Careless - S.C. Stephens - E-Book

Careless E-Book

S.C. Stephens

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8,99 €

Beschreibung

Kellans Rock-Band ist über Nacht berühmt geworden, und er selbst ist auf einmal ein begehrter Superstar. Und so ist Kieras Beziehung plötzlich eine Geschichte der Öffentlichkeit, die Presse verbreitet Lügen, und an jeder Ecke warten kreischende Mädchen auf Kellan. Werden die Freundschaften, die geknüpft wurden, das überstehen? Wird die Band, die inzwischen zu einer kleinen Familie geworden ist, zusammenhalten? Und hat Kieras und Kellans leidenschaftliche Liebe inmitten des explosiven Ruhms noch eine Chance?



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EPUB

Seitenzahl: 1065

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Buch

Kiera und Kellan haben sich einander heimlich versprochen und nennen sich nun Mann und Frau. Aber selbst dieses Gelübde kann die Beziehung nicht vor den Problemen bewahren, die auf die beiden zukommen, als die D-Bags über Nacht zu Superstars werden. Für die schüchterne Kiera, die die Band zusammen mit ihrer schwangeren Schwester auf Tour begleitet, wird es zunehmend schwieriger, nicht auch ins Rampenlicht zu geraten. Doch bald schon muss sie sich entscheiden, ob sie wirklich im Hintergrund bleiben will, denn Kellans Plattenfirma hat ganz eigene Marketingstrategien für den begehrten Frontman. Kieras Beziehung wird in der Öffentlichkeit zu einer schmutzigen Geschichte degradiert, die Presse verbreitet Lügen, und an jeder Ecke warten begeisterte Fans auf Kellan. Werden die Freundschaften, die geknüpft wurden, das überstehen? Wird die Band, die inzwischen zu einer kleinen Familie geworden ist, zusammenhalten? Und hat Kieras und Kellans leidenschaftliche Liebe inmitten des explosiven Ruhms noch eine Chance? …

Weitere Informationen zu S.C. Stephens

sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

finden Sie am Ende des Buches.

S. C. Stephens

CARELESS

Ewig verbunden

Roman

Übersetzt

von Sonja Hagemann

Die Originalausgabe erschien 2013

unter dem Titel »Reckless« bei Gallery Books,

a division of Simon & Schuster Inc., New York

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung September 2015

Copyright © der Originalausgabe 2013 by S.C. Stephens

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagmotiv: GettyImages/Uwe Krejei; FinePic®, München

Redaktion: Antje Steinhäuser

MR ∙ Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-15438-7

www.goldmann-verlag.de

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Für meine Freunde, weil ihr immer für mich da seid.

Für meine Familie, weil ihr mich immer unterstützt,

und für meine Fans, weil ihr immer an mich glaubt.

Ich liebe euch alle!

Kapitel 1

Vergängliches Glück

Ich wurde geweckt von einer Hand, die sich an meinem Oberschenkel entlangbewegte. Lächelnd reckte ich die steifen Glieder und berührte die wandernden Finger. Warm und weich umfingen sie die meinen und hielten sie ganz fest. Ich spürte einen kühlen Ring aus Metall auf meiner Haut, ich lächelte noch strahlender und drehte das Pendant des Schmuckstücks an meinem eigenen Ringfinger.

Gestern Abend hatte ich geheiratet … zumindest symbolisch. Für uns beide war die Bezeugung unserer Hingabe, die aus tiefstem Herzen kam, im Moment genug. Und es waren doch nicht die offizielle Zeremonie und das unterschriebene Formular, die eine Ehe definierten. Sondern vielmehr die Emotionen, die mir die Brust zu zerreißen drohten – das überwältigende Gefühl, dass man mich bei der Geburt entzweigeschnitten hatte und es mir doch tatsächlich gelungen war, meine verlorene Hälfte wiederzufinden. Und er empfand auf wundersame Weise genau das Gleiche.

Sanfte Lippen berührten meine Schulter, und ich schmiegte mich noch enger an den Körper, der bei mir Erlösung suchte. Das Bettzeug, in das wir uns kuschelten, war aus dem feinsten Stoff gewebt, den man sich nur vorstellen konnte, aber der Mann an meiner Seite war ein viel größerer Luxus. Er hatte die warmen Beine um mich geschlungen, die breite Brust an meinen Rücken gepresst und die Arme um mich gelegt, um mich möglichst nah an sich heranzuziehen. Ich fand diese Position seinetwegen so bequem und nicht wegen des überteuerten Betts, in dem wir lagen.

Er führte unsere ineinanderverschlungenen Finger an meine Lippen, und ich küsste den Ring an seiner Hand. Ein leises Lachen entfuhr ihm, dann bewegten sich seine sinnlichen Lippen an meinem Hals voran. Meine warme Haut begann zufrieden zu prickeln, und die elektrisierende Berührung rief eine Gänsehaut hervor.

Als er mein Ohr erreichte, flüsterte er: »Morgen, Mrs Kyle.«

Augenblicklich klopfte das Herz in meiner Brust heftiger. Ich drehte mich in seinen Armen um, bis ich ihn ansehen konnte. Augen von der Farbe des Himmels waren auf mich gerichtet, und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen, als er den Blick über meine Züge wandern ließ. Sein Gesicht war einfach perfekt – das markante Kinn, die geschwungene Nase, die vollen Lippen. In diesem Moment konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen als den Mann, der mir gerade seinen Namen gegeben hatte.

»Guten Morgen, Mr Kyle.«

Kellan wurde noch vergnügter, als mir ein ungläubiges Kichern entfuhr. Er strahlte eine beinahe greifbare Zufriedenheit aus, und es wärmte mir das Herz, dass er sich meinetwegen so gut fühlte. Er hatte im Leben genug harte Zeiten durchgemacht, diesen inneren Frieden hatte er verdient. Dass er so tief empfinden konnte und dass seine Liebe ausgerechnet mir galt, konnte ich immer noch nicht fassen. Manchmal kam es mir vor, als wäre ich seiner Zuneigung überhaupt nicht würdig, aber ich war jeden Tag dafür dankbar.

»Ich kann nicht glauben, dass wir das wirklich getan haben, Kellan.«

Er hob eine Augenbraue und setzte ein schelmisches Grinsen auf. »Wie jetzt? Dass wir so umwerfenden Sex hatten? Das sollte dich nicht mehr überraschen.« Sein Gesichtsausdruck wurde sanfter. »Mit dir ist es jedes Mal absoluter Wahnsinn.«

Ich biss mir auf die Lippe und versuchte, nicht allzu rot zu werden. »Das meinte ich ja auch nicht.« Ich streckte meine freie Hand aus und strich ihm mit dem Finger über die Wange. »Sondern unsere Hochzeit.«

Kellan stützte sich auf den Ellbogen und sah zu mir herunter. Dann fiel sein Blick auf unsere verschlungenen Hände, auf seinen Finger mit dem Ring. Statt bloßer Zufriedenheit lag auf seinem Gesicht ein Ausdruck wahren Glücks. So selig hatte ich ihn noch nie gesehen. »Bis dass der Tod uns scheidet«, flüsterte er.

Als ich ihm mit dem Finger über die Brust fuhr, erregten die Hügel und Täler seiner berauschend muskulösen Brust meinen Körper so sehr, dass ich glaubte zu vergehen. »Dir ist klar, dass meine Eltern dich erst als meinen Ehemann anerkennen, wenn du mich zum Altar geführt hast, oder?«, murmelte ich.

Ich dachte an die wenig eindeutige Nachricht, die ich den beiden auf dem Anrufbeantworter bei Kellan zu Hause hinterlassen hatte. Meine Eltern waren wegen meiner Uniabschlussfeier in der Stadt und würden stinksauer sein, wenn sie heute Morgen aufwachten und hörten, dass ich quasi mit meinem Freund durchgebrannt war und ohne sie geheiratet hatte. Ich war erstaunt, dass mein Handy noch nicht geklingelt und niemand die Tür zum Hotelzimmer eingeschlagen hatte.

Kellan lachte und schob sich auf mich. Ich sah ihn zärtlich an und strich mit den Fingerspitzen über seinen Rücken. Ein Schaudern überkam ihn. »Und das werde ich ja auch …« Er lehnte sich vor, drückte mir einen Kuss auf den Hals und einen anderen aufs Schlüsselbein. Das Tempo meines Herzschlags nahm zu. »Die kriegen ihre Zeremonie …« Er schielte zu mir hoch, während seine Lippen zu meiner Brust wanderten. Ich versuchte, mich nicht unter seinen Liebkosungen zu winden. »Und du bekommst die Hochzeit deiner Träume, Kiera.«

Er schloss seine Lippen um meine Brustwarze, und mich überflutete wieder die Lust der letzten Nacht. So sehr ich in unserer ersten Nacht als Mann und Frau auch auf meine Kosten gekommen war, ich sehnte mich nach mehr, ich wollte ihn schon wieder. Und ich konnte mir kaum vorstellen, dass sich das jemals ändern würde.

Mein Atem ging längst nicht mehr ruhig, als ich die Finger in Kellans Haar vergrub. Seine Lippen verharrten an der erregbaren Stelle, die sie gefunden hatten. Unsere Blicke trafen sich für einen Moment. Dann küsste er mich zwischen den Brüsten und setzte seinen Weg über meinen Bauch nach unten hin fort. Bei der Vorstellung, dass er sich tiefer und tiefer vorarbeiten würde, entbrannte zwischen meinen Schenkeln ein Feuer. Kellan grinste verdammt sexy, so als wüsste er das ganz genau.

»Ich will dir alles geben, Kiera, aber bis dahin …« Er schob mir die Zunge in den Bauchnabel, bevor sie sich meinem Unterleib zuwandte. Mit einem Stöhnen schloss ich die Augen, reckte ihm das Becken entgegen und schob seinen Kopf nach unten. Kellan entfuhr ein kehliges Lachen, während seine Lippen meinen Oberschenkel entlangwanderten. Ich konnte seinen heißen Atem spüren, als er den Satz endlich zu Ende führte: »… können wir ruhig schon mal die schönen Seiten dieses Arrangements genießen.«

Dann streifte seine Zunge das Zentrum meiner Lust, und ich verlor jegliche Kontrolle.

Erst Stunden später zogen wir uns an und machten uns fertig, um das elegante Hotel zu verlassen. Ein kurzer Blick auf mein Handy verriet mir, dass Kellan es letzte Nacht irgendwann ausgestellt hatte. Das erklärte, warum uns die ganze Zeit niemand gestört hatte. Er griff gerade nach seiner Jacke, die auf der gepolsterten Bank vor dem Frisierspiegel lag – einer Bank, die wir gestern Abend auch, na, sagen wir mal, eingeweiht hatten. Ich warf ihm einen vielsagenden Blick zu und schaltete das Mobiltelefon ein. Sofort meldete sich die Mailbox, auf die meine Mutter und mein Vater gleich mehrfach gesprochen hatten.

Da wir meinen vermutlich nicht sehr glücklichen Eltern ohnehin gleich gegenübertreten würden, hörte ich die Nachrichten nicht einmal ab. Ich konnte mir ihre Worte auch so ausmalen: Was hast du dir dabei nur gedacht? Den Typen kannst du doch nicht heiraten, Kiera. Beweg deinen Hintern hierher, damit wir dich ins nächste Flugzeug nach Hause verfrachten können! Und so weiter. Es würde wohl noch etwas dauern, bis sie diese Verbindung akzeptierten.

Und noch viel länger würden sie daran zu knabbern haben, dass ich bald mit meinem neuen Ehemann auf Tour gehen würde. Ich selbst konnte das ja kaum fassen. Als ich noch zur Uni gegangen war, war es überhaupt nicht in Frage gekommen, dass ich an der Konzertreise teilnahm, aber jetzt hatte ich meinen Abschluss in der Tasche und war frei. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Und ich wollte bei Kellan sein, wohin er auch ging.

Mein Vater war in diesen Dingen ziemlich altmodisch – erst ging man zur Uni, und nach dem Abschluss suchte man sich dann eine vernünftige Arbeit. Kellan hatte noch nicht einmal studiert. Er war direkt nach der Schule von zu Hause weggelaufen und hatte sich mit Evan, Matt und Griffin in der Musikszene von Los Angeles getummelt. Seitdem spielten die vier zusammen. Dad konnte mit Kellans Lebensweise einfach nichts anfangen, und wegen meiner Entscheidung würde er sicher in die Luft gehen. Aber das hier war mein Leben, und ich würde tun, was sich für mich richtig anfühlte. Und mit Kellan zusammen zu sein, fühlte sich einfach … unglaublich an. An keinem Ort der Welt wollte ich lieber sein als an seiner Seite. Aber ich gab nicht etwa meine Träume auf, um Kellan die Erfüllung der seinen zu ermöglichen. Nein, auch ich würde meine Ziele verfolgen, hatte aber das Glück, dass mein Traumjob mit seinem vereinbar war.

Ich wollte Schriftstellerin werden, und damit verfügte ich über eine gewisse Bewegungsfreiheit, da ich schließlich überall schreiben konnte, solange ich nur ein wenig Ruhe hatte. Was in einem Tourbus voll lauter Typen vielleicht gar nicht so einfach sein würde, ich ging aber davon aus, dass ich jeden Tag wenigstens ein paar Stunden Zeit finden würde, um etwas Bedeutungsvolles zu Papier zu bringen. Ich steckte bereits mitten in meinem ersten Buch, das im Prinzip eine Autobiografie darstellte, da es auf wahren Begebenheiten beruhte. Es handelte sich dabei um eine detaillierte intime Beschreibung all dessen, was zwischen Denny, Kellan und mir vorgefallen war. Liebe, Lust, Verrat – ich ließ darin nichts aus.

Der Schreibprozess war schmerzhaft, hatte aber auch etwas Therapeutisches an sich. Dadurch, dass ich die Geschehnisse nun mit einem gewissen Abstand betrachten konnte, waren meine Fehler nur zu offensichtlich. Es gab Momente, während derer ich gequengelt und geklammert hatte, gemein und unentschlossen gewesen war … ehrlich gesagt sogar ziemlich unerträglich. All meine Fehler auf diese Weise zu enthüllen, war eine Übung in Demut. Das Buch war derart persönlich, dass ich manchmal nicht mehr wusste, ob ich es je irgendwem zum Lesen geben würde. Vor allem bei Kellan war ich mir keineswegs sicher. Aber er hatte mich darum gebeten, und ich hatte es ihm versprochen. Da ich dieses Versprechen ungern brechen wollte, musste ich ihm eben mit jeder einzelnen Seite versichern, dass ich längst nicht mehr diese schwache, rückgratlose junge Frau war. Ich wusste, was ich wollte, und zwar ihn.

Als ich noch einmal den ganzen Raum unter die Lupe nahm, um mich zu vergewissern, dass ich auch nichts vergessen hatte, fiel mein Blick auf das unordentliche Bett. Nicht nur das Federbett mit dem eleganten roten Bezug lag völlig zerknüllt da, sondern auch die cremefarbenen Laken aus Satin. Kellan und ich hatten das riesige Bett gut genutzt und jeden Zentimeter der Matratze ausgekostet, während wir gegenseitig unsere Körper erkundeten. Unser Stöhnen und die Schreie der Lust hallten immer noch in meinem Kopf wider, und zum millionsten Mal war ich dankbar dafür, dass Kellan mit meiner Idee einverstanden gewesen war, unsere Hochzeitsnacht lieber in einem Hotel zu verbringen. Was wir hier während der letzten Nacht alles getan hatten, konnte ich mir kaum im Zimmer neben dem meiner Eltern vorstellen.

Kellan trat von hinten an mich heran und schlang mir die Arme um die Taille. Ich atmete tief durch und sog dabei sein frisches, kräftiges Aroma ein, das so einzigartig war. Er küsste mein Ohr und flüsterte: »Wir sollten los. Ich hab nämlich mit Gavin ausgemacht, dass wir heute zusammen frühstücken, und es ist schon ziemlich spät … Das wird wohl eher ein Brunch.«

Ich sah mich über meine Schulter zu ihm um und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Gavin Carter war Kellans leiblicher Vater, und mein Freund hatte sich monatelang vor einem Treffen mit ihm gedrückt. Er hatte eine Riesenangst davor gehabt, ihm gegenüberzutreten. Aber gestern hatten sie sich endlich kennengelernt, und Kellan wollte versuchen, eine Beziehung zu dem Mann aufzubauen, der für seine Existenz mitverantwortlich war.

Ich drehte mich in Kellans Armen zu ihm um und schlang ihm die Arme um den Nacken. Dann fuhr ich ihm mit den Fingern durchs Haar und gab ihm einen sanften Kuss. »Er wird doch sicher verstehen, dass uns der Beginn unserer Flitterwochen dazwischengekommen ist.«

Kellan seufzte und zog mich ganz nah an sich heran, sein an mich gepresster Körper war hart und unnachgiebig. Wie gerne hätte ich die Hände über seine Muskeln wandern lassen. Aber das führte normalerweise dazu, dass auch er meinen Körper zu erkunden begann, und das mündete dann für gewöhnlich in ausgiebigem endlosem Sex … und wir mussten wirklich aufbrechen. Deshalb riss ich mich so gut es ging am Riemen und ließ die Finger in seinen wilden Locken ruhen.

Kellan küsste mich auf die Stirn. »Ich kann einfach nicht fassen, dass du jetzt meine Frau bist.«

Ich schmiegte mein Gesicht an seine Brust und hatte das Gefühl, als müsste mir gleich das Herz zerspringen. Gott, wie sehr ich ihn liebte. Das Verlangen nach ihm erwachte erneut in mir, als wir einander so umschlungen hielten, und ich musste den Wunsch hinunterschlucken, meiner Liebe körperlich Ausdruck zu verleihen. Deshalb rückte ich ein wenig von Kellan ab und runzelte die Stirn. »Du hast recht, wir müssen los.«

Kellan grinste, als er meinen Gesichtsausdruck sah. »Wenn es nach dir ginge, hätten wir schon wieder Sex, oder?«

Ich lief rot an und versetzte ihm einen Stoß gegen die Brust. »Ich glaube, letzte Nacht … und heute Morgen haben wir schon genug Rekorde gebrochen.« Da meine Wangen brannten, schaute ich Kellan lieber nicht an.

Er fasste mir zärtlich unter das Kinn und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. »Hättest du gern Sex mit mir?«, fragte er, und es lag kein bisschen Spott in seiner Stimme.

Seine Frage war so direkt, dass es mir schwerfiel, seinem Blick standzuhalten. Ich wollte instinktiv wegsehen, aber das tat ich nicht. Ich zwang mich, ihm in seine tiefblauen Augen zu starren, und flüsterte: »Ja.«

Kellans Züge hellten sich auf. »War es etwa so schwer, das zuzugeben?«, fragte er mit einem Funkeln.

Ich schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen, riss sie aber gleich wieder auf. Er wünschte sich doch einfach nur, dass mir solche Dinge ihm gegenüber nicht peinlich waren. Und jetzt gerade zog er mich nicht einmal auf, er wollte mir schlicht dabei helfen, lockerer zu sein. Deshalb richtete ich meinen Blick wieder auf ihn und nickte erneut. »Ehrlich gesagt fand ich das ziemlich peinlich.«

Kellan trat einen Schritt von mir weg. »Ich möchte, dass du mich bittest, Sex mit dir zu haben … und zwar hier und jetzt.«

Mir fiel die Kinnlade herunter. »Kellan …« Befangen verschränkte ich die Arme vor der Brust. Da ich immer noch das knappe enge Kleidchen trug, das mir meine Schwester Anna für die Abschlussfeier geliehen hatte, gab es so einiges an nackter Haut zu verdecken. »Ich hab dich doch durchaus schon um Sex gebeten … warum willst du mich in solche Verlegenheit bringen?«

Seufzend lehnte er sich vor, um mich anzusehen. »Aber das war im Eifer des Gefechts, wenn wir eigentlich sowieso schon mittendrin waren. Ich möchte, dass du dich bei mir wohl genug fühlst, um mir das in jeder Situation zu sagen.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Egal, wo?«

Er sah mich schelmisch an. »Egal, wo.«

Weil ich ja wusste, dass er doch nicht lockerlassen würde, schnaubte ich missmutig. Dann ließ ich die Arme sinken und zählte bis zehn. Mal im Ernst, so schwer konnte das doch nicht sein. Mit dem Körper hatte ich es doch schon oft genug getan. Es so unverblümt auszusprechen, war jedoch etwas anderes, bei dem Gedanken fühlte ich mich ganz verletzlich.

Trotzdem schob ich einfach das Kinn vor und sagte selbstbewusst: »Kellan, ich hätte gerne noch mal Sex mit dir.« Na ja, jedenfalls hätte es selbstbewusst klingen sollen, meine Stimme war jedoch ganz hoch und schrill – alles andere als sexy.

Kellan starrte mich mit einer Miene an, als hätte ich gerade einen Lapdance hingelegt. Dann liebkoste mich sein glühender Blick von oben bis unten und steckte mich in Brand. Er ruhte auf meinen Lippen, meiner Brust, meiner Hüfte, und obwohl mich Kellan dabei gar nicht berührte, reagierte mein Körper, als täte sein Blick genau das. Dann sah Kellan mir endlich wieder in die Augen und trat einen Schritt auf mich zu. Ich keuchte, als mich seine Hüfte streifte. Er beugte sich vor und flüsterte mit heißem Atem an meinem Ohr: »Das ist das Schärfste, was ich je aus deinem Mund gehört habe.«

Ich schloss die Augen, und mein ganzer Körper erbebte, als ich darauf wartete, von ihm gestreichelt zu werden. Die besonders sensiblen Stellen prickelten geradezu vor Vorfreude. Ich war mir ziemlich sicher, dass er nur seine Lippen auf meine pressen, mir mit dem Daumen über die Brust streicheln oder meinen Po mit der Hand umfangen musste … um mich zum Explodieren zu bringen.

Ein leises Stöhnen entfuhr mir, als seine Lippen mein Ohrläppchen umfingen. »Aber wir müssen los.« Mit diesen Worten griff er nach meiner Hand und zog mich mit. Von der plötzlichen Bewegung überrumpelt riss ich die Augen auf. Mit amüsiertem Grinsen hielt Kellan auf die Zimmertür zu … und nicht aufs Bett.

Als ich ihn mit finsterer Miene anstarrte, lachte er nur. »Tut mir leid, Kiera, aber damit musst du jetzt leben.« Er legte den Kopf schräg und grinste breit. »Da schlägt dann wohl das Karma zurück … mich hast du schließlich oft genug heißgemacht und dann stehen lassen.«

Schuldgefühle kamen in mir auf, ich verdrängte sie aber ganz schnell wieder. Das war längst Vergangenheit. »Du bist gemein«, murmelte ich.

Er küsste mich auf die Wange. »Hmmmm, ja, vielleicht bin ich das.« Dann trat er einen Schritt auf mich zu, packte mich am Hintern und presste meine Hüfte an seine. Sofort flammte Lust in mir auf, und bevor ich mich kontrollieren konnte, hatte ich auch schon ein kleines Stöhnen ausgestoßen. »Ich freue mich nämlich schon darauf, dich den ganzen Tag damit zu ärgern.«

Ich schob ihn weg und ärgerte mich darüber, wie scharf ich hier gerade auf ihn war. »Du Mistkerl!«

Lachend machte er die Tür auf. Ich griff nach meiner Handtasche und warf noch einen letzten Blick auf das Bett, das geradezu »Hier wurde wild gerammelt!« schrie. »Moment mal, sollten wir nicht vielleicht lieber das Bett machen, bevor wir gehen?«

Kellan zog die Augenbrauen zusammen und sah zwischen mir und den zerknitterten Laken hin und her. Dann schüttelte er den Kopf und murmelte: »Du bist ja so niedlich.« Liebevoll meinte er: »Nein, wir hinterlassen das Zimmer genau so. Die ganze Welt soll wissen, was hier passiert ist … dass wir heute Nacht unsere Ehe vollzogen haben!«

Ich seufzte gerührt. Dann fügte er hinzu: »Außerdem ist das doch echt sexy.«

Ich rollte mit den Augen und folgte ihm aus dem Hotelzimmer.

Als wir auscheckten, ließ die Frau an der Rezeption Kellan nicht einen Moment aus den Augen. Sie bemerkte ganz eindeutig den Ring, als sie nach seiner Kreditkarte griff, dem interessierten Blitzen in ihrem Blick zufolge schien es sie aber nicht zu stören, dass er verheiratet war.

Kellan war eben atemberaubend, und schöne Männer zogen nun mal die Aufmerksamkeit auf sich, wenn sie den Raum betraten. Daran war ich inzwischen gewöhnt, und es störte mich nicht einmal besonders. Na ja, zumindest nicht mehr so wie früher. Als sie Kellan die Quittung reichte, runzelte die eifrige Hotelangestellte jedoch die Stirn, weil er ihr nicht die geringste Beachtung schenkte. Vielleicht hatte sie ja gehofft, er würde sie nach oben auf sein Zimmer einladen. Als ihr Blick dann schließlich zu mir herüberwanderte, musste ich ein Grinsen unterdrücken. Sie hatte zwar auf einen Quickie mit diesem heißen Typen gehofft, der sich gerade auf den Weg nach draußen machen wollte, Kellan gabelte aber keine fremden Frauen mehr auf.

Ich schmiegte mich an seine Seite und dankte der Rezeptionistin höflich für den gelungenen Aufenthalt hier. Danach kicherte ich ein kleines bisschen, weil ich von unserer Hochzeitsnacht noch immer ganz aufgekratzt war. Kellan küsste mich aufs Haar, als wir auf den Ausgang zuhielten. »Wenn wir nach Hause kommen, rufe ich Gavin an und lade ihn zu uns zum Brunch ein. Dann können wir unsere Familien einander offiziell vorstellen, was meinst du?«

Kellans zufriedenes Lächeln wärmte mir das Herz. Noch vor Kurzem hatte er von seinem Vater nichts wissen wollen, und jetzt klang das schon ganz anders. Auf einmal sprach er von seiner »Familie«. – »Ja, hört sich gut an.« Ich zog eine Grimasse. »Auch wenn mich meine Eltern vermutlich umbringen werden.« Ich hielt ihm meinen Ring unter die Nase. »Und dich dann als Nächstes.«

Kellan quittierte meinen Kommentar mit einem Achselzucken, während wir zu seinem Auto auf dem Parkplatz hinübergingen. Galant hielt er mir die Tür auf und drückte mir einen Kuss auf die Wange, bevor ich einstieg. Dann lief er zur Fahrerseite hinüber. Er war so glücklich darüber, dass ich endlich seine Frau war, ihm gehörte und ihn nie mehr allein lassen würde. Ich hatte mir als meinen Ehemann immer jemanden gewünscht, der mich wie verrückt liebte, aber Kellan … liebte mich mehr als sein Leben. Manchmal war ich geradezu überwältigt von der Tiefe seiner Emotionen, aber meine Liebe für ihn war ja genauso stark. Er war einfach alles für mich.

Als er einstieg, schob ich mich auf der Bank zu ihm hinüber, um ihm so nahe wie möglich zu sein. Er legte mir den Arm um die Schulter. »Na, hast du mich vermisst?«, fragte er mit leiser rauer Stimme.

Ich nickte und reckte mich zu ihm hoch, um ihn zu küssen. Sofort erwiderte er die Geste und umfing meine Wange dabei mit der Hand. Als ihn meine Zunge neckte, stöhnte er auf, schob mich aber von sich weg. »Hey, ich bin doch derjenige, der dich heute mal heißmachen wollte, nicht du.«

Er zog eine zauberhafte Schnute, und ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen. »Sorry, aber ich hab vom Meister gelernt.«

Dramatisch stieß Kellan die Luft aus und ließ den Arm von meiner Schulter sinken, um den Wagen anzulassen. »Tja, das geschieht mir wahrscheinlich recht.« Aber als dann der Motor temperamentvoll aufheulte, kehrte sein glücklicher Gesichtsausdruck zurück.

Auf meiner Miene lag die gleiche Zufriedenheit, als ich Kellan den Kopf auf die Schulter legte. Mir war völlig egal, ob die Rezeptionistin meinen Mann ganz offen begafft hatte, mein Dad gleich versuchen würde, mir Hausarrest zu geben, und Kellans neu entdeckter Vater später bei uns vorbeischauen würde – heute war einfach ein perfekter Tag, und nichts würde mein Glück trüben.

Als wir in Kellans vollgeparkte Straße einbogen, fühlte es sich wie eine Heimkehr an. Ich hatte unsere Nacht im Hotel genossen, war aber froh, nach Hause zurückzukommen. Und ich war wirklich froh, dass ich vor ein paar Wochen wieder hier eingezogen war. Als wir uns seinem weißen zweistöckigen Haus näherten, stand dort ein Wagen in der Einfahrt. Kellan sah zu dem sportlichen knallroten Jetta hinüber und runzelte die Stirn. Auch ich wurde neugierig, weil das Auto niemandem gehörte, den ich kannte.

Kellan stellte den Motor des Chevelles ab und machte »Hmmm«, bevor er die Tür öffnete. Auch ich stieg aus und fragte mich, ob vielleicht Gavin mit seinen Kindern hier war. Er war in der Stadt nur zu Besuch, konnte das Auto aber gemietet haben. Allerdings konnte ich mir kaum vorstellen, dass er einfach vorbeikam, ohne Kellan vorher zu fragen. Außerdem wusste er gar nicht, wo wir wohnten. Und vermutlich klebten auf Mietwagen auch keine Sticker mit der Aufschrift Wenn du mir schon so nahe kommst, besorg’s mir wenigstens richtig.

Ich konnte mir schon denken, dass es sich um eine weibliche Fahrerin handelte, und zwar um eine von Kellans vielen, vielen Ex-was-auch-Immer. Daher folgte ich meinem frisch Angetrauten nur widerwillig zur Haustür. Oh Gott, hoffentlich hatte keine Tussi nur mit einem langen Mantel bekleidet geklingelt und meine Eltern erwischt … dann würde ich vor Scham im Boden versinken.

Da die Tür nicht abgesperrt war, trat Kellan rasch ins Haus, griff nach meiner Hand und zog mich in den Flur. Groß war Kellans Bude nun wirklich nicht, vom Eingangsbereich aus konnte man direkt die Treppe nach oben nehmen, links in die Küche abbiegen oder geradeaus ins Wohnzimmer weitergehen. Dort saßen in diesem Moment meine Eltern auf Kellans klobiger Couch, und der Blick meines Vaters war äußerst finster. Meine Mutter versuchte zwar, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, aber auch sie war über die Situation eindeutig nicht glücklich.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob ihre Enttäuschung damit zu tun hatte, dass ich mit Kellan durchgebrannt war, oder ob sie nur die Person irritierte, die da in Kellans gemütlichem Sessel saß. Ich hing sehr an diesem Möbelstück, weil Kellan es mir überlassen hatte, als wir uns voneinander getrennt hatten. Mir hatte es damals viel bedeutet, dass ich ihm immer noch wichtig gewesen war, als ich seine Fürsorge nicht verdient hatte. Als ich die junge Frau anschaute, die seitlich auf dem Sessel hockte und ihre High Heels über die Armlehne baumeln ließ, zog sich in meiner Magengrube alles zusammen.

Die Fremde schaute zu uns herüber, weil sie uns hereinkommen hörte, und Kellan murmelte »Shit«, als er sie erkannte. Dann sah er mit besorgtem Gesichtsausdruck zu mir herüber. Mir wurde eiskalt, und ich fragte mich, wer diese Frau wohl war.

Kellan hielt meine Hand fest umklammert und ging ins Wohnzimmer, um unseren neuen Gast zu begrüßen. Als wir in ihr Blickfeld traten, sah die junge Frau zu Kellan hoch und verengte die Augen zu Schlitzen. Sie hatte langes schwarzes Haar und ebenso dunkle Augen, die noch dunkler wirkten, weil sie rauchigen grauen Lidschatten trug. Ihre feuerroten Lippen hatte sie zu einem wütenden Schmollmund verzogen, der aber zugleich auch erotisch wirkte. Sie war absolut umwerfend, aber das hatte ich schon erwartet, schließlich traf das auf die meisten von Kellans Eroberungen zu.

»Ha, du kannst mich mal, Kellan Kyle, …«, brachte sie mit spöttischem Gesicht und tiefer rauer Stimme hervor. Das schien sie selbst ganz amüsant zu finden, und sie fügte süffisant hinzu: »Hey, warte mal, du hast mich ja schon …« Als sie nun wieder den finsteren Blick aufsetzte, wurde auch meine Miene grimmiger. Ich konnte sie jetzt schon nicht leiden.

Kellan ignorierte ihre Bemerkung und grüßte zunächst meine Eltern: »Hallo, Martin, Caroline.« Dann sah er zurück zu der unhöflichen jungen Dame in meinem Lieblingssessel. »Und Joey.«

Ich riss die Augen auf und starrte die Frau an, die Kellan finster musterte. Joey? Kellans ehemalige Mitbewohnerin? Die Frau, die gerade erst ausgezogen war, als Denny und ich hergekommen waren … vor über zwei Jahren? Ich hätte ja nie gedacht, dass die mal zurückkommen würde. Was um alles in der Welt wollte sie hier?

Mit angespannter Miene sprach Kellan genau das aus, was ich gerade dachte: »Was hast du hier zu suchen?«

Sie sprang auf die Füße, verschränkte die Arme vor ihrem ausladenden Busen und reckte das Kinn vor. Mit funkelnden Augen fauchte sie: »Wo zum Teufel sind meine Sachen, Kellan?«

Dem fiel die Kinnlade herunter, und langsam machte sich Ärger bei ihm bemerkbar. Er umklammerte meine Hand noch fester und erwiderte: »Du warst zwei Jahre verschwunden. Die Sachen hab ich weggeschmissen.«

Ich biss mir auf die Lippe, um keine Grimasse zu ziehen. Ich hatte ihre Sachen weggeschmissen. Joey war wütend abgedampft, nachdem Kellan zunächst mit ihr und dann direkt mit einer anderen geschlafen hatte. Er war nicht immer dieser zärtliche loyale Mann an meiner Seite gewesen. Außerdem hatte Kellan behauptet, dass es Joey eigentlich gar nicht um ihn gegangen war, sie war wohl einfach nur besitzergreifend. Er hatte sie dadurch beleidigt, dass er sein Bett mit einer anderen geteilt hatte … obwohl sie selbst alles andere als monogam gewesen war.

Denny und ich hatten nach unserem Einzug ihre Sachen benutzt. Nach unserer üblen Trennung hatte ich diese Möbel aber irgendwie als besudelt empfunden, so als stecke in ihrem dunklen Holz der Geist meiner früheren Beziehung. Deshalb hatte ich all ihre Sachen rausgeschmissen, um die Wohnung quasi zu reinigen. Vielleicht hätte ich das lieber nicht machen sollen, schließlich hatte das alles nicht mir gehört. Aber ich hatte das Zeug unbedingt loswerden wollen, um mit Kellan noch einmal ganz von vorne anzufangen. Wahrscheinlich hätte ich damit rechnen müssen, dass diese Entscheidung irgendwann auf mich zurückfallen würde.

Mit theatralischer Entrüstung versetzte Joey Kellan einen Stoß gegen die Schulter. »Du hast was? Wie konntest du nur, das waren doch nicht deine Sachen, du Idiot!«

Mit roten Wangen machte Kellan einen Schritt auf sie zu. »Du bist einfach abgehauen. Es ist nicht mein Problem, dass du dein ganzes Zeug hiergelassen hast!« Verächtlich ließ er den Blick über ihre Züge wandern. »Das ist hier schließlich nicht deine Abstellkammer!«

Sie schnaubte und wedelte herablassend mit der Hand. »Ja, was auch immer, Kellan. Deine Temperamentsausbrüche kann ich jetzt nicht gebrauchen. Wenn du meine Sachen nicht mehr hast, kannst du mich auch auszahlen … Tausendfünfhundert sollten den Gesamtwert wohl abdecken.«

Mir blieb ein Husten im Hals stecken, und Joey fuhr herum, um mich anzufunkeln: »Und wer zum Teufel bist du?« Sie zog eine Augenbraue hoch. »Kellans neuestes Flittchen?«

Mit flammend roten Wangen sprang mein Vater auf die Beine. »Ich weiß zwar nicht, wer Sie sind, junge Dame, aber so dürfen Sie mit meiner Tochter nicht reden!«

Dad sah aus, als würde er gleich einen Herzinfarkt kriegen, aber seine Wut war nichts im Vergleich zu Kellans. Der ließ meine Hand los, ging auf Joey zu und versuchte, sie in Grund und Boden zu starren. »Pass bloß auf, Josephine. Du redest hier mit meiner Frau.«

Einen Moment lang wirkte Joey direkt eingeschüchtert, und Kellan trat wieder einen Schritt zurück. Dann begriff sie erst, was er da gesagt hatte. Sie riss die Augen auf, um mich unverhohlen anzustarren. Und dann begann sie zu lachen. »Oh mein Gott, ist das dein Ernst? Du, die größte männliche Schlampe, die mir je begegnet ist, hast tatsächlich geheiratet? Das muss doch wohl ein Witz sein.«

Kellan verschränkte die Arme vor der Brust, während mein Vater seufzte und zurück aufs Sofa sank. Diese ganze Sache mit der Hochzeit passte ihm so gar nicht. Ich meinte, meine Mutter schniefen zu hören, war aber zu sehr auf Joey konzentriert, um zu ihr hinüberzusehen. So langsam begann es auch in mir zu kochen, und diese aufdringliche Zicke konnte endlich den Abflug machen.

Das fand Kellan offenbar auch. Er deutete nämlich auf die Tür und donnerte: »Na schön. Du kriegst deine tausendfünfhundert für die Möbel. Und jetzt verschwinde hier, verdammt noch mal.«

Joey schüttelte den Kopf. »Oh nein, das denke ich nicht … nicht mehr, Kellan.«

Verständnislos legte er den Kopf zur Seite. Ich begriff auch nicht, was sie damit sagen wollte. Mit geballten Fäusten stürmte ich zu ihr hinüber. »Du hast ihn doch gehört! Du kriegst dein Geld!« Ich wedelte mit der Hand, um sie zum Gehen zu bewegen. »Und jetzt verzieh dich wieder in das Loch, aus dem du hervorgekrochen bist.«

Inzwischen durchbohrte mich Joey geradezu mit Blicken. Auch wenn sie nun mit Kellan sprach, ließ sie mich dabei nicht aus den Augen. »Ich hab noch was von dir, was ich dir zurückgeben will.« Sie schaute zu ihm auf. »Weil ich dafür ja doch keine Verwendung habe.« Kellan runzelte die Stirn, und Joey grinste nur, als sie seinen verwirrten Gesichtsausdruck bemerkte. »Und wenn du das zurückhaben willst … Süßer … dann musst du wohl noch mal so viel drauflegen.«

»Du hast ja wohl ein Rad ab, Schätzchen!«, fauchte ich.

Joey ignorierte mich einfach und sah unverwandt Kellan an. Dann lehnte sie sich vor und griff nach ihrer Tasche, die auf dem Tisch lag, wobei ihr viel zu kurzer Rock einiges von ihren Schenkeln entblößte. Sie machte die Tasche auf und zog eine winzige Speicherkarte hervor, eins von diesen Dingern, die in Digitalkameras, Camcorder und sogar einige Handys passen. Kellan machte große Augen, als er die Karte sah. Sein Blick zuckte zu Joey hoch, und noch bevor ich irgendetwas fragen konnte, sagte er schnell: »In Ordnung, ich geb dir dreitausend.«

Mit triumphierendem Lächeln reichte ihm Joey die SD-Karte. Bei der Frage, was sich wohl auf dieser Speicherkarte befand, die Kellan so viel Geld wert war, schlugen meine Gedanken Purzelbäume. Inzwischen war das in meinem Magen nicht mehr nur ein unangenehmes Brennen, mir war regelrecht schlecht. Kellan umklammerte das kleine Plastikkärtchen und deutete auf die Tür: »Du kriegst dein Geld morgen.«

Joey tätschelte ihm die Wange. »Das will ich hoffen … sonst mache ich dir das Leben nämlich zur Hölle.« Mit hinterhältigem Grinsen wandte sie sich noch einmal zu mir um.

Kellan schloss die Augen. »Verschwinde aus meinem Haus, Joey.« Als er die Lider wieder aufschlug, fügte er noch hinzu: »Und lass dich hier nie wieder blicken.«

Sie winkte meinen Eltern mit zappelnden Fingern zu und stolzierte zur Tür hinüber. Keiner sprach ein Wort, während sie das Haus verließ. Als dann schließlich die Motorengeräusche ihres Wagens ertönten, schien sich Kellan endlich zu entspannen. Unauffällig schob er sich die Karte in die Tasche und drehte sich zu meinen Eltern um.

»Das tut mir wirklich leid, ich hoffe, es gab mit ihr nicht allzu viel Theater, bevor wir dazugestoßen sind.«

Mein Dad schien zu erstarren. Als er zu Kellan hochsah, hätte ich schwören können, dass seine Haare von Sekunde zu Sekunde grauer wurden. »Was ihr beiden letzte Nacht so getrieben habt, bereitet mir eigentlich viel mehr Sorgen als deine aufgetakelte Freundin.« Mit hochroten Wangen ließ er den Blick zwischen mir und meinem neuen Ehemann hin- und herwandern. »Was sollte dieser Unsinn?« Er sah mich aus seinen warmen braunen Augen an. »Hast du den Verstand verloren, Kiera?«

Mom schniefte schon wieder, und Dad tätschelte ihr die Hand. Eigentlich hätte ich mich gerne zu ihnen gesetzt und mit ihnen über gestern Abend gesprochen, aber ich stand wie unter Schock. Was hatte Kellan in seiner Tasche? Und warum war ihm das dreitausend Dollar wert?

Als Dad nicht lockerließ und immer noch neben sich auf die Couch klopfte, sah Kellan mich an. In seiner Miene erkannte ich eine Mischung aus Belustigung, Resignation und … Angst. Keine Ahnung, ob er das mit Absicht machte, aber jetzt stand er so da, dass ich die Tasche mit der Speicherkarte nicht mehr sehen konnte. Aber ich konnte nicht einfach verdrängen, dass sie noch existierte.

Kellan forderte mich mit einer Geste auf, mich doch zu meinem Vater zu setzen, und deutete dann auf die Haustür. »Ich bin gleich wieder da. Ich will nur sichergehen, dass Joey keinen Unsinn mit meinem Auto getrieben hat.« Schmallippig fügte er noch hinzu: »Falls mein Wagen zerkratzt ist, müsst ihr mich wahrscheinlich aufhalten, sonst bringe ich sie um.« Mit einem Lachen ging er auf die Haustür zu.

Meine Frage ließ ihn jedoch erstarren: »Was ist auf der Speicherkarte?«

Sein amüsiertes Grinsen war plötzlich wie weggewischt. »Gar nichts. Mach dir darüber keine Gedanken, Kiera.«

Ich ignorierte die Anwesenheit meiner Eltern und trat ganz nah an Kellan heran. Als ich versuchte, ihm die Hand in die Tasche zu schieben, brachte er sich mit einer raschen Drehung aus meiner Reichweite. Angestrengt versuchte ich, die Wut in meinem Bauch zu unterdrücken, und wiederholte: »Was ist auf der Karte?«

Als ihm klar wurde, dass ich das nicht auf sich beruhen lassen würde, lehnte sich Kellan vor und flüsterte: »Können wir darüber nicht später sprechen … unter vier Augen?«

Am liebsten hätte ich einfach genickt und mich zu meinen besorgten Eltern gesetzt, um ihnen das mit der »symbolischen« Hochzeit zu erklären, aber das Bild der triumphierend grinsenden Joey ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Mir war natürlich bewusst, dass ich wie eine Platte mit Sprung klang, aber ich konnte nicht anders und fragte erneut: »Was ist auf der Karte?«

Plötzlich wütend kniff Kellan die Augen zusammen und knurrte: »Na, was glaubst du, Kiera? Wir haben uns beim Bumsen gefilmt!« Dann nahm sein Gesicht einen bedauernden Ausdruck an, als ihm klar wurde, was er mir gerade entgegengeschleudert hatte. Kellan hatte ein verdammt loses Mundwerk, wenn er sauer war, und nach der Auseinandersetzung mit Joey musste es gehörig in ihm gebrodelt haben. Und dann hatte ich mit meiner Fragerei das Fass zum Überlaufen gebracht.

Seine Antwort war wie eine kalte Dusche, und ich starrte ihn fassungslos an. So etwas hatte ich schon geahnt, aber es aus seinem Mund zu hören, tat trotzdem weh. Auf einmal fühlte ich mich wie zerrissen, und mir tat alles weh. Tränen schossen mir in die Augen, und ich murmelte: »Du hast mit ihr ein Sexvideo gedreht?«

Meine Mutter räusperte sich und rutschte auf der Couch hin und her. Erst da fiel mir wieder ein, dass Kellan und ich hier nicht allein waren. Es war wirklich blöd gewesen, mit dieser Unterhaltung nicht zu warten. Ich wünschte mir, ich hätte meine Neugier gezügelt. Ich würde viel dafür geben, nichts von dem kleinen »Dokumentarfilm« meines Mannes mit einer anderen Frau zu wissen. Und vor allem dafür, dass meine Eltern es nicht mitbekommen hätten.

Als Kellan den Schmerz in meinen Augen sah, kam er mit ausgestreckten Armen auf mich zu. »Kiera, ich kann dir das erklären.«

Abwehrend hob ich die Hände, während mir Tränen über die Wangen liefen. Ich wollte keine Erklärung, sondern einfach nur allein sein. Deshalb wandte ich mich von Kellan und meinen Eltern ab und rannte die Treppe hinauf. Kellan bat mich, doch zu warten, und Mom rief meinen Namen. Aber das ignorierte ich und knallte die Schlafzimmertür hinter mir zu. Dann schleuderte ich meine Schuhe quer durchs Zimmer, fiel aufs Bett und ließ meinen Tränen freien Lauf.

So viel also dazu, dass heute nichts mein Glück trüben würde.

Kapitel 2

Neu in dich verliebt

Nachdem ich mich ausgeheult hatte, ging es mir ein wenig besser. Ich wusste ja, dass ich überreagierte, schließlich hatte Kellan dieses Video vor langer Zeit gedreht. Mich hatte einfach der Schock aus der Bahn geworfen, das war alles. Außerdem fand ich es widerlich. Die Vorstellung, dass eine andere Kellan berührte, machte mich unabhängig vom Zeitpunkt ganz krank. Es war ja schon schlimm genug, dass ich mich nur zu gut daran erinnerte, ihn über den Flur hinweg mit anderen gehört zu haben. Beim Gedanken, auch noch dabei zusehen zu müssen, hätte ich mich am liebsten übergeben. Ich presste mir tatsächlich die Hand auf den Mund, nur für alle Fälle.

Als mein Schluchzen schließlich nachließ, hörte ich unten Stimmen. Vermutlich wusch mein Vater gerade Kellan den Kopf. Ich wusste ja, dass ich darüber hinwegkommen musste, aber vor meinem inneren Auge drängte sich mir das Bild auf, wie Joey die Beine mit den gelben High Heels um Kellans Körper schlang. Es war schwierig, das wieder loszuwerden.

Dabei brauchte ich ein bisschen Hilfe, deshalb streifte ich meinen Ring ab und starrte die winzigen Diamanten darauf an. Während ich jeden einzelnen Stein betrachtete, dachte ich an all die romantischen und rührenden Dinge, die Kellan zu mir und niemandem sonst gesagt hatte.

Ich halte tausendmal lieber eine schöne Frau im Arm, als mir blaue Flecken einzufangen. Ich brauche deine Nähe. Ich sehe in allen Frauen immer nur dich. Du bist alles, was ich sehe … und alles, was ich will. Du und ich, das könnte etwas ganz Großes werden. Du machst mich fertig. Bleib bei mir. Lass uns gemeinsam daran arbeiten. Verlass mich nur nicht … bitte. Ich bin mir ganz sicher, dass ich dich immer bei mir haben möchte. Na, siehst du, jetzt sind wir verheiratet. Ich liebe dich.

Als leise an die Tür geklopft wurde, hatte ich meine Gefühle und meinen Magen wieder besser im Griff. Ich kam mir wegen der ganzen Sache sogar ein bisschen albern vor. Kellan schob die Tür einen Spalt auf, trat aber nicht ins Zimmer. »Kiera … darf ich reinkommen?«

Ich drehte mich auf den Bauch, um zur Tür hinüberzusehen, wischte mir über die Augen und zupfte mein winziges Kleid zurecht. »Ja …«, krächzte ich mit rauer Stimme.

Noch öffnete sich der Spalt nicht weiter, und ich sah stirnrunzelnd hinüber. Nach einer kurzen Pause fragte Kellan: »Du wirst doch nichts nach mir werfen, oder?«

Als mir nun ein leises Lachen entfuhr, schob Kellan die Tür endlich ganz auf. Ich lächelte, als ich seinen besorgten Gesichtsausdruck sah, und schüttelte den Kopf. »Nein, keine Angst.«

Leise machte Kellan die Tür hinter sich zu und kam dann zum Bett herüber. Er starrte den Ring an, den ich noch immer zwischen den Fingern hin und her drehte. Seine Schritte wurden langsamer und seine Augen ganz glasig. Ohne den Blick vom Schmuckstück abzuwenden, flüsterte er: »Verlässt du mich etwa?«

Als ich seine gequälte Miene betrachtete, wurde mir erst klar, wie das für ihn aussehen musste. Ich war ausgeflippt, hatte einen dramatischen Abgang hingelegt, und jetzt fand er mich mit meinem Ehering in den Händen, so als wollte ich den nicht mehr tragen. Rasch schob ich ihn mir wieder an den Finger. Ungeweinte Tränen standen in seinen Augen, als er zu mir heruntersah. Es brach mir das Herz, und ich streckte schnell einladend die Hände aus. »Nein, natürlich verlasse ich dich nicht.«

Er wirkte immer noch unsicher, also setzte ich mich auf und packte ihn am T-Shirt. Ich zog ihn zu mir heran und schlang die Arme um seinen Hals. Augenblicklich entspannte er sich und drückte mich fest an sich. Während ich seinen Duft in mich einsog, flüsterte ich ihm ins Ohr: »Ich hab mir nur all die Gründe dafür in Erinnerung gerufen, dass ich dich so sehr liebe. Ich hab mich neu in dich verliebt.«

Mit erstaunter Miene löste sich Kellan von mir. »Am Tag nach unserer Hochzeit findest du heraus, dass ich mit einer anderen ein Sexvideo aufgenommen habe … und verliebst dich deshalb wieder in mich?« Er legte mir die Hand auf die Stirn, als sei ich krank.

Lachend zog ich ihn zu mir aufs Bett. »Nein, das Video begeistert mich nicht gerade, aber …« Ich ließ den Kopf an seiner Schulter ruhen und starrte in seine tiefblauen Augen, »… aber so viele andere Dinge an dir schon, und ich werde nicht zulassen, dass diese Aufnahme alles ruiniert … dass sie uns ruiniert.«

Kellan küsste mich auf die Stirn. »Hab ich dir heute eigentlich schon mal gesagt, wie sehr ich dich liebe?«

Ich kuschelte mich in seine Armbeuge, verschränkte die Beine mit seinen und ließ meine Wange an seiner Brust ruhen, genau an der Stelle, an der mein Name in seine Haut eingraviert war. »Vermutlich schon, aber daran höre ich mich nie satt.«

Ich verdrehte sein T-Shirt in meiner Faust und genoss einen Moment lang einfach Kellans vertraute Nähe. Dann durchbrach seine dunkle Stimme an meinem Ohr die Stille: »Die Sache tut mir wirklich leid, Kiera. Eigentlich solltest du das nie herausfinden.«

Ich warf einen Blick auf seine Tasche und fragte mich, ob die Karte wohl immer noch darin steckte, dann sah ich zu Kellans bedauerndem Gesicht hoch. »Ich will aber nicht, dass du mir Dinge verheimlichst, nur weil mir die Wahrheit eventuell wehtun könnte. Damit haben wir uns schon oft genug in Schwierigkeiten gebracht.«

Kellan nickte nachdenklich. »Da hast du recht. Und wahrscheinlich hätte ich dir ja auch irgendwann … aber mit Sicherheit nicht am Morgen nach unserer Hochzeitsnacht. Ehrlich gesagt hatte ich dieses Video völlig vergessen.«

Ich konzentrierte mich auf seine markante glatt rasierte Kinnpartie und fragte: »Wie kann man denn vergessen, dass man mal ein Sexvideo mit seiner Mitbewohnerin gedreht hat? Das hat doch wohl einen gewissen Erinnerungswert.«

Kellan schien zu erstarren. Bevor ich die nächste Frage stellen konnte, die mir ein wenig Angst machte, seufzte Kellan und schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, Kiera. Sie hat das vorgeschlagen … und mir war es egal. Ehrlich gesagt hab ich damals nur selten Nein gesagt, und sie …« Er schloss die Augen. Als er sie wieder aufschlug, flüsterte er: »Ich hab nicht an die Zukunft gedacht oder daran, was ich damit hinterlasse … es tut mir leid.«

Ich hatte bei der ganzen Geschichte kein gutes Gefühl und setzte mich auf: »Das ist nicht das einzige Video von dir, oder?«

Gequält verzog Kellan das Gesicht, und mehr brauchte ich als Antwort gar nicht. »Es tut mir so leid, Kiera«, flüsterte er wieder.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte ungläubig den Kopf. »Oh mein Gott … ich hab Ron Jeremy geheiratet.«

Kellan versuchte, ernst zu bleiben, was ihm aber nicht lange gelang. Ich knuffte ihm die Schulter, als er in lautes Gelächter ausbrach. Er griff nach meinen Händen, setzte sich auf und legte sich meine Arme um die Taille. Dann zog er mich an sich heran und rieb mir zum Trost über den Rücken. Als er mich so festhielt, verpuffte mein Ärger ganz schnell wieder. Und dann wurde ich richtig melancholisch.

»Davon kommt doch mit Sicherheit was ans Licht, Kellan, wenn ihr erst im Radio rauf und runter gespielt werdet. Wenn dein Name in aller Munde ist und die Leute wissen, dass bei dir was zu holen ist, dann werden diese Videos plötzlich überall auftauchen.«

Mit traurigem Lächeln nickte er. »Ich weiß … und ich kann mich nur immer wieder entschuldigen.«

Als ich ihn nun musterte, überkam mich Mitgefühl für ihn: »Es ist doch nicht mein Körper, mit dem sie schnelles Geld machen wollen. Und du musst dich nicht für etwas entschuldigen, was du vor Jahren gemacht hast. Ich … ich finde es einfach schrecklich, dass die dein Intimleben so … öffentlich machen werden.«

Kellan zuckte mit den Achseln. »Mir ist das ziemlich egal.« Er streichelte mir über die Wange. »Aber dir will ich nicht wehtun.«

Ich lehnte mich gegen seine Hand und stieß geräuschvoll die Luft aus. »Na ja, wenigstens bin ich jetzt darauf vorbereitet«, sagte ich mit einem schiefen Grinsen. »Und ich gedenke ja auch nicht, mir die je anzusehen.« Kellan lachte, ich schüttelte den Kopf und schloss die Augen. Es versetzte mir einen Stich, dass irgendwann die ganze Welt meinen Ehemann in all seiner Pracht zu Gesicht bekommen würde, aber eigentlich war das gar nicht wichtig. Das hatte nichts mehr zu bedeuten. Er gehörte nämlich mir.

Als ich die Augen wieder aufschlug, sah ich in ein besorgtes Gesicht. Um ihn von der Vorstellung abzubringen, dass ich ihn deshalb ablehnte, murmelte ich spielerisch: »Du bist ja so eine Schlampe.«

Darüber schüttelte er nur den Kopf und zog mich zurück aufs Bett. Nach einer Weile kam mir wieder in den Sinn, dass wir heute ja noch etwas vorhatten und jemand auf uns wartete. Als ich mich endlich wieder rührte und Kellan gerade daran erinnern wollte, dass er noch Gavin anrufen musste, wurde wieder an die Tür geklopft. Mit besorgter Stimme fragte meine Mutter: »Kiera, mein Schatz, ist bei dir alles okay?«

Kellan ließ mich los und rutschte beiseite, sodass ich aufstehen konnte. Am liebsten hätte ich mich einfach wieder in seine Arme gekuschelt, stattdessen erhob ich mich und rückte mein Kleid zurecht. »Ja, komm rein.«

Als sie ins Zimmer trat, sah sie mit gemischten Gefühlen zu Kellan herüber. Offensichtlich war sie keineswegs begeistert von dem, was sie da unten gehört hatte. Mom hatte Kellan gern, aber wie Dad wurde sie von dem Wunsch getrieben, mich zu beschützen, und deshalb machte Kellan sie nervös. Wer attraktiv, berühmt und jung war, hatte es meistens nicht so mit der Monogamie. Sie gab ihr Bestes, um meiner großen Liebe Vertrauen entgegenzubringen, traute ihm aber ohne jeden Zweifel einen Seitensprung zu.

Allerdings kannte sie Kellan nicht wie ich. Und ich war mir ganz sicher, dass es nicht so weit kommen würde. So ein Leben hatte Kellan schon geführt, und jetzt war er auf etwas anderes aus. Er freute sich auf ein Dasein an meiner Seite.

Ich setzte ein extra strahlendes Lächeln auf, als Mom auf mich zukam. Kellan sah von mir zu meiner Mutter, lehnte sich dann vor und küsste mich auf die Wange. »Ich gehe wohl mal Gavin anrufen … und schaue vielleicht besser nach meinem Auto. Wir sehen uns gleich.« Ich nickte und küsste seine Finger, bevor ich ihn ziehen ließ.

Mom sah ihm hinterher und setzte sich dann neben mich aufs Bett. Sie sagte nichts, aber ihre Frage stand noch immer ganz klar in ihren grünen Augen geschrieben. Ich legte ihr die Hand aufs Knie und wiederholte meine Antwort von zuvor: »Mir geht’s gut, Mom, wirklich.«

Sie schien verblüfft. »Wie kann es dir denn gut gehen, wenn er und diese Frau …«

Ich zögerte einen Augenblick. »Das war vor Jahren, lange bevor wir uns kennengelernt haben. Dieses Video hat nichts mit mir zu tun, und jetzt, wo ich über den ersten Schreck hinweg bin … geht’s mir wieder gut.«

Meine Mutter wirkte immer noch verwirrt, und ich legte ihr lachend den Kopf auf die Schulter. »So ist er nicht mehr und …« Ich verstummte, als mir meine eigenen Fehler wieder in den Sinn kamen. »Ich kann ihm doch seine Vergangenheit nicht vorhalten.«

Als sie meinen Tonfall bemerkte, rückte meine Mutter etwas von mir ab und sah mich an. »Und was ist mit deiner Vergangenheit?« Prüfend sah sie mich an. »Willst du mir nicht erzählen, was eigentlich zwischen Denny und dir vorgefallen ist, mein Schatz?«

Sprachlos blinzelte ich. Offiziell hatten meine Eltern die Story geschluckt, als ich ihnen erzählt hatte, dass mich Denny für eine Arbeitsstelle in seiner Heimat verlassen hatte. Aber meine Mutter war scharfsinnig, besorgt und neugierig. Vermutlich hatte sie all die schuldbewussten Blicke und Bemerkungen im Flüsterton zu einem Denny-Kellan-Kiera-Puzzle zusammengesetzt, welches viel größer war als das winzige Stückchen, das ich ihr gegenüber preisgegeben hatte. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie die Wahrheit längst ahnte. Tränen schossen mir in die Augen, und ich schüttelte rasch den Kopf. Nein, ich wollte ihr nicht erzählen, was für einen Menschen sie großgezogen hatte, und dass ich in Wirklichkeit eine ganz schlimme Person war, mit viel mehr Fehlern als dieser Mann, der mit seiner ehemaligen Mitbewohnerin ein Sexvideo aufgenommen hatte. Es war mir lieber, in ihren Augen weiterhin lieb und unschuldig zu bleiben. Aber wenn ich sie in diesem Glauben ließ … war ich ja nichts anderes als eine Lügnerin.

Mit hängendem Kopf flüsterte ich: »Ich hatte eine Affäre mit Kellan. Denny hat das herausgefunden und … mich verlassen.« Mir rannen Tränen der Schuld über die Wangen. »Es tut mir so leid«, würgte ich unter Anstrengung hervor.

Mit feuchten Augen starrte sie in mein schmerzerfülltes Gesicht. Ich wartete auf die beißenden Worte, mit denen sie mich verurteilen würde, aber die kamen nicht. Stattdessen schlang sie die Arme um mich und zog mich ganz fest an sich heran, was nur noch mehr Tränen zur Folge hatte. Ich legte ihr den Kopf auf die Schulter und ließ meinem schlechten Gewissen endlich freien Lauf. Mom rieb mir den Rücken und gurrte mir tröstlich ins Ohr, während ich in ihren Armen schluchzte.

Als die Tränen versiegten, hob ich schließlich den Kopf. »Und, hasst du mich jetzt?« Die Worte schnürten mir die Kehle zu.

Meine Mutter wischte mir meine Tränen mit ihrem Daumen ab und schüttelte mit sanftem Blick den Kopf. »Nein, natürlich nicht. Ich hasse dich doch nicht.«

Ich schüttelte nur den Kopf. »Und willst du gar nicht mit mir schimpfen? Weil ich mich so schrecklich benommen habe?«

Ich ließ den Kopf hängen, sie hob aber mein Kinn an. Dann schaute sie mir lange Sekunden in die Augen. »Was soll ich dazu sagen? Du bestrafst dich selbst schon hart genug.« Als sie den Kopf schüttelte, umwehten die langen braunen Locken ihre Schultern. »Wenn du das so gar nicht bereuen würdest, würden dein Vater und ich uns vermutlich damit abwechseln, dir ein schlechtes Gewissen zu machen.« Ihr Lächeln wurde strahlender, und sie strich mir über die Wange. »Aber das zerreißt dich ja offenbar innerlich, und ich kann mir nicht vorstellen, dass du dir so etwas je wieder antun würdest.«

Heftig schüttelte ich den Kopf. Nein, diese Tortur wollte ich nicht noch einmal durchmachen. Grinsend ließ meine Mutter die Hand sinken. »Ich bin offen gestanden viel wütender darüber, dass du hinter unserem Rücken geheiratet hast.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und schürzte die Lippen. »Ich wüsste gerne, wie du mir das erklären willst.«

Ich seufzte, weil mir schon klar war, dass ich damit nicht so leicht davonkommen würde.

Es dauerte zwar seine Zeit, aber schließlich konnte ich meine Mutter davon überzeugen, dass ich mich eigentlich nur verlobt hatte. Für Kellan und mich war dieser Moment in der Kneipe zwar unsere Hochzeit gewesen, aber der Rest der Welt würde das nicht so sehen, und es war tatsächlich keine Zeremonie mit legaler Gültigkeit gewesen. In der kurzen Nachricht für meine Eltern hatte ich im Prinzip nur gesagt, dass Kellan und ich geheiratet hatten und bis zum nächsten Morgen nicht nach Hause kommen würden. Es war genau genommen ein Wunder, dass uns mein Vater kein Sondereinsatzkommando hinterhergeschickt hatte.

Als meine Mutter schließlich begriff, was wir getan hatten, lachte sie erleichtert auf. »Oh Gott, ich hatte schon Angst, ihr hättet einen Nachtflug nach Vegas genommen und euch von einem Elvis-Imitator trauen lassen.« Sie schüttelte den Kopf, während sie nach meiner Hand griff, um meinen Freundschafts-Ehering zu betrachten. »So fängt man doch kein gemeinsames Leben an … Bist du dir denn sicher, dass du den Rest deiner Tage mit ihm verbringen willst?«

Ich nickte mit Nachdruck. Dieser einen Sache war ich mir ganz sicher.

Ein entschlossener Ausdruck machte sich in Moms Gesicht breit. »Dann fangen wir wohl mal besser damit an, diese Hochzeit zu planen, was?« Ihre Augen begannen zu leuchten, und sie legte die Hände zusammen. »Die könnte im Dezember stattfinden, wenn Annas Baby da ist … oh, oder im Frühling, wenn alles blüht!«

Hinter meiner Stirn begannen die Gedanken zu wirbeln, während meine Mutter all die Dinge aufzählte, die bis zu unserer offiziellen Trauung noch zu erledigen waren. Sicher würde sie sich für mich um alles kümmern: Hochzeitskleid, Brautjungfernkleider, Gästeliste, Einladungen, Blumen, Musik, Lokal, Essen, Hochzeitstorte, Anzüge für die Männer …

Als die Liste immer länger wurde, berührte ich sie an der Hand, um ihren Redefluss zu unterbrechen. »Mom, ich brauche wirklich keine schicke Hochzeit.« Ich setzte ein verliebtes Lächeln auf. »Kellan und ich sind doch längst verheiratet. Wir müssen das nur noch offiziell machen.«

Meine Mutter sah mich ausdruckslos an und fragte dann: »Wollt ihr das denn hier in Seattle machen oder lieber bei uns zu Hause in Athens? Schließlich wohnt da die ganze Familie, und es wäre doch nicht nett, wenn alle extra herfliegen müssten.«

Ich seufzte. Was das anging, würde Mom wohl nicht lockerlassen. Ich würde herausgeputzt und einen rosenbestreuten Weg zum Altar entlanggeführt werden, ob ich nun wollte oder nicht. Wenn ich mir das auch nur vorstellte, wurde mir ganz flau.

Um das Thema zu wechseln, murmelte ich erst einmal: »Ich sollte vielleicht zu Dad hinuntergehen und ihn auch beruhigen.« Ihm ging vermutlich die Sache mit dem Sexvideo genauso an die Nieren wie das mit meiner Hochzeit. Armer Dad. Heute war wirklich nicht sein Tag.

Ich beschloss, in etwas Gemütlicheres zu schlüpfen, bevor ich meinem Vater gegenübertrat. Dieses Kleid rutschte nämlich dauernd nach oben, und ich wollte nicht ständig daran herumzupfen, während ich seine Standpauke über mich ergehen ließ. Außerdem konnte man bei dem tiefen, rechteckigen Ausschnitt auch keinen BH tragen, was in meiner Hochzeitsnacht durchaus von Vorteil gewesen war, ich für ein Gespräch mit meinem Vater aber nicht ideal fand.

Geradezu aufgekratzt sah mir meine Mutter dabei zu, wie ich Jeans und T-Shirt anzog. Sie war immer noch bei den Hochzeitsvorbereitungen und ließ sich endlos über die idealen Blumengestecke aus. Endlich umgezogen ging ich schließlich nach unten. Moms Beschreibung meiner Hochzeit fand einfach kein Ende, und mit jedem Schritt hallten ihre Worte hinter meiner Stirn nach. Als ich die Treppe hinunterschritt, stellte ich mir vor, in der Kirche auf meinen Ehemann zuzugehen. Von der untersten Stufe aus entdeckte ich Kellan am Fenster, der mit ernstem Gesichtsausdruck meinem Vater zunickte. Ich malte mir aus, wie Kellan wohl im Smoking aussehen würde, und ich im Hochzeitskleid aus Satin. In meiner Vorstellung war er umwerfend wie immer, und ich zum ersten Mal wunderschön. Der Gedanke an eine Kirche voller Menschen machte mich ganz schwindelig, also stellte ich mir uns beide lieber allein vor. Ich hatte Schmetterlinge im Bauch, als in meinem Kopf der Hochzeitsmarsch zu spielen begann.

Kellan sah zu mir herüber und setzte ein Grinsen auf. Ich war mir ziemlich sicher, dass er vor seinem inneren Auge gerade etwas ganz anderes sah als ich, aber auf seinem zauberhaften Gesicht lag so viel Liebe und Staunen wie auf meinem. Während ich mir ausmalte, wie wunderbar unsere Trauung werden konnte, begannen meine Wangen zu brennen, ich ging zu Kellan hinüber und umfing seine Taille. Er schloss mich in die Arme und küsste mich aufs Haar. Völlig entrückt sahen wir einander in die Augen, bis sich mein Vater schließlich räusperte.

Ein einziger Blick in seine Richtung riss mich aus meiner romantischen Träumerei. Verwirrt hatte er die Stirn gerunzelt und fragte: »Alles … in Ordnung?«

Ich nickte, während Dad vernehmlich seufzte. Er konnte offenbar nicht begreifen, wie meine Laune innerhalb von zwanzig Minuten von einem Extrem ins andere umschlagen konnte. Kichernd ließ ich Kellan los und drückte meinen Vater erst einmal. In Kellans Nähe gehörten Stimmungsschwankungen einfach zur Tagesordnung, er konnte mich problemlos aufheitern ‒ oder am Boden zerstören. Manchmal fand ich das spannend, trotzdem sehnte ich mich nach einer Balance zwischen uns. Wir mussten mehr Ruhe in unsere Beziehung bringen, wenn sie langfristig funktionieren sollte. Und eine Ehe war ja ziemlich langfristig, zumindest für mich.

Als ich mich von meinem Vater löste und zu ihm hochschaute, blickte der über meine Schulter hinweg Kellan an. Ich konnte sehen, wie hin und her gerissen er war. Natürlich wünschte er sich, dass ich glücklich wurde, aber er war nicht begeistert von dem Rockstar an meiner Seite. Einem Rockstar mit einem Sexvideo in der Hosentasche. »Kellan hat mir alles über eure … Hochzeit gestern Abend in der Bar erzählt.« Stirnrunzelnd sah Dad zu meinem frisch Angetrauten hinüber. »Bist du dir damit auch wirklich sicher, Kiera?«

Mit strahlendem Lächeln drückte ich meinem Vater einen Kuss auf die Wange. »Absolut sicher, Dad.«

Meine Antwort munterte ihn leider auch nicht auf. Tatsächlich kam es mir sogar so vor, als würde er gerade vor meinen Augen um Jahre altern. Ich musterte sein in missmutige Falten gelegtes Gesicht und umklammerte seine Arme. »Hat Kellan dir auch erzählt, dass sein Vater gleich zum Brunch vorbeikommen wollte?« Ich schaute meinen Mann an und fragte: »Hast du ihn denn erwischt?«

Kellan hielt sein Handy hoch. »Er ist gerade losgefahren, und wird in etwa einer halben Stunde da sein.« Kellans Augen leuchteten glücklich. Einem Familienmitglied gegenüber positive Gefühle zu hegen, war für ihn etwas ganz Neues, und er hatte sich nur sehr widerwillig darauf eingelassen. Vermutlich sträubte sich ein Teil von ihm weiterhin, und er wappnete sich innerlich für den unausweichlichen emotionalen Zusammenbruch, der seiner Meinung nach bald folgen musste. Aber im Moment war er ganz optimistisch.

Immer noch strahlend deutete Kellan auf die Haustür. »Selbst mit meinem Auto ist alles in Ordnung!«, lachte er erleichtert. Vermutlich hätte Joey keine ruhige Minute mehr gehabt, wenn sie dem Chevelle etwas angetan hätte.