzt dazu. Es liegt hier so viel Düsterheit und Schwere in der Luft. Möchte wegrennen. Das ist nicht meine Welt. Niemand hat auch nur annähernd mein Alter. Wieso trifft es mich? Keiner ist so jung. Meine Gedanken ziehen blitzschnell durch mich hindurch, sodass ich selbst nicht mehr erkenne, was ich denke und fühle. Inzwischen ist Malte, mein Mann, eingetroffen. Ich hatte ihn zuvor angerufen und gefragt, ob er kommen könne. Ich hätte so schreckliche Angst. Er steht mir gegenüber, schaut mich stumm und verhalten an. Ich weiß nicht, ob ich mich in seine Arme werfen kann, ob er es gerade erträgt. Er wirkt fast hilfloser als ich. Wenn er nur etwas sagen würde. Anne ist offensichtlich erleichtert, dass sie abgelöst wird und der Situation entfliehen kann. Sie verabschiedet sich recht schnell und ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht gleich im Stillen weinen wird. Sie wirkt fix und fertig, und ich möchte jetzt lieber mitgehen und alles hinter mir lassen. Können wir die Zeit nicht einfach nochmal kurz zurückdrehen und neu mit dem Tag beginnen? Meine Gedanken spielen verrückt.
Stattdessen kommt mein Aufruf. Ein Schreck durchfährt meinen Körper, mein Magen zieht sich wieder zusammen. Nervosität und Übelkeit breiten sich in mir aus. Und schon finde ich mich vor einem anderen Schreibtisch wieder, mir gegenüber der Furcht einflößende Onkologe. Der Giftgeber. Derjenige, der mir mitteilen wird, was nicht in Ordnung ist und mit mir passieren wird. Vielleicht ist er der meistgehasste Mensch hier, ich weiß es nicht. Ich hasse ihn gerade. Wieder sehe ich nur Lippen, die sich geräuschlos bewegen. Ich bin erschöpft. Vertrage einfach diese Nachrichten nicht mehr. Kann nichts mehr aufnehmen. Weine nur noch. Malte hört zu, und auch wenn ich nicht verstehe, wovon sie reden, spüre ich die Angst und sehe, wie Maltes Gesichtszüge langsam versteinern. Alles wirkt fremd. Auch Malte ist mir in seinem Verhalten fremd. Der Onkologe, er heißt Dr. Groß, blickt noch skeptischer, noch ernster und noch finsterer drein als der Gynäkologe vorher. Sehr besorgt. Er befürchtet, dass nach den Untersuchungen noch mehr negative Befunde ans Tageslicht kommen werden. Wenn ich mir sein Gesicht so ansehe, möchte ich sofort die weiße Fahne heben und mich ergeben, mich kurz als Gefangene nehmen lassen, um dann später einfach wieder frei gelassen zu werden. Ein frommer Wunsch. Er erklärt und erklärt und ich verstehe wieder nichts. Alles ist dumpf. Komisch, dass ich mich plötzlich todkrank fühle, obwohl es mir vor ein paar Stunden noch gut ging. Ich fühle mich krank, schwach und müde. Wie ein Mensch, dem nicht mal mehr der eigene Körper gehört, denn nun muss ich ihn abgeben, hingeben und geschehen lassen. Mein Geist und meine Seele sind mit verkauft. Ich werde alles so machen müssen, wie die Ärzte es mir sagen. Das ist meine einzige Chance. Ich gehe einfach zu allen Terminen und lasse es geschehen. Ja, ich gebe unbewusst meine ganze Verantwortung ab.
Als ich an diesem Donnerstag, am 7. Oktober 2004, das Brustzentrum im Kreiskrankenhaus Aurich verlasse – es ist inzwischen früher Abend –, bewege ich mich in Schockstarre zum Auto. Der tranceartige Zustand lähmt mich, ich kann weder reden noch weinen. Malte und ich sprechen kein Wort. Keine Hand, kein Greifen nacheinander, nichts. Ich verzweifle. Dann überkommt mich die Realität. Mir wird übel. Mein Magen zieht sich zusammen, Gänsehaut überzieht meinen ganzen Körper. Ich möchte am liebsten laut schreien und weinen, aber dazu fehlt mir die Kraft und auch die Stimme. Es ist ein verzweifeltes inneres Schreien und Weinen.
Die Nacht ist eine Odyssee. Am nächsten Tag sollen die ersten Untersuchungen stattfinden. Natürlich kann ich nicht schlafen. Bin nervös und weiß nicht, wohin mit all den Fragen, Gedanken und Ängsten, die mich in die Verzweiflung treiben. Ich kann noch immer nicht begreifen, was gerade passiert. Ich fürchte mich vor den Untersuchungen. Vielleicht sind sie schmerzhaft. Und wer weiß, wie es in meinem Körper tatsächlich aussieht. Wie weit die Krankheit fortgeschritten ist. Welche Aussagen ich erhalten werde. Ich werde sterben müssen. Ich gehe zu meinen Kindern ans Bett, sitze einfach nur da und schaue ihnen beim Schlafen zu. Sie sind so friedlich und so unwissend, sie riechen so gut, ihre Haut ist so weich. Sie strahlen so viel Liebe, Frieden und Glück aus. Für sie ist alles in Ordnung. Wie sehr ich sie liebe. Das will ich mir keinesfalls nehmen lassen.
Am nächsten Morgen bringt Malte mich wieder in die Klinik. Als wir am Parkplatz ankommen, lese ich das angebrachte Schild »Nuklearmedizin« am Nebengebäude und beginne, leise zu weinen und zu schluchzen. Es ist so unglaublich surreal. Wir gehen darauf zu und ich fühle mich wie ein Tier auf dem Weg zum Schlachthof. Je näher wir der Aufschrift kommen, desto stärker kralle ich mich an Maltes Arm fest. Er ist total überfordert. Malte ist still, sagt kein Wort, versucht mich zu stützen. So hat er mich noch nie erlebt. Ja, auch ich selbst habe mich so noch nie erlebt, aber ihn kenne ich so auch nicht. Ich weine, zittere, schluchze und kann vor Angst kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Mit jeder Stufe ins Krankenhaus werden meine Knie weicher und mein Magen zieht sich mehr zusammen. Meine Angst ist unermesslich, sie wirkt sich unweigerlich auf meinen Körper aus und lähmt meine Beine. Ich kann plötzlich keinen Schritt mehr gehen. Weinkrämpfe überfallen mich und ich sinke in mich zusammen. Wieder diese Fragen: Was erwartet mich da drin? Wird es wehtun? Und werden mich noch schlimmere Nachrichten ereilen?
Ich liege im Wartezimmer auf mehreren Stühlen, weil ich mich nicht aufrecht halten kann. Meine Beine fühlen sich taub an. Kann sie nicht bewegen. Ich weine immer noch. Andere wartende Patienten schauen mich an, aber mir ist egal, was sie denken. Ich werde bald sterben – und ihr dürft weiterleben, obwohl ihr älter seid als ich, schießt es mir durch den Kopf. Ich bin wütend auf deren Gesundheit, obwohl ich nicht einmal weiß, woran diese Patienten leiden und weswegen sie hier sind. In Gedanken frage ich sie: Könnt ihr sehen, dass ich bald sterben werde? Ich bin blutjung und so krank, dass ich wahrscheinlich nicht überleben werde. Und zwei kleine Jungs werden ihre Mutter verlieren. Warum bin ich nur so wütend auf diese Menschen? Nein, das bin ich nicht, ich versuche nur meiner Angst zu entweichen und der Wut gegenüber dieser Ungerechtigkeit ein Ventil zu geben.
Dann geht es los. Mein Name wird aufgerufen. Ich bekomme auf der Stelle einen Kloß im Hals und möchte wegrennen. Nun bin ich also wirklich dran. Angsterfüllt gehe ich hinter dem Pfleger her. Ich komme in einen kleinen langgezogenen Raum, der sich nach rechts öffnet. Am Ende des Zimmers steht ein Stuhl mit einer Armlehne, um die Infusionsnadel zu legen. Danach ein langer Schrank mit verschiedenen Nadeln und anderen medizinischem Material. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Der Mitarbeiter, der für mich zuständig ist und mich für die Knochen-Szintigrafie vorbereiten soll, ist unnahbar, kühl und unfreundlich. Er schaut mich nicht an und geht mit mir nicht gerade zimperlich um. Er kann sich wohl nicht vorstellen, dass ein Zugang für die Kontrastmittelgabe wehtun kann. Weiß er überhaupt, woran ich erkrankt bin? Warum ist er so? Warum hat er kein Mitgefühl? Es würde mir so guttun, wenn er etwas Nettes sagen würde. Er schiebt mir die lange Nadel schnell und unvorsichtig in den Handrücken. Ich fühle mich wie ein Objekt, an dem man etwas anbringt. Es schmerzt arg, aber ich bekomme kein Mitgefühl. Ich weine laut. Kann nichts mehr zurückhalten. Soll still halten, sonst kann er die Nadel nicht richtig legen. Ich bin wie versteinert und hoffe, dass er die Nadel mit einem Versuch positionieren kann. Es ist alles so furchtbar brutal. Danach wird mir eine Infusion mit einer radioaktiven Zuckerlösung verabreicht, um die Aufnahmen der Szintigrafie besser darstellen zu können. Eine radioaktive Substanz? Werde ich davon krank? Nein, das bin ich ja schon und schlimmer kann es wohl nicht mehr werden. Man erklärt mir, dass die radioaktive Zuckerlösung von den Tumoren aufgesaugt wird und sie sich mit der Farbe eines Markers in der Szintigrafie darstellen lassen. Dass man so weitere Tumore in den Knochen sehen würde, falls sich dort welche gebildet haben sollten. Wie mit einem gelben Marker, den wir benutzen, um wichtige Dinge in einem Buch zu kennzeichnen. Sofort erinnere ich mich an meine Schulzeit, als ich den Marker ständig benutzte und fast das ganze Buch gelb anmalte, weil alles so wichtig war. Ich hoffe, dass bei mir heute nicht auch alles angemarkert ist.
Der Pfleger bringt mich in den Nebenraum und ich lege mich auf die harte und kalte Liege. Über mir ein großes Gerät, welches später über mir langfahren und Aufzeichnungen machen wird. Alles ist still, nur das Summen des Gerätes ist zu hören. Der Raum ist kalt. Mir ist kalt. Ich spüre, dass ich sehr müde und erschöpft bin und so schlafe ich während dieser langen Untersuchung ein. Als ich wach werde, weil jemand in den Raum kommt und mir sagt, dass ich die erste Untersuchung gut überstanden habe, wird mir wieder bewusst, wo ich bin und in welcher Situation ich mich befinde. Ich denke an meine Kinder … Ich möchte jetzt viel lieber bei ihnen sein und mich um sie kümmern, wie Mütter das eben so tun. Ich brauche sie.
Danach folgen weitere Untersuchungen: MRT, Lungenaufnahme, Blutentnahmen, Hormonrezeptorenbestimmung, HER2-Status-Überprüfung, das komplette Staging zur Ausbreitungsabschätzung. Das ist mir alles zu hoch. Ich verstehe diese Begriffe nicht und niemand kann oder will sie mir erklären. Das Schlimmste ist, in den Röhren zu liegen. Dort über längere Zeit still zu halten. Da kämpfe ich mit mir, mit der Luftnot oder damit, gedanklich durchzudrehen. Aber ich darf mich nicht bewegen. Ich versuche, meine Gedanken und meine Angst irgendwie im Zaum zu halten und fange an, mit mir selbst zu reden wie mit einem kleinen Kind, dem man Mut zusprechen und das man beruhigen möchte.
Dann sitze ich wieder vor dem Schreibtisch von Dr. Groß. Er möchte mit uns die Untersuchungsergebnisse besprechen. Warum heißt er bloß so? Ich finde nicht, dass er große Sachen macht. Ich will ihn nicht sehen. Ich kann ihm nicht mehr zuhören. Die Ergebnisse aus den Aufnahmen haben ergeben, dass sich ein Tumor mit der Größe von vier auf viereinhalb Zentimeter im oberen inneren Quadranten meiner rechten Brust befindet. Ich kann ihn fühlen, ihn in die Hand nehmen. Und der histologische Befund der Biopsie hat einen bösartigen, schnell wachsenden und infiltrierten Tumor ergeben. Ob dieser gestreut hat, ist unklar. Bislang kann man das nicht erkennen. Noch nicht. Dazu fehlen weitere Abklärungen. Der Hormonstatus ist positiv, das heißt, der Tumor vergrößert sich auch über Hormone wie beispielsweise Östrogene und Progesteron, was erklären könnte, warum der Tumor während der Schwangerschaft so rasant gewachsen ist. Hormone fördern über das Andocken an die Rezeptoren direkt das Wachstum schon vorhandener Brustzellen. Die Ergebnisse der HER2 Untersuchungen ergeben einen HER2/neu3+ Status. HER2 Rezeptoren sind Bindungsstellen für Wachstumsfaktoren, die die Krebszellen besonders stark zur Teilung anregen. Und das ist auch der Grund, warum die Ärzte mit Metastasen rechnen. Ich sehe nun wieder die Lippen des Onkologen sich wie in Zeitlupe bewegen. Es hört sich alles kompliziert und furchterregend an. Es steht nicht gut um mich. Der Gesichtsausdruck von Malte macht mir Angst. Ich will das alles eigentlich gar nicht wissen. Die Therapie soll am elften Oktober 2004, gleich am Montag beginnen. Heute ist Freitag. Mir bleiben noch zwei Tage. Dann werde ich mich einer Chemotherapie unterziehen müssen, sie soll die Tumormasse verkleinern: drei bis vier geplante Zyklen in 14-tägigen Abständen. Danach soll eine Pause vor der Operation eingelegt werden, auch um zu überprüfen, ob die Chemotherapie angeschlagen hat. Sollte dies zutreffen, wird die rechte Brust operiert oder amputiert, je nach Befund. Da in der rechten Achselhöhle ein Lymphknoten in Größe von eineinhalb bis zwei Zentimeter zu ertasten ist, sollen auch dort einige Lymphknoten entfernt werden. Nach der Operation ist eine Chemo- oder Strahlentherapie für weitere zwei Zyklen geplant. Mein Kopf qualmt. Also: Nach der OP drei weitere Therapietage im 14-tägigen Abstand. Was soll ich tun? Mir bleibt nur eins: Ich muss das alles irgendwie durchstehen. Die Mitteilungen werden immer schlimmer. Meine Haare werden mir ausfallen, höre ich ihn sagen, und ich versuche gleich, eine Antwort darauf zu finden, denke bei mir: Okay, das macht nichts, die wachsen wieder nach. Ich werde gleich morgen zum Friseur gehen und sie mir kürzen lassen. Das empfiehlt er mir dann auch, weil meine Haare zu diesem Zeitpunkt sehr lang sind und der Haarausfall durch die Länge noch unangenehmer wird.
Ich bin bereit für den Kampf, hoffe, dass ich das Ding in meiner Brust besiegen kann und weiß, dass ich einen langen Atem benötige. Nachhaltigkeit, Durchhaltevermögen werden für mich eine neue Bedeutung bekommen. Oder bin ich doch nicht bereit? Ich habe Angst und der Mut geht mir gerade wieder verloren. Meine Gedanken und meine Stimmungen wechseln so schnell wie das Wetter im April. Aber mir hilft es, aktiv zu werden. Dann habe ich das Gefühl, wenigstens irgendetwas tun zu können. Als wir das Krankenhaus verlassen, denke ich darüber nach, mir ein Kopftuch für die kommende Zeit zu kaufen. Meine Gedanken schweifen ab zu einer jungen Frau aus meiner Stadt. Sie müsste mein Jahrgang sein und war bei ihrer Krebserkrankung ein paar Jahre jünger, als ich es jetzt bin. Damals habe ich sie mit einem Kopftuch im Lebensmittelladen gesehen. Sie war an Leukämie erkrankt. Ich erinnere mich, wie erschrocken ich war, sie so zu sehen. Irre tragisch. Ich war furchtbar berührt und sie tat mir so unendlich leid, aber ich hatte Angst, sie anzusprechen, war unsicher, ob ich es tun sollte. Früher arbeitete sie abends am Wochenende in einer Bar in unserer kleinen Stadt. Sie war eine gut aussehende Frau. Mich traf die Nachricht über ihre Krankheit wie ein Schlag, obwohl ich sie persönlich nicht so gut kannte. Ich habe dann irgendwann, nicht lange nach diesem Treffen, erfahren, dass sie an dieser Krankheit verstorben war. Sie müsste ungefähr 24 Jahre alt gewesen sein.
Meine Gedanken kommen zu mir zurück, ich sitze nun in einem ähnlichen Boot und frage mich, wie ich am Ende aus dieser Situation herauskommen werde. Ich kann es nicht glauben, dass ich nun auch in diesen Film gehöre, in dem die hübsche Frau aus unserer Stadt war.
Das letzte Wochenende, bevor sich mein Leben auch körperlich spürbar verändert, verbringe ich mit Weinen, Verstehen wollen, Haare schneiden und einer Art Angst, die mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Ich versuche, damit zurechtzukommen, bin aber grandios überfordert. Wenn ich jetzt meinen Kindern Gutenachtlieder wie »Guten Abend, gut’ Nacht« vorsinge, steigen in mir die Tränen auf und Verzweiflung macht sich breit. Die Zeile »Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt« gewinnt eine völlig neue Bedeutung. Nie habe ich diesen Text so wahrgenommen. Meine Gedanken werfen alles pausenlos hin und her. Ich stelle mir so viele Fragen und bekomme sie nicht beantwortet, manche niemals. Wie ist es, eine Chemotherapie zu bekommen? Ist es so, wie man es in den Filmen sieht? Wird mir immer übel sein, muss ich mich übergeben? Bin ich weiterhin in der Lage, mich um meine Kinder zu kümmern? Wie werden wir alle damit umgehen und werde ich am Ende überleben? Meine Angst ist so unendlich, so unbeschreiblich und niemand kann mich retten. Ich bin so sehr verzweifelt. Ich bete wieder und bitte Gott um Hilfe, obwohl ich auf die Schnelle keine Rettung erhalte. Dennoch, es tut gut zu beten, egal ob es ankommt oder nicht.
Es ist Sonntagabend und der morgige Tag breitet sich in meinen Gedanken aus. Sämtliche Gedanken kreisen darum. Ich bin sehr nervös und habe vor Angst Bauchkrämpfe. Essen kann ich nichts, stattdessen nehme ich meine verschriebene große Menge Kortison ein, das Dexamethason soll die Nebenwirkungen abschwächen. Ich werde in den nächsten Wochen und Monaten davon zunehmen. Am Tag der Chemo werde ich weiterhin Kortison einnehmen müssen. Es ist ein ungutes Gefühl, plötzlich so viele Medikamente zu schlucken. Aber das ist nichts gegen das, was noch kommen wird. Ich bin erschöpft, bevor es angefangen hat. Die Angst vor dem Ungewissen schwächt mich. Ich habe meinen Tag der Diagnose immer wieder allen erzählt: Angehörigen, Bekannten und Verwandten. Danach fällt mir nichts mehr ein. Schweigen in den Gesprächen, am Telefon. Alle sind berührt. Das Sprechen gibt mir das Gefühl, nicht allein zu sein. Aber letztendlich bin ich mutterseelenallein, denn ich allein muss das erleiden und durchstehen. Niemand kann auch nur einen kleinen Teil übernehmen. Jede Untersuchung, jede Nebenwirkung, jede Angst und jeden einzelnen Gedanken übers Sterben werde ich alleine durchzustehen haben. Ich notiere mir in mein Tagebuch: »Du hast es geschafft, auch wenn du am Anfang Angst hattest und verzweifelt warst«. Irgendwann werde ich es lesen, dann habe ich es geschafft – auch das hier: »Ich schaffe diesen Weg für mich, für meine Kinder, für meinen Mann, für meine Mutter, für meine Schwiegereltern, für meine Freunde, für mein Leben! Lieber Gott, gib mir die Kraft, lass mich das durchstehen, lass mich leben, lass mich lernen. Ich möchte kämpfen«. Ich trete vor mein inneres Spiegelbild und sage mir: »Ich bin eine Kämpferin und werde siegen!« Ich hoffe, dass ich diese Zeilen in ein paar Jahren lesen kann. Ich lasse die Worte meiner Freunde Revue passieren und versuche, Halt darin zu finden. Schließlich gehe ich völlig erschöpft und mit Beruhigungsmitteln ins Bett, die Nacht ist dennoch eine Berg-und-Tal-Fahrt zwischen Nervosität, Angst, Verzweiflung, Hoffnung und Traurigkeit.
Ich öffne die Augen und nehme erst dann richtig wahr, dass mein Baby in seinem Bettchen neben mir quengelt und Hunger hat. Während ich aufstehe, um ihm sein Fläschchen zu machen, durchfährt mich die Realität. Sofort stellt sich die Angst wieder ein, ich und meine kleinen Kinder tun mir so furchtbar leid. Beginne zu weinen. Mir wird klar, dass ich heute zum ersten Mal eine Chemotherapie bekomme. Es macht mich so nervös. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Aber ich versuche, meinen Kindern gegenüber so fröhlich zu sein, wie es geht. An diesem Tag wird meine Mutter mich in die Klinik bringen und bei mir bleiben. Ich ziehe die Jungs an, füttere sie und frage mich bei jedem Handgriff, wie lange ich das noch machen kann. Ich sauge alles in mich auf, weil ich vielleicht nicht mehr viel Gelegenheit dazu haben werde, das alltägliche Leben mit meinen Kindern zu teilen.
Wir sitzen zu viert im Auto. Meine Mutter, meine beiden Kinder und ich. Wir fahren die Straßen entlang. Ich bin still und mir ist kalt. Alle sind still, sogar die Jungs. Die Anspannung im Auto ist so groß, dass man förmlich nach ihr greifen kann. Ich bin so voller Wut, bin so aggressiv. Ich stelle mir immer wieder vor, wie ich laut schreie, alles hinausschreie, aber mein Schmerz findet keine Stimme. Meinen ältesten Sohn Moritz fahren wir zuvor zu meinen Schwiegereltern. Er wird dort besser aufgehoben sein als im Krankenhaus. Am liebsten hätte ich beide bei mir, aber Moritz würde mit seinen zweieinhalb Jahren zu viel mitbekommen. Mein Baby und meine Mutter begleiten mich zu meinem ersten Tag in der Klinik, zu meiner ersten Chemotherapie. Ich bin sehr angespannt und nervös, auch gereizt. Als wir die onkologische Tagesklinik betreten, werde ich schon erwartet. Alle sind so freundlich. Ich werde gebeten, mich für einen Moment im Wartezimmer aufzuhalten. Dort sitzen auch andere Patienten, aber ich sehe niemanden, der so jung ist wie ich. Das Bild, das ich im Wartezimmer abgebe, berührt die Menschen und in ihren Blicken sehe ich ihr Mitgefühl: Eine junge Frau mit Kinderwagen in Begleitung ihrer Mutter, die völlig eingeschüchtert und verängstigt auf ihren Aufruf wartet. Mich berührt mein eigenes Bild und meine Augen füllen sich mit Tränen – und dann fühle ich mich plötzlich verbunden mit all diesen Menschen. Ich nehme mein Baby auf den Arm. Seine Nähe tut mir so gut. Halte es fest. Ich schreie innerlich verzweifelt. Drücke mein Kind enger an mich. Es zerreißt mich gerade innerlich, weil ich ihm all dieses Leid antun muss, und ich habe Angst, dass ich keine Zeit mehr für es haben werde. Dass mein Sohn seine Mutter nie richtig kennenlernen wird. Doch David strahlt mich einfach weiter an. Wenn ich ihn ansehe, lächelt er mich mit seinen großen blauen Augen an … und das zaubert mir ein Lächeln auf mein Gesicht, gibt mir ein Stück Kampfgeist zurück. Lässt mich erinnern, wer ich sein kann.
Dann wird mein Name aufgerufen. Erneut durchfährt mich ein Blitz und dieses Mal bleibt er in meiner Magenkuhle stecken. Ich sehe meine Mutter stumm fragend an: Mama, kannst du mir hier raushelfen? Muss ich da jetzt wirklich hin? Ich habe Angst, ich will nicht. Mach was, Mama, bitte. Sie liest meinen Gesichtsausdruck, und ich sehe ihren Schmerz, mir nicht helfen zu können. Sie streicht mir über den Kopf und spricht mir Mut zu: »Kopf hoch, wir schaffen das. Ich bin bei dir.« Und ich merke, wie stark sie für mich sein will, aber ich weiß ganz genau, dass sie abends vor Angst und Sorge zusammenbricht. Sie lächelt mich an, als würde sie mir sagen wollen, es wird nicht so schlimm: Augen zu und durch. Sie steckt all die Aggressivität, die Panikattacken, meine Angst, meine Gefühlsausbrüche, wenn mich die Hoffnungslosigkeit heimsucht, einfach ein. Was sie alles erträgt, ist mir in der Situation gerade gar nicht bewusst. Mit meinem Baby auf dem Arm laufe ich in Begleitung meiner Kinderwagen schiebenden Mutter der Krankenschwester nach, die uns in einen separaten Raum mit einer Liege bringt. Ich betrete das Zimmer, die Liege steht rechts an der Wand und links davon ein kleiner runder Tisch mit drei Stühlen – dort wird meine Mutter all die Stunden mit David verbringen. Hinter der Liege steht ein kleiner Schreibtisch, der den Raum etwas unterteilt. Neben der Liege sind verschiedene Utensilien wie Braunülen, Tupfer et cetera auf einem Beistelltisch platziert. Die Liege ist für mich. Meine Mutter und ich sehen uns an und sie gibt mir mit ihrem Blick zu verstehen, dass ich mich da jetzt hinlegen muss. Die Chemotherapie wird normalerweise in einem anderen Raum mit anderen Patienten verabreicht, aber weil ich so jung und furchtbar durcheinander bin, hat man mir dieses Zimmer freigehalten.
Ich bin total aufgelöst. Was geschieht jetzt mit mir? Ich weine und bin sehr nervös, sodass mir Dr. Groß vorschlägt, das Beruhigungsmittel Tavor einzunehmen. Ich will einfach nur, dass es mir besser geht. Ich will diesem Albtraum entfliehen. Die Tablette vernebelt mich zusehends. Mir wird schwindelig und ich sehe alles durch einen Schleier. Meine Mutter sitzt mir gegenüber und schaukelt mein Baby. Wie klein er noch ist und doch begleitet er mich mit seinen dreieinhalb Monaten schon zur Chemo. Welch’ ein ungünstiger Ort für uns alle. Dr. Groß legt mir einen Zugang für meine Infusionen. Mir tut das weh. Innerlich wehre ich mich so sehr gegen alles. Ich kann vor Aufregung und Angst kaum im richtigen Rhythmus atmen. Die erste Infusion ist eine Kochsalzlösung. Damit die Venen gespült werden wie mir erklärt wird. Bei der zweiten Flasche handelt es sich um Epirubicin, welches so ätzend sein muss, dass ich gebeten werde, mich wenig – besser gar nicht – zu bewegen. Und falls ich nochmal zur Toilette müsse, solle ich es doch bitte jetzt tun, da während dieser Vergabe kein Aufstehen möglich ist. Die Braunüle darf auf keinen Fall verrutschen, sonst droht der Austritt des Medikamentes, das das umliegende Gewebe um die Venen verätzen und sogar den Knochen beschädigen könne. Ich schaue mir die Infusion noch einmal genauer an. Die Farbe ist ein starkes Rosa, das ins Pink geht. Mir wird allein schon beim bloßen Ansehen schlecht. Ich bin schockiert und frage mich, wie das meine Venen aushalten können – aber offensichtlich funktioniert es.
Ich liege steif und starr, bis kein Tropfen mehr in der Infusion zu sehen ist. Die Zeit hat sich bis zur Unendlichkeit ausgedehnt … Erst als die Flasche entfernt wird, bewege ich mich wieder. Jetzt soll ich auf die Toilette gehen und nicht erschrecken, denn mein Urin wird sich ebenfalls rosapink verfärbt haben. Ich bin sehr wackelig auf den Beinen. Der Gang über den Flur fällt mir schwer, ich fühle mich schrecklich. Ich weine. Dieses Gefühl ist so furchtbar. Als ich zurückkomme, ist schon die nächste Infusionsflasche am Ständer angebracht und wartet auf mich. Das heisst jetzt Paclitaxel. Diese Infusion hat eine Durchlaufdauer von etwa drei bis vier Stunden. Ich bin nun seit zwei Stunden hier. Die Infusion muss sehr langsam laufen, ansonsten macht der Körper das nicht mit. Sobald der Kreislauf in den Keller sinken will, muss sie kurz unterbrochen werden. Dann dauert die Prozedur noch länger. Meine Angst ist unermesslich groß. Ich kann jetzt schon nicht mehr. Wie soll ich das alles nur aushalten? Mein Körper fühlt sich ungelenk und schwer an. Ich sehe meiner Mutter ins Gesicht, sie lächelt mich an. Sie will mir Leichtigkeit vermitteln – und dass wir das gemeinsam durchstehen. Hinter dieser Fassade sehe ich aber ihre Traurigkeit und Angst. Mein Sohn lächelt wieder mit. Mein Sonnenschein, der mit seinem Lächeln den Raum mit Sonne durchflutet. Ich denke an Moritz und hätte ihn auch so gerne bei mir.
Nachdem die nächste Infusion angeschlossen ist, verabschiedet sich meine Mutter mit David zum Mittagessen und auf einen Spaziergang. Ich würde so gern mitgehen. Ich bin für einige Zeit alleine im Zimmer und lasse meinen Tränen freien Lauf. Ich spüre nun, wie die Angst mich einnimmt und durch meinen Körper kribbelt. Ich fühle mich so einsam und schalte meine Musik auf den Kopfhörern an, versinke in alte Erlebnisse. Sie erfreuen mich so sehr und ich empfinde sie viel wertvoller als zuvor. Traurigkeit über diese späte Erkenntnis überfällt mich. Irgendwie mache ich mich gerade selbst runter, aber ich weiß einfach nicht, wohin mit meinen Gefühlen und Gedanken. Das letzte Drittel läuft zu Ende und meine Mutter und David kommen wieder zurück. Mir wird übel und ich fühle mich so grauenhaft schwer. Ich bin so unbeschreiblich fertig und kann mich kaum auf den Beinen halten.
Wir verlassen das Krankenhaus nach acht Stunden. Zu Hause angekommen, übergibt meine Mutter die Kinder an Malte und fährt erschöpft nach Hause. Auch für sie war es ein harter Tag – und morgen wird sie wieder da sein. Täglich knapp 80 Kilometer einfach. Ich bin zu keinen großen Gesprächen mehr fähig, singe meinen Kindern wie jeden Abend noch irgendwie ein Gutenachtlied vor, verabschiede mich ins Bett und schlafe sofort ein.
Gegen drei Uhr morgens in der zweiten Nacht nach der Chemo werde ich plötzlich wach. Hellwach. Mir ist übel, schwindelig und ich fühle mich bleischwer. Elendig. Furchtbar. Die Nacht wird zur Hölle für mich. Vor Erschöpfung ist es mir nur stammelnd möglich, Malte mitzuteilen, dass es mir schlecht geht. Ich schaffe es nicht, ihm zu sagen, dass ich Schmerzmittel benötige, flüstere nur: »Mir geht es so schlecht, mir geht es so schlecht …« Dann klingelt sein Wecker und Malte geht zur Arbeit. Ich bleibe erschlagen mit meinen kleinen Kindern zurück. Weiß gerade nicht, wie ich das alles leisten kann. Irgendwie schaffe ich es aus dem Bett, nehme was ein und schleppe mich durch den Morgen. Die Ereignisse der letzten Tage spielen sich nochmal vor meinem inneren Auge ab. Ich kann immer noch nicht glauben, was seit Donnerstag alles passiert ist. Seit drei Tagen kämpfe ich mit Übelkeit und Schwindel. Mein Gesicht ist rot und heiß. Als meine Mutter kommt, fällt alle Last von mir ab, alle Verantwortung. Bis dahin hatte ich meine Kinder versorgt und mit ihnen gespielt. Habe mich auf den Boden gelegt und ihnen beim Spielen zugesehen und ein kleines Auto über den Teppich rollen lassen. Wie gut, dass es Mütter gibt. Sie richtet mir das Sofa mit Wolldecken und Kissen ein und lässt mich erst einmal schlafen, während sie sich um meine beiden Jungs kümmert.
In den nächsten Tagen bekomme ich viele Anrufe von Freunden und Bekannten, denen ich die Geschichte immer und immer wieder erzählen muss. Dabei merke ich, wie fertig und müde ich des Erzählens bin, aber ich schaffe es nicht, mir den Raum zu nehmen. Ich bekomme Bücher und Gebete vor die Haustür gelegt. Auch Bücher über Krebs. Ich freue mich sehr darüber. Die Tagesklinik der Onkologie wird mein neues Zuhause. Wenn ich keine Chemo bekomme, muss ich zu Blutkontrollen, wenn ich nicht zu Blutkontrollen muss, bin ich dort, weil ich starke Nebenwirkungen habe. Die totale Erschöpfung macht sich breit. Ich schleppe mich mit all meiner Angst, meiner Verzweiflung und meinen Fragen durch die körperliche Hölle eines jeden Tages. Ich fühle mich tonnenschwer, mir ist permanent schwindelig, übel und ich habe Sehstörungen. Das Sofa und mein Bett werden meine besten Freunde. Die Tage, an denen ich mich aufrichten und länger als eine halbe Stunde stehen kann, lerne ich auszunutzen. Nachdem sich mein Befinden von der einen auf die andere Minute ändert, nehme ich die guten Momente dankbar an und tue das, was ich sonst nicht tun kann. In diesen wertvollen Augenblicken sehe ich die Bäume plötzlich so grün und so farbig, wie ich sie zuvor noch nie gesehen habe. Ich fühle den Wind auf meiner Haut, die Luft duftet so wunderbar und ich höre die Vögel und dann wieder den Wind, wie er durch die Bäume zischt. Ja, ich nehme das Leben auf eine ganz andere Art wahr. Ich liebe dieses Leben und fange an, meinen jetzigen Zustand als eine Chance zu sehen. Ich empfinde – so traurig meine Lebenssituation auch ist – auf eine besondere Art Freude, sie geht tiefer und erfüllt mich mehr denn je in den Momenten, in denen ich keine Schmerzen oder Übelkeit habe. Ich erlebe mich selbst, meine Kinder, meine Familie und Freunde, alle Menschen intensiver als je zuvor. Ich lerne meine Gefühle neu auszudrücken. Ich beginne mich zum ersten Mal von den Einflüssen und Gefühlen meiner Eltern und meiner Familie zu lösen. Zum ersten Mal handle ich nicht nach den Erwartungen anderer. Unterdrücke keine Gefühle und Gedanken mehr. Wofür auch? Welchen Nutzen hätte das? Ich komme mir in dieser verzweifelten Zeit immer näher. Ich bin voller Hoffnung und Kampfgeist, aber ich weiß auch, dass ich morgen oder gleich später am Tag alle Hoffnung wieder verloren habe und Verzweiflung sich ausbreiten kann. Darum genieße ich die Zeit, in der es mir körperlich und mental gut geht. Und den Moment, den mache ich mir zum Fest. Je länger und intensiver ich all das spüre, desto größer wird meine Kampfbereitschaft und meine Hoffnung – und das kann auf keinen Fall falsch sein.
Leider stellt sich neben meinen wunderbaren Entdeckungen über das Leben ein tiefes Gefühl des Sterbens ein. Ich kaufe mir keine Kleider, Schuhe oder andere Dinge mehr, weil ich meinen Mann mit meinen zurückgebliebenen Sachen nicht belasten möchte. Ich möchte ihm nicht noch mehr das Leben schwermachen. Wahrscheinlich ist das normal. Einige Tage nach der Chemo streite ich mich abends heftig mit Malte. Auslöser ist, dass er am Wochenende mit seinem Vater ins Fußballstadion gehen will. Ich habe am Tag der Untersuchungen im Auto noch versucht, mit ihm zu sprechen. Darüber, dass diese Erkrankung auch eine Chance für uns sein kann. Sie uns enger aneinander binden kann. Dass wir, sollten wir das gemeinsam durchstehen, uns viel näher kommen können, unsere Beziehung daran wachsen kann. Aber Malte will nicht. Es soll alles so bleiben, wie es ist – und nach der Chemo muss auch alles wieder so werden, wie es einmal war. Anders kann er nicht. Ich entgegne ihm, dass wir zusammen in die gleiche Richtung gehen müssen, den gleichen Weg beschreiten. Und dass ich ihn brauche – sonst schaffe ich es nicht. Er kann das nicht, stößt er hervor. Es muss auch anders funktionieren und darum werde er zu dem Fußballspiel gehen, weil es für ihn nämlich ein Stück Normalität in einer schwierigen Zeit darstellt. Er müsse schließlich auch sehen, dass es ihm dabei gut gehe. Darüber werde ich sehr traurig, aber vielleicht benötigt er nur etwas Zeit. Ich bitte ihn nochmals, am Wochenende nicht zum Fußball zu gehen, weil ich ihn in meiner Nähe brauche. Er gebe mir Sicherheit, ich wolle jetzt nicht ohne ihn sein. Nicht jetzt, so wenige Tage nach der Diagnose und der ersten Therapie, bei der ich nicht einschätzen kann, wie sich die Medikamente noch auswirken werden. Ich brauche ihn, auch Gespräche mit ihm, selbst wenn sie unangenehm sind. Wir können die Augen schließlich nicht die ganze Zeit vor der Realität verschließen.
Ein paar Tage später, an einem Abend am Wochenende, an dem ich total erschöpft bin und ins Bett gehen will, erfahre ich plötzlich, dass seine Eltern gleich kommen und meine Schwiegermutter mir mit den Kindern helfen will, damit er mit seinem Vater zum Fußball gehen kann. Ich bin wie vor den Kopf gestoßen und kann es nicht glauben. Warum hat er sich meine Worte nicht zu Herzen genommen? Sind meine Wünsche denn so unwichtig? Ich verstehe nicht, dass er mich alleine lassen will. Auch wir lernen uns von einer neuen Seite kennen. Anscheinend bin ich nicht fähig, ihm meine Situation näherzubringen. Jetzt will ich einfach nur noch weg, zu jemandem, der mich versteht und in den Arm nimmt. Ich sehne mich nach Wärme, Verständnis und Zuspruch. Ich kann diese Kälte und das Schweigen nicht mehr ertragen. Ich weine, aber ich bin entschlossen. Nicht aus Wut oder Rache. Nein, ich will meinen Bedürfnissen nachkommen. Es geht um mich und um das, was ich brauche, um gesund zu werden. Da ich nur wenige Tage habe, an denen es mir körperlich gut geht, versuche ich mich damit nicht lange aufzuhalten. Ich verdränge und erfreue mich an den Dingen, die der Tag bringt. Ich habe eine gute Zeit. Gut heißt, so gut, dass ich nicht auf dem Sofa oder im Bett liegen muss. Schwach fühle ich mich zwar immer irgendwie, aber ich bezeichne diesen Zustand als blendend. Malte und ich treffen uns mit Freunden und ich freue mich darauf. Weiß aber, dass ich nicht lange durchhalten werde und bekomme ein schlechtes Gewissen, weil ich spüre, dass Malte gerne länger bleiben würde. Er kann schlecht mit der Situation umgehen, für ihn muss es ja schließlich normal weitergehen. Ich habe keine Ahnung, wie ich es ihm recht machen kann und frage mich manchmal, ob er überhaupt versteht, was gerade passiert. Ich weiß, dass er nicht aus Boshaftigkeit so handelt, dennoch ist es nicht das, was ich brauche. Aber es tut gut, aus dem Tunnel herauszukommen und für wenige Momente einmal nicht an meine Krankheit zu denken. Während ich den Abend genieße, spüre ich, wie es mir zunehmend schlechter geht. Meine Ressourcen sind schneller aufgebraucht als gedacht. Die Rache meines Ausgehens kommt ungehindert: In der Nacht überfallen mich Übelkeit, Durchfälle und Herzrasen. Ich weine, weil ich glaube, schöne Zeiten offensichtlich nicht verdient zu haben. Meine Hoffnung und mein Mut verlassen mich in solchen Situationen, aber ein Blick auf meine wunderbaren Jungs hilft mir, wenigstens für den Moment Freude und Stolz zu empfinden, auch wenn mir übel ist. Sie sind da, und das ist alles, was zählt.
Es ist wieder Sonntag und die Prozedur der Kortisoneinnahme beginnt erneut. Somit auch die Angst und die Nervosität. Ich sitze vor den Tabletten und alleine die Vorstellung, sie einnehmen zu müssen, löst in mir Übelkeit aus. Mich überfallen Weinkrämpfe. Meine Kinder sind nicht da. Malte bringt die Jungs heute zu seinen Eltern, da ich zu erschöpft bin und mich auf die zweite Chemo vorbereiten muss. Ich bin kurz alleine, was mir guttut, und nehme mir die Zeit, in aller Ruhe und Lautstärke so zu weinen, wie ich es gerade brauche. Es muss sich fürchterlich angehört haben.
Am nächsten Tag schiebe ich meinen Sohn im Kinderwagen vor mir her auf dem Weg in die Onkologie. Der Weg führt vom Parkplatz durch ein kleines parkähnliches Gelände. Die Onkologie liegt im hinteren Gebäude. Meine Mutter begleitet mich wieder. Ich kann sehen, wie sie leidet. Ich glaube, ihr geht es auch schlecht. Sie ist still. Spannung liegt in der Luft. Wir fahren mit dem Fahrstuhl hoch in den zweiten Stock. Die Tür öffnet sich und ich rieche sofort diesen ekelhaften Geruch, der aus all diesen Räumen dringt. Mir wird schlagartig übel. Panik überfällt mich und meine Beine werden weich. Ich beginne augenblicklich zu weinen und möchte umkehren, einfach wegrennen. Dieser Situation entfliehen, dieser Krankheit davonrennen und vergessen, was war. Doch wenn ich das tue, sterbe ich ganz sicher. Ich bin in einer schlechten, verzwickten Situation, aus der ich nicht so einfach herauskomme. Ich kann nicht einfach weglaufen, wie ich das früher gerne tat. Ich muss mich diesem Wahnsinn aussetzen. Bin den Ärzten ausgeliefert. Panik steigt in mir hoch.
Diesmal muss ich nicht in das Wartezimmer. Ich komme direkt in meinen Raum, mit der tollen Liege. Um meine Angst unter Kontrolle zu bekommen, um mich von all dem abzulenken, was gleich in meine Venen fließt, setze ich mir die Kopfhörer auf und höre meine Musik. Ich bin so schon irre nervös. Gleich, wenn das Teufelszeug kommt, werde ich mich wieder nicht bewegen dürfen. Meine Angst wird stärker und stärker und jetzt plagen mich auch schon Bauchschmerzen. Ich hoffe, dass nichts danebenläuft … Mir wird bewusst, dass ich heute zu nichts mehr in der Lage sein werde und auch die kommenden Tage fürchterlich werden. Gerade hatte mich dieses schwere Gefühl etwas verlassen – und nun ist es wieder soweit. Der Blick zum Infusionsständer erzeugt Ekel. Das rosa-pinke Zeug hängt schon dran. Ich bin innerlich total panisch, völlig außer Kontrolle. Aber ich darf mich nicht bewegen. Meine Mutter und mein Söhnchen begleiten mich, aber heute kann ich kaum lächeln.
