Captain Phil Harris - Josh Harris - E-Book

Captain Phil Harris E-Book

Josh Harris

4,4

Beschreibung

Sein Gespür für die besten Fangreviere der Beringsee und sein bedingungsloser Einsatz für seine Crew sind legendär. Seine Trunksucht, notorische Untreue und Wutanfälle waren gefürchtet. Und als Kapitän Phil Harris mit nur 53 Jahren in Anchorage, Alaska, starb, kannte ein Millionenpublikum sein von Stürmen und Wodka gezeichnetes Gesicht. Wer war der Mann, den seine Gefährten wahlweise den "König der Beringsee" oder den "zähesten Bastard der Welt" nannten? Fesselnd geschildert von Harris' Söhnen, erzählt Captain Phil Harris von den Träumen eines kleinen Jungen auf dem Fangboot seines Vaters, von der ersten Sturmfahrt eines siebzehnjährigen Greenhorns - unbezahlt und seekrank - und vom märchenhaften Aufstieg eines abgewrackten Krabbenfischers zum schillernden Fernseh-Helden der DMAX-Serie "Fang des Lebens". Ein Leben so wild und unberechenbar wie die Beringsee. Die Saga von einem unbeugsamen Kapitän und seinen Dämonen, von der Macht der rauen See und der Kraft der Vaterliebe.

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Seitenzahl: 373

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Josh und Jake Harrismit Steve Springer und Blake Chavez

CAPTAIN PHIL HARRIS

Fischer, Outlaw, Fernseh-Held – ein wildes Leben, erzählt von seinen Söhnen

Aus dem Englischen von Olaf Kanter

CAPTAIN PHIL HARRIS

Fischer, Outlaw, Fernseh-Held – ein wildes Leben,

erzählt von seinen Söhnen

EDITION CAMPFIRE

Deutsche Erstausgabe

Juni 2014

Alle Rechte vorbehalten.

© 2014 by Ankerherz Verlag GmbH, Hollenstedt

© 2013 by Jake Harris, Josh Harris, and Steve Springer

Die englischsprachige Originalausgabe »Captain Phil Harris: The Legendary Crab Fisherman, Our Hero, Our Dad« erschien 2013 bei Simon & Schuster, New York.

Übersetzung: Olaf Kanter, Hamburg

Fotografien: Privatarchiv Jake und Josh Harris, mit Ausnahme der Fotoreportage auf den Seiten 10–27: Todd Stanley; sowie der Seiten 6–7, 36, 39, 157, 210–211, 250–251, 255: Corey Arnold.

Umschlag-/Reihengestaltung, Layout und Satz: Ana Lessing, Berlin

Korrektorat: Wolfgang Sand, Landsberg

Herstellung: Peter Löffelholz, Berlin

E-Book: Max Dombrowski, Berlin

Ankerherz Verlag GmbH, Hollenstedt

[email protected]

www.ankerherz.de

ISBN: 978-3-940138-74-3

Dieses Buch ist allen Fans von »Fang des Lebens« gewidmet, die unseren Vater von Tag eins der ersten Folge an unterstützt haben. Ihr habt in unserem Dad genau das erkannt, was wir an jedem Tag unseres Lebens in ihm gesehen haben.

Ihr habt ihn mit offenen Armen zu euch ins Wohnzimmer eingeladen – und ihn so in den Kreis eurer Familie aufgenommen.

Unser Dad war immer stolz auf seine vielen Fans auf der ganzen Welt, und er war dankbar, dass er so viele Menschen erreichen konnte. Ihr wart alle da, als wir ihn verloren haben, und deshalb gehört ihr für uns zum erweiterten Familienkreis.

Im Geiste wird er immer für uns da sein, bis in alle Ewigkeit.

Dad hat es immer so gesagt:

Ihr könnt zusehen, wie etwas passiert.

Ihr könnt zusehen, dass etwas passiert.

Oder ihr könnt euch wundern, was zum Teufel passiert ist.

Wir haben uns die Worte unseres Vaters zu Herzen genommen und hoffen, dass sie auch euch inspirieren. Wir danken euch für eure Liebe und eure Unterstützung.

Josh und Jake Harris

DER GEFÄHRLICHSTE JOB ALASKAS

Eine Fotoreportage

Von Todd Stanley

BIS GANZ ZUM SCHLUSS

Als Captain Phil Harris im Krankenhaus aus einem künstlichen Koma erwachte und nicht sprechen konnte, schrieb er einen Zettel. »Filmt weiter«, stand darauf. »Das Ende fehlt noch.« Sechs Jahre lang hatte der Kameramann Todd Stanley bis dahin die Arbeit der Fischer an Bord der Cornelia Marie dokumentiert. Er war in den schlimmsten Stürmen dabei, während der Konflikte zwischen Captain Harris und seinen Söhnen und auch in den Stunden, in denen es um Leben und Tod ging. »Wir sind eine große, enge Familie geworden«, sagt Stanley. Im Moment des Todes von Captain Harris liefen die Kameras nicht. Für seinen berührenden und gleichzeitig respektvollen Umgang mit der Situation wurde Stanley, mehrfacher Emmy-Preisträger, in den Medien gelobt.

Wir zeigen hier seine besten Bilder von Bord der Cornelia Marie, auf der er viele Reisen auf die Beringsee vor Alaska unter­nahm.

Todd Stanley, Jahrgang 1971, lebt in Lotus, Kalifornien. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Das mystische Nordlicht tanzt am Himmel über Alaska. Gottes große Bühne. Doch wendet man den Blick nur ein wenig weiter gen Südwesten, verliert die karge Schönheit dieser unwirtlichen Region unseres Planeten schnell ihren Reiz. Wer hier unterwegs ist, muss einiges an Härte mitbringen. Das Terrain der Aleuten, einer Inselkette im Süden der Beringsee, ist rau, eigentlich kaum bewohnbar, und die Gewässer rund­he­rum sind noch bedrohlicher.

Die wenigen Seelen, die es mit den harschen Bedingungen hier aufnehmen, müssen sich ihren Lebensraum mit Eisbären, Seeottern und Weißkopfseeadlern teilen. Und das ist nur der kleinste Teil der Bevölkerung in diesen Breiten: 25 Arten von Meeressäugern sind hier zu Hause, Wale und Robben. Die Zahl der Vögel am Himmel über Alaska wird auf 110 Millionen geschätzt, 40 Arten sind heimisch im hohen Norden. Dazu kommen hunderte Spezies von Wirbellosen und noch einmal 450 Fischarten.

Die meisten Menschen, die sich in diese Grenzregionen der Zivilisation vorwagen, sind in der Fischindustrie beschäftigt. Ein Teil von ihnen arbeitet in den diversen Fischfabriken der Aleuten, die Übrigen verdingen sich als Crew der Fischfangflotte und trotzen den Gefahren der Beringsee.

Die Schiffe, mit denen sie hier zum Fischen rausfahren, sind von anderer Bauart als die Kutter, die an der Ostküste Amerikas im Einsatz sind. Kein Krabbenfänger auf der Beringsee ist kürzer als 30 Meter und nicht wenige der ganz großen Schiffe sind länger als 60 Meter. Kutter an der Ostküste bringen es im Schnitt gerade mal auf ein Viertel davon. Die größeren Dimensionen müssen sein, wenn man Wellen überstehen will, die so hoch werden wie ein Haus mit vier Stockwerken.

Kurz: Es ist ein besonderer Menschenschlag, der auf der Beringsee fischt.

Die Fischgründe der Krabbenfänger sind im Prinzip auf die gesamte Beringsee verteilt, die mit ihren 2,25 Millionen Quadratkilometern das drittgrößte Nebenmeer der Welt ist. Die Beringsee ist die nördliche Verlängerung des Pazifiks; am Westufer liegt Russland, gegenüber Alaska, und den Abschluss im Süden bilden die Aleuten. Hinter der Meerenge im Norden, der Beringstraße, liegt der arktische Ozean.

Das Beringmeer ist schon immer ein Mysterium gewesen für die Seeleute, die auf seinen Wassern kreuzten, ein Meer mit einer gespaltenen Persönlichkeit. An manchen Tagen ist es glatt wie Glas und so still, dass man den Schrei einer Möwe noch aus großer Entfernung hört. An solchen Tagen ist das Meer majestätisch. Seeotter lassen sich faul auf dem Rücken liegend von der Strömung treiben, am Horizont sieht man einen Wal blasen, überall tummeln sich Robben und Seelöwen, während Delfine der auslaufenden Fangflotte ein spielerisches Geleit geben; in den Augen vieler Seefahrer ein gutes Omen.

In nur wenigen Stunden kann sich diese Idylle dramatisch wandeln: Dann demonstriert die Natur, welche tödliche Gewalt in ihr steckt, und es ist vorbei mit der Schönheit dieses riesengroßen Aquariums. Über tausend Quadratseemeilen heulen plötzlich Stürme mit Windgeschwindigkeiten, wie man sie sonst nur von Orkanen kennt – der Rekord für die Beringsee liegt bei 254 Kilometer pro Stunde, eine Windstärke wie bei einem Wirbelsturm der Kategorie 5. Solche Winde peitschen das Meer zu gigantischen Wellen auf, die höchsten in der Beringsee wurden auf 100 Fuß geschätzt – also an die 30 Meter. Wenn ein Schiff von einem gigantischen Brecher getroffen wird, knallen mehrere tausend Liter Wasser aufs Deck. Und dabei reden wir noch nicht von dem wahren Räuber der See, dem Kaventsmann, der sich bei der Überlagerung verschiedener Wellensysteme zu noch höheren Wellenkämmen aufbäumen kann, zu einer wahren Wand aus Wasser.

Und als wären Wind und Wellen noch nicht gefährlich genug, kommen auch noch die Temperaturen dazu: Im Winter, zur Hochsaison der Krabbenfischerei, geht es schon mal bis zu minus 40 Grad runter. Wenn das Quecksilber so weit fällt, verwandelt sich Gischt sofort zu Eis, und die Crew steht draußen an Deck in einem Hagel feiner Eissplitter.

Überall auf dem Boot ist Eis: am Bug, an Deck, auf den 400 Kilogramm schweren Stahlkäfigen für den Krabbenfang, auf allen Seilen, auf jeder Winsch, selbst in den Bärten der Crew. Der Eispanzer an Deck wird tonnenschwer, was die Statik des Schiffs komplett auf den Kopf stellen kann. Je dicker die Eislast, desto größer die Gefahr, dass der Kahn auf die Seite rollt und kentert – das Todesurteil für alle an Bord.

Um dieses Schicksal abzuwenden, muss die Crew raus und mit großen Hämmern das Eis abschlagen. Ein knochenharter Job, oft ist die Crew stundenlang draußen in der Eiseskälte. Wenn die Männer das Eis endlich beseitigt haben, können sie wieder fischen. Oft dauert es nur wenige Stunden, bis der Eispanzer wieder so weit angewachsen ist, dass die ganze Prozedur von vorne losgeht.

Auch das Eis im Wasser, in Form von Eisbergen, birgt Gefahren. Eine einzige unsanfte Begegnung mit einem solchen Riesen kann der Besatzung zum Verhängnis werden. Die Krabbenfischer sind in viel kleineren Schiffen unterwegs – und sie müssen nah ran an diese Ungeheuer. Krabben versammeln sich gerne mal unter den großen Eisbrocken. Und Krabbenfischer müssen dorthin, wo die Krabben sind.

Das Gesetz schreibt es vor, dass Schiffe auf der Beringsee für jedes Crewmitglied einen so genannten Überlebensanzug an Bord haben, und das wird von der Küstenwache regelmäßig überprüft. Die Kontrolleure lassen sich sogar vorführen, wie schnell die Besatzung ihre Anzüge anlegen kann. Wenn ihr Schiff sinkt, müssen sie die Montur in weniger als einer Minute anziehen können – davon hängt es ab, ob sie eine Havarie überleben.

Denn zwischen der Beringsee und den Männern, die auf ihr fischen, gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Wer ohne den Anzug ins Wasser fällt, hat sein Leben verspielt. Wer bei Temperaturen von unter Null ins Wasser stürzt, ist praktisch sofort wie gelähmt, denn die Hyperthermie setzt fast unmittelbar ein. Lebenswichtige Organe versagen, und nach wenigen Minuten ist man an der Schwelle zum Tod. Und die Zeit, die einem bleibt, reicht meistens nicht für eine Rettungsaktion. Weil die Krabbenfänger große Schiffe sind, brauchen sie an die zehn Minuten, bis sie gewendet und zu der Stelle zurückgefahren sind, wo der Mann über Bord gegangen ist. Hohe Wellen und Dunkelheit erschweren die Suche nach einem Verunglückten zusätzlich.

Allein schon an Bord eines Krabbenfängers zu sein, ist ein riskantes Unterfangen, und die Fischer sind nie einfach nur Passagiere auf einer solchen Reise. Sie sind da, um einen Job zu erledigen, und dieser Job ist mörderisch. Nehmen wir nur die Aufgabe, die tonnenschweren Krabbenfallen, die Pots, an Deck zu stapeln. Auch wenn der hydraulische Kran dabei hilft, die schweren Kästen zu bewegen, müssen sie per Hand in die richtige Position manövriert werden, damit die Stapel unterwegs nicht umkippen und die Crew unter sich begraben. Dabei ist pure Muskelkraft wichtiger als Fingerspitzengefühl. Doch selbst wenn die Pots fachmännisch aufgestapelt sind, können sie jederzeit umkippen, etwa wenn sie mit einer dicken Eisschicht überzogen sind.

Auch ohne größere Katastrophen werden die Crewmitglieder physisch regelrecht durch die Mangel gedreht. Es ist völlig normal, wenn sie bei Seegang draußen auf Deck dauernd so gegen die Pots geworfen werden, dass sie sich das Steißbein blutig schlagen. Ein wunder Hintern und ein zerschundener Rücken gehören einfach zum Job, fertig.

Die extremen Temperaturstürze und die ständigen Wetterkapriolen ruinieren jeden, da kann man noch so abgehärtet sein. Wenn ein Gesicht dem eisigen Wind ausgesetzt ist, pellt die Haut sich in großen Streifen ab wie bei einem schweren Sonnenbrand. Die Pranken eines Beringsee-Fischers sind derart rau und schwielig, dass dagegen selbst die Hände eines professionellen Rodeoreiters zart und sorgfältig manikürt wirken. Die Seeleute auf einem Krabbenfänger können von Glück reden, wenn sie überhaupt noch alle Finger haben. Und das, was übrigbleibt, ist dann eben krumm, geschwollen, deformiert. Für einen Krabbenfischer ist es so selbstverständlich, seine eigenen Wunden zu nähen, wie für einen Zimmermann, ein Pflaster aufzukleben.

Die extremen Gefahren des Jobs spiegeln sich auch in den offiziellen Statistiken der Behörden wider: In der Rangliste der tödlichen Arbeitsunfälle nimmt die Krabbenfischerei regelmäßig die Spitzenposition ein. Hoch­gerechnet auf 100.000 Beschäftige fordert die kommerzielle Fischerei jedes Jahr rund 120 Todesopfer – das ist 35-mal mehr als der Schnitt der amerikanischen Industrie insgesamt. In der Forstarbeit werden jährlich um die hundert tödliche Unfälle gezählt, unter Piloten und technischem Flug­personal gibt es 57 Opfer. Bei Krabbenfischern in der Beringsee liegt die Todes­rate noch einmal deutlich höher. Einer Studie der Bundesbehörde für Arbeitsschutz zufolge sterben auf 100.000 Beschäftigte gerechnet jedes Jahr 260 Männer bei der Ausübung ihres Jobs. 80 Prozent der Todesfälle sind auf Ertrinken oder Unterkühlung zurückzuführen. Wer über Bord fällt, hat schlechte Karten.

Angesichts solcher Bedingungen ist es keine Übertreibung zu sagen: Einen härteren Schlag als die Krabbenfischer gibt es auf dem ganzen Planeten nicht.

Es war genau dieses Leben, das unserem Vater bestimmt war, als er am 19. Dezember 1956 das Licht der Welt erblickte.

UNSER VATER,DER KAPITÄN

Wer die TV-Doku »Fang des Lebens« kennt, kennt Phil Harris. Die Zuschauer konnten verfolgen, wie er sein Schiff, die Cornelia Marie, auch unter grausamen Bedingungen sicher steuerte, egal wie hoch sich die Wellen oder das Eis der Beringsee auftürmten. Sie wurden Zeuge, wie er im Laufe der Jahre abertausende Tonnen Krabben aus dem Meer gefischt hat. Immer hat er es geschafft, seine Fangquote auszuschöpfen, in guten wie in schlechten Jahren. Und sie bewunderten, wie es ihm jedes Mal aufs Neue gelang, aus harten und sturen Seeleuten eine eingespielte Crew zu formen. Er war so etwas wie eine Vaterfigur dieser Familie zur See, das Oberhaupt des Clans der Fischer.

Die Zuschauer lachten über seine Witze und spürten die Kraft seiner Persönlichkeit. Sein Mut flößte ihnen nicht selten Ehrfurcht ein. Und sie weinten, als er viel zu früh starb. Er wurde gerade einmal 53 Jahre alt.

Aber unser Vater war keine Figur aus einer TV-Serie, die sich ein cleverer Drehbuchschreiber ausgedacht hat, kein Job für einen Schauspieler. Er war ein Mensch aus Fleisch und Blut mit einer Familie und einer bewegten Biografie. Sein wirkliches Leben war mindestens so spannend und unterhaltsam wie die Episoden der TV-Serie, die der Discovery Channel auf der ganzen Welt ausstrahlt. Aber dieses Leben von Phil Harris bekamen die Zuschauer nicht zu sehen.

Drei Jahre nach seinem Tod ist es an der Zeit, denken wir, seinen Millionen Fans zu erzählen, wer der Mann hinter dem Mythos wirklich war. Aus diesem Grund haben wir dieses Buch geschrieben.

Ihr werdet unserem Großvater Grant begegnen, dem ersten Harris, der zur See fuhr und damit den Kurs vorgegeben hat, dem wir nun seit drei Generationen folgen. Denn unser Vater tauchte selbstverständlich nicht urplötzlich auf der Brücke eines Schiffs auf. Ihr werdet die Vorgeschichte erfahren und sehen, welche Widerstände und Ängste er überwinden musste, weil sie seinem Traum im Weg standen, Kapitän auf einem Krabbenfänger zu werden.

Seine Mutter starb an Krebs, da war er gerade einmal acht. In der Highschool trug er den wenig schmeichelhaften Titel »Aus dem wird nie was«, und als er zum ersten Mal auf einem Schiff anheuerte, hielten ihn die anderen Fischer für eine absolute Niete. Mitfahren durfte er nur, weil er praktisch umsonst arbeitete. Er war für alle nur das Greenhorn, der blutige Anfänger, und stand in der Hackordnung an Bord auf der untersten Stufe. Sein erster Kapitän machte sich ständig lustig über ihn und ließ keine Gelegenheit aus, seiner Verachtung für den Neuling Ausdruck zu verleihen – gerne so laut, dass es die ganze Crew hören konnte.

Doch in unserem Vater haben Spott und Häme nur den Ehrgeiz geweckt, allen zu zeigen, dass er es eben doch draufhat. Diese Entschlossenheit, sich unter allen Umständen zu beweisen, hat ihn sein ganzes Leben lang angetrieben, auch als er längst erfolgreicher war, als er es sich je erträumt hatte, und zu den besten Fischern der gesamten Beringsee-Flotte zählte.

Als der TV-Produzent Thom Beers 2005 mit den Vorarbeiten für »Deadliest Catch« begann, wurde ihm schnell klar, dass es für die Hauptfigur der Serie nur einen Mann gab: unseren Vater.

Wir erzählen euch, wie er war, wenn er nicht zur See fuhr. Denn die Zeiten in Dutch Harbor, diesem einsamen Vorposten Alaskas auf den Aleuten, waren schon ziemlich verrückt. Dasselbe lässt sich allerdings ohne Übertreibung auch über die Jahre in seinem Heimatort Bothell sagen, ein winziges Kaff im Bundesstaat Washington. Auf seiner Harley oder hinter dem Lenkrad einer Corvette war er genauso eine Legende wie an Deck der Cornelia Marie.

Unsere Mutter werden wir ins Rampenlicht rücken, auch das ist eine Premiere, ebenso wie die vielen Freunde, die Phil über die Jahre begleitet haben.

Wir wollen allen zeigen, wie er als Ehemann war, als Vater und als Kumpel. Alle sollen verstehen können, dass er auch für uns ein Held war und dass wir alles, was wir von ihm gelernt haben, ein Leben lang in uns tragen werden.

»Wir finden beide langsam zu uns selbst.« Josh am Fisherman’s Terminal in Seattle.

Seelenverwandte: Jake mit seinem geretteten Pitbull Rasta vor seinem Zuhause in Monroe, Washington.

Er hat es wirklich wild getrieben an Land, das soll hier nicht unterschlagen werden. Aber sowie die Cornelia Marie den sicheren Hafen verlassen hatte, verwandelte er sich in einen anderen Menschen: Von diesem Moment an war er ein versierter, gewissenhafter Seemann, der unter seinesgleichen den größten Respekt genoss. Die erste und wichtigste Aufgabe eines Kapitäns ist es, sein Schiff und seine Besatzung heil wieder zurückzubringen, und diese Verantwortung hat wohl kaum jemand so ernst genommen wie unser Vater.

Sein Ehrgeiz, einen guten Fang zu machen, ließ ihn niemals vergessen, dass er draußen auf der Beringsee keine unkalkulierbaren Risiken eingehen durfte. Natürlich kamen wir ihm viel näher als der Rest der Crew, doch ihm war das Wohlergehen aller Männer zu jeder Zeit genauso wichtig wie das seiner Söhne.

Gleichzeitig war niemand so gut darin, Krabben aufzuspüren, wie unser Vater. Jeder Kapitän hat seine eigenen Tricks und geheimen Fanggründe. Nur waren sie bei unserem Vater immer noch ein paar Tonnen ergiebiger als bei den anderen.

Es vergeht kein Tag, an dem uns nicht irgendjemand sagt, wie sehr er unseren Vater vermisst. Wir hoffen, dass es uns mit diesem Buch gelingt, ihn für einen Moment wieder zum Leben zu erwecken.

Um unsere Geschichte aufzuschreiben, haben wir zwei Profis als Verstärkung angeheuert: Steve Springer, 25 Jahre lang Reporter bei der »L. A. Times« und Autor von elf Büchern, und den Schriftsteller Blake Chavez. Sie haben mit den Menschen gesprochen, die im Leben unseres Vaters eine wichtige Rolle gespielt haben, und so eigene Eindrücke gesammelt. So ist ein Porträt unseres Vaters entstanden, das nicht immer schmeichelhaft ist, aber dafür ehrlich – und hoffentlich eine Quelle der Inspiration. Unser Vater hätte nichts anderes gewollt.

Er selbst hat es so gesagt: »Was mein eigenes Leben betrifft – alles ist erlaubt.«

Das ist nun dabei rausgekommen: ein Buch über die zwei Gesichter des Phil Harris. Den einen glaubt ihr vielleicht zu kennen. Den anderen, den echten Phil Harris, seht ihr hier zum ersten Mal.

Josh und Jake Harris

In Gedenken an ihren Vater: Josh und Jake am Fisherman’s Memorial in Seattle.

SALZWASSER IM BLUT

Grant Harris war die Seefahrt nicht in die Wiege gelegt worden, er stammte nicht aus einem Clan namhafter Fischer und folgte keiner Familientradition. Aber er begründete eine neue, so viel ist mal sicher.

Grant, 1933 in Seattle geboren, hat seinen Vater, einen Stahlarbeiter, nie kennengelernt. Seine Eltern hatten sich scheiden lassen und waren ihre eige­nen Wege gegangen, bevor er das Licht der Welt erblickte.

Obwohl er in Seattle aufwuchs, einer Hafenstadt mit einer großen Fischereiflotte, behielt er lange festen Boden unter den Füßen. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Automechaniker und arbeitete auf dem Bau. Erst 1961, mit 27 Jahren, heuerte er das erste Mal auf einem Schiff an. Über Kanus und Ruderboote war er bis dahin nicht hinausgekommen.

Sein erstes Schiff war die Reefer II, ein Frachter, der auf See tiefgekühlten Fisch bei den Trawlern abholte und zu den Fischfabriken in Alaska brachte. Auf seinen fünfjährigen Sohn Phil wirkte der Abschied des Vaters wie der Aufbruch zu einem großen Abenteuer.

»Es war ein knochenharter Job, aber wenn man jung ist, macht einem das nicht so viel aus. Für mich galt immer: Je härter es wurde, desto größer war auch die Herausforderung.« Grant Harris

Sechs Monate dauerte Grants erste Fahrt, sechs Monate ohne Frau und Sohn, das tat weh. In den folgenden Jahren sollten noch viele solcher langen Reisen folgen. Die Familie gewöhnte sich an den neuen Rhythmus, und Grant lernte, was es bedeutete, ein Fischer zu sein. Doch kaum hatte er seine Liebe zur See entdeckt, verlor er die größte Liebe seines Lebens. 1964 starb seine Frau Phyllis mit gerade einmal 27 Jahren an Hautkrebs.

Phil, acht Jahre alt, war am Boden zerstört, in seinem Leben klaffte plötzlich ein Loch, das nicht mehr zu füllen war. Weil sein Vater stets die Hälfte des Jahres auf See verbracht hatte, war die Bindung zu seiner Mutter umso stärker geworden. Ein Band, das Phil für unzerstörbar gehalten hatte.

Seine beiden Großmütter versuchten, ihn wieder aufzurichten. Ersatzmütter wollten sie sein, jeder Besuch von Phil sollte etwas Besonderes sein. Sie überhäuften ihn mit Geschenken, wachten über seine Hausaufgaben und pflegten ihn hingebungsvoll, wenn er sich eine Erkältung eingefangen hatte. Sie waren immer für ihn da – besonders wenn Grant auf See war.

Um seinem Sohn den Halt der gewohnten Umgebung nicht zu nehmen, behielt Grant das Haus der Familie in Bothell, auch wenn jedes einzelne Zimmer ihn daran erinnerte, wie sehr ihm seine Frau fehlte. Bothell sollte der einzige Ort sein, den Phil je sein Zuhause nannte. Das Städtchen liegt zwölf Meilen nordöstlich von Seattle und hatte rund 2200 Einwohner, als er noch ein Kind war. Ein ruhiger Ort, die meisten Bürger zählten zur Mittelschicht und verdienten ihren Lebensunterhalt in der Industrieproduktion oder der Forschung und Entwicklung.

In Bothell zu bleiben hatte für Phil einen wichtigen Vorteil: Er konnte weiter zur selben Schule gehen und behielt auch seinen Freundeskreis. Trotzdem war Grant klar, dass er ohne Phyllis noch mehr für seinen Sohn tun musste. Als alleinerziehender Vater musste er sein eigenes Leben umkrempeln; monatelang in Alaska zu arbeiten, das war keine Option mehr.

Weil er aber seine Liebe zur See nicht komplett aufgeben wollte, fand er eine Kompromisslösung: Anstatt weiter für andere zu schuften, wollte er sein eigenes Schiff haben und nur noch dann rausfahren, wenn es ihm passte. Mit einem Kompagnon namens Ralph Shumley charterte Grant zunächst ein Boot für den Lachsfang in der Bristol Bay. Rechtzeitig zum Beginn der Saison im Juni nahm er Phil aus der Schule, damit er seinen Vater auf der Reise nach Norden begleiten konnte.

Das Unterfangen verlief derart erfolgreich, dass Grant schon nach zwei Jahren den nächsten Schritt ins Auge fasste – er wollte sein eigenes Schiff kaufen. Der Plan war so lange gut, bis Grant anfing, sich genauer mit dem Markt zu befassen. Denn keines der angebotenen Schiffe genügte seinen Qualitätsansprüchen. Und alle übertrafen den Preis, den er zu zahlen bereit gewesen wäre.

Also legte sich Grant einen neuen Plan zurecht: Er würde sich ein eigenes Boot bauen. Die Konstruktionspläne ließ er von einem Schiffbauer zeichnen, als Material wählte er Alaska-Zeder.

Tagsüber verdiente Grant sein Geld als Zimmermann oder mit Aushilfsjobs, abends und am Wochenende arbeitete er am Ufer des Lake Union an seinem Schiff. Alles, was er bisher als Handwerker gelernt hatte, kam jetzt diesem Projekt zugute.

Oft ging ihm dabei ein junger Helfer zur Hand: Nach der Schule und an Samstagen und Sonntagen kam Phil mit runter zum See und wurde Zeuge, wie das neue Schiff Gestalt annahm. Für den zehnjährigen Jungen, der den Verlust seiner Mutter noch immer nicht verarbeitet hatte, war das eine wichtige und wertvolle Form der Therapie. Was ihn schließlich von seiner Trauer befreite und ihn aus seiner Einsamkeit rettete, war die Verlockung eines Lebens auf See.

»Als ich das Schiff baute, übernahm Phil Lackierarbeiten und andere einfache Aufgaben, die er in seinem Alter schon schaffen konnte. Hauptsache, er war bei mir. In dem Alter kannst du einen Jungen nicht sich selbst überlassen. Seine Mutter war nicht mehr da, deshalb musste ich immer wissen, was er gerade machte.« Grant Harris

Am Ufer des Sees war Phil bald schon bekannt wie ein bunter Hund. Er kletterte von einem Kahn auf den nächsten und saugte alles auf: die Geschichten vom Leben auf See, die Gerüche auf dem Wasser, das Knarzen und Ächzen der Schiffe. Eindrücke, die sich im Kopf des Jungen festsetzten.

Grant brauchte gerade einmal sieben Monate, um das Schiff seiner Träume zu vollenden. Er taufte es auf den Namen Provider, in der Hoffnung, dass es für ihn und Phil genau das sein würde: der Versorger, der Ernährer. Grant ließ das Boot auf einen Frachter laden und nach Norden bringen, in die Bristol Bay. Mit zehn Meter Länge und etwas mehr als drei Meter Breite entsprach es genau den Bestimmungen für die Lachsfischerei vor Ort. Grant suchte sich einen Job in einer Fischfabrik und erledigte die letzten Arbeiten an seinem Schiff nach der Schicht am Abend. Als die Saison für Königslachs im Juni offiziell eröffnet wurde, lief die Provider von Nushagak zu ihrer ersten Fahrt aus. An Bord die beiden Eigner, Grant und Shumley – und ihr jüngstes Crewmitglied Phil.

Für Phil war es der Beginn seines Lebens als Fischer – und er hasste jede Minute. Es ging schon damit los, dass die Lachssaison zur selben Zeit begann wie die Baseballsaison. Phil liebte den Sport über alles und wäre lieber wieder in Bothell gewesen, um mit seinen Freunden zu spielen. Als wäre das nicht schlimm genug gewesen, wurde er auch noch seekrank. Die Wellen der Bristol Bay waren nichts im Vergleich zu den Monstern, die ihm später auf der Beringsee begegnen sollten, aber sie waren allemal heftiger, als er es in seinem Alter vertragen konnte. Er wurde seekrank. Und für ihn gab es nur ein Mittel dagegen – schlafen. Er versuchte, so oft es nur ging, die Augen zuzumachen. Ein Luxus, den er sich als erwachsener Fischer nie wieder würde leisten können.

Grant dachte allerdings nicht daran, seinen Sohn vor der Küste Alaskas spazieren zu fahren. Stattdessen ließ er ihn jeden nur denkbaren Job auf dem Boot machen, von der Vorbereitung der Köder bis zum Ausladen des Fangs im Hafen.

»Mein Großvater hatte nicht die geringste Ahnung, wie man ein Kind erzieht. Also hat er seinen Sohn zum Malocher erzogen.« Jake Harris

Grant beließ es nicht bei der Lachsfischerei. Nach dem Ende der Saison fuhr er bis nach Togiak, ganz im Norden der Bristol Bay, um Hering zu fangen. Er handelte mit Lachsrogen, erledigte Zubringerdienste für andere Fischer, lieferte ihren Silberlachs in den Fischfabriken ab und verdingte sich als Skipper auf fremden Schiffen.

In seinen vielen Jahren auf See hat sich Grant den Respekt der anderen Fischer erworben. Bewundert wurde er vor allem für seine Gelassenheit, die er selbst dann nicht verlor, wenn die Lage wirklich heikel wurde. Zugleich war sein Tatendrang nicht zu stoppen, egal wie schwierig die Bedingungen gerade waren. Auch seine Fähigkeiten als Schiffszimmermann sprachen sich schnell herum; die Provider ist der schwimmende Beweis für sein Können als Bootsbauer. Grant hat sie zwar schon vor vielen Jahren weiterverkauft, aber sie ist noch immer absolut seetüchtig und liegt heute in Seattle – nicht schlecht für ein Schiff, das in Eigenregie nach Feierabend entstand.

Grant machte trotzdem keine große Welle deswegen, überhaupt war er nicht der Typ, der die Aufmerksamkeit sucht. Er blieb lieber schön im Hintergrund. Sein Sohn war als Erwachsener das genaue Gegenteil: Phil liebte den großen Auftritt, das Adjektiv extrovertiert trifft es ganz gut. Dafür waren seine Launen aber auch so explosiv wie die Brecher auf See, laut und reizbar rauschte er durchs Leben, als würde er von einer gewaltigen Strömung mitgerissen.

Wie sparsam Grant mit Worten umging, zeigt folgende Anekdote: Er hatte seinen Enkel Jake gebeten, einen Zaun auf seinem Grundstück niederzureißen. Jake trank noch eine Limo, bevor er sich an die Arbeit machte. Er entdeckte eine alte Kaffeekanne und gab ihr einen kräftigen Tritt. Zu seiner Überraschung summte ein Schwarm Bienen aus der rostigen Kanne und ging sofort zum Angriff über. Nachdem er vier-, fünfmal gestochen worden war, wusste Jake sich nicht anders zu helfen, als das trockene Gras der Wiese in Brand zu setzen. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Grant, der in einem Schuppen vor sich hinwerkelte, bekam nichts mit davon, bis er die Sirene der Feuerwehr hörte, die ein Nachbar alarmiert hatte.

»Was hast du dir dabei bloß gedacht?«, fragte Grant seinen Enkel, während die Feuerwehrmänner im Einsatz waren.

»Ich hab versucht, die verdammten Bienen zu verscheuchen«, erwiderte Jake.

»Ich denke, du hast sie wohl erwischt«, antwortete Grant, lapidar wie immer.

Dass er so schnell nicht aus der Ruhe zu bringen war, rettete Grant auch auf der heikelsten Fahrt seines Lebens. Im Oktober 1978 hatte er das Kommando auf dem knapp 30 Meter langen Krabbenfänger Golden Viking, an dem er gegen einen kleinen Betrag als Miteigner beteiligt war. Mit einer Crew von sechs Leuten – inklusive Phil – waren sie im August in See gestochen. Nach ungefähr zwei Monaten hatte Phil einen Unfall an Deck. Seine Hand wurde zwischen einer Leine und der hydraulischen Winde eingeklemmt, mit der die Krabbenkäfige ausgebracht und eingeholt werden. Der Apparat säbelte ihm die Fingerkuppe ab: Der Knochen war zu sehen, der Nagel komplett weggeklappt. Nach der Erstversorgung der tiefen Wunde dampfte die Golden Viking nach Dutch Harbor zurück, dem Dreh- und Angel­punkt der gesamten Fischerei auf der Beringsee, damit sich ein Arzt um den Finger kümmern konnte.

Leider gab es in Dutch Harbor damals kein Krankenhaus, nicht einmal eine Notfallambulanz. Ein Rettungssanitäter versorgte den Finger provisorisch, mehr konnte er mit seinen begrenzten Möglichkeiten nicht tun, und verfrachtete Phil auf einen Flug ins 2000 Meilen entfernte Seattle. Die Prognose des Sanitäters war düster: Gut möglich, dass der Finger sofort nach seiner Ankunft in der Klinik amputiert werden musste.

Grant bekam davon nichts mit, denn er war sofort wieder in Richtung Beringsee ausgelaufen, nachdem er Phil in Dutch Harbor abgesetzt hatte. So war das nun mal, wenn man als Skipper den eigenen Sohn als Crewmitglied an Bord hatte. Als Vater hätte Grant nichts lieber getan, als bei seinem Sohn zu bleiben. Doch als Kapitän war er zuallererst für das Schiff und den Rest der Mannschaft verantwortlich – und den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Die Golden Viking lieferte ihren Fang in Akutan ab, das etwa fünf Stunden Fahrt weiter westlich lag. Dann nahm sie Kurs auf die Beringsee, um weiter Krabben zu fangen.

Kapitän Phil Harris mit seinem Vater Grant.

»Einen größeren Gegensatz kann man sich nicht vorstellen. Als ich Grant zum ersten Mal traf, konnte ich nicht glauben, dass dieser Mann wirklich Phils Vater war.« Sig Hansen, Kapitän der Northwestern

Anderthalb Tage später geriet das Schiff in den Ausläufer eines Taifuns. Das Wetter war so grausam, dass die Besatzung nachts aufhören musste zu fischen, weil sie nicht mehr sehen konnte, was die See mit dem Schiff anstellte. Ihr Schiff wurde mit einer solchen Wucht von einem Kaventsmann getroffen, dass alle Fenster auf der Brücke ausgeschlagen wurden. Alles stand sofort unter Wasser, die Elektronik verabschiedete sich mit einem letzten Zischen, selbst der Kompass wurde aus seiner Halterung gerissen. Die Antennen des Schiffs, immerhin 15 Meter über dem Wasser montiert, wurden abgerissen. »Die Welle hat einfach alles mitgenommen«, fasste Grant das Geschehen später zusammen.

»Monsterwellen« nennt die Wissenschaft solche Wasserberge, die entstehen, wenn Stürme und starke Strömungen aufeinandertreffen; gebräuchlich sind auch die Bezeichnungen »Kaventsmann«, »Freak Wave«, »Extremwelle« und »Killerwelle«. Wie auch immer man sie bezeichnet, diese gewaltigen Wassermassen sind wohl das Schrecklichste, was einem auf See begegnen kann.

Grant machte eine schnelle erste Bestandsaufnahme des Schadens: Das Sekuritglas der Brückenfenster war nicht einfach gesprungen, es war in tausende Splitter zerborsten und hatte die Rückwand der Brücke teilweise durchschlagen. Grant selbst hatte ein paar Schnittwunden davongetragen, im Gesicht und über den Ohren. Der Kartentisch war samt Schubladen zur Tür rausgeflogen, das Funkgerät war weg, das Radar tot – und damit hatte der Skipper keine Möglichkeit mehr, seine Position zu bestimmen, geschweige denn mit der Außenwelt zu kommunizieren. Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, brach auch noch ein Feuer in einer der Kabinen aus. Eindringendes Wasser hatte einen Kurzschluss verursacht und einen Kabelbrand ausgelöst. Der Schiffsmechaniker rannte zum Stromverteilerkasten im Maschinenraum und rutschte dabei auf den nassen Seekarten aus, die den Boden der Brücke bedeckten. Er krachte gegen eine Wand, stürzte die Treppe hinunter und verletzte sich an der Hüfte. Immerhin gelang es der Crew ziemlich schnell, das Feuer zu löschen. Als Nächstes zersägten die Männer ihre Kojen und schraubten die Sperrholzplatten als Schutz vor die zerborstenen Fenster.

Jetzt sah die Lage schon nicht mehr ganz so finster aus: Die Brücke war vor den Elementen geschützt, das Schiff wieder einigermaßen funktionstüchtig. Die Maschine lief einwandfrei, sie hatten noch genug Treibstoff für die Weiterfahrt und ausreichend Proviant für die Crew. Vor allem aber hatten sie Grant – einen Kapitän, der mit diesen Gewässern so vertraut war wie sonst kaum einer. Auch ohne Elektronik wusste er genau, wo es langging. Für ihn war das Meer wie ein Highway; er sah Leitplanken, wo andere nur auf Wellen blickten. Weil aber selbst der erfahrenste Skipper unter solchen Bedingungen kaum einen geraden Kurs steuern kann, sammelte Grant erst mal den Kompass vom Boden auf und befestigte ihn provisorisch an einem Regal auf der Brücke. »Keine Ahnung, ob das Ding den Kurs noch korrekt anzeigte«, sagte Grant später. »Aber wenigstens wussten wir jetzt, dass wir nicht im Kreis fahren.« Nach den Sternen zu navigieren, war unter den Sturmwolken keine Option. »Hauptsache, ich konnte so ungefähr die Richtung halten. Auf Südkurs würde ich schon irgendwann eine Insel erwischen, so viel war klar. Die Aleuten erstrecken sich ja wie eine lange Kette über tausend Meilen von Ost nach West.« Er hatte zu diesem Zeitpunkt zwar eine ungefähre Ahnung gehabt, wo er sich befand, aber mangels Funkverbindung konnte er es der Außen­welt nicht mitteilen. Weil es kein Lebenszeichen von ihrem Schiff gab, verbreitete sich an Land die traurige Nachricht, dass die Golden Viking vermisst wurde.

Schnell erreichte die Meldung auch Seattle, wo sich Phil von seiner OP erholte. Einen Tag nach der bitteren Prognose des Sanitäters war sein Finger gründlich untersucht worden und die Ärzte hatten ihm versichert, dass eine Amputation nicht nötig sein würde. Der Sanitäter in Dutch Harbor hatte die Wunde so perfekt mit einem Stück Haut vom Unterarm abgedeckt und genäht, dass die neue Haut sich schon mit dem umliegenden Gewebe verbunden hatte. Sein Finger war gerettet.

Es war für Phil also ein Wechselbad der Gefühle – erst die gute Nachricht, dass nicht amputiert werden musste, dann der böse Schatten der Vermutung, dass die Golden Viking verloren war; seit Längerem gab es kein Lebenszeichen von seinem Vater.

Die Küstenwache begann eine groß angelegte Suchaktion, zu Wasser und aus der Luft. Mit jedem Tag, der ergebnislos verging, verblasste die Hoffnung, das Schiff oder wenigstens seine Crew zu finden. Die Vorstellung, nun auch noch seinen Vater zu verlieren, war unerträglich für Phil. Aber er war 21 Jahre alt und erwachsen genug, um zu verstehen, dass er sich damit abfinden musste. Er begann mit den Vorbereitungen für ein Begräbnis.

Auf der Golden Viking verschwendeten sie nicht einen Moment an den Gedanken, dass sie es nicht nach Hause schaffen würden.

»Solange ein Schiff schwimmt, habe ich doch keinen Grund, mir Sorgen zu machen. Alles ist machbar, wenn der Kahn nur über Wasser bleibt.« Grant Harris

Grant hatte mit Bordmitteln Gashebel und Steuer provisorisch repariert, um Kurs halten zu können, aber schneller als einen Knoten lief das Schiff trotzdem nicht. Langsam, viel zu langsam kämpfte sich der havarierte Krabbenfänger zurück in den Hafen von Akutan. Nicht ein Mal kam ein anderes Schiff in Sicht, das ihnen hätte helfen können.

Gegen sechs Uhr morgens an Halloween – also fünf Tage, nachdem der Kontakt zur Golden Viking abgerissen war – guckte ein Seemann auf einem Fabrikschiff in Akutan beim Rasieren aus dem Bullauge und beobachtete einen Dampfer, der gerade in den Hafen der Insel einlief. Es dauerte einen Moment, doch dann erkannte er das Schiff – die Golden Viking. Vor Auf­regung schnitt er sich erst einmal ins Kinn.

Als Grant später davon erfuhr, kommentierte er kurz und trocken: »Manche waren eben doch überrascht, mich wiederzusehen.«

Bei Phil klang die Bilanz weniger nüchtern: »Der ganze Bug war eingedrückt! Mein Vater hat einen Schaden von einer Million Dollar angerichtet – aber allen das Leben gerettet.«

Auch im hohen Alter von 70 Jahren rettete Grant noch Leben, obwohl er eigentlich schon längst seinen Lebensabend genießen wollte. Doch für einen Mann wie Grant existiert so etwas wie Ruhestand wohl nicht, solange er sich noch auf einem Schiff bewegen kann.

Er war 71, als er in der Rolle des Lebensretters noch einmal zu Hochform auflief. Mit Phil und Jake war er in seinem 42-Fuß-Kutter The Warrior vor der Aleuteninsel Unga zum Kabeljaufang rausgefahren. Sie hatten sich gerade auf den Rückweg gemacht, um ihren Fang abzuliefern, als in der Höhe von Sand Point der Motor streikte – ein Leck in einem Ölschlauch. Während Phil sich ans UKW-Gerät hängte, um Mayday zu funken, kletterte Grant mit einem Stück Schlauch und einem Satz Schellen in den Maschinenraum runter, um zu verhindern, dass noch mehr Öl auslief. Keine große Sache, eine solche Notoperation hatte er schon zigmal absolviert. Und mit genügend Zeit hätte er den Job wahrscheinlich selbst mit verbundenen Augen erledigen können.

Nur blieb in diesem Fall keine Zeit. Ein starker Wind und eine fünf Meter hohe Dünung schoben den Kahn unaufhaltsam auf ein Riff zu. Das Leck lag außerdem verdammt ungünstig, er musste sich gegen den Auspuffkrümmer lehnen, um überhaupt an den undichten Schlauch heranzukommen. Es war wirklich Gefahr im Verzug, deshalb blieb ihm der Luxus verwehrt, sich eine weniger schmerzhafte Lösung zu überlegen. Ohne mit der Wimper zu zucken, konzentrierte er sich auf die Aufgabe, das Leck zu stopfen – obwohl der glühend heiße Auspuff dabei seinen Arm verbrannte.

Er erlitt Verbrennungen dritten Grades und fluchte nicht einmal. Vier Stunden später, als alles überstanden war, pellte er sich in Ruhe das Hemd vom Arm. Die Haut war komplett geschmolzen. Als Jake vorschlug, den Arm von einem Arzt versorgen zu lassen, zuckte Grant nur mit den Schultern. Er holte den Erste-Hilfe-Koffer raus und schmierte den Arm mit Jod und mit einer Salbe ein. Ende der Diskussion.

Sie waren bis auf 15 Meter an das Riff herangekommen, als der Motor wieder lief. Grant hatte mit seinem Einsatz gleich drei Generationen der Harris-Familie vor dem Untergang bewahrt. Eine schöne fette Narbe ist ihm als Andenken geblieben, aber er hat es nicht einen Moment lang bedauert, wie er zu diesem Brandzeichen gekommen ist.

Tatsächlich braucht ein Kapitän mehr als Mut und das nautische Handwerkszeug; Zielstrebigkeit und Geduld zählen ebenfalls zu den wichtigsten Tugenden. Wie 1964, als Grant mit der Reefer II und einer Ladung Krabbenkonserven von Kodiak Island Kurs auf Cape Spencer nahm. Normalerweise dauert die Fahrt über den Golf von Alaska zweieinhalb bis drei Tage. Doch dieses Mal kamen ihm ein paar besonders wilde Stürme dazwischen, und er brauchte 18 Tage für die Reise. »War nicht so, dass wir kurz davor waren zu sinken oder so«, fasste Grant die Reise später zusammen. »Aber wir nahmen ordentlich Wasser über. Unsere Pumpen liefen nonstop, und wenn wir auch noch einen Wassereinbruch gehabt hätten, wären wir wohl abgesoffen.« Sein Schiff kam kaum noch voran, mühsam ackerte es sich durch den Sturm: »Langsamer, als wir da gefahren sind, geht überhaupt nicht mehr. War kein guter Törn.«

Er geriet immer wieder in solche Situationen, dazu musste er nicht mal auf See sein. Einmal war er bei Mike Lavallee zu Besuch, der in Snohomish – etwa zwanzig Meilen nördlich von Seattle – eine Spezialwerkstatt für Airbrush-Lackierungen hatte. Mike fiel sofort auf, dass Grants Hemd in Brusthöhe zu einem seltsamen Knoten verdreht war.

»Grant, was hast du mit deinem Hemd angestellt?«, fragte Mike.

»Tja, heute habe ich es fast zu weit getrieben«, erwiderte er.

In diesem Fall meinte er das wörtlich.

Grant erledigte am liebsten alles selbst, auch die Arbeiten an seinem Auto. Dieses Mal wollte er bei seinem Pick-up eine Ummantelung am Kühler befestigen. Von vorne kam er mit seinem Bohrer nicht an das Blech ran, weil noch eine Schutzabdeckung im Weg war, also bohrte er von hinten. Der Bohrer flutschte durch das erste Blech und sauste gleich auch noch durch das zweite – und weiter auf den 77-jährigen Grant zu. Einen Moment lang muss es ausgesehen haben wie ein Samurai, der sich ins eigene Schwert stürzt.

Der Bohrer erwischte das Hemd, wirbelte es herum und stockte erst unmittelbar vor der Brust des tollkühnen Bastlers. Grant kam mit dem Schrecken davon und einem winzigen Kratzer. Und er hatte wieder eine Geschichte mehr zu erzählen, wie er dem Tod von der Schippe gesprungen war. Mike war völlig entgeistert, er konnte nicht fassen, in welche Gefahr sich sein Freund gebracht hatte. »So kann’s kommen«, sagte Grant nur.

AUS DEM WIRD NIE WAS

Als Jugendlicher hatte Phil Harris ein paar ständige Begleiter: seine Kumpels Jeff Sheets, Joe Durvey und Mike Crockett – und die Polizei von Bothell. Wenn die Cops hörten, wie irgendwo im Ort ein Motor mit hoher Drehzahl aufheulte, egal ob Auto oder Motorrad, dachten sie gleich an Phil.

Grant Harris gab sein Bestes, um ein fürsorglicher Vater zu sein, aber nachdem seine Frau an Krebs gestorben war und er selbst mit diversen Jobs zu kämpfen hatte, blieb Phil häufig sich selbst überlassen. Und der wusste die neuen Freiräume zu nutzen.

Schon in der siebten Klasse folgte er seinem eigenen Tagesablauf. Er wartete, bis sein Vater zur Arbeit gefahren war. Dann schnappte er sich ein paar Kissen, legte sie auf den Fahrersitz des Zweitwagens, damit er so gerade über das Lenkrad gucken konnte – und los ging’s.

Weit ist er nie gekommen, denn die Polizei hatte seinen Plan bald durchschaut. Die Polizisten hielten gleich morgens Ausschau nach Phil und eskortierten ihn zurück nach Hause. Sie wussten, dass Phil keine Mutter mehr hatte, und riefen direkt bei Grant an, um sich zu beschweren: »Du kannst deinen Sohn nicht mit dem Auto rumkurven lassen.« Wenn sie Grant nicht erreichen konnten, nahmen sie Phil mit auf die Wache, wo er im Laufe der Jahre so viel Zeit verbrachte, dass er schon fast als Polizei-Maskottchen durchging.

Als Phil 15 wurde, zog er von zu Hause aus. Er war Schlagzeuger in einer Band, zu der auch Jeff und zwei weitere Freunde zählten, und fand, dass er und seine Kumpels eine eigene Wohnung brauchten. Dort wollten sie zusammen wohnen, an ihren Songs tüfteln – und die Mädels beeindrucken. In der Schule ließ er sich nur noch selten blicken, und seine Noten waren entsprechend mies. Entschuldigungen schrieb er sich immer selbst, umständliche und ausschweifende Erklärungen, warum er leider wieder nicht am Unterricht teilnehmen konnte. Seine Lehrer glaubten ihm bald kein einziges Wort mehr, aber was sollten sie machen? Er hauste in einer WG mit Freunden, und es gab keinen Erwachsenen, der seine Angaben bestätigen konnte.

Am Ende eines jeden Schuljahres wurden die an vielen Schulen üblichen Titel verliehen: bester Schüler, größter Nerd, coolster Lehrer. Phil wurde Sieger in der Kategorie »Least Likely to Succeed«. Zu Deutsch: »Aus dem wird nie was. Die größte Niete.« Er hat immer so getan, als würde ihn die Schule nicht im Geringsten interessieren, als ob ihm das ganze Theater nichts bedeutet. Tatsächlich hat es ihn bis ins Mark getroffen, dass man so über ihn dachte. »Aus dem wird nie was« – das tat weh, und er hat diese Kränkung nie vergessen, selbst dann nicht, als er längst erfolgreicher war, als es die versammelte Lehrerschar und seine Mitschüler je für möglich gehalten hatten.

Greenhorn sucht Schiff: Auf der American Eagle machte Phil seine ersten Erfahrungen als Krabbenfischer. Um den Job zu bekommen, bot er Skipper Joe Wabey an, ein Jahr ohne Heuer zu arbeiten.

Piraten-Style: Struppiger Bart, die Mähne unter einer Bandana – Phil Harris mit 21 auf der American Eagle. Wegen seiner fragwürdigen Einstellung zur Körperhygiene bekam er an Bord den Spitznamen »Dirt« – Schmutz.

Wie stellte Phil sich seine Zukunft nach der Schule vor? Die Fahrten mit seinem Vater nach Alaska hatten ihm zwar schon einen Vorgeschmack auf die Fischerei gegeben, aber der Gedanke, dass man damit richtig Geld verdienen konnte, kam nicht von Grant, sondern von einem Klassenkameraden. Während Phil noch in einem VW Baujahr ’59 herumkutschierte, den er immer nur seinen »Schrotthaufen« nannte, fuhr der besagte Mitschüler jeden Tag in einem nagelneuen Chevrolet Chevelle SS vor. Woher hatte er bloß diesen tollen Schlitten? Ganz einfach: Seine Familie besaß drei Krabbenkutter.

Und da fiel Phil wieder ein, wie er einmal die Geschichte von einem Fischer gehört hatte, der von der Bank einen sechsstelligen Kredit bekommen hatte, ohne irgendwelche Sicherheiten nachweisen zu müssen. Die Bank war schlicht überzeugt davon gewesen, dass sie das Geld wiedersehen würde. Das hatte Phil schwer beeindruckt.