CARRIERA DAU CASTEU - verena aeschbacher - E-Book

CARRIERA DAU CASTEU E-Book

Verena Aeschbacher

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Beschreibung

Alltägliches aus unserem Leben in Südfrankreich, wohin wir vor knapp 30 Jahren aus der Schweiz eingewandert sind. Nebst viel Freude gibt es gesundheitliche und bürokratische Hürden zu meistern. Wir stellen auch gerne bei den hiesigen Märtkten aus, wo wir unsere selbstgemachten Produkte verkaufen. Es sind dies Puppenmöbel, Schürzen und natürlich die neu eingekleideten Occasionspuppen. Die Leute bestaunen und lieben unser Angebot welches immer sehr ansprechend ausschaut. Mit diesen Beschäftigungen verschönern wir unseren Alltag im Altwerden.

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Seitenzahl: 206

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Verena Aeschbacher

CARRIERA DAU CASTEU

Erzählungen aus der Schlossstrasse in Südfrankreich.

Lektrorat: Erika Kühn

ISBN Softcover: 978-3-384-19629-3

ISBN Hardcover: 978-3-384-19630-9

ISBN E-book: 978-3-384-19631-6

Druck und Distribution im Auftrag des Autors, Tredition GmbH, an der Strusbek 10,

22926 Ahrensburg. Germany

Das Werk einschliesslich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwendung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Verena Aeschbacher, 12 rue du château, F-30210 Lédenon

Unser Maskottchen: „Köbu“

 

Köbu ist immer fröhlich!

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Carriera Dau Casteu

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Carriera Dau Casteu

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Ruedi und ich sassen bei einem grossen Salatteller auf unserem Balkon, der von einer milden Sonne beschienen wurde. Ich erzählte ihm gerade, dass ich mein zehntes Buch zu schreiben anfing. „Warum wähltest Du diesen Titel?“ Eben setzte ich zu einer ausgiebigen Erklärung an, als es an unserer Haustüre klingelte. Ich erhob mich um nachzuschauen, wer denn etwas von uns wollte. Beim Öffnen der Türe sah ich nur ein weisses Pferd davor stehen. Ich konnte mir ein lautes Lachen nicht verkneifen, denn so etwas war mir noch nie passiert. Man hört öfter mal den Ausdruck: „Da tritt mich doch ein Pferd“ oder ähnliches, aber dass ein Pferd an der Türe klingelt, ist doch eher selten. Das weisse Pferd bewegte sich nun ganz sanft ein, zwei Schritte zurück und jetzt konnte ich sogar seine Reiterin sehen, die mich fröhlich angrinste. Es war alles so speziell, dass wir nach der Begrüssung in ein längeres Gespräch kamen. Sie wollte nur fragen, ob ich jemanden kennen würde, der sein Haus verkaufen möchte, denn sie arbeite als Immobilienhändlerin. Ich konnte ihr diesbezüglich nicht weiterhelfen, denn es ist eher selten, dass in unserem Dorf Häuser zum Verkauf stehen. Ich setzte mich auf eine Treppenstufe, und wir unterhielten uns eine gute halbe Stunde über dies und das. Als sie dann noch in ihre Satteltasche griff und daraus ein Buch ans Licht beförderte, kam ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Sie erklärte mir, wie entspannend es doch sei, wenn sie durch die Felder reite und dabei ein höchst interessantes Buch lese. Ich sagte nun, dass ich letzthin eine Sendung gesehen hätte, wo in Italien ein Arzt seine Hausbesuche zu seinen Patienten auf dem Rücken seines Pferdes erledigte. Er äusserte sich dahingehend, dass solche Besuche positiv auf die Moral der Patienten wirken würden. Auch fügte ich an, dass die Gattin eines Motorradfahrers aus unserem Quartier, jeweils sanft an ihres Mannes Rücken geschmiegt, ein herrliches Nickerchen halte während der Ausfahrt. Die junge Frau fuhr jetzt weiter fort, dass ihr überaus geliebter Vater erst kürzlich verstorben sei und sie deswegen mit ihrer Moral knapp über dem Nullpunkt schwebe. Sie tat mir so leid. „Wissen Sie, dass ich Ihnen diesen Schmerz ganz gut nachfühlen kann. Als meine Mutter vor vielen Jahren verstarb, konnte ich mich kaum mehr erholen. Alle Menschen sagen einem immer, dass die Zeit alle Wunden heilt. Ich kann Ihnen versichern, dass diese Aussage auch stimmt, bloss weiss keiner, wie lange ‚diese Zeit‘ auch sein wird. Mit jedem Jahr das vergeht, wird der Schmerz aber auch kleiner, das ist so gewiss wie das Amen in der Kirche.“ Sie bedankte sich für das schöne Gespräch, welches ihr sehr gut getan hätte, aber nun wolle sie nach Hause reiten. Ich blieb noch einige Zeit ganz nachdenklich an der Türe stehen und lauschte dem sich entfernenden Hufgetrappel.

Wenig später sass ich wieder vor meinem Salatteller, aber jetzt ging das Gespräch in eine komplett andere Richtung, denn ich musste natürlich das eben Gehörte an Ruedi weitergeben. Das Nachtessen war beendet, und es stand das neueste vom Tag auf dem Plan. Die eigentlichen Erklärungen zum neuen Buch mussten also noch warten. Am späten Abend dann suchte ich nach einer Möglichkeit zum Marktfahren. Ich wurde fündig, denn an einem Sonntag Ende Oktober gab es ein „Videgrenier“ in Aubussargues. Dieses Dorf liegt knapp 30 km von uns entfernt. Es ist ein sehr ländlicher kleiner Ort mit etwas über 320 Einwohnern. Das Wetter verhiess angenehme Temperaturen und Sonnenschein. Die Anmeldung wurde gleichentags noch getätigt, nachdem ich die nötigen Papiere eingescannt und übermittelt hatte. Vor dem Ausstelltermin sollten wir allerdings endlich, nach einem knappen Jahr Wartezeit, die verlängerte Aufenthaltsbewilligung von Ruedi in Nîmes abholen. So wurde es uns vor einer Woche in einem amtlichen Schreiben mitgeteilt. Als wir die Verlängerung beantragt hatten, hatte man uns dahingehend beruhigt, dass man künftig nicht mehr so lange auf seine Genehmigung warten müsse wie bei mir. Damals dauerte es nur gerade mal acht Monate. Bei Ruedi nun war es jetzt noch deutlich länger geworden. Eigentlich hätte man die beiden Daten schnell hinkriegen können, aber doch nicht bei einem südfranzösischen Amt, denn dort, so habe ich immer das Gefühl, arbeitet man so langsam, damit die Arbeit nie ausgehen kann. Wir nahmen uns vor mit dem Auto nach Caissargues zu fahren, dort beim grossen Parkplatz zu parken, um dann mit dem neuen, komfortablen Tram-Bus bequem in die Stadt zu fahren. Da ich mir nicht sicher war, bei welcher Haltestelle wir denn aussteigen müssen, wandte ich mich fragend an eine ältere Dame. „Sie können mir dann folgen, denn ich muss ebenfalls in Richtung der Préfécture marschieren.“ „Vielen Dank.“ Als mir die Dame ein Zeichen gab, damit wir auch aussteigen, liess ich sie keine Sekunde mehr aus den Augen, denn der Bus war richtig gut besetzt. Wir stiegen aus, und ich folgte aufmerksam der besagten Dame. „Monsieur, Monsieur!!“, hörte ich kurz darauf in meinem Rücken. Ich blickte mich um, und da lag Ruedi vor dem Bus am Boden. „Um Himmelswillen, was machst Du denn? Hast Du Schmerzen? Kannst Du Dich bewegen? Kannst Du aufstehen?“ Mit dieser Fragerei half ich ihm zusammen mit zwei weiteren Personen auf die Beine. Bereits zückten zwei junge Frauen ihr Handy und wollten den Rettungsdienst anrufen. Ruedi winkte ab, denn es gehe, er könne laufen etc. Ich hakte ihn unter, und wir tappten in Richtung Préfécture, nachdem mir die nette Dame noch kurz den Weg beschrieben hatte. Es waren nur etwa 300 m zu bewältigen. Mühsam schleppten wir uns voran. Ich konnte sehen, dass Ruedi grosse Schmerzen hatte. Er erzählte mir jetzt, dass er einigen jungen Menschen ausweichen wollte und dabei die hohe Schwelle übersehen habe. Dadurch verlor er das Gleichgewicht und lag hierauf vor dem Bus am Boden. Beim nächsten Restaurant setzten wir uns hin, und ich ging Kaffee und Hörnchen ordern. Jetzt musste Ruedi auch noch zur Toilette. Ich ging voraus sondieren, wo diese denn war, damit er keine unnötigen Schritte machen musste. Als alles erledigt war und wir bezahlt hatten, schleppten wir uns weiter. Ich starb fast vor Angst, weil die Ungewissheit mich beinahe zu Boden drückte, denn Ruedi stützte sich immer wieder an einer Hauswand ab. Endlich standen wir in der Warteschlange vor der Préfécture, und Ruedi konnte sich auf ein kleines Mäuerchen setzen. Er wurde immer bleicher und klagte, dass ihm nun völlig schlecht sei. Jetzt schritt ich zum Securitasmann, um ihm unser Elend zu schildern und ihn zu fragen, ob er uns nicht vorzeitig einlassen könnte. Es war ein junger kräftiger Mann und er verstand sofort. Er liess alle anderen stehen und kam zu Ruedi, um ihn ins Hausinnere zu führen. Normalerweise muss man die Treppe benutzen aber für uns entsperrte er den Personenlift, um uns wenig später in einer Kabine zu platzieren, nachdem er eine dort wartende Frau hinauskomplimentiert hatte. Tatsächlich mussten wir nicht lange warten, bis Ruedi seine Papiere erhielt. Jetzt noch die Treppe hoch, was zum Glück recht gut gelang. Schon standen wir draussen. Der Sicherheitsmann kam wieder auf uns zu und meinte: „Sie nehmen jetzt ein Taxi oder Sie rufen den Rettungswagen, aber so gehen Sie nirgendwohin.“ Wir entschieden uns fürs Taxi, bloss hatte ich nur zwei Nummern dabei, wo gerade niemand Zeit hatte zum Zuhören. Jetzt stand ich wieder beim Empfang und bat darum, dass man mir doch ein Taxi bestellen solle. Nach einem kurzen Gespräch mit dem Nebenmann wurde mir endlich beschieden, dass man ausnahmsweise zu einem Anruf bereit sei. Zehn Minuten später fuhr unser Abholdienst vor. Ich bat den jungen Mann, dass er Ruedi beim Ein- und nachher auch beim Aussteigen helfen müsse. Endlich sassen wir dann wieder in unserem Auto, um die Heimfahrt anzutreten. Unterwegs noch ein Frühstücksbrot holen. Da es Ruedi immer noch nicht so gut ging, bat ich ihn, sich doch eine Weile hinzulegen, was er dann auch tat. Nach einer halben Stunde meinte er, dass er kaum noch laufen könne und er war sehr, sehr bleich. „So, basta! Ich rufe jetzt die Feuerwehr, denn so geht es nicht weiter!“ Allen Protesten zum Trotz rief ich an. Eine Viertelstunde später kamen die Retter. Zuvor hatte ich noch Rodolph, unseren Nachbarn, gebeten die Retter unten im Dorf richtig einzuweisen. Da ich vor dem Haus wartete, konnte ich sie schon bald hören. Sie lachten aus voller Kehle, denn der Fahrer hatte gerade das Fahrzeug an einem grossen Stein mit einer ordentlichen Beule versehen. Nun standen vier Feuerwehrleute in unserem Stübchen. Da sie bereits wussten, dass Ruedi schon zwei Infarkte hatte, wurde er ganz schnell auf diesbezügliche Probleme untersucht. Einer von den Vieren sah mich mit grossen Augen an und sagte ganz sanft: „Madame, bitte keine Panik, denn es ist alles gut. Wir fahren jetzt mit Ihnen ins CHU, das riesige Notfallspital von Nîmes, dort wird er gründlich untersucht.“ Wieder einmal sass ich neben einem bleichen Ruedi im Rettungswagen. Bei unserer Ankunft erschien sofort entsprechendes Personal. Sie machten ein EKG und massen laufend den Blutdruck. Ruedi sass mittlerweile in einem schweren Stuhl mit Rädern, ähnlich einem Rollstuhl. Nun hiess es warten und viel Geduld haben. Dieses Spital ist beängstigend und beeindruckend zugleich, denn es geht dort hektischer zu als in einem Betrieb mit Fliessband. In den langen Korridoren stehen überall Betten mit jungen, weiblichen, männlichen und älteren Menschen. Einige lesen, andere stöhnen. Die einen kommen direkt von der Baustelle, liegen also in ihren verdreckten Arbeitskleidern dort. Andere bluten oder haben zumindest durchtränkte Verbände um. In diesen Betten warten alle auf einen Bescheid. Vielleicht müssen sie bleiben, aber mehrheitlich dürfen sie wieder nach Hause. Neben all dieser Bettenflut wuselt emsiges Personal herum. Mal haben sie ein paar Blätter in den Händen, und mal kommen sie ein Bett mit dessen Inhaber abholen. Es ist Hektik pur in diesen Korridoren. Wir wurden nun neben diesen Betten vorbei in einen Wartesaal geleitet. Dort sassen bereits zwanzig Menschen jeden Alters. Nach viereinhalb Stunden Aufenthalt in diesem Wartesaal kam eine Hilfskraft, beorderte Ruedi auf ein Bett und schob dieses anschliessend durch zwei Schleusen vor eine Empfangstheke. Ich gab die nötigen Papiere ab, und schon wurde Ruedi zum Röntgen abgeholt. Ich durfte ihn zur besseren Verständigung begleiten. Zehn Minuten später war alles vorbei, und jetzt stand Ruedis Bett in einem Raum mit acht Betten. Eigentlich gibt es dort Vorhänge, damit die einzelnen Personen blickgeschützt sind. Heute hatte niemand Zeit an diesen rumzufummeln, und so sah man die einzelnen Wartenden dort liegen oder sitzen. Neben uns war ein älterer Herr. Er war vor allem am Kopf und den Armen blutverschmiert. Er erzählte, dass er mit dem Fahrrad gestürzt sei, nachdem ihn ein Auto von der Strasse stupste. Er sah zum Fürchten aus, und er hätte eigentlich in der Klinik verbleiben sollen, wie ich vernehmen konnte. Er jedoch wehrte sich vehement dagegen und er schwor, dass er zu Hause die nötige Pflege erhalten werde. Endlich kam ein junger Arzt mit den Entlassungspapieren zu uns. Es sei nichts gebrochen, und gegen die grossen Schmerzen müsse Ruedi während zehn Tagen regelmässig die verordneten Schmerztabletten nehmen, denn nur wegen Schmerzen wolle man ihn nicht im Spital behalten. Nun holte ich einen Rollstuhl und schob Ruedi in den Wartesaal beim Eingang. Ich rief jetzt den netten Taxifahrer von Lédenon an, damit er uns abholen kam. Es werde eine gute halbe Stunde dauern beschied dieser mir. Es war nun 22 Uhr und in dem Wartesaal sassen ca. 30 Menschen. Mehrere Warteräume hat es dort und überall drin wartende Menschen, da dreht man selber fast durch. Ich holte Ruedi ein Getränk und ein paar Chips aus dem Automaten und stellte mich mit einem Espresso vor den Eingang, damit ich das Eintreffen des Taxis nicht verpassen konnte. Ich genoss dabei endlich eine Zigarette zur Beruhigung meiner Nerven. Es war unheimlich. Vor dem Krankenhaus blinkte es andauernd blau, denn so alle zwei Minuten kamen Rettungswagen angefahren. Auch nieselte ein feiner Sprühregen vom Himmel, was dem ganzen einen gespenstischen Anstrich verlieh. Endlich! Wir konnten dem Taxi entsteigen, und der Fahrer geleitete Ruedi fürsorglich ins Innere unseres Häuschens. Bevor ich die Haustüre schloss, hörte ich Nathalie rufen: „Wie geht es ihm?“ Sie ist Rodolph’s Frau, und sie wollten natürlich wissen, wie es Ruedi ging. Endlich alles geklärt und erledigt. Ruedi erhielt regelmässig seine Tabletten, und bereits nach ein paar Tagen war eine deutliche Verbesserung erreicht. Wir konnten uns jetzt wieder auf unseren Alltag konzentrieren und uns auf die Ausstellung in Aubussargues vorbereiten, denn Ruedi bestätigte, dass diese für ihn absolut kein Problem mehr darstelle. An besagtem Sonntag im Oktober setzten wir uns ins beladene Auto. Wir hatten den Schürzenständer, Holzskulpturen von Ruedi und eine Kiste mit den umhäkelten Puppen geladen, sowie etwas Zeug. Wir hatten ausgemacht, dass wir bei der neuen Dorfbäckerei in Lédenon haltmachen werden, um uns den Frühstückskaffee samt Hörnchen zu gönnen. Wir sassen recht vergnügt vor unserem Espresso, als sich ein Jäger zu uns an den Tisch gesellte. Nachdem jeder wusste, wo der andere wohnte, kam bereits ein zweiter Jägersmann an den Tisch. Die beiden erzählten, dass sie eine Wildsaurotte gesichtet und die ihren regelmässigen Spazierweg in der Nähe hatte. Dieser Rotte wollten sie heute an den Kragen. Ich schluckte, denn die Tiere taten mir leid. Ich war heilfroh, dass wir ein völlig anderes Hobby hatten. Allseits wünschte man sich einen guten Tag, und wir machten uns nun endgültig auf zum Ausstellplatz. Die Anfahrt gestaltete sich ruhig, denn an einem Sonntagmorgen ist meistens wenig Verkehr. Bei unserer Ankunft riefen wir beide einstimmig: „Oh!“ Es hatte -zig Aussteller, die bereits in der Warteschlange standen. Schrittweise rückten wir nun vor. Eine ältere Dame wies die Ankömmlinge ein. Das Blättern in ihren Unterlagen dauerte etwas länger, aber zum Schluss standen wir an unserem Platz, der neben dem Eingang lag. Ich hatte nämlich wieder einmal erklärt, dass wir kurz nach dem Mittag heimkehren möchten. Alles gut. Es hatte viele, viele Aussteller, was für einen solch kleinen Ort doch recht erstaunlich war. Viele Käufer sind wichtig - aber viele Aussteller? Interessanterweise kamen andauernd fröhliche und kauflustige Menschen. Es schien ein freundlicher Tag zu werden. Schon bald konnte ich eine Puppe verkaufen. Ich hatte noch ein paar andere Gegenstände mitgenommen, sodass wir ein recht ansprechendes Angebot präsentieren konnten. Ruedi machte sich schon mal auf zu einer Erkundigungstour, und ich war glücklich, dass es ihm so gut ging. Bei den Märkten ist es wie bei den Häusern. Sie sprechen zu einem und man kann ihre Seele fühlen. Hier war es ausgesprochen stimmig, und so konnte man dem munteren Treiben ganz entspannt zusehen. Das mitgebrachte Zeug war schon bald verkauft, und nun verblieben nur noch unsere Sachen. Wieder eine Skulptur und wieder eine Puppe verkauft. Die Besucher bestaunten unsere Artikel, und natürlich gab es wiederum viele Komplimente. „Ich mache mich selber auch auf einen Rundgang, denn vielleicht finde ich ja noch einen ‚Bewohner‘, gell, Ruedi.“ Ich nenne nämlich die Puppen ‚Bewohner‘. Schon bald hielt ich zwei davon in meinen Armen. An zwei Ständen, die mir Ruedi vorher beschrieben hatte, gab es eine ganze Menge davon. Sie waren nackt und schrien förmlich nach Häkelkleidern. Die beiden Verkäuferinnen aber hatten keinen Sinn für mich, denn sie waren so unverfroren, dass sie den Preis pro Stück mit fünf Euro ansetzten. Unnachgiebig und stur blieben sie bei ihrer Ansage. Egal, dann muss ich wohl weitersuchen. Endlich fand ich nochmals zwei Bewohner, die ich für je einen Euro kaufte. Man wolle schliesslich nicht übertreiben, antwortete mir die nette Verkäuferin. „Ja, so sehe ich das auch.“ Ich schaute nach links und rechts und marschierte in Richtung unseres Standes. Doch was war denn das? Ich kniff meine Augen mehrmals zu, denn ich glaubte schon an Gespenster. Zu meiner rechten Seite sehe ich das „Badeli“ in einem Kinderhochstuhl sitzen. Die Kleider und ebenfalls die Baskenmütze hatte ich doch vor einiger Zeit gefertigt und ich hatte das „Badeli“ vor einem knappen halben Jahr in St. Maximin verkauft. Die Käuferin konnte sich damals nicht sattsehen am „Badeli“, denn es habe so ein liebes Gesicht und die Kleider würden ihm ausgesprochen gut stehen. Dies war ihr Kommentar. Ich getraute mich nun kaum genauer hinzuschauen, denn es war dermassen aussergewöhnlich. Ein Lachen konnte ich mir dennoch nicht verkneifen, und schon stand ich wieder bei Ruedi und beschrieb das eben Gesehene, damit er sich auch vergewissern konnte, dass „unser Badeli“ jetzt Werbung für einen Kinderstuhl machte. Eine fröhliche kleine Wandergruppe in etwa in unserem Alter stand bei den Puppen. Eine Dame fragte, ob denn der angeschriebene Preis auch Wirklichkeit sei. „Puppe und Kleider kosten nur fünf Euro?“ Ein Mann aus der Gruppe machte natürlich eine spöttische Bemerkung dazu, damit alle in lautes Lachen ausbrachen. Als ich die Frage bejahte, verschwand die besagte Puppe in einer mitgebrachten Tüte. Ein Winzling von 10 cm Grösse wurde von einem Herrn gekauft. Seine Gattin war dagegen, aber ihr Gemahl setzte sich durch, denn dieses Püppchen gefalle ihm sehr. So wurde es langsam Mittag und unsere Brote konnten verzehrt werden. Immer wieder kamen noch Kauflustige und bis zum Schluss hatte ich nebst Zeug, Schürzen, Skulpturen acht Puppen verkauft. Ich konnte meinen Erfolg kaum fassen. Eine Käuferin erzählte mir noch, dass die eben erstandene Puppe nach Deutschland reisen werde und zwar zu einer kleinen Melanie. Sie ging nun von Stand zu Stand und zeigte ihr erworbenes Stück, indem sie jeweils auf uns hinwies. Für uns war der Tag nun lang genug geworden, und wir packten die restlichen Artikel zusammen. Auf dem Heimweg kam ich aus dem Schwärmen kaum raus über den so erfolgreichen und äusserst herrlichen, abwechslungsreichen Sonntag.

Am Montagnachmittag wollte ich aufbrechen, um ein paar ausserhäusliche Dinge zu erledigen. Ich kreuzte den Weg von Rodolph, unserem Nachbarn. „Wissen Sie schon, dass unser Untermieter im Spital liegt?“ „Nein, was hat er denn?“ „Keine Ahnung.“ „Vielleicht benötigte er wiederum eine neue Batterie für seinen Herzschrittmacher, denn diese muss er ab und zu erneuern lassen.“ „Möglich.“ Ich machte meine Besorgungen, aber der Spitalaufenthalt unseres Nachbarn geisterte immer wieder durch meinen Kopf, und ich sagte zu Ruedi, dass ich so bald als möglich dessen Freundin dazu befragen wolle. Die Gelegenheit kam schneller als gedacht, denn schon am nächsten Tag sah ich diese gleich oben beim nahen Parkplatz. Sie verabschiedete soeben einen jungen Mann, welcher mit ihrem alten Auto davon fuhr. Ich grüsste und fragte: „War das etwa Ihr Sohn?“ „Nein, nein, nur der Käufer von der alten Karre.“ „Oh, da werden die Leute aus dem Quartier glücklich sein, denn dieses Stück war schon allen ein Dorn im Auge, denn es besetzte einen der so raren Parkplätze, ohne dass es jemals seinen Platz wechselte.“ „A propos; wie geht es denn Ihrem Freund und was hat er denn, dass er im Spital liegt?“ Ihr Arm schnellte vor, packte mich am Nacken und zog mich ganz dicht an sich ran. Jetzt zischte und wisperte sie in mein rechtes Ohr: „Er ist doch im Gefängnis, aber das weiss ja niemand.“ Ich schluckte heftig: „Warum?“ „Ach diese blöde Geschichte mit der Portugiesin.“ „Aha.“ Im Moment war nicht mehr zu vernehmen. Ein paar Tage später musste ich Nathalie etwas bringen, und das Gespräch kam auf ihren Untermieter und dessen Spitalaufenthalt. Ich erzählte ihr nun, dass aus der Klinik ein Gefängnis wurde. „Wusste ich es doch, wusste ich es doch.“ Wenn man mir ein Geheimnis anvertraut, tratsche ich dies auch nicht weiter, aber wir hatten nach einer Arztkontrolle mit einem Taxi nach Hause fahren müssen. Als uns der Fahrer bei uns absetzte, sprach er ganz offen von unserem Nachbarn und dessen Inhaftierung. Als ich ihn erstaunt fragte, ob er denn davon gehört habe, meinte er lachend: „Das ist doch kein Geheimnis, denn dies weiss wohl das ganze Dorf.“ „Oh!“ Darum befand ich jetzt, dass man der Geheimniskrämerei unter Nachbarn doch ein Ende bereiten könne, denn schliesslich handelte es sich um den Untermieter von Nathalie‘s Familie. „Das ganze Dorf also, bloss nicht wir“, war ihr Kommentar. Zwei Tage später erzählte sie mir, dass ein Artikel über das Gerichtsverfahren im Midi Libre erschienen sei. „Schauen Sie dann selber im Internet nach.“ Tat ich kurze Zeit später. „Wow“, da stand ein ausführlicher Bericht über das